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Römisch (oder) Katholisch? – heidnische Gedanken zum Christentum

St. Florian, Schutzpatron der Feuerwehr

St. Florian, Schutzpatron der Feuerwehr

Eines der regelmäßig wiederkehrenden Themen in den Diskussionen, die in diversen Foren geführt werden, welche heidnischer Spiritualität gewidmet sind, ist die deutliche Abgrenzung zum Christentum.

Dabei spielt es keine Rolle, welcher Tradition die Diskussionsteilnehmer sich selber zugehörig fühlen, eine – oft aggressive – antichristliche Einstellung scheint gleichermaßen der Selbstdefinition als „Heide“, wie auch als einigendes Band über alle paganen Traditionen hinweg, zu dienen. Man wird in jedem Forum mindestens eine Debatte finden, die thematisiert, wie die „einheimische Religion mit Folter und Schwert ausgerottet wurde„, wie die „Weisheit der Vorfahren“ brutal durch eine „geistige Besatzungsmacht“ ausgelöscht wurde, wie eine „Religion der Wüste ihre lebensfeindlichen Ideen in die heiligen Haine der stolzen lebensbejahenden Germanen“ trug und man kommt nicht umhin, hier ein recht verzerrtes Geschichtsbild zu sehen – das es aber schon seit den Anfängen der neopaganen Bewegung gibt.

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Das gerne und oft zitierte Bild der im Heiligen Hain lehrenden Druiden prägt bis heute das Bild des sog. heidnischen Naturkultes

Diese ideologische Verortung in der Geschichte gehört zum Selbstverständnis der meisten Heiden und sie ist ein Zeichen dafür, wie stark sich diese Bewegung bis heute über das Christentum definiert.

Das Neuheidentum ist dabei einerseits von einem kontinuierlichen Pioniergeist beflügelt, der eine Alternative in heutiger Zeit (wie eben auch in all den Zeiten zuvor, seit es diese religiöse Richtung gibt) bieten möchte – auch hier gerade wieder besonders in Bezug auf das negative Bild, was man von der christlichen Religion zeichnet-, was Weltsicht, Lebensführung, geistige Werte etc. betrifft, bleibt andererseits jedoch stets in einer Defensivhaltung, denn man nimmt sich selber vor allem in der Position der Entrechteten wahr. Dies zeigt sich in der Wahrnehmung dessen, wie und warum die paganen Religionen ihren Status in historischer Zeit verloren haben, aber auch darin, daß man sich in der heutigen Gesellschaft als immer noch marginalisierte Gruppe begreift und in seinem Anliegen missverstanden fühlt, wobei sich beides in gewisser Weise bedingt.

Denn das, was viele Heiden als geschichtliche Entwicklung, die zur Ablösung der paganen Kulte durch das Christentum führte, mehr oder weniger verinnerlicht haben, ist nicht nur oft konträr zu den historischen Fakten konstruiert, sondern zementiert auch ein Feindbild gegenüber der sich – spirituell oder kulturell – als christlich verstehenden Mehrheitsgesellschaft. Vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Christentums, von den Anfängen als jüdische Splittergruppe in Palästina, über die Erhebung zur Staatsreligion im Römischen Reich bis hin zum Impulsgeber kultureller Entwicklung in späterer Zeit, wird dabei eine interessante Parallele deutlich zur Frage, wie sich ganz generell – eben auch heute – kleine gesellschaftliche Gruppen in einer Mehrheitsgesellschaft verhalten, resp. welche Optionen ihnen offenstehen, sich in dieser nicht nur zu behaupten, sondern in ihr zu einer maßgeblichen Kraft zu werden.

An der heiligen Quelle des Willibrodis in der Krypta des Doms von Echternach

An der Quelle des St. Willibrod in der Krypta des Doms von Echternach

Innerhalb des römischen Rekonstruktionismus gibt es aufgrund einer ganzheitlichen Sichtweise von Religion, Kultur und Geschichte aus einer Perspektive ganz konkret bezogen auf die Entwicklung des Römischen Reichs, oft ein wesentlich ausgewogeneres Verhältnis zum Christentum, als dies etwa in germanisch orientierten paganen Gruppen der Fall ist, so daß wir an dieser Stelle einmal versuchen wollen, diesen alternativen Ansatz zu vermitteln.

Ein Blick in die Geschichte ohne eine ideologische Brille erschliesst dabei nicht nur interessante Details zur Entwicklung der europäischen Kultur, sondern erlaubt es vielleicht auch, neue Wege zu finden, damit sich ein heute gelebtes Heidentum nicht mehr nur als blosser Reaktionskult zum Christentum versteht, der sich in manchmal recht bizarren Schattenkämpfen mit christlichen Missionaren wie Willibrod oder Bonifatius verfängt und sich damit in seiner möglichen Akzeptanz für eine breitere Zielgruppe selbst blockiert.

Das Christentum – eine jüdische Sekte aus der Wüste?

Einer der vom historischen Gehalt her eher diffusen Aspekte der Ablehnung des Christentums durch Neuheiden – verwenden wir an dieser Stelle ruhig diesen durchaus korrekt beschreibenden Begriff, eben für jene, die sich in der Geschichte neu als Heiden verstehen, nachdem die „alten“ sich zum Christentum bekehrt hatten (oder in neopaganer Lesart – bekehrt wurden) – wird erkennbar durch die simplifizierende Wahrnehmung als „fremde Religion“ und die oft plakativ gebrauchte Bezeichnung „(jüdische) Wüstenreligion“.

Simpel und plakativ, aber dafür schön als Beweis für mangelnde historische Bildung und Kulturverständnis geeignet

Simpel und plakativ, aber dafür schön als Beweis für mangelnde historische Bildung und Kulturverständnis geeignet

Besonders oft findet sich diese Klassifizierung im germanisch-heidnischen Spektrum, wobei man durchaus von einer (gewollten oder unbewußten) Rezeption völkischer Ideen sprechen darf. Das Christentum wurde im Zuge der Germanen-Idealisierung und eines religiös überhöhten nationalen Selbstverständnisses innerhalb der völkisch orientierten Kreise bereits im 19. Jahrhundert zu einem Feindbild stilisiert, durch das man in geradezu bequem erscheinender Weise einen Doppelschlag gegen die als eigentliche Bedrohung wahrgenommenen Kräfte ausholen konnte – Judentum und Überfremdung. Das Christentum rückblickend wahrgenommen im historischen Gewand römischer Besatzungsmacht, als im Kern aber jüdische Lehre, die sich nun als „Sieger“ letztlich wieder in Rom, als Katholische Kirche, manifestierte, erschien wie der rote Faden in der Geschichte der Unterdrückung germanischer Wesensart – prägnant formuliert im trotzigen Wahlspruch Georg von Schönerers „Ohne Juda, ohne Rom / wird gebaut Germaniens Dom!“

Wenngleich heute in germanisch-heidnischen Gruppen – abgesehen von dezidiert völkisch gesinnten Vertretern – diese antisemitischen Töne nicht mehr den definierenden oder auch nur dominierenden Faktor bilden, so bleibt die Wahrnehmung der christlichen Religion als „uns fremd“, als „kultureller Fremdkörper“ bestehen und auf vielen Ebenen weiter wirksam. Ein genauer Blick auf die Entwicklung dieser Religion und ihre objektive Einordnung in den Kontext der europäischen Kultur, macht allerdings zweierlei deutlich:

Erstens:

Die Höhlen von Qumran, nicht nur Fundort der berühmten Schriftrollen, sondern wohl auch das Bild der Landschaft, das mancher als Ursprung des Christentums vor Augen hat

Die Höhlen von Qumran, nicht nur Fundort der berühmten Schriftrollen, sondern wohl auch das Bild der Landschaft, das mancher als Ursprung des Christentums vor Augen hat

ist das, was als innerjüdische Sondergruppe „in der Wüste“ begann, nicht mit dem zu vergleichen, was letztlich im 4. Jahrhundert im Imperium Romanum zur offiziellen Staatsreligion wurde. Die Predigten des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth an seine Jünger und das, was seine – sich immer noch, wie er sich selbst, als Juden verstehende – Anhänger von ihm erwarteten und erhofften, nämlich sein Wirken als Messias im jüdischen Verständnis und sein offensichtliches Scheitern, diesem Anspruch gerecht zu werden, da es ihn als Aufrührer ans Kreuz brachte, ohne das die von vielen erhoffte Befreiung von der römischen Herrschaft realisiert worden wäre, wurde später nicht wirklich betont.

Dieser genuin jüdische Aspekt – Jesus als Messias – hätte bei einer sich innerhalb des römischen Reiches zu verbreitenden Botschaft wenig Anknüpfungspunkte bei den überwiegend heidnischen Bewohnern geboten. Und für die Mehrheit der Juden war ein gescheiterter Messias sowieso ein Unding, oder wie Paulus (oder wer letztlich die Paulusbriefe wirklich verfasst hat – die Diskussion über die Authentizität des Corpus Paulinum ist noch lange nicht beendet) wohl durchaus korrekt einschätzend schrieb:

„wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“

(1.Korinther 1:23)

Die heutige Form des Christentums entstand im römisch-heidnischen Kontext, nicht im jüdischen (hier: Mosaik des Apollo-Sol)

Die heutige Form des Christentums entstand im römisch-heidnischen Kontext, nicht im jüdischen (hier: Mosaik des Apollo-Sol, spätes 2. Jahrhundert n. Chr.)

Deshalb verschob sich das Bild, welches die Christen predigten hin zum „Soter„, zum Heiland, zum göttlichen Heroen, zum niedergestiegenen Gott, weil dies Bilder waren, die den Menschen bereits aus heidnischem Religionsverständnis bekannt waren.

Die letztlich das Christentum als solche definierende Entwicklung wurde ab etwa 100 n. Chr. durch Heidenchristen getragen, die in der Kultur des Römischen Reiches verwurzelt waren, nicht von Judenchristen, die bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. seinen – damals noch jüdischen – Charakter bestimmten.

Christliche Theologen der ersten Jahrhunderte bemühen sich denn auch, die eigenständige Natur der christlichen Religion zu betonen und grenzen sich stark vom Judentum ab, wie auch umgekehrt die christliche Lehre von jüdischer Seite aus abgelehnt wurde.

Auch sprachlich war die christliche Bewegung vom Judentum von Beginn an unabhängig, denn die Schriften des Neuen Testaments waren in griechischer Sprache verfasst, damals die Bildungssprache im Römischen Reich, was den Erfolg der christlichen Missionierung maßgeblich gefördert hat – eine Verbreitung, wie wir sie in der Entwicklungsgeschichte des Christentums sehen, wäre mit dem Aramäisch, was die meisten Judenchristen sprachen, so nicht möglich gewesen. 

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Die Entwicklung des Christentums wurde maßgeblich von bekehrten Heiden getragen, die in der Stadt lebten – das Wort „paganus“ wurde von den Christen verwendet und bezeichnete, die (noch heidnischen) Landbewohner

Zweitens:

wurde das Christentum in der Folge des Niedergangs des Imperium Romanum zum Träger und Erben seiner Kultur und stellt heute in Form der Römisch-Katholischen Kirche die einzige Traditionslinie dar, die ungebrochen  auf die Zeit des Römischen Reiches zurückgeht und sich historisch auf dieses beziehen kann.

Die Gleichstellung des Christentums mit den paganen Kulten (die es später ablöste, hier auch an Stelle des – die Einheit des Reiches stabilisierenden – Staatskultes tretend), bedingte eine bereits in den Anfängen dieser religiösen Bewegung beginnende Identifizierung mit dem Römischen Reich. Wie bereits in neutestamentlichen Schriften zu erkennen ist (etwa die Darstellung des Pontius Pilatus als unschuldig an der Verurteilung von Jesus, den geforderten Gehorsam der Obrigkeit gegenüber – „gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, Gott, was Gott gehört“ etc.), versuchte man schon früh, ein gutes Verhältnis zu den römischen Machthabern zu erreichen, resp. zu demonstrieren, was sich letztlich dann nach der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert verfestigte und einmündete in eine theologische Interpretation der Bedeutung des Reiches.

Die Vormachtstellung Roms und die Mission zur Weltherrschaft waren deswegen für die Christen ebenso eine verbindliche Vorstellung, wie sie es für die Heiden gewesen war und belegt damit einen kontinuierlichen Mythos von Roma Aeterna, der seine Wirkung auch nach der Christianisierung des Imperium Romanum nicht verlor und auch die Identität der Bewohner des Reiches ungebrochen definierte – es wurde geradezu die Gleichung aufgestellt Romanitas = Christianitas. 

Von der jüdischen Splittergruppe zur Mysterienreligion

Die Frage nach den Ursprüngen des Christentums und seiner Entwicklungsgeschichte führte bereits im 19. Jahrhundert zu einer möglichen Verortung im Kontext der Mysterienkulte im Römischen Reich (Stichwort: Religionsgeschichtliche Schule, theologischer Historismus), so daß diese Perspektive an sich nichts Neues darstellt. Inwieweit man gewillt ist, das Christentum als Mysterienreligion zu sehen, wird davon abhängig sein, welche Definition man dem Begriff an sich unterlegt, resp. ob man das Christentum nun eher im Sinne eines historisierten Mythos oder aber als mythisch überhöhte Historie verstehen möchte. 

Die „orthodoxe“ – um es einmal so zu nennen -, Sichtweise, also die auf die kirchliche Lehrmeinung gestützte, sieht im Christentum die geschichtliche Entwicklung der Lehren des Jesus von Nazareth, welche über seinen Tod hinaus durch seine Auferstehung zu einer Bewegung geführt haben, die in ihm den Sohn Gottes sieht. Auch wenn es innerhalb der Theologie, sowohl der katholischen, evangelischen wie orthodoxen, eine Bandbreite an exegetischen Ansätzen gibt, so bleibt für die theologische Ausrichtung der jeweiligen Kirchen als gemeinsame Basis, daß wir es in der Person Jesu mit einer historischen Gestalt zu tun haben, deren Tod und Auferstehung durch die Glaubenszeugnisse der Evangelien bezeugt wird.

Lokale Heilige helfen, wie der römische Lokalgott, bei Dingen des Alltags der Region - im Weinbaugebiet an der luxemburgischen Mosel eben auch beim Weinbau! (Schwebsingen, LU)

Lokale Heilige helfen, wie der römische Lokalgott, bei Dingen des Alltags der Region – im Weinbaugebiet an der luxemburgischen Mosel eben auch beim Weinbau! (Schwebsingen, LU)

Die Evangelien insgesamt als historische Zeugnisse, gar als Augenzeugenberichte der als Urheber genannten Apostel, zu verstehen, ist eine Sichtweise, die sich so in der Regel nur noch in fundamentalistisch-evangelikalen Gruppen findet, die allerdings keine Theologie im Sinne der katholischen, evangelischen oder orthodoxen Kirchen kennen. Also wenngleich in den genannten Kirchen bei der Majorität der Theologen auch keine biblizistische, also die Bibel im wörtlichen Sinne verstehende, Ausrichtung mehr gegeben ist, so bleibt dennoch das Grundaxiom einer historischen Begebenheit. Daß Jesus als geschichtliche Gestalt existierte, daß er gekreuzigt wurde, daß er auferstand, somit von seinen Jüngern als der verherrlichte und lebendige Christus erfahren wurde, was zur Gemeindebildung und zur Verkündigung seiner göttlichen Person als eigentliche Botschaft des Christentums führte, wird als geschichtliches Ereignis verstanden.

Das, was wir an neutestamentlichen Schriften besitzen, ist dagegen offen für zu diskutierende divergierende Standpunkte der Exegese und für diverse hermeneutische Ansätze. Ob die Auferstehung nun als Fakt oder nur im Sinne der subjektiven Überzeugung seiner Anhänger zu verstehen ist, macht an dieser Stelle keinen Unterschied für die Skizzierung der historischen Gemeindebildung. 

Daß man das Christentum nicht einfach aus dem Kontext der allgemeinen religionsgeschichtlichen Entwicklung, wie sie sich in der Antike und Spätantike abgespielt hat, herauslösen kann, ist dabei allen Diskussionsteilnehmern bewusst. Die Frage der Akzentuierung jedoch, also welche Elemente des religiösen Kontextes sich wie auf das Christentum ausgewirkt haben, führt dagegen zu unterschiedlichen Ansätzen und Ergebnissen. 

Die Gestalt des Urchristentums lässt sich dabei durchaus als innere jüdische Strömung klassifizieren, da die ersten Jünger Jesu – wie dieser selbst – definitiv im Kontext der jüdischen Religion und Geschichte agierten. Das, was sich im Laufe der Zeit entwickelte und sich heute als definierender Begriff innerhalb der christlichen Verkündigung gefestigt hat – die Gottessohnschaft Jesu – spielte in dieser frühen Phase der Konsolidierung der Urgemeinde noch keine Rolle. Die ersten Anhänger Jesu verblieben im jüdisch-religiösen Verständnishorizont und für sie war der Begriff des Messias der eigentliche Ansatzpunkt für die Einordnung des irdischen Auftretens Jesu. Die Ablehnung der Rolle, die seine Jünger Jesus zuschrieben, durch das Judentum, führte zur ersten Ausgrenzung der damals als Judenchristen anzusprechenden Anhänger – sprich, sie waren Juden, die das Gesetz der Thora befolgten, aber eben in Jesus den erwarteten Messias (hebr.: Maschiach = der Gesalbte) sahen.

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Der Prophet Samuel salbt David zum Nachfolger König Sauls mit heiligem Öl

Dieser ist im Judentum ein besonders von Gott erwählter Mensch, der zurückgehend auf altorientalische Formen der Salbung von Königen, Priestern und allgemein hochrangigen Personen als Gesalbter bezeichnet wurde, wobei sich dies im jüdischen Verständnis der damaligen Zeit nicht mehr auf lebende Personen bezog, sondern auf diverse Gestalten der jüdischen Geschichte. Diese Vorstellung von besonders durch Gott ausgezeichneten Personen wurde später vermischt mit einer durch die Propheten verbreiteten Ansage der Ankunft eines endzeitlichen Heilsbringers, so daß daraus eine Erwartungshaltung erwuchs, auf eben jenen – immer noch als menschlich verstandenen – Gottesgesandten zu warten, der der Welt den ewigen Frieden bringen würde. Der ewige Friede ist dabei aber nur ein Kriterium, durch den in jüdischem Verständnis der messianische Anspruch legitimiert wird.

Insgesamt müssen alle der folgenden Kriterien erfüllt sein, um eine Person als Messias akzeptieren zu können – er muss:

  • Jude sein (Dtn 17,15 EU); (Num 24,17 EU)
  • dem Stamm Juda angehören (Gen 49,10 EU)
  • ein direkter männlicher Nachkomme von König David (1 Chr 17,11 EU; Ps 89,29-38 EU; Jer 33,17 EU; 2 Sam 7,12-16 EU) und König Salomon sein (1 Chr 22,10 EU; 2 Chr 7,18 EU)
  • das jüdische Volk aus dem Exil in Israel versammeln (Jes 11,12 EU; Jes 27,12f EU)
  • den jüdischen Tempel in Jerusalem wieder aufbauen (Mi 4,1 EU)
  • den Weltfrieden bringen (Jes 2,4 EU; Jes 11,6 EU; Mi 4,3 EU)
  • die ganze Menschheit dazu bringen, den einen Gott anzuerkennen und ihm zu dienen (Jes 11,9 EU; Jes 40,5 EU; Zef 3,9 EU).

(EU = Einheitsübersetzung)

Jüdischer Messias oder heidnischer Heiland?

Anhand dieser Punkte lässt sich erkennen, daß die christliche Verkündigung von Jesus als Messias im Judentum bis heute keinen Widerhall gefunden hat, einfach weil viele der Kriterien durch sein Wirken nicht erfüllt wurden.

In orthodoxen Kirchen findet man noch viele Elemente aus dem oströmischen Reich, das in Byzanz, später Konstantinopel, seinen Ursprung nahm (Bad Ems, 2013)

In orthodoxen Kirchen findet man noch viele Elemente aus dem oströmischen Reich, das in Byzanz, später Konstantinopel, seinen Ursprung nahm (Bad Ems, 2013)

Dessen ungeachtet wurde Jesus in der christlichen Verkündigung in der griechischen Übersetzung des hebräischen Messias-Begriffes als Chrestos bezeichnet, was später zu der heute geläufigen latinisierten Bezeichnung Christus führte und sich als Jesus Christus geradezu zum Eigennamen entwickelte. Die in der Folgezeit innerhalb der christlichen Bewegung vollzogene spezifische Auslegung des Messias-Begriffes, der mit dem „leidenden Gottesknecht“ aus dem Buch Jesaja identifiziert wurde und den schon im Alten Testament bekannten Topos „Sohn Gottes“ (hier allerdings symbolisch für das Volk Israel gebraucht – „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, / ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Hos, 11;1) aufgriff, was dann später auf den Konzilien im Sinne einer eindeutigen christologischen Position konkretisiert wurde, führte zur endgültigen inhaltlichen Ablösung des Christentums vom Judentum

Das Bild, das wir anhand der uns überlieferten Schriften des Neuen Testamentes kennen, ist bereits in dieser Zeit vor dem Hintergrund der Neuformulierung und inhaltlichen Neuorientierung der Kirche zu verstehen und bedient sich typologisch einerseits des Alten Testamentes, um sozusagen Beweise der Erfüllung jüdischer Heilserwartung in Jesus Christus vorlegen zu können, orientierte sich andererseits aber auch an seinem religiösen Umfeld im Römischen Reich und nahm dabei eigene Interpretationen jüdischer Theologie vor.

So wie etwa die Idee der Schechina, der Einwohnung Gottes, die im Sinne seiner weltimmantenten Präsenz, zum christlichen Verständnis des Heiligen Geistes wurde, der aber ebenfalls im trinitarischen Konzept als eine der drei göttlichen Personen gedacht wurde – etwas, was dem Judentum völlig fremd war, dem polytheistischen Umfeld des sich entwickelnden Christentums jedoch nicht ungewöhnlich erschien.

Die Umdeutung des in der jüdischen Bibel (Tanach) als symbolische Bezeichnung für das gesamte Volk Israel gebrauchten Begriffs des Gottessohnes, der als Inkarnation Gottes selbst im Leben der Menschen erscheint und als leidender Gottesknecht eine heilsgeschichtliche Funktion übernimmt, die in Tod und Auferstehung gleichermassen begründet wie auch sichtbar, erkennbar wird, bewegt sich dabei nicht nur vom jüdischen Verständnis weg, sondern fügt sich relativ problemlos in das Konzept der Mysterienreligionen ein, die  innerhalb des Römischen Reiches eine immer grössere Bedeutung erlangten. 

Was zeichnet Mysterienreligionen aus?

Die römische Religion war und ist in erster Linie Kultreligion, das heißt, es geht um die Etablierung und Aufrechterhaltung des Pax Deorum, eines Zustandes der Harmonie zwischen Menschen und Göttern, ausgedrückt und bedingt durch den Respekt, den der Mensch den Göttern erweist.

Die Einhaltung der korrekten Form des Rituals ist im römischen Cultus von zentraler Bedeutung (Haltern, 2014)

Die Einhaltung der korrekten Form des Rituals ist im römischen Cultus von zentraler Bedeutung (Haltern, 2014)

Das kann auf einer höheren Ebene im Rahmen des Staatskultes durch die Beachtung der traditionellen Riten konkret Frieden bedeuten, also eine Zeit ohne Krieg und Naturkatastrophen beschreiben, die es den Menschen erlaubt, ein geregeltes und ruhiges Leben zu führen.

Es kann auf der individuellen Ebene im Cultus domesticus, in der Sacra Privata Glück und Wohlstand für das eigene Heim bedeuten, erworben durch die in der Familie tradierten Formen des Respekts, welche der Pater familias den göttlichen Mächten zukommen lässt.

Über diesen Rahmen des korrekt ausgeführten Ritus geht die Religio Romana nicht hinaus, etwas, was vielen heutigen Menschen im ersten Moment ungewöhnlich erscheint, einfach weil sie gewohnt sind, Ethikvorstellungen, moralische Verhaltensweisen, Vorstellungen über das Leben nach dem Tode und dergleichen als Teil der Religion zu betrachten, ja vielfach darin ihren eigentlichen Kern zu sehen. Dies kommt natürlich nicht von ungefähr, denn diese Einbettung von ethisch-moralischen Prämissen als normativen Werten in ein Konzept religiös-dogmatischer Aussagen ist das, was uns das Christentum vermittelt hat. 

Diese Verbindung von Ethik, Heilsgeschichte und Kultus wurde im Römischen Reich ursprünglich in Form der Mysterienkulte bekannt, die aus dem Osten des Reiches einen Siegeszug antraten und dem ursprünglichen ur-römischen Religionsverständnis ein neues Konzept an die Seite stellten. Man liest oft, daß diese Mysterienreligionen den Menschen einen persönlicheren Zugang zum Göttlichen boten, als die abstrakt erscheinende ur-römische Religion, aber dies trifft sicherlich nur bedingt zu. Der Staatskult mit seinen vorgeschriebenen Riten, die entsprechend alter Tradition agierenden Priester, die öffentlichen Feste an den heiligen Tagen etc. war in der Tat etwas, was vielleicht weniger auf persönlicher Ebene erfahren wurde, weniger das Individuum ansprach, als die Bürger in ihrer Gesamtheit, als Gemeinschaft erfasste.

Aber der häusliche Kult, die Riten, Gebete und Opfer, die man am Lararium abhielt, dies war nicht weniger persönlicher Bezugsrahmen, als das, was man von anderen Religionen kennt – da ging es um die Gemeinschaft mit den Wesen des Ortes, des Schutzgeistes der Familie, der Ahnen, dort teilte man mit den göttlichen Mächten Speis und Trank und gab seinen Nöten, Sorgen und Anliegen in einem sehr privaten Rahmen Ausdruck. Ein solcher angeblicher Gegensatz von persönlichem Erleben von Religiosität als Teil der Mysterienkulte gegenüber dem eher kühl-abstrakten Befolgen der Riten im Staatskult, kann die große Popularität der Mysterienreligionen also nicht erklären. Was war also das Neue, das, was die Menschen an diesen Lehren faszinierte?

Der Mithraskult war im gesamten Reich sehr populär (Landesmuseum Bonn)

Der Mithraskult war im gesamten Reich sehr populär (Landesmuseum Bonn)

Den Kern dieser Religionen bildet ein zentrales Kultgeschehen, in dessen Mitte ein oder mehrere Gottheiten stehen, die in gewisser Weise dem Menschen in seiner Sterblichkeit, in seiner Erfahrung, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, nahestehen.

Die Götter, die man bis dahin kannte, waren, wie sie den Griechen oft erschienen, als mächtige unsterbliche Wesenheiten, die Kräfte in der Welt, mit denen sich die Menschen zu arrangieren hatten. Die älteste religiöse Tradition der Römer war die auf den sagenhaften zweiten König Numa Pompilius zurückgehende, welcher derjenige war, der den Vestalinnen das Keuschheitsgebot und das Hüten der Ewigen Flamme auftrug, der Götterdarstellungen eher in bildhafter Form – als Säule, als heiligen Schild, als symbolischen Speer im Sinne einer Manifestation des jeweiligen Numens einer Gottheit etc. – weniger in anthropomorpher Gestalt propagierte, der Blutopfer auf den Altären verbot und unblutige Frucht-, Wein- und Rauchopfer als angemessen erklärte.

Mysterienkulte wurden auch im Isis-Mater Magna-Tempel in Mogontiacum (Mainz) praktiziert

Mysterienkulte wurden auch im Isis-Mater Magna-Tempel in Mogontiacum (Mainz) praktiziert

Diese älteste Tradition der Religio Romana verband eine Vorstellung des Göttlichen als unpersönliche Wirkmacht mit symbolischer Darstellung und begründete damit eine Dichotomie zwischen dem Reich der Götter und dem der Menschen, die später auch dann noch nachwirkte, als die Römer beeinflusst durch die Griechen zur Darstellung der Götter in menschlicher Gestalt übergingen, was grundsätzlich erst einmal eine Annäherung der beiden Dimensionen darstellte.

Die Götter blieben als der Welt immanente Kräfte zwar den Menschen nahe, aber sie hatten eher den Status eines Pater familias und so war es auch dieser Respekt, der ihnen entgegengebracht wurde und der ihre in eine ganz andere Dimension gesteigerte Potestas, ihre Handlungsvollmacht über das Römische Reich, anerkannte.

Auf der Ebene des Staatskultes wurden die Götter wiederum durchaus als Bürger des Reiches betrachtet, sie gehörten also nicht nur in die Welt (was sie „theologisch“ von den monotheistisch verstandenen Göttern unterscheidet, die als der Welt transzendent, als ihrer Schöpfung gegenüberstehend, verstanden werden), sondern ganz konkret in das Gemeinschaftsgefüge der Menschen, die sich unter dem Banner Roms in der Geschichte einen eigenen Platz erkämpft hatten. Aus diesem Bürgerverständnis ergab sich auch eine grundlegende Annahme der Römer bezogen auf die Götter, die heutigen Anhängern einer Religion sicher ebenso befremdlich erscheint, nämlich ihrer Verpflichtung, den Frieden, den Wohlstand, das Wohlergehen der Gemeinschaft – deren Teil sie eben waren – zu erhalten, wenn diese Gemeinschaft mit ihnen durch die geheiligten Riten gepflegt wurde.

Soll heißen,  die Götter hatten zwar ein Recht darauf geachtet zu werden – aber auch eine Verpflichtung, diese Achtung mit Schutz und Obhut zu vergelten.

Vom Heros zum Heiland

Neben der eher emotional-persönlichen Beziehung der einzelnen Gläubigen im häuslichen Kult und diesem übergeordneten Bürgerverständnis gab es auch eine Zwischenstufe, die bereits diese Trennung der Ebenen aufweichte – die Heroen.

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Herkules bezwingt den Hund Cerberus und zerrt ihn an die Oberfläche. Der Kampf und Sieg über den Hund, der in der Unterwelt die Toten bewacht, gehört mit zu den vielen Motiven der Erlösung vom Tode.

Es waren Helden der alten Zeit, auf die man sich berief, die von Städten oder dem gesamten Reich als Gründergestalten verehrt wurden – Menschen, die entweder schon als auf die Erde gekommene Götter, oder nach ihrem heldenhaften irdischen Dasein als in die Gemeinschaft der Götter aufgenommene Menschen galten, welche die Dimensionen des Irdisch-Sterblichen und des Göttlich-Unsterblichen durchlässig erschienen ließen.

Wenn die Geschichten etwa von Herkules erzählten, der von den Göttern und einem harten Schicksal bis zum Wahnsinn getrieben wurde, der trotz alledem übermenschliche Taten vollbrachte und am Ende seinen körperlichen Schmerzen durch den Freitod endlich ein Ende machen wollte… dann erlebten die Menschen etwas von dem Potential, welches die alte Religion der menschlichen Natur zuschrieb, dann erkannten sie sich in diesem Heroen, der wie sie Mensch war, aber eben heldenhaft über das Schicksal triumphierte, was in mancher Situation Ansporn gewesen sein mag, nicht unter dem eigenen Schicksal zu zerbrechen – oder um Emanuel Geibel zu zitieren:

„Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal, so ist es der Mut, der es unerschüttert trägt.“

Die Götter hingegen, die in den Mysterienkulten verkündet wurden, sind anderer Art – sie sind einerseits Teil der Natur, was dadurch zum Ausdruck kommt, daß ihre Mythen sie mit dem Werden und Vergehen in der Natur zusammenbringen, so das ihre Lebensgeschichte quasi in der Natur erlebt und mitverfolgt werden kann – andererseits verkörpern sie nicht nur Vegetationszyklen, sondern stehen für Schöpfung und Auferstehung, Ideen, die (wie z.B. auch die Erleuchtung) zu den großen Menschheitsmythen gehören. Diese Götter verkünden in ihrer eigenen Gestalt eine Botschaft des Heils, was ganz konkret ein Wissen um die generellen Zusammenhänge im Wesen und Walten der Existenz und eine Überwindung des Todes bedeutet. Diese Götter sind dem Menschen ganz und gar nahe, weil sie das Leid der Menschen aus eigener Erfahrung kennen und für einen Weg stehen, es zu überwinden. 

Der Attis-Kult wurde auch im Rheinland praktiziert (Römermuseum Remagen, 2014)

Der Attis-Kult wurde auch im Rheinland praktiziert (Römermuseum Remagen, 2014)

Zu den bekanntesten und am weitesten verbreiteten Mysterienkulten des Römischen Reichs gehörten unter anderem die Kulte um Mithras, Isis und Osiris, Dea Syria, die eleusischen Mysterien, Dionysus / Bacchus, Mater Magna (Kybele) und Attis.

Zentrales Element des religiösen Kultes ist dabei die Wiederholung von heilsrelevanten Taten, oder die Wiederaufführung des mit der jeweiligen Gottheit verbundenen kosmischen Dramas, um die Wirklichkeit dieses Geschehens nicht nur für die Gläubigen erlebbar zu machen, sondern sie ganz konkret in diese Heilsgeschichte hineinzunehmen und sie teilhaben zu lassen an der Überwindung von Leiden und Tod.

Dabei kommt es nicht nur zu einer besonderen persönlichen Beziehung des Individuums mit der jeweiligen Gottheit, die gänzlich verschieden ist von der eher formellen Beziehung der Gemeinschaft zu ihr im Staatskult, aber auch von der familiären Beziehung im häuslichen Kult, sondern auch zu einer anderen Wahrnehmung des Kultgeschehens an sich. Der Kult der Mysterienreligionen ist keiner mehr auf der Grundlage des in der herkömmlichen römisch-heidnischen Religion geltenden do ut des-Prinzips (ich gebe damit Du gibst, eine Gabe für eine Gegengabe), sondern er stellt in symbolischer Form ein kosmisches Heilsgeschehen dar, welches sich aus sich heraus vollzieht und in das der Eingeweihte als Individuum aufgenommen wird, an dem er als Person direkt teilhat. Dies ändert den Charakter des Ritus, löst ihn vom ursprünglich „vertraglichen“ Hintergrund und wandelt ihn zu einem aus sich selbst wirksamen Sakrament, welches das überirdische Szenario, das als heilstiftend betrachtet wird, auf die Erde holt, es wiederholbar und damit für jeden erfahrbar macht.

Bacchische Prozession mit Satyren und Mänade

Bacchische Prozession mit Satyren und Mänade

Die Kultgemeinde bezieht sich dabei auf ein solches Heilsereignis, das man entweder konkret in der Historie verortet oder was in einen mythischen Erzählrahmen gefasst ist, wie man es von den Göttern an sich schon kennt, wobei aber diesem Mythos als Heilsgeschichte eine tatsächlich erfahrbare Wirkung zugeschrieben wird, die es von einem allenfalls erhebenden, tröstendem, anspornendem Effekt, wie sie mythische Erzählungen von Göttern und Heroen immer hatten, abhebt.

Symbolische Kulthandlung wird im Rahmen der Mysterienreligionen konkret erfahrbare Wirklichkeit im Hier und Jetzt, was die Dimensionen des Göttlichen und Irdischen sich überschneiden lässt – Kulterlebnis wird konkrete Heilszusage und diese ist oft genug eine Zusage über das Grab hinaus!

Die traditionelle römische Religion hatte keine spezifische Vorstellung von dem, was uns nach dem Tode erwarten mag, es gab verschiedene Modelle, ob dies nun der klassische Eingang in eine eher als freudlos gedachte Unterwelt war, oder ein doch hoffnungsvolles Verweilen im Elysium, eine völlige Auflösung oder eine Wiederkehr – jeder machte sich seine Gedanken und jeder dieser Gedanken war letztlich gleichviel wert. Die Mysterienreligionen boten eine konkrete Form eines deutlich definierten Schicksals nach dem irdischen Leben an und verbanden den Eingeweihten mit der vom Tode erlösenden Kraft der ewig auferstehenden Gottheit.

Arkandisziplin und öffentliche Feste

Isiskult (aus einem Fresko in Pompeji)

Isiskult (aus einem Fresko in Pompeji)

Dabei wurde durch die Geheimhaltung der jeweiligen Riten, durch die Initiation des Gläubigen – der dann Myste (von griech.: myein = (die Augen?, den Mund?) schließen), genannt wurde – in diese Gemeinschaft, ein weiteres einigendes Band geschaffen, was nicht nur einen besonderen Nimbus förderte, der sicherlich seinen positiven psychologischen Effekt hatte, sondern was auch diese heiligen Handlungen subjektiv als wirkungsvoller als die öffentlich zugänglichen Riten erschienen ließ.

Dabei blieb es aber bei der den polytheistischen Religionen eigenen Offenheit gegenüber anderen Göttern und Kulten und es war nicht unüblich, daß man sich in verschiedene Mysterien einweihen ließ und es änderte auch nichts am häuslichen Cultus oder an der Teilnahme am staatlichen Kultgeschehen als Bürger. Insofern waren die Mysterienreligionen ab einer bestimmten Zeit das dritte Element der Religio Romana und es gab trotz der die jeweiligen Mysterien kennzeichnenden spezifischen Charakteristika keine Politik der Ausschließlichkeit (was später ein Kennzeichen der christlichen Religion werden sollte).

So konnte man durchaus in die Mysterien von Eleusis eingeweiht sein, trotzdem als Legionär Anhänger des Mithraskultes sein und auch den nächtlichen rauschhaften Einweihungstreffen des Bacchuskultes beiwohnen, wenn man in seiner Heimat weilte. Gerade letztere sind auch ein Beispiel dafür, wie diese Mysterienreligionen ein eigenes Gemeinschaftsbild kreierten, so daß etwa Standesunterschiede in diesen religiösen Veranstaltungen aufgehoben wurden, weil sich dort Gläubige im zentralen Kultgeschehen versammelten, die aus unterschiedlichen Schichten stammten – die im Kult erfahrene Heilswirklichkeit ebnete diese Unterschiede – zumindest für die Zeit der Kulthandlung – ein und hob diese Beschränkungen auf, so daß man über die irdischen Grenzen hinweg bereits einen Blick erhielt auf eine andere Ordnung der Dinge.

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Die oft auch in der Öffentlichkeit stattfindenden ausschweifenden Feste und Umzüge mancher Mysterienkulte wurden von der Obrigkeit misstrauisch beäugt – was ihrer Popularität allerdings keinen Abbruch tat.

Viele dieser Mysterienkulte hatten allerdings nicht nur diesen geheimen sakramentalen Aspekt, der nur den Eingeweihten offenstand, sondern durchaus auch öffentliche Riten, an denen die Bürger wie an anderen öffentlichen Festivitäten zu bestimmten Zeiten teilnehmen konnten. So gab es Anhänger der Götter, die in den ihnen gewidmeten Mysterien in besonderer Form verehrt wurden, ohne das diese Gläubigen Mysten der jeweiligen Kulte sein mussten – in den öffentlichen Prozessionen etwa zu Ehren der Magna Mater fanden sich demnach sowohl Teilnehmer, die diese Göttin im Rahmen ihrer Sacra Privata verehrten, als auch solche, die konkret in die Mysterien der Kybele eingeweiht waren.

Und auch die Aufsicht des Senates war über diese Mysterienreligionen genauso absolut gesetzt, wie über andere Kulte im Reich, ja man hatte auf diese Kulte wegen ihrer „Geheimniskrämerei“ (so dürfte es wohl für römische Politiker erschienen sein), ein besonders wachsames Auge – aus Sicht des Senates und des obersten Priesterkollegiums war es unabdingbar, daß sich Menschen wie Götter im Sinne der Bürgerpflichten verhielten und demnach die Ordnung des Imperium Romanum unterstützten. Gab es Anlass zur Sorge, daß ein Kult dies nicht mehr tat oder gar der Ordnung schädlich war, wurde rigoros durchgegriffen, Tempel konnten geschlossen oder gar zerstört werden, Zusammenkünfte untersagt werden – ja selbst Götter konnten aus Rom verbannt werden, sollten sie sich als Kraft erweisen, die dem Zusammenhalt des Reiches entgegengesetzt war (bekannte Beispiele waren z.B. der Bacchanalienskandal 186 v. Chr., der aufgrund die Ordnung zersetzender orgiastischer Umtriebe und nächtlicher Versammlungen, die die Gefahr von Verschwörungen mit sich brachte, dazu führte, daß der Senat den Kult in der bekannten Form zerschlug und als Genehmigungsinstanz dafür sorgte, daß er nur noch unter sehr eingeschränkten Bedingungen weiterexistieren konnte, oder auch die Zerstörungen der Tempel der Göttin Isis durch Kaiser Tiberius).

Das Christentum als Mysterienreligion

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Die drei Frauen am leeren Grab mit dem Engel der die Osterbotschaft verkündet „Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. (Markus 16, 6)

Es fällt nicht schwer, in diesen alten Bildern und Ideen, die hier nur kurz skizziert werden können, das wiederzuerkennen, was das Christentum als seine zentrale Botschaft verkündet.

Der gekreuzigte Jesus Christus, der durch seinen Opfertod zur Erlösung der Menschen beiträgt, sein Blut wäscht alle rein und tränkt die Erde, was sie gleichermassen heiligt. Er stirbt, wird ins Grab gelegt und ersteht zu neuem verklärtem Leben wieder auf. Die Frauen am leeren Grab werden von himmlischen Wesen getröstet und ihnen wird ein durch die Zeiten hindurch schallendes „Fürchtet Euch nicht!“ zugerufen, was wie die Kurzfassung der Botschaft aller Mysterienreligionen klingt.

Die Anhänger versammeln sich in seinem Namen, feiern ihren Gott in einem gemeinschaftlichen Kultmahl, mit Worten, die dieser inkarnierte Gott selber eingesetzt hat dafür und sie nehmen Brot und Wein im Verständnis auf, dies ist wahrhaft sein Leib und sein Blut. Die Worte selbst wandeln die Materie in etwas sie selbst Übersteigendes und lässt sie zum Träger der göttlichen Wirkmacht werden, das ewige Opfer immer neu dargebracht zur Erlösung derer, die Teil dieser Gemeinschaft sind.

Das ist ein kosmisches Drama, was man in Ägypten, ebenso wie in Griechenland, in Syrien wie in Rom selbst verstanden hat und von anderen Gottheiten schon kannte, es war nicht nur nichts Neues, sondern geradezu legitimiert durch die simple Tatsache, daß diese Kultreligion die selbe Botschaft verkündete, wie andere auch, das machte sie im Kern zu einer wahren Religion.

Auch wenn es stimmt, daß innerhalb der Kirche oder in den christlichen Gemeinden keine strikte Arkandisziplin herrschte, also es kein dezidierter Initiationskult war, der etwa ein Kultgeheimnis unter Strafandrohung zu wahren suchte, so bediente sich das Christentum sehr schnell der Terminologie der Mysterienreligionen – im Neuen Testament ist oft vom mysterion die Rede, was dort die Offenbarung Gottes in Jesus Christus und seine Erhöhung am Kreuz bezeichnet und in den Paulusbriefen ist öfters vom „Geheimnis des Glaubens“ die Rede, was sich auf verschiedene Aspekte beziehen kann, jedoch besonders zentral auf die Auferstehung, die wie in den anderen Mysterienkulten auch, die konkrete Zusage an die Gläubigen war:

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.  Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg.  Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1.Korinther 15,51 ff.)

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Rekonstruktion eines Mithräum. Rechts und links Bänke für die Eingeweihten des Kultes, die ihr gemeinsames Kultmahl abhalten vor einer Darstellung des Heilsmythos – Mithras tötet den kosmischen Stier.

Die Aufnahme in die Kultgemeinschaft erfolgte über den Ritus der Taufe, in den ersten Jahrhunderten noch durch völliges Untertauchen des Täuflings und Sprechen des Glaubensbekenntnisses. In Rom selbst wurde etwa diese Aufnahme in die christliche Gemeinschaft in der Osternacht vollzogen, was nicht nur den Beginn des neuen Lebens des „neugeborenen“ und durch den Heiligen Geist „versiegelten“ Christen symbolisierte, sondern ganz konkret den Täufling in die Auferstehung der Gottheit hineinnahm.

Solche Taufen waren den heidnischen Kulten ebensowenig fremd wie die Vorstellung zu besonderen, im Kultkalender bezeichneten heiligen Zeiten solche bedeutungsvollen Riten durchzuführen. Auch die Eucharistie (griech. εὐχαριστέω/ eucharistéo = ‚Dank sagen‘) ist als Mahlgemeinschaft in einem rituell-kultischen Kontext ein zu jener Zeit übliches Element, sei es nun bekannt vom häuslichen  Symposion (griech.: συμπόσιον/sympósĭon; lat.: symposium = Gastmahl, gesellige Zusammenkunft bei Speis und Trank), das ebenfalls kultische Elemente beinhaltete, oder von den direkten Kultmählern etwa in den Mithräen, die extra dafür baulich besonders konstruiert waren. Man darf davon ausgehen, daß dieses christliche Kultmahl auch nur getauften Christen offenstand, also den Mitgliedern der Kultgemeinschaft, wie es auch bei den anderen Mysterienkulten der Fall war.

Es gibt noch viele Punkte, die erkennen lassen, daß das Christentum sich an den Mysterienreligionen im Römischen Reich orientiert hat, resp. aufgrund der spezifischen Charakteristiken zu ihnen gezählt werden kann – ja muss.

Es sind gerade die Kirchenväter, die in ihrer apologetischen Auseinandersetzung mit den paganen Kulten die zu ihrer Zeit wohl allzu offensichtlichen Parallelen mit diesen, als Werk des Teufels zu diffamieren und damit zu entkräftigen suchten. So war es Teufelswerk, was in geradezu sarkastischer Intention die wahre Religion quasi vorwegnahm, um sie bei ihrem tatsächlichen Erscheinen unglaubwürdig und als bloße Kopie erscheinen zu lassen. Es ist natürlich nur ein ausgesprochen schwacher Versuch, hier eine Sonderstellung des Christentums gegenüber den historischen Tatsachen zu festigen und hat wohl auch kaum einen Heiden überzeugen können, diese Art der Geschichtsdeutung war vor allem nach innen, auf die Gemeinde gerichtet – für uns heute ist es jedoch ein Beweis für die Tatsache, wie stark das Christentum in den religiösen Strukturen des Römischen Reiches verwurzelt war und wie offensichtlich der Charakter als Mysterienkult in den Quellen aufscheint.

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„Und während sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach es und gab es ihnen und sprach: Nehmt, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des neuen Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich ich sage euch: Ich werde fortan nicht trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, an dem ich neu trinke im Reich Gottes.“ (Mk 14,22ff)

Nur wenn man das Christentum aus dieser paganen – in diesem speziellen Fall römischen – Perspektive heraus versteht, eben in seinen inhaltlichen Übereinstimmungen mit den archetypischen Wahrheiten der Menschheitsgeschichte, mit den mythischen Bildern von Schöpfung, Tod und Auferstehung, Inkarnation des Göttlichen, erzählt und in unsere Wirklichkeit geholt durch die Sakramentalisierung des Lebens dargestellt in der rituellen Sublimierung alltäglicher Dinge wie gemeinschaftliches Mahl, Brot und Wein als Gottesleib, Zusage der Erlösung aus existentieller Not durch das Vorleben und -sterben eines den Menschen nahestehenden Gottes, der als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen fungiert, kann man diese Religion korrekt einordnen und verstehen.

Sieht man die Natur des Christentums als das, was sie ist – eine von vielen Mysterienreligionen innerhalb des Imperium Romanum, die sich auf diese alten Mythen beziehen und von dort ihre Kraft und Botschaft erhalten, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, diese Religion verkündet die Wahrheit – denn sie bietet dieselben Antworten auf die Fragen, welche die Menschen seit alters her stellten und sie bietet Antworten, welche die Menschen als wahr und wirksam erfahren haben und sie unterscheidet sich in dieser Kernbotschaft in nichts von der seit vorchristlicher Zeit verkündeten Botschaft!

Historie mythisch überhöht vs. Mythos historisiert

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Die Kreuzigung Jesu als historisches Ereignis ist die Geschichte eines persönlichen Scheiterns…

Folgt man jedoch „orthodox“ christlicher Lesart der alten Mythen, die nun als geschichtliches Faktum (miss)verstanden werden, dann beschränkt man die heilige Geschichte auf einen kurzen Zeitraum in einem sehr eng begrenztem lokalen Gebiet und entkleidet sie ihrer universalen Gültigkeit.

Die Historisierung der alten paganen Mythen führt zu einem Bruch in ihrem Verständnis, weil ihre Fixierung auf ein historisches Ereignis den inhaltlichen Reichtum und die heilende Kraft dieser archetypischen Bilder zerstört, da man weder Jungfrauengeburt noch Auferstehung von Toten als wahr im faktischen Sinne akzeptieren kann und somit Spiritualität und Ratio unvereinbare Gegensätze werden.

Als Heide in der Passion Christi, seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung eine der vielen Variationen des ewig gleichen Mythos zu sehen, wie er von vielen Göttern erzählt wurde, öffnet nicht nur die Türe zu einer ungebrochenen religiösen Tradition, die seit Tausenden von Jahren den Menschen Hoffnung, Trost und ein ganzheitliches Verständnis des Lebens vermittelt hat, sondern stellt uns heute in eine Reihe mit unseren Vorfahren, welche sich anhand derselben Bilder und Riten orientierten.

Es waren die Heiden, welche die beginnende Historisierung des christlichen Mythos als unsinnig ablehnten und die selbst in mythischer Sprache über spirituelle Dinge sprachen. Ebenso wie man in den ersten Jahrhunderten des Christentums diesen Versuch, die alten Mythen als geschichtliches Faktum zu verkürzen, als Verfälschung ihrer eigentlichen Botschaft begriff, so sind wir Heiden heute gefordert, diesen eigentlichen Kern des Christentums als das zu erkennen, was er immer wahr – ein Schatz an mythischer Wahrheit, erzählt in wundervollen Bildern, denen vergleichbar, die pagane Kulte als Mittler ihrer Botschaft von Hoffnung und Erlösung nutzten, welche immer schon eine starke Resonanz hervorriefen bei denen, die „religiös musikalisch“ veranlagt sind.

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Links Isis mit Sohn Horus auf dem Thron sitzend, rechts Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Theologisch definierte das Konzil von Ephesus 431 die Rolle Marias als „Gottesgebärerin“ und integrierte damit offiziell die den Menschen schon seit langem vertraute in der Not helfende Muttergöttin.

Man muss sich freimachen von der irrigen Annahme, daß ein Mythos etwas Unwahres, eine Lüge sei. Das antike Verständnis war nicht wie unseres heute, das etwas „nur“ ein Mythos ist, was es gegenüber faktischer Wahrheit abwertet, sondern Mythen waren Bilder, durch die in alter Zeit Wahrheit ausgesprochen werden konnte, die sich eigentlich unserer Sprache und auch unserem Verständnis entzieht, oder zumindest nicht völlig erschließt.

Ein Mythos beschreibt etwas, was niemals war, aber auf ewig wahr ist

Mythen sind also nicht geschichtliche Ereignisse, die sich einmal ereignet haben, sondern Geschichten, die sich immer ereignen, entweder bezogen auf das Leben Einzelner oder übergeordneter Gruppen, wie Familien, Stämme, Völker. Das, was in diesen Geschichten eingefangen ist, sind nicht historische Fakten, sondern die Gedanken und Emotionen, die Werte und Richtlinien, die Schlussfolgerungen und Träume der Menschen – geboren aus einer bestimmten konkreten Lebenswirklichkeit.

Es ist absolut essentiell, das wir in unserer aufgeklärten, modernen Zeit nicht den Fehler begehen, uns über die erhaben zu fühlen, die vor uns waren, nur weil wir uns ein recht verkümmertes Verständnis von Wahrheit antrainiert haben. Wir sehen nur noch Details und nicht mehr das Ganze – abgesehen davon ist Geschichte ebenso ein Konstrukt unserer Wahrnehmung, denn es basiert zu einem großen Teil auf Berichten, denen man vertraut, oder auch nicht, oder auf zufälligen archäologischen Funden, die einen solchen Bericht erst als wahr belegen.

Das Problem beginnt, wenn man Jesus nur noch auf seine Rolle als historische Figur reduziert und das Mysterium ausklammert (Sakristei Maria Laach, Tag der Offenen Tür 2014)

Das Problem beginnt, wenn man Jesus nur noch auf seine Rolle als historische Figur reduziert und das Mysterium ausklammert (Sakristei Maria Laach, Tag der Offenen Tür 2014)

Öffnet man sich dieser alten mythischen Betrachtung der Welt wieder, erschließt sich der Reichtum der Jahrtausende, die vor uns mit den gleichen Fragen konfrontiert waren, wie wir heute und es gibt daraus einiges zu lernen. Und aus dieser besonderen Perspektive heraus betrachtet, ist das Christentum weder fremd, oder der alten paganen Religion feindlich gesonnen, noch für heutige Menschen inakzeptabel – im Gegenteil, es tradiert dieselben alten Wahrheiten, es nutzt dieselben uralten Symbole und Riten, wie all die Kulte zuvor: Ein Gott inkarniert sich und leidet und wird geopfert und sein Opfer erlöst die Kreatur, er steigt hinab in das Reich des Todes und steht am dritten Tage wieder auf und fährt gen Himmel, um in seine eigentliche Heimat zurückzukehren. Und all dies wiederholt sich im Jahreskreislauf der Natur, wiederholt sich inmitten der Gemeinde derer, die sich an dieses ewig wahre Mysterium erinnern und es feiern und zelebrieren.

Das Kreuz nicht nur historisch ein Marter- und Hinrichtungsinstrument, sondern ein ewig gültiges Symbol über viele kulturelle Grenzen hinweg für die Idee, das der Mensch eine Kombination aus Geist und Materie ist, ein archetypisches Symbol für das Hineinwirken des Göttlichen in die Welt, ein abstraktes Symbol für den Lebensbaum, der die Welten verbindet etc.. Der Kelch, der das Blut auffängt wird zum Heiligen Gral, weil es als Bild uralt und ewig während zugleich ist, das Wasser des Lebens, das Blut des heiligen Opfers.

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…eingebettet in den Kontext der Auferstehungsmythen , die es in vielen Kulten gab, wird die Kreuzigung zum Auftakt der Erlösung, zum Triumph über den Tod!

Anerkennt man diese mythische Quelle des Christentums – zumindest dort, wo sie noch als solche zu erkennen und auch rituell präsent ist, also im Katholizismus, der Orthodoxie etc. – dann spielt es auch keine Rolle mehr, wer Jesus war, ob es ihn überhaupt gegeben hat, wer die Texte des Neuen Testamentes geschrieben hat, ob die Geschichten über ein leeres Grab wahr sind oder nicht, denn diese Erzählungen beinhalten eine Wahrheit, die über ihre oft unterstellte Funktion als geschichtlich beschreibend weit hinaus geht, ja im besten Sinn Geschichte transzendiert.

Nur ein heidnisches Verständnis, basierend auf der ewigen Wahrheit der Menschheitsmythen, macht einerseits die christliche Botschaft in der Tat zu einer Frohen Botschaft, die es wert ist gehört und erzählt zu werden, ohne den Verstand zu beleidigen, löst andererseits aber auch den angeblichen Widerspruch zwischen der Religion unserer Vorfahren und dem Christentum und kann die entwicklungsgeschichtlichen Aspekte historisch korrekt einordnen.

Letztendlich ist der historisch-kritische Ansatz, der sich auf die Suche nach dem Jesus der Geschichte begibt, ein Weg, der das „Frohe“ aus der „Botschaft“ entfernt – unser Wissen um den historischen Jesus reduziert sich dann auf die Annahme eines jüdischen Wanderpredigers, der zu seinen Lebzeiten quasi keinerlei Spuren in der Geschichte hinterlassen hat, außer einer – seinem kläglichen Scheitern durch einen frühen Tod als Aufrührer am Kreuz.

Versteht man nun den Kern der christlichen Botschaft als kongruent mit einem historischen Ereignis oder mehreren geschichtlichen Tatsachen, dann führt ein solcher objektiver Blick auf das, was wir wissen, zu einer Dekonstruktion des Inhaltes der Botschaft wie schon bei Paulus zu lesen ist:

„Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden.
Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

(1. Korinther 15,13-14)

Das Stiften von Votivtafeln und Weihesteinen mit Dankbarkeitsbezeugung, wenn ein Gott ein Anliegen erhört hat, ist eine fundamentale, ur-römische heidnische Kulthandlung im Rahmen des

Das Stiften von Votivtafeln und Weihesteinen mit Dankbarkeitsbezeugung, wenn ein Gott ein Anliegen erhört hat, ist eine fundamentale, ur-römische heidnische Kulthandlung im Rahmen des „Do ut des“ (Kloster Engelport, 2013)

An dieser Geschichte des Scheiterns ist wenig Erbauliches und der Versuch, auf diese mögliche geschichtliche Tatsache mit einem ebenso historischen Fakt der Auferstehung zu antworten, führt genau zu der Problematik, die heute das Christentum als quasi unvereinbar mit einem vernünftigen Weltbild erscheinen lässt – eine Problematik jedoch, die ausschließlich daraus resultiert, das man mythische Wahrheiten eindampft auf etwas, was nur einmal zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem ganz bestimmten Ort stattgefunden hat.

Unsere christliche Tradition und die Geschichten und Riten, die sich in dieser Tradition herausgebildet haben, werden in dem Moment, wo wir uns wieder auf dieses alte mythische Verständnis besinnen, ungleich bedeutungsvoller und bereichernder, als wenn wir diesem historischen Konstrukt folgen, das sich selber angreifbar macht durch jede neue wissenschaftliche Erkenntnis oder neue Funde.

Christus als heidnisch verstandener Soter, als Heiland, der dieselbe Wahrheit wie all die anderen Götter, die geboren wurden, starben und wieder auferstanden, verkörpert, ist ein Weg für alle, sich dieser ewigen Wahrheit zu nähern und sich aus ihr zu nähren, ohne daß Grenzpfähle aufgestellt werden, die den „einen wahren Glauben“ von den angeblichen Irrlehren trennen.

Kulturträger? 

Bonifatius predigt den Germanen

Bonifatius predigt den Germanen

Der angeblich kulturvernichtende Einfluss des Christentums, der zuerst die römische und dann unsere einheimische (je nach Präferenz, entweder germanische oder keltische) Kultur und Religion mit Stumpf und Stil vernichtete, um eine „fremde Lehre“ und lebensfeindliche Weltsicht bei uns zu etablieren, wird nun immer wieder in heidnischen Kreisen als Grund, wie als Auswirkung der Christianisierung betont.

Dabei sieht man sich in erster Linie jedoch einem ebenso restriktiven, wie auch schwärmerischen Kulturbegriff gegenüber, der dabei auch noch völlig ausblendet, das er von Menschen benutzt wird, die durch die römisch-christliche Kultur geprägt sind, ob sie dies nun wahrhaben wollen oder nicht.

Wenn wir heute über die Kultur der Kelten und Germanen reden, dann tun wir das vor dem Hintergrund unserer eigenen Verwurzelung in einer deutschen oder auch europäischen Geschichte, die so nicht verlaufen wäre, wie sie es ist, wären wir nicht Teil des Imperium Romanum gewesen. Das, was wir heute als Kultur verstehen und schätzen, sind kulturelle und zivilisatorische Errungenschaften, die uns moderne Menschen einem Römer der Kaiserzeit näher sein lassen, als einem Germanen in den Wäldern Germania Magnas.

Der Schrein Karls des Großen im Aachener Dom

Der Schrein Karls des Großen im Aachener Dom

Selbst die Nachfahren dieser Germanen standen diesem Römer näher als ihren eigenen Vorfahren – Karl der Grosse etwa, der größten Wert auf Bildung und Kultur legte, schuf ein Reich nach dem Vorbild Roms, ja nach der Translatio imperii, der im Mittelalter vorherrschenden politischen Theorie, die eine Sukzession von Weltreichen als Grundlage einer gottgewollten Ordnung propagierte, sah er sich selbst als legitimen Nachfolger und Erben der römischen Kaiser.

Viele Heiden heute tendieren etwa dazu, z.B. den frühen Germanen eine Kultur zu unterstellen, die sie dort wohl in der Form nicht hätten finden können, sehen aber in der Abwesenheit belegbarer Quellen für diese Kultur nicht deren schlichtes Nichtvorhandensein, sondern die Vernichtung durch die christlichen Missionare – eine mythische Weltsicht, die für sich Gut und Böse deutlich definiert, wenngleich auch eher durch Geschichtsdeutung als durch deren Studium begründet, dabei offen für willkürliche weitere Ergänzungen dieser angenommenen Kultur (wobei die Religion ein Teil davon ist).

Das christliche Relief an den Externsteinen, gerne als gefällte Irminsul gedeutet

Das christliche Relief an den Externsteinen, gerne als gefällte Irminsul gedeutet

In diesem Sinne werden die Externsteine zum nicht hinterfragbaren germanischen Kultplatz, die Runen zum magischen Werkzeug einer priesterlichen Eliteklasse nach Vorbild der Druiden (denen es im keltischen Spektrum ähnlich erging als Projektionsfläche für das, was man sich als keltische Kultur und Religion gerne vorstellt, in Ermangelung von Quellen, eine bequem beschreibbare Fläche für jedermann) oder dergleichen mehr.

Beschränkt man sich jedoch auf die historisch belastbaren Daten, dann verschwindet vieles von dem, was wir den Kelten oder Germanen als Kulturaspekte zuschreiben möchten, im Dunkel der Geschichte. Was bleibt, ist die gewachsene Kultur, die wir heute haben und die einerseits fest auf der Kultur der Römer basiert, andererseits über den Träger dieser Kultur nach der Transformation des römischen Reiches in der Spätantike über die dann vorherrschenden Germanenreiche zu uns gelangte – und dieser Träger ist das Christentum gewesen, genauer, die Römisch-Katholische Kirche.

Die organisierte Reichskirche bediente sich nicht nur oft der alten Tempel, die sie in christliche Kirchen umwandelte, oder im selben Stil als solche neu erbaute, sondern bewahrte auch das römische Rechtswesen, was im Frühmittelalter teilweise in Vergessenheit geriet, aber später in den Klöstern und durch kirchliche Juristen rezipiert wurde (unser BGB basiert auf diesem römischen Recht, wie es auch immer noch das Fundament der Rechtstradition und die Rechtssprache ganz Europas ist). Das Wissen der Antike, sei es bezüglich Medizin, Recht, Philosophie, Wissenschaft, Technik, Rhetorik etc, wurde in den Klöstern bewahrt und weitergegeben. Ein Teil dieses Wissens wurde auch auf der arabischen Halbinsel tradiert, im Zuge der Eroberung Alexandrias durch die Araber im 7. Jahrhundert, fand dann aber ebenfalls im Hochmittelalter seinen Weg in die Klöster Mitteleuropas, als durch die Kreuzzüge quasi ein erzwungener Kulturtransfer stattfand.

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Das Wissen der antiken Welt wurde im Scriptorium, der Schreibstube der Ordensgemeinschaften, handschriftlich und mit oft hoher Kunstfertigkeit aufgezeichnet und damit bewahrt.

Die christliche Theologie bediente sich der antiken Philosophie zur Entwicklung und Konsolidierung des eigenen Lehrgebäudes, vor allem Neuplatonismus und die Stoa wären hier zu nennen, und dachte die Gedanken ihrer Vorgänger weiter. Als liturgische Sprache und als Sprache der Gelehrten behielt Latein seine beherrschende Stellung und hat seine Bedeutung bis in unsere Tage bewahrt.

Schreibpult in einem Kloster (Musee de l'Abbaye, Echternach)

Schreibpult in einem Kloster (Musee de l’Abbaye, Echternach)

Es ist diese Mischung, über die Zeiten organisch zu einer geistigen Einheit gewachsen, aus römisch-heidnischer Kultur, Christentum und den Einflüssen der Kultur der in den Wirren der Völkerwanderung römisches Gebiet erobernden Germanen, bedeutungsgeschichtlich kulminierend im Reich der Karolinger, die das geprägt und geschaffen hat, was wir heute in Europa als unsere Kultur ansehen und in der wir leben.

Christliche Leitkultur – Sacra Publica?

Daß der Begriff der Leitkultur, der von dem Politologen Bassam Tibi in die politische Debatte um einen generellen Wertekonsens eingeführt wurde, allerdings noch als europäische Leitkultur verstanden, so schnell Eingang in die gesamtgesellschaftliche Diskussion gefunden hat – hier jedoch schnell zur deutschen Leitkultur verkürzt oder präzisiert, je nach Standpunkt – zeigt, daß wir durchaus gewohnt sind, in solchen Mustern zu denken.

Modell einer frühen Kirche in Irland (Musee d'Abbaye, Echternach)

Modell einer frühen Kirche in Irland (Musee d’Abbaye, Echternach)

Kultur ist wie bereits gesagt in den dynamischen Prozess der Geschichte eingebunden, es geht dabei um Austausch, um Aufnahme, aber auch um Abgrenzung und Orientierung. Zu jeder Zeit gibt es so etwas wie eine Momentaufnahme dieses Prozesses, die immer dann manifest wird, wenn man sich Gedanken über die, eine Gesellschaft in ihren Formen und Werten definierenden, Parameter macht.

Zu jeder Zeit wird man eine dann gültige Leitkultur ausmachen können, wobei es in dieser sicherlich über die Jahrhunderte hinweg kleinere Veränderungen gibt, aber die Tatsache, daß sich hier nicht etwas schlagartig verändert und von etwas ganz anderem abgelöst wird, macht den Charakter einer solchen kulturellen Grundlage für ein Land deutlich. Aus dem bisher Gesagten wird klar, daß das, was wir heute als europäische oder auch deutsche Kultur ansprechen können, geboren ist aus einer Melange von Einflüssen, wobei die hier einheimischen paganen Religionen ebenso eine Rolle spielten, wie der zivilisatorische Impuls Roms, die griechische Philosophie, die Christianisierung, die Aufklärung, der Humanismus und manche Dinge mehr.

Was Teil einer solchen organisch über die Zeiten gewachsenen Kultur ist, macht sich selbst bemerkbar als gestaltendes Element, als Aspekt einer Kultur, die dadurch etwas erhalten hat, was sie bis heute in entscheidender Weise prägt und auf das sie deswegen nicht ohne weiteres verzichten kann. Aus diesem Grunde ist es auch so unsinnig davon zu sprechen, daß „der Islam zu Deutschland gehört“, denn abgesehen von einer völligen Unschärfe des Begriffs an sich („den“ Islam wird man kaum finden können), gehört der Islam nicht zu den Einflüssen, die unsere Kultur geformt haben, er ist unserer Kultur fremd – was die offensichtliche Inkompatibilität der den jeweiligen Kulturen zugrundeliegenden Werte bezeugt.

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Gottfried Herder spricht vom Principium der Tradition: „Hier also liegt das Principium zur Geschichte der Menschheit, ohne welches es keine solche Geschichte gäbe. Empfinge der Mensch alles aus sich und entwickelte es abgetrennt von äußern Gegenständen, so wäre zwar eine Geschichte des Menschen, aber nicht der Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts möglich. Da nun aber unser spezifische Charakter eben darin liegt, daß wir, beinah ohne Instinkt geboren, nur durch eine lebenslange Übung zur Menschheit gebildet werden, und sowohl die Perfektibilität als die Korruptibilität unsres Geschlechts hierauf beruhet, so wird eben damit auch die Geschichte der Menschheit notwendig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Geselligkeit und bildenden Tradition vom ersten bis zum letzten Gliede.“

Auch wenn die Mehrheit der Bürger, sowohl in den europäischen Ländern generell, wie auch in Deutschland im besonderen, nicht mehr als „christlich“ im Sinne einer gefestigten religiösen Bindung anzusprechen sein dürfte, ändert das nichts an der Tatsache, daß die Mehrheit zumindest kulturelle Bindungen an das Christentum – ganz egal auf welche Konfession bezogen – hat und sich dieser mal mehr, mal weniger bewußt ist.

Wenn Menschen kirchlich heiraten, obwohl sie sonst überhaupt nichts mit der Kirche zu tun haben, sich gar selbst als nicht religiös bezeichnen, aber äußern, es „würde etwas fehlen“, wenn man nur zum Standesamt geht, zeigt sich eine solche kulturelle Prägung. Viele Leute werden kirchlich beerdigt, obwohl weder sie selbst, noch ihre Angehörigen Christen dem theologischen Verständnis nach sind. Man geht mit der Familie zu Weihnachten in die Kirche, auch wenn man sonst vielleicht das ganze Jahr über nicht ein einziges mal dort war.

Man kennt die Geschichten, die man sich seit frühester Zeit von Jesus aus Nazareth erzählt, auch wenn man selber nie ein Neues Testament zur Hand genommen hat. Man schüttelt den Kopf und fühlt sich irgendwie unwohl, wenn auf einmal von gewisser Seite propagiert wird, man solle bitte sehr den Weihnachtsmarkt doch lieber „Wintermarkt“ nennen, oder wenn in den Niederlanden überlegt wird, Ostern als Feiertag abzuschaffen und stattdessen das islamische Zuckerfest zu einem solchen zu machen. Die Piraten strandeten hierzulande auch schon einmal mit der Idee, gleich alle christlichen Feiertage abzuschaffen, weil ach so unzeitgemäß in einer multikulturellen Gesellschaft. Ohne dies jetzt weiter auszuführen, bleibt der Umstand, daß wohl die Mehrheit der Bürger solche durchaus im kirchlich-christlichen Bereich verwurzelten Aspekte als Teil ihrer Kultur sehen und schätzen und dementsprechend auch schützen wollen, daß wir also in einer Gesellschaft leben, die sehr stark kulturell-christlich geprägt ist.

Im alten Rom war dies nicht anders, auch dort gab es eine relativ eindeutig definierte römische Kultur, die die Identität der Bürger bis in die Provinzen hinein bestimmte.

Der offizielle Staatskult, war dabei ein integraler Teil dieses kulturellen Selbstverständnisses und er wurde durch die Sacerdotes vollzogen. Ein sacerdos publicus populi Romani Quiritium (öffentlicher Priester des römischen Volkes der Quiriten) gehörte zu den amtlich anerkannten und im Auftrag des Staates tätigen Kultbeamten, welche für den Pax Deorum verantwortlich waren. Genau geregelte Kultvorschriften für die Durchführung der Opferhandlungen waren hier ebenso relevant, wie die Auspizien, die Deutungen des Willens der Götter, um einerseits Frieden und Wohlstand für das Imperium zu gewährleisten, aber auch durch die Teilnahme etwa an öffentlichen Prozessionen und Kulthandlungen den einzelnen Bürger in die Gemeinschaft zu integrieren und diese Gemeinschaft für das Individuum als tragende Basis erkennbar und erlebbar werden zu lassen.

Kaiser Augustus, capite velato, in seiner Funktion als Pontifex Maximus

Kaiser Augustus, capite velato, in seiner Funktion als Pontifex Maximus

Verbunden wurde dies später mit einem Bekenntnis zur öffentlichen Ordnung, durch das Opfer für den Kaiser, der als staatliches Oberhaupt wie auch als Pontifex maximus, also als oberster Sakralbeamter, politisch wie religiös der Gemeinschaft vorstand. Im 4. Jahrhundert legten die christlichen Kaiser diesen Titel wegen der engen Verbindung zum paganen Kultus ab, ab dem 6. Jahrhundert ist es wieder der Titel eines höchsten Priesters – als der offizielle Titel des Oberhauptes der Katholischen Kirche, des Papstes.

Die Toleranz der Römer in Bezug auf die religiösen Vorstellungen oder Kulte war der Grund, daß es keine Einmischung des Staates in private religiöse Angelegenheiten gab. Oberste Maxime war jedoch die Bedingung, daß alle im Reich die öffentliche Ordnung unterstützten (eine Grenze die, wie schon erwähnt, von manchen Mysterienkulten durch diverse Aktivitäten überschritten wurde – was schnell und rigoros unterbunden wurde) und der Staatskult als einigendes Band akzeptiert wurde – er war so sehr mit der Idee des Imperium verbunden, das sich unter den Schutz der Götter gestellt hatte, auch später mit dem Kaiserhaus, daß eine Abwendung, resp. Störung dieses offiziellen Kultes nicht akzeptiert wurde.

Der Grund für die Probleme mit den Christen im Reich war deswegen auch nicht deren Religion, die, wie bereits ausgeführt, wenig Auffälliges beinhaltete für einen Heiden der damaligen Zeit, sondern die Weigerung der Christen, das Kaiseropfer durchzuführen. Aus den Quellen wird deutlich, daß es den römischen Verantwortlichen, die sich in der Folge mit diesen zunehmenden Ablehnungen durch Christen, sich als Teil der Gemeinschaft zu bekennen, zu befassen hatten, nicht darum ging, was ein Christ glaubte oder beim Opfer dachte oder fühlte – es ging ausschließlich um das Darbringen von Weihrauch als Zeichen der Anerkennung des Kaisers – und übertragen der Basis der Ordnung im Reich, da der Kaiser die Reichseinheit symbolisierte.

Die Gemma Augustea zeigt die Apotheose, d.h. die Vergöttlichung (

Die Gemma Augustea zeigt die Apotheose, d.h. die Vergöttlichung („Himmelfahrt“) von Kaiser Augustus (Kunsthistorisches Museum Wien)

Interessanterweise gab es eine Ausnahme von dieser Regel – den Juden wurde dieses Kaiseropfer in aller Regel nicht abverlangt, was daran lag, daß die Römer einen tief empfundenen Respekt vor altehrwürdigen Traditionen hatten und aus demselben Grund, warum sie dies als Grundlage ihres Reiches gerade im Kultus und seiner Bedeutung ausdrückten, erließen sie den Juden dies – die jüdische Religion war durch ihr Alter und durch die Tatsache geadelt, daß ihre Bekenner ihr schon so lange getreu folgten. Die Christen, die allenfalls als jüdische Sondergruppe galten, wenn sie überhaupt noch als im Judentum stehend gesehen wurden und nicht als einer von vielen Kulten im Reich, hatten nicht diesen Bonus des Alters ihrer Tradition – sie galten als neu auf der Bildfläche erschienene Gruppe und hatten sich den Gepflogenheiten zu fügen, die für die Mehrheit im Imperium galt.

Für unsere Zeit lässt sich demnach aus der Perspektive des römischen Rekonstruktionisten leicht erkennen, das sich die Sacra Publica durch historisch bedingte Veränderungen wandeln kann. Bestimmte Gottheiten wurden mal mehr, mal weniger wichtig in diesem offiziellen Kult, einstmals fremde Götter wurden hineingeholt in die heimische Religion und erlangten oft gerade für den Staat und die Gemeinschaft eine große Bedeutung (z.B. Mater Magna oder Isis). Im 4. Jahrhundert ist das Christentum weitgehend geduldet, anfangs gefördert durch die christlichen Kaiser, die nun diesen neuen Kult verkörperten, aber die paganen Kulte waren davon eine geraume Zeit nicht betroffen – die Bürger konnten ihrer Sacra Privata weiter nachgehen, auch war die Abgrenzung von Christentum zum Heidentum oft unscharf.

Der Gott Sol Invictus, 2. Jahrhundert (Britisches Museum, Foto von I, Sailko)

Der Gott Sol Invictus, 2. Jahrhundert (Britisches Museum, Foto von I, Sailko)

Kaiser Flavius Valerius Constantinus (Konstantin der Große) war ursprünglich ein glühender Verehrer des Sol Invictus und es spricht viel dafür, daß er in Christus eine Manifestation dieses Gottes sah.

So ist auch der durch sein Gedicht Mosella bekannte Schiftsteller Decimus Magnus Ausonius zwar Christ gewesen, in seiner Position als hoher Staatsbeamter wurde das zu der Zeit erwartet, aber sein Werk verrät doch eine starke Nähe zum Heidentum und die alten Götter spielen dort eine wesentlich gewichtigere Rolle, als der christliche Erlöser.

Diese Deutung des Christentums durch die „heidnische Brille“ wird die ersten Jahrzehnte nach der offiziellen Erhebung des Christentums zur Staatsreligion generell üblich gewesen ist, so daß hier Christus als einer von vielen möglichen göttlichen Ansprechpartnern verstanden wurde.

Unter dem oströmischen Kaiser Theodosius I. wurde 380 das Christentum als Staatsreligion und damit als Sacra Publica im Römischen Reich etabliert, wobei auch die paganen Kulte nunmehr dem Ausschließlichkeitsdenken des Christentums geschuldet, Zug um Zug verboten und öffentliche heidnische Opfer unter Strafe gestellt wurden – was selbstverständlich auch nicht über Nacht das änderte, was die Menschen zu Hause glaubten oder praktizierten.

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Kaiser Marcus Aurelius opfert als Pontifex maximus dem Jupiter Capitolinus als Dank für den Sieg und den Schutz des Reiches

Festzuhalten bleibt, römisch ist also einerseits die Trennung von Sacra Publica und Sacra Privata, aber auch die Identifizierung der Ordnung, der Kultur mit dieser Sacra Publica.

Ähnlich wie zuerst die Ablehnung des paganen Staatskultes in christlichen Kreisen zu Irritationen in der Gemeinschaft und schließlich zu einer Ausgrenzung führte, so wurde später eine pagane Ablehnung des offiziell christlichen Reiches ebenso problematisch – in beiden Fällen wurde eine Aufweichung der kulturellen Einheit gefürchtet und – abgesehen von der staatlichen Sanktionierung in späteren Jahren – blieb diese Identifizierung mit der die gesamte Gesellschaft repräsentierenden Religion das anzustrebende Ziel – als Garant für die Orientierung des Individuums basierend auf der kulturellen Einheit der Gesellschaft.

Aus dieser römischen Perspektive heraus macht es deswegen wenig Sinn, wenn Heiden heutzutage eine Art umgekehrte Kreuzzugsmentalität an den Tag legen, einfach weil dies die Mehrheitsgesellschaft irritiert und die eigene Marginalisierung zementiert. Auswüchse wie Beschädigung von Kirchen, von Denkmälern (man erinnere sich an das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar oder das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen) oder T-Shirts mit platten „Odin statt Jesus!“-Parolen sind wenig hilfreich, wenn es darum gehen soll, das man gesamtgesellschaftlich bekennende Heiden positiv wahrnimmt.

Daß wir in einer christlichen Kultur leben, lässt sich nicht leugnen, aber dies ist historisch fest gewachsen – davon zu träumen, das in diesem – oder irgendeinem anderen Land – heidnische Kulte wieder zu der Präsenz finden könnten, die sie vor 2000 Jahren ausübten, ist abwegig, verkennt die Impulse, die die Christianisierung gefördert haben und führt zu einer Blockierung der Kräfte, die man anderweitig für die Wahrnehmung des Heidentums als Alternative sinnvoller nutzen könnte.

Christentum und Sacra Privata

Nach diesen Ausführungen, in denen deutlich gemacht werden sollte, daß ein Bekenntnis zum Heidentum heute weder einhergehen muss mit einer verqueren ideologisch geprägten Geschichtsdeutung, noch mit der Utopie eines auf breiter gesellschaftlicher Ebene wieder akzeptierten und damit etablierten Kultes, bleibt natürlich die Frage nach der praktischen Umsetzung resp. danach, welche Rolle das Christentum für heute lebende Heiden spielen kann. 

Es geht auch unverkrampft: 2 Jupiter-Weihealtäre stehen in der Kirche in Remagen. Sie wurden darunter bei Renovierungsarbeiten entdeckt.

Es geht auch unverkrampft: 2 Jupiter-Weihealtäre stehen in der Kirche in Remagen. Sie wurden bei Renovierungsarbeiten darunter entdeckt.

Letztendlich stellt sich dies aber weniger theoretisch dar, als man auf den ersten Blick meinen möchte.

Der Umstand etwa, das wir heute sehr viele Kirchen und Kathedralen dort stehen haben, wo in alter Zeit ein paganer Tempel stand, kündet von einer ungebrochenen „lokalen Tradition“ der Verehrung und von der kontinuierlichen Relevanz des Genus loci im Verständnis der Menschen.

Daß die Darstellung der christlichen Mutter Gottes bis heute die Form hat, in welcher eine der wichtigsten heidnischen Muttergottheiten – Isis – in Statuen und Reliefs zu sehen war, ist lange bekannt. Stellt man zwei Figuren nebeneinander, eine davon Isis mit dem Horusknaben, die andere Maria mit dem Jesuskind, man wird keinen wesentlichen Unterschied feststellen können – und dies war auch ganz genauso gedacht, als man die für die Menschen so wichtige Göttin nach der Christianisierung nicht einfach ignorieren konnte. Es kommt nicht von ungefähr, das dem Katholizismus oft von protestantischer, oder evangelikaler Seite vorgeworfen wird, eine Vermischung mit dem Heidentum zu sein…

St. Michael, einer der beliebtesten Heiligen (Kirche in Walferdange, LU)

St. Michael, einer der beliebtesten Heiligen (Kirche in Walferdange, LU)

Auch die katholische Tradition der Heiligenverehrung hat hier ihren Kern – viele der christlichen Heiligen haben nicht nur mit ihrer Kapelle ehemalige Tempel von paganen Gottheiten ersetzt, sondern sie werden ebenso wie die Götter für ganz bestimmte – oft recht diesseitige Anliegen – angerufen. Heilige im katholischen Verständnis haben oft ebenso detaillierte Aufgabenbereiche, wie die Götter im Heidentum und sie übernahmen sehr oft auch die Attribute und Symbole der Götter, die sie ersetzten, ja man kann durchaus davon sprechen, das sie teilweise ihre Identität annahmen. Heilige übernahmen eine Schutzfunktion von Personen, von Ständen, Berufsgruppen oder Städten, ganz genauso wie es ein solches göttliches Patronat im Heidentum gab.

Katholische Heiligenverehrung unterscheidet sich grundsätzlich nicht von der Verehrung der göttlichen Wesen in polytheistischen Religionen. Die Theologie mag differenzieren zwischen der

Katholische Heiligenverehrung unterscheidet sich grundsätzlich nicht von der Verehrung der göttlichen Wesen in polytheistischen Religionen. Die Theologie mag differenzieren zwischen der „Dulia“, der Verehrung der Heiligen, der „Hyperdulia“, der gesteigerten Verehrung, die nur der Gottesmutter zukommt und der „Latrie“, der Anbetung Gottes…für die Volksreligiosität spielt all das keine Rolle (Kirche in Bech-Kleinmacher, LU)

Sankt Blasius ist zuständig für Erkrankungen der Atemwege, Santa Lucia ist zuständig für Augenleiden. Der heilige Thomas von Aquin wurde zum Schutzpatron der Studenten. Die heilige Monika beschützt Mütter, der heilige Sankt Florian wird gegen Feuer angerufen, der heilige Franz von Assisi ist der Patron für die Tiere, der heilige Sankt Josef der Schutzheilige der Zimmerleute und Tischler. Die heilige Barbara ist die Schutzpatronin der Bergleute. Unsere Liebe Frau von Aparecida wird in der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis als Schutzpatronin Brasiliens und der Meere und Flüsse verehrt, Unsere Liebe Frau von Guadeloupe ist die Patronin für Mexiko usw. usf..

Die christlichen Wegekreuze ersetzten die kleinen Andachts- und Opferstätten für die Genien, die Festtage der Götter wurden oft zum Datum für die christlichen Heiligenfeste und es gab eine starke Vermischung im Heiligenkult mit Einflüssen des älteren Heroen – und Ahnenkultes.

Das, was uns so typisch katholisch erscheint und oft eine besondere Atmosphäre in den Kirchen erschafft, die man in evangelischen Kirchen vermisst – Kerzenschein, Räucherungen mit Weihrauch, viele Altäre für diverse Heilige, aber auch die Prozessionen, die Statuen mitführen, Flur- oder Bittprozessionen um göttlichen Beistand zu erbitten, Wallfahrten zu einer ganz besonderen Erscheinungsform der Mutter Gottes etc. – all dies kommt mehr oder weniger ungefiltert aus der römisch-heidnischen Antike und ein Römer hätte an einer katholischen Prozession, die eine Figur der Maria mit Kind mit sich führt, ohne Probleme teilnehmen können – solche heiligen Umzüge, die die Göttin Isis durch die Strassen trug, waren ihm wohlbekannt. 

Die kapitolinische Trias: Jupiter, Juno und Minerva

Die kapitolinische Trias: Jupiter, Juno und Minerva

Die heidnische Staatsreligion des Römischen Reiches kannte seit langer Zeit eine Göttertrias, die verehrt wurde – die kapitolinische Trias bestehend aus Jupiter Optimus Maximus, Juno Regina und Minerva. Vor dieser Zeit herrschte die sog. archaische Trias, bestehend aus Jupiter, Mars und Quirinus. Ein Dreigestirn aus Gottheiten als Zentrum des offiziellen Kultes war also seit langer Zeit Teil der Religion, so daß die Lehre der Trinität/Dreifaltigkeit, die Vorstellung, daß das Göttliche aus drei Personen besteht, die im 4. Jahrhundert bereits entwickelt war, bis auf die verwendeten Namen keine wirkliche Veränderung mit sich brachte. Auch die Tatsache, daß manchem heute etwa die theologischen Ausführungen zur Dreifaltigkeit schwer verständlich erscheinen, kommt eher daher, das man von einer polytheistischen Vorstellung Abschied genommen hat – aus paganer Sicht ist an einer solchen Idee wenig Ungewöhnliches. 

Kultbilder und Altäre wurden oft nicht zerstört, sondern in christliche Andachtstätten „umgeweiht„, alte Riten, Votivgaben, heilige Quellen und Brunnen und dergleichen wurden in die christliche Praxis integriert – was früher die Interpretatio Romana war, wurde nun als Interpretatio Christiana der Weg, das was den Menschen bekannt und wichtig war, auch in einer neuen Zeit unter abgewandelter Form beizubehalten. Die Kirche akzeptierte damit im Grunde die in der Bevölkerung verwurzelte – genuin pagane – Einstellung, göttliches Wirken an bestimmten Orten besonders stark wahrzunehmen. So gab denn auch Papst Gregor der Große (589-604) die Anweisung, die Tempel der Heiden nicht zu zerstören, sondern in christliche Kirchen umzuwandeln, das Tempelgebäude (fanum) war weniger ein Problem für die Christen als das Götterbildnis (idolum):

„Man besprenge mit Weihwasser die Tempel, man errichte Altäre und lege Reliquien hinein. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so muss man sie vom Götzendienst zur wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es sieht, dass seine Kirchen nicht zerstört werden, von Herzen den Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne und so lieber sich an den Stätten versammle, an die es gewöhnt war.“

Manche Heilige werden auf sehr spezifische Weise verehrt. So bringt man dem

Manche Heilige werden auf sehr spezifische Weise verehrt. So bringt man dem „Apfelheiligen“ Hermann Josef im Kloster Steinfeld in der Eifel einen Apfel mit

Diese Vorgehensweise erscheint nun aber auch der geeignete Weg zu sein, in einer Art angewandten Interpretatio Pagana diese alten Stätten der Verehrung, diese lokale Tradition religiösen Lebens, welche sich auf die Heiligkeit des Ortes bezieht, nicht auf Gebäude und Bildnisse, wieder zurückzuholen in den heidnischen Kontext, aus dem sie ursprünglich stammt.

Ebenso wie Papst Gregor begriffen hatte, daß man die Bevölkerung nicht für etwas gewinnen kann, wenn man ihnen all das nimmt, was ihnen wichtig ist, wenn man die Menschen entfremdet und vor den Kopf stößt, wenn man aggressiv auftritt, so ist dies auch heute kaum eine ideale Vorgehensweise, um den Menschen die Alternative des Heidentums als spirituellen Weg deutlich zu machen – gerade weil man darauf hinweisen kann, es handelt sich um eine alte Tradition, die nur unwesentlich an der Oberfläche verändert wurde, sollte man sich dieser historischen Entwicklung als Diskussionsbasis nicht verschließen. Dies erlaubt es, heidnisches Leben in die Mehrheitsgesellschaft hineinzutragen, ohne diese zu irritieren und knüpft organisch an die seit Tausenden von Jahren bestehende Tradition an. 

Das Anzünden von Kerzen vor den Bildnissen der Götter und Heiligen ist ein genuin römischer Brauch

Das Anzünden von Kerzen vor den Bildnissen der Götter und Heiligen ist ein genuin römischer Brauch (Kirche Bad Münstereifel)

Aus diesem Grunde kann man gerade als römischer Rekonstruktionist katholische Kirchen als das sehen, was sie immer waren – Tempel, Orte zur Verehrung einer göttlichen Präsenz, die oft an eben diesem Platz als besonders wirksam erfahren wurde – und auch wohl immer noch wird.

Kerzen anzuzünden vor dem Bild der Gottesmutter oder vor einem Heiligen, ist eine Tradition, die aus heidnischer Zeit bis heute überlebt hat, so das es für jeden Heiden ein recht natürlicher Ausdruck seiner Spiritualität sein sollte – zumindest spricht mehr dafür als dagegen, sich in diesem rituellen Rahmen an ehrwürdigem heiligen Orte heimisch zu fühlen.

Der Brauch, sich in katholischen Kirchen beim Eintritt und Austritt mit Weihwasser zu bekreuzigen, ist ebenfalls ein ursprünglich römischer und griechischer Brauch – abgesehen von der Form des Kreuzzeichens. Man kannte Weihwasserbecken zur Segnung sowohl in Privathäusern wie Tempeln, so daß es die Beachtung einer alten paganen Tradition ist, sich diesem Brauch bei einem Kirchenbesuch anzuschließen.

Das Weihnachtsfest – was die Kirche am Tag der Geburt des Sol Invictus, also am alten paganen Festtag feiert -, oder die Osternacht, die als Frühlingsfest immer noch eng verknüpft ist mit der Tag- und Nachtgleiche, zusammen mit der Familie als gemeinschaftliches Erlebnis in der Messe (wobei hier dem traditionellen lateinischen Ritus der Vorzug gegeben werden sollte, da er den paganen Opfergedanken noch betont) rituell zu begehen, um sich kultisch einzustimmen, ist eine sinnvollere (und von der Einstellung her genuin römisch-heidnische) Entscheidung, als diese Festtage zu apologetischen Grundsatzdiskussionen zu nutzen und etwa den gemeinsamen Kirchenbesuch zu verweigern, um „ein Zeichen zu setzen“. 

„Schrein“ am Wegesrand an der Genovevaburg in Mayen, sogar nach originär römischem Brauch bunt bemalt

Vor dem Hintergrund also der Tatsache, daß das Christentum als römische Mysterienreligion angesprochen werden kann, daß viele der Riten, Zuordnungen und Bilder direkt aus dem Heidentum übernommen wurden, viele Kirchen dort stehen, wo früher schon Tempel standen, das zentrale Kultmysterium der Kirche eine Variation des bekannten paganen Soter, des göttlichen Heilandes, ist und diese alte Botschaft aus heidnischer Zeit auch heute in den Jahresfestkalender der katholischen Kirche eingebunden ist, gibt es keinen Grund, dieses für unsere Kultur prägende Element als Heide abzulehnen oder sich selbst aus diesem Kontext auszuschließen.

Auch wenn es, wie schon bemerkt, in alter Zeit durchaus vorkam, das man etwa eine Christus-Darstellung in das Lararium aufnahm und diesen Soter-Gott neben anderen im Cultos domesticus verehrte, so mag dies heute eher Verwirrung stiften, als helfen, wenn es darum geht, ein heidnisches Profil zu konkretisieren.

Allerdings erscheint eine Integration an den Orten, wo wir heute eben die großen Kathedralen oder auch nur kleine Kapellen stehen haben, als die natürliche Reaktion aus heidnischem Geiste heraus und lässt uns einerseits anknüpfen an das Erbe unserer Vorfahren, genau in der Weise, wie diese selbst an ihre Altvorderen angeknüpft haben, eröffnet andererseits aber auch Möglichkeiten zum Dialog, was nicht unterschätzt werden sollte.

Das diese „Tradition der Formen“, um es einmal so zu nennen, diesen Dialog und diese gemeinsame Basis heute ermöglicht, liegt an der römischen Einstellung zur Religion an sich.

Man kann als römischer Heide die alten Formen ehren und nutzen, die alten Riten und Bilder auch in ihrer christianisierten Form als bereichernd empfinden und sogar daran teilnehmen – ohne daß man die theologischen Ausführungen, das Lehrkonzept, also all das was die Kirchen diesen alten Formen unterlegt haben, akzeptieren muss.

Auch wenn es bei genauem Hinsehen so ist, daß selbst in der Theologie sich vieles aus dem Heidentum und der sich in paganer Zeit entwickelnden Philosophie, übernommen wurde, also auch inhaltlich nicht alles aus heidnischer Sicht abzulehnen wäre, so ist der entscheidende Punkt aber, das dies keine Relevanz hat. Dieser grundsätzliche Ansatz der Religio Romana führt auch dazu, daß aus heidnischer Sicht durchaus Unterschiede bestehen zwischen den christlichen Konfessionen.

Religion definiert sich demnach durch und über den Ritus, der nach römischem Verständnis das zentrale Element des Kultes war. Überall dort, wo ein rituelles Geschehen quasi aus der Religion verbannt wurde, wurde sie nach römischem Verständnis an sich abgeschafft.

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Schematische Darstellung der „Trinitas“, der Wesenseinheit Gottes in drei Personen oder Hypostasen, nicht drei Substanzen.

Wer heute in eine protestantische Kirche geht, spürt dort nichts – es ist ein Raum geschaffen durch die Wände, die ihn bilden, es ist keine Präsenz des Ortes, die dort manifest werden würde, es ist kein heiliger Raum.

Anders die Atmosphäre in einer katholischen oder orthodoxen Kirche, hier wird Räumlichkeit erfahrbar, welche die Wände des eigentlichen Raumes transzendiert, es ist heiliger Raum, erfüllt und belebt von den Riten, die dort abgehalten werden.

Auch die Frage etwa nach der Qualität der Form des Ritus lässt sich aus heidnischer Sicht leicht beantworten, denn die Messe, wie sie die katholische Kirche im Zweiten Vatikanum definiert hat – als Mahl, nicht als Opfer; am Altar-Tisch zelebriert, nicht mehr am als Opferaltar verstandenen Hochaltar; der Priester als Teil der Gemeinde, dieser zugewandt – und nicht mehr als für sie sprechend und -opfernd in Richtung des Hochaltars, dem symbolischen Golgatha; der Ritus in der jeweiligen Landessprache, nicht mehr in der lateinischen Sakralsprache zelebriert – wirkt aus römisch-paganer Sicht als Absage an das eigentliche Kultmysterium der Kirche.

Natürlich kommt dies aus dem Unwohlsein der Christen, sich mit einem als historisch verstandenen „Menschenopfer“ identifizieren zu können und ist damit die Folge der unheilvollen Historisierung des alten paganen Mythos des sterbenden und auferstehenden Gottes.

Auch hier können Heiden ansetzen, um deutlich zu machen, das eine mythische Bildersprache die einzige Form ist, wie man von spirituellen Dingen überhaupt sinnvoll reden kann.

Fazit

Natürlich werden Christen und wohl auch viele Heiden, die das Christentum als Feindbild nicht aufgeben möchten oder können, das anders sehen und diesem hier skizzierten Ansatz nicht folgen können. Für die Mehrheit mag unser Artikel also allenfalls Denkanstösse liefern, für manchen aber hoffentlich auch eine Alternative zu ideologisch festgefahrenen Positionen bieten. 

So ein stimmungsvoller Kultraum gefällt auch römischen Heiden (Abtei Maria Laach, 2014)

So ein stimmungsvoller Kultraum gefällt auch römischen Heiden (Abtei Maria Laach, 2014)

Die oft proklamierte Einzigartigkeit, diese Sonderstellung des christlichen Glaubens gehört für viele – Christen wie Heiden – untrennbar zu dieser Religion dazu und diese Einstellung, neben der Historisierung des Mythos, war es, welche letztlich das Christentum von den es umgebenden heidnischen Religionen trennte, nicht die Bilder und die Botschaft – aber genau deswegen bietet sich Heiden in unserer Zeit hier eine Möglichkeit, diese urheidnische Botschaft zurückzuholen in den Kontext eines umfassenden paganen Verständnisses und damit sowohl eine Brücke zu bauen in die Vergangenheit, wie auch in die Gegenwart der uns umgebenden christlichen Leitkultur.

Diese spezifische Sichtweise, die – das sei zugestanden -,  aus bestimmten Gründen heraus Anhängern der Religio Romana leichter fallen mag, als Vertretern anderer paganer Traditionen, löst das moderne Heidentum nicht nur aus der Verstrickung mit längst überholten ideologischen Ideen, befreit es von der selbstgewählten Rolle des Reaktionskultes und ebnet den Weg zu einer, die tatsächliche historische Entwicklung berücksichtigenden, Selbstwahrnehmung, sondern tilgt auch die so oft anzutreffenden Minderwertigkeitskomplexe, die sich im Auftreten mancher Heiden spiegeln.

Mosaik: Jesus und Pontius Pilatus (Klosterruine Heisterbach, 2014)

Mosaik: Jesus und Pontius Pilatus (Klosterruine Heisterbach, 2014)

Anstatt sich als „ewig Entrechtete“ durch Missachtung und/oder Falschdarstellung marginalisierte gesellschaftliche Randgruppe zu verstehen, die heute noch einen aussichtslosen Kampf gegen schon lange verstorbene christliche Missionare führt und gegen eine wie auch immer vorgestellte geistige Überfremdung antritt, sollte sich das Heidentum, das sich auf die paganen Traditionen beruft, die auf europäischem Boden gewachsen sind, als Quelle der christlichen Botschaft und oft genug auch der christlichen Rituale, wiedererkennen.

Man hat uns nichts gewaltsam entrissen, uns unserer Identität beraubt und etwas „Fremdes“ übergestülpt, sondern die Geschichte ist eine sich dynamisch verändernde Abfolge von miteinander und aufeinander wirkenden Kräften und jede Generation ist gleichermaßen Resultat, wie Mitwirkender an diesem Prozess. Wir können weder die Entscheidungen der Altvorderen ändern, noch womöglich exakt ihre Beweggründe und Gedanken kennen, die zu der Geschichte geführt haben, in der wir stehen – aber wir können diese Geschichte als auf ihrem Leben basierend respektieren und von dort aus konstruktiv weitermachen und unsere Ideen, Gedanken und Werte mit einfließen lassen in diesen Prozess und das sowohl als Christen, wie auch als Heiden – wobei für beide Seiten gilt, es wird nur denen gelingen, die einer objektiven Betrachtung des Christentums im Kontext des religiösen Umfeldes des Imperium Romanum zugänglich sind.

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

 Goethe, West-östlicher Divan

Artikel © D. Gratius Ludovicus, 03/2015

Artikel © D. Gratius Ludovicus, 03/2015

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4 Kommentare

  1. Thomas Jüttner sagt:

    Auf Ihre Webseite bin ich über die Suche mit den Stichworten Christentum und Mysterienreligion gekommen. Ihre Darstellung ist bis jetzt das Beste, was ich im Internet zu diesem Thema gefunden habe. Wo Licht ist, ist auch Schatten, heißt es, und deshalb erlaube ich mir einige Anmerkungen zu Teilen Ihrer Ausführungen.

    Die Zeit um Christi Geburt war eine Zeit des religiösen Umbruchs. Sämtliche damals praktizierten Religionen waren Opferkulte, auch das Judentum. Mit dem Ende der Antike und dem Beginn des von uns so genannten Mittelalters waren diese alle verschwunden und durch Buchreligionen ersetzt (Religionen, die sich auf eine heilige Schrift berufen), mit einer Ausnahme: dem Judentum. Der Grund für das Überleben des Judentums liegt darin, dass diese Religion von Anfang an auch eine heilige Schrift hatte und dass der Opferkult auf den Jerusalemer Tempel beschränkt war. Mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 musste sich diese Religion neu ausrichten und wurde so zur reinen Buchreligion.

    Auch wenn einige Mysterien bereits älter waren (z.B. Eleusis), so muss man doch zugeben, dass deren Popularität um die Zeitenwende stark zunahm. Dies zeigt meines Erachtens das die traditionellen Opferkulte die religiösen Bedürfnisse vieler nicht mehr befriedigen konnten, in Rom ebenso wie in Athen oder in Alexandrien.
    Dass aus der Vielzahl an Weltanschauungen und Religionen sich gerade das Christentum letzten Endes durchsetzen konnte, mögen einige auf göttliche Fügung, andere auf politische Maßnahmen zurückführen oder gar für puren Zufall halten. Klar ist: die Zeit war einfach reif für einen solchen Umbruch, und so groß die kaiserliche Macht auch war, sie hätte doch nicht ausgereicht, den Bewohnern des Imperium Romanum gegen ihren Willen eine neue Religion aufzuzwingen. Zwar ging dies nicht völlig friedlich und gewaltfrei von statten, man kann sogar von einer Heidenverfolgung sprechen, die der früheren Christenverfolgung wohl kaum nach stand. Auch dürften nicht wenige nur um der persönlichen Karriere willen sich haben taufen lassen und innerlich Heiden geblieben sein. Dass aber die Bevölkerung des Imperiums insgesamt zwangsweise christianisiert wurde, kann niemand ernsthaft behaupten (evt. war das bei den germanischen und slawischen Völkern anders, wenn der Häuptling sich taufen ließ musste das Volk es ihm nachtun).

    Diese Akzeptanz, und hier stimme ich Ihnen zu, ist wesentlich darauf zurück zu führen, dass das Christentum viele, den Menschen aus ihren Religionen und aus der Philosophie bekannten, Elemente beinhaltete. Dazu gehören neben den Mysterienkulten auch die stoische Kosmologie (aus einer transzendenten Gottheit geht durch eine Abspaltung (Hypostase) der Logos (= die sichtbare Welt) und der Nous (= Geist, = die die Welt durchwaltende göttliche Vernunft) hervor. Diese abstrakten philosophischen Prinzipien wurden in Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist personifiziert. Aus dem Platonismus stammt der (unselige) Leib-Seele-Dualismus, der zusammen mit den gnostischen Einflüssen die christliche Leib- und Sexualfeindlichkeit geprägt hat.

    Nicht zustimmen kann ich Ihrer Einschätzung, was den römischen Einfluss angeht. Römische Einflüsse wurden im Christentum erst zu einem relativ späten Zeitpunkt wirksam. Die maßgeblichen Einflüsse kommen aus dem Judentum und aus dem Hellenismus. Vor allem der jüdische Aspekt kommt in Ihrer Darstellung deutlich zu kurz.
    Ich denke wir sind uns einig, dass der Diasporajude Saulus / Paulus der eigentliche Religionsgründer war. Widersprechen möchte ich, dass der Titel „Sohn Gottes“ sich nicht mit dem Monotheismus des Judentums vereinbaren lässt. Denn jeder israelitische König wurde als Sohn Gottes bezeichnet (im Sinn einer Adoption). Der zweite Psalm ist das Gebet, das anlässlich einer Königskrönung gesprochen wurde. Ebenso wie die alten Könige, so ist der Messias ein von Gott erwählter politischer Anführer, also ein Mensch. Nur so lässt sich erklären, dass nach Jesu Tod nicht einer der Jünger zum Anführer der Bewegung wurde, sondern Jesu Bruder Jakobus, obwohl dieser nie als Jünger in Erscheinung trat, ja seinen Bruder sogar für verrückt erklärt hatte. Jakobus wurde zum Anführer, weil auf diese Weise ein Herrschaftsanspruch innerhalb der Familie weitergegeben wurde.

    Paulus wollte mit dieser rein jüdischen Jesus-Messias-Bewegung das Judentum insgesamt zur Mysterienreligion weiterentwickeln und somit für einen größeren Kreis akzeptabel machen. Er ist damit gescheitert, weil sein Vorhaben von jüdischer Seite auf breiter Front abgelehnt wurde. Dieser Bruch ist nicht erst im Jahr 100 geschehen, sondern deutlich früher, wie man leicht in der Apostelgeschichte ab Kapitel 23 nachlesen kann. Im Übrigen hat die ursprüngliche Jesus-Bewegung in den Ebioniten weiterexistiert. Es gab sogar ein Ebioniten-Evangelium, in der antihäretische Schrift Arzneikasten (panárion) des Epiphanius von Salamis sind Teile davon erhalten geblieben. Die christliche Kirche ist also keineswegs aus der Jerusalemer Urgemeinde hervorgegangen, sondern bestenfalls aus Teilen davon, weitgehend jedoch aus den von Paulus missionierten Heiden. Genauso wenig war Petrus der Gründer der römischen Gemeinde und der erste Papst, selbst dass er überhaupt jemals in Rom war ist nur eine Legende. Mit dem Ausbleiben der versprochenen Wiederkunft Christi lösten sich irgendwann auch die Ebioniten auf, entweder wurden sie orthodoxe Juden oder sie schlossen sich den Christen an.

    Auch wenn die Paulusbewegung von da an ein Eigenleben entwickelte, so ist die Anbindung an den Tanach (das Alte Testament) nie aufgegeben worden. Es wurde zwar massiv umgedeutet, was aus jüdischer Sicht wohl als parasitäre Nutzung ihrer heiligen Schrift angesehen wird. Trotzdem sind wesentliche Merkmale des jüdischen Gottesverständnisses erhalten geblieben. So ist der Gott der Christen wie der Juden ein von außerhalb der Welt in die Geschichte der Menschheit eingreifender Gott (im Gegensatz zum stoischen Pantheismus). Wie Jahwe einen (Erlösungs-) Vertrag mit dem Volk Israel geschlossen hat, so schließt der Christ mit der Taufe ein Bündnis, das – bei entsprechender Lebensführung – den einzig möglichen Weg zur Erlangung des ewigen Heiles eröffnen soll. Nur der eigene Gott ist der wahre Gott, das gilt sowohl für Juden als auch für Christen.

    Die für Juden inakzeptable Vergöttlichung Jesu wurde erst im 4. Jahrhundert dogmatisiert (Konzil von Nizäa – Jesus ist Gott, 1. Konzil von Konstantinopel – der Heilige Geist ist Gott). Erst ab diesem Zeitpunkt dürfte es einen nennenswerten römischen Einfluss auf das Christentum gegeben haben. Wenn man bedenkt, dass der großen Zahl der griechischen Kirchenväter nur vier lateinischen Kirchenväter gegenüberstehen (Tertullian, Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo, Hieronimus), und wenn man weiter bedenkt, dass drei der vier im 4. und 5. Jahrhundert gewirkt haben, so folgt daraus, dass das Christentum vor allem im (griechisch-sprachigen) Osten des römischen Reiches zu Hause war, und dass es genau dort seine entscheidende Prägung erhalten hat.

    Zuletzt möchte ich noch auf die blau gekennzeichnete Kernaussage eingehen, dass die „Römisch-Katholische Kirche die einzige Traditionslinie dar[stellt], die ungebrochen auf die Zeit des Römischen Reiches zurückgeht …“. Dieser Satz ist zwar teilweise richtig, wenn man ihn auf den Ritus, auf die Verehrung der Heiligen und auf die ältesten Kirchenbauten bezieht, die den antiken Tempeln recht ähnlich waren. Er verdeckt aber die Tatsache, dass die Christianisierung Roms ein tiefer Einschnitt war, eine Kulturrevolution.

    Das Christentum hatte und hat bis heute keinen geringeren Anspruch, als die allein wahre Religion, die allein gültige Philosophie und der allein gültige Maßstab für moralisches Handeln zu sein. Christ ist, wer dies anerkennt, wer eine Glaubensentscheidung trifft. Tut er dies nicht, landet er in der ewigen Verdammnis. Wenn aber eine willentliche Entscheidung derart negative Folgen hat, wird die gewaltsame Durchsetzung der „Wahrheit“ geradezu zur Christenpflicht. Denn wie gering wiegen die körperlichen Schmerzen durch Folter, wenn dadurch die ewigen Schmerzen in der Hölle vermieden werden. Und ist ein Häretiker selbst durch die Folter nicht von seinem Irrtum abzubringen, dann ist auch seine Hinrichtung gerechtfertigt. Denn dadurch wird verhindert, dass er weitere Seelen mit sich in den Abgrund reißt. Viele verbrannte „Ketzer“ geben ein Zeugnis dieser Barbarei. Wir sollten nicht vergessen, dass die katholische Kirche die Verpflichtung, die „Wahrheit“ auch mit Gewalt durchsetzen zu müssen, erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil aufgegeben hat.

    Diese Kombination aus Wahrheitsanspruch und Überbetonung des Jenseitigen hat in der Spätantike eine gewaltige Zerstörungswelle ausgelöst, der die Erzeugnisse einer großartigen Kultur zum Opfer fielen. Das waren nicht nur die Tempel und Götterbilder, die jetzt zu Kultstätten Satans und zu Götzen geworden waren. Noch viel verheerender war die Vernichtung der reichen Schriftkultur der Antike. Zwar haben die Klöster einiges erhalten, aber ein Vielfaches wurde wissentlich vernichtet. Sicher hat das nunmehr christliche Abendland eine neue Kultur aufgebaut, aber am Anfang überwog die Zerstörung. Diese ging so weit, dass wir uns fast von unseren eigenen Wurzeln abgeschnitten hätten.

    Es dauerte fast ein Jahrtausend, bis man in Europa die eigene Vergangenheit wiederentdeckte. Ironischerweise kam die Anregung dazu aus einem anderen Kulturkreis, aus der islamischen Welt. Der Kommentar zu den Werken des Aristoteles des arabischen Philosophen Ibn Rushd (genannt Averroës) schlug in Europa ein wie eine Bombe. Während der Islam bald wieder in einen starren Dogmatismus fiel, begann in Europa eine Entwicklung, die den Einfluss des Christentums auf die Gesellschaft immer weiter zurückdrängte. Entscheidend trug dazu die Erkenntnis bei, dass die jahrhundertelange Diffamierung unserer heidnischen Vergangenheit durch dass Christentum nicht der Wahrheit entsprach, dass es kein Zeitalter moralischer Verkommenheit und wüster Götzenanbeterei war, sondern dass wir vielmehr mit Stolz auf ein hohes kulturelles Erbe zurück blicken können.

    Gefällt 1 Person

    • Sehr geehrter Herr Jüttner,

      vielen Dank für Ihre anerkennenden Worte, mit Interesse habe ich Ihre darauf folgenden Ausführungen bzgl. unseres Artikels gelesen. Gerne versuche ich auch nach Möglichkeit darauf einzugehen, allerdings wird mir dies durch die Formulierung Ihrer Antwort erschwert.

      So wiederholen Sie doch einen großen Teil der Aussagen des Artikels, sicherlich, um dadurch Ihrer Zustimmung zu relevanten Teilen davon Ausdruck zu verleihen, was aber nach der Einleitung, die ihre Ausführungen als in Bezug auf die „Schatten“ des hier diskutierten Textes verstanden wissen möchte, doch eher Komplikationen schafft.

      Kombiniert mit einigen Unschärfen in den Termini (z.B. ist ein „Häretiker“ kein Ungläubiger per se, den man zum „wahren Glauben zwingen will“, wie Sie nahelegen, sondern ein Christ, der fundamentale Glaubensaussagen leugnet und sich damit von diesem früher als wahr bekannten Glauben abwendet) oder Zeitbezügen (das „die für Juden inakzeptable Vergöttlichung Jesu erst im 4. Jahrhundert dogmatisiert wurde“ mag sein, aber diesem finalen Beschluss gingen natürlich entsprechende Diskussionen und theologische Entwicklungen voraus, deren Inhalt und Denkrichtung mit dem jüdischen Verständnis schon vor dem Konzil unvereinbar war) und dem Aneinanderreihen von diversen historischen Interpretationen (etwa was die Intention des Paulus betrifft), fällt es mir schwer, einzelne Punkte herauszugreifen und in einer entsprechenden Antwort aufzunehmen.

      Neben die Wiederholung spezifischer Punkte des Artikels treten, mir unverständlich, noch versuchte Widerlegungen von Aspekten hinzu, die im Artikel gar nicht erwähnt resp. vertreten wurden („Die christliche Kirche ist also keineswegs aus der Jerusalemer Urgemeinde hervorgegangen, sondern bestenfalls aus Teilen davon, weitgehend jedoch aus den von Paulus missionierten Heiden.“ – das entspricht grundsätzlich der Aussage des Artikels, der ja explizit die Bedeutung der Heidenchristen betont; „Genauso wenig war Petrus der Gründer der römischen Gemeinde und der erste Papst“ – was auch nirgendwo im Artikel behauptet wird).

      Dennoch möchte ich wenigstens versuchen auf einige Kernaussagen Ihres Textes, die ich zumindest als solche auszumachen glaube, so gut es geht einzugehen.

      „Nicht zustimmen kann ich Ihrer Einschätzung, was den römischen Einfluss angeht. Römische Einflüsse wurden im Christentum erst zu einem relativ späten Zeitpunkt wirksam. Die maßgeblichen Einflüsse kommen aus dem Judentum und aus dem Hellenismus. Vor allem der jüdische Aspekt kommt in Ihrer Darstellung deutlich zu kurz.“

      Es ist ausgesprochen schwierig für diese frühe Zeit des Christentums belastbare Kausalzusammenhänge für die historische Entwicklung im Einzelnen zu rekonstruieren, insofern besteht hier sicherlich ein gewisser Interpretationsspielraum, egal für welche Deutung man sich entscheiden mag. Wenn Sie aber sagen, die „maßgeblichen Einflüsse kommen aus dem Judentum (…)“ (lassen wir den Hellenismus einmal außen vor, denn sie betonen ja besonders die angebliche Verkürzung des „jüdischen Aspektes“), dann ignorieren Sie all jene Aussagen des Artikels, die deutlich machen, daß das Christentum als jüdische Splittergruppe begonnen hat. So schreibe ich ja unter anderem: „Daß man das Christentum nicht einfach aus dem Kontext der allgemeinen religionsgeschichtlichen Entwicklung, wie sie sich in der Antike und Spätantike abgespielt hat, herauslösen kann, ist dabei allen Diskussionsteilnehmern bewusst. Die Frage der Akzentuierung jedoch, also welche Elemente des religiösen Kontextes sich wie auf das Christentum ausgewirkt haben, führt dagegen zu unterschiedlichen Ansätzen und Ergebnissen.“

      Was natürlich die jüdischen Wurzeln resp. den Einfluß des Judentums grundsätzlich impliziert. Es geht hier um die Frage der Gewichtung dieser Einflüße und da mag man – auch bedingt durch die jeweilige Perspektive (unsere wurde ganz zu Beginn des Artikels als Grundlage der Ausführungen ja erwähnt – Ihre kann ich leider den Ausführungen nicht klar entnehmen) zu unterschiedlichen Ansichten und Schlußfolgerungen kommen. Wozu man allerdings nicht kommen darf, um sich nicht für jedwede historische resp. religionsgeschichtliche Diskussion sofort zu disqualifizieren, ist eben die oft im paganen Bereich vorherrschende generelle Simplifizierung historischer Entwicklungen und deren Reduktion auf wenige schlaglichtartig hervorgehobene Aspekte, basierend auf größtenteils ideologischen, man mag oft genug auch konstatieren, rein emotionalen Reaktionen (die im Artikel erwähnte „Position der Entrechteten“, die von vielen Neuheiden eingenommen wird). Diese häufig anzutreffenden „Argumente“ waren der Anlaß, diesen Artikel zu verfassen und einmal eine andere Sichtweise zu präsentieren.

      Ebenfalls deutlich angesprochen wird dieser Aspekt, wenn formuliert ist: „Die Gestalt des Urchristentums lässt sich dabei durchaus als innere jüdische Strömung klassifizieren, da die ersten Jünger Jesu – wie dieser selbst – definitiv im Kontext der jüdischen Religion und Geschichte agierten. Das, was sich im Laufe der Zeit entwickelte und sich heute als definierender Begriff innerhalb der christlichen Verkündigung gefestigt hat – die Gottessohnschaft Jesu – spielte in dieser frühen Phase der Konsolidierung der Urgemeinde noch keine Rolle.“

      Der jüdische Kontext aus dem heraus sich das Christentum entwickelt hat, wird hier ebenfalls klar erwähnt, allerdings auch die Tatsache, das eine Gottessohnschaft als religiöses oder philosophisch-theologisches Konzept zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle spielte – was den schon im Alten Testament bekannten (und wie ich anmerken möchte, im Artikel ebenfalls explizit erwähnten) Topos “Sohn Gottes” (hier allerdings symbolisch für das Volk Israel gebraucht) eben mit einschließt, der sich dabei in der Folge jedoch zu einem theologischen Konzept entwickelte, das mit dieser jüdischen Lesart einer mythischen Sprache zur Geschichtsdeutung nichts mehr gemein hat und in der Tat mit dem jüdischen Monotheismus nicht vereinbar ist. Der Artikel führt doch einige Merkmale und Umstände auf, um unsere religionsgeschichtliche Einordnung des Christentums im damaligen römisch/paganen Umfeld zu untermauern, insofern finde ich ein kurzes „Die maßgeblichen Einflüsse kommen aus dem Judentum und aus dem Hellenismus“ ohne weitere konkreten Anmerkungen in dieser Hinsicht argumentativ etwas schwach.

      Aussagen wie „Paulus wollte mit dieser rein jüdischen Jesus-Messias-Bewegung das Judentum insgesamt zur Mysterienreligion weiterentwickeln und somit für einen größeren Kreis akzeptabel machen.“ halte ich für hochproblematisch. Einerseits sehe ich keine konkrete geplante Umwandlung der aus dem Judentum entwachsenen christlichen Gemeinde in eine Mysterienreligion, also nicht im Sinne eines durchdachten Plans und daraufhin durchgeführten organisatorischen Aktes – durch wen auch immer – andererseits erschiene mir dies auch unvereinbar mit der Intention, dadurch diese Bewegung massentauglich zu machen. Mysterienkulte waren, auch wenn sie oft eine große Anhängerschaft erreichen konnten – per definitionem nach Innen, nicht nach Außen gerichtet. Das Christentum wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt von im gesellschaftlichen Kontext des Imperiums sozialisierten ehemaligen Heiden getragen und diese haben sich an den bekannten mysterienkultischen Topoi orientiert, die damals gängig waren. Ebenso, wenn man jüdische Aspekte denen entgegenstellt, die sich aus den Mysterienkulten ableiten lassen, dann wird man einen Überhang letzterer sehen, sprich, auch wenn, wie Sie schreiben, gewisse inhaltliche Bezüge zum Judentum erhalten blieben, so sind vor allem die kultischen Formen näher an diesem römischen (oder auch hellenistischen – da die Mysterienkulte von Griechenland oder auch Ägypten, in das Römische Reich gelangten – dort aber eine dezidiert römische Akzentuierung erfuhren) Kultverständnis. Den Zugang zu „größeren Kreisen“ erhielt das Christentum durch eine einfache und klare Ethik, die in manchen Dingen den ein oder anderen auch auf ganz persönlicher Ebene ansprach (das Recht des Vaters eine Tochter nach der Geburt abzuweisen und auszusetzen, wurde z.B. untersagt) und über eine niederschwellige Eintrittsvoraussetzung (man brauchte keine Tempelopfer finanzieren, hatte Zugang zu einer Struktur, die Arme und Kranke unterstützte etc.) kombiniert mit einer religiösen Zusage, deren Wirkmacht der Einzelne in der Standhaftigkeit der Märtyrer bezeugt sah.

      „Dieser Bruch ist nicht erst im Jahr 100 geschehen, sondern deutlich früher, wie man leicht in der Apostelgeschichte ab Kapitel 23 nachlesen kann.“

      Der Artikel spricht davon, daß „die das Christentum als solche definierende Entwicklung ab etwa 100 n. Chr. durch Heidenchristen getragen (wurde)“ weil wir uns auf belegbare Zeiten beschränken wollten. Wir wissen, das es bereits früher eine (wahrscheinlich recht große) stadtrömische christliche Gemeinde gegeben hat. Zum Jahr 49 n.Chr. etwa berichtet der römische Historiker Sueton (Gaius Suetonius Tranquillus), dass alle Juden aus Rom ausgewiesen wurden, weil es unter ihnen Streitigkeiten gegeben habe, und zwar „impulsore Chresto“ (also „auf Anstiftung des Chrestus“) so das man hier von einer Zwistigkeit zwischen Juden und Christen ausgeht, die offenbar so massiv in Rom gespürt werden konnte, daß man sich zu einer drastischen Maßnahme entschloss. Auch Paulus verfasste seinen Römerbrief an diese Gemeinde, historisch wird dieser Text in den Jahren 55-58 verortet. Insofern gibt es schon vor dem Jahre 100 von den Synagogen getrennte christliche Gemeinden, der erste christliche Theologe jedoch war ein als Heide geborener Intellektueller, Justinus (geboren 100, gestorben 165) und dieser kommt in seinen Werken auf liturgische christliche Formen zu sprechen und hier finden wir erste belegbare Ausführungen, die zeigen, daß das frühchristliche Sättigungsmahl, das sicherlich an jüdischen Gebräuchen orientiert blieb, sich gewandelt hatte, in etwas, was den Namen Kultmahl durchaus verdient. Er spricht von „Eucharistie“, davon das nur Getaufte zu diesem Mahl zugelassen waren, welches denjenigen, der es zu sich nimmt „umwandelt“ (kata metabolen). Auch die älteste Kirchenordnung, die in der frühchristlichen Schrift Didache niedergelegt ist, deren Entstehungszeit man ebenfalls um das Jahr 100 einordnet spricht davon, daß die Taufe eine Bedingung war, um an der Eucharistie teilnehmen zu dürfen. Die Türen bei diesem liturgischen Mahl waren von den Diakonen bewacht etc.. – also wir haben in dieser Zeit belegbar Formen, die das Christentum im Gewand der Mysterienkulte darstellen, was natürlich nicht ausschließt, eher wahrscheinlich macht, das es diese bereits vorher gab.


      „Zuletzt möchte ich noch auf die blau gekennzeichnete Kernaussage eingehen, dass die „Römisch-Katholische Kirche die einzige Traditionslinie dar[stellt], die ungebrochen auf die Zeit des Römischen Reiches zurückgeht …“. Dieser Satz ist zwar teilweise richtig, wenn man ihn auf den Ritus, auf die Verehrung der Heiligen und auf die ältesten Kirchenbauten bezieht, die den antiken Tempeln recht ähnlich waren. Er verdeckt aber die Tatsache, dass die Christianisierung Roms ein tiefer Einschnitt war, eine Kulturrevolution.“

      Ich kann dem nicht ganz folgen, denn es wurde ganz deutlich erklärt, daß das Christentum ab einem bestimmten Zeitpunkt die Sacra publica des Imperium Romanum wurde, das mag man eine Kulturrevolution nennen, aber es vollzog sich nicht wie eine. Die paganen Kulte wurden langsam zurückgedrängt und Verfolgungen waren da am allerwenigsten die massgebliche Ursache. Die Unterstützung des Kaiserhauses führte dazu, das den paganen Kulten die finanziellen Mittel immer mehr gestrichen wurden, was ihre organisatorische Effizienz enorm schwächte und die langsame Umstellung der Sacra publica hin zum Christentum förderte, weil der Einfluss christlicher Würdenträger in den entprechenden Strukturen nicht mehr zurückgedrängt werden konnte. Wie auch schon im Artikel erwähnt, war die Sacra privata davon lange Zeit unbeeinflusst, was der grundsätzlichen Trennung von staatlicher und privater Religion im römischen Reich geschuldet war. Aber die offiziellen Strukturen, Formen und sicherlich auch die Gebäude blieben gleich und wurden von der christlichen Kirche – die schon vorher eine gut organisierte Gemeinde- und Verwaltungsstruktur aufgebaut hatte (was sich z.B. an großangelegten Armenspeisungen festmachen lässt, man spricht von 1500 Menschen, die von der römischen Stadtgemeinde auf eigene Kosten versorgt wurden) genutzt. Insofern ist an der Aussage, das wir es hier mit einer kontinuierlichen Traditionslinie bis ins Römische Reich zu tun haben, denke ich, nichts auszusetzen. (Die blaue Hervorhebung war so nicht intendiert, dies wurde behoben – vielen Dank für den Hinweis). Neben den bereits gegebenen städtischen Strukturen, welche die Kirche nutzte und deren Nutzung ihre schnelle effiziente Ausbreitung begünstigte, sehen wir schon ab dem Jahr 150 innere kirchliche Strukturen und Vorstellungen, die sich an den geforderten Gegebenheiten und dem religiösen Umfeld orientieren. Da gibt es schon die Bischöfe, deren Weihe- und Verwaltungsvollmachten geklärt sind, da ist der Presbyter schon verstanden als „Priester“, die Eucharistie wird als „Opfer“ bezeichnet, der Altar wird „thysiasterion“ genannt, was sich mit Opferstätte übersetzen lässt. Es gibt in dieser Zeit also bereits eine klerikale Hierarchie und ein den Mysterien ähnliches Gemeinschafts- und Kultverständnis.

      Der letzte Teil Ihrer Ausführungen driftet dann leider etwas in einen Rundumschlag ab, dem man in dieser Form schlecht argumentativ entgegentreten kann, einfach weil hier zu viele Aspekte zusammengewürfelt werden, leider so, wie man das in diversen Beiträgen öfters sieht und was uns, wie bereits erwähnt, zu diesem Artikel inspiriert hat. Deshalb nur kurz schlaglichtartig:

      „Das Christentum hatte und hat bis heute keinen geringeren Anspruch, als die allein wahre Religion, die allein gültige Philosophie und der allein gültige Maßstab für moralisches Handeln zu sein. Christ ist, wer dies anerkennt, wer eine Glaubensentscheidung trifft.“

      Das stimmt inhaltlich so erst einmal nicht, die Römisch-Katholische Kirche vertritt heute diesbezüglich einen offeneren Ansatz, aber es geht hier ja auch nicht um diese Fragen.

      Grundsätzlich möchte ich dem nur entgegenstellen und damit auch als Fazit schließen, daß der Artikel keine Rechtfertigung der Kirche oder des Christentums sein soll, dort wo es nichts zu rechtfertigen gibt. Es geht um die historische, kulturelle und auch kultische Entwicklung, darum, wie sich das Christentum am besten beschreiben lässt und wie man heute aus (neo)paganer Sicht, sich gegenüber dieser kulturellen Entwicklung am sinnvollsten verhält. Mehrfach wurden neben den offenkundigen Parallelen mit den Mysterienkulten auch die Unterschiede angesprochen, hier vor allem auch das von Ihnen so betonte Ausschließlichkeitsdenken, was den paganen Kulten in dieser Form fremd war und was zu diversen Übergriffen von christlicher Seite führte. Ich erlaube mir diese noch einmal zu zitieren, da sie Ihnen offenbar entgangen sind:

      „Insofern waren die Mysterienreligionen ab einer bestimmten Zeit das dritte Element der Religio Romana und es gab trotz der die jeweiligen Mysterien kennzeichnenden spezifischen Charakteristika keine Politik der Ausschließlichkeit (was später ein Kennzeichen der christlichen Religion werden sollte).“

      „Unter dem oströmischen Kaiser Theodosius I. wurde 380 das Christentum als Staatsreligion und damit als Sacra Publica im Römischen Reich etabliert, wobei auch die paganen Kulte nunmehr dem Ausschließlichkeitsdenken des Christentums geschuldet, Zug um Zug verboten und öffentliche heidnische Opfer unter Strafe gestellt wurden“

      „Die oft proklamierte Einzigartigkeit, diese Sonderstellung des christlichen Glaubens gehört für viele – Christen wie Heiden – untrennbar zu dieser Religion dazu und diese Einstellung, neben der Historisierung des Mythos, war es, welche letztlich das Christentum von den es umgebenden heidnischen Religionen trennte, nicht die Bilder und die Botschaft.“

      „Sieht man die Natur des Christentums als das, was sie ist – eine von vielen Mysterienreligionen innerhalb des Imperium Romanum, die sich auf diese alten Mythen beziehen und von dort ihre Kraft und Botschaft erhalten, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, diese Religion verkündet die Wahrheit – denn sie bietet dieselben Antworten auf die Fragen, welche die Menschen seit alters her stellten und sie bietet Antworten, welche die Menschen als wahr und wirksam erfahren haben und sie unterscheidet sich in dieser Kernbotschaft in nichts von der seit vorchristlicher Zeit verkündeten Botschaft!“

      Es geht um diese Kernbotschaft und um die kultischen Formen, in denen diese Botschaft vermittelt wird, es geht nicht um jeden einzelnen Aspekt der christlichen Theologie, aber – und auch dies wurde versucht in diesem Artikel deutlich zu machen – aus römischer Perspektive geht es ja gerade um diese kultischen Formen und vermittelten Bilder.

      Ich bitte um Entschuldigung, das ich mich wegen der anfangs erwähnten Schwierigkeiten außerstande sehe, Ihre Ausführungen detailierter zu beantworten, so wie Sie sich dies vielleicht gewünscht haben.

      Vale!

      Ludovicus

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  2. Sólveig sagt:

    Ich kann einfach nur Danke sagen für diesen Artikel!!!!

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    • Freut uns, daß der Artikel Dir gefällt 🙂
      Es wurde unserer Meinung nach einmal Zeit, den üblichen Stereotypen und einer – den historischen Fakten oft doch sehr enthobenen – neuheidnischen Weltsicht eine perspektivische Alternative entgegenzustellen.

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