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Ritus Christianus

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Einleitung: Das moderne Heidentum und das Christentum – ein schwieriges Verhältnis

Ein Schwerpunkt unserer Website ist die Religio Romana (oder Cultus Deorum Romanorum) – die vorchristliche römische Religion – und die Möglichkeiten, sie in unserer heutigen Zeit als „heidnischen“ Weg lebbar zu machen.

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Eine klassische Quelle: Weihestein für Merkur und Apollo, Landesmuseum Trier (eigenes Foto)

Als Praktizierende der antiken römischen Religion haben wir den Vorteil, über eine ausgezeichnete schriftliche, sachliche und bildliche Quellenlage zu verfügen. Während manche neuheidnische Strömungen dies gar nicht wünschen, weil sie sich durch zu viele Quellen in ihrer Kreativität oder freien Entfaltung eingeschränkt fühlen, versuchen andere Richtungen händeringend, aus den wenigen überlieferten Quellen ihrer Traditionen ein Bild der Glaubensvorstellungen vergangener Zeiten für sich zu rekonstruieren oder Lücken zumindest sinnvoll und in sich schlüssig aufzufüllen.

Innerhalb des heutigen (neu-)heidnischen Spektrums gibt es viele Strömungen – über germanisch oder keltisch inspirierte Traditionen, synkretistische Formen oder magische Wege. Viele Richtungen sind polytheistisch ausgelegt, manche pantheistisch oder dualistisch. Einen gemeinsamen Nenner aller heutigen heidnischen Strömungen, einen Minimalkonsens, auf den man sich als gemeinsame Definition für „DAS Heidentum“ einigen könnte, sucht man allerdings vergebens – zu unterschiedlich sind die Ansätze und Grundsätze.

Was viele (nicht alle!) heidnische Strömungen heute jedoch vereint, ist eine oft abschätzige Betrachtung des Christentums als „den Feind“, der „die heidnischen Ahnen“ entweder mit Feuer und Schwert bekehrte oder ihre Kultur durch christliche Überstülpungen zerstörte oder verdrängte.

Wer sich für dieses Spannungsfeld näher interessiert: Eine ausführliche Darstellung zum heutigen Verhältnis moderner Heiden und römischer Cultores zum Christentum findet sich in unserem umfangreichen Artikel „Römisch (oder) Katholisch? Heidnische Gedanken zum Christentum„.

Tatsächlich ist aus unserer Sicht das Christentum alles andere als ein plumper Kulturzerstörer oder Vernichter heidnischer Stämme oder „der Traditionen unserer Vorfahren“ – sondern es entsprang dem organischen Kontext der im römischen Reich existierenden Mysterienkulte und besitzt somit einen originär paganen Hintergrund. In seiner römisch-katholischen Ausprägung und dem überlieferten lateinischen Ritus, wie er vor dem II. Vatikanischen Konzil praktiziert wurde, enthält er tatsächlich viele kultische, rituelle und liturgische Elemente, die direkt aus dem römischen Heidentum stammen und bis dorthin zurückverfolgt werden können.

Neben den bekannten antiken Quellen – Schriften und Texten, Bildquellen, archäologischen Funden – ist deswegen auch das Christentum eine wertvolle Quelle für heutige römische Heiden, da es in ununterbrochener Linie bis in die römische Antike zurückreicht.

Apollo-Sol

Die heutige Form des Christentums entstand im römisch-heidnischen Kontext, nicht im jüdischen (hier: Mosaik des Apollo-Sol)

Die Bedeutung der christlichen Religion, ihrer Liturgie und ihres Einflusses möchten wir deshalb in dieser Reihe verdeutlichen – und warum es für den römisch-heidnischen Cultor überhaupt kein Problem darstellt (aber selbstverständlich auch keine Pflicht ist!), innerhalb seiner Tradition den Ritus christianus in den Kult zu integrieren.

Unsere Reihe zum Ritus christianus wird zeigen, warum es weder unüblich noch abwegig ist, sich mit dem frühen Christentum und der katholischen Liturgie zu beschäftigen. Hierbei werden wir den Bogen spannen von einem historischen Abriss der Entwicklungsgeschichte des frühen Christentums aus seinen römisch-heidnischen Wurzeln bis hin zur Interpretatio Christiana und der katholischen Liturgie.

Das Christentum aus paganer Perspektive?!

Wie wir bereits in unserem ausführlichen Artikel zum Thema Christentum ausgeführt haben, besteht innerhalb des römischen Rekonstruktionismus eine differenziertere Sicht sowohl auf die Christianisierung als auch auf das Christentum an sich, als dies in anderen paganen Traditionen üblicherweise der Fall ist.

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Simpel und plakativ, aber dafür schön als Beweis für mangelnde historische Bildung und Kulturverständnis geeignet

Einerseits basiert dies auf der spezifischen Herangehensweise bezüglich historischen Gegebenheiten, die in einer rekonstruktionisch ausgerichteten paganen Strömung quellenbasiert und faktenbezogen verläuft und grundsätzlich bemüht ist, sich nicht in emotionaler, schablonenhafter, romantisierender oder simplifizierender Geschichtsdeutung zu verfangen, die in anderen paganen Traditionen leider allzu oft eine geradezu der Selbstdefinition dienende Funktion einzunehmen scheint (Stichwort: „Mein Gott hat einen Hammer, deiner wurde an das Kreuz genagelt. Noch Fragen?“).

Andererseits stellt sich eine Religion, die sich nicht nur innerhalb der generellen Strukturen und im sozialen Kontext des Römischen Reiches entwickelt und im Wesentlichen diese Strukturen und Konzepte bis dato auch tradiert hat, aus einer römischen Perspektive naturgemäß anders dar, als aus einem nicht-römischen Blickwinkel.

Dies ist auch daran zu erkennen, dass innerhalb der heutigen neopaganen Szene heidnische Strömungen aller Richtungen toleriert und teils auch idealisiert werden (insbesondere im Hinblick auf Germanen und Kelten), die Römer aber, die ihrerseits um die Zeitenwende ebenso „heidnisch“ waren, oft als Feind der vermeintlich „naturverbundenen“ Kelten und Germanen angesehen werden. Reduziert auf Caesar und Varus erscheinen die Römer als Invasoren und als Feindbild schlechthin, was man heute gerne „unseren Ahnen, den edlen einheimischen Völkern unserer Region“ gegenüberstellt. Tatsachen, wie die Ausbildung einer originär einheimischen, gut funktionierenden gallo-römischen Mischkultur und -Religion in unseren Breiten werden dabei oft völlig ausgeblendet.

Unser Ansatz ist deswegen differenzierter und reicht einerseits von lokalen Quellen, dem genuin heidnischen gallo-römischen Cultus aus unseren Regionen (dessen Spuren bis heute überall in den ehemaligen römischen Provinzen nördlich der Alpen zu finden sind), bis zum Bezug auf Rom als grundlegenden Pfeiler unserer Kultur – bis heute.

Dieser Bezug ist für uns dabei das maßgebliche Entscheidungskriterium, um im kulturellen und religiösen Rahmen eine Leitlinie zu finden, die es erst ermöglicht, die eigentliche rekonstruktionistische Idee umzusetzen: nämlich die Geschichte, in die wir uns gestellt sehen, die in diversen Quellen ihren Niederschlag gefunden hat und aus denen wir vergangene Zeiten kennenzulernen, zu verstehen und wo nötig zu rekonstruieren versuchen, nicht nur für uns sinnvoll umzusetzen und (er)lebbar, sondern auch in ihrer organischen historischen Entwicklung reflektierbar zu machen.

Es ist diese Kombination aus in der römischen Geschichte getroffenen Entscheidungen, den damit gesetzten Fakten und durch diese angestoßenen Entwicklungen, die oft bis heute nachwirken und der Akzeptanz dieser historischen Entwicklung als Grundlage und Hintergrund für diese historische und inhaltliche Reflexion, die bei dem hier diskutierten Thema eine besondere Ausgangslage der Beurteilung mit sich bringt, zumindest für jene, die in dieser Tradition stehen.

Dass das Christentum weder eine „jüdische Wüstenreligion“ ist, die uns grundsätzlich wesens- und kulturfremd ist (wie in manchen neuheidnischen Kreisen oft abfällig kolportiert wird), noch eine von oben herab diktierte monotheistisch orientierte spirituelle Diktatur, welche uns eine angeblich ureigene sanfte Naturreligion mit Gewalt und Terror genommen hat, wie dies oft ebenfalls in neopaganen Zirkeln verbreitet wird, haben wir in dem bereits erwähnten Artikel zumindest ansatzweise zu vermitteln versucht.

Der zuvor verlinkte Artikel hat dabei bei jenen, die ungeachtet ihrer eigenen pagenen Tradition, historischen Wahrheiten weniger ablehnend gegenüberstehen und nicht nur das eigene Weltbild schützen wollen, das so unkompliziert gut und böse unterscheiden lässt, eine wohlwollende Aufnahme und viel Resonanz erfahren, was uns gefreut hat.

Die typisch „heidnische Reaktion“ der Mehrheit blieb und bleibt jedoch leider ihrem quasi pawlowschen anti-christlichen Reflex verhaftet und damit beim Negieren und Anrennen gegen eben jene historischen Wahrheiten, die wir zu skizzieren versucht haben – wohlgemerkt durchaus mit dem Hinweis darauf, dass die Christianisierung nicht immer ohne Gewalt verlief (wie in jenen Zeiten generell selten etwas ohne Gewalt vorangetrieben wurde). Allerdings – und dies ist der Punkt – eher politisch motivierter, als religiös motivierter Gewalt und dabei oft genug gegen den Willen der Kirche.

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Karl der Große im Kampf gegen die Awaren (Wikimedia commons, gemeinfrei)

Als Beispiel sei auf die Zwangsmissionierungen durch Karl den Großen verwiesen, deren theologischer Rechtmäßigkeit  sein Hoftheologe Alkuin entschieden und mit deutlichen Worten – auch auf die Gefahr hin, in Ungnade zu fallen – widersprochen hat. Man muss also genau differenzieren zwischen der Tatsache, dass es manchmal Zwangstaufen gegeben hat, diese aber in der Regel von weltlichen Herrschern zur Stärkung der staatlichen Strukturen im Sinne einer Einheit und deswegen zur Aufnahme in die Kirche vollzogen wurden und dem Fakt, dass sie kirchenrechtlich schon immer ungültig waren, was von Seiten der Kirche, oft durch Ordensleute und namhafte Theologen vorgetragen, auch entsprechend kritisch angemerkt wurde.

Daran dürfte allerdings kein Versuch, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, etwas ändern, zu tief sind die selbstgeschaffenen Mythen bereits in das „neuheidnische“ Bewußtsein eingesunken.

Deswegen möchten wir an dieser Stelle lieber Diskussionen aufnehmen, die aufgrund der in dem angesprochenen Beitrag dargelegten Punkte die Frage stellen, welche Bedeutung und praktischen Konsequenzen eben diese spezifisch römische Sichtweise auf die historische Entwicklung für den heutigen Cultor, also denjenigen, der die Religio Romana praktiziert, letztendlich hat.

Folgende Fragen möchten wir deshalb in dieser Reihe betrachten:

  • Wie soll man sich als Cultor zur christlichen Mehrheitsgesellschaft und -kultur verhalten?
  • Was kann man aus der historischen Entwicklung lernen, die dazu führte, das eine anfangs kleine religiöse Gruppierung die Staatsreligion eines der größten Weltreiche wurde, eines Reiches, das bis heute unsere Kultur prägt?
  • Soll man das Christentum in seine Sacra privata einbeziehen und wenn ja wie?
  • Gibt es Unterschiede zwischen einer römisch-katholischen Praxis und einer römisch-paganen Praxis der katholischen Tradition?
  • Was ist die Interpretatio Christiana?
  • Welche Relevanz hat der Ritus Christianus in der Religio Romana heute?

 

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