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Stoa

Imperator Marcus Aurelius

Imperator Marcus Aurelius

Im Zuge des bereits an anderer Stelle in diesem Blog erwähnten Ansatzes des paganen Rekonstruktionismus, an dem wir uns orientieren, pflegen wir einen ganzheitlichen Ansatz bei der Beschäftigung mit unserer römischen Geschichte. Grundlage des Verständnisses ist dabei die Überzeugung, daß das Imperium Romanum nicht nur in einigen wenigen – quasi exemplarisch herausgegriffenen – Aspekten heute noch zumindest von Interesse ist, sondern es in seiner Gesamtheit als Grundlage unserer Kultur, Zivilisation und unseres europäischen Selbstverständnisses relevant ist und bleibt.

Zur Kultur gehört natürlich auch die Philosophie und die römische Gesellschaft wurde in vielerlei Hinsicht von den griechischen Philosophen beeinflusst und so gab es im römischen Reich eine Vielzahl von philosophischen Schulen.

Interessant ist dabei der Übergang vom ehemals auf die Polis, also die Grenzen des griechischen Stadtstaates, begrenzten Anfangs der abendländischen Philosophie hin zu neuen Fragestellungen der Menschen in späterer Zeit.

Nachdem sich die Bedeutung Griechenlands und seiner politischen Strukturen nach dem Zerfall des Reichs Alexander des Grossen relativiert hatte, die bekannte Welt neue Herrschaftsetablierungen sah, wie die aufstrebenden Reiche der Ptolemäer in Ägypten, die der Seleukiden und der Makedonier, gab es eine Zeit der Krise. Bisherige Strukturen und Orientierungen fielen weg und die Menschen hatten zunehmend ganz essentielle Fragen, die nach Sinn im Leben, oder was ein glückliches Leben wohl ausmacht. Neue Schulen antiker Philosophie nahmen diese Fragen auf und versuchten Rat in diesen Zeiten zu geben, wobei sich so unterschiedliche Strömungen wie die Lehren des Epikur, der Skeptiker oder der Stoa darin einig waren, dass Philosophie nicht etwas Theoretisches und Abstraktes sein sollte, sondern ganz eindeutig als praktischer Ansatz zur Problemlösung, als Lebensphilosophie, verstanden wurde.

Diese Ausweitung des Horizontes des fragenden Menschen, der sich vom Zoon Politikon, also des sich als Teil der engeren Polisgemeinschaft verstehenden Individuums, hin zum Kosmopolit entwickelte, bildet die Grundlage eines Weltverständnisses, dem wir uns auch heute noch verbunden sehen.

Die restaurierte Stoa von Attalos in Athen (Foto mit freundl. Genehmigung von Adam Carr)

Die restaurierte Stoa von Attalos in Athen (Foto mit freundl. Genehmigung von Adam Carr)

Im Laufe der Zeit wurden somit die Studien und Erkenntnisse griechischer Naturphilosophen aus den Grenzen eines Stadtstaates hineingetragen in das sich ausbreitende Imperium Romanum, wo sich die Menschen letztlich denselben Fragen gegenübersahen, die uns auch heute noch beschäftigen. Die vielleicht wirkungsgeschichtlich wichtigste Tradition war die Lebensphilosophie der Stoa (Stoizismus), benannt nach ihren Anfängen, wo sich Lehrer und Schüler zum Gedankenaustausch an einer Stoa Poikile, einer bemalten Säulenhalle, trafen.

Gegründet wurde diese Schule etwa 300 v. Chr. von Zenon aus der Stadt Kittion, erlangte aber ihre eigentliche Bedeutung erst als einflussreiche philosophische Strömung in Rom.

Über die Zeiten hinweg kam es zu einer Veränderung stoischer Gedanken, die es erlaubt, diese philosophische Entwicklungsgeschichte in drei Perioden einzuteilen, so daß man heute von der alten, der mittleren und der jüngeren Stoa spricht. Die ‚alte‘ Stoa bezieht sich dabei auf die eigentliche Anfangszeit von etwa 300 bis 150 v. Chr., die ‚mittlere‘ Stoa, die sich dann vornehmlich als wichtige Tradition in Rom etablierte, rechnet man von 150 v. Chr. bis etwa zum Jahre 0, während die ‚jüngere‘ Stoa die Stoa der Kaiserzeit von etwa 50 – 180 n. Chr. bezeichnet.

Die Stoiker zeichneten sich vor allem durch einen ganzheitlichen Ansatz ihrer Philosophie aus, sie wollten eine umfassende und geschlossene Weltanschauung präsentieren, die sowohl den Makrokosmos, wie den Mikrokosmos umfasste. In diesem Sinne entwickelten sich Ideen über den Ursprung des Weltalls bis hin zu ganz praktischen Ratschlägen das persönliche Leben betreffend. Stoiker machten sich Gedanken über Gott als den Urgrund, über die Götter als Emanationen oder Verkörperungen des einen Weltgeistes; Fragen nach Schicksal und persönlicher Freiheit, nach Pflicht und freiem Willen finden sich ebenso wie Naturbeobachtungen und daraus abgeleitete Theorien über dieselbe; die Stoa behandelt das Glück und wie es zu erreichen ist, propagiert die innere Freiheit des autonomen Individuums, stellt sich der Vergänglichkeit des Menschen, entwickelt Modelle zur Erziehung, diskutiert die Kunst der Divination und Mantik und gibt Ernährungsratschläge. Die Selbstverantwortung für ein ethisch einwandfreies Leben findet sich neben einer kosmopolitisch ausgerichteten Haltung, die in der Konsequenz des von der Stoa geforderten Respekts jedem Menschen gegenüber im Grundsatz keinen Unterschied machte zwischen ‚Römer‘ und ‚Barbar‘, zwischen ‚Bürger‘ und ‚Sklave‘.

Zenon von Kition, Begründer der Stoa

Zenon von Kition, Begründer der Stoa

Mit der Einführung des Christentums als quasi-staatlicher Religion im römischen Reich verlor nicht nur die pagane Religion an Boden, sondern wurden auch die Lehren der ‚heidnischen‘ Philosophen in ihrem Einfluss immer weiter zurückgedrängt. Allerdings gab es eindeutige Verschmelzungserscheinungen, weil christliche Lehrer Gedanken der Stoa aufnahmen, so finden sich etwa bei Paulus direkte Adaptionen stoischer Ideen, die somit Eingang in die Bibel fanden.

Der Stoizismus gehört zu den bedeutendsten Einflüssen der sich langsam entwickelnden christlichen Theologie, wenngleich der von den Stoikern propagierte Weg der Vernunft hier in das System einer sich als Offenbarungsreligion verstehenden Glaubensgemeinschaft umgewandelt wurde, die stoische Toleranz und Akzeptanz der polytheistischen Religion im römischen Reich umschlug in die militante Intoleranz einer monotheistischen Religion mit dem Anspruch auf die alleinige Wahrheit.

Diese historische Entwicklung jedoch ändert nichts an der Tatsache, dass die Stoa auch heute noch aktuell ist, da sich die Fragen nicht wirklich geändert haben, die die Menschen an sich und an die Welt, in der sie leben, stellen. Auch wenn man im Einzelfall von bestimmten Aussagen der Stoiker – basierend auf ihrem zeitgeschichtlichen Verständnis – etwa von naturwissenschaftlichen Gegebenheiten abrückt, bleibt es eine in sich überzeugende Weltanschauung, die zuweilen nicht nur sehr vertraut und geradezu modern klingt, sondern darüberhinaus eine tatsächlich sinnvoll anzuwendende ganz praktische Lebensphilosophie begründet hat.

Viele Menschen heute sind mit der angestammten christlichen Religion nicht mehr zufrieden, resp. haben große Probleme mit ihren dogmatischen Aussagen zu Gott, Auferstehung oder mit dem Verhalten ihrer Priester. Wir leben heute ebenso in einer Zeit des Umbruchs, Globalisierung, soziale Verschärfungen, Unsicherheiten, Zweifel, die Frage nach dem was ‚richtig‘ und ‚falsch‘ ist, Korruption, politische Versprechen, die keiner zu halten scheint, nachdem er gewählt wurde und die Suche nach dem ganz persönlichen Glück, all das sind Fragen, die heute so relevant sind, wie zu allen Zeiten.

Wir haben in den Lehren und Lebenserfahrungen von Persönlichkeiten wie Seneca, Epiktet, Musonius, Marcus Aurelius und anderen eine Möglichkeit gefunden, uns mit diesen Fragen konkret und konstruktiv auseinanderzusetzen, haben in der Stoa eine ganz praktische Lebensphilosophie gefunden, die wir nicht in allen Punkten bejahen müssen, die aber als persönlicher Ansporn dient, stets einem Ideal nachzueifern, bei dem man sich am Potential orientiert, das einen Menschen adeln kann.

Einige grundlegende Vorstellungen der Stoa

  • Die Welt wird verstanden als in sich geschlossenes ganzheitliches System. Geschaffen aus dem Urfeuer (Aether) durch eine Urkraft (Logos), welche dem Stoff (Hyle), aus dem alles besteht, was existiert, weiterhin immanent ist. Diese quasi beseelende Kraft wird als Gesetz oder Ratio verstanden, als Impuls, der die Ereignisse in der Welt antreibt und bestimmt und der vom Grundsatz her auf die Aufrechterhaltung einer Ordnung der Dinge abzielt (was sich im Begriff Kosmos, den auch wir immer noch verwenden, wiederspiegelt)
  • Der Logos wird einerseits verstanden als mens mundi (Weltseele), die als göttliches Prinzip allerschaffend weiterwirkt, wie auch als logos spermatikos (Vernunftskeim), als Grundprinzip zu finden in jedem Lebewesen. Oft wird diese Weltseele als Zeus oder Jupiter angesprochen und damit mit dem höchsten Gott der polytheistischen Religion der Griechen/Römer gleichgesetzt, aber trotzdem wurde in der Stoa nie die Vorstellung eines anthropomorphen theistischen Verständnisses entwickelt – der Logos blieb Prinzip und gleichsam unfassbares Wirkwesen des Universums. Die Götter werden gleichsam verstanden als Emanationen des Logos und sind in ihrer Vielgestalt Einzelaspekte der die Welt antreibenden Kraft.
  • Die als Seele verstandene Präsenz des Logos im Menschen, oder auch anderen Lebewesen, wurde nicht weiter definiert, so das es in der Stoa zu keiner normierten Idee kam, was etwa nach dem Tod exakt mit diesem Lebensfunken geschah. Grundsätzlich geht die Stoa davon aus, daß es sich um einen ewigen Prozess des Werdens und Wiederauflösens handelt, so daß der Lebensfunke, die Seele des Menschen, sich nach dem Tod mit der Kraft aus der sie stammt, wieder vereint.
  • Die Welt entstanden aus dem Urfeuer wird regiert durch innere Gesetzmäßigkeiten, die alles in ihr bestimmen, eine Vorstellung, die die Stoa einem strengen Determinismus verpflichtete. Nichts geschieht aus Zufall oder ohne Grund, jede Wirkung hat eine Ursache, ob wir sie nun erkennen können oder nicht. Dies schließt die wichtige Frage nach der Willensfreiheit ein. Gemäß stoischer Lehre ist der menschliche Wille, sind Gedanken und Gefühle, also der innere Bewusstseinsprozess, ebenso wie alles andere eingebunden in gewisse bestimmende Faktoren, so daß der freie Wille im absoluten Sinne verneint werden muss. Durch die Tatsache aber, dass der Mensch vernunftbegabt ist – was in stoischem Verständnis nicht einfach bedeutet, daß er einen rationalen Verstand besitzt, sondern das er am Logos teilhat und demnach Einblicke in die grundsätzlichen bestimmenden Gesetze der Natur erlangen kann  – bleibt ihm aber die Möglichkeit zur Korrektur. Durch Beobachtung und Reflektion kann der Mensch erkennen, wann er Gefahr läuft fremdgesteuert zu handeln, sei es von unbewußten Trieben, eigenen Ängsten und Hoffnungen, oder auch Meinungen anderer geleitet. Einsicht in das eigene Wesen und Handeln führt zur möglichen Entscheidung einem Trieb oder anderen Impulsen nachzugeben oder nicht und darin liegt eine gewisse Freiheit des Handelns.  Cicero erklärt diese Idee folgendermaßen:

„Wenn jemand eine Walze auf eine schiefe Ebene wirft, gibt er allerdings den äußeren Anstoß zur Bewegung; aber die eigentliche Ursache, dass die Walze herabrollt, liegt in ihrer Gestalt, also in ihrem eigenen Wesen.“

  • Das Eingebundensein des Menschen in die alles bestimmenden Gesetzmäßigkeiten und Kausalprinzipen der Natur führt die Stoiker zur Anschauung, das wahres Glück im Leben nur zu finden sei, wenn man sich dieser Schicksalhaftigkeit der eigenen Existenz, der Tatsache das die Menschen gleichsam mit einem ‚zugeteilten Los‘ (Heimarmene) konfrontiert sind, bewusst ist. Ein Leben in Einklang mit der Natur und ihren Gesetzen, orientiert an den Idealen der Tugend (Virtus; der Begriff ist die lateinische Übersetzung des grch. aretḗ, was im eigentlichen Sinne Vorzüglichkeit oder Vortrefflichkeit als Qualität bedeutet. Tugend verstanden also als Tauglichkeit und Tüchtigkeit, im Sinne von all dem, was einen Menschen heraushebt und adelt) und basierend auf einer heiteren Gelassenheit (Apatheia) ist der Weg der stoischen Lebensphilosophie, der letztlich zur Ataraxie (Unerschütterlichkeit) führt. Der stoische Begriff hat dabei allerdings nicht dieselbe Bedeutung wie der an dieser Stelle oft im Deutschen verwendete Terminus ‚Apathie‘ der einen Zustand des Nichthandelns, ja der Stumpfheit und Gefühllosigkeit beschreibt. Die Apatheia der Stoiker ist im Gegensatz dazu ein aktives Handeln des selbstbestimmten Menschen, der im Pathos, also in der Leidenschaft, in Stimmungsschwankungen, in allem was man erleidet (die eigentliche Bedeutung des grch. Verbs pás|chein auf das Pathos zurückgeht) das eigentliche Problem erkennt. Die Lösung ist eine Gegenbewegung zum Pathos, eben die A-Patheia erlangt durch Maßhaltung und Zügelung (Askese), die zum Schluss idealerweise zur Ataraxie (auch als Seelenruhe übersetzt) und damit zur Autarkie (Selbstgenügsamkeit und Selbständigkeit) des Individuums führt. Aber auch wenn der Begriff Askese hier wieder scheinbar bekannte Vorstellungen evoziert, ging es den Stoikern nicht um freudloses Bezwingen ihrer Natur. Askese wurde verstanden als geistige Disziplin, als eine Art reflektives Einüben von Maßhaltung und Tugend, nicht als körperliche Züchtigung, schon gar nicht um ihrer selbst willen, was die Stoiker strikt ablehnten. Maßhaltigkeit galt ihnen auch konsequentermaßen als Richtschnur für diese Disziplinierung des eigenen Lebens, so das sich die Stoiker sehr bewusst waren, das man bei allem immer das richtige Mass finden muss – Übertreibung in jeder Hinsicht ist von Übel. Oder um mit Seneca zu sprechen:

Im Übrigen kann es die Ausgeglichenheit der Seele nur geben, wenn die Begierden nicht vollständig unterdrückt werden und Zeiten der Anspannung mit solchen der Entspannung wechseln. Zuweilen eine Spazierfahrt, eine Reise, ein geselliges Mahl – und hin und wieder ein kleiner Rausch: Wer nüchtern ist, klopft vergebens an die Pforte der Poesie.

Wir erkennen in der Lebensphilosophie der Stoa eben jenen Weg der Mitte, den bereits der Buddha als Richtschnur empfahl. Der ganz praktische Ansatz, das man vielleicht nicht die äußeren Umstände seines Lebens kontrollieren kann, weil einfach zu viele Faktoren hier mitbestimmend sind, auf die man schlicht keinen Einfluss hat, aber das man sehr wohl die Möglichkeit hat, seine Reaktionen auf diese Umstände zu beherrschen, ist im Grunde eine Erkenntniss, die der Buddha wie die Stoiker hatten. Es gibt generell sehr viele Übereinstimmungen von Buddhismus und Stoa, die uns aufgefallen sind, so daß wir die Lehren der Stoa ganz bewußt als Dharma des Westens für uns entdeckt haben. Psychologische Beobachtungen, praktische Problemlösungen, kontemplative Reflexionen etc.  formuliert allerdings in einer Sprache, die uns viel leichter verständlich ist und vermittelt über Vorstellungen und Bilder, die uns kulturell nahestehen, was eben nicht nur das Verständnis sondern vor allem auch die Umsetzung im alltäglichen Leben erleichtert.

Unzählige Menschen haben Völker und Städte beherrscht, ganz wenige nur sich selbst. –
Lucius Annaeus Seneca

Diese Kategorie soll in diesem Sinne langsam mit uns wachsen, als eine Art Tagebuch der Selbsterkenntnis dienen, als Möglichkeit, Gedanken niederzuschreiben und zu formulieren, die einem etwa beim Lesen der klassischen Werke in den Sinn kommen.

Weiterführende Informationen, Artikel und Gedanken rund um den Themenkomplex der Stoa findet Ihr in unserem Blog. Eine Übersicht über die bisher verfaßten Artikel ist hier zu finden.

Fragen, Anregungen und Kritik könnt Ihr gerne als Kommentar hinterlassen, wir freuen uns über Feedback!


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