Mos Maiorum

Events und Veranstaltungen: Römerfest Kaiserthermen Trier, 15., 17.-18. Juni 2017

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Römerfest 2016

Nach dem Ende von „Brot & Spiele“ , dem traditionellen römischen Event in Trier im Jahr 2012, war es lange Jahre ruhig um die Römer in Trier. Dies war natürlich besonders schade, da Trier als „Roma Secunda“ einst eine der bedeutendsten römischen Städte nördlich der Alpen war und auch Sitz des römischen Kaisers. Gerade im Hinblick auf die gut erhaltenen römischen Monumente war Trier die perfekte authentische Kulisse für ein römisches Spektakel.

Umso erfreulicher, daß im Jahr 2016 von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz der Versuch gewagt wurde, wieder eine römische Großveranstaltung ins Leben zu rufen – dieses Mal in den Kaiserthermen. Sie war als Versuchsballon geplant, um zu schauen, wie groß das Interesse an einem solchen Event ist – und war, trotz des mäßigen Wetters, ein durchschlagender Erfolg.

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Blick über das Gelände (2016)

Und zwar so erfolgreich, daß das Ereignis in diesem Jahr wiederholt wird:

Am 15. Juni, sowie vom 17.-18. Juni öffnet das Römerfest in den Kaiserthermen auf 7000 qm erneut seine Pforten und bietet vor einer historischen Kulisse einen guten Mix aus römischen Themen. Über 200 Akteure aus 30 Gruppen zeigen das Militär (Legionäre, Prätorianer und Reiter), Handwerk (Töpfern, Münzprägung, Bronzeguss, Lederarbeiten, Öllampen), das Zivilleben (Medizin, Kochen, Schreibkunst), Modenschau, Gladiatorenkämpfe, Sklavenmarkt. Auch (in römischen Diensten stehende) Gallier sind vor Ort und präsentieren ihren gallischen Streitwagen.

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spannende Gladiatorenkämpfe mit guten Erklärungen (2016)

Natürlich gibt es auch wieder entsprechende Verpflegung in Form von römisch angehauchten Speisen und Getränken. Das Programm richtet sich an Erwachsene und Kinder gleichermaßen, so daß für jeden Geschmack etwas geboten wird.

Das Fest öffnet an allen Tagen von 10-18 Uhr.

Der Eintritt für Erwachsene kostet 6€ (ermäßigt 5€). Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zahlen 3€, unter 6 Jahren ist der Eintritt frei. Gruppen- und Familienkarten sind verfügbar. Wer über eine AntikenCard Trier verfügt, kann die Kaiserthermen ohne Aufpreis besuchen.

Kommt zahlreich und verbreitet die Kunde (Trier ist immer eine Reise wert, dort kann man sich als römischer Tourist gar nicht oft genug aufhalten!) und helft dadurch mit, daß das Römerfest zu einer festen jährlichen Dauereinrichtung wird!

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Auch eine gute Gelegenheit, sich mit Öllampen und Zubehör einzudecken! (2016)

 

 

Events und Veranstaltungen: Römertage Römerwelt Rheinbrohl, 13.-14. Mai 2017

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Das offizielle Werbeplakat der Römerwelt

Ein kleiner, aber feiner jährlicher Event steht wieder bevor: Die Römertage in der Römerwelt Rheinbrohl, am Beginn des Obergermanischen Limes am Rhein und am Rande des Westerwalds gelegen.

Das Wochenende vom 13.-14. Mai 2017 steht dieses Jahr unter dem Motto „Kunst und Handwerk im antiken Rom“ . Dabei zeigen verschiedene Darsteller den Alltag am Limes, so die Soldaten der Cohors XXVI, der „Stammbesatzung“ der Römerwelt und bekannt als „Römer zum Anfassen“ , die die Ausrüstung und Ausbildung einer Auxiliareinheit vorführen.

Antikes Handwerk wird präsentiert vom Römerverein „Militär und Handwerk“ . Auch der antike Fischer spannt wieder seine Netze, seine Darstellung ist wirklich spannend und wir hören ihm jedes Jahr wieder gerne zu!  Weitere Gebiete, die vorgestellt werden, sind antike Vermessungstechnik, sowie römisches Goldschmiedehandwerk und Schmiede.

Die Römerwelt verfügt über funktionsfähige Nachbauten einer Pfahlramme und eines römischen Krans, beide werden im Rahmen der Römertage in Aktion gezeigt.

Ein wissenschaftliches Vortragsprogramm sowie Führungen durch die Römerwelt und ein Sonderprogramm für Kinder runden das Angebot ab. Natürlich kann auch wieder das römische Brot aus den Original-Kuppelbacköfen gekauft werden, die zu diesem Anlaß befeuert werden und die legendäre Limes-Torte darf auch in diesem Jahr nicht fehlen!

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Die COHORS XXVI gehört zur Römerwelt wie der Limes, der Limes-Wachturm Nr. 1 und der Limes-Wanderweg! (Eindrücke vom Römerfest 2016)

Geöffnet ist das Gelände an beiden Tagen von 10:00 bis 18:00 Uhr. Ein 1-Tages-Ticket für Erwachsene kostet 8 €, Kinder von 7 bis 14 Jahren zahlen 5€. Es sind ermäßigte 2-Tages-Tickets sowie Familienkarten erhältlich.

Das detaillierte Programm sowie Impressionen von den Vorjahren hier auf der offiziellen Website der Römerwelt!

Für uns ein liebgewonnener jährlicher Event – und damit eine klare Empfehlung!

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Willkommen am Limes!

Achtung, wer noch mehr Römerwelt und vor allem Limes live erleben will: An Christi Himmelfahrt (25. Mai) findet wieder der alljährliche Limes-Wandertag statt, der ebenfalls in der Römerwelt startet.

Wer das UNESCO Welterbe Limes und den Feiertag einmal anders erleben will, in munterer Gesellschaft und mit interessanten Wegestationen und Programm – sollte sich diesen Aktivtag vormerken, spektakulärer Ausblick über Westwald, Rheintal und Eifel vom Wachturm inklusive!

Garantiert besser als Saufen mit dem Bollerwagen 🙂

Antike Stätten: Sironabad Nierstein

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Das Sironabad in Nierstein mit seinen 4 Heilquellen

Anschrift:

Sironastr. 6, 55283 Nierstein

Anfahrt:

Der Weinort Nierstein am Rhein liegt in Rheinhessen (Rheinland-Pfalz) an der B9. Das keltisch-römische Sironabad befindet sich am südöstlichen Ortsausgang (nahe der B9 Richtung Oppenheim) in einer Stichstraße hinter einem chinesischen Restaurant und kurz vor einer Eisenbahnschranke.

Parkmöglichkeiten gibt es im Umfeld des Sironabades entlang der Sironastraße, ggfs. auch auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie ein Stück den Berg hinauf.

Nierstein hat einen Bahnhof, so daß es auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist. Der Ort wird regelmäßig von Regionalzügen aus Mainz und Worms angefahren.

Das Gebäude befindet sich in einem Keller unterhalb eines unscheinbaren Hauses und ist nicht sonderlich prominent ausgeschildert. Mit der Anschrift ist es aber einfach zu finden.

Hintergrundinformationen:

Wo das heutige Nierstein liegt, befand sich zu römischer Zeit das Militärlager Buconica. Bereits zu keltischer Zeit wurden die dortigen vier Mineralquellen genutzt und man wies zahlreiche keltische und römische Siedlungsspuren im Raum in und um Nierstein nach.

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Eine Statue der Göttin Sirona schmückt das Sironabad

Römische Ansiedlungen sind vom 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. belegt. Hierbei spielt das Quellheiligtum der gallo-römischen Göttin Sirona eine besondere Rolle.

Sirona und ihr kultischer Begleiter, Apollo-Grannus, wurden an zahlreichen Orten im Raum Eifel-Hunsrück vor allem in Quellheiligtümern verehrt (siehe unseren Reisebericht „auf den Spuren von Sirona und Apollo-Grannus im Hunsrück„). So war auch das Quellheiligtum in Nierstein zu römischer Zeit lange das Ziel vieler Pilger, was Münzfunde aus der Regierungszeit des Kaisers Domitian (86 n. Chr.), Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius bis zu Postumus (256 n. Chr.) belegen.

Die Militär- und Straßenstation Buconica lag an der viel bereisten römischen Rheintalstraße zwischen Mogontiacum (heutiges Mainz, ehemalige Hauptstadt von Obergermanien) und dem Militärstandort Borbetomagus (heute Worms). Sie ist auch auf der Tabula Peutingeriana, einer im 12. Jahrhundert angefertigten Kopie einer antiken römischen Straßenkarte, als Straßenstation eingezeichnet.

In Nierstein treten vier Mineralquellen an die Oberfläche: zwei Süßwasserquellen und zwei Schwefelquellen. Wasseruntersuchungen aus dem Jahr 1991 bescheinigen den Quellen mikrobiologisch einwandfreie Trinkwasserqualität, sowie hohe Anteile an Mineralien und Gasen, vor allem Schwefel, schwefel- und salzsaures Natron, schwefeliges Stickstoffgas und Eisen. Es wurde bis in die frühe Gegenwart intensiv als Heil- und Mineralwasser im Kurbetrieb genutzt und gilt als heilsam bei Asthma, Hauterkrankungen, Brustleiden, Unterleibsbeschwerden, Hämorrhoiden, Gicht und Rheuma.

Daß diese Quellen schon zu römischer Zeit als Heilquellen genutzt wurden, ist durch Opfergaben wie Münzen und kleine gebrannte Votivfiguren belegt.

Wichtigster Nachweis für die Bedeutung dieser Quelle als Heilquelle, aber auch als Ort der Verehrung für Sirona und Apollo ist ein gut erhaltener Votivaltar mit einer Inschrift, der im Jahr 1802 bei Aufräumarbeiten der jahrhundertelang verschütteten Quelle gefunden wurde:

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Der Weihestein für Apollo und Sirona ist heute in der Wand der Quellenhalle eingelassen

Deo Apollini et Sironae, Julia Frontina
v[otum] s[olvit] l[ibenter] l[ubenter] m[eritis].

Dem Gott Apollo und Sirona erfüllt Julia Frontina ihr Gelübde freudig und nach Gebühr.

(CIL 13, 6272)

Es ist davon auszugehen, daß die Römerin Julia Frontina nach römischem Brauch  zur Erfüllung eines Gelübdes diesen Stein stiftete, nachdem sie an dieser Quelle Heilung erfahren hatte. Ähnlich wie wir dies heute noch in katholischen Kapellen und Kirchen finden, wenn dort Tafeln aufgehangen werden mit der Formulierung „Maria/Heiliger hat geholfen!“

Da der Name Julia Frontina auch auf einem Weihestein aus Ungarn bekannt ist, den dort ein Militärangehöriger namens Cajus Julius Frontinanus stiftete, ein Veteran der V. Legion, ist es durchaus denkbar, daß es sich bei der Stifterin im Militärlager Buconica um die Tochter dieses Soldaten handelte. Frontinanus stiftete seinen Stein in seinem Namen, seiner Frau Caphia Maxima, sowie seiner Tochter Julia Frontina den Heilgöttern Aesculap, Hygia (die im römischen Kontext starke Parallelen mit Sirona aufweist) und den übrigen Heilgöttern und Göttinnen des Ortes für die Wiederherstellung seiner Sehkraft. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, daß auch Julia sich entsprechend an die lokalen gallischen Heilgötter ihres Ortes wandte, Sirona und Apollo (-Grannus).

Bei den Freilegungsarbeiten im 19. Jahrhundert fand man zudem noch die römischen Quellfassungen und eine Säule.

Im Jahr 1803 wurde das Quellheiligtum vom Belgier van der Welden nach römischem Vorbild rekonstruiert. Unter Napoleon, als Rheinhessen zu Frankreich gehörte, herrschte im Bad ein reger Kurbetrieb. Es erfolgten mehrere Umbauten zu einer modernen Kur- und Badeanstalt mit Badehalle, Unterkünften und Brunnenhalle, die sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Französische Inschriftentafeln, die in die Wände eingelassen sind, zeugen noch heute von der Bedeutung des Ortes.

Ab 1910 wurde das Wasser industriell genutzt, unter anderem aufgrund seiner chemischen Eigenschaften zum Bleichen von Mais in einer Stärkefabrik der Firma Sander.

Seit 1937 steht das Bad unter Denkmalschutz und wird seitdem von der Gemeinde Nierstein betreut. Es wurde für die Öffentlichkeit restauriert und zugänglich gemacht.

Beschreibung:

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Der Eingang zum Bad ist unscheinbar

Das Sironabad in Nierstein ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen und ansonsten verschlossen. Eine Führung lohnt sich, da dort viel Hintergrundwissen vermittelt wird.

Das Bad liegt unterirdisch unter einem unscheinbaren Gebäude. Man steigt über eine lange Treppe hinab und gelangt in den großen Quellraum, der das ganze Jahr über gleichmäßig kühl ist. In der Quellhalle befinden sich zwei Wasserbecken, die jeweils von den zwei Süßwasser- bzw. zwei Schwefelwasserquellen gespeist werden.

Die Quellen sind frei zugänglich und man kann sowohl das Wasser der Süßwasser-, als auch der Schwefelquelle probieren (im Rahmen einer Führung werden für gewöhnlich zu diesem Zweck Pappbecher verteilt). Die Wasserqualität beider Quellen in beiden Becken gilt als einwandfrei und das Wasser kann vorbehaltlos getrunken werden – wenn man nicht geschmacksempfindlich ist.

Das Süßwasser schmeckt neutral nach Mineralwasser, das Schwefelwasser ist allerdings eher etwas für Hartgesottene, da das typische Schwefelaroma nach faulen Eiern intensiv ist. Wer Heilung wünscht, muß da allerdings durch 😉

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Augen zu und runter! Schwefel hilft gegen alles, das wußten schon die Römer!

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Ein skeptischer Blick – aber wer Heilung will, muß da durch!

Oberhalb der Brunnenfassungen sind in den Wänden Plaketten mit Inschriften für Napoleon sowie für wohlmeinende Stifter angebracht.

Der Weihestein für Apollo und Sirona ist in eine Wand oberhalb des Brunnenraumes eingelassen. Auch eine große Replik der Sirona-Statue aus Hochscheid befindet sich in der Halle des Quellheiligtum, was wir eine gute Idee finden, um ihr Numen in dieser offenbar doch recht wirksamen Heilquelle lebendig zu halten.

Im Hintergrund der Brunnenhalle befinden sich Wanddurchbrüche, die zu den ehemaligen Räumen des neuzeitlichen Kurbetriebs führen, so zum Beispiel zu Saunaräumen.

Öffnungszeiten, Führungen

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Die Quellen sind frei zugänglich und man kann seinen Becher nach Belieben nachfüllen…

Öffentliche Führungen finden von Mai bis Oktober jeweils am 2. Sonntag im Monat statt. An diesen Tagen ist das Bad von 11 bis 15 Uhr geöffnet und es hält sich ein Führer im Bad auf, der, je nach Besucheraufkommen, regelmäßige Führungen durchführt.

Für Gruppen sind außerhalb dieses Termins Führungen nach Absprache möglich. Hierzu wendet man sich an das Tourismus- und Kulturbüro Nierstein. Kontaktdaten für telefonische oder Email-Terminvereinbarung sind auf der offiziellen Website der Stadt Nierstein einzusehen.

Für die Führung wird ein minimaler Beitrag von einigen Euro erhoben, der aber völlig in Ordnung geht, da er der Erhaltung und Pflege des denkmalgeschützten Bades zugute kommt. Uns hat die ausführliche Führung gut gefallen, die einen weiten Bogen schlägt von der Kelten- und Römerzeit über die napoleonische Besatzung, den Kurbetrieb des 19. Jahrhunderts bis hin zur industriellen Nutzung als Bleiche und Mineralwasserproduktionsstätte.

Sonstiges

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Der Abstieg hinab in die Hallen des Quellheiligtums

Fotografieren ist erlaubt.

Der Abstieg hinab in den Keller ist nicht barrierefrei.

Weiterführende Links und Quellen:

Orthopraxie in der Religio Romana – Teil 1: Bedeutung und Hintergrund

Wie wir schon in dem einen oder anderen Artikel ausgeführt haben, ist die Religio Romana eine „orthopraktische“ Religion. Da dieser Begriff immer wieder Fragen aufwirft, möchten wir ihn in einem zweiteiligen Artikel erläutern.

Teil I dieses Artikels beschäftigt sich mit den Hintergründen: woher kommt der Begriff und wie sieht die spezifisch römische Interpretation aus?

Teil II dieses Artikels wird sich mit der Bedeutung der Orthopraxie für den römischen Rekonstruktionismus, also ihrer praktischen Umsetzung in der heutigen Ausübung der römischen Religion beschäftigen und auf einige typische Fragen und Mißverständnisse eingehen, mit denen wir in diesem Zusammenhang immer wieder konfrontiert werden.

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Jupiter, Juno und Minerva – die kapitolinische Trias (Trier, Landesmuseum)

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und leitet sich ab von „ὀρθός“ (orthos) = „gerade, aufrecht, richtig“ und „πρᾶξις (prâxis) oder πρᾶγμα (prâgma)“ = „Handlungsweise“ und bedeutet übersetzt deshalb so viel wie „rechte Handlungsweise„.

Das Gegenstück (nicht zwingend das Gegenteil!) dazu ist die „Orthodoxie„, von „orthos“ = „recht“ und „δόξα“ (doxa) = „Meinung, Ansicht, Vorstellung, Glaube“, also „rechter Glaube„.

Der eigentliche Begriff „Orthopraxie“ ist ein Kunstwort, das erst Ende des 20. Jahrhunderts im theologischen Kontext im Rahmen der ökumenischen Bewegung zur Überwindung der Spaltung der Christenheit geprägt wurde. Unter anderem stellte Kardinal Ratzinger die Glaubenslehre, die Orthodoxie, der Orthopraxie im Sinne des gelebten Christentums in Form der Nächstenliebe gegenüber.

In diesem Sinne verwenden wir den Begriff an dieser Stelle nicht, sondern lösen ihn aus dem modernen christlichen Umfeld der Ökumene und nutzen ihn zur Beschreibung zweier Konzepte dem reinen Wortsinn nach.

Orthodoxie, d.h. die rechte Glaubensvorstellung, spielt in der Religio Romana – im Gegensatz zum Christentum, Judentum oder Islam -, keine Rolle. Zur römischen polytheistischen Religion (abgesehen vom Spezifikum der Mysterienkulte, in denen solche Ideen bereits angelegt waren) gehören keine theologischen Konstruktionen, Strömungen oder Schulen, Lehrmeinungen, religiöse Vorschriften (wie etwa die 10 Gebote oder Speisevorschriften), religiös motivierte Moralvorstellungen, festgelegte Gottesvorstellungen (zum Beispiel, ob man sich einen Gott körperlich vorzustellen hat oder als formloses Energiewesen, als Teil eines Ganzen oder als individuelles Einzelwesen etc.), Erlösungs- oder Jenseitsvorstellungen oder die Suche nach einem persönlichen Seelenheil.

Sie ist keine Heilsreligion, keine Offenbarungsreligion, die die Lehren eines bestimmten Gottes tradiert, es gibt kein niedergeschriebenes „Glaubensbekenntnis“ und keinen Religionsstifter. Der legendäre zweite König von Rom, Numa Pompilius, wird manchmal als Stifter bezeichnet, aber bei genauem Hinsehen entspricht seine Rolle nicht diesem Begriff in seiner umfänglichen Bedeutung – er war (sofern es ihn gegeben hat) der Stifter einiger wichtiger Kulte und setzte bestimmte Priesterämter ein, aber in einer polytheistischen Religion, die viele Kulte gleichberechtigt unter ihrem Dach vereint, lässt sich in diesem Sinne nicht von einem Religionsstifter sprechen, auf den die gesamte Religion zurückzuführen wäre.

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Marcus Tullius Cicero hat uns dank seiner Schriften viele detaillierte Informationen über die römische Religion hinterlassen (Thorvaldsen-Museum, Kopenhagen)

Natürlich gab es all diese zuvor aufgeführten Themen und Fragestellungen trotzdem auch in der römischen Antike und sie wurden dort eifrig und zum Teil erbittert diskutiert.

Federführend hierbei waren aber keine Priester oder religiöse Autoritäten, sondern die meisten dieser Fragen fielen in den Bereich der Philosophie. Über die Natur des Göttlichen stritten sich zum Beispiel die Stoiker mit den Epikureern (unter anderem nachzulesen in Ciceros Streitschrift „De natura deorum„, „Über die Natur der Götter“). Hierbei muß man als interessanten Punkt betonen, daß die Philosophie ursprünglich ein Import aus Griechenland war, der sich zwar durch lateinische Übersetzungen, Diskussionen und Systematisierungen von Lehraussagen dann auch als Teil des römischen intellektuellen Lebens etablierte, aber es zeigt, das solche Ideen dem römischen Verständnis erst einmal fremd waren.

Ähnlich auffallend ist das Fehlen einer ausgearbeiteten Mythologie in der römischen Religion, obgleich viele der griechischen Götter mit den römischen identifiziert wurden und in der griechischen Vorstellung eine Bandbreite an mythologischen Bildern und Geschichten im Umlauf waren. Die klassische Römische Religion blieb sowohl von einem wertenden philosophischen Überbau, als auch von einer mythologischen Verortung der in ihr verehrten Gottheiten weitestgehend frei und stellte somit eine reine, ritualisierte Kommunikationsform mit dem Göttlichen dar.

Verbreitete Verhaltens- und Moralvorschriften, die zum Teil recht strikt waren, entstammten demzufolge auch nicht religiösen, gottgegebenen Vorschriften, sondern basierten auf Kultur und Tradition des herrschenden Gesellschaftssystems. Gerechtigkeit und an ihr orientiertes Handeln, sowie die gültige Moral wurden als selbstverständlich vorausgesetzt und galten nicht als „Gesetz gegeben durch die Götter“ , sondern als ein der Natur innewohnendes Prinzip, welches sich im subjektiven Gewissen des Einzelnen reflektiert, aber in seinen gesetzten Ansprüchen (denen man nun Folge leisten mag oder nicht) von den Göttern unabhängig ist.

Es gab keine einheitliche, allgemeingültige Lehrmeinung darüber, was nach dem Tod geschah, sondern es gab verschiedene Jenseitsvorstellungen und Debatten über eine Seele oder eine anders geartete Existenz nach dem Tod.

Was der Einzelne über die Götter dachte, oder ob man sich überhaupt mit derlei theoretischen Fragen beschäftigte (selbst das war weder notwendig, noch allgemein in der Bevölkerung verbreitet), war Privatsache.

In der römischen Religion ging es auch nicht um eine individuelle, persönliche, spirituelle, emotionale Beziehung zu einem Gott. Man konnte zwar durchaus einem Gott mehr zugetan sein als einem anderen und diesen zu seinen persönlichen Hausgöttern zählen, an die man sich mit seinen Anliegen wandte, jedoch stand dies nicht im Vordergrund des religiösen Empfindens, sondern der römische Ansatz war tatsächlich sehr pragmatisch und nüchtern.

Götter als Staatsbürger

In der römischen Religion steht die Orthopraxie, d.h. die „rechte Handlungsweise“ im Zentrum, wobei es im Prinzip keine Rolle spielt, was der Handelnde im Einzelnen glaubt oder denkt. Wichtig ist nur, daß die Handlungsweise im Umgang mit den Göttern korrekt ist und festgelegten Vorschriften folgt.

Dies führt dazu, daß die römischen Rituale, aber auch andere kultische Handlungen, strikten Vorgaben folgen und wenig Spielraum für eigene Variationen erlauben, da Form und Funktion im Vordergrund stehen.

Grundlage für diese Herangehensweise ist die römische Vorstellung, daß die Götter, ebenso wie die Menschen, „Bürger“ und damit Teil der Civitas sind, daß sie mit den Menschen zu einer Gemeinschaft gehören und die Gesellschaft mittragen. Als cívitas (Bürgerschaft) wurden bestimmte Verwaltungsbezirke bezeichnet, in die das römische Staatsgebiet eingeteilt war, in weiterem Sinne ist darunter die Gemeinschaft der Bürger zu verstehen, die in einer solchen Verwaltungseinheit erfasst waren.

Die Götter sind nach römischer Vorstellung zwar allgegenwärtig, hingegen nicht unfehlbar, nicht allwissend und allmächtig, dem Menschen aber dennoch überlegen. Dabei sind sie jedoch nicht interessiert daran, ihre überlegenen Fähigkeiten ständig zur Schau zu stellen; im Alltagsleben verhalten sie sich nicht wie Tyrannen oder Herrscher, sondern eher wie „Patrone“ oder weisere Mitbürger (Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Dt: „Briefe über Ethik an Lucilius“).

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Das Fahnenheiligtum der XI. Legion, die jedes Jahr aus der Schweiz zur Villa Borg anreist, ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig der Kult in der Armee war – ohne sich der Gunst der Götter zu versichern, zog man in keine Schlacht

Wie alle Bürger haben dabei auch die Götter Rechte und Pflichten und tragen zum Gemeinwohl bei, um die Ordnung der Welt und ihre Verwaltung zu gewährleisten. Vorstellungen, daß die Götter sich nicht für die Menschen interessieren und sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten, sind unrömisch und wurden schon in der Antike kritisiert (Cicero, De natura deorum I,3, Dt.: Vom Wesen der Götter).

Hier fällt deutlich auf, daß die Vorstellung von den römischen Göttern im Vergleich zu anderen Kulturen in vielen Aspekten gemäßigter war. Zum Beispiel galten bei den Griechen Götter als launisch und unberechenbar und mischten sich gerne aus selbstsüchtigen oder niederen Motiven in die Geschicke der Menschen ein. Eine solche Vorstellung paßt nicht zum römischen Konzept, eine Gottheit als pflichtbewußten Teil der Gemeinschaft zu sehen und auch in die Verantwortung zu nehmen.

Religio“ im römischen Sinne bezeichnet deshalb die grundsätzliche Annahme der Götter als wohlwollende und gutgesinnte Partner der Sterblichen in der Betreuung und Verwaltung der Welt. Nach Cicero entspricht dies auch dem Begriff „Cultus Deorum„, der die Bedeutung des praktischen kultischen Vollzuges betont, also die formal korrekte Verehrung der Götter durch Beachtung eines von alters her gültigen Bezugsrahmens, der durch bestimmte Objekte, Rituale, Zeitpunkte und Orte sowie durch die gewissenhafte Einhaltung von Regeln definiert wird.

Eine Verletzung dieser Strukturen, also etwa eine Opferung, die nicht dem gültigen sakralen Prozedere entsprach, oder Fehler in der Intonation der Anrufungen und andere Dinge dieser Art waren vitia“  (lat.: vitium = Fehler, Mangel, Gebrechen, Schaden) und führten zur Ungültigkeit des Ritus, so dass er von vorne begonnen werden mußte.

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Waschung der Hände vor der Durchführung des Rituals (Haltern, 2014)

Der Religio gegenüber steht, als negatives Gegenstück, die „superstitio„, im römischen Verständnis als Begriff nach Varro und Cicero definiert als übertriebene, devote Frömmigkeit oder religiöse Ereiferung, religiöse Extremzustände und ungesunde sprituelle Fokussierung, zum Beispiel sich manifestierend in Form von tagelangem Beten und Opfern, als allgemeine Furcht vor den Göttern oder als  Angst vor einem konkret strafenden Gott. Aber auch lähmender Aberglaube, sowie Magie und Divination, also der Versuch, sich selbst göttliche Kräfte oder Wissen um die Zukunft durch magische Mittel anzueignen fällt darunter, wie auch die Vorstellung, daß Götter die Kontrolle über den Geist eines Menschen nehmen, um dessen Gedanken zu kontrollieren oder ihm solche einzugeben. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist also wesentlich vielschichtiger und weitreichender als das Lehnwort im Englischen, das wir heute noch kennen (superstition, was rein Aberglaube bedeutet).

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Römischer Reisetipp: Neumagen-Dhron an der Mosel, das römische Komplettpaket!

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Blick auf das Römerweinschiff und die Peterskapelle

Wir machen immer wieder gerne mehrtägige Kurzreisen durch unsere schöne gallo-römische Provinz (letztes Jahr wandelten wir zum Beispiel auf den Spuren von Sirona und Apollo-Grannus durch den Hunsrück).

In diesem Jahr waren wir ausgiebig an der Mosel unterwegs, oder, nach dem römischen Dichter Ausonius, an der schönen Mosella. Wir bereisten sie von der Mündung bei Koblenz flußaufwärts bis nach Luxemburg und entdeckten dabei viele spannende Orte aus der bewegten gallo-römischen Geschichte dieses Flusses.

Einleitung: Mosella

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Die „Stella Noviomagi“, der Nachbau des römischen Weinschiffs, liegt in Neumagen vor Anker

Das Gebiet entlang der Mosel gehörte zu römischer Zeit zu Gallien und war vom gallischen Stamm der Treverer bewohnt, daher stammen Ortsnamen wie Augusta Treverorum (Trier) oder Noviomagus Treverorum (Neumagen).

 Weinbau und Landwirtschaft wurden schon zu römischer Zeit exzessiv entlang des Flusses betrieben, wie zahlreiche römische Kelteranlagen an der Mosel noch heute beweisen – unter anderem die große Kelteranlage in Piesport (zu römischer Zeit Porto Pigontio, benannt nach dem dort verehrten Lokalgott Mercurius-Bigontius), die die größte römische Kelteranlage nördlich der Alpen ist.

Überall entlang der Mosel sind römische Spuren zu finden – Kelteranlagen, Tempel (bis hin zum rekonstruierten Bergtempel auf dem Calmont, Europas steilstem Weinberg, und dem Lenus-Mars-Tempelkomplex auf dem Martberg bei Pommern), Zivilgebäude, Landgüter und Militärkastelle. Einen Höhepunkt bildet natürlich Trier, die ehemalige Hauptstadt der gallischen Provinz und Kaisersitz, doch auch jenseits davon geht es weiter mit römischen Funden wie der Igeler Säule, dem höchsten Grabdenkmal nördlich der Alpen, Grabtempeln, die das Moseltal überblicken, sogar Kaiserpalästen wie in Konz, wo Mosel und Saar zusammenfließen, und immer wieder Keltersteine.

Über viele dieser Orte haben wir schon geschrieben oder werden wir im Laufe der Zeit einen Reiseartikel hinzufügen (die To-Do-Liste ist noch lang!).

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Wegen seiner ausgesprochen gut erhaltenen Funde wird Neumagen als „moselländisches Pergamon“ bezeichnet. Hier: Die „Frisierszene“

Heute jedoch möchten wir Euch einen besonderen Ort an der Mosel jenseits der „Mainstream-Touristenziele“ vorstellen, der auf den ersten Blick fast unscheinbar erscheint, aber seinen Ruf als „Moselländisches Pergamon“ nicht ohne Grund trägt: Neumagen-Dhron – ein eindrucksvolles Beispiel der römischen Blütezeit an der Mosel zu konstantinischer Zeit.

Normalerweise schreiben wir über einzelne Sehenswürdigkeiten eigene kleine Reiseartikel, aber Neumagen-Dhron hat für den römischen Touristen so viel zu bieten, daß wir entschieden haben, den Ort als „Komplettpaket“ vorzustellen, anstatt dies über mehrere Artikel zu verstreuen.

Die Lage

Neumagen-Dhron liegt am rechten Moselufer etwa auf halber Höhe zwischen Bernkastel-Kues und Trier. Die nächsten Orte sind Piesport und Trittenheim.

101_neumagenDer kleine Weinort selbst wirkt auf den ersten Blick unspektakulärer als die typischen Touri-Moselstädte wie Cochem, Bernkastel-Kues oder Traben-Trarbach, die der Mosel zum Teil auch ihren zweifelhaften Ruf als Gegend für „Sauftourismus“ und Kegeltouren eingebracht haben. Während sich durch Cochem vor allem amerikanische und asiatische Touristen schieben, ist das kleine Neumagen-Dhron eher ein verschlafenes Dorf, das gerne von Niederländern, Belgiern und Skandinaviern besucht wird.

Es besteht im Prinzip aus einer langen Hauptstraße, der „Römerstraße“ mit urigen Winzerhöfen aus dem 18. Jahrhundert und einer parallel dazu verlaufenden Straße entlang des Moselufers. Es ist ein beliebtes Ziel für Radtouristen, Wanderer und… Römerfans.

Remmi-Demmi-Kneipen, besoffene Heerscharen von Touristen und lautes Nachtleben sucht man hier vergebens (und möchte man auch gar nicht finden). Dafür versteckt sich überall im Ort das römische Erbe, das von der Dorfgemeinschaft und dem örtlichen Kulturverein Ausonius e.V. mit Inbrunst gepflegt und von Ehrenamtlichen leidenschaftlich und mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand betreut wird.

Parken ist kein Problem in Neumagen, einerseits gibt es Parkplätze an der Hauptstraße  vor der kleinen Kapelle, direkt neben dem Grabmal des Weinhändlers. Dann, einige Meter weiter, vor der nicht zu übersehenden Kirche des Ortes. Nicht zuletzt finden sich unten am Moselufer zahlreiche Parkplätze rund um die Anlegestelle der „Stella Noviomagi“ und entlang des Ufers.

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln gestaltet sich schwieriger, da Neumagen-Dhron keinen Bahnhof hat. Die nächstgelegenen Bahnhöfe befinden sich in Schweich oder Trier und werden von der Moselbahn zwischen Koblenz und Trier angefahren. In Neumagen hält eine Buslinie, der „RegioRadler Moseltal“, der zwischen Trier und Bullay verkehrt und Platz für bis zu 20 Fahrräder bietet (Reservierung empfohlen).

Ein „deutsches Pergamon“

Neumagen schmückt sich mit dem Untertitel „Ältester Weinort Deutschlands„. Schon aus römischer Zeit ist hier der Weinbau und Weinhandel nachgewiesen. Vor allem aber ist es eine ganz besondere Sehenswürdigkeit, die Neumagen berühmt gemacht hat: der Fund eines monumentalen Grabmals eines römischen Weinhändlers in Form eines Mosel-Weinschiffs, das von mehreren Ruderern gerudert wird und mit Fässern und Amphoren beladen ist.

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Das Weinschiff und andere römische Repliken gibt es sogar beim örtlichen Konditor (allerdings nicht aus Kuchen).

Das Original dieses Grabmals befindet sich heute im Landesmuseum Trier (und ist dort auch ein tragendes Element im großartigen Multimedia-Spektakel „Im Reich der Schatten„). Neumagen jedoch verfügt über eine Replik in Originalgröße, die schön präsentiert im Dorfmittelpunkt an der Hauptstraße steht. Zudem ist dieses Schiff überall in Miniaturform in verschiedenen Größen als Modell zu finden, bis hin zur Dorfkonditorei, es ziert zahllose Schilder, Gegenstände (wie Weingläser, Tassen, Taschen), ist zum Logo des Ortes geworden und quasi omnipräsent.

Doch es ist nicht nur dieses Schiff, das Neumagen so besonders macht – tatsächlich ist Neumagen neben Trier der bedeutsamste Fundort römischer Hinterlassenschaften an der Mosel. Die Funde aus dem 2.-4. Jahrhundert sind vielfältig und von ungewöhnlich hohem Rang und Qualität, darunter Hunderte von sehr gut erhaltenen Reliefsteinen, Denkmäler, Grabmonumente reicher Einwohner und Kaufleute, die detailierte Alltagsszenen zeigen und zu überregionaler Berühmtheit geführt haben, wie eine Frisierszene, eine Schulszene, Jagdszene, Totenmahl oder eine Szene, die eine Pachtzahlung zeigt. Hinzu kommen zahlreiche Inschriftensteine und Reliefs mit mythologischen Motiven.

Auch Darstellungen rund um den antiken Weinbau sind zu finden: Wagenausfahrt, Transport von Weinfässern und Amphoren auf Schiffen. Bemerkenswert ist hierbei die portraithafte Darstellung der gezeigten Personen mit individuellen, fein gearbeiteten Gesichtszügen bis hin zur detaillierten Ausarbeitung von Frisuren, Kleidung und Gesichtsausdrücken.

Noviomagus Treverorum

Das römische Neumagen – Noviomagus Treverorum – war ein römisches Kleinkastell an der Ausoniusstraße, einer Fernstraße, die von Trier durch den Hunsrück bis nach Bingen und von dort nach Mainz führte. Schon auf der römischen Reisekarte, der Tabula Peutingeriana, findet man Noviomagus als eine sichere Wegestation entlang der römischen Schnellstraße auf dem beschwerlichen Überlandweg von Trier an den Rhein.

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Die römische Pachtzahlung ist ein weiteres berühmtes Motiv, aus dem viele Details, bis hin zur einheimischen Kleidung der Beteiligten, hervorgehen

Während die finsteren Wälder und Berge des Hunsrücks für den damaligen Reisenden alles andere als sicher waren und auf ihn bedrohlich wirkten, boten Kleinkastelle und bewachte Siedlungen wie Noviomagus eine sichere Übernachtungsmöglichkeit mit Essen und der Möglichkeit, Pferde zu wechseln. Sie fanden sich überall entlang des römischen Fernstraßennetzes im Abstand von je einer Tagesreise. Die Straßenführung aus dem Hunsrück ist noch heute fast identisch mit dem Verlauf in der Antike.

Die erste schriftliche Erwähnung von Noviomagus findet sich bei Decimus Magnus Ausonius in seiner Reisedichtung „Mosella“ aus dem Jahr 370 n. Chr.. Er erwähnt den Ort nach seiner beschwerlichen Anreise mit „und endlich erblickte ich Noviomagus, das berühmte Kastell des göttlichen Constantinus!“ und beschreibt die Schönheit des Moseltals rund um Neumagen. Hier erfahren wir auch Details über die Art der Bebauung, die Schiffahrt auf der Mosel, die Arbeit der Einheimischen bei Fischfang und Weinbau. Als Tribun, der am Feldzug des Kaisers Valentinian I. gegen die Alemannen teilnahm, als Konsul, Rhetoriker und Erzieher des Kaisersohns Gratian und weitgereister Staatsmann (der selbst aus Bordeaux stammte), zeigt sein ausführliches Loblied, wie beeindruckt er von der Landschaft war, die er erstmals von der Niederemmeler Höhe aus erblickte, als er vom angrenzenden Hunsrück hinabstieg.

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Ein römischer Leugenstein befindet sich vor der Kirche

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle nur eine römische Siedlung mit Markt, ein vicus, der ein wichtiger Handelsplatz für Waren aus dem Hunsrückraum darstellte. Dieser wurde jedoch im Jahr 275 n. Chr. durch Germaneneinfälle zerstört. Aufgrund der strategisch bedeutsamen Lage an der wichtigen Fernstraße und an der Mosel, die ebenfalls ein bedeutsamer Transportweg für die Versorgung der Kaiserstadt Trier war, wurde an der gleichen Stelle zu konstantinischer Zeit im frühen 4. Jahrhundert ein Militärkastell errichtet. Hier gab es auch eine Schiffsanlegestelle und eine Fährverbindung zum anderen Moselufer. Dadurch wurde eine Querverbindung zur Straße geschaffen, die aus der Eifel bei Wittlich hinab nach Porto Bigontio (dem heutigen Piesport) führte.

Das Kastell war von einer Stadtmauer umgeben und mit 13 Rundtürmen geschützt, die zum Teil noch bis ins 17. Jahrhundert standen.Es gab zwei 8-10 Meter hohe Tore mit Befestigungsgräben, die den Innenbereich und die dort ansässigen Zivilisten schützten. Die zinnenbewehrte Mauer war in der Lage, Belagerungsangriffen mit Rammböcken und Leitern zu widerstehen.

Teile dieser (ursprünglich als mittelalterlich vermuteten) Mauern wurden bei Hausbauten und Kellerausschachtungen freigelegt. Erst als man 1877 inmitten dieser Mauern Reliefsteine mit figürlichem und ornamentalem Bildwerk sowie Architekturelemente entdeckte, die das Fundament dieser Kastellmauern bildeten, wurde die wahre archäologische Bedeutung des Ortes deutlich. Es schlossen sich Ausgrabungen des neu gegründeten Provinzialmuseums Trier an. Die Neumagener Sammlung mit ihren hervorragenden Reliefsteinen, Pfeilern, Grabmonumenten, Weihealtären ist heute noch im Landesmuseum Trier zu bestaunen. Die Reliefs sind von überdurchschnittlich hoher Qualität und deuten auf ein Bildhaueratelier in der Nähe von Trier hin. Die Tatsache, daß sie beim Bau der Stadtmauer zu konstantinischer Zeit im Fundament vermauert wurden, ist die Ursache für ihre ausgesprochen gute Erhaltung bis in die heutige Zeit.

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Die Vision des Konstantin fand tatsächlich in Neumagen statt!!!

Eine örtliche Legende erzählt sich, daß Kaiser Konstantin im Jahre 312 seine berühmte Vision des Kreuzes gar auf dem Kronberg oberhalb von Neumagen hatte. Diese Erscheinung sagte seinen Sieg im Kampf gegen seinen Rivalen Maxentius voraus, falls er im Zeichen des Kreuzes in die Schlacht zöge. Diese Vision führte dazu, daß Konstantin seinen Soldaten befahl, in der Schlacht an der Milvischen Brücke bei Rom ihre Schilde mit dem Christusmonogramm Chi-Ro zu bemalen – und tatsächlich war er siegreich. Daß er seine Vision in Neumagen hatte, ist eine sicher nicht allzu bekannte Anekdote dieses bedeutsamen historischen Ereignisses 😉

Noch heute sind Teile der Rundtürme erhalten und der Verlauf der Kastellmauern und die Position der Türme sind im Ort durch Pflasterungen auf dem Boden oder kleine Aufmauerungen verdeutlicht.

Die Funde befinden sich heute zum größten Teil im Landesmuseum Trier. Es finden sich jedoch überall im Ort originalgetreue Repliken der Funde, die sogar aus dem Original-Material (meist Sandstein aus der Region) hergestellt sind. Da sie dort der Witterung ausgesetzt sind, müssen sie alle paar Jahre erneuert werden.

Aber auch einige Originalfunde aus Neumagen sind versteckt überall im Ort zu finden. Eine detaillierte Beschreibung der vielen Sehenswürdigkeiten folgt später im Laufe des Artikels, wenn wir Euch mit auf den Rundweg nehmen.

Archäologischer Rundweg

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Der „fröhliche Steuermann“ weist den Weg auf dem Archäologischen Rundweg

Seit dem Jahr 1998 führt ein archäologischer Rundweg durch den Ort, der alle römischen Sehenswürdigkeiten miteinander verbindet. Er ist auf dem Boden gut sichtbar durch Plaketten mit dem Gesicht des „fröhlichen Steuermanns“ ausgeschildert, dem Teil eines weiteren römischen Weinschiffs, das den Kopf eines selig lächelnden Steuermanns zeigt. Auch dieser Steuermann wurde zu einem der Wahrzeichen Neumagens und die Einheimischen identifizieren sich gerne mit diesem sympathischen Weinfreund.

Der Rundweg ist bequem zu Fuß zu absolvieren (der Ort ist sehr klein) und gesäumt von 17 gut gemachten und bebilderten Info-Tafeln auf Deutsch, Englisch und Niederländisch.

Wer den Weg nicht alleine ablaufen möchte, hat auch die Gelegenheit, an einer archäologischen Wanderung „auf den Spuren der Römer“ teilzunehmen, die von Mai bis Oktober Freitags um 17:15 Uhr und Samstags um 10:15 Uhr von der Touristeninformation Neumagen angeboten wird. Sie wird von Ehrenamtlichen vom Förderverein Neumagener Weinschiff e.V. geleitet, die gut informiert sind und mit Leidenschaft das römische Erbe ihres Ortes pflegen. Der Unkostenbeitrag von 4€ für einen Erwachsenen ist absolut in Ordnung und unterstützt die Erhaltung und Restaurierung der römischen Denkmäler und des Rundweges.

Selbst wenn man den Ort auf römischen Spuren selbst durchwandern möchte, erlaubt die Teilnahme an der Führung geheime Einblicke, die man als einzelner römischer Tourist nicht unbedingt bekommt – doch dazu später mehr! Wir empfehlen also beides: den Ort auf eigene Faust erkunden und an der Führung teilnehmen, wenn die Zeit es erlaubt. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig.

Stadtmuseum

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Im Stadtmuseum werden einige Szenen aus berühmten Reliefs nachgestellt

Startpunkt der Führung oder des Rundgangs ist die Touristeninformation, nicht zu verfehlen an der Hauptstraße des Ortes gegenüber der Kirche und nur wenige Meter vom Römerweinschiff-Denkmal entfernt.

Dort findet sich auch ein kleines Stadtmuseum, gleichzeitig befindet sich dort die örtliche Post und ein römischer Souvenirshop mit Repliken, Wein, Gläsern, Neumagen-Merchandise, Postkarten, betreut in Personalunion. Die Öffnungszeiten sind: 01. April bis Weihnachten stets von 09.00-12.30 und nachmittags von 14.00-16.30Uhr. Mittwoch und Samstagnachmittag geschlossen. Nach Weihnachten bis 31.03. dann wochentags immer von 09.00 -12.30 Uhr und samstags von 09.00-12.00 Uhr.

Gegen eine geringe Zahlung von 2€ betritt man das aus vier Räumen bestehende kleine Stadtmuseum, das sich ganz auf die römische Geschichte von Neumagen spezialisiert hat. Es ist überraschend liebevoll und detailliert ausgestattet, mit römischen Wandmalereien, der Nachstellung zweier römischer Alltagsszenen aus den Reliefs „Pachtzahlung“ und „Frisierszene“, einigen Originalfunden (Säulenteile, Geschirr und Bauelemente), der Erklärung einer Hypokaustenanlage und des römischen Vermessungswesens, unterstützt durch einen Film über römische Vermessungstechnik, den man sich dort anschauen kann. Ein Modell veranschaulicht die Lage und Größe des ehemaligen Kastells und ein kurzer Film über das Kastell vermittelt Hintergrundinformationen.

Es gibt Informationen über die Ausoniusstraße, ein kleines Lararium, Einblick in eine Schreibstube sowie eine Statue des Gottes Mars von der Mosel.

Ein nettes kleines Museum, das eine gute Ergänzung zum römischen Aufenthalt in Neumagen bietet – sollte man definitiv besuchen, wenn man schon einmal in Noviomagus weilt, auch, um den ambitionierten Ortsverein zur Erhaltung der römischen Geschichte zu unterstützen.

Archäologischer Rundgang

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Eine Teilnahme an der Führung ist empfehlenswert, da sie auch zu versteckten römischen Sehenswürdigkeiten führt, die man alleine schnell übersieht

Vor dem Stadtmuseum beginnt der Archäologische Rundgang durch den Ort, dem man anhand der im Boden eingelassenen Plaketten mit dem Gesicht des seligen Steuermannes folgt. Der Rundweg wurde unter Mitwirkung des Rheinischen Landesmuseums Trier erarbeitet und von der Gemeinde Neumagen-Dhron sowie des Heimat- und Verkehrsvereins finanziert.

Die einzelnen Stationen sind gut erkennbar an den großen, mehrsprachigen Infotafeln. Da das Stadtmuseum innerhalb der ehemaligen Kastellmauern liegt, befinden sich bereits in Sichtweite rund um das Gebäude bereits mehrere Stationen, die unter anderem den Aufbau des Kastells erläutern und den Verlauf der Mauern und Türme verdeutlichen. Direkt an der Außenmauer des Museums befindet sich eine der vielen Alltagsszenen aus den berühmten Neumagener Grabreliefs, die „Pachtzahlung“.

Gegenüber des Museums, neben der Kirche, befindet sich ein Leugenstein, ein antiker Wegweiser und Meilenstein. Auf der Rückseite der Kirche gibt es ein Weinrankenrelief – ein Hinweis auf die Bedeutung des Weines in dieser Region schon zur Zeit der römischen Antike. Hier ist deutlich die typische Einzelpfahlerziehung einer Weinrebe zur Römerzeit zu erkennen, die in charakteristischer Weise wie eine „8“ gebunden ist. Auch Weinbergsschädlinge sind auf dem Relief zu erkennen.

Folgt man dem Rundweg hinab zum Moselufer, kommt man an der zuvor erwähnten Konstantinstele vorbei, die den Kaiser mit seiner Vision zeigt. Antike Säulenreste säumen den weiteren Verlauf des Weges.

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Alle Reliefs sind mit dreisprachigen Informationstafeln beschildert

An vielen Hauswänden finden sich weitere Reliefs, wie die berühmte Schulszene, die einen (offenbar griechischen) Hauslehrer mit drei Schülern zeigt, eine Mahlzeit eines Hausherren mit seiner Gemahlin, die von zwei Dienern bewirtet werden, oder den Mundschenk (lat: Princerna), der als Vorkoster eine hohe Vertrauensstelle am kaiserlichen Hofe einnahm.

Jedes Relief ist mit einer Infotafel versehen, auf der der Inhalt des Bildes erläutert wird.

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Der Ausoniuspark

Vom Moselufer hinauf zurück zur Hauptstraße führt ein kleiner Park mit Treppen, der dem Dichter Ausonius gewidmet ist. Hier findet sich auch eine Statue des Ausonius, daneben ein Sarkophag mit einer Zirkusszene, die ein Pferderennen zeigt. Auch die bekannte Frisierszene, bei der eine hochstehende römische Dame von Dienerinnen frisiert wird, ist hier prominent in Szene gesetzt.

Der kleine römische Park ist von Bäumen überschattet und gepflegt. Er führt hinauf zu einer kleinen Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, der Peterskapelle, die sich direkt neben dem Highlight des Rundwegs befindet, dem Grabmahl des Weinhändlers.

Das römische Grabschiff

Das bekannteste und sicher beliebteste römische Denkmal, das römische Grabschiff, befindet sich rechts von der Peterskapelle an der Hauptstraße, gegenüber vom „Café Wald am Römerschiff“ das mit einer schwindelerregenden Auswahl an Torten begeistert. Auch hier befinden sich in der Gaststube Repliken römischer Reliefs aus Neumagen und man kann auch Repliken des Weinschiffs in allen Größen in der Backstube erwerben (touristischer Tipp am Rande: Das Café am Römerschiff ist gleichzeitig ein recht familiäres Hotel, in dem wir übernachteten – direkter Blick vom Zimmer auf das nachts beleuchtete Römerweinschiff inklusive!).

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Das Grabmal des Weinhändlers ist das Wahrzeichen des Ortes

Das Weinschiff – als Wahrzeichen des Ortes – wird gut in Szene gesetzt. Es gibt eine große Informationstafel, vor dem Schiff sind Blumen gepflanzt und es wird im Dunkeln stimmungsvoll von Scheinwerfern angestrahlt. Für Touristen ein beliebtes Fotomotiv, so daß sich in der Saison rund um das Weinschiff immer Gruppen von Wanderern und Radfahrern einfinden.

In Neumagen wurden insgesamt vier Grabmonumente in Form von Weinschiffen gefunden.

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Rekonstruktion des Grabmals auf der Infotafel

Vom Römerweinschiff an der Kapelle ist nur eine Frontseite erhalten; tatsächlich handelte es sich wohl um eine Art Katamaran, auf dessen Zwischenfläche die Weinfässer und Amphoren transportiert wurden. Das 3 Meter lange Grabmal zeigt vier Fässer und vierzehn Amphoren, was besonders interessant ist: Fässer waren untypisch für den römischen Weinhandel und eigentlich eine Erfindung der Kelten. Da sich Neumagen allerdings tief im Land der keltischen Treverer befand, ist anhand der Grabdenkmäler ersichtlich, daß der lokale Weinhandel und die Winzer – neben Amphoren – auch diese Art der Weinaufbewahrung nutzten (daneben gibt es Diskussionen, ob die Fässer eventuell statt Wein Bier enthielten, um auch andere lokale Geschmäcker zu befriedigen, dafür gibt es jedoch keine Belege). Die 14 Amphoren auf dem Weinschiff sind mit einem Strohgeflecht transportsicher gestapelt.

Entlang des Schiffs sind 6 rudernde Besatzungsmitglieder, 22 Ruder sowie zwei Steuermänner zu sehen.

Auffällig ist die Bauart des Weinschiffs, das an der Vorderseite in einem Rammsporn ausläuft, wie man es nur von Militärschiffen kennt. Möglicherweise handelte es sich bei dem Weinschiff um ein für den zivilen Dienst genutztes ehemaliges Militärschiff oder ein Schiff, das in Friedenszeiten zum Wein- und Warentransport nach Trier benutzt wurde und bei Bedarf zum Kriegsdienst umgerüstet werden konnte.

Charakteristisch ist auch der Drachenkopf an der Vorderseite des Schiffs sowie die auf den Rumpf gemalten Augen, die beide Unheil abwehren sollten – die Mosel war zu römischer Zeit ein weitaus wilderer Fluß, der noch nicht, wie heute, durch Staustufen gebändigt war und somit berüchtigte Untiefen und Stromschnellen hatte.

Reste eines weiteren Grabschiffs, von dem auch der Kopf des seligen Steuermanns stammt, sind im Vorgarten eines Hauses an der Hauptstraße zu sehen.

Kastellmauer: Gut versteckt, aber erhalten

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Die Kastellmauer versteckt sich hinter Häusern und in Kellern

Ebenfalls noch zu sehen, wenn auch gut versteckt, sind Teile der Kastellmauer, an denen sogar noch die charakteristische römische Bauweise in Fischgrätmauerweise der Schiefersteine zu erkennen ist.

Einen noch hoch anstehenden Mauerteil findet man an der Hinterseite einiger Wohngebäude: In der Spielesgasse, die von der Römerstraße abzweigt, führt auf der rechten Straßenseite ein kleiner, enger Fußweg zur Rückwand einiger Häuser. Hier erwartet den Besucher ein Teil der Stadtmauer sowie eine Informationstafel.

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Ein Insidertipp für den römischen Touristen

Ein richtiger Noviomagus-Geheimtipp ist jedoch die Straußwirtschaft des Weinguts Lauterbach „An der Römermauer“ in der Spielesgasse 14. Der Winzerhof ist direkt in die römische Steinmauer hinein gebaut worden, so daß die Mauer heute die Rückwand der Weinstube bildet und „Weingenuss vor altrömischer Kulisse“ erlaubt. Das Weingut ist im Besitz der Winzerfamilie Lauterbach und die Weinstube ist nur unregelmäßig geöffnet (in der Saison samstags ab 19 Uhr, ohne Gewähr – bei Bedarf kurz vorher anfragen). Hier gibt es auch nichts zu essen (außer Knabbereien), dafür Weinausschank durch die freundlichen Inhaber in einer ganz besonderen Umgebung.

Denn neben der römischen Wand, die der Blickfang der Weinstube ist, hat der Besitzer auch einige andere römische Funde in seine Einrichtung integriert. Es findet sich – natürlich -eine Replik des seligen Steuermanns, aber auch Original-Funde aus Neumagen, die – mit Erlaubnis des Landesmuseums Trier – zu Tischen umfunktioniert wurden: So wurden ein Stück antiker Wasserleitung und ein Teil eines Grabmonuments mit schweren Glasplatten überdeckt, so daß sie zwar gut zu sehen sind, aber gleichzeitig auch gut geschützt praktisch genutzt werden können.

Nicht zuletzt herrscht in der Weinstube eine sehr familiäre und urgemütliche Wohnzimmeratmosphäre und der Winzer und seine Frau gesellen sich gerne zu den Gästen und erzählen ihnen von der römischen Geschichte Neumagens und vor allem der Geschichte der Kastellwand und der zu Tischen umfunktionierten Funde. Nicht zuletzt ist auch der lokale Riesling (dessen Etikett ebenfalls die Kastellwand ziert), sehr gut zu trinken (und nein, wir bekommen kein Geld für diese Empfehlung, sondern berichten aus eigener, angenehmer Erfahrung 🙂 ).

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Ludovicus und Corvina lassen den Abend gemütlich ausklingen: mit einem halbtrockenen Riesling vor der Römermauer in der römischen Weinstube

Fahrt mit der Stella Noviomagi

Der Höhepunkt einer Neumagen-Reise ist natürlich eine Fahrt mit dem nachgebauten Weinschiff, der Stella Noviomagi, die in Neumagen vor Anker liegt. Es wird vom Kulturverein Ausonius e.V. betreut.

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Ein Muss für den Neumagen-Besucher: Eine Fahrt mit der Stella Noviomagi und ein Glas Moselwein

Es handelt sich dabei um einen fahrtüchtigen Nachbau basierend auf dem Grabdenkmal-Weinschiff, der in der Sommersaison regelmäßig Kulturfahrten 10 km moselaufwärts oder moselabwärts unternimmt. Zudem kann das Schiff auch für Gruppenfahrten für bis zu 40 Personen gechartert werden. Es ist motorisiert, kann aber auf Wunsch mit 22 Rudern auch (selbst) gerudert werden. Wie unser Führer uns schmunzelnd berichtete, erfordert dies jedoch ein gut eingespieltes Team, ansonsten kann man sich darüber amüsieren, wie die Gruppe sich mit dem Schiff im Kreis dreht.

Die Stella Noviomagi lief 2007 vom Stapel. Es wurde von Auszubildenden der Handwerkskammer Trier mit Holz aus heimischen Wäldern gebaut und ist das größte im deutschen Sprachraum nachgebaute Römerschiff. Seine Länge beträgt 17,95 Meter, das Leergewicht 14 Tonnen.

Es wurde etwas verkleinert nachgebaut, da es im Original-Maßstab die „Schallmauer“ von 18 Metern weit übertroffen hätte – und ab dieser Länge sind das große Kapitänspatent sowie deutlich strengere Auflagen zur Personenbeförderung gesetzlich vorgeschrieben, etwas, was der kleine ehrenamtliche Verein, der das Boot betreibt, nicht leisten kann. Trotz der Gelder, die durch die Kulturfahrten und Charter des Schiffes hereinkommen, wird damit kein Gewinn erzielt, da nach jeder Saison umfangreiche Restaurierungs- und Pflegearbeiten notwendig sind, um das Schiff zu erhalten. Die Arbeitsstunden werden zum großen Teil ehrenamtlich geleistet und viel Geld fließt aus eigener Tasche hinzu. Insofern ist es eine gute Sache, das Projekt zu unterstützen und wir empfehlen an dieser Stelle auch gerne die Fahrt mit der Stella Noviomagi jedem Römerfan und jedem Moselfreund weiter!

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Die Moselfelsen sind spektakulär

Wir nahmen auch an einer sogenannten „Kulturfahrt“ teil. Diese finden von Ostern bis Oktober Samstags um 15:30h und Sonntags um 10:00h statt (bei Bedarf und in der Hochsaison werden auch weitere Fahrten angeboten). Die Fahrten finden auch bei schlechtem Wetter statt.

Die Fahrt kostet 18€ für einen Erwachsenen und dauert ca. 1,5 Stunden. Vorher erhält man im Infopavillon eine kurze 20-minütige Einführung, bei der auch zwei Filme gezeigt werden: einer über das Kastell Neumagen und einer über die Herstellung des Schiffs, bevor man dann gemeinsam zum Anleger geht. Der Preis ist völlig in Ordnung für dieses Erlebnis und unterstützt zudem eine gute Sache.

Begleitet wird die Kulturfahrt von einem erfahrenen Gästeführer, der während der Fahrt ausführlich über die römische Geschichte der Mosel, die Geschichte des Weinbaus und über Kultur, Land und Leute der Region referiert. Zudem werden Sehenswürdigkeiten erläutert, die man auf der Fahrt passiert, wie die Mosel-Loreley oder den Ort Piesport, zu dem unsere Fahrt moselabwärts führte.

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Das darf in keinem kultivierten römischen Haushalt fehlen!

Außerdem findet an Bord des Schiffs während der Fahrt eine Weinverkostung statt. Hier hat man die Möglichkeit, ein Weinglas zu erwerben, das das römische Grabmonument sowie die nachgebaute Stella Noviomagus zeigt (das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen!) und – ganz nach Geschmack – örtlichen trockenen, halbtrockenen oder lieblichen Moselwein zu probieren. Die Preise für den Wein an Bord sind absolut zivilisiert und keine Abzocke: das befüllte Glas kostet 4,50€ (das man im Anschluß behalten kann; möchte man nur das Glas, kostet es 3€). Nachfüllen kostet jeweils 1,50€ und man schenkt großzügig ein.

Die Fahrt, die wir gemeinsam mit einer Gruppe Skandinavier und gemischter Touristen allen Alters machten, war sehr unterhaltsam. Die Erklärungen des Gästeführers waren interessant und versiert und wir lernten tatsächlich noch einiges über die Römerzeit an der Mosel, über Neumagen und Ausonius, sowie über Weinbau, obwohl wir ja selbst aus einem Weinbaugebiet kommen. Die Stimmung an Bord war gut, locker und entspannt. Man kann sich auf dem Schiff frei bewegen, fotografieren, auf den Ruderbänken sitzen oder an der Reling oder vorne am Bug stehen.

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Der fröhliche Steuermann war nicht an Bord, ist aber in einem Vorgarten an der Hauptstraße zu finden

Anspruch auf eine Sitzgelegenheit gibt es nicht, aber das stellte trotzdem kein Problem dar, obwohl wir ausgebucht waren. Wer einen Platz benötigt, bekommt auch einen; die meisten Passagiere stehen eh an der Reling und winken den zahlreichen staunenden Passanten am Ufer und auf den Brücken zu und amüsierten sich damit, sich gegenseitig vor der dramatischen Moselkulisse und dem Schiff zu fotografieren und fröhlich dem Wein zuzusprechen.

Wir empfehlen unbedingt, die Fahrt im Voraus zu buchen, je früher desto besser!

Uns stand, obwohl wir einige Tage in Neumagen waren, nur noch der Sonntagmorgen-Termin offen und wir bekamen dort die letzten Plätze, obwohl wir lange im Voraus angefragt hatten. Die Buchung kann über die Touristeninformation Neumagen vorgenommen werden (per Email oder telefonisch). Unverbindliche Anfrageformulare und eine Übersicht über die freien Termine finden sich auf der offiziellen Website des Weinschiffs.

Das Schiff fährt zudem bei den Weinfesten in Neumagen und dem römischen Kelterfest in  Piesport, wo man an einer kurzen Schnupperfahrt teilnehmen kann.

Wenn man in Neumagen weilt, ist die Fahrt mit der Stella Noviomagi ein absolutes Muß!

Fazit

Wer ein besonderes römisches „Rundum-Sorglos-Paket“ sucht  – und das abseits der ausgetretenen Pfade wie Trier -, dem können wir den ältesten Weinort Deutschlands nur ans Herz legen.

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Auch in der Weinstube an der Römermauer freut sich der Steuermann über römisch interessierte Besucher. Man erzählt sich unter den Einheimischen, wenn der Steuermann ein Licht bekommt und es flackert, dann spricht er zu einem…und ab manch weinseliger später Stunde mag man ihn verstehen können…

Für uns waren die Tage in Neumagen Erholung und Erlebnis zugleich und wir waren begeistert von der Mischung: ein ruhiges Örtchen mit versteckten, urigen Weinstuben, wo man familiär mit dem Winzer in dessen Hof oder Keller plaudert, einem gepflegten und vorbildlichen Archäologischen Rundweg, dazu das besondere Erlebnis der Schiffsfahrt und der guten Betreuung durch versierte einheimische Führer des Ausonius e.V., die einen auch auf die versteckten römischen Winkel des Ortes aufmerksam machen.

Auf den ersten Blick ist Neumagen unscheinbar, gerade im Vergleich mit den lauten und lebhaften bekannten Moselorten, aber dafür ist der versteckte Charme umso größer.

Oder, um zum Abschluß noch einmal Ausonius zu Wort kommen zu lassen, der das Moseltal rund um Neumagen im Lande der Treverer folgendermaßen beschreibt:

“Und endlich erblickte ich im vorderen Grenzlande der Belger, NOVIOMAGUM (Neumagen), das berühmte Lagerkastell des göttlichen Constantinus. Reiner ist hier den Gefilden, die Luft und Phoebus (Sonnengott) mit heiteren, Licht verkläret den purpurnen Olymp.

Du brauchst hier nicht durch dichtverschlungene Zweige, hinter der grünlichen Hülle versteckt, den Himmel zu suchen, sondern die Strahlen des Tags, die hellen, vergönnen‘s dem Wanderer wohl, zu sehen die spiegelnde Flut und den goldenen Horizont. Ganz an das heimische Land und die Art des glänzenden Burdigala erinnernd, mahnet mich jedes Ding, das das blickende Auge ergötzt.

Ragende Villen hier, auf hängenden Ufer gegründet. Und grünende Hügel dem Bacchus gewidmet und der Mosel lieblich strömende Flut, die mit leisem Gemurmel einherfliesst. Sei mir gegrüßt, o Fluss! Deiner Äcker und Pflanzen wegen gelobt, dem die Belgier die Stadt des Thrones gewürdigt (Augusta Trevirorum) verdanken wir mit Wohlgeruch verbreitenden Reben bepflanzt, ihr Hügel ihr Ufer bedeckt mit grünenden Wiesen, euch grüße ich! Schiffbar, so wie das Meer, doch abwärts­strömend und wogend wie ein Strom und gleichet dem Spiegel des tiefgründigen Sees, gleichet dem Bache er auch, der zögernden Laufes einherfliesst. Und so rein ist zum Trunk nicht der Waldquell als deine Gewässer!…

Lasst uns zum Weinberg gehen, das ist ein erquickendes Schauspiel! Bildete doch Natur das Gebirg wie im Theater. Hoch ist der Kamm, steigt sanft hinan mit Krümmung und Einschnitt, Felsen und sonnige Höhen, und alles bepflanzt mit Reben.“

– Ausonius, Mosella

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Auch die berühmte „Schulszene“ stammt aus Neumagen. Sie spielt, wie das Weinschiff, ebenfalls eine Rolle im Trierer „Reich der Schatten“ im Landesmuseum

Weiterführende Literatur und Links:

  • Massow: Die Grabmäler von Neumagen, Berlin 1932
  • Cüppers, Heinz: Die Römer in Rheinland-Pfalz
  • FVFD (Führer zu Vor- und Frühgeschichtlichen Denkmälern des Zentralmuseums Mainz) 34 (1977), S. 246 ff.
  • TZ (Trierer Zeitschrift) 45 (1982) und 48 (1985)
  • Ausonius: Mosella
  • Offizielle Website von Neumagen-Dhron

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wo kann ich ein Lararium kaufen?“

Regelmäßig bekommen wir Anfragen nach Bezugsquellen, Händlern oder Shops, bei denen man ein Lararium – einen römischen Hausschrein – kaufen kann. Vor allem aufwendige Lararien im klassischen mediterranen Stil, wie man sie an vielen Stellen auf unserer Website sehen kann, stoßen hierbei auf Interesse.

Deswegen möchten wir diese (und damit verwandte) Frage heute in einem Artikel aufgreifen, um sie an zentraler Stelle für unsere Leser zu beantworten.

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Die schlechte Nachricht gleich vorweg, oder, um es kurz und schmerzlos zu machen: Es gibt unseres Wissens keine Shops oder Händler, bei denen man ein Lararium kaufen kann, zumindest keine, wie sie von unseren Lesern gesucht werden.

Es gibt zwar kleine Larariumsnischen oder Relief-Repliken zu kaufen, wie hier im Römershop des Forum Traiani, aber den meisten schwebt ein richtiger Hausaltar in Form eines Miniaturtempels vor, in den man Statuen und Ritualgegenstände wie Öllampen, Räucherschalen und Opfergefäße stellen kann.

Viele Cultores haben mehr oder weniger elaborierte, zum Teil sehr aufwendig gestaltete und dekorierte Lararien in ihrem Domus, i.e. Heim. Auch sieht man solche bunten und aufwendig gestalteten Lararien auf Römerfesten und Veranstaltungen in den Zelten und an den Ständen vieler Gruppen. Der einheitliche Stil, bestehend aus einem Miniaturtempel mit Podest, oft einem säulengetragenen Dach, legt die Vermutung nahe, daß es eine oder mehrere Bezugsquellen für derartige Hausaltäre gibt – doch leider ist dies nicht der Fall.

Do it yourself

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Lararium mit Opferbrot (Libum)

Die Antwort auf die Frage, woher man so ein schönes Lararium bekommt, lautet: all diese Lararien sind selbstgemacht und wenn man einen Miniaturtempel als Hausaltar möchte, dann bleibt einem nichts übrig, als sich selbst daran zu versuchen oder jemanden zu finden, der ihn für einen baut.

Zwar besteht auf dem Markt definitiv ein gewisser Bedarf an solchen Miniaturtempeln, allerdings ist der Aufwand, diese Lararien in Handarbeit herzustellen, zu bemalen und zudem in verschiedenen Größen vorrätig zu haben, einfach zu hoch, als daß es sich für einen Hersteller rechnen würde – diese Lararien wären einfach zu teuer, wenn man die Arbeitsstunden bezahlen müßte, die eine solche individuelle Handarbeit erfordern würde.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: die eigentlichen Materialkosten sind relativ gering. Und allzu großes handwerkliches Geschick oder exotisches Werkzeug ist auch nicht nötig, um ein solches Lararium selbst herzustellen.

Und schon die Beschäftigung damit, sich zu überlegen, wie groß es werden soll, welche Proportionen man wünscht, welche Statuen hineinpassen sollen, wie man es bemalen möchte – all das ist eine sehr schöne Art, sich mit dem Thema „Lararium“ auseinanderzusetzen und einen persönlichen Bezug zu seinem Hausaltar zu bekommen.

„Könnt Ihr mir kein Lararium bauen?“

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Dekoriert zu den Saturnalien

Wir selbst hatten Hilfe beim Bau unserer Lararien durch Ludovicus‘ handwerklich begabten Vater, was umso bedeutsamer und symbolreicher wird, wenn man bedenkt, daß im Lararium auch der Ahnen gedacht wird, zu denen auch unsere Eltern und Großeltern einmal gehören werden.

Um der nächsten Frage vorzugreifen, die ebenfalls häufig an uns herangetragen wird:

Nein, leider können wir für Euch kein Lararium bauen; unser Baumeister ist gesundheitlich und altersbedingt nicht in der Lage, in die Larariums-Großproduktion einzusteigen (obwohl wir ihm das spaßeshalber schon vorgeschlagen haben, da er dafür wirklich ein gutes Händchen hat, auch wenn er die Minitempel gerne scherzhaft als „Römische Vogelhäuschen“ bezeichnet 😉 ).

Und auch wenn die Geldbeträge, die uns dafür schon geboten wurden, wirklich fair und großzügig sind, ist es uns einfach nicht möglich.

Muß es gleich ein Minitempel sein?

Viele, die neu zum Cultus Deorum, dem römisch-rekonstruktionistischen Polytheismus kommen, wollen (verständlicherweise) gleich „voll durchstarten“ und fühlen sich vielleicht sogar gerade durch die sehr ansprechenden, aufwendigen Hausaltäre und die Vorstellung, daran Rituale abzuhalten, angezogen und inspiriert.

Wenn sie zum Entschluß gekommen sind, daß der römische Weg der ist, auf dem sie bleiben wollen, dann ist das Einrichten eines Larariums tatsächlich der erste Schritt, da sich darum die Sacra Privata, die persönliche Kultpraxis, dreht. Deshalb beginnt der Einstieg in den Cultus Deorum Romanorum immer mit einem Lararium, oft gefolgt von einem Sacellum für weitere Gottheiten, die im privaten Cultus ebenfalls eine Rolle spielen.

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Hier wurde ein japanischer O-butsodan (Hausschrein) zum Schrein für Merkur und Rosmerta

Was allerdings nicht immer klar ist: Man benötigt nicht zwingend einen aufwendigen Miniaturtempel, um den Cultus auszuüben! Ein Mangel an finanziellen Mitteln oder handwerklichem Geschick ist kein Hinderungsgrund, sich dem römischen Rekonstruktionismus zu widmen.

Tatsächlich besaßen auch in der römischen Antike die wenigsten pompöse, dekorative, aufwendige Lararien (oder gar eigene Lararienräume); dies war vor allem den Reichen vorbehalten, die Platz und Geld hatten, um sich derartige Dinge anfertigen zu lassen und auch in ihrem Heim aufzustellen. So galt bei ihnen ein aufwendiges Lararium (gerade in der Eingangs- und Empfangshalle) auch als Statussymbol und Zeichen ihrer guten Beziehung zu den Göttern. Der „richtige“ Hauskult fand aber auch in den Herrenhäusern meistens an kleineren Lararien statt, die vorzugsweise in der Küche in der Nähe des Herds standen (weil die Göttin Vesta, die in jedem Lararium eine Rolle spielt, mit dem immer brennenden Herdfeuer assoziiert wurde), da alle Hausbewohner, auch Gesinde und Sklaven, zum Haushalt zählten, oder an privaten Lararien in den Schlafgemächern oder Privatzimmern der Hausbewohner. Gerade aus Pompeji und Herculaneum sind uns viele großartige Lararien erhalten, die sich über ganze Wände erstreckten und mit detaillierten Wandmalereien versehen sind – und die schon damals ein Vermögen kosteten.

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Es muß nicht gleich so groß sein wie in Pompeji!

Bei der Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere der ärmeren Stadtbevölkerung, die oft in beengten Wohnverhältnissen lebten oder in dunklen mehrstöckigen Mietskasernen, fehlten oft sowohl Raum als auch finanzielle Mittel, um ein elaboriertes Lararium zu errichten. Die meisten Lararien waren deshalb eher zweckmäßig und pragmatisch angelegt – in einer Wandnische, auf einem Beistelltisch oder einem Regalbrett, auf dem einige Figürchen standen, die die Ahnen oder Götter repräsentierten. Solche Figuren konnten einfach selbst hergestellt werden, zum Beispiel aus Ton. Götterstatuetten konnten preisgünstig in Tempelläden erworben werden, wo sie in einfacher Qualität aus billiger Massenproduktion verkauft wurden, so daß sie sich jeder leisten konnte.

Es ist also nichts Verwerfliches daran – oder Zeichen für mangelnde Hingabe an die Götter -, wenn man sich für den Anfang erst einmal ein Regal oder einen Tisch einrichtet (gerade, wenn man in beengten Verhältnissen wohnt, zum Beispiel in einer Studentenbude oder in einem Zimmer). Wichtiger ist es, einfach mit der Praxis anzufangen, als sich darum einen Kopf zu machen, wie toll man das Lararium gestalten könnte und ob man ohne Miniaturtempel überhaupt Cultor werden kann.

So kann man in Ruhe über die Zeit Zubehör und Ritualgegenstände sammeln, zum Beispiel Repliken römischer Figuren, Öllampen oder Geschirr, oder Dekorationen wie Girlanden, Münzen, Reliefs, und so wird das Lararium von selbst wachsen und sich im Laufe der Zeit auch immer wieder verändern.

Ja, es soll aber ein Minitempel sein!

Wenn es aber unbedingt ein Miniaturtempel sein soll, so haben die Götter vor den Beginn der Kultpraxis den Schweiß gesetzt und das eigene Bemühen.

Wer nicht kreativ genug ist, um sich einen eigenen Entwurf zu zeichnen, zum Beispiel auf der Grundlage von Fotos aktueller und historischer Lararien, die man überall im Internet findet, kann auf einem Römerfest jeden Besitzer eines Lararium an seinem Stand oder Zelt ansprechen – dieser wird ihm gerne Tipps zum Bau geben, die Maße des Larariums verraten oder ihm vielleicht sogar eine Skizze mitgeben oder zuschicken.

Sinnvoll ist es natürlich, sich vorher zu überlegen, wo das Lararium später stehen soll, um die Proportionen und Maße daran anzupassen – ein monströser Tempel, den man nach irgendeiner Vorlage baut und der hinterher nicht auf den geplanten Tisch passt und in dem die Figuren der Laren verschwinden, die man extra dafür gekauft hat, ist dann nicht zielführend, genauso wie ein Minischrein, in dem sich die Götter den Kopf stoßen, die man im Internet bestellt hat…

Zur groben Orientierung oder als erster Anhaltspunkt hier die Maße (in cm) eines unserer Lararien:

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Gute Planung ist also wichtig im Vorfeld und ohne Zollstock und Maßband braucht man gar nicht erst zu beginnen. Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist, daß die Dimensionen sowohl zum Raum als auch zu den darin zu platzierenden Gegenständen passen sollten, damit man sich hinterher nicht ärgert!

Hat man eine Vorstellung davon, wie das Lararium aussehen soll (wieviele Säulen, Treppen, wie hoch, wie lang, wie breit, wie tief), ist es sinnvoll, sich eine Skizze anzufertigen, in die man sämtliche Maße einträgt. Selbst wenn man kein technischer Zeichner ist, sollte man sich eine Zeichnung anfertigen, so rudimentär und laienhaft sie auch sein mag, denn nur so kann man festlegen, welche Bauteile man benötigt.

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Die Rohform, mit Maßnahme und Größenvergleich für die Anschaffung der darin aufzustellenden Figuren

Die meisten Larariumsbesitzer, die wir kennen, fertigen ihre Lararien aus Holz an (am einfachsten zu verarbeiten ist Sperrholz). Aber auch Pappmaché wird eingesetzt, insbesondere für Dekoelemente wie geriffelte Säulen, sieht es zum Teil sogar besser aus, als zersägte Besenstile oder Gardinenstangen. Hier muß man einfach experimentieren und auch mal pragmatisch improvisieren.

Wenn man nicht gerade selbst Schreiner ist oder viel mit Holz arbeitet, ist der nächste Schritt relativ einfach: man geht in den nächsten Baumarkt seines Vertrauens in die Holzabteilung und läßt sich alle benötigten Teile maßgerecht aus Brettern seiner Wahl zuschneiden. Dies bieten viele Holzabteilungen an, oft ohne Aufpreis oder für eine geringe Gebühr. Wenn man Glück hat, findet man einen Baumarkt mit freundlichem Personal in der Holzabteilung, dem man erklärt, was man für Stücke benötigt und der daraufhin mit einem zu den Brettern geht und direkt ausmisst, wieviele Bretter in welcher Größe man braucht, um die benötigten Teilstücke daraus zu sägen. Das spart Kosten, weil man weniger unbrauchbaren Verschnitt erzeugt!

Was für ein Holz man nimmt, ist dem persönlichen Geschmack und Geldbeutel überlassen. Sperrholz ist leicht und einfach zu verarbeiten. Massivholz kostet mehr und ist unter Umständen schwieriger zu verleimen. Da das Lararium am Ende komplett bemalt wird, ist es nicht unbedingt nötig, ein bestimmtes Holz zu wählen, weil man Farbe und Maserung attraktiv findet, denn davon wird man am Ende ohnehin nichts sehen. Auch sollte man bedenken, daß ein komplettes Lararium einige Kilogramm wiegen kann, auch aus Sperrholz, so daß man es sich gut überlegen sollte, sein Lararium aus Massivholz zu bauen.

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Es macht Sinn, Säulen vor dem Verbauen zu bemalen, damit man sauberer arbeiten kann

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Säulenbemalung in Progress

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Bereit zum Einbau!

In der Holzabteilung läßt man die benötigten Einzelteile zurechtsägen: Bodenplatten, Seiten-, Rückwände, Winkel, Streifen für eine Türaussparung etc… Will man Säulenelemente integrieren, muß man auch an Rundhölzer denken, zum Beispiel in Form von Besenstilen oder Gardinenstangen, die es ebenfalls im Baumarkt gibt. Diese kann man auch daheim mit jeder Holzsäge in Säulen schneiden oder sogar in Scheiben, um damit ansprechende Säulensockel zu gestalten.

Daneben benötigt man noch einen guten Holzleim und Schraubzwingen, um die Einzelteile miteinander zu verleimen – und Geduld, alles in Ruhe trocknen zu lassen.

Ein fundamental wichtiger Tipp vorab: Vor allem die kleinen Einzelteile sollten VOR dem Zusammenbauen bemalt werden, insbesondere die Säulen! Sonst wird das Bemalen viel schwieriger und zum Teil zu einer Tortur, wenn man in unzugängliche Winkel gelangen muß oder gerade Linien benötigt (wie bei einer rot-weißen Säule).

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Auch andere Deko-Elemente, wie diese bronzefarbenen Säulensockel, sollte man vorher bemalen – das ist deutlich einfacher!

Bemalt man Säulen vorher, kann man Grenzen ganz einfach mit Kreppband abkleben und dadurch gerade Linien ziehen. Auch Kleinteile wie Säulensockel lassen sich besser bemalen, wenn man sie in der Hand drehen und wenden kann.

Zum Bemalen empfehlen wir handelsübliche Acrylfarbe. Diese deckt gut und ist einfach aufzutragen. Außerdem kann sie gut gemischt werden, so daß jede gewünschte Farbe aus ein paar Grundfarben hergestellt werden kann. Auch andere Hobbyfarben (z.B. zum Bemalen von Warhammer-Miniaturen) können gut zur Bemalung, insbesondere für Details und Akzente, verwendet werden, weil es sie in besonderen Farbtönen wie Gold, Bronze oder in ganz speziellen Schattierungen gibt.

Für die großflächige Grundbemalung in weiß tut es aber auch eine große weiße Tube Acrylfarbe, die ebenfalls günstig im Hobbymarkt zu bekommen ist. Dort gibt es auch Sets mit 5 Grundfarben, mit denen man sehr weit kommt. Pinsel sollte man natürlich nicht vergessen, hier braucht man einen breiten für große Flächen und feinere Pinsel für Dekorationen und andersfarbige Elemente. Eine Mischpalette, die es günstig aus Plastik gibt, ist ebenfalls hilfreich, aber man kann notfalls auch auf Zeitungspapier mischen.

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Nach dem Zusammenbau des Grundgerüsts wird der Rest bemalt – erst eine weiße Grundierung, danach farbige Dekorationen. Hierbei Grenzen immer gut mit Malerkrepp abkleben!

Für das Dach gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie Dachpappen, dünnes Eternit oder Dachfolien aus dem Modellbau, die zum Beispiel Schieferbedeckung imitieren (diese war in der Antike in unseren Breiten im östlichen Gallien verbreitet, im Raum Eifel – Mosel – Hunsrück waren viele römische Gebäude, Wachtürme und Tempel mit Schiefer statt Dachziegeln gedeckt, zum Beispiel im Raum der westlichen Vulkaneifel um Mayen).

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Dach mit echter Schieferdeckung

 

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Dach aus Eternit mit Terrakotta-Bemalung

Aber auch ein Dach, das die traditionell römische Dachziegelbedeckung imitiert, ist relativ einfach herzustellen, insbesondere, wenn man es in einer entsprechenden gedeckten roten Farbe bemalt. Hier kann man sich gut im Modellbaubereich oder Baumarkt inspirieren lassen.

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Eine gute Idee zum Bemalen sind auch Schablonen, die es in vielen Formen im Hobbymarkt gibt

Für das Bild in der Rückwand gibt es auch verschiedene Optionen – wer gut malen kann, kann sich selbst ein Gemälde nach seinem Geschmack erstellen, das typische Larariumsmotive zeigt – Laren, die Schlange, Götter, Vesta, eine mythologische Szene etc.. Ansonsten ist es auch beliebt, ein „klassisches“ Motiv, zum Beispiel aus Pompeji oder Herculaneum, zu reproduzieren, indem man es auf die gewünschte Größe vergrößert und am PC ausdruckt oder in einem Drogeriemarkt auf Fotopapier drucken läßt und auf die Rückseite klebt. Vereinfacht wird die Sache, wenn man das Bild auf eine harte Unterlage, wie Pappe oder ein dünnes Brett klebt und dieses dann in die Rückseite einsetzt, anstatt das Bild direkt auf die Rückwand des zusammengeleimten Hauses zu kleben.

Und dann?

Wenn das Lararium fertig ist, bemalt und dekoriert an seinem Platz steht, werden die Ahnen, Laren und Hausgötter darin eingeladen.

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Durchführung einer Räucherung im Ritus Romanus (capite velato)

Fortan sollte man mindestens an den Iden und Kalenden (bis hin zu täglich) ein Larariums-Ritual durchführen. Dort ist ein Ort, um den Hausgöttern seine Anliegen vorzutragen, um ihre Gunst und Unterstützung für seine Pläne und Aktivitäten zu bitten und Opfergaben darzubringen.

Es sollte in Ehren gehalten und nicht vernachlässigt werden (d.h. keine Opfergaben dort vergammeln lassen, es nicht vollkleckern oder einstauben lassen). Ein Lararium zu besitzen, bedeutet auch eine gewisse Verantwortung zu übernehmen – es ist nicht einfach nur ein römisches Deko-Element der Wohnung, sondern der zentrale Fokus römischer Spiritualität! Im schlimmsten Fall wird das Lararium bei Vernachlässigung von den einmal dorthin eingeladenen Wesen wieder verlassen und zu einem toten Ort, weil niemand die Veranlassung sieht, sich dort niederzulassen und auf die Anliegen des Besitzers zu hören, weil dieser nicht die gebotene Sorgfalt walten läßt.

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Rauchopfer im Schein der Öllampen

Es kommt nicht darauf an, daß es perfekt ist und toll aussieht, wie gerade frisch aus Pompeji importiert – vielmehr zählt der Gedanke beim Einrichten und die Pflege und Aufmerksamkeit, die es danach bekommt. Also: lieber eine Nummer kleiner, auch ruhig improvisiert und nicht perfekt, aber dafür ein Ort lebendiger Kultpraxis!

Weitere Tipps für das Lararium, zum Beispiel zur Einrichtung, zur Invokation einer Gottheit in eine Statue und Anleitungen für Rituale zu vielen Anlässen findet Ihr in unserer Artikelsammlung zum Cultus Deorum.

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Eine tolle Sache: Ein Lararium im Museum (Römervilla Ahrweiler) vermittelt Besuchern eine anschauliche Vorstellung von heimischer religiöser Praxis in unseren Breiten zur Zeit der Antike

Römische Rezepte: Moretum

Einleitung: Herkunft, Tipps und Infos

Direkt zum Rezept

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Moretum – die römische Kräuter-Käsepaste passt eigentlich zu allem!

Sommerzeit – Grillsaison… da wird es Zeit, daß wir Euch endlich unser Rezept für Moretum verraten, die römische Kräuter-Käsepaste, die nahezu zu allem passt, unserer Meinung nach aber besonders zu gegrilltem oder kurzgebratenem Fleisch und zu Brot. Insbesondere die Kombination mit römischem Gewürzbrot oder mit dem (ebenfalls käsehaltigen) Opferbrot Libum sollte man unbedingt probiert haben.

In der römischen Antike war Moretum ein einfaches Allerweltsessen, das zu allen Uhrzeiten geschätzt wurde. Die herzhafte Käsepaste ließ sich schnell herstellen und über den Tag hinweg essen, zudem war sie vielseitig einsetzbar, so daß sie täglich auf den Tisch kam. Die weite Verbreitung und Bedeutung dieses Alltags-Brotaufstrichs zeigt sich auch in der häufigen Erwähnung in der antiken Literatur.

Moretum wird unter anderem beschrieben von Lucius Iunius Moderatus Columella in seiner Schrift „De re rustica“ (das neben Catos „De agri cultura“ das bedeutendste Werk über römische Landwirtschaft ist). In seinem Werk wird eine Variante erwähnt, in der statt Schafskäse geriebene Walnüsse verwendet werden (und die damit auch neumodische vegane Geschmäcker trifft – wir haben dies jedoch nicht ausprobiert und halten uns an die althergebrachte Variante mit Schafskäse).

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Das tolle grüne Moretum der Gallo-Römer der PzlG e.V.

Die ausführlichste Beschreibung der Herstellung von Moretum wird allerdings Vergil zugeschrieben (ob es wirklich von ihm stammt, ist nicht gesichert). Im Gedicht „Moretum“ aus dem „Appendix Vergiliana“ beschreibt der Dichter in 122 Hexametern  detailliert den Tagesablauf eines Bauern, wobei die morgendliche Zubereitung des Moretums eine zentrale Rolle spielt. Zwar ist der Text als übertriebene und humorvolle Lobpreisung des einfachen Landlebens gedacht, uns liefert er jedoch heute detaillierte Informationen über die Herstellung dieses ländlichen Grundnahrungsmittels.

Hergestellt wird das Gericht laut den Quellen in der Reibschale, dem Mortarium, die der Paste auch ihren Namen gab. Das Mortarium, eine flache Schale aus Ton mit eingebrannten Sandkörnern an der rauhen Innenseite, wird häufig in der römischen Küche verwendet und wird in zahlreichen Rezepten erwähnt. Unter anderem wird es zur Herstellung von Pasten und Saucen verwendet.

Die Zubereitung in einer Rührschüssel ist allerdings ebenfalls unproblematisch. Wer es gerne homogen mag, kann einen Mixer verwenden; wir rühren und kneten unser Moretum in der Regel mit einem Holzlöffel, so daß es ein bißchen körniger und ungleichförmiger ist.

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Wir sind immer auf geheimer Moretum-Verkostungs-Tour unterwegs. So wird es im APX in Xanten serviert

Man kann das fertige Moretum entweder in einer Schale servieren, aus der man das Moretum dann, ähnlich moderner Kräuterbutter, mit einem Messer auf sein Brot oder Fleisch streicht. Die klassische Form der Zubereitung, die ebenfalls im besagten Vergil-Gedicht erwähnt wird, ist es, das Moretum zu kleinen runden Bällchen zu formen. Das hat den Vorteil, daß es transportabel ist und sich gut als „Finger Food“ für Zwischendurch eignet.

Da das Moretum unter anderem in der Pause bei der Feldarbeit gegessen wurde, ist die Bällchen-Form auch heute für Outdoor-Aktivitäten sinnvoll und zweckmäßig.

Das klassische Moretum besteht aus Schafs- oder Ziegenkäse, Olivenöl, Selleriegrün, Salz, Knoblauch und diversen Gewürzen, wobei man hier kaum übertreiben kann – je würziger, desto besser.

Hier kann man im Endeffekt seinen geschmacklichen Gewürzvorlieben freien Lauf lassen, denn schon in der Antike würzte man das Moretum mit allen möglichen Kräutern der Saison, wie sie eben gerade im Kräutergarten verfügbar waren.

Spezifisch erwähnt werden bei Vergil die Weinraute und Koriander, wobei die Weinraute etwas schwierig zu bekommen ist. Sie erfordert zudem etwas Sorgfalt im Umgang und der Dosierung, da die Blätter zu Hautreizungen führen können. Schwangere sollten das Gewürz generell meiden, da es in höherer Dosierung zu Fehlgeburten führen kann (und deshalb seit Jahrhunderten zu abortiven Zwecken genutzt wird). Mit ein paar Blättern kann man aber nichts falsch machen, ihr Geschmack ist sehr charakteristisch für Moretum.  In geriebener oder gemahlener Form ist sie uns nicht bekannt, aber als Gewächs für Garten oder Balkon bekommt man sie in gutsortierten Gärtnereien (zum Beispiel in der Klostergärtnerei der Abtei Maria Laach).

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Eine römische Küche im Kastell Saalburg im Taunus

Des weiteren eignen sich alle typischen Gewürze der römischen Küche zur Verfeinerung des Moretums. In der „De re rustica“ werden- je nach saisonaler Verfügbarkeit – Bohnenkraut, Lattichblätter, Schnittlauch, Minze, Schnittlauch, Lattichblätter, Walnüsse, Sesamkörner, Thymian, Pinienkerne, Haselnüsse, Mandelkerne und Oregano erwähnt. Wir persönlich haben zum Beispiel auch gerne Anis, Fenchel und Kümmel dabei.

Die Farbe eines Moretums reicht von weiß mit sichtbaren grünen Kräutern bis hin zu einer leuchtend grünen Paste, wie man sie zum Beispiel beim wirklich genialen Moretum des Vereins PzlG e.V. (Projekte zur lebendigen Geschichte e.V.) probieren darf – wer diese Gruppe einmal mit einem Moretum-Probierstand auf einer Veranstaltung sieht, sollte dem Stand unbedingt einen Besuch abstatten! Wir haben schon viel Moretum probiert, aber das ist eindeutig unser Favorit.

Auch das (weiße) Moretum, das ab und zu bei Veranstaltungen in der Römerwelt Rheinbrohl zum Verkosten angeboten wird (zum Beispiel zum römischen Backhaustag oder Limes-Wandertag), ist sehr empfehlenswert; hier wird ebenfalls mit Anis und Fenchel gearbeitet.

Wichtig ist, daß man nicht zimperlich mit Knoblauch sein sollte, da dieser ein Hauptbestandteil der Paste darstellt und alles dominiert. Hier reden wir nicht von einzelnen Zehen, hier rechnen wir in Knollen 😉

Welcher Käse tatsächlich verwendet wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Er wird in der Literatur als „milchiger Käse“, „harter Käse“, „junger gesalzener Käse“ und „hart von zerfressenem Salz“ beschrieben. Dies deutet darauf hin, daß es keine einheitliche Zubereitungsart für das Moretum gab und es sich wahrscheinlich regional und durch die Jahreszeiten je nach Geschmacksvorlieben und Verfügbarkeit der Zutaten unterschieden hat, genau, wie man die Gewürze je nach Saison verwendete.

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Moretum-Verkostung mit Edgar Comes, einem Experten der römischen Küche, bei der IRM in der Villa Borg

So ist ein Moretum sowohl aus weichem, feta– oder ricottartigem Schafs- oder Ziegenkäse üblich (Verarbeitung und Verzehr von Kuhmilch war in der römischen Antike unüblich), als auch aus Hartkäsearten wie Pecorino, eventuell vermischt mit weichem Schafs- oder Ziegenkäse. Wir bevorzugen die Variante mit weichem Käse.

Wer kein Freund von Schafs- oder Ziegenkäse ist, kann diesen auch mit Kuhmilch-Feta ersetzen, er sollte sich halt nur darüber im Klaren sein, daß es sich in dem Fall dann nicht um ein 100% authentisches Rezept aus der Antike handelt – aber rein von der Anwendung oder dem Geschmack her ist das unproblematisch. Schafs- oder Ziegenkäse ist allerdings aromatischer, da der Kuhmilch-Feta in der Regel ja einfach nur salzig ist. Wo wir schon mal beim Thema „unauthentisch, aber schmackhaft“ sind: Für eine angenehme Konsistenz und Textur kann man zum Beispiel auch körnigen Frischkäse oder Hüttenkäse zum verwendeten Schafs- oder Hartkäse hinzugeben, das ist zwar ebenfalls nicht authentisch, hat sich in der Praxis aber als sehr angenehme und frische Ergänzung erwiesen, so daß wir das im Sommer, z.B. zum Grillen, gerne als unsere „lokale Variante“ so zubereiten.


Rezept

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Ein Mortarium, die Reibschale zum Herstellen von Gewürzpasten

Hinweis: Römische Rezepte enthalten in der Regel keine Mengenangaben. Hier muß man selbst experimentieren, wieviel man letztendlich erhalten möchte und wie stark man Gewürze und Knoblauch dosieren will. Hier kann man ganz mutig sein und nach Augenmaß arbeiten; viel falsch machen kann man bei Moretum nicht.

Zutaten

Für Moretum nach antiken Originalrezepten benötigt man:

  • Weichen Schafs- und/oder Ziegenkäse nach Feta-Art (z.B. Salakis) und/oder Ricotta (3 Pakete a 250 Gramm ergeben etwa eine mittelgroße Schüssel)
  • Einen guten Schuß Olivenöl
  • Sehr viel Knoblauch, mindestens 5 Zehen, aber wahre Moretum-Fans nehmen auch 1-2 Knollen…
  • Sellerieblätter
  • Ca. 20 ml Essig (z.B. einen guten Weinessig)
  • Gewürze (nach Saison und Geschmack): Weinraute, Koriander, Bohnenkraut, Minze, Schnittlauch, Lattich, Thymian, Oregano, eine Prise Salz (Vorsicht, der Feta-Käse ist bereits salzig)
  • Optional (diese verwenden wir persönlich für unser Moretum nicht): Walnüsse, Sesamkörner, Haselnüsse, Mandelkerne, Pinienkerne

Wir ergänzen das Rezept (aus unserer experimentellen Erfahrung) dafür gerne noch mit:

  • 1 Paket Hüttenkäse / Körnigem Frischkäse
  • Gewürze: Anis, Fenchel, Kümmel
  • Etwas Honig

Zubereitung

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Olivenöl und Knoblauch vermengen

Zur Zubereitung eignet sich eine einfache große Schüssel.

Als erstes wird das Olivenöl mit dem klein gehackten oder zerdrückten Knoblauch vermischt.

In diese Mischung wird der zerbröselte Feta-Käse gegeben und mit Ricotta oder Hüttenkäse verrührt, bis sich eine körnige, aber gleichmäßige Masse ergibt.

Einen großzügigen Schuß Essig hinzufügen und einen ganz kleinen Löffel Honig.

Die Gewürze reiben oder fein mahlen, sofern man sie nicht bereits gemahlen vorliegen hat. Schnittlauch und andere blattartige Gewürze fein hacken. Nach und nach zur Käsemasse hinzugeben und unterheben. Kräftig durchrühren.

Wer es gerne homogen mag, kann hier einen Mixer benutzen, aber interessanter schmeckt das Moretum, wenn es gröber und ungleichmäßiger ist, so daß wir es mit einem Holzlöffel rühren.

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Und dann immer: Rühren, Kneten, Rühren, Kneten…

Für ein intensiveres Aroma empfiehlt es sich, das Moretum für eine Nacht im Kühlschrank stehen zu lassen, damit es gut durchziehen kann.

Für die original-römische Zubereitung wird die Masse zuletzt mit den Händen zu kleinen, etwa tischtennisballgroßen Bällchen geformt. Diese können z.B. mit je einem Zahlstocher durchbohrt, als Häppchen angerichtet werden.

Wer keine Bällchen formen möchte, kann das Moretum einfach in einer Schüssel servieren, aus der man sich mit einem Messer bedient.

Bene sapiat! 🙂

Events und Veranstaltungen: Römertage Villa Borg 6.-7. August 2016

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Eine tolle Location: Der Archäologiepark Villa Borg

Am kommenden Wochenende steht uns ein weiteres Highlight der Saison bevor: die XIX. Römertage im Archäologiepark Villa Borg!

Die Römertage in der Villa Borg sind ein „Klassiker“ unter den Römerfesten, denn die Kulisse des rekonstruierten römischen Gutshofs mit seinem zweistöckigen Herrenhaus und der weitläufigen Gartenanlage sorgt für eine ganz besondere Atmosphäre.

Der Archäologische Park liegt im östlichen Gallien, sprich: im Dreiländereck bei Perl im Saarland, direkt an der luxemburgischen Grenze (am anderen Moselufer liegt das luxemburgische Schengen) sowie an der Grenze zu Frankreich.

Wie auch schon in den Jahren zuvor, sind wieder einige römische Legionen vor Ort (unter anderem die Legio XXII Primigenia Milites Bedenses aus Bitburg und die VEX LEG XI CPF, die extra für diesen Event aus der Schweiz anreist), die militärisches Alltagsleben, Exerzieren und Ausrüstung demonstrieren. Dabei stehen die gut informierten und auskunftsfreudigen Mitglieder dieser Gruppen gerne für Fragen aller Art zur Verfügung.

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Kampfkunst der Barbaren (2015)

Erstmalig dabei ist die Vigilia Romana Vindriacum, der Verein für rekonstruktive Geschichte, deren Schwerpunkt auf dieser Veranstaltung auf dem Weinbau und Weintransport in der Antike liegt.

Auf dem Gelände wird außerdem ziviles Leben in der römischen Provinz demonstriert, so daß die Besucher einen Einblick in verschiedene Handwerkstechniken wie Schmieden, Schuhmacher, Bogenbau, Frisieren, Mosaiklegen und Töpfern gewinnen können. Händler erlauben zudem, sich mit allem einzudecken, was der römische Cultor und der Antikenfreund benötigt – von Öllampen über gute Repliken bis hin zu Schmuck.

Einen Blick auf die andere Seite, die einheimischen Gallier, Iberokelten, Sueben und andere „Barbaren“ in der Antike, erlaubt die luxemburgische Gruppe Lucilinburhuc, die mit ihren Pferden anreist und ihre Waffen- und Kampftechniken demonstriert. Nicht zuletzt zeigen – wie jedes Jahr – die Gladiatoren der Familia Gladiatoria Pannonica aus Ungarn Gladiatorenkämpfe.

Zur Stärkung gibt es römische Speisen nach Apicius und Getränke. Daneben wird zum Römerfest auch der „schwarze Römersud“ ausgeschenkt, ein schmackhaftes naturbelassenes, unfiltriertes Schwarzbier, das in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis Römische Villa Borg in der Mettlacher Abtei-Brauerei jährlich extra für diesen Event gebraut wird.

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Immer ein Erlebnis: die Führung mit dem Haussklaven Jatros

Im Rahmen der Veranstaltungen werden auch kostenlose Führungen durch die Villa angeboten. Denn auch das Innere des Gebäudes, das auf den originalen Fundamenten errichtet wurde, ist absolut sehenswert. Hierbei sind vor allem die authentisch rekonstruierten Bäder, die Küche, die Vorratsräume und der Wohnbereich zu nennen. Außerdem gibt es im Inneren einen Museumsteil, der über die Geschichte der Villa Borg und der Region informiert, sowie einen römischen Kräutergarten. Wenn man Glück hat, hat man auch Gelegenheit, an einer “Führung der etwas anderen Art” durch den immer enthusiastischen Haussklaven Jatros teilnehmen zu können.

Bei Kindern sehr beliebt sind die Esel der Familie Marson, mit denen man zum Gelände reiten kann. Sie sind sehr zutraulich.

Der Eintritt für Erwachsene kostet 7€. Es gibt die Möglichkeit, eine Familienkarte für 14€ zu erwerben.

Kostenlose Parkplätze sind vor dem Villengelände ausreichend vorhanden. Die Veranstaltung findet jeweils von 10 – 18 Uhr statt.

Mehr Informationen gibt es auf der Website der Villa Borg.

Für Informationen rund um den Archäologiepark Villa Borg empfehlen wir auch unseren Artikel!

 

Museen und Archäologische Parks: Malagne – Archéoparc de Rochefort (BE)

 

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Das gallo-römische Landgut in den belgischen Ardennen

Anschrift:

Rue du Coirbois 85, 5580 Rochefort, Belgien

Anfahrt:

Der Archäologische Park Malagne liegt in den belgischen Ardennen in der Provinz Wallonie nahe Rochefort.

Mit dem Auto ist es gut zu erreichen; der Archäologische Park ist mit Schildern, die auf eine „L’Experience Gallo-Romain“ hinweisen, bereits an der Hauptstraße N86 zwischen Marche-en-Famenne und Rochefort gut sichtbar ausgeschildert. Das Navi findet die Anschrift problemlos. Vor dem Freilichtmuseum befindet sich ein eigener großer Parkplatz.

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht unmittelbar möglich, da der Park etwas abgelegen liegt. Der nächstgelegene Bahnhof ist in Jemelle (etwa 4km entfernt). Hier halten Züge aus Luxemburg, Brüssel und Libramont. Außerdem gibt es einen zentralen Busbahnhof. Von dort aus kann man mit der Buslinie 166a zur Haltestelle Hall Omnisports in der Nähe der Straße „Malagne“ fahren, von dort aus muß man jedoch das restliche Stück laufen (etwa 15 Minuten Fußweg).

Hintergrundinformationen:

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Blick auf das Gelände von der Aussichtsplattform

Der Archäologische Park Malagne, „die gallo-römische Erfahrung“ , befindet sich im ehemaligen romanisierten Gallien. Hier wurden im Jahr 1890 von der Archäologischen Gesellschaft Namur die fast vollständig erhaltenen Grundrisse eines gallo-römischen Landgutes entdeckt, inklusive einer großen herrschaftlichen Villa, die mit großer Sicherheit über vier Jahrhunderte bewohnt war. Daneben entdeckte man zahlreiche Neben- und Wirtschaftsgebäude, die einen guten Eindruck von den Ausmaßen und der Struktur eines gallo-römischen Landguts vermittelten.

In den Jahren zwischen 1992 und 1997 führte die Provinz Wallonie großangelegte Grabungen auf dem Gelände durch und konnte zahlreiche wichtige Details freilegen: weitere Nebengebäude, ein Glasofen, eine Schmiede und ein Teich, der pollenanalytisch untersucht wurde und eine genaue Datierung des Nutzungszeitraums ermöglichte.

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Das Landgut zu römischer Zeit

Es gelang den Archäologen, den Bauplan des Landgutes zu rekonstruieren und dessen Aufteilung in einen Wohnbereich (Pars urbana) und einen Arbeitsbereich (Pars rustica) nachzuweisen.

Der Wohnbereich mit seiner weitläufigen, doppelstöckigen Villa verfügte über alle Annehmlichkeiten der gehobenen Lebenskultur in der gallo-römischen Provinz: Fußbodenheizung, Repräsentationssäle, eine Thermenanlage, Latrinen, fließend Wasser und einem Raum, der als Sacellum diente und das Lararium beinhaltete, mit einem separaten, von vier Säulen getragenen Eingang.

Auch die Funktionen der landwirtschaftlich genutzten Nebengebäude konnten ermittelt werden. So interpretierte man die Gebäude als Ställe, eine Schmiede mit Räucherkammer, Getreidedarre und Bierbrauerei.

Um die Einzigartigkeit dieses zusammenhängenden Landgutes zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, entschied man sich, das Gelände als Archäologischen Park zu gestalten und einige der Nebengebäude zu rekonstruieren, um dem Besucher eine bessere Vorstellung von der Größe und den Dimensionen des Gehöfts zu vermitteln.

Neben der Präsentation der Funde legte man auch einen Schwerpunkt auf die experimentelle Archäologie, so daß Forschern ermöglicht werden sollte, in Malagne auf praktische Weise die Details des Lebens auf einem gallo-römischen Landgut zu erforschen. So wurden unter anderem der Stall und die Schmiede in funktionstüchtiger Weise in alter Bautechnik rekonstruiert und in den Original-Farben weiß und rot verputzt. Beide Gebäude sind voll funktionsfähig und werden auch für Experimente genutzt.

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Anbau von Obst und Gemüse

Daneben pflanzte man antike Getreidesorten auf den weitläufigen Feldern zwischen den Gebäuden, legte den Teich wieder an seiner originalen Position an und begann auch mit Nutztierhaltung, wobei Wert darauf  gelegt wurde, Rassen zu wählen, die in Größe und Art den Nutztieren eines gallo-römischen Bauernhofs entsprechen.

Heute werden auf dem Gelände Ziegen, Schafe, Pferde, Maultiere und Rinder gehalten. Dies erlaubt archäologische Experimente, die auch Tiere einschließen, wie zum Beispiel die Rekonstruktion eines Vallus, der römischen Mähmaschine, die von einem Maultier geschoben wird und eine um ein Vielfaches schnellere Getreideernte als mit der Sense erlaubt. Hierbei konnten im Experiment auch praktische Fragen gelöst werden, die mit den vorhandenen Schrift- und Bildquellen bislang nur unzureichend in der Theorie beantwortet werden konnten, zum Beispiel, wie das Geschirr und Joch des Esels aussahen, der die Maschine schob.

Funktionstüchtige Kuppelbacköfen, eine Küche und ein Rennofen zur Eisenschmelze erlauben weitere Experimente.

Es wurde auch ein Zier- und ein Nutzgarten angelegt, in dem Kräuter und Pflanzen aus römischer Zeit, Obst- und Gemüsesorten sowie Wein angebaut werden. Alles in allem werden hier über 200 Pflanzen angebaut, deren Gebrauch bereits aus der Antike bekannt ist.

Bis heute wird das Gelände experimentalarchäologisch bewirtschaftet und für Experimente aller Art genutzt, was es einmalig unter den gallo-römischen Landgütern macht.

Eine Villa Rustica hat fast jeder Ort in unserer gallischen Provinz, aber ein vollständiges Landgut mitsamt Haupt- und Nebengebäuden, Getreideanbau und Viehzucht, das die Größe eines solchen Geländes vermittelt, ist einmalig.

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Experimentelle Archäologie: Der Vallus im Einsatz

Das Hauptgebäude, die Wohnvilla, wurde nicht rekonstruiert, sondern in ihren Fundamenten belassen. Es gibt auch keine Pläne, das Gebäude (wie z.B. bei der Villa Borg) zu rekonstruieren.

Ein konstantes Problem eines solchen Projektes, das nicht die Mittel wie z.B. ein LVR-Park zur Verfügung hat, ist, wie üblich, die Finanzierung. Wie überall, wird auch in Belgien bei der Archäologie gespart.

Der Wiederaufbau der Villa wäre allein aus finanzieller Hinsicht utopisch. Es befinden sich allerdings noch mehr Nebengebäude und Funde auf dem Gelände, die jedoch aus Geldmangel nach Abschluß der Grabungsarbeiten und archäologischen Aufnahme wieder vergraben werden mußten, um sie zu schützen und zu erhalten. Das Museum ist ständig um neue Gelder bemüht, um die Grabungen fortzusetzen; sollten neue Mittel verfügbar sein, würde man damit gerne weitere Nebengebäude rekonstruieren.

Beschreibung:

Auf unseren Reisen durch die gallische Provinz stoßen wir immer wieder auf Überraschungen  – Malagne war eine solche, die uns regelrecht begeisterte. Wir hatten mit einer weiteren Villa Rustica gerechnet, aber dann sahen wir die Ausmaße des Geländes und vor allem, wie detailliert und anschaulich das Landgut rekonstruiert und betrieben wird.

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Auch Getreide wird hier angebaut

Am Parkplatz befindet sich ein Schild, das darauf hinweist, daß der Park zwar bis 18 Uhr geöffnet hat, der letzte Einlaß aber um 16:30h ist, was uns im ersten Moment verwunderte, dann aber schnell klar wurde, warum das so ist.

Malagne ist nichts für eine kurze, schnelle Stippvisite – der Park mit seinen vielen Details und weitläufigem Gelände muß in Ruhe erforscht und erwandert werden, um dem Besucher die Dimension dessen, was hier erarbeitet und gezeigt wird, zu erschließen.

Im Eingangsbereich an der Kasse empfing uns eine sehr freundliche und engagierte Frau, mit der wir uns in einem regen Mix aus Französisch und Englisch unterhielten. Sie erklärte uns, daß an dem Tag unseres Besuchs keine Vorführungen stattfanden (an manchen Sonntagen wird der Park durch Darsteller belebt, die an einigen Stationen praktische Tätigkeiten demonstrieren). Aber man kann den gesamten Park auch gut alleine erwandern, denn er ist in über 20 beschriftete Stationen aufgeteilt, zu denen man ausführliche Informationen mit einem Audio-Guide abrufen kann.

Den Audio-Guide erhielten wir an der Kasse, zusammen mit einem laminierten Lageplan der einzelnen Stationen auf dem Gelände, so daß man problemlos den Nummern folgen kann. Das Gerät ist im Eintrittspreis enthalten (der angesichts der Größe und des Aufwands der Bewirtschaftung des Geländes absolut in Ordnung ist); unsere Ansagetexte stellte die Frau uns auf Englisch ein. Daneben sind Französisch und Flämisch als weitere Sprachen verfügbar.

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Die Texte in den Audio-Guides sind detailliert und fundiert

Die Informationen des Audio-Guides sind sehr gut gemacht – informativ und detailliert. Sie schafften es, den experimentalarchäologischen Anspruch des Parks und die erzielten Ergebnisse sehr gut herauszustellen und anhand der Stationen zu erläutern.

Zu einigen Spezialthemen sind auf Wunsch, zusätzlich zu den Texten der Stationen, weiterführende Informationen verfügbar, die man durch Eingabe einer weiteren Nummer abrufen kann. Hier gehen die Texte dann sehr ins Detail und weisen auf ganz spezielle Aspekte eines Themas hin, unterlegt durch Zitate aus antiken Quellen oder mit Hinweisen auf Bildquellen – didaktisch vorbildlich!

Die Führung beginnt im Inneren des Hauptgebäudes, in dem sich auch ein Seminar- und Arbeitsraum befinden, wo regelmäßig pädagogische Aktivitäten für Gruppen, Schulklassen und andere Interessenten stattfinden.

Hier werden anhand eines rekonstruierten Modells des Landgutes zu römischer Zeit das Gelände, der Lageplan und die Geographie erläutert, zum Beispiel auch die Tatsache, daß sich am Hang hinter dem auf einem Hügel gelegenen Herrenhaus ein Steinbruch befand.

Nach der Erläuterung der generellen Lage wird der Besucher auf das Freigelände entlassen, auf dem man sich frei bewegen kann. Es macht jedoch Sinn, die Stationen in numerischer Reihenfolge abzulaufen, da die Informationen aufeinander aufbauen.

Den Anfang macht eine Aussichtsplattform, von der aus man einen tollen Überblick über das Landgut hat und schon einmal staunt, wie groß das Gelände war und wie hervorragend die Aussicht des Hausherrn auf sein Land von seiner auf der Anhöhe gelegenen Villa gewesen sein muß.

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Ausprobieren erlaubt!

Überall zwischen Getreidefeldern und Viehweiden, die (neben einem modernen Zaun, der den heutigen Vorschriften geschuldet ist) mit antiker Zauntechnik umgrenzt sind, sieht man die rekonstruierten Nebengebäude aufragen.

Das Blöken der Schafe, die Laute der Pferde und Rinder, machen den Gang über das Gelände besonders anschaulich – so muß auch die Geräuschkulisse zu römischer Zeit gewesen sein. Das verstärkt das Eintauchen in die Geschichte und erhöht die Anschaulichkeit deutlicher, als wenn man nur durch die Ruinen einer Villa Rustica geht.

Das ganze Gelände ist sehr gepflegt und sauber, die Kräuter-, Obst- und Gemüsefelder sind beschriftet.

Alle Gebäude können betreten werden und alles, was sich darin an Werkzeugen und Alltagsgegenständen befindet, kann man in die Hand nehmen und ausprobieren. Man wird zuerst an die Öfen und Küche geführt und erhält eine Einführung in antike Bautechnik mit Fachwerk und Steinbauweise. Nach einem Rundgang durch die Gärten geht es an einem Getreidefeld entlang zum Teich, der an der originalen Stelle angelegt wurde (heute jedoch als Biotop verwendet wird, um Lebensraum und Ökosystem See zu erläutern).

Vorbei an den Weiden der Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen geht es in die Schmiede, wo auch die Versorgung thematisiert wird, da sich hier auch Räucherkammer und Bierbrauerei befanden. Am nicht wieder aufgebauten, aber mit einem Schutzbau überdachten Haus des Gutsverwalters vorbei, besichtigt man dann den großen Stall, der im Winter tatsächlich als Stall für die Tiere des Parks genutzt wird.

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Der rekonstruierte Vellus, die römische Mähmaschine

Hier erfährt auch man detailliert von einem besonderen Experiment, das in Malagne durchgeführt wurde: die Rekonstruktion der antiken Mähmaschine Vallus, die auch im Stall als Nachbau zu bestaunen ist.

Während man sich über das Gelände bewegt, erfährt man im Audio-Guide von weiteren Besonderheiten des Hofes, zum Beispiel der Entdeckung eines Gräberfeldes, das jedoch noch nicht weiter erforscht werden konnte.

Den Abschluß der gut 1,5 bis 2-stündigen Rundwanderung bildet das Herrenhaus, das zwar nicht rekonstruiert wurde, das aber (mauerschonend) über Brücken und Stege betreten und durchquert werden kann.

Überall im Park finden sich, zusätzlich zu den Informationen im Audio-Guide, Info-Tafeln. Diese sind jedoch leider nur auf Französisch (gelegentlich mit einer einzeiligen Zusammenfassung auf Flämisch).

Im Museumseingang gibt es einen kleinen Shop und es besteht die Möglichkeit, heiße und kalte Getränke zu sich zu nehmen. Es gibt auch einen Picknickbereich.

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Im großen Hauptgebäude, der herrschaftlichen Villa

Fazit: Eine Villa Rustica haben viele Orte, aber als „gallo-römische Erfahrung“ ist das römische Landgut von Malagne definitiv etwas Besonderes.

Durch die Kombination aus rekonstruierten Gebäuden, aktiver Bewirtschaftung, experimenteller Archäologie und hervorragender, fundierter Wissensvermittlung gehört Malagne für uns definitiv zu den Geheimtips, die wir unseren gallo-römisch interessierten Lesern wärmstens ans Herz legen möchten. Deswegen machen wir an dieser Stelle gerne (und unbezahlt) Werbung für diesen Archäologischen Park! Wenn Ihr einmal in der Nähe seid, sei es in den belgischen, luxemburgischen oder französischen Ardennen (beide Landesgrenzen sind nur wenige Kilometer entfernt), solltet Ihr dieses Ziel unbedingt auf Eure Liste setzen.

Öffnungszeiten, Eintritt:

In den Monaten Juli bis September ist der Park täglich von 11-18 Uhr geöffnet (letzter Einlaß 16:30 Uhr). Für den Besuch sind etwa 2 Stunden einzuplanen.

Außerhalb dieser Zeiten, von Ende März bis Anfang November, ist der Park in den Schulferien und an Feiertagen und Wochenenden geöffnet.

Während der Winterpause ist Öffnung für Gruppen nach Absprache möglich.

Der Eintritt für einen Erwachsenen beträgt 6,50 €, für Kinder 5 €. Der Audio-Guide ist im Preis enthalten.

Führungen, Veranstaltungen:

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In der experimentellen Küche

Jeden ersten Sonntag im Monat finden Führungen mit praktischen Vorführungen statt, zum Beispiel zum Thema Brotbacken.

Malagne ist auch Schauplatz eines Römerfests namens „Le Rendez-Vous Gallo-Romain de Wallonie“ mit römischen Legionen, Handwerkern, Reiterei und Gladiatorenspielen. Das Gelände ist für solche Veranstaltungen ausgezeichnet geeignet.

Aktuelle Informationen zu solchen Veranstaltungen sind auf der offiziellen Website zu finden oder in unseren Ankündigungen unter „Events und Veranstaltungen“.

Es finden außerdem regelmäßige Veranstaltungen und Workshops statt (allerdings ausschließlich auf Französisch), wie archäologische „Gallo Day Camps“ für Kinder. Gruppenaktivitäten können auf Anfrage gebucht werden, ebenso wie eine Vorführung antiker Bierbraukunst oder Brotback-Workshops.

Sonstiges:

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Die rekonstruierte Schmiede mit Räucherkammer, Darre und Bierbrauerei

Es ist erlaubt, Hunde an der Leine mitzuführen.

Fotografieren ist überall uneingeschränkt erlaubt.

Weiterführende Informationen:

 

 

  • Kurzer Filmbeitrag über Malagne: „Malagne, vivre au temps des Romains“ (Französisch, 8 Minuten)

Events und Veranstaltungen: Römerfest in den Kaiserthermen Trier, 23.-24.7.2016

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In Trier gibt es viele gut erhaltene römische Momunentalbauten

Update: Das Römerfest ist vorbei und war ein voller Erfolg. Einige Foto-Impressionen findet Ihr auf unserer Seite auf Facebook!

Am kommenden Wochenende ist es (endlich!) wieder so weit: Nach vielen Jahren Pause findet in Trier, der ältesten Stadt Deutschlands, wieder ein großes Römerfest statt!

Nachdem der etablierte jährliche Event „Brot und Spiele“ 2012 endgültig eingestellt worden war, wurde es aus römischer Sicht still um die Kaiserstadt Augusta Treverorum, einst zweitgrößte Stadt des römischen Reichs und nicht umsonst bezeichnet als „Roma Secunda“.

Das war umso bedauerlicher, als daß sich in Trier noch heute gut erhaltene Monumentalbauten aus römischer Zeit finden und die Kulisse der Stadt für ein Römerfest einfach wie geschaffen ist. Auch wurde es von vielen Seiten bedauert, daß ausgerechnet eine Stadt, die sich so sehr auf ihre römische Vergangenheit berufen kann, kein großes Römerfest mehr ausrichtet.

In diesem Jahr feiert Trier nun „30 Jahre UNESCO Weltkulturerbe“ – unter anderem mit der großartigen Nero-Sonderausstellung „Kaiser, Künstler und Tyrann“ parallel in drei Museen der Stadt, und eben auch einem großen Römerfest, das in den Kaiserthermen abgehalten wird.

Zahlreiche Gruppen und Einzeldarsteller, wie die Legio XXI Rapax, die Cohors Praetoria, die Bitburger Legion XXII Primigenia Milites Bedenses, die Gladiatorenschule Trier, der Reiter Roms und zahlreiche Handwerker und Darsteller zivilen Lebens haben ihre Teilnahme zugesagt, so daß nun auch das vollgepackte Programm der beiden Tage bekannt ist:

Kaiserthermen

Das Römerfest findet an beiden Tagen von jeweils 10-18 Uhr in den Kaiserthermen statt (die Kellergänge der Thermen sind während des Römerfestes allerdings geschlossen und können nicht besichtigt werden).

Es gilt der reguläre Eintrittspreis in die Kaiserthermen, auch die AntikenCardTrier und die AntikenCardNero werden angerechnet. Wer eine Eintrittskarte der Nero-Ausstellung vom gleichen Tag vorweisen kann, erhält kostenlosen Einlaß zum Fest.

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„Brot und Spiele“, 2007

Weitere Informationen hier auf der offiziellen Website „Trier – Zentrum der Antike“ 

 

 

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