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Romanitas

Willkommen in der Kategorie „Romanitas“!

Was bedeutet dieses Wort?

Auf dem Römerfest in Mayen

Auf dem Römerfest in Mayen

Nun, eigentlich nichts anderes als „Römisch-sein“ oder „Der römische Weg“ („Roman-ness“, wie es im englischen Sprachraum heißt).

Der Begriff bezeichnet all das, was die antike römische Kultur, Politik und Wertvorstellungen usw. betrifft – er umfasst somit die römische Identität und das Selbstbild, also was es bedeutet, „Römer“ zu sein.

Die Römer selbst verwendeten diesen Begriff übrigens nicht für sich selbst; er tauchte erstmals im 3. Jahrhundert in einem Traktat des christlichen Schreibers Tertullian auf, der sich damit abfällig über seine romanisierten Landsleute in Karthago ausließ. Heutzutage wird „Romanitas“ von Historikern verwendet, um damit alle Themenkomplexe zu bezeichnen, welche die römische Kultur und Identität ausmachten.

„Romanitas“ oder die römische Identität ist dabei (im Gegensatz zu vielen anderen antiken und modernen Kulturen) keine Bezeichnung für eine Volksgruppe, die eine gemeinsame Sprache, Ethnie oder regionale Herkunft verbindet (wie es z.B. bei den Griechen der Fall war).

Ganz im Gegenteil basierte die römische Identität darauf, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die durch kulturelle, politische und religiöse Werte verbunden war: gemeinsame Werte, Bräuche, religiöse Praktiken, Moralvorstellungen und Lebensstil waren das, was jemanden zum Mitglied der römischen Gesellschaft machte. Dabei spielte Herkunft oder Hautfarbe keine Rolle. Selbst wer in den entlegensten, barbarischen Provinzen lebte aber bereit war, sich zu „romanisieren“, war willkommen und hatte Möglichkeiten aufzusteigen und die römischen Bürgerrechte zu erlangen.

Worum geht es in dieser Kategorie?

Ein Aulosspieler mit Scabellum

Ein Aulosspieler mit Scabellum

In dieser Kategorie geht es um alles, was das römische Leben, die Identität, die Kultur ausmacht (von Religion und Philosophie einmal abgesehen, die so weitreichende Themengebiete sind, daß sie bei uns mit „Cultus Deorum Romanorum“ und „Stoa“ ihre eigenen Kategorien bekommen haben).

Wenn wir also Beiträge darüber schreiben, was das „Römisch-sein“, die „Romanitas“ betrifft, dann werden wir sie in dieser Kategorie verlinken. Dabei kann es sich um alles Mögliche rund um die römische Kultur handeln, von Musik und Musikinstrumenten, über Kochrezepte, Kleidung bis hin zum Re-Enactment, zu Events und Veranstaltungen, die wir besuchen oder empfehlen.

Eben alles, was das römische Leben und die römische Identität – auch heute, in der modernen Zeit – ausmacht! 

Also kamen die „Römer“ nicht aus Rom?

Der Ursprung des Römischen Reichs lag natürlich in der Stadt Rom, die aus einem kleinen sumpfigen Dorf in der italienischen Provinz Latinum hervorging.

Als das Reich sich jedoch über Europa und Afrika auszubreiten begann, wurde „Römer“ weitaus mehr als eine geografische Herkunftsbezeichnung. „Römer“ konnte jeder sein und jeder werden, egal in welcher Provinz er lebte – so lange er zu gewissen Zugeständnissen bereit war: er mußte uneingeschränkt den römischen Kaiser und Staatskult akzeptieren (daneben war es in Ordnung, seinen eigenen, privaten Kult zu praktizieren) und sich mit dem römischen Lebensstil, der Philosophie, Moral und Gesellschaft zu identifizieren. Insofern gab es überall in den Provinzen Einheimische, die als „Römer“ bezeichnet werden konnten: germanische Römer, gallische Römer, britannische Römer oder afrikanische Römer.

Aufgrund der schieren Ausdehnung des Reichs kam tatsächlich eine Minderheit der Einwohner aus der Stadt Rom selbst und die Einwohner der Stadt Rom waren nur zu einem geringen Anteil dort gebürtig, sondern aus geschäftlichen, beruflichen oder politischen Gründen dorthin gezogen und stammten aus allen Winkeln des Imperiums.

Ihr schreibt hier über Werte, Moral, Pietas… aber die Römer waren ja nun beileibe nicht alles Philosophen und Gutmenschen, oder?

Nein, ganz sicher nicht – und ehrlich gesagt, gibt es zwar eine Menge Klischees und Allgemeinplätze über „die Römer“, daß sie friedliebende Gutmenschen waren, haben wir allerdings noch nirgendwo gehört. Und erst recht sind wir nicht so verklärt oder weltfremd, das zu behaupten!

Zwei Cornicen (Römertage Xanten, 2014)

Zwei Cornicen (Römertage Xanten, 2014)

Fakt ist, daß die Zeit des Alten Roms (und die Antike generell) verglichen mit unserer heutigen eine härtere und brutalere Zeit war. Konzepte wie Humanismus, Genfer Konvention, „Hinhalten der anderen Wange“ und universelle Menschenrechte für alle waren unbekannt (höchstens ferne Utopien, denen sich eine winzige intellektuelle und philosophische Elite in Gedankenspielereien hingeben mochte). Zu den allgemeinen Wertvorstellungen gehörten sie ganz sicher nicht.

Auch waren nicht alle Römer edle, kultivierte Philosophen, die beim Weine in eine teure Toga gehüllt über Politik und die Welt diskutierten. Ganz im Gegenteil war die Mehrheit der Bevölkerung arm, ländlich, nur mäßig gebildet und die breite Masse der unteren Schichten interessierte sich sicher mehr für Gladiatorenkämpfe, das tägliche Auskommen, preiswert zu habenden Sex in den Bordellen und profane Unterhaltung – wie es heute in der RTL II-Gesellschaft nicht anders ist.

„Römer“ (worunter wir, wie gesagt, nicht die Einwohner der Stadt Rom, sondern alle Bürger des Römisches Reichs, auch der Provinzen, fassen) waren keine „besseren“ Menschen als wir heute. Menschliches Leben war in der Antike generell eine sehr billige Ware und wenig wert, wie man gut an der weit verbreiteten Sklaverei erkennen kann, die übrigens kein rein römisches Phänomen war – auch bei den Kelten, Germanen, Ägyptern oder Griechen war die Sklaverei ein grundlegender Wirtschaftsfaktor. Die Kindersterblichkeit war enorm hoch, Frauen spielten in der Öffentlichkeit keine Rolle und hatten kaum Rechte, das Oberhaupt der Familie hatte die absolute Vollmacht über seine Frau und (auch erwachsenen) Kinder – bis hin zum Recht, seine Kinder in die Sklaverei zu verkaufen -, Strafen waren extrem hart und Körper- und (oft phantasievolle) Todesstrafen keine Ausnahme, sondern die Regel.

Das Leben in der römischen Gesellschaft war deswegen sicherlich härter als im heutigen deutschen Sozialstaat, auch wenn es zumindest ein Anspruch des Römischen Staats war, die einfachen Leute bei Laune zu halten (denn daß man auf sie zum Funktionieren des Staates angewiesen war, stellte niemand in Frage). So gab es – was ein Fortschritt gegenüber dem späteren europäischen Mittelalter war – zumindest öffentliche Wasserversorgung mit Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle, gute Straßen, medizinische Versorgung, Unterhaltung und zu besonderen Anlässen auch öffentliche Speisungen, zum Beispiel mit Brot anläßlich der Spiele, oder mit Opfergaben wie Rindern und Schweinen, die zu besonderen Festen in den Tempeln geopfert wurden. Der breiten Masse der armen Bevölkerung ging es im Mittelalter nach dem Untergang Roms deutlich schlechter und die Armut und Zustände, unter denen die untersten Schichten leben mußten, waren zum Teil bis in das industrielle Zeitalter katastrophal (siehe England im 19. Jahrhundert).

Doch um auf die Ausgangsfrage nach „Moral“ und „Römischen Werten“ zurückzukommen: Römer waren auch nur Menschen, genau wie wir, nur daß sie generell in einer brutaleren Epoche lebten und deswegen Kinder ihrer Zeit waren. Aber – und das ist der Unterschied zu heute: So ungebildet, grausam, gewaltlüstern, schmutzig, arm die breite Masse auch sein mochte, so sehr es dort einfache Leute gab, die eher das Blut von Gladiatoren und den Besuch bei einer Prostituierten hochgeistigen Gesprächen vorzogen, die sich lieber in der Kneipe schlugen oder miteinander stritten oder Intrigen gegen ihre Nachbarn und Arbeitskollegen sponnen, Leute, die ihre Ehefrauen betrogen und sich Liebhaber hielten und ihre Kinder schlugen. Aber auch ganz normale, freundliche, hart arbeitende und hilfsbereite Leute, die sich von Ärger fernhielten und ihre Pflichten erfüllten, wie es in der streng hierarchischen Gesellschaft von ihnen erwartet wurde – eines verband sie: Die Römischen Werte.

Diese Werte nahmen sie nicht unbedingt für sich selbst in Anspruch, bei vielen gingen sie einfach an der Lebenswirklichkeit vorbei. Dennoch sind diese Werte und Tugenden als ein allgemeingültiges und in der generellen Vorstellung der Bürger verbreitetes „Ideal“ zu verstehen. Und die Einhaltung und Erfüllung dieses Ideals erwartete man nicht von seinem Nachbarn, vom gemeinen Legionär, von der Fischfrau auf dem Markt, vom Sklaven, aber man erwartete es von Personen, die in der Öffentlichkeit standen.

Marcus Tullius Cicero, Staatsmann und Verkörperer römischer Werte und Tugenden - obwohl er Anwalt war ;)

Marcus Tullius Cicero, Staatsmann und Verkörperer römischer Werte und Tugenden – obwohl er Anwalt war 😉

Es war selbst für den niedrigsten römischen Bürger eine Selbstverständlichkeit, daß ihre politischen und religiösen Amtsinhaber danach strebten, die Ideale Roms zu verkörpern, daß sie anständige, gesittete, ehrbare, ernsthafte Leute waren, denen Würde und Ehre über alles ging, daß sie das Beste für das Volk wollten, daß sie die Verkörperungen der Dignitas , der Pietas, der Gravitas waren oder zumindest stets danach strebten. Es wurde vom Volk erwartet. Das Verhalten von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens wurde genau beobachtet und das Volk konnte, wenn es mit einer Person des öffentlichen Lebens unzufrieden war, ein wichtiger Machtfaktor werden und große Unruhen im Reich verursachen.

Die Personen des öffentlichen Lebens waren sich dieser Erwartungshaltung als Verkörperung des Römischen Ideals bewußt und taten gut daran, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß sie danach lebten und handelten. Der Erwartungshaltung des Volkes zu entsprechen, war für römische Politiker und Führer sehr wichtig (daß diese römische Einstellung heute nicht mehr verbreitet ist, ist beim Blick in den Bundestag nicht sonderlich schwer zu erkennen :P).

Auch nicht-öffentliche Personen strebten, sofern sie Zeit, Gelegenheit und Geld hatten (und nicht von morgens bis abends auf dem Feld arbeiten mußten) danach, die Römischen Werte zu verinnerlichen und zu verkörpern, da damit wiederum auch Status, Ansehen und Ehre verbunden war – und diese Dinge waren für den gehobenen Römer von fundamentaler Bedeutung. Es war unter den gebildeten Schichten ein allgemeines Ziel, diese Tugenden zu erreichen, ein Ideal (wie es heute in der christlichen Gesellschaft ein Ideal ist, praktizierte Nächstenliebe zu leben, was auch nur einer Minderheit gelingt, aber nichtsdestotrotz angestrebt und von vielen Personen erwartet wird). Perfektion erreichten sicher die wenigsten.

Ausnahmen bildeten hier natürlich die Personen, die absichtlich gegen diese Werte und Tugenden verstießen, wie einige der Kaiser, die das Volk mit Verstößen gegen die Sitten und Moral schockten und alles auf den Kopf stellten, was die Gesellschaft ausmachte. Keiner dieser Kaiser wurde allerdings sehr alt oder starb eines natürlichen Todes, was wiederum für sich selbst spricht.

Wir „modernen Römer“ stellen heute nicht das Leben des römischen Mobs auf der Straße nach, wir sind auch keine römischen Adligen oder Politiker. Wir können uns heute in etwa als das Äquivalent der höheren, gebildeten Kreise der römischen Gesellschaft verstehen, was unsere finanziellen Mittel, unsere Bildung, unsere Zeit für Privatvergnügen und unsere Freiheit angeht.

Heutzutage leben wir in einer Gesellschaft und Zeit, die es uns erlaubt, uns in unserer Freizeit (und bei den wenigen Glücklichen sogar im Beruf) zu verwirklichen. Das bedeutet, auch wir haben Zeit, Muße, Gelegenheit und die Freiheit, dem Römischen Ideal nachzueifern und zu versuchen, die grundlegenden Werte zu verinnerlichen und zu verkörpern. Dabei muß man sich darüber im Klaren sein, daß das Streben nach Tugenden immer ein Idealzustand ist, den nur wenige Leute erreichen, genau wie das Leben als Stoiker nach den Grundsätzen der Stoa ein ständiges Arbeiten und Lernen ist, mit Rückschlägen und Erfolgen. Das hindert uns nicht daran, das Ideal anzustreben!

Cato der Jüngere, Stoiker und Gegner Caesars, galt als unbestechlich und moralisch absolut integer. Er beging nach dem Sieg Caesars Selbstmord, um nicht in einer Welt leben zu müssen, die gegen seine Wertvorstellungen verstieß

Cato der Jüngere, Stoiker und Gegner Caesars, galt als unbestechlich und moralisch absolut integer. Er beging nach dem Sieg Caesars Selbstmord, um nicht in einer Welt leben zu müssen, die gegen seine Wertvorstellungen verstieß

Wir haben heute die alten Bücher, wir haben Zugang zu Bildung und es ist nicht unser Anspruch, die römische Gesellschaftsordnung der Antike wieder aufleben zu lassen (ganz im Gegenteil kann niemand das ernsthaft für erstrebenswert halten), sondern wir streben nach den idealen Werten, Tugenden und philosophischen Vorstellungen, die im Laufe des dunklen Mittelalters zunehmend in Vergessenheit geraten sind und schließlich zum Teil wiederentdeckt wurden, zum Teil mit anderen Einflüssen vermischt wurden, bis sie heute in einer Gesellschaft mit Tendenz zum Werteverlust und Werteverirrung mündeten.

Da in der römischen Gesellschaft Religion, Tugend, Staat und Philosophie Hand in Hand gingen und untrennbar miteinander verbunden waren, beschäftigen auch wir uns mit allen Aspekten der römischen Gesellschaft (sogar den häßlichen ;)). Und deswegen findet Ihr in unserem Blog eine bunte Mischung aus Religion (Cultus Deorum / Religio Romana), Philosophie (wobei wir der Schule der Stoa anhängen, die aber nicht die einzige in Rom populäre Schule war), und alles andere rund um die römische Gesellschaft und Geschichte – in dieser Rubrik: Romanitas.


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