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Musik: Einleitung – Musik in der römischen Antike

Musikerszene in einem Mosaik in Herculaneum

Musikerszene in einem Mosaik in Herculaneum

Musik spielte in der römischen Antike eine wichtige Rolle in allen Bereichen des Lebens. Sie wurde zu allen Gelegenheiten gespielt – von der gepflegten Musikuntermalung bei geselligen Treffen oder Abendessen im privaten Rahmen, Musik auf Veranstaltungen und Festen, über deftige Volks- und Spottlieder des einfachen Volkes in der Taverne, Soldatenlieder, anspruchsvolle Musik in Theater und Konzert, als dramatische Untermalung des Spektakels in der Arena, bis hin zu Signalmusik im Kampf oder bei Triumphmärschen und natürlich zur Sakralmusik, die bei keinem offiziellen Ritual fehlen durfte.

Ebenso groß wie die Bandbreite der Anlässe, zu denen Musik gespielt (und auch gesungen) wurde, ist die Vielfältigkeit der römischen Musikinstrumente. Hier waren bereits viele der heute bekannten Instrumentenklassen vertreten, Blechblas- und Holzblasinstrumente genauso wie Schlaginstrumente, Saiteninstrumente und sogar Orgeln.

Musiker in der Antike

Obwohl Musik eine so wichtige Rolle spielte, besaßen Musiker (wie auch Schauspieler oder Künstler) in Rom keinen hohen gesellschaftlichen Status.

Es galt unter Aristokraten und wohlhabenden Römern zur Zeit der Republik als verpönt, selbst zu musizieren. Cato schreibt, daß „Singen keine angemessene Beschäftigung für einen ernsthaften Mann“ sei. In Familien von Stand lernten bisweilen Mädchen und Frauen das Musizieren. Aber selbst hier begegnete man hochgestellten Frauen, die musizierten, mit Skepsis. So schrieb Sallust: „Sempronia war durch Geburt und Schönheit, auch durch Mann und Kinder in einer recht glücklichen Lebenslage. Mit griechischer und lateinischer Literatur war sie wohlvertraut und wußte geschickter zur Laute zu singen und zu tanzen, als es für eine anständige Frau nötig ist.

Aulosspielerin

Aulosspielerin

Lediglich der sakrale Chorgesang war allseits hoch geschätzt und wurde auch in hohen Kreisen praktiziert.

Erst im Laufe der Zeit trat ein Wandel ein, so daß auch Römer höheren Standes sich in der Musik und im Gesang übten und ihre Künste zeigten. Sulla zum Beispiel galt als ausgezeichneter Sänger, und Konsul Norbanus Balbus (19 n.Chr.) war ein begeisterter Tubaspieler, ein Instrument, das er während seiner Militärzeit erlernt hatte. Höhere Kreise praktizierten Musik aber generell nur zur Erbauung und zum Freizeitvergnügen, sowie als geeignetes Mittel zur Selbstdarstellung.

Ansonsten war es üblich, Musiker, die professionelle Untermalung und Unterhaltung boten, für besondere Anlässe zu kaufen oder zu engagieren.

Musizieren und Singen war unter den einfachen Leuten, wie heute auch, ebenfalls als Freizeitbeschäftigung und zur Vertreibung von Alltagssorgen verbreitet. Es gab Arbeitslieder, die bei der Arbeit gesungen wurden, um diese zu erleichtern, Liebeslieder, Spottlieder, Soldatenlieder und Kinderlieder. Vor allem unter Hirten war das Musizieren mit Instrumenten verbreitet. Laienmusik war deshalb so vielfältig wie die Bewohner des römischen Reichs.

Viele Berufsmusiker waren griechischer Herkunft und bei den meisten handelte es sich um Sklaven, Freigelassene oder andere Gruppen von niederem Status. Einige wenige Berufsmusiker, die Freie waren und römisches Bürgerrecht besaßen, brachten es zu überregionaler Berühmtheit und hohem Ansehen. Besonders beliebte Musiker verdienten gut bei Musikwettbewerben, die mit hohen Preisgeldern verbunden waren.

Apollo mit Kithara, Wandgemälde aus Pompeji

Apollo mit Kithara, Wandgemälde aus Pompeji

Die breite Masse der Berufsmusiker waren jedoch als Solisten, Orchester- oder Ensemblemusiker nicht überregional bekannt. Einige zogen umher von Ort zu Ort, auf der Suche nach einem Engagement oder im Verbund mit anderen Künstlern. Andere – wie Tempelmusiker – waren ortsansässig. Sakralmusiker in Tempeln waren häufig Eigentum des Tempels oder des Priesters.

Musiker allen Standes, vor allem in Rom, waren – wie allgemein für alle Berufsgruppen üblich – in Vereinen, sogenannten Kollegien, organisiert. Diesen haben wir viele Informationen über Status, Geschichte und Herkunft von Berufsmusikern zu verdanken, da Kollegien ihren verstorbenen Mitgliedern oft Grabsteine stifteten, auf denen nach römischer Sitte über das Leben des Verstorbenen berichtet wird.

Selbst einige Kaiser waren Musikfreunde. Für sie war es aufgrund ihres Ranges unerheblich, ob sie damit gegen ein gesellschaftliches Tabu verstießen. Caligula tanzte und sang.  Nero war Dichter und Musikliebhaber. Er selbst wäre lieber Schauspieler als Kaiser geworden, sang und spielte selbst mehrere Instrumente (wie Hydraulis und Kithara).

Auch Priester hatten, je nach Kult, dem sie dienten, ebenfalls musische Pflichten. So mußten die Arvalbrüder regelmäßig einen festgelegten Kulttanz und ein Kultlied darbieten.

Eine sehr gute, tiefgehende und ausführliche Darstellung über Musiker in der römischen Antike bietet die Schrift „Jünger der Musenkunst in Rom“ von Andrea Scheithauer (Download als PDF).

Römische Musik als experimentelles Forschungsfeld

Römische Musik ist ein so weitreichendes Thema, daß es für einen musikinteressierten römischen Rekonstruktionisten ein dankbares und ergiebiges Forschungsfeld ist, das so viel Material und Inhalt bietet, daß man sich sogar darauf spezialisieren kann und einem doch niemals die „Arbeit“ ausgeht.

Der Aulos wird bei einem rituellen Opfer gespielt, um negative Einflüsse und Zeichen abzuwehren (Haltern, 2014)

Der Aulos wird bei einem rituellen Opfer gespielt, um negative Einflüsse und Zeichen abzuwehren (Haltern, 2014)

Neben der theoretischen Beschäftigung mit der römischen Musik der Antike, die durch Schrift- und Bilddokumente überliefert ist, ist die Musik auch ein spannendes praktisches Experimentierfeld. Denn es gibt auch gut erhaltene Funde römischer Musikinstrumente, die deren Nachbau erlauben und – was eine eher unbekannte Tatsache ist – sogar Überlieferungen römischer und griechischer Musikstücke, da es bereits eine Form der Notenschrift gab. Deshalb wissen wir heute erstaunlich viel über verwendete Instrumente und ihre Einsatzbereiche und sogar darüber, wie einige Musikstücke geklungen haben mögen.

Interessanterweise sind aus der griechischen und römischen Antike mehr archäologische Funde von Musikinstrumenten und deren Einzelteilen erhalten, als aus dem gesamten europäischen Mittelalter. Hingegen ist die Überlieferung von erhaltenen Liedern und Musikstücken deutlich geringer, obwohl es bereits eine Notenschrift gab. Bei den Stücken, die erhalten sind, ist oft unklar, für welche Instrumente sie geschrieben waren – doch das ist, was ebenfalls nicht so bekannt ist, auch für viele mittelalterliche Musikstücke der Fall.

Deswegen ist die Musik sowohl in der „römischen Szene“ als auch in der Wissenschaft ein beliebtes Feld der experimentellen Archäologie und auf vielen Treffen und Veranstaltungen trifft man auf Gleichgesinnte, die sich den Nachbau eines römischen Musikinstruments haben anfertigen lassen und dessen Praxistauglichkeit unter Beweis stellen und gerne die Spielweise demonstrieren.

Die "Hymne an Nemesis" mit dem Cornu eröffnet die Gladiatorenspiele (Xanten, 2014)

Die „Hymne an Nemesis“ mit dem Cornu eröffnet die Gladiatorenspiele (Xanten, 2014)

Jede Legion in der Re-Enactmentszene hat zumindest einen Cornu-Spieler, der das römische Krummhorn bläst. Auch gibt es Zusammenschlüsse aus studierten Musikern, Archäologen, Historikern und Instrumentenbauern (wie in Musica Romana oder Synaulia), die das Thema interdisziplinär wissenschaftlich angehen.

Nicht zuletzt gibt es Musiker wie Justus Willberg und Hagen Pätzold vom Team Hydraulis & Cornu, die sich besonders um die Bekanntmachung der römischen Musik bemühen und mit ihren zahlreichen Instrumentenrepliken (wie dem einzigen Nachbau einer römischen Wasserorgel!) auf vielen Römerfesten und Veranstaltungen in Museen anzutreffen sind. Dort stellen sie auf unterhaltsame und gleichzeitig informative Weise die Instrumente, deren Spielweise, die Notation und die Einsatzmöglichkeiten der Musik vor, so daß auch der „normale“ Besucher ein anschauliches Bild davon bekommt, wie Musik in der römischen Antike geklungen hat und wie vielfältig sie zum Einsatz kam. Wer einen guten Einstieg in das Thema sucht und aus erster Hand einmal erfahren möchte, wie die Instrumente tatsächlich klingen und gespielt werden, dem sei einer ihrer Auftritte ans Herz gelegt, insbesondere, da sie auch gerne Fragen beantworten und alles hautnah zeigen und erklären.

Da die Beschäftigung mit römischer Musik auch eines unserer Interessengebiete ist (bzw. von einem von uns, Q. Albia Corvina, praktisch ausgeübt wird), beginnen wir mit diesem Einleitungsartikel eine kleine Serie über römische Musik und Instrumente in unserem Blog.

Übersicht über römische Musikinstrumente Römische Musikinstrumente waren stark von den griechischen sowie etruskischen Musikinstrumenten beeinflußt. Aulos / Tibia

Theatermusiker mit Aulos

Theatermusiker mit Aulos

Das sicherlich bekannteste und am häufigsten auf historischen Bildern und Reliefs abgebildete Musikinstrument ist der Aulos (so die griechische Bezeichnung) bzw. „Tibia“, wie das Instrument in Rom auch genannt wurde.

Dabei handelt es sich nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, um Flöten, sondern um  Doppelrohrblattinstrumente (wie Schalmeien, Oboen oder Fagott), deren Mundstück aus einem doppelten Rohrblatt aus Schilf oder einem ähnlichen Material besteht.

Der Aulos wird paarweise als Doppelinstrument gespielt; es gibt ihn in unterschiedlichen Längen, was verschiedene Tonhöhen und Spielweisen ermöglicht. Dabei sind die Grifflöcher auf beiden Instrumenten nicht symmetrisch, ein Aulos ist ein „tiefer“ Aulos und einer ist ein „hoher“, dessen Spielumfang durch verschiedene Vorrichtungen wie Holzstöpsel oder Klappen zusätzlich verändert werden kann. Tatsächlich war der Aulos vom Aufbau her ein so komplexes Instrument, wie es erst in der europäischen Renaissance wieder erreicht werden sollte.

Replik des "Louvre"-Aulos aus Alexandria

Replik des „Louvre“-Aulos aus Alexandria

Der Aulos / die Tibia wurde in allen Lebensbereichen und zu allen Anlässen gespielt, von der Hochzeit bis zur Totenfeier, vom Trinkgelage bis zum religiösen Ritual, vom Triumphzug bis zur Theateraufführung. Es wurde sowohl alleine als auch im Verbund mit mehreren Auloi oder anderen Instrumenten (wie der Kithara) kombiniert. Die Spieler bezeichnet man als Auleten oder Tibicen.

Für den römischen Cultus Deorum, die römische Religion, war und ist der Aulos ebenfalls ein zentrales Instrument, denn er gehörte zu jedem offiziellen Ritual dazu. Tempel hatten eigene Sacral- oder Tempelauleten, deren Aufgabe es war, Rituale akustisch zu begleiten. Das diente der Abwehr negativer Einflüsse und der Übertönung eventueller Störungen oder negativer Zeichen.

Neben der Abbildung auf zahlreichen Illustrationen, Malereien, bei Statuen und Reliefs hat man auch einige erhaltene Auloi gefunden, unter anderem verschüttet in Pompeji. Die meisten Repliken basieren auf einem in Alexandria gefundenen Exemplar, das heute im Louvre zu besichtigen ist.

Der Aulos wird in unserem Blog im Artikel „Tibia oder Aulos, das römische Rohrblattinstrument“ ausführlich beschrieben, deshalb an dieser Stelle nur dieser kurze Abschnitt. Cornu

Cornu und Hydraulis untermalen das Geschehen in der Arena (Villa Nennig)

Cornu und Hydraulis untermalen das Geschehen in der Arena (Villa Nennig)

Das Cornu ist ein Blechblasinstrument, das aus einem kreisförmig geschwungenen Bronzerohr von etwa 3 Metern Länge besteht. Es wird an einem Mittelsteg oder Griff gehalten.

Das Cornu war ein typisches Instrument des römischen Militärs; es wurde innerhalb einer militärischen Einheit von einem Soldaten gespielt, der Cornucen genannt wurde. Es diente dort in erster Linie als Signalgeber, denn es ist möglich, auf diesem lauten und weithin hörbaren Instrument Melodien zu spielen, die die Befehle des Kommandanten „übersetzten“. Da Cornicen nur schwach bewaffnet waren, trugen sie über ihrem Helm das Tierfell eines Raubtiers, meist ein Wolf, Bär oder Löwe. Dies diente der Abschreckung und sollte sie vor feindlichen Angriffen schützen.

Zwei Cornicen (Römertage Xanten, 2014)

Zwei Cornicen (Römertage Xanten, 2014)

Ein weiterer typischer Einsatzbereich des Cornus war die Arena, wo es in der klassischen Kombination mit der Hydraulis (Wasserorgel) die Gladiatorenspiele und Rennen akustisch untermalte. Ähnlich einer heutigen Filmmusik improvisierten die Musiker in der Arena auf Cornu und Hydraulis, so daß ihre Musik immer zu den Ereignissen in der Arena paßte und diese dramatisch und stimmungsvoll untermalte und so die Spannung beim Publikum erhöhte. Diese Instrumentenkombination ist aus zahlreichen Bildern und Mosaiken bekannt, so zum Beispiel aus dem Fußbodenmosaik in der Villa Nennig im Saarland.

Daneben diente das Cornu auch als Zeremonialinstrument, auf dem zum Beispiel Hymnen zu offiziellen Eröffnungen von Veranstaltungen gespielt wurden, wie die „Hymne an Nemesis“, mit der traditionell Gladiatorenspiele begonnen wurden, komponiert von Mesomedes von Kreta im 2. Jahrhundert n. Chr..

Auch im kultischen Bereich spielte das Cornu eine wichtige Rolle. Es wurde beim rituellen Kult eingesetzt, um dort die Opferhandlungen feierlich in Szene zu setzen.

Nachbauten eines Cornu finden sich bei vielen römischen Re-enactmentgruppen, so daß man sich auf römischen Veranstaltungen ein gutes Bild vom Klang und vom Einsatz im militärischen Kontext und beim Exerzieren machen kann.

Kithara

Ebenfalls von zahlreichen Bildern und Reliefs bekannt, ist die Kithara, ein fünf- bis zwölfsaitiges Saiteninstrument (meist 7 Saiten) mit einem hölzernen Schallkasten und einem Standfuß an der Unterseite. Es wird häufig mit der Lyra verwechselt, ist mit dieser jedoch nur verwandt, unterscheidet sich aber in Aufbau und Größe (die Lyra ist kleiner und hat keinen Fuß). Kithara-Spieler werden Kitharistes genannt.

Der Gott Apollo wird auf vielen Darstellungen mit Kithara abgebildet, da das Instrument zu seinen Attributen zählt und ihm gewidmet ist. Das Instrument wurde der Sage nach von Merkur erfunden und Apollo als Versöhnungsgeschenk geschenkt. Dieser nutzte es in einem Musikwettstreit mit Pan.

Die Kithara von Weißenburg, Bayern

Die Kithara von Weißenburg, Bayern

Justus Willberg spielt auf der nachgebauten Kithara von Weißenburg

Justus Willberg spielt auf der nachgebauten Kithara von Weißenburg

Einen Kithara-Nachbau, der auf einem Fund einer kleinen Figur im bayerischen Weißenburg (siehe links) basiert, kann man bei Justus Willberg in Aktion sehen und hören (siehe rechts).

Der Klang der Kithara und die Tonhöhe ihrer Saiten sind interessanterweise bekannt, da eine antike Stimmanweisung überliefert ist.

Die Kithara wird beim Spielen an einem Band gehalten und damit vor der Brust fixiert. Das Instrument wird mit einem Plektrum angeschlagen, wie man aus Abbildungen weiß, jedoch ist ein solches Plektrum bislang nicht archäologisch überliefert, so daß genaue Form und Material unbekannt sind. Mit den Fingern der linken Hand werden die Töne, die nicht benötigt werden, abgedämpft.

Die Kithara gilt als Instrument, das vor allem der Unterhaltung diente und weder im militärischen noch kultischen Rahmen eine Rolle spielte. In privaten und öffentlichen Festen wurde die Kithara zur Untermalung eingesetzt, dazu im Theater und Drama als Begleitung zu Gesang. Beliebt war es für öffentliche Konzerte und zur Begleitung von Chorstücken, sowie in Musikerwettstreiten, die von wohlhabenden Sponsoren gerne ausgerichtet und finanziert wurden.

Kaiser Nero, der ein großer Musikfreund war, spielte Hydraulis und Kithara. Hydraulis Das sicherlich überraschendste und auch kurioseste Instrument ist die Hydraulis, eine wasserbetriebene Orgel.

Die Hydraulis im Einsatz (Römertage Xanten, 2014)

Die Hydraulis im Einsatz (Römertage Xanten, 2014)

Sie unterscheidet sich kaum von unseren modernen Orgeln (außer, daß heutige Orgeln mit Blasebalg bzw. Strom betrieben werden). Aus einem mit Wasser gefüllten Standfuß wird durch Pumpen ein Unterdruck erzeugt, durch den die Töne aus den Orgelpfeifen erzeugt werden.

Während der Organist spielt, sorgen zwei Kalkanten an den Pumpen für gleichmäßige Luftzufuhr.

Unsere Kenntnisse über die römische Orgel sind deshalb so gut, weil einerseits einige sehr ausführliche und detaillierte historische Beschreibungen existieren, unter anderem in „de architectura“ (10, 8) des römischen Architekten und Ingenieurs Vitruv, der ein Instrument mit 2 Kolbenpumpen und 8 Registern beschreibt.

Außerdem wurde 1931 eine sehr gut erhaltene, fast vollständige Orgel in Aquincum (das heutige Budapest) gefunden, die laut ihrer Widmungstafel aus dem Jahr 228 n. Chr. stammt und bei der örtlichen Feuerwehr als Musikinstrument für besondere Anlässe und Zusammenkünfte genutzt wurde. Die Orgel mit ihren metallenen Pfeifen hatte drei Register, die einzeln gezogen werden konnten, und insgesamt 52 Pfeifen. Die Tasten waren aus Holz.

Außerdem gibt es weitere antike Orgelfunde aus Aventicum (Schweiz) und Dion (Griechenland).

Es existieren einige Orgelnachbauten. Die Gruppe Hydraulis um Justus Willberg spielt auf einer Originalreplik der Wasserorgel aus Aquincum, die ohne Stromversorgung auskommt und von zwei Kalkanten bedient wird. Der Klang erinnert erstaunlich an eine moderne Orgel und kann durch Ziehen der einzelnen Register auch noch variiert werden.

Die Wasserorgel (später auch die Balgorgel mit Blasebalg) war ein typisches Instrument, das zur Unterhaltung diente. Es war das wichtigste Instrument in der Arena, wo es zusammen mit dem Cornu zur Untermalung der Gladiatorenspiele eingesetzt wurde. Wohlhabende Römer hatten eine Wasserorgel im Haus, da es sich dabei um ein repräsentatives, teures Instrument handelte, mit dem man zeigte, was man sich leisten konnte und mit dem Hausmusik gemacht wurde. Auch im Theater oder zur Begleitung von Gesang wurde die Orgel eingesetzt.

Kaiser Nero sammelte Wasserorgeln in seinem Palast und konnte sie auch spielen. Er beschäftigte sich auch damit, sie technisch zu verbessern.

Tuba

Hagen Pätzold demonstriert die Tuba auf den Römertagen in Xanten, 2014

Hagen Pätzold demonstriert die Tuba auf den Römertagen in Xanten, 2014

Die Tuba ist eine römische Signaltrompete (nicht zu verwechseln mit der modernen Tuba, die ein Bassinstrument aus der Gruppe der Bügelhörner ist). Die römische Tuba ist etruskischen Ursprungs, die einen lauten und weit tragenden Klang hat. Es handelt sich dabei um ein Blechblasinstrument aus Bronze von etwa 1,2 Metern Länge mit geradem Rohr, das in einen Schallbecher mündet.

Das Instrument fand vor allem im militärischen Kontext Einsatz; die militärischen Tubaspieler (Tubicen) genossen hohes Ansehen. Abbildungen von Tubaspielern finden sich unter anderem auf der Trajanssäule.

Tuba- und Cornuspieler auf der Trajanssäule

Tuba- und Cornuspieler auf der Trajanssäule

Wie auch das Cornu, war die Tuba als Signalgeber vor allem in Schlachten und im Legionslager gut geeignet, um Einheiten durch akustische Signale zu dirigieren, so daß sie vor allem militärisch-taktische Funktion hatte.

Unterschiedliche Töne auf der Tuba werden durch Lippenspannung erzeugt. Weitere Instrumente Neben den aufgeführten Instrumenten verwendeten die Römer eine ganze Reihe weiterer Musikinstrumente.

Aulosspieler mit Scabellium, Tänzerin mit Crotalum

Aulosspieler mit Scabellium, Tänzerin mit Crotalum

Dazu gehört die ganze Gruppe der Schlag-, Rhythmus- und Percussioninstrumente, darunter:

  • Sistrum, eine aus Ägypten importierte Art Rassel, die auch im römischen Isiskult eine wichtige Rolle spielte
  • Tympana, vergleichbar mit einem Tamburin
  • Crotalum, vergleichbar mit spanischen Kastagnetten
  • Tintinabullum (Glocken)
  • Cymbalum, ein Becken
  • Scabellium, eine Fußklapper, mit der man beim Aulosspielen den Rhythmus schlagen kann

Zu den Saiteninstrumenten gehören neben der Kithara auch:

  • Lyra, die mit der Kithara verwandt ist, allerdings kleiner ist und im Aufbau des Schallkörpers abweicht
  • Sambuca, eine große Harfe
  • Trigonum, eine kleine Harfe

Weitere Blasinstrumente sind:

  • Lituus, eine gekrümmte Trompete mit durchdringendem Klang, die vor allem militärisch und im Totenkult genutzt wurde
  • Bucina, ein Horn, das dem Cornu sehr ähnlich ist
  • Fistula obliqua, ähnlich der heutigen Querflöte
  • Tibia obliqua, ein quer gespieltes Rohrblattinstrument
  • Fistulae, die Panflöte
  • Utriculus, eine Sackflöte mit Luftsack, die möglicherweise von Kaiser Nero gespielt wurde

Notenschrift und Musiktheorie Natürlich kannten die Römer noch keine moderne Notenschrift oder die diatonische Dur-Moll-Tonalität, wie sie die Grundlage unserer modernen Musik bildet.

Die Seikilos-Stele mit dem einzigen erhaltenen vollständigen Lied samt Notenschrift

Die Seikilos-Stele mit dem einzigen erhaltenen vollständigen Lied samt Notenschrift

Dennoch entwickelten schon die Griechen eine Methode, Melodien und Rhythmus in einer Art Notenschrift aufzuschreiben. Diese Notenschrift verwendete als Grundlage Buchstaben, die man als Saiten der Kithara interpretiert, und die Auskunft über die Tonhöhe geben. Über diesen Buchstaben befinden sich Zeichen, aus denen die Tonlänge und damit auch der Rhythmus zu entnehmen ist. Diese Notenschrift wurde von den Römern übernommen.

Es existieren zahlreiche Bruchstücke solcher notierten Musikstücke, jedoch sind nur wenige vollständig erhalten, wie das Seikilos-Epithaph, das in der Nähe von Ephesos in einen Grabstein gemeißelt wurde. Es handelt sich dabei um ein Lied phrygischer Tonart mit griechischem Text. Die genaue Datierung ist unbekannt, es wird auf 200 v. Chr. bis 100 n. Chr. geschätzt.

Ebenfalls vollständig erhalten ist der Paian des Athenaois, der um 128 v. Chr. zu Ehren Apollos in Delphi aufgeführt wurde. Er wurde in eine Steinplatte eingemeißelt und enthält Text und darüberstehende Notenzeichen.

Es gab bereits eine ausgefeilte Musiktheorie und Bemühungen, Musik in ein Tonsystem einzuordnen. So verwendete man bereits Begriffe wie Harmonien und Tonleitern. Auch Konsonanzen wie Oktaven, Quinten und Quarten waren bekannt. Das Harmoniesystem entwickelte sich von einem pentatonischen System zu einem heptatonischen. Grundlage der Musik, auf der das antike Musikempfinden basierte, bildete der Tetrachord, eine Viertonfolge im Intervall einer Quarte.

Mit dem Untergang des Römischen Reichs ging auch das Wissen um die Notenschrift verloren, so daß es erst im Mittelalter mit viel Aufwand gelang, die alten Lieder mit Hilfe von antiken musiktheoretischen Schriften aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zu entziffern. Dadurch wurde die antike griechische Musiktheorie zur Grundlage der Musiktheorie des christlichen Abendlandes.

Mit der Musiktheorie befaßten sich vor allem griechische Philosophen und Mathematiker, wie Euklid, Aristoxenos und Ptolemäus, der mit der aus drei Büchern bestehenden „Harmonik“ das wichtigste erhaltene musiktheoretische Werk der Spätantike verfaßte.

Bis in die Spätantike hinein entstanden wichtige Schriften zur Musiktheorie, unter anderem von Plutarch (1. Jahrhundert n. Chr.), Ptolemaios, Nikomachos und Theon von Smyrna (2. Jahrhundert n. Chr.) . Im 3. Jahrhundert n. Chr. entstanden unter anderem der Ptolemaios-Kommentar des Porphyrios und die Skalentabellen des Alypios.

Musik im Alten Rom zum Anhören

Die Musik im alten Rom war also so vielfältig wie ihre Musiker, ihre Instrumente und ihre Einsatzbereiche.

Apollo mit Kithara, 50 n. Chr. (Rom)

Wandgemälde Apollo mit Kithara, 50 n. Chr. (Rom)

Wer sich einen Eindruck vom Klang machen will, dem sei das Album „Pugnate!“ von Musica Romana empfohlen. Hier wird ein Tag mit Gladiatorenspielen musikalisch dargestellt, von der Pompa durch die Stadt, diversen rituellen Stücken, Eröffnung der Spiele in der Arena und  akustische Begleitung der Kämpfe bis zur Siegerehrung. Alle zuvor beschriebenen Musikinstrumente kommen darauf zum Einsatz.

Ebenfalls auf CD erhältlich ist eine Vorstellung diverser römischer Blasinstrumente der Gruppe „Synaulia“ auf: „Music of Ancient Rome, Vol. I – Wind Instruments“ sowie eine Vorstellung von Saiteninstrumenten auf „Music of Ancient Rome, Vol. II – String Instruments„.

Für den Einsteiger ist jedoch die CD von Musica Romana eher zu empfehlen, da die Stücke gefälliger und bunter zusammengestellt sind und auch „nebenbei“ zur Unterhaltung gehört werden können. Die Instrumentenvorstellungen von Synaulia erfordern schon eine gewisse „Einhörung“ und Überwindung moderner Hörgewohnheiten, sowie Klangerfahrung mit unterschiedlichen römischen Instrumenten. Diese CDs sind für viele etwas zu anstrengend, um sie zur Unterhaltung zu hören.

Ebenfalls erhältlich ist die CD „Antike Blechblasinstrumente“ von Hagen Pätzold, der als studierter Trompeter nahezu alles spielen kann, was an römischen Blasinstrumenten existiert, unter anderem Tuba und Cornu.

Zur Einstimmung und zum Einstieg in dieses spannende Gebiet des römischen Rekonstruktionismus und der experimentellen Archäologie ein Video vom Römerfest in Augusta Raurica (Augst 2014), bei dem Hagen Pätzold und Justus Willberg zahlreiche römische Musikinstrumente vorführen:

http://www.youtube.com/watch?v=Cq6x0lCGcow Weitere Artikel in dieser Serie folgen in Kürze auf unserem Blog!

 


Artikel © Q. Albia Corvina, 10/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 10/2014

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