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Musik: Aulos oder Tibia – das römische Rohrblattinstrument

Aulosspielerin

Aulosspielerin

Schon in der römischen Antike spielte Musik eine wichtige Rolle – so zahlreich wie die Anlässe, zu denen Musik gespielt wurde, so vielfältig waren die Musikinstrumente, die zum Einsatz kamen. Eine Einführung in die römische Musik und eine kurze Vorstellung der wichtigsten Musikinstrumente ist im 1. Teil unserer Artikelreihe zum Thema „Musik“ zu finden: „Einleitung – Musik in der Römischen Antike„. Da die darin enthaltenen Informationen als Grundlage für die hier folgenden Einzelartikel dienen und wir auf Wiederholungen verzichten möchten, empfehlen wir unbedingt, zuerst diese Einleitung zu lesen!

Im heutigen Artikel geht es um eines der sicherlich bekanntesten römischen Musikinstrumente, denn es ist das am häufigsten in antiken Darstellungen abgebildete Instrument und wird deswegen auch gerne als das römische „Nationalinstrument“ bezeichnet. Gleichzeitig existieren darüber die meisten irrigen Vorstellungen.

Es geht um die sogenannte „Doppelflöte“, den Aulos (griechische Bezeichnung) oder die Tibia (römische Bezeichnung). Wie wir später feststellen werden, handelt es sich bei diesem Doppelinstrument gar nicht um eine Flöte, doch zur Veranschaulichung lassen wir diese Bezeichnung für den Moment im Raum stehen.

Da ich (Q. Albia Corvina) ebenfalls dieses Instrument spiele, gehört dieses Teilgebiet der experimentellen Musikarchäologie zu meinen besonderen Interessengebieten und bildet – neben dem Cultus Deorum – einen meiner Schwerpunkte meiner persönlichen Verbundenheit mit der römischen Kultur . Deshalb möchte ich Euch dieses Instrument heute gerne näher vorstellen.

Aulos, Auloi oder Tibia? Wie nennt sich das Instrument denn nun?

Bacchische Prozession mit Satyren und Mänade

Bacchische Prozession mit Satyren und Mänade

Zuerst ein paar Worte zur Benennung des Instruments. Es kursieren unterschiedliche Bezeichnungen, einmal das zuvor erwähnte griechische Wort „Aulos„, das die Singular-Form darstellt, aber auch die Pluralform „Auloi„. Da es sich um zwei nicht miteinander verbundene Instrumente handelt, die gleichzeitig gespielt werden, wird in einigen Artikeln, die im Internet kursieren, auf die Pluralform „Auloi“ zur Bezeichnung beider Instrumente zurückgegriffen, während ein Einzelrohr als „Aulos“ bezeichnet wird.

Tatsächlich ist es aber so, daß beide Instrumente zu einer Einheit zusammengehören, denn sie sind nicht symmetrisch gebaut, sondern weisen unterschiedlich viele und unterschiedlich angeordnete Löcher auf, da sie nicht dazu gedacht waren, alleine und unabhängig voneinander gespielt zu werden (auch wenn das Spielen auf einem Instrument („Monaulos„), in der Literatur ebenfalls erwähnt wird, aber sehr selten). Durch die unterschiedliche Anordnung der Löcher und den damit verbundenen unterschiedlichen Klang wird deutlich, daß die beiden Instrumente nicht einstimmig gespielt wurden, sondern eine zweistimmige Einheit bildeten.

Der Aulos in einem etruskischen Gemälde aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.

Der Aulos in einem etruskischen Gemälde aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.

Im englischen Sprachraum werden die beiden Einzelinstrumente „Chanter“ genannt (wie die Sackpfeife des Dudelsacks, mit dem der Aulos verwandt ist). Da es keine vergleichbare deutsche Bezeichnung gibt (außer die – musikklassifikatorisch falsche Bezeichnung „Flöte“ oder – ebenfalls irreführend – „Pfeife“), wird auch im deutschsprachigen Raum heute unter Aulosspielern zur Vereinfachung der Kommunikation untereinander und mit Spielern aus dem internationalen Raum der Begriff „Chanter“ für die Einzelinstrumente verwendet. Einer der Chanter hat einen tiefen Klang und wird deswegen als „Low Chanter“ (L) bezeichnet, der andere Chanter hat einen hohen Klang und ist der „High Chanter“ (H).

Dabei ist es nicht, wie wir später ebenfalls sehen werden, so, daß der tiefe Chanter als Begleitung gespielt wird (und damit, wie in der Moderne oft üblich, mit links) und der hohe für die Melodie (und die rechte Hand) zuständig ist. Hier müssen wir uns von den modernen Gewohnheiten lösen, wie man in der experimentellen Musikarchäologie schnell herausfindet, wenn man zum ersten Mal eine Replik des Aulos in den Händen hält.

Beide Chanter bilden eine zusammengehörende Einheit und ein Instrumentenpaar, das man den „Aulos“ nennt. Die Pluralform „Auloi“ bezeichnet mehrere Paare von Aulos. Das römische Wort „Tibia“ bezeichnet ebenfalls das Paar und nicht die einzelnen Chanter, so daß die Pluralform „Tibiae“ sich ebenfalls auf mehrere Instrumentenpaare bezieht.

Die frühste Abbildung eines „oboenartigen“ Rohrblattinstruments stammt aus dem Jahr 3000 v. Chr. Auch bei den Etruskern war dieses Instrument bereits bekannt. Dort wurde es Subulo genannt und entsprach weitgehend dem klassischen griechischen Instrument. Die Römer übernahmen das Instrument zu Beginn von den Etruskern, bevor es sich unter griechischem Einfluß explosionsartig im Reich verbreitete.

Der Aulos wurde zu römischer Zeit stark weiterentwickelt und erfuhr zahlreiche Variationen.

In der heutigen „Szene“ der experimentellen Musikarchäologie hat sich der Begriff „Aulos“ vor dem römischen „Tibia“ durchgesetzt. Das hat historische Gründe, denn das Instrument wurde aus Griechenland nach Rom importiert und viele Musiker im römischen Reich waren griechischer Herkunft, oft griechische Sklaven. Auch sind viele der erhaltenen Musikstücke und Fragmente auf Griechisch oder wurden in den östlichen Provinzen des römischen Reichs gefunden (wie in Ephesos). Nicht zuletzt war der Begriff „Aulos“ auch in der römischen Antike bekannt und wurde dort ebenfalls verwendet, so daß beide Bezeichnungen in der Literatur zu finden sind.

Das lateinische Wort „Tibia“ bezieht sich auf das Material, aus dem die Instrumente ursprünglich gefertigt waren – Knochen. Das griechische Wort „Aulos“ bedeutet „Röhre“.

Die Spieler dieses Instruments werden „Aulet“ (Plural: „Auleten“) oder „Tibicen“ (Plural: „Tibicines“) genannt.

Der Einfachheit halber wird das Instrument in diesem Artikel als „Aulos“ bezeichnet, wobei „Tibia“ ebenso korrekt wäre.

Keine Flöte? Was für ein Instrument ist es dann? (mehr …)

Musik: Einleitung – Musik in der römischen Antike

Musikerszene in einem Mosaik in Herculaneum

Musikerszene in einem Mosaik in Herculaneum

Musik spielte in der römischen Antike eine wichtige Rolle in allen Bereichen des Lebens. Sie wurde zu allen Gelegenheiten gespielt – von der gepflegten Musikuntermalung bei geselligen Treffen oder Abendessen im privaten Rahmen, Musik auf Veranstaltungen und Festen, über deftige Volks- und Spottlieder des einfachen Volkes in der Taverne, Soldatenlieder, anspruchsvolle Musik in Theater und Konzert, als dramatische Untermalung des Spektakels in der Arena, bis hin zu Signalmusik im Kampf oder bei Triumphmärschen und natürlich zur Sakralmusik, die bei keinem offiziellen Ritual fehlen durfte.

Ebenso groß wie die Bandbreite der Anlässe, zu denen Musik gespielt (und auch gesungen) wurde, ist die Vielfältigkeit der römischen Musikinstrumente. Hier waren bereits viele der heute bekannten Instrumentenklassen vertreten, Blechblas- und Holzblasinstrumente genauso wie Schlaginstrumente, Saiteninstrumente und sogar Orgeln.

Musiker in der Antike

Obwohl Musik eine so wichtige Rolle spielte, besaßen Musiker (wie auch Schauspieler oder Künstler) in Rom keinen hohen gesellschaftlichen Status.

Es galt unter Aristokraten und wohlhabenden Römern zur Zeit der Republik als verpönt, selbst zu musizieren. Cato schreibt, daß „Singen keine angemessene Beschäftigung für einen ernsthaften Mann“ sei. In Familien von Stand lernten bisweilen Mädchen und Frauen das Musizieren. Aber selbst hier begegnete man hochgestellten Frauen, die musizierten, mit Skepsis. So schrieb Sallust: „Sempronia war durch Geburt und Schönheit, auch durch Mann und Kinder in einer recht glücklichen Lebenslage. Mit griechischer und lateinischer Literatur war sie wohlvertraut und wußte geschickter zur Laute zu singen und zu tanzen, als es für eine anständige Frau nötig ist.

Aulosspielerin

Aulosspielerin

Lediglich der sakrale Chorgesang war allseits hoch geschätzt und wurde auch in hohen Kreisen praktiziert.

Erst im Laufe der Zeit trat ein Wandel ein, so daß auch Römer höheren Standes sich in der Musik und im Gesang übten und ihre Künste zeigten. Sulla zum Beispiel galt als ausgezeichneter Sänger, und Konsul Norbanus Balbus (19 n.Chr.) war ein begeisterter Tubaspieler, ein Instrument, das er während seiner Militärzeit erlernt hatte. Höhere Kreise praktizierten Musik aber generell nur zur Erbauung und zum Freizeitvergnügen, sowie als geeignetes Mittel zur Selbstdarstellung.

Ansonsten war es üblich, Musiker, die professionelle Untermalung und Unterhaltung boten, für besondere Anlässe zu kaufen oder zu engagieren.

Musizieren und Singen war unter den einfachen Leuten, wie heute auch, ebenfalls als Freizeitbeschäftigung und zur Vertreibung von Alltagssorgen verbreitet. Es gab Arbeitslieder, die bei der Arbeit gesungen wurden, um diese zu erleichtern, Liebeslieder, Spottlieder, Soldatenlieder und Kinderlieder. Vor allem unter Hirten war das Musizieren mit Instrumenten verbreitet. Laienmusik war deshalb so vielfältig wie die Bewohner des römischen Reichs.

Viele Berufsmusiker waren griechischer Herkunft und bei den meisten handelte es sich um Sklaven, Freigelassene oder andere Gruppen von niederem Status. Einige wenige Berufsmusiker, die Freie waren und römisches Bürgerrecht besaßen, brachten es zu überregionaler Berühmtheit und hohem Ansehen. Besonders beliebte Musiker verdienten gut bei Musikwettbewerben, die mit hohen Preisgeldern verbunden waren.

Apollo mit Kithara, Wandgemälde aus Pompeji

Apollo mit Kithara, Wandgemälde aus Pompeji

Die breite Masse der Berufsmusiker waren jedoch als Solisten, Orchester- oder Ensemblemusiker nicht überregional bekannt. Einige zogen umher von Ort zu Ort, auf der Suche nach einem Engagement oder im Verbund mit anderen Künstlern. Andere – wie Tempelmusiker – waren ortsansässig. Sakralmusiker in Tempeln waren häufig Eigentum des Tempels oder des Priesters.

Musiker allen Standes, vor allem in Rom, waren – wie allgemein für alle Berufsgruppen üblich – in Vereinen, sogenannten Kollegien, organisiert. Diesen haben wir viele Informationen über Status, Geschichte und Herkunft von Berufsmusikern zu verdanken, da Kollegien ihren verstorbenen Mitgliedern oft Grabsteine stifteten, auf denen nach römischer Sitte über das Leben des Verstorbenen berichtet wird.

Selbst einige Kaiser waren Musikfreunde. Für sie war es aufgrund ihres Ranges unerheblich, ob sie damit gegen ein gesellschaftliches Tabu verstießen. Caligula tanzte und sang.  Nero war Dichter und Musikliebhaber. Er selbst wäre lieber Schauspieler als Kaiser geworden, sang und spielte selbst mehrere Instrumente (wie Hydraulis und Kithara).

Auch Priester hatten, je nach Kult, dem sie dienten, ebenfalls musische Pflichten. So mußten die Arvalbrüder regelmäßig einen festgelegten Kulttanz und ein Kultlied darbieten.

Eine sehr gute, tiefgehende und ausführliche Darstellung über Musiker in der römischen Antike bietet die Schrift „Jünger der Musenkunst in Rom“ von Andrea Scheithauer (Download als PDF).

Römische Musik als experimentelles Forschungsfeld

Römische Musik ist ein so weitreichendes Thema, daß es für einen musikinteressierten römischen Rekonstruktionisten ein dankbares und ergiebiges Forschungsfeld ist, das so viel Material und Inhalt bietet, daß man sich sogar darauf spezialisieren kann und einem doch niemals die „Arbeit“ ausgeht.

Der Aulos wird bei einem rituellen Opfer gespielt, um negative Einflüsse und Zeichen abzuwehren (Haltern, 2014)

Der Aulos wird bei einem rituellen Opfer gespielt, um negative Einflüsse und Zeichen abzuwehren (Haltern, 2014)

Neben der theoretischen Beschäftigung mit der römischen Musik der Antike, die durch Schrift- und Bilddokumente überliefert ist, ist die Musik auch ein spannendes praktisches Experimentierfeld. Denn es gibt auch gut erhaltene Funde römischer Musikinstrumente, die deren Nachbau erlauben und – was eine eher unbekannte Tatsache ist – sogar Überlieferungen römischer und griechischer Musikstücke, da es bereits eine Form der Notenschrift gab. Deshalb wissen wir heute erstaunlich viel über verwendete Instrumente und ihre Einsatzbereiche und sogar darüber, wie einige Musikstücke geklungen haben mögen.

Interessanterweise sind aus der griechischen und römischen Antike mehr archäologische Funde von Musikinstrumenten und deren Einzelteilen erhalten, als aus dem gesamten europäischen Mittelalter. Hingegen ist die Überlieferung von erhaltenen Liedern und Musikstücken deutlich geringer, obwohl es bereits eine Notenschrift gab. Bei den Stücken, die erhalten sind, ist oft unklar, für welche Instrumente sie geschrieben waren – doch das ist, was ebenfalls nicht so bekannt ist, auch für viele mittelalterliche Musikstücke der Fall.

Deswegen ist die Musik sowohl in der „römischen Szene“ als auch in der Wissenschaft ein beliebtes Feld der experimentellen Archäologie und auf vielen Treffen und Veranstaltungen trifft man auf Gleichgesinnte, die sich den Nachbau eines römischen Musikinstruments haben anfertigen lassen und dessen Praxistauglichkeit unter Beweis stellen und gerne die Spielweise demonstrieren. (mehr …)