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Orthopraxie in der Religio Romana – Teil 1: Bedeutung und Hintergrund

Wie wir schon in dem einen oder anderen Artikel ausgeführt haben, ist die Religio Romana eine „orthopraktische“ Religion. Da dieser Begriff immer wieder Fragen aufwirft, möchten wir ihn in einem zweiteiligen Artikel erläutern.

Teil I dieses Artikels beschäftigt sich mit den Hintergründen: woher kommt der Begriff und wie sieht die spezifisch römische Interpretation aus?

Teil II dieses Artikels wird sich mit der Bedeutung der Orthopraxie für den römischen Rekonstruktionismus, also ihrer praktischen Umsetzung in der heutigen Ausübung der römischen Religion beschäftigen und auf einige typische Fragen und Mißverständnisse eingehen, mit denen wir in diesem Zusammenhang immer wieder konfrontiert werden.

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Jupiter, Juno und Minerva – die kapitolinische Trias (Trier, Landesmuseum)

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und leitet sich ab von „ὀρθός“ (orthos) = „gerade, aufrecht, richtig“ und „πρᾶξις (prâxis) oder πρᾶγμα (prâgma)“ = „Handlungsweise“ und bedeutet übersetzt deshalb so viel wie „rechte Handlungsweise„.

Das Gegenstück (nicht zwingend das Gegenteil!) dazu ist die „Orthodoxie„, von „orthos“ = „recht“ und „δόξα“ (doxa) = „Meinung, Ansicht, Vorstellung, Glaube“, also „rechter Glaube„.

Der eigentliche Begriff „Orthopraxie“ ist ein Kunstwort, das erst Ende des 20. Jahrhunderts im theologischen Kontext im Rahmen der ökumenischen Bewegung zur Überwindung der Spaltung der Christenheit geprägt wurde. Unter anderem stellte Kardinal Ratzinger die Glaubenslehre, die Orthodoxie, der Orthopraxie im Sinne des gelebten Christentums in Form der Nächstenliebe gegenüber.

In diesem Sinne verwenden wir den Begriff an dieser Stelle nicht, sondern lösen ihn aus dem modernen christlichen Umfeld der Ökumene und nutzen ihn zur Beschreibung zweier Konzepte dem reinen Wortsinn nach.

Orthodoxie, d.h. die rechte Glaubensvorstellung, spielt in der Religio Romana – im Gegensatz zum Christentum, Judentum oder Islam -, keine Rolle. Zur römischen polytheistischen Religion (abgesehen vom Spezifikum der Mysterienkulte, in denen solche Ideen bereits angelegt waren) gehören keine theologischen Konstruktionen, Strömungen oder Schulen, Lehrmeinungen, religiöse Vorschriften (wie etwa die 10 Gebote oder Speisevorschriften), religiös motivierte Moralvorstellungen, festgelegte Gottesvorstellungen (zum Beispiel, ob man sich einen Gott körperlich vorzustellen hat oder als formloses Energiewesen, als Teil eines Ganzen oder als individuelles Einzelwesen etc.), Erlösungs- oder Jenseitsvorstellungen oder die Suche nach einem persönlichen Seelenheil.

Sie ist keine Heilsreligion, keine Offenbarungsreligion, die die Lehren eines bestimmten Gottes tradiert, es gibt kein niedergeschriebenes „Glaubensbekenntnis“ und keinen Religionsstifter. Der legendäre zweite König von Rom, Numa Pompilius, wird manchmal als Stifter bezeichnet, aber bei genauem Hinsehen entspricht seine Rolle nicht diesem Begriff in seiner umfänglichen Bedeutung – er war (sofern es ihn gegeben hat) der Stifter einiger wichtiger Kulte und setzte bestimmte Priesterämter ein, aber in einer polytheistischen Religion, die viele Kulte gleichberechtigt unter ihrem Dach vereint, lässt sich in diesem Sinne nicht von einem Religionsstifter sprechen, auf den die gesamte Religion zurückzuführen wäre.

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Marcus Tullius Cicero hat uns dank seiner Schriften viele detaillierte Informationen über die römische Religion hinterlassen (Thorvaldsen-Museum, Kopenhagen)

Natürlich gab es all diese zuvor aufgeführten Themen und Fragestellungen trotzdem auch in der römischen Antike und sie wurden dort eifrig und zum Teil erbittert diskutiert.

Federführend hierbei waren aber keine Priester oder religiöse Autoritäten, sondern die meisten dieser Fragen fielen in den Bereich der Philosophie. Über die Natur des Göttlichen stritten sich zum Beispiel die Stoiker mit den Epikureern (unter anderem nachzulesen in Ciceros Streitschrift „De natura deorum„, „Über die Natur der Götter“). Hierbei muß man als interessanten Punkt betonen, daß die Philosophie ursprünglich ein Import aus Griechenland war, der sich zwar durch lateinische Übersetzungen, Diskussionen und Systematisierungen von Lehraussagen dann auch als Teil des römischen intellektuellen Lebens etablierte, aber es zeigt, das solche Ideen dem römischen Verständnis erst einmal fremd waren.

Ähnlich auffallend ist das Fehlen einer ausgearbeiteten Mythologie in der römischen Religion, obgleich viele der griechischen Götter mit den römischen identifiziert wurden und in der griechischen Vorstellung eine Bandbreite an mythologischen Bildern und Geschichten im Umlauf waren. Die klassische Römische Religion blieb sowohl von einem wertenden philosophischen Überbau, als auch von einer mythologischen Verortung der in ihr verehrten Gottheiten weitestgehend frei und stellte somit eine reine, ritualisierte Kommunikationsform mit dem Göttlichen dar.

Verbreitete Verhaltens- und Moralvorschriften, die zum Teil recht strikt waren, entstammten demzufolge auch nicht religiösen, gottgegebenen Vorschriften, sondern basierten auf Kultur und Tradition des herrschenden Gesellschaftssystems. Gerechtigkeit und an ihr orientiertes Handeln, sowie die gültige Moral wurden als selbstverständlich vorausgesetzt und galten nicht als „Gesetz gegeben durch die Götter“ , sondern als ein der Natur innewohnendes Prinzip, welches sich im subjektiven Gewissen des Einzelnen reflektiert, aber in seinen gesetzten Ansprüchen (denen man nun Folge leisten mag oder nicht) von den Göttern unabhängig ist.

Es gab keine einheitliche, allgemeingültige Lehrmeinung darüber, was nach dem Tod geschah, sondern es gab verschiedene Jenseitsvorstellungen und Debatten über eine Seele oder eine anders geartete Existenz nach dem Tod.

Was der Einzelne über die Götter dachte, oder ob man sich überhaupt mit derlei theoretischen Fragen beschäftigte (selbst das war weder notwendig, noch allgemein in der Bevölkerung verbreitet), war Privatsache.

In der römischen Religion ging es auch nicht um eine individuelle, persönliche, spirituelle, emotionale Beziehung zu einem Gott. Man konnte zwar durchaus einem Gott mehr zugetan sein als einem anderen und diesen zu seinen persönlichen Hausgöttern zählen, an die man sich mit seinen Anliegen wandte, jedoch stand dies nicht im Vordergrund des religiösen Empfindens, sondern der römische Ansatz war tatsächlich sehr pragmatisch und nüchtern.

Götter als Staatsbürger

In der römischen Religion steht die Orthopraxie, d.h. die „rechte Handlungsweise“ im Zentrum, wobei es im Prinzip keine Rolle spielt, was der Handelnde im Einzelnen glaubt oder denkt. Wichtig ist nur, daß die Handlungsweise im Umgang mit den Göttern korrekt ist und festgelegten Vorschriften folgt.

Dies führt dazu, daß die römischen Rituale, aber auch andere kultische Handlungen, strikten Vorgaben folgen und wenig Spielraum für eigene Variationen erlauben, da Form und Funktion im Vordergrund stehen.

Grundlage für diese Herangehensweise ist die römische Vorstellung, daß die Götter, ebenso wie die Menschen, „Bürger“ und damit Teil der Civitas sind, daß sie mit den Menschen zu einer Gemeinschaft gehören und die Gesellschaft mittragen. Als cívitas (Bürgerschaft) wurden bestimmte Verwaltungsbezirke bezeichnet, in die das römische Staatsgebiet eingeteilt war, in weiterem Sinne ist darunter die Gemeinschaft der Bürger zu verstehen, die in einer solchen Verwaltungseinheit erfasst waren.

Die Götter sind nach römischer Vorstellung zwar allgegenwärtig, hingegen nicht unfehlbar, nicht allwissend und allmächtig, dem Menschen aber dennoch überlegen. Dabei sind sie jedoch nicht interessiert daran, ihre überlegenen Fähigkeiten ständig zur Schau zu stellen; im Alltagsleben verhalten sie sich nicht wie Tyrannen oder Herrscher, sondern eher wie „Patrone“ oder weisere Mitbürger (Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Dt: „Briefe über Ethik an Lucilius“).

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Das Fahnenheiligtum der XI. Legion, die jedes Jahr aus der Schweiz zur Villa Borg anreist, ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig der Kult in der Armee war – ohne sich der Gunst der Götter zu versichern, zog man in keine Schlacht

Wie alle Bürger haben dabei auch die Götter Rechte und Pflichten und tragen zum Gemeinwohl bei, um die Ordnung der Welt und ihre Verwaltung zu gewährleisten. Vorstellungen, daß die Götter sich nicht für die Menschen interessieren und sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten, sind unrömisch und wurden schon in der Antike kritisiert (Cicero, De natura deorum I,3, Dt.: Vom Wesen der Götter).

Hier fällt deutlich auf, daß die Vorstellung von den römischen Göttern im Vergleich zu anderen Kulturen in vielen Aspekten gemäßigter war. Zum Beispiel galten bei den Griechen Götter als launisch und unberechenbar und mischten sich gerne aus selbstsüchtigen oder niederen Motiven in die Geschicke der Menschen ein. Eine solche Vorstellung paßt nicht zum römischen Konzept, eine Gottheit als pflichtbewußten Teil der Gemeinschaft zu sehen und auch in die Verantwortung zu nehmen.

Religio“ im römischen Sinne bezeichnet deshalb die grundsätzliche Annahme der Götter als wohlwollende und gutgesinnte Partner der Sterblichen in der Betreuung und Verwaltung der Welt. Nach Cicero entspricht dies auch dem Begriff „Cultus Deorum„, der die Bedeutung des praktischen kultischen Vollzuges betont, also die formal korrekte Verehrung der Götter durch Beachtung eines von alters her gültigen Bezugsrahmens, der durch bestimmte Objekte, Rituale, Zeitpunkte und Orte sowie durch die gewissenhafte Einhaltung von Regeln definiert wird.

Eine Verletzung dieser Strukturen, also etwa eine Opferung, die nicht dem gültigen sakralen Prozedere entsprach, oder Fehler in der Intonation der Anrufungen und andere Dinge dieser Art waren vitia“  (lat.: vitium = Fehler, Mangel, Gebrechen, Schaden) und führten zur Ungültigkeit des Ritus, so dass er von vorne begonnen werden mußte.

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Waschung der Hände vor der Durchführung des Rituals (Haltern, 2014)

Der Religio gegenüber steht, als negatives Gegenstück, die „superstitio„, im römischen Verständnis als Begriff nach Varro und Cicero definiert als übertriebene, devote Frömmigkeit oder religiöse Ereiferung, religiöse Extremzustände und ungesunde sprituelle Fokussierung, zum Beispiel sich manifestierend in Form von tagelangem Beten und Opfern, als allgemeine Furcht vor den Göttern oder als  Angst vor einem konkret strafenden Gott. Aber auch lähmender Aberglaube, sowie Magie und Divination, also der Versuch, sich selbst göttliche Kräfte oder Wissen um die Zukunft durch magische Mittel anzueignen fällt darunter, wie auch die Vorstellung, daß Götter die Kontrolle über den Geist eines Menschen nehmen, um dessen Gedanken zu kontrollieren oder ihm solche einzugeben. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist also wesentlich vielschichtiger und weitreichender als das Lehnwort im Englischen, das wir heute noch kennen (superstition, was rein Aberglaube bedeutet).

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Der Geburtstag in der römischen Antike

Römisches Fest (Roberto Bompiani)

Römisches Fest (Roberto Bompiani)

Schon in der römischen Antike feierte man gerne seinen eigenen Geburtstag – und zwar mit Einladungen an Freunde und Verwandte, Geburtstagskuchen, Ständchen singen, Kerzen, Essen und Trinken! Eine römische Geburtstagsfeier unterschied sich in ihren geselligen Aspekten deshalb kaum von einer heutigen Feier.

Im Gegensatz zu heute hatte der Geburtstag jedoch auch eine religiöse Komponente, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielte und rituell in die Feierlichkeiten eingebunden war.

Exkurs: Kein Geburtstag ohne Kalender

Seit wann und wo in der Antike Geburtstag gefeiert wurde, ist nicht bekannt – es steht nur fest, daß eine Kultur ein Kalendersystem benötigt, um einen solchen wiederkehrenden Tag überhaupt feiern zu können, und dieser Kalender mußte allgemein verbreitet sein und im Alltag von der breiten Bevölkerung genutzt werden – also nicht nur von einer geistigen Elite, die Zugang zu astronomischem Wissen hatte und die die Hoheit über einen Kalender und wiederkehrende Ereignisse wie Sonnenwenden oder Tagundnachtgleichen besaß (in derartigen Kulturen feierte man deshalb oft nur den Geburtstag des Herrschers, da dieser Kenntnis über dieses genaue Datum hatte, nicht aber die Geburtstage der Leute aus der einfachen Bevölkerung).

Römischer Steckkalender aus AugustaTreverorum (Trier), 4. Jhd.

Römischer Steckkalender aus Augusta Treverorum (Trier), 4. Jhd.

Der römische Alltag war seit der späten Republik durch und durch in allen Schichten der Bevölkerung von einem in Monate und Wochentage differenzierten Kalender strukturiert. Besondere Schlüsseltage waren dabei die Kalenden, Iden und Nonen jedes Monats. Es gab eine exakte Jahreszählung, die die Jahre ab dem mythologischen Gründungsdatum der Stadt Rom (ab urbe condita, a.u.c.) im Jahr 753 v. Chr rechnete und der wir es noch heute zu verdanken haben, daß wir viele mit Datum signierte Funde, Inschriften und Münzen, sowie Regierungszeiten von Kaisern wie lokalen Verwaltungsbeamten aus römischer Zeit auf den Tag genau datieren können. Auch war sie dafür verantwortlich, daß jeder Römer sein aktuelles Alter kannte (wie man aus den zahlreichen Inschriften aus Grabsteinen entnehmen kann) – in der Antike keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Ein funktionierendes, allgemein gültiges Kalendersystem war für die römische Gesellschaft von grundlegender Bedeutung, da sich die Fasti, die religiösen Feiertage danach richteten, denn in der vorchristlichen Gesellschaft gab es noch keinen „freien Sonntag“.

Stattdessen gab es festgelegte Tage, an denen Markttag war, Gerichtsverfahren durchgeführt und Geschäfte getätigt wurden, und Tage, an denen das untersagt war. Am Dies ater, dem Unglückstag, der jeweils auf die Kalenden und Iden folgte, vermied man es sogar, Reisen zu unternehmen oder Geschäfte abzuschließen, man opferte den Göttern nicht und führte keine Auspizien oder große Rituale durch, sondern praktizierte ausschließlich die kleinen Hausrituale am Lararium. An Markttagen kaufte man für die nächsten 8 Tage ein und die Landbevölkerung kam in die Städte, um ihre Waren zu verkaufen. Diese Tage waren so wichtig, daß Gesetze regelten, was an ihnen erlaubt und verboten war – so durften z.B. an Markttagen keine Volksversammlungen abgehalten werden, da sie für die Stadtbevölkerung die einzige Möglichkeit waren, für die nächsten 8 Tage einzukaufen.

Römischer Fasti-Kalender (Foto: Kleuske, Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons)

Römischer Fasti-Kalender (Foto: Kleuske, Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons)

Da das ganze Leben und die Alltagsstruktur der römischen Gesellschaft vom Kalender geprägt war – der römische julianische Kalender ist bis heute, in angepaßter Form, Grundlage unseres modernen Kalenders -, war es in der römischen Antike natürlich für jedermann, selbst innerhalb der einfachen Landbevölkerung, normal, Geburtstage nachzuhalten und jedes Jahr am jeweils gleichen Tag zu feiern. Denn auch für die Bevölkerung auf dem Lande und in den Provinzen war der römische Kalender verbindlich, die festgelegten Feiertage der jeweiligen Kulte und Gottheiten, sowie der ländlichen Rituale und Opferfeste waren für die Gesellschaft wichtige zeitliche Bezugspunkte.

In einer orthopraktischen Religion wie der Religio Romana war die Einhaltung der korrekten Form eines Rituals oder Opfers von grundlegender Bedeutung, so daß man ein Fest z.B. wie die Volturnalia, die das Getreide vor der Hitze des Spätsommers schützten sollten, exakt am 27. August feierte und nicht „irgendwann Ende des Sommers“.

Interessant ist, daß den einfachen Leuten im späteren Mittelalter ihr Geburtstag oft nicht bekannt war, obwohl zu dieser Zeit längst ein Kalender etabliert war und die durch den Sonntag gegliederte 7-Tage-Woche allseits im Gebrauch war. Mitverursacht wurde dies dadurch, daß die Kirche die Feier des eigenen Geburtstages lange als „heidnisches Relikt“ ablehnte und stattdessen die Feier des Namenstages im Gedenken an den Heiligen dieses Tages in den Vordergrund stellte. Private Geburtstagsfeiern wurden erst ab dem 19. Jahrhundert wieder üblich, während sie vorher allenfalls vom Adel und gehobenen Kreisen abgehalten wurden, und kamen zuerst in protestantischen Kreisen wieder in Mode. Erst in jüngerer Zeit setzte sich auch bei Katholiken das Feiern des Geburtstages durch und drängte die Bedeutung des Namenstages allmählich zurück.

Das römische Geburtstagsopfer

Figur des Genius (Foto: Luis García, Licensed under CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons)

Figur des Genius (Foto: Luis García, Licensed under CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons)

Ihren Geburtstag feierten in der römischen Antike sowohl Kinder als auch Erwachsene.

An seinem Geburtstag kleidete man sich ganz in weiß (Ovid, Tristia V 5,8).

Als erste Handlung des Tages ging man zu seinem Hausschrein, dem Lararium, um dort (als Mann) seinem Genius oder (als Frau) seiner Iuno ein Opfer zu bringen (überliefert unter anderem in Tibull, I 7,52). Genius und Iuno sind, sehr vereinfacht gesagt, die persönlichen „Schutzgeister“ eines Menschen und Ausdruck seiner Persönlichkeit. Ursprünglich wurden sie verstanden als Ahnengeister, die über einen Menschen wachten, wandelten im Laufe der Zeit aber ihre Form und Bedeutung hin zu einem Wirkungsprinzip, das nicht nur einzelnen Menschen innewohnte, sondern sogar in Orten, ganzen Städten, dem Reich, aber auch Legionen oder anderen Personengruppen wirksam gedacht wurde. Im Kaiserkult wurde der Genius Augusti verehrt, der Genius des Kaisers.

Im privaten Alltagskult wandte man sich an seinen Genius bzw. seine Iuno, wenn man Hilfe brauchte, Rat suchte oder eine schwierige Lebenssituation meistern mußte, dies oft in Verbindung mit seinen jeweiligen Hausgöttern, an die man sich ebenfalls mit Anliegen aller Art richtete.

Zu seinem Geburtstag, der gleichzeitig auch der Geburtstag des Genius oder der Iuno war, ehrte man diesen durch das Opfern eines kleinen Opferbroteslibum genannt. Dieses wurde, wie von Cato in De Agriculta 84 beschrieben, aus Mehl, Käse und Eiern hergestellt (ein Libum-Rezept findet Ihr in unserer Reihe „Essen und Trinken“).

Lararium mit Geburtstagskuchen

Lararium mit Geburtstagskuchen

Außerdem entzündete man für ihn/sie eine Öllampe oder Kerze. Sofern man eine kleine Figur oder Statue des Genius in seinem Lararium hatte, schmückte man diese mit einem kleinen Kranz. Weitere beliebte Opfergaben waren ein Stück des Geburtstagskuchens, Wein und Weihrauch.

Das Ganze war verbunden mit einer rituellen Danksagung an den „Schutzgeist“ für die Unterstützung im vergangenen Lebensjahr und der Bitte, auch im kommenden Lebensjahr gut über einen zu wachen und einem mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen. Dies wurde verbunden mit einem Ritual, in das man bei Bedarf auch die persönlichen Götter einbezog und ihnen für ihre Hilfe dankte und um Unterstützung im neuen Lebensjahr bat. Hierbei schloß man auch Jupiter Optimus Maximus, als höchsten aller Götter, in die Gebete ein.

Dieses Ritual hatte, plakativ gesprochen, nur einen Zweck: sicherzustellen, daß man auch seinen nächsten Geburtstag noch erlebte.

Eine übliche Formel dafür lautete, daß „dieser Tag noch oft wiederkehren möge“ (Tibullus, 1,7,49-54 und Ovid: Tristia 3,13).

Von Albius Tibullus, dem römischen Dichter, sind zwei Genethliaka (eine aus dem hellenistischen Raum stammende besondere Form von Geburtstagsgedichten mit Segenswünschen) überliefert und zwar an seine Freunde Messala und Cornutus (der uns auch aus einer Inschrift aus dem Jahre 21 v. Chr. bekannt ist). Ovid verfasste Gedichte auf seinen eigenen Geburtstag und den seiner Frau. Auch sind Geburtstagsgedichte von Ausonius und Statius erhalten.

In Tibullus‘ Text „Cornutus Geburtstag“ (aus den „Elegien“) sind Segensworte und Geburtstagswünsche überliefert, aus denen auch die typischen Opferhandlungen und -gaben anläßlich eines Geburtstages zu augusteischer Zeit hervorgehen. So gibt er nach einer Anrufung des Genius die folgenden Segensworte wieder:

„Segensworte wollen wir sagen: es tritt des Geburtstags Gott zum Altar, Mann und Frau, wer sich auch naht, schweige still!
Brennen soll Weihrauch, der Göttern gefällt, und Düfte sollen brennen, die unser Araber schickt üppig aus Landen gar reich.
Selbst soll der Genius sich nahen und beschauen, was wir ihm bereiten:
ehren mit weichen Gebinden Zierde sein heiliges Haar.
Von seinen Schläfen soll tropfen die reine Feuchte der Narde, (Anmerkung: das wohlriechende, ätherische Öl eines Strauches aus Indien, das in der Antike im Mittelmeerraum sehr beliebt war und für teure Öle und Salben verwendet wurde )
satt soll er sein vom Kuchen, reichlich benäßt auch von Wein.
Möge, Cornutus, was immer Du bittest, sein Nicken verheißen.
Auf denn! Was zögerst Du noch? Nickt er doch bitte zu! (…)“

Die Geburtstagsfeier

Nach dem morgendlichen Opfer an den Genius schlossen sich die Feierlichkeiten an.

Wie wir z.B. von Briefen aus Vindolanda am Hadrianswall im Norden Britanniens wissen, verschickten Römer, wie wir heute auch, schriftliche Einladungen zu Geburtstagsfeiern an entfernt lebende Freunde und Verwandte. Ein Beispiel ist der Brief einer Claudia Severa, die die Frau des Kohortenkommandeurs darin zu ihrem Geburtstag einlud: „Claudia Severa grüßt ihre Lepidina! Am 11. September, Schwester, an meinem Geburtstag, lade ich dich ganz herzlich ein zu kommen!„.

Geburtstag - schon in Rom ein Familienfest. (Foto: Agnete, lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons)

Geburtstag – schon in Rom ein Familienfest

Familienangehörige und Freunde kamen zu Besuch und gratulierten, wobei sie Geschenke mitbrachten. Beliebt war Schmuck für Frauen, aber auch Obst- und Präsentkörbe, Einrichtungsgegenstände für das Haus, Kerzen oder Götterfiguren. Kindern schenkte man Spielzeug oder sie bekamen von ihren Lehrern ein Buch geschenkt. Es galt die Devise, je näher man einer Person stand, desto aufwendiger sollte das Geschenk sein – dies wurde laut Ovid (amores 1,8) von einem geliebten Menschen erwartet, wobei dies sicherlich auch eher für die wohlhabenden Kreise galt, bei denen ein teures Geschenk auch ein Statussymbol war, das Bewunderung und Anerkennung einbrachte.

Je nach Geldbeutel und sozialem Stand fiel die Feier unterschiedlich groß aus. Während bei einfachen Leuten ein gemeinsames Essen mit Kuchen und Gesang, sowie gemeinsamen unterhaltsamen Spielen im Vordergrund stand, konnte bei wohlhabenden Römern die Feier auch schon mal sehr üppig ausfallen.

Es gab sogar Geburtstagskollegien, bei denen man Mitglied wurde und einen Jahresbeitrag zahlte und von denen man sich im Gegenzug dann die Geburtstagsfeier ausrichten ließ. Wohlhabende Stifter hinterließen diesen Vereinen oft beträchtliche Summen, damit diese auch nach ihrem Tod noch Geburtstagsfeiern für sie abhielten.

Lehrer schenkten ihren Schülern zum Geburtstag gerne ein Buch

Lehrer schenkten ihren Schülern zum Geburtstag gerne ein Buch (Schulrelief, Landesmuseum Trier)

Wohlhabendere Geschäftsleute und Politiker luden zu ihrem Geburtstag auch Geschäftskollegen und Klienten ein. Wer es sich leisten konnte, richtete ein mehrgängiges Menü aus, dessen Details und Speisefolgen bei Ovid und Cicero beschrieben werden, bestehend aus Vorspeisen wie Oliven, Salat, Eiern und Gemüse, gefolgt von einem Hauptgericht aus Fleisch wie Schwein, Wild oder Geflügel, Fisch und Meeresfrüchten. Als Nachspeise gab es Obst und eben den Geburtstagskuchen.

Nach dem Essen stand Unterhaltung auf dem Programm. Während man, wie es heute auch bei uns üblich ist, bei Kindergeburtstagen Spiele spielte, wie z.B. Geschicklichkeitsspiele, wurden die Geburtstage Erwachsener oft feucht-fröhlich begangen und es wurde das veranstaltet, was wir auch heute als Trink- und Party-Spiele kennen.

Im Haushalt der normalen Bürger wurde für den Gastgeber gesungen und es wurden Glückwünsche, oft in Gedichtform vorgetragen. Wohlhabende Kreise engagierten Musiker, die auf ihrer Feier spielten, oft auch Sänger und Tänzer, um die Gäste zu unterhalten.

Gäste, die eingeladen waren, aber nicht persönlich kommen konnten, schickten zumindest Grüße, oft in Reimform, und kleine Geschenke.

Geburtstag des Kaisers und der Stadt Rom

Eine besondere Rolle spielte der Geburtstag des Kaisers, der seit Augustus ein nationaler Feiertag war. Dieser Tag wurde im Rahmen des Kaiserkultes gefeiert.

Der Kaiser veranstaltete eine Prozession durch Rom, vollzog ein öffentliches Staatsopfer mit anschließendem Bankett, dem sich weitere Feierlichkeiten für die Bevölkerung anschlossen, an die auch kleine Geschenke verteilt wurden – Panem et circenses (Brot und Spiele), wie wir es vom römischen Dichter Juvenal als stehenden Ausdruck kennen. Besonders beliebt waren hierbei Gladiatorenspiele und Tierhatzen, wie es dem Geschmack der Zeit entsprach.

Auch die Legionen vollzogen am Geburtstag des Kaisers spezielle Kulthandlungen.

Es ist eine antike Aufzeichnung eines Gebets der Fratres Arvales (der Arvalbrüder, eines zwölfköpfigen römischen Priesterkollegiums) aus dem Jahr 91 n. Chr. erhalten, in dem diese einen Eid auf Kaiser Domitian ablegen. Solche Eide wurden traditionell an den Geburtstagen, sowie anderen wichtigen Ereignissen im Leben des Kaisers erneuert, so daß wir deswegen eine gute Vorstellung haben, wie ein solches Gebet, das an Jupiter Optimus Maximus gerichtet wurde, aufgebaut war (nachzulesen unter anderem in Bleeker und Widengren: Historia Religionum Volume I, Handbook for the History of Religions, 1969).

Auch der Geburtstag der Stadt Rom am 21. April („Natalis urbis„) wurde im Staatskult mit einem großen öffentlichen Ritual und einem volkstümlichen Fest mit Spielen gefeiert.

Gladiatorenkämpfe durften weder am Geburtstag des Kaisers noch am Geburtstag der Stadt Rom fehlen! (hier: Gladiatorengruppe Amor Mortis in Xanten, 2014)

Gladiatorenkämpfe durften weder am Geburtstag des Kaisers noch am Geburtstag der Stadt Rom fehlen! (hier: Gladiatorengruppe Amor Mortis in Xanten, 2014)

Legendär ist hierbei bis heute die 1000-Jahr-Feier im Jahre 248 n.Chr. (das sogenannte Miliarium saeculum), das als eine der spektakulärsten Feiern in die römische Geschichte einging. In der Millionenstadt Rom erhielt jeder Einwohner, trotz leerer Staatskassen, einen großzügigen Geldsegen und es gab Gladiatorenspiele und Tierkämpfe von gewaltigen Ausmaßen. So wurden unter anderem 6 Flußpferde, 10 Giraffen, 32 Elefanten, 10 Elche, 10 Tiger, 60 Löwen und 10 Hyänen in die Arena gebracht. Außerdem wurden Wagenrennen, Musiker- und Sängerwettbewerbe abgehalten und es gab große öffentliche Opferhandlungen. Die Details über dieses 3-tägige Fest sind so genau überliefert, daß wir heute sogar den Namen des Gewinners des damaligen Sängerwettbewerbes kennen: Valerius Eclectus. Dieses Fest war auch eine der größten Propagandamaßnahmen des Römischen Reichs, denn es fiel in eine der schlimmsten Reichskrisen des 3. Jahrhunderts.

Geburtstagswünsche auf Latein

Der Geburtstag auf Latein heißt „Dies natalis„.

Will man jemandem auf Latein zum Geburtstag gratulieren, so kann man das mit folgenden Formulierungen tun:

Felicem diem natalem“ oder „Fortuna dies natalis“ – „Viel Glück zum Geburtstag“. Dies kann ergänzt werden durch „Ad multos annos“ – „Auf viele (weitere) Jahre“.

Ein beliebtes Geburtstagsgedicht (dessen Quelle uns allerdings unbekannt ist), lautet:

Tibi diem natalem felicem opto
Sit novus vitae annus
ut purus tibi pannus,
qui tempore detritus
non tamen erit situs

Dir einen glücklichen Geburtstag!
Das neue Lebensjahr sei
wie ein reines Tuch
das durch die Zeit verbraucht,
aber dennoch nicht schmutzig wird.“

Der Geburtstag in der Religio Romana

Auch Spiele, wie hier das Knochenspiel, gehörten zu einer zünftigen Geburtstagfeier

Auch Spiele, wie hier das Knochenspiel, gehörten zu einer zünftigen Geburtstagfeier

Wie beschrieben, unterschieden sich die eigentlichen Festlichkeiten zum Geburtstag nicht von den heutigen Gebräuchen. Eine Feier mit Freunden und Verwandten, auf der es Geschenke gibt, Kuchen gegessen, gesungen, gedichtet und gratuliert wird, ist also auch heute überaus römisch. Auch ein feucht-fröhlicher Umtrunk am Abend, Musik und Tanz sind etwas, das man auch schon vor 2000 Jahren schätzte.

Wer jedoch neben dem „öffentlichen“ Teil des Geburtstages auch die religiöse Praktik übernehmen möchte, an diesem Tag seinem Genius (oder der Iuno) und den Hausgöttern zu danken, sowie sich ihren Beistand für das kommende Jahr zu sichern, dem empfehlen wir das Geburtstagsritual am Lararium, das wir Euch in unserer Rubrik „Kultpraxis“ vorstellen.

Auch der Geburtstag der Stadt Rom, Natalis urbis, wird in der Religio Romana noch heute am 21. April jeden Jahres gefeiert. Das Ritual zu diesem Anlaß umfasst Opfergaben aus Räucherwerk, Libum, Lorbeerblätter, Milch und Wein. Angerufen werden hierbei Janus, Jupiter, Quirinus und die altrömische Göttin Pales, da das Fest aus den Parilia hervorging, einem alten römischen Hirtenfest, das an diesem Tag ursprünglich zu Ehren der Pales begangen wurde und von Ovid in seinen Fasti ausführlich beschrieben wird. Mit dem Fest, das mit Reinigung und Erneuerung zusammenhing, verbanden die Römer bald die mythologische Gründung der Stadt Rom durch Romulus. Später wurde deshalb auch die Göttin Roma zum Kreis der verehrten Gottheiten hinzugefügt.

Kultpraxis: Götterstatuen und -figuren im römischen Cultus

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Irgendwann ist es so weit: der römische Cultor entdeckt auf einem Römerfest, bei einem Replikenmacher oder in einem Museum die Replik einer Götterfigur, ein Relief oder eine Statue, die sich perfekt im Sacrarium oder Lararium machen würde!

Immer wieder geschieht es, daß wir solchen Gottheiten, die eine besondere Rolle in unserem privaten Cultus spielen, auf unseren Reisen durch das römische Reich begegnen – zum Beispiel in Form einer handgefertigten bronzenen Replik einer winzigen Mercurius-Larariumsfigur aus dem pfälzischen vicus Eisenberg bis hin zu Museumsrepliken lokaler oder überregional bedeutsamer Gottheiten (wie z.B. dem kleinen Matronen-Weihestein im Eifelzentrum Nettersheim, oder einer Figur der Sirona im Landesmuseum Trier) oder anderen Statuetten und Figuren.

Als römischer Cultor hat man neben dem Lararium, das das Kernelement des privaten Cultus, der Sacra Privata (auch Cultus Domesticus, also häuslicher Kult, genannt), bildet, meist noch einen oder mehrere persönliche „Hausgötter„, die man dem weiteren Kreis seiner Penaten zurechnet und in seinen Cultus integriert. Beispiele dafür sind Tutelargottheiten oder regionale (wie gallo-römische) Gottheiten, die in der Gegend eine wichtige Rolle spielen, in der man lebt, oder einige der „großen“ römischen Götter, denen man sich verbunden fühlt und die man in seinen persönlichen Cultus integrieren möchte.

Die Sacra Privata war schon in römischer Zeit, wie der Begriff nahelegt, Privatsache, in die der Staat sich nicht einmischte und für die es keine allgemeinverbindlichen Regeln, Vorschriften oder Verpflichtungen gab. Welchen Cultus man daheim praktizierte, welche Götter im persönlichen Leben eine Rolle spielten, war nicht geregelt und stand jedem frei. Lediglich der öffentliche Staatskult war durch feste Vorschriften reglementiert und von allen Einwohnern zu akzeptieren, da er Garant für die Einheit und den Frieden des Römischen Reichs mit den Göttern – und für ihre Schutzgewährung war, den Pax Deorum.

So lange man in seiner privaten Praxis nichts tat, was dem Staatskult zuwiderlief oder diesen gar ablehnte, war man frei darin, welche Götter man daheim verehrte und welche Praktiken man vollzog. Ausnahmen bildeten Praktiken, die gegen Gesetze verstießen, wie Menschenopfer, oder Magie, Schadenszauber und Verfluchungen (wie man es z.B. aus dem Kybele-Kult kennt), die in der Geschichte zeitweilig ebenfalls strafbar waren, weil sie die öffentliche Ordnung gefährdeten oder Kulte, deren Praktiken ebenfalls als Ordnungsstörung galten, wie der zeitweilig verbotene orgiastische Bacchus-Kult.

Es sprach theoretisch nicht einmal etwas dagegen, im heimischen Lararium eine Statue von Jesus Christus aufzustellen (Kaiser Alexander Severus soll dies getan haben), so lange man nicht mit seiner Ansicht an die Öffentlichkeit trat, daß der „eine Gott“ der einzig wahre sei und die römischen Götter nicht existierten und man sich weigerte, am Staats- und Kaiserkult teilzunehmen – denn auch das gefährdete den Pax Deorum.

Unser Artikel zu diesem Thema beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

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Die Auspizien – Deuten des Götterwillens aus Zeichen

Die Wichtigkeit von Zeichen im römischen Cultus

Im römischen Cultus – sowohl im Privatkult als auch im Staatskult – spielten „Zeichen“ eine Schlüsselrolle. Eine Grundannahme der Religio Romana ist es, daß die Götter sich dem Menschen durch Zeichen mitteilen und dadurch ihre Zustimmung oder Ablehnung zu einem geplanten Vorhaben zum Ausdruck bringen.

Im Römischen Reich wurde keine politische oder zivile Entscheidung getroffen, kein Krieg begonnen, keine Schlacht geführt, kein Kaiser gekrönt, ohne daß die Götter zuvor nach Ihrer Meinung befragt wurden. Deswegen waren die Auguren, die Kultbeamten, die für die Betreuung der öffentlichen Auspizien zuständig waren, in einer bedeutenden Machtposition, denn von ihnen hing es ab, wie sich die Entscheidungsträger letztendlich entschieden. Waren sie korrupt und deuteten ein Zeichen so um, wie es dem Zahler des Bestechungsgeldes genehm war, konnte das fundamentale Auswirkungen auf den Staat haben.

Während im Staatskult nur die Priesterschaft der Auguren das Recht hatte, Auspizien durchzuführen, konnten diese im Privatbereich von jedermann gemacht werden, da sie eine Privatangelegenheit zwischen der individuellen Person und ihren Göttern war. Auspizien anläßlich von Familienangelegenheiten, wie Hochzeiten, größeren Investitionen oder Grundstücksverkäufen wurden in der Regel vom Paterfamilias durchgeführt. Auspizien in privaten Fragen, zur Entscheidungsfindung in persönlichen Angelegenheiten, machte jeder für sich selbst.

Auspicia – mehr als Vogelschau

Ein Augur mit verhülltem Kopf, Krummstab und Vogel

Augustus als Augur mit verhülltem Kopf, Krummstab und Vogel (Original in den Uffizien in Florenz, Bildarchiv: vroma.org)

Der Begriff „Auspizien“ kommt vom lateinischen Wort „auspicia“ (Plural, Singular: auspicium). Der Begriff setzt sich zusammen aus „avis“ (Vogel) und „spectare“ (schauen), bedeutet übersetzt also „Vogelschau“. Im englischen Sprachraum ist die Praxis als „Augury“ nach den durchführenden Auguren benannt. Die Übertragung des Amtes des Auguren auf seinen Nachfolger wurde „inaugoratio“ genannt, ein Begriff, der sich im Wort „Inauguration“ für die feierliche Einführung in ein Amt bis heute erhalten hat.

Hierbei ist die Deutung der Zeichen jedoch nicht auf die Vogelschau, das heißt, auf das Verhalten und den Flug von Vögeln, beschränkt, sondern es werden vielfältige Zeichen gedeutet, auch Wettererscheinungen wie Wolken und Blitze.

Die Auspizien sind jedoch streng von Wahrsagen oder Zukunftsdeutung zu unterscheiden, da sie nicht die Zukunft voraussagen, sondern ausschließlich dem Zweck dienen, die Zustimmung oder Ablehnung der Götter zu einem geplanten Vorhaben einzuholen. Sie sind das Mittel der Wahl, den Willen der Götter zu erfahren oder auch um herauszufinden, ob ein Ritual oder Opfer akzeptiert wurde oder nicht. Ohne göttliche Zustimmung unternahm ein Römer nichts, und sei es noch so profan, so daß die Deutung von Zeichen, sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich, eine zentrale Bedeutung im Cultus innehatte. In jedem Ritual, in dem man die Meinung (und natürlich Gunst) der Götter zu einem Vorhaben erbittet, gehören die Auspizien zum Abschluß, um unmittelbar zu erfahren, ob die Götter die geplante Handlung befürworten oder ablehnen.

Um mit dem römischen Geschichtsschreiber Titus Livius zu sprechen: Der Augur sagt nicht voraus, wie gehandelt werden soll, sondern er schaut nach Zeichen, ob eine bereits begonnene oder geplante Handlung unter dem Segen der Götter steht und fortgesetzt – oder aufgegeben – werden sollte.

Ebenfalls zu unterscheiden von den Auspizien sind die Haruspizien, die Eingeweideschau der geschlachteten Opfertiere. Diese ging zwar im Staatskult oft gleichzeitig mit den Auspizien einher und hatte ebenfalls das Ziel, zu ermitteln, ob das Opfer angenommen wurde und wie die Götter gegenüber dem Anliegen eingestellt waren. Sie wurden aber von einem anderen Priester, dem Haruspex durchgeführt und spielten im privaten Cultus keine Rolle, da die Kunst, die Eingeweide zu lesen, nicht so einfach von jedermann auszuüben war wie die Beobachtung von Wetter und Vögeln.

Die Auspizien waren keine „Geheimlehre“ oder geheime Wissenschaft, sondern die Praktiken und Interpretationen allgemein zugängliches Wissen, über das von zeitgenössischen Autoren wie Cicero auch publiziert wurde.

Auspicia publica – die öffentlichen Auspizien

Etruskische Wandmalerei eines Auguren im Grab des Phersu, 500 v.Chr

Etruskische Wandmalerei eines Auguren im Grab des Phersu, 500 v.Chr

Auspizien (und Haruspizien) wurden bereits von den Etruskern durchgeführt und schon seit den Anfangszeiten des Römischen Reichs von den Römern übernommen. Die römischen Auguren waren Staatsbeamte, die dem Priesterkollegium angehörten. Sie waren allerdings keine Priester (sacerdos) im eigentlichen Sinne, da sie keine Opfer durchführten. Es konnte jedoch vorkommen, daß ein Sacerdos in einer Doppelfunktion auch zum Auguren ernannt wurde. Ihr Amtszeichen war der Krummstab (lituus).

Zu Beginn gab es in Rom drei Auguren (die zudem alle dem Stand der Patrizier angehören mußten). Später wurde die Zahl nach und nach erhöht und ab 300 v. Chr. wurden auch Plebejer im Amt zugelassen. Unter Sulla (138 – 78 v.Chr.) wurde die Zahl schließlich auf 15 festgeschrieben. Einer der berühmtesten Auguren der römischen Geschichte war Marcus Tullius Cicero.

Die Auspizien mußten vor allen wichtigen Entscheidungen des Staates durchgeführt werden, die die drei Grundsäulen des römischen Staates betrafen: Pax, Fortuna und Salus (Frieden, gutes Schicksal, Wohlstand). Alle wichtigen politischen Aktionen, wie das Einsetzen eines neuen Magistraten, Entscheidungen der Volksversammlung, Einführung neuer Gesetze sowie Kriege und Feldzüge durften nur nach einem positiven Ergebnis der Auspizien umgesetzt werden.

Hierbei wurden die Auspizien jedoch nicht von den Auguren allein durchgeführt, vielmehr war es Aufgabe der Magistraten, da diese das ius augurii, das Recht zu den Auspizien, innehatten und für die letztendlichen Entscheidungen zugunsten von Pax, Fortuna und Salus die Verantwortung trugen. Die Auguren unterstützten sie durch die Erklärung und Deutung der Zeichen, doch das letzte Wort hatten die Magistraten, die die letztendliche Freigabe für ein geplantes Vorgehen erteilten. Sie hatten sogar das Recht, der Deutung des Augurs nicht zu folgen und einen gegenteiligen Entschluß zu fassen. Außerdem konnte die Entscheidung vor Gericht angefochten werden, was inbesondere in der späten Republik öfter vorkam, um unliebsame politische Entscheidungen oder die Wahl eines Gegners zu verhindern.

Die falsche Deutung eines Zeichens durch einen Augur oder das Ignorieren eines Zeichens wurde als Beleidigung der Götter aufgefaßt. Man glaubte, daß dies katastrophale Konsquenzen haben würde, die so lange andauerten, bis der Fehler korrigiert war und die Entscheidung der Götter angenommen wurde. Den Zeichen zu folgen, sicherte den Pax deorum, die Einhaltung des Schutzvertrages für das Römische Reich zwischen den Menschen und Göttern sowie das gute Verhältnis zwischen ihnen.

Da das Wort der Auguren so große Macht besaß, daß es fundamentale Entscheidungen des Staates lähmen oder sogar umkehren konnte, bis hin zur Ablehnung entscheidender Gesetze, bezeichnete Cicero das Amt des Auguren als mächtigstes Amt im Staat.

Über die öffentlichen Auspizien und die Auguren gibt es zahlreiche Quellen, insbesondere Cicero, Titus Livius und Varro haben darüber Abhandlungen verfaßt. Die Auguralformel selbst ist von Varro überliefert.

Öffentliche Auspizen wurden auf erhöhtem Grund durchgeführt, idealerweise auf einem der Hügel Roms. Der Legende nach führten Romulus und Remus Auspizien zur Gründung Roms durch, wobei Romulus auf dem Palantin stand und Remus auf dem Aventin.

Der Magistrat, der die Auspizien durchführte, wurde „Auspex“ genannt und von den Auguren unterstützt. Während des Rituals waren Tibiaspieler anwesend, die die ganze Zeit über musizierten. Das Spiel auf der Doppelflöte hatte dabei mehrere Funktionen, einerseits sollte es Singvögel anziehen, außerdem sollte es verhindern, daß der Magistrat potentielle negative Zeichen in der Umgebung hören konnte. Zudem war man der Ansicht, daß Flötenspiel generell den Göttern gefiel, so daß es Teil vieler römischer Zeremonien war.

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Das Ritual begann stets mit einem Trankopfer (Libation) an Jupiter, denn man war der Ansicht, daß es Jupiter war, der bei den öffentlichen Auspizien die Vögel schickte (bei privaten Auspizien konnte man sich an jeden Gott oder jede Göttin wenden) (Cicero, Von der Wahrsagung). Anschließend wurde der Anlaß verkündet, aus dem die Auspizien abgehalten wurden und die Frage gestellt, die man von den Göttern beantwortet haben wollte bzw. die Bitte geäußert, zu der die Götter ihre Zustimmung gewähren mögen.

Dann wurde mit dem lituus ein Bereich des Himmels festgelegt (templum) und durch Ost-West sowie Nord-Süd-Linien in vier Bereiche unterteilt (dextera, sinistra, antica und postica), die ihren Spiegel in auf dem Boden gezogenen Linien haben. Insgesamt wurde der Bereich des Himmels in 16 Quadranten eingeteilt, wie es auch bei der Untersuchung der Leber in der etruskischen Eingeweideschau üblich war, bei der  jeder Quadrant einer bestimmten Gottheit zugeordnet war.

Nachdem der Himmel entsprechend aufgeteilt war, erfolgte eine Anrufung an Jupiter. Hierbei war es auch möglich, die Zeichen zu spezifizieren, die man sich zur Bestätigung des Anliegens wünschte. Außerdem konnte der Magistrat auch festlegen, welche Zeichen er zu ignorieren wünschte. Dann wurde der Himmel beobachtet und auf das gewünschte Zeichen gewartet.

Einige besondere Anlässe erforderten auch spezielle Auspizien. Das augurium salutis wurde einmal jährlich vor der Bevölkerung Roms abgehalten, um das Wohlergehen des römischen Volkes zu erbitten. Das augurium canarium verlangte nach der Opferung eines roten Hundes. Es handelte sich dabei offenbar um ein Ernteritual, das nach der Aussaat abgehalten wurde, bevor die Ähren reif waren. Auch die vernisera auguria scheint ein Ernteritual gewesen zu sein.

Das System, nach dem in Rom die offiziellen Auspizien abgehalten wurden, wurde in den Libri Augurales niedergeschrieben. Zudem führte jeder Augur ein Buch, in dem er seine eigenen Deutungen niederschrieb.

Grundlagen der Auspizien

Egal, ob es sich um die nach einem besonderen Ritus durchgeführten öffentlichen Auspizien in Staatsangelegenheiten handelte, oder um Auspizien im Privatbereich – die interpretierten Zeichen waren die gleichen.

Es wurde zwischen zwei Gruppen von Zeichen unterschieden: Zeichen, die vom Menschen erbeten worden waren und Zeichen, die spontan aus eigener Initiative von den Göttern geschickt wurden.

Die Auspizien wurden wie schon erwähnt, bereits von den Etruskern durchgeführt. Allerdings unterschieden sich die römischen Auspizien inhaltlich bald deutlich vom etruskischen Vorbild. Zu Beispiel vertauschten die Römer die Himmelsrichtungen, welche als günstig und ungünstig galten, oder änderten die Interpretationsweise von Vogelgesang. (Cicero: Von der Weissagung, Cicero: Von der Natur der Götter). Außerdem reduzierten die Römer die Anzahl der Götter, die als Urheber von Blitzen in Betracht kamen, erheblich – von den etruskischen elf Göttern auf nur vier: Jupiter, Veiovis, Minerva und Summanus (Plinius erkennt in seiner „Naturgeschichte“ sogar nur zwei Götter, Jupiter und Summanus, an). Im Gegensatz zu den Griechen, bei denen Orakel als die Botschafter der Götter galten, galt im römischen Kult die Vorstellung, daß der göttliche Wille durch die Entsendung von Vögeln verkündet wurde.

In den Auspizien wurden vor allem Zeichen am Himmel interpretiert (allerdings nicht ausschließlich). Dabei spielten die Himmelsrichtungen deshalb eine wichtige Rolle, da ihnen bestimmte Themenbereiche zugeordnet waren. Der Osten war die Richtung des Lichts und des Lebens, der Westen der Bereich der Dunkelheit und des Todes. Der Norden galt als der Wohnsitz der Götter, während der Süden mit den „niederen Bereichen“ der Erde und der Unterwelt assoziiert wurde.

Generell gab es zwei Klassen von Zeichen (signa): Die erbetenen Zeichen (auguria impetrativa) und unerwünschten Zeichen (auguria oblativa).

Da es sehr viele unterschiedliche Zeichen gab, von denen einige auch gleichzeitig auftreten konnten (und sich unter Umständen sogar widersprachen), wurde eine „Rangliste“ der Zeichen festgelegt (so war ein Adler ein stärkeres Zeichen als ein Specht und ein Tier, das in einer bestimmten Region seltener ist, ist ein besseres Zeichen als ein Tier, das dort häufig vorkommt).

Die Art und Weise, wie die Beobachtungen durchzuführen waren, waren genau festgelegt und mußten unbedingt beachtet werden. So war während des Beobachtungszeitraums absolutes Schweigen zu wahren.

Die Zeichen unterteilen sich in verschiedene Gruppen, wobei nur die ersten zwei Kategorien in den offiziellen Staatsriten verwendet wurden. Die anderen wurden zwar auch von den staatlichen Auguren interpretiert, fanden aber eher in anderen Zusammenhängen Beachtung, wie zum Beispiel im Rahmen eines Feldzuges im Militärlager. Im privaten Bereich wurden alle Arten von Zeichen verwendet.

  • Ex caelo (aus dem Himmel)

Hierunter fallen alle Arten von Wettererscheinungen, insbesondere Donner und Blitz (wobei hier die Richtung des Blitzes eine wichtige Rolle spielt). Wurde vom Augur ein (von Jupiter gesandtes) Gewitter während der Auspizien gemeldet, konnte die Volksversammlung nicht abgehalten werden.

Ebenfalls in diese Kategorie gehören die unterschiedlichen Wolkenformen wie Cirruswolken, Nimbus oder Cumulus, Niederschläge wie Regen, Hagel, Graupel oder Schnee und Lichterscheinungen wie Regenbogen, Sterne, Sternschnuppen, Sonnen- und Mondfinsternisse.

  • Ex avibus (von den Vögeln)

Von Vögeln wurde sowohl der Flug als auch der Gesang oder Ruf gewertet. Allerdings galten nicht alle Vögel als Zeichen der Götter, sondern nur bestimmte Vogelarten.

Die Oscines waren die Vögel, deren Gesang oder Ruf als Zeichen galt. Hierzu zählten unter anderem Eulen, Krähen, Raben und Hühner. Alle Rufe konnten, je nach Richtung des Auftretens, als gutes oder schlechtes Omen gewertet werden.

Von den Alites wurde der Flug und die Zugrichtung gedeutet. Hierzu zählten unter anderem Adler, Geier, der Beinbrechervogel (avis sanqualis, ossifragus), Falke, Habicht.

Einige Vogelarten, wie Specht wurden sowohl zu den Oscines als auch zu den Alites gerechnet.

  • Ex tripudiis (vom „Tanz“ der gefütterten Vögel)
Hühnerkäfig des Hühnerbewahrers

Hühnerkäfig des Hühnerbewahrers

Diese Kategorie wurde vor allem während militärischer Feldzüge verwendet, weniger zu offiziellen Staatsauspizien. Hierbei wurde die Bewegungsweise, d.h. der „Tanz“ von Hühnern bei der Fütterung interpretiert, obwohl nach Cicero auch andere Vögel beim Fressen das Tripudium, d.h. den heiligen Tanz aufführen und diese Kategorie deshalb nicht auf Hühner beschränkt sein muß.

Die Hühner wurden in Käfigen unter der Aufsicht eines pullarius gehalten, dem „Bewahrer der Auspizien-Hühner“. Wenn die Hühner befragt werden sollten, ließ er sie aus dem Käfig und warf ihnen Brotkrumen zu. Dann wurde beobachtet, wie sich die Hühner verhielten: kamen sie nicht aus dem Käfig, verweigerten sie das Brot, flatterten sie mit den Flügeln oder kreischten sie, oder flogen sie gar weg, galt das als ungünstiges Zeichen. Fraß das Huhn etwas von dem Brot und fiel danach etwas davon auf den Boden, galt das als gutes Zeichen (tripudium solistimum oder tripudium quasi terripavium solistimum, von „solum“, „der Boden“).

  • Ex quadrupedibus (von den Vierfüßlern)

Diese Kategorie wurde nicht für staatliche offizielle Auspizien verwendet, ist als Zeichenkategorie aber überliefert. Hierbei wurde das Verhalten von auf vier Beinen laufenden Tieren beobachtet, besonders Wolf, Fuchs, Hund und Pferd, wenn diese den Weg kreuzten (zu vergleichen mit der bei uns heute bekannten „schwarze Katze von links“) oder an einem ungewöhnlichen, unerwarteten Ort zu finden waren. Die Interpretation dieser Zeichen oblag der individuellen Entscheidung des Auguren.

  • Ex diris (von Zeichen)

Diese Kategorie umfaßt alle Arten von Zeichen, die in keine der obigen Kategorien passen. Sie umfassen insbesondere alle ungewöhnlichen Ereignisse oder Vorkommnisse, bis hin zu so profanen Dingen wie Stolpern, die als Zeichen der Willensäußerung eines Gottes gedeutet werden konnten.

Die Arten der Zeichen und Vogelarten unterschieden sich je nach Ort und Anlaß, an dem die Auspizien abgehalten wurden.

Es gab außerdem offiziell anerkannte Strategien, wie mit ungünstigen Zeichen umgegangen wurde beziehungsweise wie man dafür sorgte, daß man gar nicht erst ungünstige Zeichen empfing.

Erschien ein ungünstiges Zeichen, konnte man folgendes tun: Zuerst wurde aktiv versucht, es nicht zu sehen. Gelang das nicht, wurde eine Handbewegung gemacht, die eine Verweigerung darstellte, es wahrzunehmen (repudiare). Mit dem non observare wurde vorgegeben, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Durch einen bewußt gewählten Zeitpunkt, wann die Beobachtung „galt“ und wann nicht, konnte ebenfalls ein Zeichen ausgeblendet werden (tempestas). Es wurde auch bewußt unterschieden, wann die eigentliche Beobachtung stattfand und wann man sich im Ritual drumherum befand (renunciatiatio). Eine gängige Strategie war, Fehler in der Durchführung anzumerken, die das Ritual ungültig machten (vitia) und die ganze Prozedur zu wiederholen.

Auch schützte die Tatsache, daß man das Ritual capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchführte, davor, negative Zeichen aus dem Augenwinkel wahrzunehmen.

„Aves admittunt!“ – „Die Vögel erlauben es!“ wurde ausgerufen, wenn ein gutes Zeichen empfangen wurde. „Alio Die!“ – „An einem anderen Tag!“ war die Ankündigung eines negativen Zeichens. In dem Fall konnten die Auspizen an einem folgenden Tag wiederholt werden.

Wenn gar kein Zeichen empfangen wurde, egal ob positiv oder negativ, bedeutete das, daß die Götter der Frage gleichgültig gegenüberstanden und keine Meinung dazu hatten. In diesem Fall konnte die Handlung ohne Zustimmung der Götter vorgenommen oder die Befragung an einem anderen Tag wiederholt werden.

Einen Artikel über die Unterscheidung zwischen den Auspizien als öffentlich anerkannte Botschaften der Götter und „abergläubischen“ magischen Praktiken im römischen Verständnis findet sich in Teil II dieser kleinen Serie: „Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus„.

Praktische Hinweise und Tipps zu privaten Auspizien und dem Deuten von Zeichen findet Ihr in Teil III dieser Serie: Kultpraxis: Auspizien im privaten Cultus.