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Götterwelt: Apollo-Grannus

Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum)

Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum)

Herkunft, Zuständigkeiten, Bezeichnungen:

Apollo-Grannus ist ein gallo-römischer Heilgott, der gallischen Ursprungs ist.

Grannus galt als einer der am weitesten verbreiteten keltischen Götter. In der Interpretatio Romana wurde er mit Apollo gleichgesetzt und erfuhr weite Verehrung auch im Römischen Reich.

Bei den Kelten war Grannus (auch Granus Mogounus Amarcolitanus) ein Gott, der mit Quellen, Heilbädern, Mineral- und Thermalquellen und der Sonne assoziiert wurde. Die heißen Thermalquellen von Aachen (Latein: Aquae Granni, „Wässer des Grannus“) wurden schon vor den Römern (nachweisbar ab der Hallstatt-Zeit, 6. Jahrhundert v. Chr.) von den Galliern zu Heilzwecken benutzt.

Während es aus keltischer Zeit keine Darstellungen oder schriftlichen Aufzeichnungen zu diesem Gott gibt, existieren aus römischer Zeit zahlreiche Inschriften, Weihesteine und Darstellungen, die die Beliebtheit und weite Verbreitung dieses Gottes demonstrieren. Das Hauptverbreitungsgebiet lag im Bereich des östlichen und nördlichen Galliens mit einem kultischen Schwerpunkt im Raum Aachen, wo sein Zentralheiligtum vermutet wird.

Auch sind Inschriften und Weihesteine unter anderem aus Arnhem, Alzey, Augsburg, Bonn, Rheinzabern, Speyer, Trier und Bitburg bekannt. Im bayerischen Faimingen an der Donau (Phoebiana) stand ein großer römischer Apollo-Grannus-Tempel, der von Kaiser Caracalla im Jahre 212 errichtet worden war. Wie der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio im 77. Buch seiner „Römischen Geschichte“ berichtet, war Caracalla während des Krieges gegen die Alamannen erkrankt (er ging davon aus, von germanischen Zaubersprüchen und Zaubern krank gemacht worden zu sein) und reiste nach Aachen, um dort „den keltischen Gott Apollo-Grannus“ um Heilung zu bitten. Daneben suchte er auch (allerdings vergeblich) die Kultstätten von Serapis und Asklepius auf.

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus ist auch aus anderen römischen Provinzen bekannt. Inschriften fanden sich von der Donau bis nach Schottland, in Elsaß und Vogesen, von Spanien bis nach Ephesus, in Österreich, Ungarn, England und Rumänien. Ein großes Kultzentrum wird auch im Trierer Tempelbezirk im Altbachtal vermutet.

Viele der Tempel, wie der erst kürzlich entdeckte Tempel bei Neuenstadt am Kocher in Baden Württemberg, sind typisch gallo-römische Umgangstempel. Oft sind sie an Quellen und Heilbäder angeschlossen, in denen Kultbäder und Trinkkuren durchgeführt wurden.

Daneben gibt es Hinweise auf besondere Feste, die diesem Gott zu Ehren gefeiert wurden. Eine Inschrift aus dem 1. Jahrhundert aus Limoges weist auf ein Fest hin, das 10 Nächte lang dauerte:

POSTVMVS DV[M]
NORIGIS F(ilius) VERG(obretus) AQV
AM MARTIAM DECAM
NOCTIACIS GRANNI D(e) S(ua) P(ecunia) D(edit)

Übersetzung:

„Vergobretus Posthumus, Sohn des Dumnorix, stiftete von seinem eigenen Geld die Aqua Martia (Wasser des Mars, wahrscheinlich ein Aquädukt) für das zehn Nächte dauernde Fest des Grannus.“

Auch das Amphitheater des französischen Ortes Grand (dessen Name sich möglicherweise von Grannus herleitet) war Apollo-Grannus gewidmet.

Begleiter:

Apollo Grannus-Tempel in Faimingen, gestiftet von Kaiser Caracalla

Apollo Grannus-Tempel in Faimingen, gestiftet von Kaiser Caracalla

Eine häufige Begleiterin des Gottes ist die gallische Heil- und Quellgöttin Sirona, deren Ikonographie von der Göttin Hygieia übernommen wurde, die allerdings ihren Eigennamen behielt und unter diesem auch von den Römern verehrt wurde. In zahlreichen Inschriften treten Sirona und Apollo-Grannus als Paar auf, auch gibt es Tempel und Quellheiligtümern, die beiden gewidmet sind (unter anderem in Hochscheid, Augsburg, Bitburg, Rom und Baumberg sowie das Sironabad bei Nierstein am Rhein).

Weitere Begleiter, die aus Inschriften bekannt sind, sind Quellnymphen, Diana, Hygieia und Kybele (Faimingen), Sol (Grand in Frankreich), Mars, Serapis und Isis (Astorga).

Attribute und Darstellungen:

Weihestein für Apollo-Grannus

Weihestein für Apollo-Grannus

Darstellungen aus vor-römischer Zeit sind nicht bekannt, da erst mit den Römern die bildliche Darstellung von Göttern in keltischen Gebieten Einzug hielt. Wie Apollo, so wird auch Apollo-Grannus häufig als Kithara-spielender Jüngling dargestellt. Dabei ist er häufig nackt oder nur mit einem Mantel bekleidet, der an seinem Rücken befestigt ist und über seinem Unterarm hängt. In einigen Darstellungen ist er gelockt und steht mit gekreuzten Beinen da. In der anderen Hand, die bei figürlichen Darstellungen oft nicht erhalten ist, hält er wahrscheinlich ein Plektrum, mit dem er das Instrument spielt.

Auch die Darstellung mit einem Krug, aus dem Wasser fließt, wie aus dem Altbachtal in Trier, zeigt ihn als einen Gott der Heilquellen.

Weiterführende Informationen:

Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

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Kultpraxis: Neujahrsritual für Janus

Druckerfreundliche Version zum Download (PDF)

Neujahrsritual für Janus zur Durchführung im privaten Cultus (Cultus Domesticus/Sacra Privata)

Vorbemerkung:

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Der 1. Januar (Kalenden des Januar) ist im römischen Kalender dem Gott Janus Pater geweiht. Der Monat Januar(ius) ist  nach diesem Gott benannt, der neben Jupiter einer der wichtigsten Götter des römischen Pantheons ist. Er ist zudem einer der ältesten Götter und rein römischen Ursprungs. Im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Göttern hat er keine Entsprechungen im griechischen oder einem anderen Pantheon. Er gilt als der „Vater aller Götter“ und „Vater aller Dinge“.

Das römische Neujahr (Matronalia) fand ursprünglich nicht am 1. Januar statt, sondern am 1. März, da der März der erste Monat des alten römischen Kalenders ist. Erst im Jahre 153 v. Chr. wurde der Januar zum ersten Monat des Jahres, weil dann auch das Amtsjahr begann. Das römische Neujahr war der Staatsgöttin Juno und dem Gott Mars gewidmet, außerdem wurde an diesem Tag die ewige Flamme von Rom, das heilige Herdfeuer im Tempel der Göttin Vesta, das von den Vestalinnen gehütet wurde, erneuert.

Auch das Neujahrsfest wurde von den Römern in ähnlicher Weise begangen, wie wir dies noch heute tun. Die neuen Konsuln wurden eingesetzt, es gab öffentliche Ansprachen, so wie es heute Neujahrsansprachen von politischen Führungspersönlichkeiten gibt und man traf sich privat mit Freunden und Familie, tauschte Geschenke (sog. strenae) und Gute Wünsche für das neue Jahr aus und feierte zusammen. Der erste Tag des neuen Jahres hatte besondere Zeichenhaftigkeit, galt als Omen für das kommende Jahr, so wie wir es heute auch kennen und Bleigießen praktizieren, um zu sehen, was uns das Jahr bringen mag. Deswegen hat der Brauch jedem ein Gutes Neues Jahr zu wünschen den Hintergrund dieses Positive für den Betreffenden zu evozieren und aus dem gleichen Grund wünschte man sich unter Römern ebenfalls ein gutes, glückliches neues Jahr – „annum novum faustum felicem“!
Unter den traditionellen Geschenken fanden sich unter anderem Palmzweige, Honig, Datteln und Feigen, die den Jahresbeginn nicht nur kulinarisch sondern zeichenhaft versüßen sollten. Ovid beschreibt dies in seinen Fasti (Gedichten zu den römischen Festtagen):

‚quid volt palma sibi rugosaque carica‘ dixi
‚et data sub niveo candida mella cado?‘
‚omen‘ ait ‚causa est, ut res sapor ille sequatur
et peragat coeptum dulcis ut annus iter.‘ — Fasti, I, 185f

(„Welche Bedeutung birgt mit der Dattel die runzlige Feige und
unter des reinlichen Kruges Hülle des Honigs Geschenk?“
„Sinnbild soll das sein: die Süße soll den Dingen folgen, und das Jahr soll von Annehmlichkeit den begonnen Weg vollenden“)

Ein besonders symbolträchtiges Geschenk, das man sich zu Neujahr machte, waren die lucernae, Öllampen, die oft mit diesem lateinischen Neujahrsgruß beschriftet waren und wohl in Verbindung mit dem Sol Invictus Fest am 25.12. zu sehen sind. In dieser Sonnen- und Lichtsymbolik stehen die Lampen für das Licht des Neuen Jahres und auch hier sehen wir uns in einer alten Tradition stehend, wenn Feuerwerk zu Silvester den Himmel erhellt und das neue Jahr einleitet.

Der Name Silvester für den Tag vor Neujahr am 31.12. kommt aus der christlichen Tradition, die an diesem Tag den Todestag von Papst Silvester I. begeht – es ist also ein Heiligengedenktag im liturgischen Jahr der Kirche und kein Festtag zum Jahreswechsel, aber der Heilige Silvester I. wird neben seiner Funktion als Patron der Haustiere auch für eine gute Futterernte und eben ein gutes neues Jahr angerufen.

Da Janus der Gott der Neuanfänge, der Türen, Tore, Übergänge und generell der Zeit war, paßt es sehr gut, daß sein Feiertag auch mit unserem heutigen kalendarischen Neujahr zusammenfällt. Im Cultus Deorum Romanorum wird dieser Tag deswegen oft dazu genutzt, das Wohlwollen des Gottes Janus für das kommende Jahr zu erbitten. Grundsätzlich möglich ist die Durchführung dieses Ritus bis zu den Iden des Januar (13.1).

Da Janus (wie Vesta) bei jedem Ritual am Lararium eingeschlossen ist, kann auch dieses Ritual am Lararium durchgeführt werden. Wer im Rahmen seines Cultus Domesticus einen eigenen Schrein oder Altar für Janus hat, verwendet diesen.

Das Ritual wird in sauberer Kleidung und capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchgeführt.

Durchführung des Rituals

Adoratio mit in Gebetshaltung erhobenen Händen (manu supina):

„Favete linguis!“
„Hütet Eure Zunge!“ (als Aufforderung zum Schweigen)

PRECATIO

Anrufung mit beiden Händen in manu supina:

„Iane Pater surgo, Deus Bonis Initiis. Surgo, Janus Matutinus Custos Portae Matutina Lux. Iane pater, deus novi initii, custos futuri et praeteriti temporis sanctissime, his Kalendis Ianuariis anni novi nunc incepti te precor, quaesoque: uti laetitiam fortunamque, omnes eventus bonos fautosque, fortunatos felicissimosque, pacem concordiamque familiae meae tribuas; utique sis volens propitius amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Erhebe Dich, Vater Janus, Gott der Guten Anfänge! Erhebe Dich, Janus Matutinus, Torhüter des Morgenlichts! Vater Janus, Gott des Neuanfangs, heiligster Wächter der Zukunft und Vergangenheit! An diesem ersten Tag des Neuen Jahrs, an den Kalenden des Januars, bete ich zu Dir und bitte Dich, daß Du meiner Familie Freude und gutes Schicksal bringst, daß sich alle Dinge gut und erfolgreich und äußerst glücklich entwickeln, und daß Du meiner Familie Frieden und Eintracht bringst. Und mögest Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie sein.“

SACRIFICIUM/LIBATIO

Bete in manu supina:

„Cuius rei ergo macte hoc vino libando, hoc ture ommovendo esto fito volens propitious amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Aus diesem Grund seist Du gesegnet durch dieses Weinopfer, durch das Opfer dieses Räucherwerks, so daß Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie seist.“

Die Libation und Räucherung werden durchgeführt.

houdon_vestale

Statue einer Vestalin von Jean-Antoine Houdon

LITATIO (an Vesta)

Bete in manu supina:

“Vesta Mater, dea foci nitens, ignis aeternalis, vota nostra accipe ac hunc ritum flamma proavita bene dic ut digna deis immortalibus offerenda. Mater Vesta, te hoc turem obmoveo bonas preces precor, ut sis volens propitia mihi, domo, et familiae.”
„Mutter Vesta, Göttin des brennenden Herds, des ewigen Feuers, nimm meine Gebete und dieses Ritual durch Deine uralte Flamme an, so daß sie in den Augen der unsterblichen Götter würdig sind. Mutter Vesta, ich opfere Dir dieses Räucherwerk und bitte, daß Du freundlich und wohlwollend auf mich, mein Haus und meine Familie schaust.“

Räucherwerk wird geopfert.

PIACULUM

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne  griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Opferung von Räucherwerk, dabei beten in manu supina:

„Iane pater, deus novi initii, Vesta, Lares, Manes, Penates, Iuppiter, Iuno, Minerva, Omnes Di Immortales quocumque nomine: si quidquam vobis in hac caerimonia displiceat, hoc vino inferio veniam peto et vitium meum expio.“
„Vater Janus, Gott des Neuanfangs, Laren, Manes, Penaten, Jupiter, Juno, Minerva, alle Unsterblichen Götter, mit welchem Namen auch immer: wenn irgendetwas an dieser Zeremonie Euch nicht erfreut hat, entschuldige ich mich für meinen Fehler mit diesem Wein.“

Führe eine Libation mit Wein durch.
Adoratio zum Altar und verkünde:

“Nil amplius vos hodie posco,superi, satis est.”
„Um mehr bitte ich Euch hohe Götter heute nicht, es ist genug.“

“Illicet.”
“Es ist getan.”

Führe eine vollständige Drehung (rechtsherum) aus. Es ist nun erlaubt, zu gehen.

Ende des Rituals.

Sitze für ein paar Minuten in Stille und halte Ausschau nach Zeichen.

 Druckerfreundliche Version zum Download (PDF)


Wir danken für die freundliche Genehmigung, eine deutsche Übersetzung dieses Rituals in unserem Blog zu veröffentlichen.

J. Aquila © 16. June 2011. May not be copied, published or shared without copyright info attached.

Die Interpretatio Romana: Identifikation fremder Götter mit römischen Gottheiten

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Immer wieder hört man (oft von Einsteigern in den römischen Cultus oder aus anderen polytheistischen Richtungen stammenden Heiden) gestellte Fragen wie: „Welchem römischen Gott entspricht der keltische Gott Lug?“ oder „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter mit anderen Namen?“ oder „Ich habe eine besondere Beziehung zum ägyptischen Gott Ra, welchem römischen Gott entspricht das?“ oder „Sind Diana und Artemis die gleichen Personen?“.

Diese Fragestellungen greifen zu kurz, denn sie setzen voraus, daß es bei den Römern eine Art „1:1 Umsetzungstabelle“ zwischen „fremden“ Göttern und römischen Göttern gab. Es werden einfache Listen erwartet, wie jeder sie von den Entsprechungen der 12 olympischen Göttern der Griechen mit den 12 Dei Consentes der Römer kennt: Jupiter = Zeus, Hera = Juno, Poseidon = Neptun,  Merkur = Hermes oder Ares = Mars.

Tatsächlich sind nicht einmal diese allseits bekannten Gleichsetzungen der 12 höchsten Götter exakte Übertragungen identischer Gottheiten unter anderem Namen, sondern ihre Persönlichkeiten, Charakteristika und Zuständigkeiten sind zwar sehr ähnlich und wurden zum Teil von einer Kultur in die andere übertragen, gleichzeitig nahmen sie aber auch in der römischen Religion eine andere Entwicklung mit neuen Eigenschaften, Genealogie oder neuen Zuständigkeitsgebieten.

Ein sehr gutes Beispiel bietet die Frage: „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter unter anderem Namen?„:

Gleichzeitig zu den zuvor aufgezählten griechischen Entsprechungen, gibt es zu den 12 römischen Dei Consentes auch etruskische Gleichsetzungen. Viele davon sind originär etruskisch-italische Götter, die nicht (wie z.B. der etruskische Apulo = Apollo oder Artumes = Artemis) aus Griechenland importiert wurden. Tatsächlich ist nicht immer klar, welche Dei Consentes ihren Einzug in die römische Götterwelt über die griechische Kultur gefunden haben (die gerade zur Zeit der Republik extrem populär und angesagt war) oder ob sie aus der etruskischen Kultur stammen, die der römischen Kultur in Italien vorausging und von ihr assimiliert wurde – wobei auch die Etrusker und Griechen in regem kulturellem Austausch miteinander standen und sich gegenseitig beeinflussten.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Ein Beispiel hierfür ist Menerva (gleichgesetzt mit Minerva / Athene), eine originär etruskische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Ihre Eltern sind Uni und Tinia und nach ihnen ist sie die höchste Himmelsgottheit und Teil der göttlichen etruskischen Dreiheit. Diese wiederum ist Vorbild für die römische kapitolinische Trias aus Jupiter, Juno und Minerva.

Ein anderes interessantes Beispiel ist Laran (Ares, Mars), ein alter etruskischer Erd- und Fruchtbarkeitsgott, der später auch Kriegsgott wurde. So kann Laran durchaus dafür verantwortlich sein, daß der römische Mars nicht nur ein klassischer Kriegsgott ist, sondern auch als Beschützer der Felder, des Viehs, der Höfe und der Grenzen gilt – was wiederum später zur Gleichsetzung mit dem gallischen Gott Intarabus führte, der gar keine Funktion als Kriegsgott hat, sondern als lokaler genius loci Schutzherr der Felder und der Landwirtschaft ist.

Auch Selvas war ein originär-etruskischer Gott, der mit dem römischen Vegetationsgott Silvanus gleichgesetzt wurde. Da Silvanus ebenfalls die Felder und Landwirtschaft beschützt, wurde er im römischen Cultus zum Teil zu Mars-Silvanus verschmolzen. Die Gleichsetzung mit dem gallischen Intarabus als Mars-Intarabus bezieht sich deswegen wahrscheinlich auf diesen Mars-Silvanus-Aspekt und nicht auf den kriegerischen des klassischen Mars.

Allein diese Beispiele zeigen, daß eine einfache 1:1 Übertragung nach dem Motto: „Dieser Gott ist jener Gott“ nicht sinnvoll ist. Denn in der Regel bezieht sich eine Übertragung nur auf einen Teilaspekt, manchmal eine einzige isolierte Zuständigkeit, während andere Zuständigkeiten und Aspekte vollkommen ausgeblendet werden. Auch beeinflussen assimilierte Götter anderer Kulturen wiederum die Ausprägungen bekannter Götter oder fügen diese neue Zuständigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte hinzu.

Was ist „Interpretatio Romana“ überhaupt?

Der Begriff „Interpretatio Romana“ (Latein für „römische Auslegung“ oder „römische Deutung“) bezeichnet die römische Sitte, „fremde“ Götter (worunter in diesem Artikel der Einfachheit halber immer Götter und Göttinnen gefaßt sind) durch funktionale Identifikation mit römischen Göttern in die eigene Religion und den römischen Cultus aufzunehmen.

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Römer bezweifelten niemals die Existenz anderer Götter. Für sie stand es völlig außer Frage, daß es Götter und Göttinnen in anderen Ländern gab, deren Namen, Zuständigkeiten, Funktionen oder Geschlecht sie nicht kannten. Sie bezweifelten nicht einmal, daß es in ihrem eigenen Reich, ja, sogar mitten Rom, Götter gab, die ihnen nicht bekannt waren.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, daß Götter anderer Völker, insbesondere der Völker, gegen die man Krieg führte oder die man unterworfen hatte, in ihren angestammten Heimatregionen besonders stark waren und viel Einfluß hatten – es bestand die reale Chance, daß ein lokaler Gott vor Ort mächtiger war als ein Gott im fernen Rom, der in der Provinz wenig Einfluß hatte.

So machte es für den Römer vollkommen Sinn, sich auch an die Götter zu wenden, die an seinem aktuellen Aufenthaltsort Einfluß und Macht besaßen, selbst wenn sie sehr lokal waren. Es konnte nicht schaden, sie in seinen Cultus zu integrieren und sich mit Anliegen an sie zu wenden. So wandte sich ein Römer an der Mosel, wenn er krank war, sicher eher an den gallischen Heilgott Lenus (in seiner Form als Lenus-Mars), dessen Tempelkomplex auf dem Martberg überregionale Bedeutung als Pilgerstätte besaß, als an den fernen Aesculapius in Rom.

Auch war man der Ansicht, daß Völker, mit denen man sich im Krieg befand, unter dem Schutz ihrer eigenen – möglicherweise sehr mächtigen – Götter standen. Deshalb war es gängige Praxis, diese fremden Götter vor einer wichtigen Schlacht anzurufen und sie zum Wechseln der Seiten zu bewegen. Dabei wurde ihnen als Gegenleistung für einen Sieg in Aussicht gestellt, daß man ihnen Tempel errichten und sie zukünftig im Rahmen der römischen Religion verehren würde. Dieses Ritual wurde „Evocatio“ genannt. Da die Römer auf ihren Feldzügen sehr erfolgreich waren, fanden auf diese Weise viele Götter aus den unterschiedlichsten Winkeln des Imperiums Einzug in die römische Götterwelt, denn natürlich wurde der Vertrag nach gewonnener Schlacht eingelöst.

Eine der berühmtesten dieser Evokationen ereignete sich im Jahr 392 v. Chr. in der Schlacht gegen die Veiianer. Camillus rief die Schutzgöttin der etruskischen Stadt Veii an und versprach ihr einen Tempel auf dem Aventin in Rom, um sich dort niederzulassen. Nach gewonnener Schlacht wurde der Tempel mitsamt einer Statue der Göttin errichtet. Diese Göttin wurde zu Juno Regina, die Königin der Götter Roms.

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Der Begriff „Interpretatio Romana“ wurde vom römischen Schriftsteller Tacitus geprägt, der ihn in seiner „Germania“ zur Gleichsetzung des Zwillingspaars Castor und Pollux mit den germanischen Alci verwendete (Germania, 43: „Bei den Nahanarvalen zeigt man einen Hain uralter Gottverehrung. Ihr steht ein Priester vor in geschmückter Weibertracht, doch nennt man als die Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux: dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alcen. Keine Bilder, keine Spur fremden Dienstes; doch als Brüder, als Jünglinge gedacht verehrt man sie“). Diese Stelle ist der einzige literarische Nachweis des Begriffs „Interpretatio Romana“, die Praxis der Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen findet sich jedoch in zahlreichen Quellen, wie zum Beispiel bei Caesar in De Bello Gallico, wo er Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva als die fünf Hauptgottheiten der Gallier bezeichnet (De Bello Gallico, 6,17).

Plinius der Ältere erklärte in seiner „Naturgeschichte“ die Gleichsetzung einheimischer Götter mit fremden Göttern mit der Vorstellung, daß Völker bestimmte Götter unter verschiedenen Namen kennen. Er prägte dafür den Ausdruck „nomina alia aliis gentibus“ („verschiedene Namen bei verschiedenen Völkern“, Naturalis historia, 2.5.15).

Ebenso spielte die Gleichsetzung eines einheimischen Gottes mit einem römischen Gott auch für die unterworfenen Völker eine wichtige Rolle bei der Eingliederung in das Römische Reich und für den Prozess der Romanisierung. Die Tatsache, daß ihre Götter nicht verboten, verleugnet oder unterdrückt wurden, sondern ihre Verehrung weiterhin erlaubt war – ja, sogar von den neuen Herren übernommen und gefördert wurde,- war ein wichtiger Bestandteil der Romanisierung und der Befriedung einer Provinz. So lange die Praktiken nicht gegen römisches Recht verstießen (z.B. Menschenopfer), genossen die Bewohner der neuen Provinzen völlige Religionsfreiheit. Oft erlebten sie, daß ihre Kultstätten, an denen sie die Götter verehrten, von den Römern zur Verehrung eben dieser Gottheiten weiter genutzt wurden, wenn auch in römischer Form, indem man dort die typischen gallo-römischen Umgangstempel errichtete, die es nur in den Provinzen nördlich der Alpen gab, und den Göttern aufwendige und imposante Gebäudekomplexe gewidmet wurden.

Dadurch, daß die Römer ihre eigenen Götter problemlos mit den einheimischen Göttern identifizieren konnten, gab es keine kulturelle Barriere, wie es sie bei der Übernahme eines Landes durch ein Volk mit einer völlig fremden, inkompatiblen Religion gegeben hätte, die die dort verwurzelte Religion verboten oder unterdrückt hätte.

Dies führte wiederum im Gegenzug zu eigenen Identifikationsbestrebungen wie der Interpretatio Gallica, in der Gallier römische Götter annahmen und in ihren Pantheon integrierten. Die einheimische Bevölkerung war dadurch auch schneller bereit, die römischen Darstellungen und Namen der Götter anzunehmen (vgl. hierzu: „Cernunnos: Origin and Transformation of a Celtic Divinity“ von Phyllis Fray Bober, veröffentlicht im American Journal of Archaeology, Vol. 55, No. 1 (Jan., 1951), S. 13-51: „… indigenous population’s readiness to accept for their religious personalities, often aniconic, the artistic types and names of those Roman divinities whose natures may include one or more parallel functions – interpretatio gallica.“)

So gewährleistete die Interpretatio Romana den Religionsfrieden („Pax Deorum“) im riesigen Vielvölkerreich des Imperium Romanum.

Wie erfolgte die Gleichsetzung eines fremden Gottes mit einem römischen Gott?

Ein einheimischer Gott, sei er keltisch, aus dem Nahen Osten oder Afrika, wurde nicht in der ursprünglichen Form in den römischen Cultus aufgenommen, in der ihn die „Barbaren“ verehrten.

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Wie auch die Bevölkerung in den eroberten Gebieten, so wurde sozusagen auch der Gott romanisiert. Das geschah in erster Linie initialisiert durch die Frage, mit welchem bekannten römischen Gott er identifiziert werden konnte, um ihn in eine römische Form zu übertragen und ihm ein kultiviertes Gesicht zu verleihen. Darstellungen, Namen, Attribute wurden an den römischen Geschmack angepaßt (Römer mißtrauten zum Beispiel Göttern in Tierform).

Hierbei wurden oft nur wichtige Einzelaspekte oder Eigenarten betrachtet, die eine besondere Rolle spielten und ins Auge fielen, während weitere Zuständigkeiten und Eigenschaften eines fremden Gottes zum Teil offensichtlich uninteressant waren. Da die römische Göttervorstellung sehr flexibel war, war es sogar möglich, teils widersprüchliche Eigenschaften oder Zuständigkeiten in einer Gottheit zu vereinen. Auch gab es viele Überschneidungen, d.h. mehrere Götter konnten für das gleiche Gebiet zuständig sein, was die Identifikation mit fremden Göttern wiederum erleichterte und letztlich die vielfältigen existierenden Zuordnungen erklärt.

Die meisten Zuordnungen römischer Götter zu fremden Göttern kennt man von Inschriften auf Weihesteinen, die oft einem römischen Gott mit einem einheimischen Theonym (Beinamen) gewidmet waren. Während einige Namenskombinationen sehr lokal sind und nur auf einem oder wenigen Weihesteinen vorkommen, sind andere in ganz Europa verbreitet.

Die weitaus größte Anzahl an Kombinationen findet sich bei römischen mit gallischen Göttern, so daß hier die Interpretatio Romana zu einer ganz eigenen gallo-römischen Religionsform geführt hat, die es bei keinem anderen nicht-römischen Volk in diesem Variantenreichtum gegeben hat.

Hierbei fällt insbesondere auf, daß man bei der Zuordnung zu römischen Göttern nicht sonderlich detailreich ans Werk ging. Es war nicht etwa so, daß man sich jeden einheimischen Gott genau anschaute und dann überlegte, zu welchem der zahllosen, oft hochdifferenzierten Götter aus der römischen Götterwelt dieser neue Gott nun am besten passen würde. Ganz im Gegenteil wurde die ganz überwiegende Mehrheit einheimischer Götter (vor allem der gallischen Götter) mit nur wenigen römischen Hauptgöttern gleichgesetzt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen – zu nennen sind hier vor allem Merkur (anscheinend der beliebteste Gott in Gallien überhaupt), Apollo und Mars, zuweilen auch Herkules, der in Gallien ebenfalls hohe Popularität besaß.

Wer entschied, welcher fremde Gott welchem römischen Gott entsprach?

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Besonders interessant ist die Tatsache, daß es (vor allem in der Provinz, fernab von Rom) keine „offizielle Götterzuordnungsstelle“ oder etwas derartiges gab – etwas, das in heutigen heidnisch motivierten Diskussionen oft nicht bekannt zu sein scheint resp. was man dort geradezu erwartet und voraussetzt.

Immer wieder begegnet man heute in Diskussionen der Vorstellung, daß die Zuordnung eines römischen Gottes zu einem fremden Gott aktenkundig, von einer kompetenten Stelle mit Brief und Siegel hochoffiziell beschlossen wurde und unerschütterlich feststand, ganz so, als führten die Römer (wie heutige okkultistische Kabbalisten) allgemeingültige Listen und offizielle Entsprechungstabellen darüber, wer mit wem gleichzusetzen war. Das war nicht der Fall.

Es gab tatsächlich keine offizielle Stelle, die entschied, welcher Gott einem anderen Gott zuzuordnen war. Ganz im Gegenteil wurden die Zuordnungen, vor allem im Rahmen der privaten Religionsausübung, auf vielfältige und oft recht pragmatische Weise getroffen.

Weihesteine wurden von allen Teilen der Bevölkerung gestiftet, von Sklaven und Freigelassenen, von zugezogenen Römern und Einheimischen, von Adligen und Bürgern, von Händlern, Handwerkern und Bauern – sie unterschieden sich allenfalls in Größe, Kosten und Aufmachung. Römische Religion bestand immer schon aus zwei getrennten Bereichen: dem privaten Kult (Sacra Privata) und dem öffentlichen Staatskult (Sacra Publica). So lange man als Einwohner des Imperiums den öffentlichen Staatskult akzeptierte und damit zeigte, man gehörte zur Gemeinschaft dazu, mischte sich der Staat nicht in die Praktiken des privaten Kultes ein.

Im privaten Kult oblag es jedem Einzelnen, welche Götter er in in diesen einbezog, welche Rituale oder Feste er beging oder wen er mit welchem Anliegen ansprach. Jeder wandte sich in der römischen Religion mit seinen privaten Anliegen direkt an den betreffenden Gott und machte mit diesem seinen privaten Vertrag aus („Wenn Du mir Heilung schenkst und mein Bein wieder verheilt, widme ich Dir danach als Dank einen Weihestein“ oder „wenn das Geschäft erfolgreich ist, stifte ich danach eine bestimmte Summe Deinem Tempel vor Ort“). Priester fungierten nicht als Vermittler oder „Zwischenmann“ zwischen einem Menschen und einem Gott; jeder konnte sich jederzeit direkt und ganz persönlich an die Götter wenden.

Das führte dazu, daß man – gerade in der Provinz – nicht unbedingt die „Großen 12“ verehrte. Viele der römischen Götter spielten vor allem in der Stadt Rom und allenfalls in Italien eine größere Rolle, während man nördlich der Alpen nicht einmal alle großen Feiertage beging (die oft nur in Rom selbst gefeiert wurden). Man empfand die großen römischen Götter, die vor allem im Staatskult eine wichtige Rolle spielten, oft als fern, während die lokalen Gottheiten, die von Einheimischen schon immer traditionell verehrt wurden, viel näher und „persönlicher“ wirkten und einfach präsenter waren. Wie im zuvor erwähnten Aesculapius / Lenus-Mars-Beispiel hatte man in der Provinz deshalb oft ein enges, persönliches Verhältnis zu lokalen Ausprägungen oder orientierte sich an Tempeln in der Nähe, zu denen man einfacher pilgern konnte als ins ferne Rom.

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Gerade hier bei uns in Westdeutschland waren etwa die Matronentempel rund um Nettersheim, der Lenus-Mars-Tempel auf dem Martberg oder der Tempelkomplex bei Tawern überregional bedeutsame Pilgerstätten, die Rat- und Heilsuchende von Nah und Fern anzogen, Einheimische wie Legionäre oder Zugezogene. Viele der hier verehrten Götter, wie die drei Matronen, Apollo-Grannus, Lenus-Mars oder Mars-Intarabus, waren im fernen Rom unbekannt oder zumindest unbedeutend.

Einige jedoch schafften es sogar in Rom zu Beliebtheit, wie die keltische Rosmerta oder Epona, die jedoch beide keine Gleichsetzungen mit originär römischen Gottheiten  erfuhren. Rosmerta wurde, aufgrund der Attributgleichheit, Merkur als Gefährtin zur Seite gestellt, da sie – weil sie eine Göttin war – nicht ‚theologisch‘ mit ihm kombiniert werden konnte und in der gallischen Vorstellung ebenfalls einen göttlichen Gefährten hatte. Zu Epona, der Schutzherrin der Pferde, gab es kein römisches Äquivalent, deshalb wurde sie vollständig, mitsamt ihres keltischen Namens, übernommen. Manche Götter und Göttinnen, wie die ägyptische Isis, behielten ihren Namen, verloren aber ihr exotisches Erscheinungsbild und wurden in einer der römischen Vorstellung gefälligen Weise dargestellt. Damit ging dann oft auch ein Funktionswandel einher, so daß manche Götter trotz des gleichen Namens nicht mehr viel mit ihren ursprünglichen Vorbildern gemein hatten.

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Die Tatsache, daß gallische Götter oft einfach nur mit Mars, Merkur oder Apollo gleichgesetzt wurden, führte leider auch dazu, daß Wissen über die speziellen Funktionen und Attribute der ehemals keltischen Götter verloren ging. Es gibt keine schriftlichen gallischen Aufzeichnungen über ihre Götterwelt und Vorstellungen; alle schriftlichen Quellen stammen von Römern und sind deswegen durch die Interpretatio Romana gefärbt. Dadurch, daß die Identifikation so „generisch“ mit immer den gleichen 3-4 „großen“ Göttern erfolgte (deren Zuständigkeiten zudem sehr differenziert waren), ist heute oft unklar, welchem Teilaspekt dieser Götter der zugeordnete gallische Gott entsprach, so daß es schwierig ist, daraus die ursprünglichen Eigenschaften der nicht-römischen Götter zu rekonstruieren.

Oft kam es auch vor, daß man sich an die lokalen Götter wandte, ohne genau zu wissen, um wen es sich dabei handelte, ganz einfach, weil es in der Region üblich war, das zu tun und weil man gehört hatte, daß diese Gottheit mit dem fremden Namen auch anderen Leuten geholfen hatte. Dafür sahen römische Rituale eigene Floskeln vor, die man in diesem Fall verwendete, um niemanden zu verärgern oder zu beleidigen. Ein Beispiel dafür war die Formulierung „sive deus sive dea“ („seist Du Gott oder Göttin“), die verwendet wurde, wenn der Name oder die Erscheinungsform eines Gottes nicht genau bekannt war. Eine ebenfalls beliebte und oft verwendete Anrede war ein allgemein gehaltenes „Gott oder Göttin, die diesen Ort beschützt„. Für viele einheimische Lokal- und Ortsgötter gab es zuvor noch keine römische Gleichsetzung, so daß man eventuell, wenn man nun einen Weihestein errichten wollte, der erste war, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah.

Wollte man nun ein Gelübde erfüllen, indem man eine Weiheinschrift in Auftrag gab, so sind unterschiedliche Wege überliefert, die eine bestimmte Kombination von Namen zur Folge hatten. Oft erfolgte eine Zuordnung eher „freifliegend“, was dazu führte, daß manche Gleichsetzungen nur von einem einzigen Ort her bekannt und belegt sind und sich der Zusammenhang auch nicht erschließt. Andere Gleichsetzungen schienen wiederum weit verbreitet und allgemein akzeptiert zu sein, da sie an ganz verschiedenen Lokalitäten überall in Europa auftauchen. Manche Gleichsetzungen wiederum sind sehr lokal begrenzt, tauchen in diesem engen Bereich dafür aber sehr häufig auf.

Mancherorts wandte man sich (um eine „offizielle“ Deutung zu bekommen), mit seinem Anliegen an den örtlichen Magistraten oder Ortsvorsteher, der Land und Leute gut kannte. Von diesem erbat man sich Hilfe in der Fragestellung, wie man den einheimischen Gott auf römische Weise titulieren sollte. Wenn man Glück hatte, war man nicht der erste, der an den Lokalpolitiker herantrat. Wenn man Pech hatte, war der Mann kreativ und schlug etwas vor, das seiner eigenen Vorstellung entsprach.

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Es stand auch jedem frei, eine beliebige Weiheinschrift selbst in Auftrag zu geben, indem man seine eigenen Gedanken oder Gleichsetzungen in Stein meißeln ließ. Da sich nicht jeder kompetent genug in dieser Frage fühlte, war es auch gängige Praxis, sich mit diesem Anliegen direkt an den Steinmetz vor Ort zu wenden! Steinmetze führten die Aufträge für zahlreiche Weihesteine aus, insbesondere in der Nähe von Tempeln und heiligen Orten, und so konnte man davon ausgehen, daß sie gängige Kombinationen von göttlichen Namen kannten oder das meißelten, was Kunden vor ihnen in Auftrag gegeben hatten, so daß man die Entscheidung aus diesen pragmatischen Gründen einfach ihnen überließ.

Das führte zu zahllosen Kombinationen von Namen und Schreibweisen derselben für ein und denselben Gott. So existieren für den mit Mars gleichgesetzten keltischen Gott Intarabus auch Weihesteine in der Schreibweise Entarabus oder Interabus. Er ist (bisher muss man natürlich immer sagen, weil wir uns hier auf archäologische Funde stützen, die jederzeit durch neue Funde und Erkenntnisse ergänzt werden könnten) auch nur aus einem eng begrenzten Raum zwischen Luxemburg, Belgien und Westdeutschland bekannt.

Es konnte auf diese Weise auch durchaus vorkommen, daß ein einheimischer Gott an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen römischen Göttern gleichgesetzt wurde, einfach weil der jeweilige Schwerpunkt der zur Identifikation geführt hatte, ein anderer war.

Im privaten Kult gab es keine Vorschriften oder Regeln, nach denen man einen Gott mit einem anderen gleichzusetzen hatte – das war, wie die gesamte Sacra Privata – eine persönliche Entscheidung, die mal mehr, mal weniger passend war.

Aufnahme fremder Götter in den Staatskult

Anders sah die Integration fremder Götter in den Staatskult bzw. ihre öffentliche Anerkennung aus.

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Wurde ein Gott durch Evocatio, Assimilation oder aus einem anderen Grund in die römische Religion übernommen, oder offenbarte sich ein „urrömischer“ Gott, der zuvor unbekannt gewesen war (aber möglicherweise schon immer in der Stadt existiert hatte), hieß das noch lange nicht, daß er auch sofort anerkannt, verehrt und ins offizielle Kultgeschehen einbezogen wurde. Da ein Gott, wie zuvor beschrieben, in der römischen Vorstellung nichts anderes war als ein Bürger höchsten Ranges und Standes, mußte er erst offiziell in die Gemeinschaft „adoptiert“ werden.

Innerhalb einer Familie oder Sippe geschah die Adoption eines Gottes als Hausgott, der im privaten Kult verehrt wurde, durch den Paterfamilias.

Im römischen Staat gab es öffentliche Einrichtungen, die die Integration eines Gottes und dessen Zuordnung akzeptieren mußten – oder ablehnen konnten.  Die Aufnahme wurde durch Mehrheitsentscheid des Senats getroffen – oder eben abgelehnt (vgl. Tertullian, Apologeticus 5.1: „Unter euch Heiden hängt eines Gottes Göttlichkeit von der Entscheidung der Menschen ab. Sofern ein Gott nicht dem Menschen gefällig ist, soll er gar kein Gott sein“).

Es wurde erwartet, daß sich ein Gott – wenn er einmal in den Staatskult aufgenommen worden war – positiv und ruhig verhielt. Offizielle römische Rituale betonten die gutartige Natur eines Gottes und den Nutzen und guten Dienst, den ein Gott gegenüber dem römischen Volk ausübte. Deswegen legten öffentliche Rituale auch Wert auf die Feststellung, daß das Römische Reich von den Göttern und den Magistraten gemeinsam regiert wurde. Wie römische Staatsbeamte, hatten römische Götter zwar ein Mitspracherecht in wichtigen Entscheidungen, mußten sich aber – wie diese – auch an die römischen Sitten und Gepflogenheiten halten, das heißt, sie hatten kein Vorrecht in der Äußerung ihrer Meinung, sondern man erwartete, daß sie nur antworteten, wenn der Staat sich an sie wandte. Aber selbst dann erwartete man keine redseligen Kundgebungen göttlichen Willens, sondern allenfalls ein „Ja“ oder „Nein“ bezüglich der Frage, wie man sich in einer anstehenden Entscheidung zu verhalten habe. Ein Beispiel hierfür sind die öffentlichen Auspizien, die angewendet wurden, um die Meinung der Götter zu einer Frage einzuholen. Selbst wenn ein Gott, zum Beispiel Jupiter, seinen Unmut durch ein eindeutiges Zeichen wie einen Blitzschlag kundtat, oblag es immer noch den Magistraten dieses Zeichen zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Wenn man einem Gott einen Tempel errichtete, wurde er im Anschluss rituell eingeladen, sich darin niederzulassen. Genauso gut war es möglich, einen Gott aus seinem Heiligtum zu verbannen, wenn man den Raum für etwas anderes brauchte oder seine Statue umwidmen wollte. Auch dafür existierten fest vorgeschriebene Riten.

Anders verhielt es sich mit anderen – natürlichen – Orten, in denen eine Gottheit residierte, wie einem Fluß, einer Höhle oder einem Hain. Diese waren fest in der Hand des Gottes und es war allenfalls möglich, sie mit einem Ritual darum zu bitten, an dem Ort teilhaben zu dürfen (zum Beispiel, wenn man dort etwas bauen oder anpflanzen wollte) und versprach, dort im Gegenzug ein kleines Heiligtum zu errichten.

Götter, die vom römischen Staat letztlich akzeptiert waren, wurden offiziell nach Rom eingeladen und erhielten dort einen traditionellen Namen, einen Ort und einen dazugehörigen Kult.

Das hatte jedoch keinerlei Einfluß darauf, ob ein Händler in Bonn einen Weihestein für Mercurius Gebrinius errichten ließ oder ob ein Steinmetz im Brohltal einen Stein für Hercules Invictus, Hercules Barbatus oder Hercules Saxanus meißelte.

Also gibt es keine „Who’s Who“-Listen der römischen Götterwelt mit ihren fremdländischen Entsprechungen?

Doch, die gibt es durchaus. Niemand würde in Frage stellen, daß Venus mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt wurde, Vulcanus mit Hephaistos oder Ra mit Apollo.

Lokale Kombinationen wie Lenus-Mars oder Apollo-Grannus sind überregional bekannt und durch zahlreiche Weiheinschriften belegt.

Was wir jedoch mit diesem Artikel vermitteln möchten, ist, daß das Thema viel komplexer ist und sich nicht auf Fragen wie: „Welchem keltischen Gott entspricht Merkur?“ reduzieren lassen (Antwort: mindestens 20 verschiedene Entsprechungen sind bekannt). Erst einmal gibt es, insbesondere bei den keltisch-römischen Gleichsetzungen, keine „offizielle“ Absegnung der Götterpaare, sondern ihr Ursprung ist so verschieden, wie die Menschen, die ihre Weihesteine in Auftrag gaben. Wahrscheinlich waren nicht einmal alle diese Gleichsetzungen sinnvoll.

Als „Mater Magna“ wurde die kleinasiatische Göttin Kybele in diesem Heiligtum in Mogontiacum (Mainz) verehrt

Nichtsdestotrotz spielte das keine Rolle für die Dankbarkeit eines Geheilten, der einen Weihestein für einen lokalen Gott in Auftrag geben ließ und es dabei dem Steinmetz überließ, welchen Namen er in den Stein schlug. Genausowenig spielte es eine Rolle, wenn sich ein Ratsuchender an einen lokalen Gott wandte, der ihm von Einheimischen empfohlen wurde aber dessen genauen Namen oder Funktion er eigentlich gar nicht so genau kannte. Wichtiger war, daß ihm geholfen wurde und daß er seiner Dankbarkeit danach durch das Einhalten des Vertrages Ausdruck verlieh, also das tat, was er als Dank vorher festgelegt und angeboten hatte.

Foren-Diskussionen darüber, ob der moderne Marienkult sich nun eigentlich an Isis wendet, oder mit welchen römischen Göttern haitianische Voodoo-Götter gleichgesetzt werden können, sind deswegen müßig (ja, sowas gibt es tatsächlich!). Welcher Gott welchem exotischen Gott in der Interpretatio Romana entsprechen mag, kann nicht abschließend und mit „wissenschaftlicher Exaktheit“ beantwortet werden, basierend auf eindeutigen Zuordnungen bezüglich Attributen, Zuständigkeiten oder Erscheinungsform – denn schon die Römer gingen nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit an die Frage.

Die Zuordnung erfolgte nicht dogmatisch und es kam durchaus vor, daß einem gallischen Gott an verschiedenen Orten unterschiedliche römische Götter zugeordnet wurden, wie man es aus Weiheinschriften weiß.

Aber auch schon damals erging man sich in philosophischen Überlegungen, wie der Frage, wem etwa Gottheiten aus monotheistischen Religionen  – wie z.B. der Gott der Juden – zugeordnet werden könnten (Varro identifizierte ihn als Caelus oder Jupiter Optimus Maximus). Der anatolische, doppelköpfige Sturmgott Teshub wurde zum bei Soldaten hoch verehrten Jupiter Dolichenus. Römische Zeitgenossen, die jüdische Gebete an Yahwe Sabaoth hörten, deuteten diese als Anrufungen für den thrakischen Gott Sabazios.

Die Interpretatio Romana ist deswegen viel mehr als eine simple Gleichsetzung von Gott A mit Gott B, sondern ein sehr vielschichtiges, interessantes Thema, bei dem sich immer wieder spannende Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Göttern und Kulturen ergeben.

Nachtrag:

Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Aber sind die synkretisierten Götter denn nun ein- und derselbe Gott?“ d.h. ist Apollo-Grannus  gleich dem klassischen Apollo oder ist Mars gleich Ares gleich Lenus gleich Intarabus, nur unter anderen Namen? Oder handelt es sich um vollkommen eigenständige Persönlichkeiten, sprich: lokale Götter, die einander nur ähnlich sind? Oder sind es Attribut-Gottheiten, das heißt, personifizieren diese Götter Teilaspekte eines einzigen Gottes?

Da diese Frage nach der „Natur des Göttlichen“ den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf diesen Abschnitt in unserem Artikel „Kultpraxis: Götterfiguren im römischen Cultus“ verweisen, in dem diese Frage angesprochen sowie für die Kultpraxis eingeordnet wird.


Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Antike Stätten: Römischer Tempelbezirk Tawern

 

Tempelbezirk Tawern

Tempelbezirk Tawern

Anschrift

Der Tempel liegt auf einer Anhöhe im Wald oberhalb von Tawern. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt

Der Tempelkomplex liegt auf dem Metzenberg und ist nur zu Fuß auf einer etwa 20-minütigen Wanderung bergauf durch den Wald zu erreichen.

Am Ortsrand von Tawern (gesprochen: Tawérn, abgeleitet vom lateinischen Ortsnamen Tabernae) befindet sich in der Bergstraße ein kleiner Waldparkplatz. Der Weg zum Parkplatz ist mit auffälligen Hinweisschildern „Römischer Tempel“ im ganzen Ort ausgeschildert und eigentlich nicht zu verfehlen. Für das Navigationsgerät kann als zusätzliche Hilfe die Anschrift „Bergstraße“ eingegeben werden. Kurz vor dem Parkplatz befindet sich außerdem ein Schild, das auf den nahegelegenen Vicus von Tabernae verweist, der zu dem Tempelkomplex gehört und ebenfalls besucht werden sollte, wenn man schon einmal in der Gegend ist!

Wer die Wahl hat... schnell und steil oder lang und bequem?

Wer die Wahl hat… schnell und steil oder lang und bequem?

Am Waldparkplatz befindet sich eine etwas verwitterte Hinweistafel, die auf den Merkurtempel und die jeden Sonntag stattfindenden Führungen verweist.

Von dort aus folgt man zu Fuß der asphaltierten Straße den Berg hinauf. Nach einer Biegung teilt sich der Weg; hier hat der Wanderer die Wahl, ob er den (schnelleren, aber unwegsameren und steileren) Fußweg quer durch den Wald nehmen möchte, oder dem in Serpentinen verlaufenden, längeren geteerten Weg. Letzterer ist für Radfahrer, Gehbehinderte oder Reisende mit Kinderwagen zu empfehlen, da der Fußweg doch recht unwegsam ist, besonders bei feuchtem Wetter.

Mit dem öffentlichen Nahverkehr ist Tawern per Bus aus Trier über Konz zu erreichen. Von der Bushaltestelle in der Ortsmitte sind es noch etwa 30 Minuten Fußweg bis zum Tempel. Hier sollte man sich vorher gut über die Abfahrzeiten informieren, da der öffentliche Nahverkehr nur sporadisch fährt. Wir empfehlen eine Anreise mit dem Auto.

Hintergrundinformationen

Die römische Tempelanlage auf dem Metzenberg wurde in den Jahren 1986 bis 1987 vom Rheinischen Landesmuseum Trier ausgegraben und nach Abschluß der Grabungen zum Teil rekonstruiert, um dem Besucher eine Vorstellung vom Aussehen gallo-römischer Tempelanlagen in der gallischen Provinz zu ermöglichen und die Fundamente auf diese Weise zu konservieren. Die Fundstelle selbst war bereits seit 30 Jahren bekannt, konnte jedoch bis dahin nicht gedeutet werden.

Die Rekonstruktionen befinden sich auf den originalen Fundamenten.

Die Ausgrabungen ergaben, das der Tempel vom 1. Jahrhundert n. Chr. bis in das 4. Jahrhundert genutzt wurde. Im Jahre 392 n.Chr. wurde der Tempel, wahrscheinlich im Rahmen der Christianisierung, zerstört.

Der große Merkur-Umgangstempel ist das Herzstück des Tempelbezirks

Der große Merkur-Umgangstempel ist das Herzstück des Tempelbezirks

Er lag nahe der römischen Fernstraße von Rom über Marseille und Metz nach Trier. Dazu gehörte auch der zivile Vicus Tabernae, der – wie der lateinische Name andeutet – vor allem als Raststation für Fernreisende fungierte, denn er war von Trier aus gesehen die erste Raststation an der Fernstraße.

Der Tempel lag zu dieser Zeit noch nicht im tiefen Wald, sondern die Aussicht vom unbewaldeten Metzenberg reichte bei klarem Wetter bis in das Moseltal und das ferne Trier, die Kaiserstadt Augusta Treverorum.

Eine Hauptfunktion, die den Tempelkomplex so beliebt bei Pilgern und Reisenden machte, lag darin, sich des Segens der Götter für die Reise zu vergewissern.

Der Tempelbezirk war ummauert; innerhalb der Mauern konnten sieben verschiedene Tempel unterschiedlichen Alters im terrassenförmig angelegten Gelände identifiziert werden. Die Eingänge weisen in Richtung des Tals.

Im 15 Meter tiefen und 1,05 x 1,05 Meter breiten, quadratischen Brunnen auf dem Gelände fand man zahlreiche Kultgegenstände und Münzen, architektonische Elemente, fast vollständig erhaltene Krüge und Tonfiguren, Statuen und Reliefs, die aufgrund der zeitlichen Schichtung im Brunnenschacht eine sehr genaue Datierung und Rekonstruktion des Tempelbetriebs ermöglichten. Es wird angenommen, daß die Gegenstände von den Gegnern des heidnischen Kults in den Brunnen geworfen wurden, was sich für die Archäologen als Glücksfall erwies.

Im Brunnen versenkt: Ein Relief der Göttin Epona, Schutzherrin der Pferde

Im Brunnen versenkt: Ein Relief der Göttin Epona, Schutzherrin der Pferde

Zu den wichtigsten Funden gehörte ein etwas überlebensgroßer Kopf des Gottes Merkur, der hier vor allem wegen seiner Funktion als Schutzgott der Reisenden als die Hauptgottheit des Tempelkomplexes eingestuft wurde.

Außerdem fanden sich Reliefs der in Gallien bei den Treverern sehr beliebten Göttin Epona, Weiheinschriften für Merkur und Apollo sowie ein Relief von Isis und Serapis, deren exotischer Kult hier ebenfalls geschätzt wurde. Das belegt auch der Fund eines kleines Mosaiksteins mit einer Ibis-Malerei im nahen Tabernae.

Ebenfalls ungewöhnlich sind zwei 15,5 cm große, wahrscheinlich in der heutigen Türkei hergestellte Tonfiguren der Göttin Artemis Ephesia, die an zwei Stellen im Bezirk gefunden wurden und wohl als Weihegaben von einem Händler mit hierher gebracht wurden. Alle Original-Funde befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum Trier.

Die Weiheinschriften belegen, daß es sich bei dem Haupttempel um einen Merkurtempel handelte. Die Inschrift des ältesten Tempels lautete:

MER[CVRIO AEDICVLA]M
GRATVS [ . . F . V.S.L]M. (votum solvit libens merito)

Übersetzung:

Dem Gott Merkur (weiht) diesen Tempel
Gratus [Sohn des . . .], er hat sein Gelübde gern entsprechend dem Verdienst eingelöst.

Später wurde dieser Inschrift eine weitere hinzugefügt, die auf den Bau des Brunnens Bezug nimmt:

CERATIVS PRIMVS
GRATI LIB. (Libertus)
CATENARIA CUM ULlA LIB[ERTAE] II
V.S.L.M. (votum solverunt libens merito)
PVTEVM CVM SVIS O[RNAMENTIS]

Ebenfalls im Brunnen gefunden: Relief von Isis und Serapis

Ebenfalls im Brunnen gefunden: Relief von Isis und Serapis

Übersetzung:

Aceratius Primus,
Freigelassener (Sklave) des Gratus (der die erste Inschrift gestiftet hatte!),
Catenaria mit Julia, zwei Freigelassene (Sklavinnen),
haben ihr Gelübde gern entsprechend dem Verdienst eingelöst (und)
diesen Brunnen mit seinen Ausrüstungsgegenständen (Ornamenten)… (gestiftet/repariert).

Heutzutage befindet sich am rekonstruierten Tempel ebenfalls eine Inschrift. Diese wurde von den leitenden Archäologen, Dr. Sabine Faust und Dr. Karl-Josef Gilles, nach römischer Sitte gestaltet:

DEO MERCVRIO
TEMPLVM SABINA EFOSSVM ET
C AEGIDIO REAEDIFICATVM
HENDRICE ET TEXTORE
PRAEFECTIS KAL AVG MCMLXXXIX

Übersetzung:

Dem Gott Merkur (geweiht)
Der Tempel wurde von Sabina (= Dr. Sabine Faust) ausgegraben und
von Carolus Aegidius (= Dr. Karl-Josef Gilles) wieder aufgebaut,
als Hendricks und Weber (Textore) Bürgermeister waren, 1. August 1989.

In der Cella des Umgangstempels befindet sich eine rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue

In der Cella des Umgangstempels befindet sich eine rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue

Die zeitliche Einordnung der verschiedenen Nutzungsphasen des Tempels wurde durch über 1800 gefundene Münzen ermöglicht, die aus unterschiedlichen Prägestätten aus allen Ecken des Reichs stammen. Gleichzeitig ist der Prozentsatz einheimischer Münzen ungewöhnlich gering, was auf eine überwiegende Nutzung durch Fernreisende schließen läßt.

Die ältesten Münzen sind drei keltische Münzen sowie Münzen aus der Zeit von Kaiser Augustus. An den Stückzahlen der Münzen aus den unterschiedlichen folgenden Jahren sind mehrere Wellen besonderer Beliebtheit des Tempels zu identifizieren, bevor mit dem Verbot heidnischer Kulte im ausgehenden vierten Jahrhundert kaum noch Münzen vorhanden sind. Die jüngste Münze wurde um 392 geprägt.

Beim großen Merkurtempel handelt es sich um einen typisch gallo-römischen Umgangstempel mit einem säulengetragenem Umgang. Dabei bestanden die dreizehn toskanischen Säulen, die das Pultdach des Umgangs trugen, aus hiesigem Sandstein. Dieser Tempel ist 10,80 Meter lang und 9,80 Meter breit.

Unmittelbar vor dem Umgang befinden sich Abflußrinnen aus Sandstein, die noch im Original erhalten sind.

Als Besonderheit wurde das Innere des Umgangstempels, die Cella, in der Rekonstruktion nach römischem Vorbild gestaltet. Die Wände sind – basierend auf Farbfunden in Putzresten – bunt bemalt, zudem wurde aus dem im Brunnen gefundenen Kopf eine mit 2,08 Metern überlebensgroße Merkurstatue rekonstruiert, die ebenfalls nach römischem Brauch komplett bemalt ist, wobei Farben und Pigmente verwendet wurden, die es schon in der Antike gab.

Beschreibung

Der Tempelkomplex oberhalb von Tawern ist allein deswegen, weil er fast vollständig an Ort und Stelle auf den alten Fundamenten rekonstruiert wurde, einzigartig.

Am Eingang zum Bezirk befinden sich Informationstafeln

Am Eingang zum Bezirk befinden sich Informationstafeln

Das Gelände ist von einer Mauer umgeben; ein neuer Eingang befindet sich direkt am Wanderweg. Hier sind auch zwei Informationstafeln aufgestellt; eine ältere Tafel, die über die Grabung und den Grundriss der Gebäude informiert sowie eine neuere Tafel des „Straßen der Römer“ Projektes, die Hintergrundinformationen über die Nutzung des Tempelkomplexes in römischer Zeit vermittelt.

Der originale Eingang in Richtung des Tals ist ebenfalls erhalten, so daß man den Tempelbezirk auch durch den „echten“ Eingang betreten kann.

Die einzelnen Gebäude sind auf Terrassen unterschiedlicher Höhe errichtet. Am Eingangsbereich empfängt den Besucher eine Jupitersäule, auf deren Sockel unter anderem der Gott Hercules abgebildet ist.

Alle Gebäude sind mit dezenten schwarzen Plaketten beschriftet, aus denen ihre Funktion hervorgeht.

Ablegen von Opfergaben auf dem Altar vor dem Merkurtempel

Ablegen von Opfergaben auf dem Altar vor dem Merkurtempel

Den Hauptteil des Tempels nimmt der große Merkur-Umgangstempel ein. Die Cella kann nach keltisch-römischem Brauch umgangen werden. In der bunt bemalten Cella befindet sich auf einem Sockel die bunte Staue des Gottes Merkur. Sie zu bemalen und nicht nach (modernem) Geschmacksempfinden weiß zu lassen, war eine gute Entscheidung des Vereins Römisches Tawern e.V., der die Tempelanlage betreut. So wird der verbreiteten Ansicht, im alten Rom seien alle Statuen und Monumente schneeweiß gewesen (wie man es von Statuen seit der Renaissance kennt), eine realistische Darstellung nach römischem Geschmack entgegengestellt (wie man es auch bei „Im Reich der Schatten“ im Landesmuseum Trier erleben kann, wo Grabmonumente durch Projektionen in buntesten Farben zum Leben erweckt werden). Bei der Rekonstruktion und Bemalung wurde darauf geachtet, Techniken und Farben zu verwenden, die schon zu römischer Zeit genutzt wurden. Auf den ersten Blick ist ein so bunter Merkur sicher ungewohnt für moderne Augen, aber aus pädagogischer und ästhetischer Sicht eine sehr gute Entscheidung.

Die Cella ist abgeschlossen, was wegen leider immer wieder stattfindender Vandalisierungen notwendig geworden war (so wurde Merkur erst im Dezember 2013 bei einem Einbruch der Caduceus entwendet und zerstört). Auch wurde im Innenraum des Tempels eine Videoüberwachungsanlage installiert, die aber so dezent ist, daß sie nicht zu sehen ist und auch nicht bei Kulthandlungen stört.

Der Tempelkomplex ist weitläufig und gepflegt. Vor dem Merkurtempel steht ein Weihealtar, der zum Ablegen von Opfergaben genutzt werden kann.

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert

In einem benachbarten Tempelgebäude befinden sich, ebenfalls hinter Gittern, Repliken einiger im Brunnen gefundener Reliefs, wie dem Bildnis für Epona, sowie dem Relief von Isis und Serapis, sowie einige Keramiken.

Eine Schatzkammer im hinteren Teil des Tempelgeländes, die ursprünglich zur Aufbewahrung besonders wertvoller Kultgegenstände diente, wird zur Zeit offensichtlich als Lagerraum für Sammelsurium aller Art genutzt, so befindet sich dort eine römische Legionärsrüstung, ein Streitwagen, aber auch allerlei Zeug, das offenbar für dörfliche Brauchtumsveranstaltungen genutzt wird. Das wirkt etwas merkwürdig und stört das ansonsten einheitliche Bild.

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert. Hier befindet sich eine Vorrichtung, in die man Münzen einwerfen kann und wodurch (angeblich) das Licht im Brunnen angeht und Wasser läuft. Das funktionierte bei uns aber leider nicht, so daß wir schließlich nach dem römischen Brauch des Münzwurfs direkt Geld durch das Abdeckgitter in den Brunnen warfen, um bei Merkur um eine Vermehrung des Geldes zu bitten.

Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Führungen

Im Umgang des Umgangstempels. Umschreiten ist nach gallo-römischer Sitte möglich

Im Umgang des Umgangstempels. Umschreiten ist nach gallo-römischer Sitte möglich

Der Tempelbezirk ist nicht abgeschlossen und deswegen rund um die Uhr begehbar.

Der Eintritt ist frei.

Führungen bietet der Verein Römisches Tawern e.V. jeden Sonntag (Mai bis Oktober) von 14:30 bis 16:30 an, wo jeweils ein Mitglied des Vereins zum Tempel kommt und interessierte Besucher herumführt. Die Teilnahme an einer solchen Führung kostet für Erwachsene 2€, für Kinder 1€. Eine Voranmeldung ist nicht nötig.

Sonstiges

Es gibt diverse archäologische Schriften, die sich mit dem Tempelbezirk Tawern befassen. Unter anderem sind dies: „Römische Kulturdenkmäler in Tawern: der römische Vicus tabernae und der Tempelbezirk auf dem Metzenberg“, „2000 Jahre Tawern: Eine Chronik mit ausführlichen Informationen über die Geschichte Tawerns“ sowie „Funde und Ausgrabungen im Bezirk 34, Trier“ mit 3 wichtigen Beiträgen die Ausgrabungen, unter anderem über den Kopf der Merkurstatue. Diese Schriften sind bei Führungen, bei Familie Michel in der Brunnenstraße 11, sowie in der örtlichen Bäckerei und Metzgerei in der Römerstraße erhältlich!

Fotografieren ist uneingeschränkt erlaubt.

Die Aussicht vom einst unbewaldeten Metzenberg reichte an guten Tagen bis nach Trier

Die Aussicht vom einst unbewaldeten Metzenberg reichte an guten Tagen bis nach Trier

Der Tempel ist zwar jederzeit frei begehbar, liegt allerdings so tief im Wald, daß ein nächtliches Aufsuchen eine gewisse Logistik erfordert. Anwohner, die sich durch Aktivitäten gestört fühlen könnten, gibt es nicht, allerdings legt der Verein Römisches Tawern e.V. – zu Recht! – sehr viel Wert darauf, daß der Tempelbezirk geschont und pfleglich behandelt wird. Von der Durchführung wilder neuheidnischer Rituale mit Trommeln und Feuer machen, wie z.B. bei Wicca üblich, sollte abgesehen werden. Auch ist man sehr empfindlich gegenüber Vandalismus und die oft unschönen Hinterlassenschaften diverser Gruppierungen haben in dieser Tempelanlage nichts zu suchen.

Gegen ein dezentes römisches Opfer an Merkur oder die anderen hier verehrten Götter durch den römischen Cultor, sowie das Ablegen von Opfergaben auf dem Weihealtar vor dem Haupttempel hat aber niemand etwas einzuwenden.

Das Befahren des Tempelgeländes mit Fahrrädern ist verboten.

Weiterführende Informationen

Götterwelt: Cerunincus

 

Bronzefigur aus örtlicher Herstellung

Bronzefigur aus örtlicher Herstellung

Zuständigkeiten, Herkunft, Bezeichnungen

Bei Cerunincus handelt es sich um einen ursprünglichen gallischen (keltischen) Gott der Treverer, der lokal begrenzt im Alzettetal im heutigen Luxembourg verehrt wurde.

Diese Region war zu römischer Zeit dicht mit Gutshöfen besiedelt und lag in der Nähe einer viel bereisten Schnellstraße. Oberhalb der Ortschaft Steinsel befindet sich der zur Zeit einzige bekannte Tempel, der diesem Gott geweiht war. Es handelt sich dabei um einen Tempelkomplex mit einem zentralen Umgangstempel, wie er für die gallo-römische Tempelarchitektur typisch war, bei der keltische Kultvorstellungen mit mediterraner Tempelarchitektur kombiniert wurden.

Zwar wurden im Tempel zahlreiche Votivgaben und Weihesteine gefunden, dennoch ist der Zuständigkeitsbereich von Cerunincus unbekannt. Eine Weiheinschrift aus Bronze belegt, daß er von der romanisierten treverischen Bevölkerung geschätzt und nach römischem Brauch verehrt wurde:

DEO CERUNIN / CO
SOLTRIUS / PRUSCUS /
V(OTUM) S(OLVIT) L(IBENS) M(ERITO)

In der Übersetzung:

Dem Gott Cerunincus hat Soltrius Pruscus sein Gelübde eingelöst, freudig und verdientermaßen.

Rekonstruktionszeichnung des Tempels

Rekonstruktionszeichnung des Tempels

Allerdings findet sich nirgendwo im Tempelkomplex eine Inschrift, die darauf hindeutet, mit welchem Gott Cerunincus in der Interpretatio Romana gleichgesetzt wurde, so daß seine Zuständigkeiten und Attribute bis heute nicht geklärt werden konnten.

Die Fundstücke weisen jedoch darauf hin, daß er gleichermaßen von einheimischen Treverern wie auch von zugereisten Römern verehrt wurde; die Gaben stammen von reichen Gutshofsbesitzern, lokalen Händlern und Kaufleuten, römischen Soldaten bis hin zu einfachen Leuten der Landbevölkerung.

 

Attribute und Darstellungen

Im Tempel gefunden wurde eine 12 cm große Bronzefigur, die aus lokaler Herstellung stammt.

Cella des Waldtempels bei Steinsel

Cella des Waldtempels bei Steinsel

Sie zeigt einen unbekleideten, bartlosen jungen Mann mit kurzem lockigem Haar, dessen linke Hand erhoben ist. Was er in der Hand hielt, ist unbekannt. Es ist wahrscheinlich, aber nicht belegt, daß es sich bei dieser Darstellung um den Gott Cerunincus handelt, dessen Figuren man mit großer Wahrscheinlichkeit im örtlichen Devotionalienladen am Tempeleingang erwerben konnte.

Ebenfalls gefunden wurden Fragmente einer überlebensgroßen Frauenfigur, so daß man in der Forschung davon ausgeht, daß es sich möglicherweise um eine weibliche Kultgefährtin des Cerunincus handelt.

Opfergaben und Cultus

Zu den Opfergaben an Cerunincus gehörten Fibeln, Bronzeglocken, Figürchen und Ringe.

Zahlreiche auf dem Tempelgelände gefundene Münzen weisen darauf hin, daß auch die (noch heute beliebte) Praxis des Münzwurfs, um damit die Erfüllung eines Wunsches zu bitten, auch in diesem Tempel üblich war.

Über die praktische Ausübung des Cultus ist nichts bekannt, da es keine Funde gibt, die die Kultpraxis szenisch darstellen. Ebenfalls nicht überliefert sind schriftliche Aufzeichnungen über die Kultpraxis dieses sehr lokalen Gottes.

Die für einen Umgangstempel übliche Umschreitung der Cella, die Ablage von Weihesteinen und Votivgaben vor dem Tempel, die Darbringung von Opfern auf dem vor dem Tempel befindlichen Altar und Prozessionen um den Umgang herum, wie sie von anderen gallo-römischen Umgangstempeln überliefert sind, sind auch hier wahrscheinlich.

Sonstiges: Cerunincus = Cernunnos?

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Cernunnos wie er auf dem ‚Pariser Nautenpfeiler‘ erscheint

Manchmal, vor allem auf neuheidnischen Seiten im Internet angestellte Vermutungen, es handele sich um den keltischen Gott Cernunnos, können ausschließlich auf die Namensähnlichkeit Bezug nehmen, was als Basis einer solchen Gleichsetzung äußerst fraglich ist.

Cernunnos wird üblicherweise mit dem ‚gehörnten Gott‘ identifiziert, der aus der keltischen Ikonographie bekannt ist und als Naturgott und Herr der Tiere interpretiert wird. Allerdings ist nur eine einzige Inschriftenquelle bekannt, die die Darstellung einer mit einem Geweih versehenen Figur mit diesem Namen in Verbindung bringt, der sog. Pariser Nautenpfeiler.

Der Name leitet sich wohl vom gallischen Wort ‚karnon‚ ab, das (wie auch das lateinische cornu) ‚Horn‘ bedeutet und deswegen die Identifizierung dieser bekannten Figur aus der keltischen Mythologie mit diesem Namen legitim erscheinen lässt. Gleichwohl macht die Tatsache stutzig, daß die bildhafte Darstellung einer solchen Figur, die relativ häufig gefunden wurde, bis auf den genannten einen Fall, niemals sonst mit diesem Namen in Verbindung gebracht werden kann.

Es gibt auch keine Interpretatio Romana, sprich, die römischen Quellen geben für ihn keine Identifikation mit einer römischen Gottheit an, was gerade für einen sehr bekannten und wichtigen Gott ungewöhnlich ist.

Dies wird manchmal darauf zurückgeführt, daß dieser keltische Gott zu spezifisch in seiner Hirschgeweih-Gestalt oder Funktion war, um mit einer der römischen Götter gleichgesetzt zu werden, was allerdings nicht sehr überzeugend klingt. Die römische Praxis, lokale Gottheiten mit überregional in ihrer eigenen Religion verehrten Gottheiten zu identifizieren, wurde relativ großzügig gehandhabt. Je nachdem, was stärker betont werden konnte, wurde die Funktion einer Gottheit oder ihre Erscheinung zur Grundlage genommen.

Ein keltischer Naturgott mit einem Geweih ließe sich demnach relativ problemlos im römischen Silvanus oder noch besser im, diesem ebenfalls gleichgesetzten, (gehörnten!) Faunus wiedererkennen. Warum dies nicht geschehen ist, wissen wir nicht, was zur generellen Unsicherheit in Bezug auf die Deutung von Cernunnos beiträgt.

Daß wir auch im Tempel von Steinsel keinen römischen Namen der dort verehrten Gottheit finden, wird deswegen ebenfalls gerne als weiterer Beleg für die Identität von Cerunincus mit Cernunnos angeführt. Auch dies bleibt hingegen reine Spekulation, die wenig belastbar ist, da neben der nicht auszuschließenden Möglichkeit, daß evtl. doch einmal Funde mit einem römischen Namen für diesen Gott zutage treten, ebenfalls keinerlei Geweihdarstellung in Verbindung mit dieser Gottheit gefunden wurde. Die hohe Wahrscheinlichkeit, das die gefundene Figur tatsächlich Cerunincus darstellt und die Tatsache, daß diese keinerlei Geweih/Horn als Attribut besitzt, lässt es sinnvoller erscheinen, diesen Gott als eigene Gottheit zu betrachten, welche lokalen Charakter hatte, anstatt sich auf eine reine Namensähnlichkeit zu stützten.

Antike Stätten: Römisches Matronenheiligtum Nettersheim

 Update Mai 2014:

Im Mai 2014 eröffnete der „Archäologische Landschaftspark Nettersheim„. Durch neue Grabungen und Erkenntnisse aus der hier noch immer laufenden archäologischen Forschung wurde der zum Tempel gehörige Vicus Marcomagus samt Kleinkastell entdeckt und zum Teil freigelegt. Noch immer forscht und gräbt dort die Universität Köln, die durch geophysikalische Bodenuntersuchungen zahlreiche weitere Gebäude entlang der Agrippastraße ermittelt hat. Das Gelände wird jetzt vor allem für Lehrgrabungen genutzt und weiter freigelegt.

Reger Betrieb anläßlich der Eröffnung des Archäologieparks am 18. Mai 2014

Reger Betrieb anläßlich der Eröffnung des Archäologieparks am 18. Mai 2014

Nun führt ein 4,5 Kilometer langer, mit „Matronenlogo“ gekennzeichneter Rundweg vom Naturzentrum Nettersheim zum Tempel. Von dort ist es möglich, der mit Schotter und einer Waldschneise angedeuteten Agrippastraße hinab zur Urft zu folgen. Streifenhäuser der hier an der vielbefahrenen Schnellstraße ansässigen Handwerker und Händler sind zum Teil restauriert. Eine Holzbrücke überquert die Urft an der Stelle der originalen Römerbrücke und führt zum Kleinkastell am anderen Ufer, in dem die Beneficarier ansässig waren, die hier besonders den Matronenkult pflegten.

Durch die Umgestaltung des Geländes wurde auch der Tempel höher aufgemauert und neusten wissenschaftlichen Erkenntissen angepaßt. Er gilt nun nicht mehr als typisch gallo-römischer Umgangstempel, sondern der Haupttempel bestand aus einem Gebäude ohne säulengetragenen Umgang.

Die Weihesteine wurden vom Eingang der Cella entfernt und rund um das Tempelgebäude aufgestellt. Hierbei wurden die Steine durch (etwas einfacher gestaltete) Repliken ersetzt, was lt. Informationen eines wissenschaftlichen Mitarbeiters des Naturzentrums auch dem Vandalismus bzw. der Souvenierjägerschaft vieler Besucher zu verdanken ist, die sich oft Stücke der alten, detaillierten Weihesteine abbrachen und diese mitnahmen.

Die Informationstafeln wurden überarbeitet und neu gestaltet.

Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken und bietet eine tolle Aussicht über die Eifel

Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken und bietet eine tolle Aussicht über die Eifel

Anschrift: 

Es handelt sich um ein Höhenheiligtum auf einem Bergrücken. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt:

Der Tempel „Görresburg“ liegt im Urfttal bei Nettersheim in der Eifel. Er ist nicht direkt mit dem Auto zu erreichen, sondern muß erwandert werden.

Nettersheim ist mit dem Auto über die A1 zu erreichen. Der Ort hat auch einen Bahnhof, der von Regionalbahnen aus Köln, Trier und Gerolstein angefahren wird, so daß er für Eifelverhältnisse sehr gut erreichbar ist.

Im Ortskern von Nettersheim befindet sich das „Naturzentrum Eifel„, das als Ausgangspunkt genommen werden kann. Hier gibt es auch Parkmöglichkeiten, ein Museum zu den Themen Archäologie, Geologie und Biologie mit Museumsshop (samt Matronenrepliken!) und einem kleinem Cafe mit hausgemachtem Kuchen, Kaffee und Tee. Auch gibt es im Ort ein großes Jugendgästehaus mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten sowie viele Möglichkeiten zur privaten Unterkunft, da der Ort ganz auf Naturtourismus ausgerichtet ist.

Rund um Nettersheim gibt es gut ausgeschilderte Wanderrouten, wie den „Erlebnispfad“ und den „Schmetterlingspfad“, deren Pläne im Naturzentrum erhältlich sind. Der Matronentempel ist nun Teil des Archäologischen Landschaftsparks und kann auf einem gut ausgeschilderten Rundweg erwandert werden.

Vom Naturzentrum aus führt der Weg entlang der Urft über einen breiten, gut ausgebauten Wanderweg zum Hügel, auf dem das Matronenheiligtum zu finden ist. Es führen zwei Wege auf den Gipfel hinauf, ein steilerer Hohlweg am Nordhang und ein breiter, asphaltierter Weg für Gehbehinderte und Besucher mit Kinderwagen.

Der Weg zum Tempel ist stark frequentiert, da er von allen drei Matronentempeln der beliebteste und bekannteste ist. Die Entfernung vom Naturzentrum beträgt etwa 1,5 Kilometer. Neben dem Archäologischen Landschaftspark ist der Tempel an die 12 km lange Rundwanderroute „Archäologie entdecken“ angebunden, die ebenfalls am Naturzentrum beginnt und auf der unter anderem auch der Beginn der Eifeler Wasserleitung, die einst Köln mit 20 Millionen Litern Trinkwasser täglich versorgte, zu besichtigen ist (Römischer Brunnenanlage „Grüner Pütz“).

Hintergrund:

Das Matronenheiligtum liegt auf dem Rücken eines Berges oberhalb des Urfttales. Hier entdeckten Bauern im Jahr 1909 große Steine mit den Abbildern „merkwürdiger Figuren“. Archäologen identifizierten die Steine als Weihesteine für Matronen, lokale Schutz- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, die meist in Dreiergruppen auftreten. Sie sind typisch für den Eifelraum, wo sie ursprünglich von einheimischen Kelten (wahrscheinlich den hier ansässigen Eburonen) und Germanen (von den Römern angesiedelte Ubier) verehrt wurden. Die Römer, beginnend mit den hier stationierten Legionären, übernahmen den Kult, der germanische, keltische und römische Einflüsse miteinander verschmolz, und die Matronen erlangten regional sehr große Beliebtheit. Steinerne Bilder von Matronen sind seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. bekannt.

Die Weihesteine für die Matronen

Die Weihesteine für die Matronen (Position bis 2014)

In unmittelbarer Nähe, in nur wenigen Kilometern Entfernung, liegen zwei weitere Matronenheiligtümer: der Matronentempel von Zingsheim und der „Heidentempel“ von Nöthen/Pesch, wobei Zingsheim genau in der Mitte zwischen den anderen beiden liegt, so daß angenommen wird, daß die drei Heiligtümer miteinander in Verbindung standen.

Das Bergheiligtum bei Nettersheim lag direkt an der Agrippastraße, einer vielbereisten römischen „Schnellstraße“ zwischen Köln, der Landeshauptstadt der Germania inferior und Trier, der Kaiserstadt in Gallien. Die unmittelbare Lage an der mit einer Trassenbreite von 12 Metern belegten Schnellstraße zeigt die Bedeutung des Tempels, der auf diese Weise gut von Pilgern erreicht werden konnte, aber vermutlich auch anderen Reisenden Unterkunft und Rastmöglichkeit bot. Der Verlauf der Agrippastraße ist heute im Archäologiepark mit Schotter verdeutlicht; die virtuelle Fortsetzung wird durch eine in den anschließenden Eifelwald geschlagene Schneise gezeigt.

Die Tempelanlage lag oberhalb der römischen Siedlung, die sich südlich vom Tempel am Ufer der Urft befand. Der Name der Siedlung ist nicht bekannt, da auf Bruchstücken von Wegsteinen kein Ortsname erhalten ist, lediglich der Hinweis auf den Ort, den vicus. Neue Forschungen gehen davon aus, daß es sich um den auf römischen Karten verzeichneten Ort Marcomagus handelt (der nicht mit dem einige Kilometer entfernten Marmagen identisch ist, dessen Position vermutlich in fränkischer Zeit eine Ortsverschiebung erfuhr).

Die Weihesteine sind nun rund um das Tempelgebäude aufgestellt (ab 2014)

Die Weihesteine sind nun rund um das Tempelgebäude aufgestellt

Bei ersten Ausgrabungen datierte man die Weihesteine auf etwa 200 n.Chr. Es wurde eine lange Umfassungsmauer mit Eingang und Ausgang freigelegt, die drei Gebäude umschließt, eines davon eine große Cella, sowie Brandgruben für Opferungen. Bei den Ausgrabungen fand man weitere Weihesteine, Tonscherben, Säulenreste, Keramik, Münzen, 40 Inschriftensteine und andere Stücke, die in das Rheinische Landesmuseum in Bonn gebracht wurden und die die große Bedeutung im damaligen römischen Cultus belegen. Nach den ersten Ausgrabungen wuchs die Tempelanlage wieder zu und wurde erst im Jahr 1977 erneut archäologisch untersucht. Südlich außerhalb der Umrandung wurden zudem Fundamentreste entdeckt, die zeigen, daß dort noch weitere Gebäude zu finden waren.

Im Jahr 2009 wurden durch neue geophysikalische Untersuchungsmethoden der dazugehörige Vicus und das Kastell entdeckt und zum Teil freigelegt. Im Rahmen dieser Ausgrabungen wurde auch der Tempel neu bewertet, unter anderem in einer Magisterarbeit einer Kölner Archäologiestudentin, die neue Erkenntnisse zum Aufbau und Betrieb der Kultstätte erbrachten und zur Neugestaltung der Anlage führten.

Die Cella war aus Kalkbruchstein mit Ziegeln gemauert und an den Außenmauern weiß verputzt. Ein offener, von hölzernen Säulen getragener Umgang, der bis 2009 vermutet wurde (wie man es auch vom Martberg an der Mosel sowie vom Matronentempel Pesch kennt, wo die Säulenfundamente erhalten sind), gilt heute als nicht mehr belegt und wurde in modernen Rekonstruktionszeichnungen entfernt.

Schließlich wurden die Mauerreste teilrekonstruiert und etwa 1,30 Meter hoch aufgemauert, um Besuchern eine bessere Vorstellung vom Aufbau des Tempelkomplexes zu vermitteln. Außerdem wurden Replikate der Weihesteine aufgestellt, deren Originale im Rheinischen Landesmuseum Bonn besichtigt werden können.

Verehrt wurden hier die Matronae Aufaniae, die aufanischen Matronen. Im Gegensatz zu den nur aus dieser Gegend bekannten fachineischen Matronen (die in Zingsheim verehrt wurden), waren die aufanischen Matronen in ganz Westeuropa verbreitet, so in Bonn, Köln, Jülich, Xanten, Nijmegen, Düsseldorf, Mainz, Lyon und sogar im spanischen Carmona, wie über 90 Fundstellen belegen.

Die neuen Informationstafeln des Archäologieparks sind gut gestaltet

Die neuen Informationstafeln des Archäologieparks sind gut gestaltet

Der Tempel bestand vom 1. bis zum 4. Jahrhundert. Viele der Weihesteine stammten von Angehörigen der römischen Schutztruppen (Benefiziarier, also so etwas wie Straßenpolizisten), die im Kleinkastell unterhalb des Tempels am Ufer der Urft stationiert waren und wahrscheinlich zur Legio I Minervia aus Bonn gehörten.

Die Übersetzung der Inschriften auf den drei großen, am Eingang zum Tempel aufgestellten Weihesteine lautet:

Linker Stein: „Den Aufanischen Matronen hat Marcus Pettronius Patroclus, Benefiziarier im Stabe des Statthalters und zum zweiten Male auf Posten, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst.“

Mittlerer Stein: „Den Aufanischen Matronen hat Gaius Lucretius Fatius, Benefiziarier im Stabe des Statthalters, gerne nach ihrem Verdienst sein Gelübde eingelöst.“

Rechter Stein: „Den Aufanischen Göttinnen für das Heil des unbesiegten Kaisers Antonius hat Marcus Aurelius Agrippinus, Benefiziarier im Stabe des Statthalters, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst.“

Da im letzten Stein der Kaiser genannt wird, läßt er sich sehr genau auf die Jahre zwischen 211 und 222 datieren.

Auf der Vorderseite zeigen alle Steine sitzende weibliche Figuren. An den Schmalseiten sind verschiedene Abbildungen zu finden, so ein Füllhorn, ein Altar mit einem Schweinekopf, sowie andere Gottheiten (zum Beispiel Venus und Herkules auf dem mittleren Weihestein).

Beschreibung:

Dieses Matronenheiligtum ist ganz sicher das bekannteste und am meisten besuchte aller in der Eifel liegenden Matronenheiligtümer. Der Weg dorthin ist landschaftlich sehr reizvoll und die exponierte Lage auf dem Bergrücken erlaubt eine uneingeschränkte Aussicht auf das Urfttal und die umliegenden Berge, Felder und Wälder der Eifel. Durch die Anlage des Archäologieparks wird der Tempel nun in einen völlig neuen Zusammenhang gestellt und durch die räumliche Nähe zur Handwerker- und Handelsstraße sowie zum Kastell ergibt sich eine viel deutlichere Vorstellung vom damaligen Betrieb, den man sich wie eine Mischung aus reger Geschäftsstraße und Pilgerverkehr in Kevelaer vorstellen kann.

Der Tempel ist gut ausgeschildert. Ein Matronenlogo weist den Weg

Der Tempel ist gut ausgeschildert. Ein Matronenlogo weist den Weg

Die Anlage ist gepflegt und sauber. Informationstafeln informieren über die Geschichte und Hintergründe dieser Tempelanlage. Sie finden sich überall entlang des Rundweges und wurden durch die Gemeinde Nettersheim aufgestellt, die den Tempel zusammen mit dem Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege betreut.

Es gibt auch eine Schutzhütte sowie die Möglichkeit zum Picknick.

Es herrscht oft reger Betrieb in der Tempelanlage, wobei das Publikum sehr gemischt ist. Sowohl Schulklassen und Wanderer auf dem Erlebnispfad des Naturzentrums suchen diesen Ort auf, als auch Angehörige diverser religiöser und gesellschaftlicher Gruppen. Von meditierenden Frauengruppen über Wicca bis hin zu Anhängern des Asatru und freien Hexen ist hier alles anzutreffen. Auch finden sich hier archäologisch interessierte Besucher, auf den Spuren der Römer durch die Eifel reisend, denn der Tempel gehört auch zu den überregionalen Zielen der „Straßen der Römer an Eifel und Mosel“, die mit einem Reiseführer zwischen summenden, singenden und trommelnden Frauen umherwandern. Chancen auf weniger Besucher hat man eher außerhalb der Ferienzeit und bei etwas bedeckterem Wetter sowie im Winter.

Auch auf den neuen Weihesteinen finden sich schon Opfergaben

Auch auf den neuen Weihesteinen finden sich schon Opfergaben

Es sind immer frische Opfergaben an den Matronensteinen zu finden. Darunter eher traditionelle Gaben aller möglichen Kulte wie Opferbrote, Blumen, Räucherwerk, Früchten, Münzen bis hin zu modernen Suggestiv-Zettelchen rat- oder heilungssuchender Frauen mit Aufschriften wie: „Ich bin stark und liebenswert“ oder kleinen, abstrakten, selbstgemachten Gemälden oder handgefertigten Figürchen aus Ton oder Stroh.

Das Ablegen eigener Opfergaben und das Räuchern stellt auch für den römisch-rekonstruktionistischen Cultor generell kein Problem dar, auch wenn man natürlich selbst entscheiden muß, ob man mit lateinischen Ritualen und römischer Kopfbedeckung unbedingt die Aufmerksamkeit von gerade anwesenden modernen Hexen auf sich ziehen möchte. Erwischt man aber einen guten Zeitpunkt, so kann man in Ruhe und ungestört die Cella umwandern.

Meistens lassen sich die Anwesenden gegenseitig in Ruhe, so fanden wir bei unserem letzten Besuch sowohl eine Frau vor, die im Schneidersitz vor den Matronensteinen saß und in ein Gebet vertieft war, als auch eine Gruppe aus drei Frauen, die leise sprechend im Umgang des Tempels saßen.

Durch die Einbettung in den Archäologischen Landschaftspark und die räumliche Nähe zum Vicus und Kastell ist nun mit höherem Besucheraufkommen zu rechnen, da die Anzahl der Sehenswürdigkeiten und ihre Präsentation nun für Touristen und Wanderer sehr attraktiv geworden ist.

Eintritt und Zugänglichkeit:

Der Tempel und der Archäologische Landschaftspark ist jederzeit frei zugänglich. Man muß allerdings zu Fuß hinwandern, da eine direkte Zufahrt mit dem Auto nicht möglich ist.

Auch nächtliche Besuche sind möglich, wobei jedoch zu beachten ist, daß die exponierte Lage auf dem Rücken des Berges im Umland weithin sichtbar ist, was insbesondere bei Feuer zu beachten ist.

Wer irgendwelche nächtlichen Rituale durchführen möchte, sollte im Auge behalten, daß es ab und zu auch germanische Gruppen nachts zu diesem Tempel zieht, deren Praktiken mit dem Cultus Deorum eher inkompatibel sind. Auch mit hexischen Aktivitäten zu besonderen Anlässen wie Beltane oder Sonnenwende ist zu rechnen.

Abgesehen davon, daß nächtliche Tempelaktivitäten in der römischen Religion, von speziellen Kulten für besondere Gottheiten einmal abgesehen, ohnehin eher unüblich waren, steht einem Besuch dieses Ortes bei Nacht um der Atmosphäre willen nichts im Wege, sofern man den Weg durch die dunkle, unbeleuchtete Eifellandschaft findet und potentielle Begegnungen mit anderen Nachtschwärmern in Kauf nimmt.

Sonstiges:

Die Anlage ist weitläufig und es gibt auch einen Unterstand, der vor Unwetter schützt

Die Anlage ist weitläufig und es gibt auch einen Unterstand, der vor Unwetter schützt

Zwischenzeitlich gab es Pläne der Gemeindeverwaltung Nettersheim, einen gigantischen hölzernen Kubus in die Cella des Tempels zu bauen. Dieses Projekt wurde – den Göttern sei Dank -nach Protesten zahlreicher Interessengruppen und der Bevölkerung gestoppt.

Fotografieren ist natürlich uneingeschränkt möglich.

Der Besuch des Tempels sollte idealerweise mit einem Besuch aller drei Matronentempel in der Gegend kombiniert werden, die aufgrund ihrer unmittelbaren Nähe alle an einem Tag aufgesucht werden können.

Auch sollte man unbedingt den kompletten Rundwanderweg gehen, um ein vollständiges Bild von der Lage des Tempels oberhalb der Schnellstraße und von der dazugehörigen Siedlung zu erhalten.

Das Naturzentrum Nettersheim bietet auch Fahrten mit einem römischen Reisewagen zum Tempel an.

Teilnahme an Wochend-Grabungscamps unter fachkundiger archäologischer Führung ist ebenfalls möglich!

Weiterführende Informationen:

 

Götterwelt: Der Genius loci

 

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Kurzübersicht: Die Genien

Hinweis: Ausführliche, allgemeine Informationen zum Genius folgen beizeiten in diesem Blog, deshalb hier nur eine kurze Übersicht.

Römer kannten zahlreiche Genii (Plural von Genius), die sich im Laufe der Zeit von einfachen Schutzgeistern zu zahlreichen spezialisierten Genien entwickelten.

Das Konzept des Genius war bereits bei den Etruskern bekannt, entfaltete und differenzierte sich im römischen Privat- und Staatskult aber weitreichend.  Als „Geister“ waren sie die individuelle Instanz einer generellen göttlichen Natur, die nach römischem Verständnis jedem Individuum, jedem Ort, jeder Sache innewohnte und die für deren Schutz zuständig war.

So gab es den besonders im privaten Kult zentralen Genius Paterfamilias, der über den Haushalt inklusive all seiner Bewohner, Familienmitglieder, Bedienstete wie Sklaven, wachte und dessen Sitz man im Körper des Hausherrn vermutete (der weibliche Genius, der im Körper der Hausherrin wohnte, wurde Iuno genannt). Der Genius galt als mit dem Menschen verbunden, war aber nicht mit ihm identisch. Er sollte auch nicht mit Begriffen wie „Seele“ oder „Leben“ vermischt werden.

Daneben gab es Genien, Schutzgeister, die auf sehr eng umgrenzte private Bereiche des Lebens spezialisiert waren, wie etwa den Genius Cunina („in der Wiege“), bis hin zu Genien, die die Stadt Rom, den ganzen Staat und das Volk beschützten (Genius Urbis Romae, Genius Populis Romani) und für die es Tempel, feste Feiertage mit öffentlichen Opfern und Veranstaltungen (wie den Ludi Genialici, den Spielen zu Ehren der Genien am 11. und 12. Februar) gab. Auch ganze Kollektive wie Legionen, Gemeinschaften, Vereine, Völker hatten einen eigenen Genius, genauso wie Orte, Stadtviertel, Märkte, Veranstaltungen (Genien des Theaters sorgten z.B. dafür, daß die Vorstellung ein Erfolg wurde), und selbst einfache Dinge wie Türen und Tore.

Genius loci von Bad Wimpfen / Kreis Heilbronn. Die Stadtmauer ist als Kopfbedeckung dargestellt

Genius loci von Bad Wimpfen / Kreis Heilbronn. Die Stadtmauer ist als Kopfbedeckung dargestellt

Mit dem Kaiserkult schließlich zog der Genius Augusti in die Reihen der Genien ein, der Geist des Kaisers, der im Kaiserkult anstelle des Menschen verehrt wurde, der jeweils gerade dieses Amt bekleidete. Ein Eid auf den Kaiser und die Verehrung des Kaisers war deswegen immer auf den Genius bezogen.

Genii spielten im römischen Denken und Handeln eine zentrale Rolle, so daß man bestrebt war, sich immer auch an die Genien zu wenden, die einem bestimmten Unterfangen, einem Ort, einem Gegenstand oder einem anderen Aspekt, der die Angelegenheit betraf, zugeordnet waren.

Hunderte von Weihesteinen und Inschriften an die unterschiedlichsten Genien haben die Zeiten überdauert. Es gab auch standardisierte „Formeln“, die man verwendete, wenn man ein Opfer oder eine Bitte äußerte, aber nicht genau wußte, wie der Genius hieß, an den man sich wenden mußte oder welcher Genius an einem bestimmten Ort residierte. Dies ist auf Weihesteinen z.B. durch die Abkürzung „GHL“ zu erkennen, was für „genio huius loci“ („an den Genius dieses Ortes“) steht.

Im Jahr 392 n. Chr. wurde die Verehrung der Genien, zusammen mit dem Larenkult und der Verehrung der Penaten, durch Theodosius I. verboten. Nachweise, daß der Kult darüber hinaus im Privaten fortgesetzt wurde, finden sich bis in die Spätantike.

Genius loci

Mit „Genius loci“ (dt: „Geist des Ortes“) bezeichnete man die Genien, die an einem bestimmten Ort lebten und diesen beschützten.

Alle Orte hatten ihren eigenen Genius: Das reichte von kleinsten Bereichen (Stein, Baum, Teich, Tür, Tor, Fels, Strauch, Brücke, Hof, einzelne Räume eines Hauses, Bett, Keller, Kultplätze, Straße, Schrein, Hügel…) über größere Orte wie Tempel, Gebäude, Stadtviertel, Märkte, Theater, Arenen, Höhlen, Weinberge, Vulkane, Flüsse, Wälder bis hin zu ganzen Städten und Provinzen (wie Pannonien oder Britannien) oder Regionen (Wüsten, Gebirge, Meer).

Altäre und Weihesteine für Genii loci sind aus dem ganzen Römischen Reich bekannt und wurden an zahlreichen Orten gefunden, auch in Mitteleuropa nördlich der Alpen, wie in Germanien, Gallien und Britannien.

Darstellungen und Attribute

Der Genius loci hat keine einheitliche Darstellung, jedoch wird er bevorzugt als Schlange dargestellt. Daneben gab es abstrahierte Vorstellungen vom Genius, da er unsichtbar an einem Ort residiert, zum Beispiel in einem Vulkan oder einem nicht-faßbaren Ort wie einem Stadtteil oder einem Gebäude zugehörig ist.

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Ab der späteren Republik, in der figürliche Darstellungen häufiger werden (auch von Göttern, die zuvor oft ebenfalls abstrakt und gestaltlos verehrt wurden), findet sich auch eine Häufung bildlicher Darstellungen unterschiedlicher Genii. Während der Genius paterfamilias oft als Mann mit Toga und capite velato (mit bedecktem Haupt) dargestellt wird, sind andere Genien oft bärtig und mit freiem Oberkörper dargestellt, später auch als Jünglinge oder als geflügelte Wesen. Oft halten sie Füllhorn (cornucopia) und Opferschale (Patera) in der Hand.

Auch für den Genius loci sind unterschiedliche Darstellungsweisen bekannt.

Als Schlange wird er vor allem im Lararium dargestellt, wo er deswegen von den tanzenden Jünglingen der Penaten und Laren mit ihren Füllhornen und Schalen zu unterscheiden ist.

Auch an vielen anderen Orten, wie in Schreinen und auf Weihesteinen, ist er als Schlange überliefert, die in der römischen Symbolik als wohlwollende, sanfte Wesen gelten, die Frieden und Wohlstand bringen (und nicht, wie im Christentum, negativ behaftet sind). Die Schlange galt im Altertum als der Unterwelt zugeordnet, aber eben im positiven Sinne – sie steht für die Verbindung mit der Erde, vermittelt Wissen und Schutz. und ist unter anderem ein heiliges Tier des Gottes Asklepius (der Äskulap-Stab ist heute noch das Zeichen von Apothekern und Ärzten).

Eine andere Darstellung findet sich zum Beispiel in der Kirche St. Giles in Wiltshire in England, die von den Normannen aus altem römischen Baumaterial errichtet wurde. Hier findet sich eine Darstellung eines jugendlichen, lockigen Genius loci, der ein Füllhorn in der linken Hand und eine Patera in der rechten Hand hält.

Die Schlange ist jedoch die häufigste und am weitesten verbreitete Darstellung für den Genius loci, während die Darstellungen als Mann, Jüngling oder geflügeltes Wesen meist anderen Typen von Genii vorbehalten bleibt, die nie als Schlange dargestellt werden.

Kultgeschehen

Die Verehrung der Genii loci war sowohl im Privatkult (Sacra Privata) als auch im Staatskult (Sacra Publica) ein wichtiger Bestandteil.

Im privaten Bereich war der Genius loci  Bestandteil jedes Larariums, so daß seine Verehrung fest mit dem Larenkult verbunden war.

Römer, die unterwegs waren und ein Opfer bringen wollten, brachten dieses nicht nur einer Gottheit dar, sondern oft auch einem „unbekannten Genius des Ortes“, der nicht näher bezeichnet wird, um nicht Gefahr zu laufen, einen lokalen Genius zu ignorieren. Zahlreiche Weihungen an einen solchen anonymen Schutzgeist oder Lokalgott des Ortes bezeugen diese Praktik. Oft wurden alle unbekannten Geister und Götter auch in einer Formel zusammengefaßt, die sicherstellte, daß man niemanden vergaß und überging: „di deaeque omnes“ („allen Göttern und Göttinnen“).

Ein Beispiel dafür, daß man stets den Genius loci als „Lokalgottheit“ eines Ortes einbindet, an dem man ein Ritual abhält, findet sich beim römischen Dichter Calpurnius Siculus bei der Beschreibung eines Opfers an Faunus an einem Schrein des Gottes auf einer Insel inmitten des Tibers: „Tum caespite vivo pone focum geniumque loci Faunumque Larsque salso farrre voca.“ („Dann errichte eine Feuerstelle mit frischem Gras und rufe Faunus und die Laren und den Genius des Ortes mit einem Opfer von Salat“).

Im Staatskult wurde der Genius loci der Stadt Rom verehrt. Lokale Gemeinschaften wie die Bewohner von Stadtteilen oder die Bürgergemeinschaften auf den Hügeln Roms verehrten ihre Genien ebenfalls gemeinsam bei öffentlichen Veranstaltungen.

Sonstiges:

Votivstein für I(upiter) O(ptimus) M(aximus) und den Genius Loci von Caius Candidinius Sanctus, Signifer der 30. Legion, für sich und seine Legion (Museum Nijmegen)

Votivstein für I(upiter) O(ptimus) M(aximus) und den Genius Loci von Caius Candidinius Sanctus, Signifer der 30. Legion, für sich und seine Legion (Museum Nijmegen)

Befand man sich an einem Ort und fühlte „dessen Präsenz“, zum Beispiel inmitten eines Waldes oder an einem Fluß oder einem anderen Ort, so war man der Ansicht, dem Genius loci dieses Ortes begegnet zu sein. Das war kein bedrohliches Ereignis oder Erlebnis, sondern führte im Gegenteil in der antiken Welt gerade nicht zu Verwunderung oder Besorgnis. Die Anwesenheit eines Genius loci an jedem Ort galt als Selbstverständlichkeit und das Gefühl seiner Präsenz war ein gutes Zeichen. Nichts zu fühlen, quasi an einer ‚verlassenen‘ Stelle in der Natur zu stehen, hätte viel eher Grund zur Skepsis gegeben.

Erst mit mittelalterlichen Glaubensvorstellungen, in denen Geister und Dämonen als etwas Negatives betrachtet wurden (wobei das Wort Dämon auf das griechische δαίμων (daimon) zurückgeht und auch in dieser Vorstellung einen guten, oft mahnenden Geist (das Gewissen) beschrieb), erfuhr dieses Erlebnis einen Bedeutungswandel und es wurde als bedrohlich angesehen, wenn man die Präsenz eines Ortes spürte, das Gefühl, von diesem „beobachtet“ zu werden oder von unsichtbaren Wesen umgeben zu sein. Den Römer erschreckte ein solches Erlebnis nicht, sondern veranlaßte ihn allenfalls dazu, den Genius loci des Ortes zu grüßen und für die Dauer des Verweilens um dessen Schutz zu bitten. Dieser Brauch ist auch im heutigen Cultus Deorum üblich.

Der BegriffGenius loci“ wird auch heute noch (bzw. wieder)  in vielen Bereichen verwendet, vor allem in der Architektur, im Landschafts- und Gartenbau, in der Esoterik und Ökopsychologie. Man muß sich jedoch im Klaren darüber sein, daß das, was heute damit verbunden ist, nicht mehr der Vorstellung entspricht, die man in der Römischen Religion damit verband. Tatsächlich erfuhr der Begriff im Laufe der Zeit mehrfach einen Bedeutungswandel.

Das Christentum, das im Römischen Reich die polytheistische Religion ablöste, bestritt in seiner Anfangszeit nicht die Bedeutung eines Ortes als Sitz von Ortsgeistern, sondern transformierte genau diese Orte durch Überbauung mit sakralen Gebäuden wie Kirchen, kleinen Kapellen am Wegesrand oder Klöster in Orte einer „nicht näher bestimmbaren Spiritualität“. Aus nachrömischer, christlicher Zeit stammt auch die Vorstellung eines außerhalb des Körpers anzutreffenden, individuellen „Schutzgeistes“ in Form des Schutzengels.

Mit der Aufklärung verlor der Begriff „Genius loci“ seine ursprüngliche Bedeutung und Funktion als „Schutzgeist“ eines Ortes, der für den Römer noch untrennbar damit verbunden gewesen war. Die Natur und die Landschaft galten fortan als „unbelebt“ und bekamen ihre „Seele“, ihren „Geist“ nur durch die gestalterische und schöpferische Wirkung des Menschen.

In der Zeit der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert wurde der „Genius loci“ wiederentdeckt. Insbesondere im Jugendstil  herrschte ein regelrechter Boom, was an den überall auftauchenden Genius-Figuren in Gärten und Malereien zu erkennen ist. Im Unterschied zum römischen Verständnis beschreibt der Begriff heute aber nur noch abstrakt den „Geist eines Ortes“, das heißt, dessen Flair, dessen Atmosphäre, dessen Wirkung.

Aktuell beschreibt der Begriff ein Konzept der Architektur, das bestrebt ist, Landschaft und Bau wieder in ein harmonisches Verhältnis zueinander zu setzen. Auch im Garten- und Landschaftsbau wird der Begriff wieder verwendet, bis hin zu esoterischen Bewegungen, die Gebäude auf der Grundlage von „Energiefeldern“ und „ortsansässigen Naturgeistern“ gestalten und einrichten. Vom ursprünglichen antiken Verständnis sind diese modernen, gewandelten Begrifflichkeiten jedoch strikt zu unterscheiden.

Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus

Die Bedeutung von Zeichen im römischen Cultus wurde bereits in unserem ersten Teil, dem Einführungsartikel über die Auspizien: „Deuten des Götterwillens aus Zeichen“ ausführlich dargelegt.

Da dieser Artikel als Ergänzung dazu dient und keine Hintergrundinformationen wiederholt, empfehlen wir unbedingt, zuerst die Einleitung zu lesen!


Ein Augur mit Krummstab und Vogel

Ein Augur mit Krummstab und Vogel

Römer waren im Alltag generell sehr darauf bedacht, Zeichen zu beachten. Besondere Vorkommnisse, außergewöhnliche Ereignisse, Naturerscheinungen oder Begegnungen wurden als Botschaften der Götter interpretiert, durch die diese ihren Willen oder ihre Meinung kund taten. Wenn man wegen eines privaten Anliegens an sie herangetreten war, so wurde kritisch nach Zeichen Ausschau gehalten, die als Zustimmung gewertet werden konnten. Aber auch sonst war man überzeugt davon, daß sich die Götter gelegentlich auch ungefragt „von sich aus“ mitteilten.

Während im Staatskult Auguren für die Durchführung der öffentlichen Auspizien zuständig waren, konnte im privaten Kult jeder für sich Auspizien durchführen. Sie waren eine Privatsache zwischen der Person und der Gottheit, an die sie ihr Anliegen richtete.

Man unterschied im Alten Rom aber sehr differenziert zwischen Zeichen, die als Botschaften der Götter verstanden wurden und zum Beispiel durch Auspizien und Haruspizien interpretiert wurden, und „abergläubischen“ Praktiken, die verpönt – und zum Teil verboten – waren. Hierbei hatte „Aberglaube“ (superstitio) für die Römer eine weiterreichende Bedeutung als in der modernen Zeit.

Aberglaube oder Zeichen der Götter? 

Während eine Gottheit sich durch ein spezielles Zeichen oder Tier mitteilen konnte, das ihr als spezifisches Attribut zugeordnet war (sei es Vulcanus durch einen Vulkanausbruch, Minerva durch eine Eule, Isis durch eine Kuh), gab es auch allgemeingültige Zeichen, die jedem Römer geläufig waren, weil sie kulturell von Generation zu Generation weitergegeben wurden und ihre Kenntnis zum Allgemeingut gehörte.

Vergleichbares, d.h. Zeichen, die jeder kennt und interpretieren kann, gibt es auch heute noch bei uns, auch wenn sie spöttisch in den Bereich des „Aberglaubens“ oder Volksglaubens geschoben werden. Sie sind aber tatsächlich so weit in der Bevölkerung verbreitet, daß sie als Teil unserer europäischen Kultur angesehen werden können, der auch heute noch von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Diese Zeichen verheißen in der Regel „Glück“ oder „Unglück“, was sich vom Effekt her nicht von einem zustimmenden oder ablehnenden Zeichen der Götter unterscheidet. Jeder Angehörige unseres Kulturkreises kennt die Vorstellung, daß eine schwarze Katze, die von links nach rechts läuft, Unglück bringt, genauso wie verschüttetes Salz oder ein zerbrochener Spiegel. In Flugzeugen gibt es keine Sitzreihe 13, in Wolkenkratzern keine 13. Etage. Findet man ein Hufeisen oder ein Kleeblatt mit vier Blättern, ist das ein gutes Zeichen und verheißt Glück.

Nun wird offiziell heutzutage nicht mehr sonderlich viel auf derartige Zeichen gegeben, aber es gibt auch heute noch bemerkenswert viele „rituelle Handlungen“, die zur Abwehr guter und böser Zeichen und zur Erzwingung des Glücks durchgeführt werden – selbst von ganz bodenständigen, modernen Menschen, die nichts mit „Aberglauben“ am Hut haben oder sich der Hintergründe überhaupt nur bewußt sind – so tief ist sind die Handlungen im kollektiven Kulturgut verwurzelt.

So wirft man sich Salz über die Schulter, wenn der Salzstreuer umfällt, man klopft dreimal auf Holz, um das Gute zu beschwören. Bei Sternschnuppen wünscht man sich etwas, selbst das Anstoßen mit den Gläsern beim Trinken soll Glück bringen und Böses fernhalten, Trinksprüche beschwören Gesundheit, Geld oder Erfolg. Zu Silvester werden Glücksschweine und Kleeblätter verschenkt, Hufeisen werden an die Tür genagelt, und zwar so, daß das Glück nicht herausfallen kann. Auf Polterabenden wird Porzellan zerschlagen, um böse Geister zu vertreiben und insbesondere ältere Leute sind davon überzeugt, daß man zwischen Weihnachten und Neujahr – „zwischen den Jahren“ – keine Wäsche waschen darf.

Ein solches Zeichen am Wegesrand würde jeder moderne Mensch sofort zu deuten wissen!

Ein solches Zeichen am Wegesrand würde jeder moderne Mensch sofort zu deuten wissen!

Den Glauben der Römer an Zeichen deswegen pauschal als „Aberglauben aus früherer Zeit“ und „Volksglauben der primitiven Leute aus der Antike“ abzutun, wäre zu kurz gegriffen, denn diese Vorstellungen sind unbewußt auch tief im modernen Menschen verwurzelt und einfach Teil unserer mitteleuropäischen Tradition und Geschichte, nur daß sie heutzutage nicht mehr systematisch und quasi-wissenschaftlich betrieben werden wie in der römischen Antike.

Auch bei den Römern wurde unterschieden zwischen „Zeichen“, die ganz selbstverständlich als von den Göttern kommend betrachtet wurden, und „Superstitio„, dem Aberglauben. Dieser Begriff war jedoch weitreichender als bei uns, denn er umfaßte auch übertriebene, devote Frömmigkeit, die Furcht vor einem strafenden und zürnenden Gott, dessen Wohlwollen man sich unterwürfig erflehte, und den unangemessenen Wunsch, sich göttliche Macht durch magische Mittel anzueignen, die dem Menschen nicht zustand.

Sich deshalb die Menschen der römischen Antike als naive abergläubische Leute vorzustellen, die in allem und jedem Zeichen sahen, ständig Glück und Unglück fürchteten und beim falschen Zeichen das Haus nicht verließen, wäre falsch, da es der Arroganz des modernen Menschen entspringt, der mit seinem heutigen Wissensstand auf die Welt vor 2000 Jahren herabblickt und sich für aufgeklärt hält. Aber dann am nächsten Abend zum Polterabend geht, seinem Schwager mit einem Trinkspruch zuprostet und dann ein Glücksschwein aus Marzipan verschenkt, bevor er ihm erzählt, er hat einen gut bezahlten neuen Job in Aussicht, was er wie selbstverständlich mit ‚toi toi toi‘ dreimal auf den Holztisch klopfend zur Realität werden lassen möchte – bewusst oder unbewusst.

Schon der Römer vor 2000 Jahren wußte ganz genau zwischen den unterschiedlichen Praktiken und Vorstellungen zu differenzieren, auch wenn er das – religiös und kulturell bedingt – aus einem anderen Blickwinkel tat als der moderne Mensch.

Zeichen deuten als Wissenschaft

Tatsächlich gab es in der römischen Antike, genau wie in der modernen Zeit, alle Färbungen und Ausprägungen in Bezug auf das Lesen von Zeichen, von einer hochwissenschaftlichen und sachlichen Betrachtungsweise bis hin zu „abergläubischen“ magischen Praktiken.

Die Auspizien waren eine hochwissenschaftliche Angelegenheit, die sachlich, nüchtern und mit großem Ernst und Kalkül betrieben wurden.

Gelegentlich wurde, um ein politisch erwünschtes Ergebnis zu erzielen, ein Vogel von einem Gehilfen auch gezielt fliegen gelassen....

Römischer Pragmatismus: Gelegentlich wurde, um ein politisch erwünschtes Ergebnis zu erzielen, ein Vogel von einem Gehilfen auch gezielt fliegen gelassen….

Sie wurden aus politischem Kalkül und Machterhalt genauso praktiziert wie aus dem ehrlichen Bedürfnis heraus, den Segen der Götter für ein Unterfangen zu erlangen. Die Kunst, die Zeichen zu deuten, wurde jahrelang erlernt und von Augur zu Augur weitergegeben. Die Riten der Auspizien wurden nach festgelegten Regeln und Vorschriften durchgeführt, die jahrhundertelangen Erfahrungen entsprachen und von denen nicht abgewichen werden durfte, um das Ergebnis nicht unwirksam werden zu lassen. Die Interpretation der Ergebnisse folgte festgelegten Regeln, auch wenn der Augur immer einen gewissen Interpretationsspielraum hatte, und es gab Gesetze und Vorschriften darüber, was welches Zeichen wann bedeutete und wie damit umzugehen war.

Bisweilen kam es sogar vor, daß zu besonders wichtigen Entscheidungen, die zwingend auf ein positives Urteil der Auguren angewiesen waren, ein Vogel von einem Gehilfen zum richtigen Zeitpunkt fliegen gelassen wurde – römischer Pragmatismus.

Auch machte man sich den allgemeinen Glauben an spontan geschickte Zeichen der Götter zunutze, indem man zu einem wichtigen Anlaß, zum Beispiel bei einem Triumphzug oder anlässlich eines anderen öffentlichen Spektakels, einen Schwarm Vögel aus einem Käfig aufsteigen ließ, den man zuvor strategisch günstig positioniert hatte, so daß auch in der Bevölkerung kein Zweifel darüber bestand, daß die Götter wohlgesonnen waren.

Als fundamentaler Bestandteil des Staatsgeschehens wurde, wie im Einführungsartikel beschrieben, nichts ohne vorherige Auspizien durchgeführt, so daß diese einen Pfeiler für das perfekte Funktionieren des Staates bildeten. Und bekanntermaßen war der römische Staat über tausend Jahre lang sehr erfolgreich – oft erstaunlich erfolgreich, bedenkt man seine internen Querelen und oft massiven Probleme angesichts der schieren Größe und Ausdehnung des Reichs.

Da alle staatstragenden Entscheidungen seit der frühen Republik bis zur Ablösung durch das Christentum nur nach Beratung durch die Auguren getroffen wurden, ist es fehl am Platz, die Auspizien als „abergläubische Praktiken“ abzutun. Sie trugen ganz im Gegenteil wesentlich zu einem erfolgreichen Staat bei, sowohl in politischen als auch militärischen und zivilen Fragen und waren ein legitimes Werkzeug, das die Römer zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden, im öffentlichen wie im privaten Bereich.

Verbotene „abergläubische“ Praktiken 

Ganz im Kontrast dazu gab es auch im alten Rom schon Praktiken, die als „abergläubische“ Handlungen abgelehnt wurden und die man einzudämmen versuchte.

Hierbei stand nicht die Vorstellung im Vordergrund, daß es sich dabei um „Aberglauben“ handelte, denn ihre potentielle Wirksamkeit wurde nicht angezweifelt oder bestritten. Sie war nur einfach nicht Thema der Diskussion, denn diese Praktiken, die in den Bereich der Superstitio fielen, störten die Grundordnung der Gesellschaft und verstießen gegen die römischen Werte und Tugenden. Aus diesem Grund gefährdeten sie den inneren Frieden und wurden verboten.

Ob sie nun wirksam waren oder nicht, war dabei unerheblich – wobei sich wieder der römische Pragmatismus zeigt.

Inschrift einer Fluchtafel im Isis-Mater Magna-Heiligtum in Mainz

Inschrift einer Fluchtafel im Isis-Mater Magna-Heiligtum in Mainz

Insbesondere in den Mysterienkulten (wie dem Kybele-Kult), gab es magische Praktiken und Schadenszauber, mit denen man anderen Personen zu schaden versuchte. Flüche und Verwünschungen auf Fluchtafeln (defixio), die zahlreich in den entsprechenden Tempeln und Kultstätten überall in Europa gefunden wurden, zeichnen hiervon ein deutliches Bild. Diese Praktiken waren jedoch nicht auf die Mysterienkulte beschränkt; die meisten defixiones wurde im römischen Britannien gefunden, wo sie sich auf den Mercurius-Tempel in Ulay und das Quellheiligtum der Sulis Minerva in Bath konzentrieren. In Ulay richten sich bemerkenswert viele dieser Tafeln gegen Diebe, die ein großes Problem gewesen zu sein schienen.

Auch gab es Praktiken, die fast an den Voodoo-Kult erinnern, indem Abbilder einer unerwünschten Person geformt und dann mit Nadeln durchbohrt oder Körperteile zerbrochen und falsch herum angesetzt wurden. Die Rituale, um die Gegenstände herzustellen, magisch zu binden und schließlich am Zielort abzulegen, sind zum Teil recht komplex. Im Isis- und Mater Magna-Heiligtum in Mainz sind zahlreiche dieser Fundstücke ausgestellt und zeichnen ein lebhaftes Bild dieser verbreiteten Praxis des Analogiezaubers.

Solche Praktiken gehörten nicht zum Alltag jedes Römers, die meisten praktizierten den traditionellen römischen Cultus, der im Einklang mit den Gesetzen und Traditionen des römischen Staates stand.

Bislang ist wissenschaftlich umstritten, in welchen Kreisen diese Schadenszauber vorwiegend praktiziert wurden. Aus den Inhalten der Fluchtafeln geht der Trend dahin, daß vor allem untere Kreise, das heißt Sklaven, Einwohner ohne römisches Bürgerrecht oder Personen mit niedrigem Sozialstatus, von diesen Praktiken Gebrauch machten, zum Beispiel Gladiatoren oder Wagenlenker, um dem Gegner zu schaden, wie aus Fluchtafeln aus dem Amphitheater in Karthago ersichtlich ist. Dennoch gibt es auch Tafeln, auf denen die Namen hochrangiger Politiker und wohlhabender Bürger erscheinen. Abgesehen von Liebeszaubern und erotischen Flüchen trifft die überwiegende Mehrheit der gefundenen Flüche Männer.

Tatsächlich waren Fluchtafeln, genauso wie magische Handlungen, im Römischen Reich trotz der teilweise starken Popularität, vor allem im 2. und 3. Jahrhundert n.Chr., verboten (im Gegensatz zum antiken Griechenland, wo sie erlaubt waren, man jedoch für dadurch hervorgerufene Todesfälle belangt werden konnte). Es gab Gesetze gegen „heimtückische Verbrechen“, zu denen neben Giftmischerei und Brandstiftung auch Schadenszauber gerechnet wurden und es wurden auch Senatsbeschlüsse gegen Zauberei und „bösartige Kulthandlungen“ (mala sacrificia) verhängt.

Ab der Kaiserzeit wurden derartige Praktiken und jede Form von Magie rigoros verfolgt, wobei hierbei nicht immer nur die Erhaltung römischer Werte und Ordnung im Vordergrund standen, sondern auch politische Verfolgung oder ideologische Gründe.

Figur eines Mannes, die zum Schadenszauber verwendet wurde. Isis-und Mater Magna-Heiligtum, Mainz

Figur eines Mannes, die zum Schadenszauber verwendet wurde. Isis-und Mater Magna-Heiligtum, Mainz

Kaiser Tiberius ließ 130 als Magier und Magierinnen bezichtigte Personen hinrichten. Auch unter Nero und Claudius wurde die Anwendung von Magie verfolgt. Es sind durch Tacitus mindestens 10 Gerichtsprozesse überliefert, deren Anklage sich auf „magisches Handeln“ stützt, so zum Beispiel gegen den Statthalter der Provinz Syra, der gemeinsam mit seiner Frau durch magische Mittel einen Konkurrenten getötet haben soll. Allerdings stützte sich die Anklage in den meisten Fällen nicht ausschließlich auf die Magie (die vor den römischen Gerichten allein kaum Bestand gehabt hätte), untermauerte die anderen Anklagepunkte jedoch, weil die Intention des Beschuldigten deutlich wurde, schaden zu wollen.

Mit dem Aufkommen des Christentums wurde der Ton gegen magische Praktiken immer schärfer. Ab dem 4. Jahrhundert nahmen die Prozesse wegen magischer Praktiken deutlich zu, wobei der Historiker Ammianus Marcellinus von einer wahren „Prozeßhysterie“ spricht (hierbei ist jedoch anzunehmen, daß ein Großteil der Magie-Anklagen als Vorwand genutzt wurde, um unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen). Strafen für die Ausübung von Magie reichten von Verbannung bis Hinrichtung. Ab dem 3. Jahrhundert stand auf Schadenszauber und Verwünschung, d.h. die Erstellung von Fluchtafeln und Figuren, die Höchststrafe wie Kreuzigung, Verbrennung oder die Hinrichtung ad bestias, d.h. durch wilde Tiere in der Arena.

Spätere kaiserliche, christlich geprägte Edikte gingen schließlich so weit, Schadenszauber und Wahrsagung im spätantiken Codex Theodosianus (438) und Codex Iustinianus (529) zusammenzufassen und die zuvor erwähnten, im 3. Jahrhundert eingeführten Höchststrafen der Kreuzigung, Verbrennung und Hinrichtung ad bestias, schriftlich festzuschreiben.

Während Auspizien also die allgemein akzeptierte und staatlich geforderte Art und Weise waren, Zeichen von den Göttern zu erbeten, galt es als unangemessen und superstitio, sich mit Hilfe der Götter durch Flüche und Schadenszauber gegen andere Personen zu richten.

Auch dies zeigt, daß die Römer sehr wohl zwischen unterschiedlichen Formen der Kommunikation mit den Göttern unterschieden und eine sehr differenzierte Vorstellung davon hatten, welche Kommunikationsform angemessen war – und welche die öffentliche Ordnung und die Erhaltung der römischen Werte störte.

Auspizien im Privatkult

Wie es im Staatskult üblich war, die Götter um Zeichen für geplante Vorhaben zu bitten, so war es im Privatkult ebenso üblich, die Zustimmung der Götter zu einem geplanten Unterfangen zu erbitten.

Auch war es für jeden Römer selbstverständlich, die Augen nach Zeichen offenzuhalten, die nicht erbeten waren, von den Göttern aber ungefragt geschickt wurden.

Darin lag nichts Verwerfliches und der Glaube daran, daß sich die Götter über Zeichen mitteilten, war ein allgemein verbreiteter Grundsatz der Religio Romana bis zur Ablösung des alten Glaubens durch das Christentum als Staatsreligion.

Ganz grundsätzlich drückt sich in dieser Zeichendeutung eine besondere Wahrnehmung der Welt aus, die sich von unserem heutigen sachlichen bis gelangweilten Blick auf das, was uns umgibt, unterscheidet. Es geht um eine besondere spirituelle Aufmerksamkeit, geschult durch eine willentlich und strukturiert ausgearbeitete Schablone aus Bedeutungen, die über die bekannte Welt gelegt wird, um durch sie Ahnungen, die man in seinem Inneren wahrnimmt, nach außen zu spiegeln und somit externalisiert fassbar werden zu lassen. Ebenso wie Tarotkarten, basierend auf einer fixierten Bedeutung der einzelnen Elemente, in ihrem tatsächlich gelegten Bild eine Möglichkeit bieten können, einer inneren Schau mit Hilfe der traditionellen Bilder Ausdruck zu verleihen, um sie in Worte fassen zu können, kann sich der Himmel als Spiegel der Seele nutzen lassen.

Die traditionellen Zuweisungen des Auguren, der den Himmel in Richtungen und damit in Bedeutungen einteilt, das Warten auf Zeichen, die vorher genau bestimmt werden, die rituellen Schweigeregeln etc., all das dient einer Entprofanisierung des Raumes, in dem sich der Augur aufhält, um sich für die heilige Schau zu öffnen, um einen Blick hinter die Welt werfen und mit den Göttern kommunizieren zu können.

Über die Interpretation der Zeichen und die praktische Anwendung der Auspizien im privaten Cultus informiert der dritte Teil dieser Serie.

Römische Segnungen und gute Wünsche

Die folgenden, hier aufgeführten Segnungen und guten Wünsche sind aus den Stücken des römischen Dichters Titus Maccius Plautus (254-184 v. Chr.) überliefert.

Sie können verwendet werden, wenn man in der Kultpraxis oder im Ritual einen Segensspruch oder guten Wunsch aussprechen möchte  – oder auch für den alltäglichen Umgang, zum Beispiel als Trinksprüche.


„Bene omnibus nobis!“

Auf unser aller Gesundheit! (Persa, 775)

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute (Fund aus Mainz, Rh. Landesmuseum Bonn)

„Bene ei qui invidet mi et ei qui hoc gaudet!“

Auf die Gesundheit desjenigen, der mich beneidet, und desjenigen, der sich zusammen mit mir erfreut! (Persa, 776)

„Di te bene ament!“

Mögen die Götter Dich sehr lieben!  (Captivi, 138)

„Pro di immortales, obsecro vostram fidem!“

Bei den unsterblichen Göttern, ich ersuche Eure Treue / Vertrauen (Poenulus, 967)

„Di me salvom et servatum volunt!“

Mögen die Götter mich sicher und wohlbehalten wissen (Trinummus, 1077)

„Mare, Terra, Caelum, di vostram fidem (obsecro)!“

Meer, Erde, Himmel! Götter, möget Ihr mir die Treue halten! (Stichus, 505)

„Id te Iuppiter prohibessit!“

Möge Jupiter verhindern, daß Dir (dieses) zustößt! (Pseudolus, 13)

„Di te mihi semper servent!“

Die Götter bewahren mich und Dich für immer! (Pseudolus, 121)

„Ita di deaque faxint!“

Mögen die Götter und Göttinnen mit Dir sein! (Pseudolus, 171)

„Di te ament!“

Mögen die Götter Dich lieben!  (Aulularia, 183)