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Das Lararium – der römische „Hausaltar“

Ein Lararium mit 2 Laren und Genius aus Pompeji

Ein Lararium mit 2 Laren und Genius aus Pompeji

Ein Begriff, der mit der römischen Religion, der Religio Romana (oder auch Cultus Deorum Romanorum), untrennbar verbunden ist und deshalb auch in vielen Artikeln auf unserer Seite auftaucht, ist das Lararium.

Doch worum handelt es sich dabei genau?

Ein Lararium ist, vereinfacht gesagt, ein Hausschrein oder Ort der Verehrung im privaten Haushalt, aber auch in öffentlichen Räumen wie Gaststätten, Betrieben, Werkstätten, Geschäften, Ställen, Thermen, Rasthäusern, sogar Latrinen.

Die römische Religion war in der römischen Antike in zwei Teilbereiche unterteilt: die Sacra Privata, den häuslichen oder privaten Kult eines jeden Einwohners des Römischen Reichs, der die römische Religion praktizierte und in die es keine staatliche Einmischung gab, sowie die Sacra Publica, den öffentlichen Staats- und Kaiserkult, an dem jeder Einwohner teilzunehmen hatte, um den Pax Deorum – den Frieden mit den Göttern und den Schutz des Römischen Staates durch die Götter – zu gewährleisten.

Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Das Lararium war das Kernelement der Sacra Privata und zentraler Fokus häuslicher oder privater Kulthandlungen.
Es spielte eine so zentrale Rolle im privaten Cultus, daß es in allen Bereichen des täglichen Alltagslebens zu finden war. Jeder praktizierte seine Sacra Privata am Lararium, vom wohlhabenden Hausherrn und seiner Familie bis hin zum Bediensteten und Sklaven.

Selbst auf der Arbeit oder auf Reisen kam man nicht ohne aus. Aus Pompeji sind uns Hunderte von Lararien bekannt, die dort in nahezu allen Lebensbereichen und in den unterschiedlichsten Ausprägungen gefunden wurden und zahlreiche antike Autoren schrieben über das Lararium und den Larenkult, so daß die zentrale und fundamentale Bedeutung des Larariums für die römische Religion unbestritten ist.

Überschneidungen mit der Sacra Publica gibt es bezogen auf die Lares Praestites, die die Schutzgeister der ganzen Stadt Rom und des römischen Staates waren.

Der Hausschrein oder Hausaltar

Das Lararium konnte – je nach zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten und finanziellen Mitteln – sehr aufwendig gestaltet sein oder nur aus einer kleinen Wandnische, einem Wandbild oder einem einfachen Regalbrett für einen tragbarem kleinen Altar bestehen, der nach den Kulthandlungen wieder abgebaut wurde. Die meisten Lararien bestanden aus kleinen Opfernischen, Opferplatten in der Wand oder Wandbildern, vor denen Altäre standen oder vor denen die Altäre nur vorübergehend in Form von tragbaren arulae aufgebaut wurden.

Lararium aus einer Taverne in Pompeji mit Merkur und Bacchus

Lararium aus einer Taverne in Pompeji mit Merkur und Bacchus

Häufig sind um die Bilder herum Haltevorrichtungen für Girlanden zu finden, mit denen Lararien geschmückt wurden. Girlanden spielen eine sehr wichtige Rolle im römischen Kultgeschehen und dienten dem Schmuck der Hausaltäre und Götterstatuen und -figuren daheim und in Tempeln und an öffentlichen Orten, insbesondere zu religiösen Anlässen wie Feiertagen.

Lararien hatten entweder eigene eingelassene Opferstellen oder, wenn sie in Küchen standen – einer der häufigsten Aufstellungsorte -, diente direkt das immer brennende Herdfeuer (das mit der Göttin Vesta assoziiert war) als Opferstelle.

Die Lararien in den Häusern wohlhabender Bürger waren eher Miniaturtempel, sie waren aus teuren Materialien wie Marmor gestaltet und hatten auch repräsentative Funktion, weshalb sie häufig in Eingangshallen römischer Villen zu finden waren. Daneben gab es weitere Lararien in den Privaträumen, in Schlafzimmern und auch in den Räumen der Bediensteten und Sklaven, vor allem der Küche, die für die privaten Kulthandlungen und persönlichen Anliegen der einzelnen Bewohner vorgesehen waren. Es gibt auch Hinweise auf hölzerne Lararien, von denen jedoch kaum archäologische Funde erhalten geblieben sind.

In den einfacheren Wohnungen der Masse der Bevölkerung, die – vor allem in Rom selbst – oft in beengten Verhältnissen in mehrstöckigen Mietshäusern lebten, waren die Lararien weniger aufwendig gestaltet. Einfache Wandbretter oder tragbare Mini-Altäre mußten für diesen Zweck genügen. Diese Mietswohnungen, die oft nicht einmal eine eigene Küche besaßen, hatten bisweilen ein gemeinsames Lararium im Eingangsbereich, das von mehreren Parteien genutzt wurde.

Wer wurde im Lararium verehrt?

Lararium aus Pompeji mit Opferszene, Tieropfer und Aulosspieler

Lararium aus Pompeji mit Opferszene, Tieropfer und Aulosspieler

Der Begriff „Lararium“ deutet bereits darauf hin, daß hier die „Laren“ verehrt wurden, ortsgebundene Hausgeister. Sie wurden von allen Bewohnern des Hauses gleichermaßen verehrt, von der Familie des Hausherren bis zu Bediensteten und Sklaven. Allerdings beweisen Funde aus Pompeji, daß Sklaven und Bedienstete auf der einen Seite und Familienangehörige auf der anderen Seite eigene, voneinander getrennte Lararien hatten.

Daneben wurden am Lararium auch alle anderen Kulthandlungen durchgeführt, die zur Sacra Privata gehörten: die Ahnenverehrung, die Verehrung des Genius – des persönlichen Schutzgeistes des Paterfamilias, dem Familienoberhaupt -, die Verehrung der Juno – analog zum Genius des Mannes, der weiblich gedachte Schutzgeist der Hausherrin, und die Verehrung der Penaten.

Über die kultische Praxis des Larenkultes existieren neben zahlreichen, teils sehr gut erhaltenen archäologischen Funden auch antike Textquellen, unter anderem von Plautus, Ovid, Petronius, Plutarch, Tribull, Propertius, Cato und Cicero, so daß wir uns heute ein recht gutes und umfassendes Bild über diesen zentralen Kernbereich der römischen Sacra Privata machen können. Gerade von Titus Petronius existiert eine außergewöhnlich ausführliche Beschreibung eines Larariums und der dort vorgenommenen Kulthandlungen. Das ist natürlich ein Glücksfall für den römischen Rekonstruktionisten.

Die Laren

Der Lar ist quasi der eigentliche „Besitzer“ des Hauses, des angrenzenden Grundstücks sowie der Bewohner, die auf diesem Land leben – und sein Beschützer. Er ist ortsgebunden (nicht personengebunden) und bleibt nach einem Umzug der Familie auf seinem angestammten Land und in seinem Haus. Zieht eine Familie in ein neues Haus ein, muß sie sich mit den dort ansässigen Laren arrangieren.

Tanzendes Larenpaar, Bronze-Replik nach Original-Vorlage

Tanzendes Larenpaar, Bronze-Replik nach Original-Vorlage

Er tritt alleine, paarweise oder in ganzen Gruppen auf – was sich innerhalb der römischen Antike mehrmals wandelte – und Laren tragen oft verschiedene Zusätze wie Lares familiaris oder Lares domestici. Während sich zur Zeit der Republik archäologisch nur Einzeldarstellungen des Lars in Lararien finden, tritt er ab der frühen Kaiserzeit fast ausschließlich paarweise in Form von spiegelbildlichen Figuren oder Darstellungen auf.

Den Einfluß oder auch die Macht der Laren im Haus wird sehr anschaulich in der „Aulularia“ des römischen Dichters Plautus beschrieben. In diesem Stück vernachlässigt der Hausherr die Verehrung des Lars. Deswegen verheimlicht der Lar ihm erst das Versteck eines Schatzes innerhalb des Hauses und führt schließlich sogar den vorzeitigen Tod des Hausherrn herbei. Der Tochter des Mannes jedoch, die sich immer um den Lar bemühte, ihn regelmäßig mit Aufmerksamkeit bedachte und ihm Räucherwerk, Girlanden und Wein opferte (Opfergaben, die in den Quellen häufig im Zusammenhang mit dem Hauskult genannt werden), zeigt er das Versteck des Schatzes und vermittelt ihr zudem eine glückliche Ehe.

Die Kinder des Hauses galten als seit ihrer Geburt unter dem Schutz der Hauslaren stehend. Deswegen opferten sie beim Erreichen des Erwachsenenalters auch die Symbole ihrer Kindheit am Lararium – die Jungen gaben den Laren ihre Bulla, einen Anhänger, den vor allem Jungen aus wohlhabenden römischen Familien trugen – und die Mädchen ihre Puppen.

Der Paterfamilias opfert am Lararium

Der Paterfamilias opfert am Lararium (Quelle: leider unbekannt, Informationen willkommen!)

Deswegen war es auch nicht ungewöhnlich, daß man sich noch als Erwachsener um Schutz an seine Laren wandte, wenn man vor wichtigen Lebensabschnitten stand, zum Beispiel bald das Haus verließ, um zum Militär zu gehen. Nach der Heirat, wenn die Frau in das Haus des Mannes zog, opferte sie am Lararium des neuen Hauses den dortigen Laren (die ja, wie erwähnt, ortsgebunden sind, weswegen die eigenen Laren der Frau nicht mit ihr mitzogen), um sich bei den neuen Hauslaren „vorzustellen“ und ihnen Respekt zu erweisen.

Ging ein Familienmitglied aus dem Haus und auf eine Reise, bat man die Laren um eine sichere Rückkehr dieser Person. Verließ man selbst das Haus, bat man darum, daß die Laren es in der Abwesenheit samt der zurückgebliebenen Bewohner gut bewachten. Beim Betreten des Hauses begrüßte man sie, beim Verlassen des Hauses verabschiedete man sich von ihnen, wie von einem Familienmitglied.

Laren waren für alles zuständig, was sich im Haus ereignete. Hatte man einen Gegenstand im Haus verlegt, konnte man die Laren bitten, bei der Suche zu helfen oder den Fundort zu zeigen. Bei Familienfeiern wie Geburtstagen, Geburten oder Sterbefällen zog man die Laren – wie Familienmitglieder – selbstverständlich mit ein. Auch bei den täglichen Mahlzeiten wurden die Laren einbezogen und erhielten Teile der Mahlzeit als Opfergabe. Den Laren opferte man auch privat in persönlichen Belangen, zum Beispiel nach einer glücklich überstandenen Situation, bei Rückkehr eines vermißten Familienmitgliedes und anderen Privatangelegenheiten.

Einzelner Lar, Replik aus der Zeit der Republik. Patera und Füllhorn sind nicht erhalten

Einzelner Lar, Replik aus der Zeit der Republik. Patera und Füllhorn sind nicht erhalten

Da die Laren für alle Bewohner des Hauses zuständig waren, waren sie auch für die Anliegen der Bediensteten und sogar der Sklaven zuständig, beschützten diese und halfen ihnen, wenn sie die entsprechende Verehrung durchführten. Deswegen fanden sich Lararien nicht nur in den Wohnbereichen der Hausbesitzer, sondern auch in den Küchen und Wohnbereichen des Personals.

Im Larenkult, gerade für die Lares Compitales und Laren, die für ganze Wohngebiete zuständig waren, spielen Sklaven oft eine wichtige Rolle; manche kultischen Positionen waren sogar ausschließlich Sklaven vorbehalten, was zeigt, daß der Larenkult in allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen von zentraler Bedeutung war. Zu den Compitalia, dem Fest für die Laren, wurden in der Nacht an der Haustür wollene Figuren für jedes Mitglied der Familie des Hausbesitzers und wollene Bälle für jeden Sklaven aufgehängt.

Neben der Einbeziehung in den Alltag und die täglichen Handlungen am Lararium, erfuhren die Hausgötter besondere Verehrung zu den Iden, den Nonen und den Kalenden. Nach Cato sollen diese Kulthandlungen, wie das Schmücken mit Girlanden und das Opfern von Weihrauch und Wein, nicht vom Paterfamilias oder seiner Familie ausgeführt werden, sondern von den anderen Bewohnern des Hauses, den Angestellten oder Sklaven. Damit verdeutlicht er die Bedeutung des Hauskultes für alle Bewohner. Spätere Autoren nach Cato fordern ein besonderes Monatsopfer nur noch für die Kalenden, so daß auch hier ein Wandel in den Bräuchen und der Kultpraxis zu erkennen ist.

Penaten

Lararium mit Laren, dazu Sirona und Mercurius als Penaten oder Hausgötter

Lararium mit Laren, dazu Sirona und Mercurius als Penaten oder Hausgötter

Bei den Penaten oder Dei penates handelte es sich ursprünglich nur um eine weitere Art von Hausgeistern, die vor allem die Speisekammer bewohnten und für Wohlstand und gute Versorgung der Hausbewohner sorgten. Im Gegensatz zu den Laren galten sie nicht als ortsgebunden, sondern waren personengebunden und gingen mit der Familie bei einem Umzug mit.

Der Begriff der Penaten wurde im Laufe der römischen Geschichte aber stark erweitert und bezeichnete schließlich keine spezifischen Geister oder individuelle göttliche Mächte mehr, sondern wurde als Sammelbegriff für das Kollektiv aller im Haushalt verehrten Schutzgötter verwendet. Insofern würden sogar Laren und Genien unter den Begriff „Penaten“ fallen, jedoch wurde zumindest zwischen Penaten, Laren und Genius sprachlich unterschieden (was im heidnischen Verbotsedikt von Kaiser Theodosius I aus dem Jahr 392 deutlich wird, das diese drei Gruppen explizit nennt und unterscheidet).

Die Matronen aus der Eifel im Lararium

Die Matronen aus der Eifel im Lararium

Als Dei penates galten damit alle Götter, die zusätzlich zu den Laren und dem Genius in den Hauskult aufgenommen wurden. Hierbei gab es keinerlei Einschränkungen; jede Gottheit konnte in der Sacra Privata verehrt und als besonders wichtig oder als Tutelargottheit für die Hausbewohner in die privaten Kulthandlungen einbezogen werden – das reichte von den höchsten kapitolinischen Staatsgöttern wie Jupiter, Juno und Minerva über Lokalgötter bis hin zu Gottheiten aus fremden Kulten, die mit römischen Göttern synkretisiert wurden oder Einzug in den römischen Pantheon fanden, wie die gallo-römischen Gottheiten Sirona, Epona, Lenus, Grannus, Intarabus, aber auch ägyptische Götter wie Isis, Serapis oder orientalische Götter wie Attis und Kybele.

Lararium mit Merkur als zentraler Figur

Lararium mit Merkur als zentraler Figur

Es gab keinerlei Einschränkungen, Verbote oder Regeln, wen die Bürger in ihrer Sacra Privata im heimischen Cultus verehrten, fremde Götter waren kein Problem, so lange man sich an der Sacra Publica beteiligte und bereit war, das Staats- oder Kaiseropfer darzubringen, das quasi als Mindestanforderung die Opferung von Weihrauch vorsah. Da es dieses Staatsopfer war, das für den Schutz des Staates durch die Götter sorgte, erfüllte man damit seine Pflicht dem Staat gegenüber – lehnte man es ab, grenzte man sich nicht nur aus der Gesellschaft aus, sondern gefährdete das Gemeinwohl.

Was man privat glaubte und trieb, war unerheblich, solange es nicht die öffentliche Ordnung störte oder gar dem Staatskult zuwiderlief. Es war sogar möglich (und kam auch vor), christliche Symbole neben den Laren im Lararium aufzustellen. Das kam gerade in der Frühzeit der Entwicklung der römischen Form des Christentums vor, als das Christentum nur eine von vielen im Reich populären Mysterienkulten war. Mitglied in einem oder mehrerer dieser Kulte zu sein, daneben die römische „Mainstream“-Religion zu praktizieren und das Staatsopfer darzubringen, war kein Widerspruch, sondern normal. Problematisch wurde es nur, wenn man sich dem Staatsopfer verweigerte, was ein Merkmal der Christen war, die den Absolutheitsanspruch des Einen Gottes predigten.

Lararium eines Schmieds mit (mach original Vorbild) selbst hergestellter Vulcanius-Figur (Römerfest Haltern, 2014)

Lararium eines Schmieds mit (nach original Vorbild) selbst hergestellter Vulcanius-Figur (Römerfest Haltern, 2014)

Die Penaten, die im Lararium verehrt wurden, konnten also alle Gottheiten und Glaubensrichtungen umfassen, die im römischen Vielvölkerreich existierten. Zahlreiche kleine Larariumsfiguren und Gemälde verschiedenster Götter, wie Merkur, Vulcanus, Minerva, Venus sind überliefert und erhalten und zeigen, daß jeder Gott neben den Laren und dem Genius dort einen Platz haben konnte.

Die Auswahl, welche Gottheiten im Haus verehrt wurden und Einzug in den familiären Kult hielten, oblag dem Familienoberhaupt. Aus diesem Grunde waren die Hausgötter der Familie eher von nachrangiger Bedeutung für die anderen Bewohner des Haushalts wie Diener und Sklaven, die in der Regel ihre eigenen Gottheiten für privaten Anliegen an ihren eigenen Lararien in Küche oder Dienstbereich verehrten.

Zu den Penaten, die immer, unabhängig von den eigenen Göttervorlieben, im Lararium verehrt wurden, gehörte die Göttin Vesta. Als Göttin des Herdfeuers, die auch durch das Feuer verkörpert wurde, war sie Bestandteil jedes Larariums, jedes Haushaltes und jeder Sacra Privata, ebenso wie Janus, der als Gott der Türen, Tore, Anfänge, Eingänge eine fundamentale Bedeutung für den Schutz jedes Hauses und im Hauskult spielte.

Genius

Ein dritter wichtiger Baustein des Hauskultes ist der Genius, der ebenfalls in vielen Larariumsdarstellungen zu finden ist. Der Genius wird meist als männliche Person mit Toga und capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt, zwischen den beiden Laren dargestellt, während er Opferhandlungen an einem Altar durchführt.

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Der Genius loci in Form der Schlange windet sich um den Altar, der Genius des Paterfamilias bringt ein Opfer dar

Hierbei handelt es sich entweder um den Genius des Paterfamilias, des Familienoberhauptes, oder – in einigen Funden – um den Genius Augusti, den Genius des Kaisers.

Der Genius wird einerseits als Schutzgeist des Familienoberhauptes angesehen, der diesen ein Leben lang begleitet. Daneben existieren zeitgleiche Quellen, aus denen hervorgeht, daß der Genius als dem Familienoberhaupt innewohnend angesehen wurde, also nicht als unabhängige Wesenheit von diesem existiert.

Schon in der römischen Kaiserzeit wurden diese widersprüchlichen Ansichten diskutiert und sie existierten nebeneinander (besonders ausführlich diskutiert von Censurinus im 3. Jahrhundert), ohne daß dieser Widerspruch ein Problem darstellte – die römische Religion war immer eine Religion der Orthopraxie, in der rechtes Handeln das entscheidende Element war.

Bronzefigur eines Genius

Bronzefigur eines Genius

Es gab keine Orthodoxie, also einheitliche theologische Lehre, die dem Gläubigen vorschrieb, was er in Bezug auf Natur der Götter, Jenseitsvorstellungen oder Natur der Geister zu glauben hatte. Ein solches Dogma existierte, anders als im späteren Christentum, nicht und sorgte dafür, daß in philosophischen Kreisen eine freie Diskussionskultur über Glaubensfragen blühte, während sich der „normale“ Praktizierende meist gar nicht mit diesen theoretischen Fragen auseinandersetzte, weil sie für seine Kultpraxis schlicht und einfach unerheblich waren. Jeder konnte sich seine eigene Vorstellung über das Göttliche und „Übermenschliche“ machen, ohne daß eine Theorie davon falscher oder richtiger war als eine andere oder praktische Konsequenzen hatte.

Deswegen gibt es aus der römischen Antike unterschiedliche Ansichten darüber, welcher Natur der Genius war. Gleiches gilt analog für die Juno der Frau, die nicht mit der kapitolinischen Göttin Juno verwechselt werden darf, sondern das weibliche Äquivalent zum Genius darstellte. Ihre Verehrung stand in den Haushalten im Mittelpunkt, in denen eine Frau der Haushaltsvorstand war. Es sind einige Lararienbilder überliefert, die statt dem Genius eine Juno als zentrale opfernde Figur zwischen den Laren zeigt, jedoch sind diese Darstellungen deutlich seltener als die „Standarddarstellung“ eines Genius zwischen zwei Laren, die die Mehrzahl der erhaltenen Lararien schmückt.

Daneben gibt es auch Lararienmotive, die keinen Genius zeigen und in die Mitte eine Gottheit – also eine der Penaten – rücken, wie eine personifizierte Darstellung der Göttin Vesta aus dem Lararium einer Bäckerei in Pompeji.

Detailaufnahme eines Genius aus einem Lararium aus Pompeji

Detail eines Genius aus einem Lararium aus Pompeji

Der Genius (seltener die Juno) bringt in Larariendarstellungen immer ein Opfer an einem Altar dar, entweder ein Weihrauchopfer, oder er gießt ein Trankopfer über einer Opferflamme aus.

Ein Mann feiert an seinem Geburtstag seinen Genius und eine Frau ihre Juno. Dieser Brauch ist in zahlreichen Quellen beschrieben. An diesem Tag wird der Genius als Genius Familiaris von der ganzen Familie verehrt, auch von den zugereisten Verwandten, die anläßlich dieser Feier zu Besuch sind. Am Geburtstag einer nahestehenden, aber abwesenden Person war es auch üblich, in Abwesenheit ein Opfer für deren Genius zu bringen. Am 22. Februar wurde zudem die Carista gefeiert, ein Fest, an dem „gute“ nahestehende Verwandte den Hausgöttern ein Opfer darbrachten.

Es gibt Beschreibungen von Opfern für den Genius als auch für die Juno an brennenden und blumenumkränzten arae, kleinen Altären, deren Aufstellungsort nicht ganz eindeutig ist – ob sie sich vor oder im unmittelbaren Umfeld des Larariums befanden oder einen eigenen Ort im Haus hatten.

Genius loci

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Ebenfalls am Lararium verehrt wurde der Genius loci, der Geist des Ortes, der nicht mit den ebenfalls ortsgebundenen Laren und Schutzgeistern des Ortes, identisch ist. Er wurde überwiegend in Form der Schlange verehrt, die im römischen Reich als Glückssymbol und positives Bild zu verstehen ist. Auch darf der Genius loci nicht mit dem zuvor beschriebenen Genius Paterfamilias verwechselt werden.

Die Schlange findet sich in der überwiegenden Mehrzahl der erhaltenen Lararien, was auf die große Bedeutung dieses Elements hinweist.

Alle Orte hatten ihren eigenen Genius loci, nicht nur Häuser, auch natürliche Orte wie Steine, Flüsse, Berge, Sträucher, Seen, Vulkane und wichtige Bereiche wie Türen, Tore, Brücken, Straßen oder Kultplätze. Dabei konnten selbst kleinste Teilbereiche des Lebens ihren eigenen Genius loci haben, wie ein Keller, ein Zimmer oder das Bett, aber auch größere Gebiete wie ganze Städte, Stadtteile, Theater, Märkte und sogar Regionen wie Wüsten oder Provinzen wie Pannonien oder Britannien.

Römer, die auf Reisen waren, brachten unterwegs immer dem „unbekannten Geist des Ortes„, an dem sie weilten, ein Opfer dar, um diesen wohlwollend zu stimmen. Die Gefahr, den Genius loci des Ortes zu ignorieren und dadurch zu verägern, war sonst zu groß. Neben der Darstellung von Schlangen in Lararien und an Wegesteinen kennen wir sie auch aus Weiheinschriften die dem „unbekannten Geist des Ortes“ gewidmet sind.

Aussehen und Einrichtung des Larariums

Wie bereits ausgeführt, enthält das typische Lararium Repräsentationen der vier zuvor beschriebenen Elemente oder Gruppen, die an ihm verehrt werden.

Aufwendiges Lararium aus Pompeji

Aufwendiges Lararium aus Pompeji

Hierbei unterscheiden sie sich in Aufwendigkeit, Herstellungsart und Stil je nach Epoche der römischen Geschichte, nach Region und finanziellen Mitteln der Besitzer. Die Kernelemente jedoch sind meistens gleich oder zumindest so ähnlich, daß sie immer gut zu identifizieren sind. Daraus läßt sich ableiten, daß am Lararium zwar die Sacra Privata praktiziert wurde und die dort verehrten Gottheiten sich stark unterscheiden konnten, daß die grundlegende Kultpraxis im ganzen Reich und in allen Bevölkerungsgruppen jedoch einheitlich und traditionell begründet war.

Aus den Hunderten erhaltenen Lararien, Larariumsbildern und Figuren geht nicht hervor, daß es große Abweichungen oder Varietäten gab; diese finden sich ausschließlich bei den Penaten, die frei wählbar waren. Die anderen Kernelemente – Laren, Genius / Juno und Schlange – sind durchgängig durch die Zeiten und in allen Provinzen zu finden.

Dem liegt das römische Religionsverständnis zugrunde, daß die Einhaltung der korrekten, einheitlichen, überlieferten Form bei der Durchführung eines Rituals oder eine Kulthandlung eine wichtigere Rolle spielt als Gedanken darüber, warum man eine Handlung auf die eine oder andere Weise durchführt oder welcher Natur diejenigen sind, denen man opfert. Das ging so weit, daß man ein Ritual oder eine Kulthandlung von vorne begann, wenn man sich im Ablauf vertan hatte oder sich versprach. Insbesondere im Staatskult wurde peinlichst genau auf die einhundertprozentig korrekte Durchführung geachtet, um die Götter nicht zu verärgern, in deren Hände man schließlich den Schutz des Römischen Reiches legte.

Äußere Gestaltung

Die äußere Gestaltung des Larariums war vielfältig. Neben aufwendigen kleinen Tempeln aus Marmor mit Säulen und Dach gab es große und kleine Wandnischen, Wandvorsprünge oder andere größere oder kleinere Schreine, die Bauwerken nachempfunden waren.

Lararium mit Vesta-Motiv aus Pompeji, einem Lar, Sirona und Mater Magna

Lararium mit Vesta-Motiv aus Pompeji, einem Lar, Sirona und Mater Magna

Um viele Lararien befanden sich spezielle Haltevorrichtungen für Girlanden und Kränze, an denen man die in den Quellen beschriebene Praxis des Schmückens erkennen kann.

Die Rückwand des Larariums, oft auch die umgebende Wand, war meist bemalt. Hierbei fällt auf, daß in den repräsentativen Lararien der teuren römischen Villen interessanterweise in den Larariumsmalereien fast nie Laren und Genius dargestellt sind, sondern nur Hintergrundmalereien wie Girlanden oder Landschaften, Attribute, Orte und die Schlange. Gemalte Darstellungen von Genius, Laren und Göttern sind immer nur in den Lararien im Wohnbereich, in Privaträumen und in den Räumen des Gesindes zu finden.

Deswegen wird in der Forschung davon ausgegangen, daß das Malen szenischer Darstellungen in Lararien als „billige“ Lösung galt und man in den repräsentativen Lararien stattdessen teure Bronze- oder Steinfiguren aufstellte, die Laren und Genius repräsentierten und die vor dem bemalten Hintergrund dekorativ in Szene gesetzt wurden.

Merkur-Larariumsfigur aus dem vicus Eisenberg / Pfalz (Bronzereplik)

Merkur-Larariumsfigur aus dem vicus Eisenberg / Pfalz (Bronzereplik)

Daneben finden sich Mischformen, das heißt, Lararien, in denen die „Standardelemente“ wie Laren, Genius und Penaten zwar auf die Rückwand gemalt waren, in denen aber auch kleine Bronzefiguretten mit Laren- und Götterdarstellungen gefunden wurden.

Die kleinen Figuren nutzte man auch auf Reisen, um sie z.B. in Herbergen in die dort vorgesehenen Nischen zu stellen, damit man auch unterwegs nicht ohne Schutz und göttlichen Ansprechpartner war.

Auch in räumlich beengten Verhältnissen, in denen man mit mehreren Personen in kleinen Räumen lebte und nicht dauerhaft ein Lararium aufgebaut haben konnte, nutzte man Figuren (die es als billige Massenware aus Ton oder anderen Materialien zu kaufen gab), um diese bei Bedarf auf ein Regal oder einen kleinen Altar zu stellen und danach wieder fortzuräumen.

Götter, Laren, Genius

Bis zum Ende der Republik dominieren Darstellungen, sowohl malerischer als auch figürlicher Art, die nur einen Laren zeigen. Dieser hat meist die Form eines tanzenden Jünglings, der ein Füllhorn in der einen und eine Opferschale – die Patera – in der anderen Hand hält.

Ab der Kaiserzeit tauchen Laren fast ausschließlich paarweise auf, in Form zweier spiegelbildlich zueinander tanzender Laren mit erhobenem Cornucopia (Füllhorn) oder Rhyton (einem einhenkeligen Trinkgefäß) und Patera (Opferschale) oder Situla (ein eimerähnliches Gefäß).

Auch figürliche Darstellungen des Genius sind häufig in Form kleiner Bronzefiguren oder Terrakotten überliefert. Hierbei hält der Genius ebenfalls ein Füllhorn und eine Patera in der Hand, befindet sich jedoch nicht in der tanzenden Pose mit fliegendem Gewand, sondern trägt meist eine Art Toga oder Umhang und befindet sich mit verhülltem oder freiem Haupt in Opferpose.

Daneben gibt es zahlreiche Götterfiguren, aus deren Form, Standsockel und Größe darauf geschlossen werden kann, daß sie einst in einem Lararium standen, wenn sie nicht sogar im Fundzusammenhang mit einem Lararium entdeckt wurden. Dabei tauchen zahlreiche Götter des römischen, gallo-römischen, orientalischen oder afrikanischen Pantheons auf. Es gibt – gerade aus dem mitteleuropäischen Raum – sehr viele Merkur-Larariumsfiguren, der offenbar zu den beliebtesten Larariums-Penaten gehörte. Aber auch andere „klassisch-römische“ Götter wie Venus, Jupiter, Fortuna, Minerva, Vulcanus oder Hercules sind als Larariumsfiguren überliefert. Sie sind ebenfalls aus Bronze, Stein, Elfenbein oder Terrakotta gearbeitet und von unterschiedlicher Qualität, von teurer filigraner Arbeit bis hin zu typischer Massenware aus Serienfertigung.

Caesarium mit dem vergöttlichten Kaiser Marcus Aurelius

Caesareum für den  vergöttlichten Kaiser Marcus Aurelius

Eine besonders ergiebige archäologische Quelle für Larariums-Statuetten war der Laden des Sabinus in Pompeji, der auf Handel mit Statuetten und Figuren aller Art spezialisiert war.

Die Schlangen sind meist gemalt, aber es gibt auch einige Funde von Schlangenstatuetten mit Sockel, die man in das Lararium stellte. Auch die Figur eines Genius, über dessen Kopf sich ein Schlangenkopf erhebt, ist erhalten.

Caesarium mit Augustus-Statue in Prima Porta-Darstellung, darüber Repliken von Reliefs, die die Deifikation von Augustus und Claudius zeigen

Caesareum mit Augustus-Statue in Prima Porta-Darstellung, darüber Repliken von Reliefs, die die Deifikation von Augustus und Claudius zeigen

Caesareum

Neben den bekannten römischen Göttern gibt es auch Funde von exotischen Larariumsfiguren wie Anubis, Isis-Fortuna oder gallo-römische Gottheiten. Daneben werden auf Lararien, die nicht in Privathaushalten standen, sondern sich in Geschäften, Handwerksbetrieben oder Kneipen befanden, auch spezifische Götter dargestellt, die für den jeweiligen Ort zuständig waren. Hier dominieren gemalte Darstellungen von Laren, Genius und Penaten, die oft groß und farbenprächtig waren. So findet sich Vesta in Bäckereien, Epona in Ställen, Merkur in Geschäften, Bacchus in Gaststätten.

Sacrarium mit Hercules, Bacchus und Matronen

Sacellum mit Hercules, Bacchus und Matronen

Hinweis: Altäre oder Kultorte im Haus, die ausschließlich einem oder mehreren Göttern gewidmet waren, Figuren für diese enthielten und an denen spezifische Handlungen für diese Gottheiten durchgeführt wurden, werden Sacrarium (wenn größer dimensioniert) oder Sacellum (kleinere Altäre oder Tempelchen) genannt. Das Lararium kann auch Götterdarstellungen enthalten, aber ein Sacrarium enthält keine Elemente eines Larariums, wie Laren, Genius oder Schlange. Oft gab es neben dem Lararium auch ein Sacrarium/Sacellum, an dem eine besonders wichtige Tutelargottheit verehrt wurde.

Kaiserkult wurde am Caesareum praktiziert, das eine oder mehrere Kaiserbüsten oder Statuen enthielt, dazu weitere Gegenstände, die mit den besonders verehrten vergöttlichten Kaisern in Zusammenhang standen, wie Cameos, Reliefs oder Münzen. Der Begriff beschreibt ursprünglich große Tempel des Kaiserkultes, wird heute aber auch für ein Sacellum verwendet, das einem Divus geweiht ist.

Beides sollte nicht mit dem Lararium verwechselt werden, tritt aber oft mit diesem gemeinsam auf und es werden integrierte Kulthandlungen durchgeführt, die alle Elemente miteinander verbinden.

Kultgegenstände

Replik einer römischen Patera

Replik einer römischen Patera

Daneben gehören weitere Gegenstände in das Lararium, die für die Ausübung der Kulthandlungen benötigt wurden. Ihre Form, Qualität und das Material richteten sich nach den finanziellen Mitteln und dem Geschmack der Besitzer; hier gab es keine festen Vorschriften, sondern im Gegenteil eine große Vielfalt an unterschiedlichen Formen und Materialien.

Das Turibulum war ein Räuchergefäß. Hier reichte die Spannweite von einer einfachen Schale über einen Dreifuß aus Steingut oder Ton bis zu aufwendigen Bronzegefäßen. Er erfüllte die Funktion, daß man darin Weihrauch und anderes Räucherwerk verbrennen konnte; es war üblich, dauerhaft während des Tages am Lararium zu räuchern, wenn man es sich leisten konnte, da der wohlriechende Rauch als den Göttern wohlgefällig galt.

Repliken römischer Öllampen

Repliken römischer Öllampen

Die Lucerna war eine Lampe, die ebenfalls dauerhaft brannte, wenn sich jemand im Raum aufhielt. In der Regel handelte es sich dabei um Öllampen aus Ton oder Bronze, deren Motive und Formen vielfältig waren und sich allein nach dem Geschmack des Besitzers richteten.

Bei der Patera handelte es sich um eine Opferschale, in die die Opfergabe gelegt wurde oder mit der eine Opfergabe den Flammen übergeben wurde. Auch hier waren in Form, Verzierung und Material keine Grenzen gesetzt. Zu den überlieferten Opfergaben für die Hausgötter gehörten – neben den Girlanden und Kränze, mit denen Lararium und Statuen geschmückt wurden – Wein, Kuchen, Brot, Weihrauch und Obst. Daneben sind sowohl für Laren als auch Genius Tieropfer in Form von Ferkeln oder Schweinen belegt.

Der Gutus war eine Kanne, die dem Trankopfer, der Libation, diente. Mit diesem Gefäß wurde eine Flüssigkeit (in der Regel Wein oder Milch) vergossen, je nach Kontext in das Feuer, auf den Boden oder in eine Opferschale.

Weitere Gegenstände waren der Weihrauchbehälter (Accera) und ein Salzbehälter (Salinum).

Da am Lararium auch der Ahnenkult praktiziert wurde und der Ahnen gedacht wurde, insbesondere bei Familienfesten und sonstigen familiären Anlässen, war es – zumindest in wohlhabenden römischen Haushalten – auch üblich, Totenmasken oder Gegenstände, die mit den Ahnen in Zusammenhang standen, oder Figürchen, die sie repräsentierten, am oder um das Lararium zu platzieren. Daneben wurden Gegenstände in Lararien gefunden, die für die Hausbewohner eine persönliche Bedeutung hatten und zum Beispiel den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt symbolisierten, wie die Bulla eines Jungen oder eine Dose aus Pompeji, die den ersten Bart des Hausherrn beinhaltete!

Das Lararium in der heutigen Religio Romana

Mit etwas handwerklichem Geschick kann ein Lararium im römischen Stil selbst gebaut werden

Mit etwas handwerklichem Geschick kann ein Lararium im römischen Stil selbst gebaut werden

Das Lararium als zentraler Bestandteil der Sacra Privata oder des Hauskultes spielt auch heute noch eine zentrale Rolle in der Religio Romana, der polytheistischen römischen Religion. Es ist der Fokus der privaten Kultpraxis und deswegen beginnt der Einstieg in die Religio Romana auch immer mit der Einrichtung eines Larariums, um dort seine ersten Schritte in die weite Welt des Cultus Deorum Romanorum zu gehen.

Jedem Einsteiger in die Religio Romana wird deshalb als erstes die Errichtung eines Larariums empfohlen. Da über den Larenkult sehr viele antike Quellen existieren und zudem zahlreiche neuere Texte und wissenschaftliche Abhandlungen Hintergrundinformationen liefern, ist es ein sehr gutes Thema und Startpunkt, um sich in die Sacra Privata einzuarbeiten und sich mit dem Quellenstudium und der praktischen Anwendung sowie ersten römischen Kulthandlungen vertraut zu machen.

Das Lararium muß zu Beginn nicht aufwendig gestaltet sein, wird im Laufe der Zeit aber von selbst wachsen und sich weiterentwickeln, wenn man tiefer in die Religio Romana eintaucht und weitere Bereiche kennenlernt, sich zum Beispiel mit unterschiedlichen Göttern und rituellen Handlungen, Bereichen wie den Auspizien, der experimentellen Archäologie (zum Beispiel im Bezug auf römische Musik, römische Speisen inklusive selbst gebackenes Opferbrot, Kleidung etc.), oder auch dem Kaiserkult beschäftigt.

Nach römischem Brauch kann ein Opfer auch direkt in den Kamin gegeben werden

Nach römischem Brauch kann ein Opfer auch direkt in den Kamin gegeben werden

Es ist ein hevorragender erster Fokus, um sich in ein überschaubares Gebiet einzuarbeiten – Laren, Genius / Juno, Genius Loci und vielleicht der erste Hausgott.

Ein Lararium ist wegen seiner zentralen Bedeutung Grundvorausetzung, um die Religio Romana zu praktizieren und findet sich deswegen daheim bei jedem praktizierenden Cultor.

Auf unserer Website findet Ihr deswegen in unserer Kategorie „Cultus Deorum Romanorum“ neben allgemeinen Artikeln zur römischen Religion einige Artikel, die sich mit dem Lararium und der Kultpraxis am Lararium im römischen Rekonstruktionismus befassen. Unter anderem empfehlen wir für Einsteiger:

Weitere Artikel findet Ihr in unserer Artikelübersicht zum Cultus Deorum

Weiterführende Literatur

Wir möchten an dieser Stelle insbesondere folgende wissenschaftliche Arbeiten empfehlen, die sich explizit und im Detail mit Laren, Lararien und dem Larenkult beschäftigen.

Einige davon sind zwar älteren Datums, was ihren generellen Nutzen als Informationsquelle jedoch nicht schmälert, auch wenn die neuere Forschung einige der darin aufgeführten Erkenntnisse mittlerweile erweitert oder revidiert hat.

Ansonsten finden sich Ausführungen zum Larenkult und Lararien in zahlreichen weiteren wissenschaftlichen, insbesondere regionalarchäologischen Abhandlungen und Artikeln.

  • Thomas Fröhlich: Lararien und Fassadenbilder in den Vesuvstädten. Untersuchungen zur „volkstümlichen“ pompejanischen Malerei. Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, 32. Ergänzungsheft, 1991. 370 Seiten plus Anhang mit Farbtafeln und Bildern. Download auf academia.edu
  • Annemarie Kaufmann-Heinimann: Götter und Lararien aus Augusta Raurica. Herstellung, Zusammenhänge und sakrale Funktion figürlicher Bronzen in einer römischen Stadt. Forschungen in Augst 26, 1998. 360 Seiten. Download auf academica.edu
  • Margaret C. Waites: The Nature of the Lares and Their Representation in Roman Art. Artikel im American Journal of Archeology, Archaeological Institute of America, Volume 24, Juli 1920. Download

Artikel © Q. Albia Corvina,  03/2015

Artikel © Q. Albia Corvina, 03/2015

Römisch (oder) Katholisch? – heidnische Gedanken zum Christentum

St. Florian, Schutzpatron der Feuerwehr

St. Florian, Schutzpatron der Feuerwehr

Eines der regelmäßig wiederkehrenden Themen in den Diskussionen, die in diversen Foren geführt werden, welche heidnischer Spiritualität gewidmet sind, ist die deutliche Abgrenzung zum Christentum.

Dabei spielt es keine Rolle, welcher Tradition die Diskussionsteilnehmer sich selber zugehörig fühlen, eine – oft aggressive – antichristliche Einstellung scheint gleichermaßen der Selbstdefinition als „Heide“, wie auch als einigendes Band über alle paganen Traditionen hinweg, zu dienen. Man wird in jedem Forum mindestens eine Debatte finden, die thematisiert, wie die „einheimische Religion mit Folter und Schwert ausgerottet wurde„, wie die „Weisheit der Vorfahren“ brutal durch eine „geistige Besatzungsmacht“ ausgelöscht wurde, wie eine „Religion der Wüste ihre lebensfeindlichen Ideen in die heiligen Haine der stolzen lebensbejahenden Germanen“ trug und man kommt nicht umhin, hier ein recht verzerrtes Geschichtsbild zu sehen – das es aber schon seit den Anfängen der neopaganen Bewegung gibt.

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Das gerne und oft zitierte Bild der im Heiligen Hain lehrenden Druiden prägt bis heute das Bild des sog. heidnischen Naturkultes

Diese ideologische Verortung in der Geschichte gehört zum Selbstverständnis der meisten Heiden und sie ist ein Zeichen dafür, wie stark sich diese Bewegung bis heute über das Christentum definiert.

Das Neuheidentum ist dabei einerseits von einem kontinuierlichen Pioniergeist beflügelt, der eine Alternative in heutiger Zeit (wie eben auch in all den Zeiten zuvor, seit es diese religiöse Richtung gibt) bieten möchte – auch hier gerade wieder besonders in Bezug auf das negative Bild, was man von der christlichen Religion zeichnet-, was Weltsicht, Lebensführung, geistige Werte etc. betrifft, bleibt andererseits jedoch stets in einer Defensivhaltung, denn man nimmt sich selber vor allem in der Position der Entrechteten wahr. Dies zeigt sich in der Wahrnehmung dessen, wie und warum die paganen Religionen ihren Status in historischer Zeit verloren haben, aber auch darin, daß man sich in der heutigen Gesellschaft als immer noch marginalisierte Gruppe begreift und in seinem Anliegen missverstanden fühlt, wobei sich beides in gewisser Weise bedingt.

Denn das, was viele Heiden als geschichtliche Entwicklung, die zur Ablösung der paganen Kulte durch das Christentum führte, mehr oder weniger verinnerlicht haben, ist nicht nur oft konträr zu den historischen Fakten konstruiert, sondern zementiert auch ein Feindbild gegenüber der sich – spirituell oder kulturell – als christlich verstehenden Mehrheitsgesellschaft. Vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Christentums, von den Anfängen als jüdische Splittergruppe in Palästina, über die Erhebung zur Staatsreligion im Römischen Reich bis hin zum Impulsgeber kultureller Entwicklung in späterer Zeit, wird dabei eine interessante Parallele deutlich zur Frage, wie sich ganz generell – eben auch heute – kleine gesellschaftliche Gruppen in einer Mehrheitsgesellschaft verhalten, resp. welche Optionen ihnen offenstehen, sich in dieser nicht nur zu behaupten, sondern in ihr zu einer maßgeblichen Kraft zu werden.

An der heiligen Quelle des Willibrodis in der Krypta des Doms von Echternach

An der Quelle des St. Willibrod in der Krypta des Doms von Echternach

Innerhalb des römischen Rekonstruktionismus gibt es aufgrund einer ganzheitlichen Sichtweise von Religion, Kultur und Geschichte aus einer Perspektive ganz konkret bezogen auf die Entwicklung des Römischen Reichs, oft ein wesentlich ausgewogeneres Verhältnis zum Christentum, als dies etwa in germanisch orientierten paganen Gruppen der Fall ist, so daß wir an dieser Stelle einmal versuchen wollen, diesen alternativen Ansatz zu vermitteln.

Ein Blick in die Geschichte ohne eine ideologische Brille erschliesst dabei nicht nur interessante Details zur Entwicklung der europäischen Kultur, sondern erlaubt es vielleicht auch, neue Wege zu finden, damit sich ein heute gelebtes Heidentum nicht mehr nur als blosser Reaktionskult zum Christentum versteht, der sich in manchmal recht bizarren Schattenkämpfen mit christlichen Missionaren wie Willibrod oder Bonifatius verfängt und sich damit in seiner möglichen Akzeptanz für eine breitere Zielgruppe selbst blockiert.

Das Christentum – eine jüdische Sekte aus der Wüste?

Einer der vom historischen Gehalt her eher diffusen Aspekte der Ablehnung des Christentums durch Neuheiden – verwenden wir an dieser Stelle ruhig diesen durchaus korrekt beschreibenden Begriff, eben für jene, die sich in der Geschichte neu als Heiden verstehen, nachdem die „alten“ sich zum Christentum bekehrt hatten (oder in neopaganer Lesart – bekehrt wurden) – wird erkennbar durch die simplifizierende Wahrnehmung als „fremde Religion“ und die oft plakativ gebrauchte Bezeichnung „(jüdische) Wüstenreligion“.

Simpel und plakativ, aber dafür schön als Beweis für mangelnde historische Bildung und Kulturverständnis geeignet

Simpel und plakativ, aber dafür schön als Beweis für mangelnde historische Bildung und Kulturverständnis geeignet

Besonders oft findet sich diese Klassifizierung im germanisch-heidnischen Spektrum, wobei man durchaus von einer (gewollten oder unbewußten) Rezeption völkischer Ideen sprechen darf. Das Christentum wurde im Zuge der Germanen-Idealisierung und eines religiös überhöhten nationalen Selbstverständnisses innerhalb der völkisch orientierten Kreise bereits im 19. Jahrhundert zu einem Feindbild stilisiert, durch das man in geradezu bequem erscheinender Weise einen Doppelschlag gegen die als eigentliche Bedrohung wahrgenommenen Kräfte ausholen konnte – Judentum und Überfremdung. Das Christentum rückblickend wahrgenommen im historischen Gewand römischer Besatzungsmacht, als im Kern aber jüdische Lehre, die sich nun als „Sieger“ letztlich wieder in Rom, als Katholische Kirche, manifestierte, erschien wie der rote Faden in der Geschichte der Unterdrückung germanischer Wesensart – prägnant formuliert im trotzigen Wahlspruch Georg von Schönerers „Ohne Juda, ohne Rom / wird gebaut Germaniens Dom!“

Wenngleich heute in germanisch-heidnischen Gruppen – abgesehen von dezidiert völkisch gesinnten Vertretern – diese antisemitischen Töne nicht mehr den definierenden oder auch nur dominierenden Faktor bilden, so bleibt die Wahrnehmung der christlichen Religion als „uns fremd“, als „kultureller Fremdkörper“ bestehen und auf vielen Ebenen weiter wirksam. Ein genauer Blick auf die Entwicklung dieser Religion und ihre objektive Einordnung in den Kontext der europäischen Kultur, macht allerdings zweierlei deutlich:

Erstens:

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Kultpraxis: Götterstatuen und -figuren im römischen Cultus

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Irgendwann ist es so weit: der römische Cultor entdeckt auf einem Römerfest, bei einem Replikenmacher oder in einem Museum die Replik einer Götterfigur, ein Relief oder eine Statue, die sich perfekt im Sacrarium oder Lararium machen würde!

Immer wieder geschieht es, daß wir solchen Gottheiten, die eine besondere Rolle in unserem privaten Cultus spielen, auf unseren Reisen durch das römische Reich begegnen – zum Beispiel in Form einer handgefertigten bronzenen Replik einer winzigen Mercurius-Larariumsfigur aus dem pfälzischen vicus Eisenberg bis hin zu Museumsrepliken lokaler oder überregional bedeutsamer Gottheiten (wie z.B. dem kleinen Matronen-Weihestein im Eifelzentrum Nettersheim, oder einer Figur der Sirona im Landesmuseum Trier) oder anderen Statuetten und Figuren.

Als römischer Cultor hat man neben dem Lararium, das das Kernelement des privaten Cultus, der Sacra Privata (auch Cultus Domesticus, also häuslicher Kult, genannt), bildet, meist noch einen oder mehrere persönliche „Hausgötter„, die man dem weiteren Kreis seiner Penaten zurechnet und in seinen Cultus integriert. Beispiele dafür sind Tutelargottheiten oder regionale (wie gallo-römische) Gottheiten, die in der Gegend eine wichtige Rolle spielen, in der man lebt, oder einige der „großen“ römischen Götter, denen man sich verbunden fühlt und die man in seinen persönlichen Cultus integrieren möchte.

Die Sacra Privata war schon in römischer Zeit, wie der Begriff nahelegt, Privatsache, in die der Staat sich nicht einmischte und für die es keine allgemeinverbindlichen Regeln, Vorschriften oder Verpflichtungen gab. Welchen Cultus man daheim praktizierte, welche Götter im persönlichen Leben eine Rolle spielten, war nicht geregelt und stand jedem frei. Lediglich der öffentliche Staatskult war durch feste Vorschriften reglementiert und von allen Einwohnern zu akzeptieren, da er Garant für die Einheit und den Frieden des Römischen Reichs mit den Göttern – und für ihre Schutzgewährung war, den Pax Deorum.

So lange man in seiner privaten Praxis nichts tat, was dem Staatskult zuwiderlief oder diesen gar ablehnte, war man frei darin, welche Götter man daheim verehrte und welche Praktiken man vollzog. Ausnahmen bildeten Praktiken, die gegen Gesetze verstießen, wie Menschenopfer, oder Magie, Schadenszauber und Verfluchungen (wie man es z.B. aus dem Kybele-Kult kennt), die in der Geschichte zeitweilig ebenfalls strafbar waren, weil sie die öffentliche Ordnung gefährdeten oder Kulte, deren Praktiken ebenfalls als Ordnungsstörung galten, wie der zeitweilig verbotene orgiastische Bacchus-Kult.

Es sprach theoretisch nicht einmal etwas dagegen, im heimischen Lararium eine Statue von Jesus Christus aufzustellen (Kaiser Alexander Severus soll dies getan haben), so lange man nicht mit seiner Ansicht an die Öffentlichkeit trat, daß der „eine Gott“ der einzig wahre sei und die römischen Götter nicht existierten und man sich weigerte, am Staats- und Kaiserkult teilzunehmen – denn auch das gefährdete den Pax Deorum.

Unser Artikel zu diesem Thema beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

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Der Gallo-Römische Cultus – die Religion im „Römischen Germanien“

Heute möchten wir mit einem weitverbreiteten Mißverständnis aufräumen, das sich im Zuge der – vor allem im neuheidnischen Spektrum angesiedelten – Vorstellungen der „Religion unserer Ahnen“ oder der „ursprünglichen, vorchristlichen Religion in Deutschland“ verbreitet und Verwirrung stiftet.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Den Folgen dieser Verwirrung begegnen wir gerade bei „Neueinsteigern“, die sich für den heidnischen römischen Rekonstruktionismus interessieren, leider immer wieder. Die allgemeinen Vorstellungen über vorchristliche Religion in Deutschland sind heutzutage so sehr durchsetzt von einem neuheidnischen Konglomerat aus „ur-germanischer“ Religion, Wikingerkulten aus Skandinavien, sowie modernen nicht-rekonstruktionistischen Strömungen, daß Ratsuchende, die sich speziell für die polytheistische Religion in „Roman Germany“ interessieren, mit einer ganzen Batterie aus ahistorischen und aus allen Richtungen zusammengeklaubten Vorstellungen bombardiert werden, deren Sinn und Authentizität, oder Mangel daran, sie noch nicht beurteilen können.

So braut man sich daraus oft eine eigene Mischung zusammen, die zwar eine persönlich befriedigende Religion darstellen mag (auf Neudeutsch nennt man diese Selfmade-Religionen heutzutage euphemistisch UPG  -„Unverified Personal Gnosis“), vom Römischen Rekonstruktionismus ist man damit jedoch abgekommen, noch bevor man die ersten Schritte auf diesem Weg gemacht hat. Wenn man sich dann allerdings dem intensiven Quellenstudium widmet und sich intensiv mit Geschichte und Archäologie auseinandersetzt, fällt schnell auf, daß romantische Vorstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert wenig mit der religiösen Wirklichkeit im romanisierten Teil Germaniens zu tun haben.

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war im ganzen Reich sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute

Nachdem wir kürzlich an einer ausgiebigen Diskussion teilnahmen, in der all diese Mißverständnisse wieder zutage traten, fanden wir es an der Zeit, einen Artikel zu dem Thema zu schreiben – der Informationsbedarf ist ganz offensichtlich da. Denn wenn sich diese Diskussionen immer nur im nicht-öffentlichen Rahmen abspielen, in persönlichen Unterhaltungen, per Email-Austausch oder geschlossenen Mailinglisten, dann führt das nur dazu, daß man die gleichen Diskussionen gebetsmühlenhaft wiederholen muß.

Dieser Artikel soll deshalb die immer wieder an uns herangetragenen Fragen und in epischer Länge von uns verfassten Antworten nun an einer zentralen Stelle zusammenfassen. Wir hoffen, dass dies sowohl ratsuchenden Neueinsteigern als auch generell interessierten Lesern (Heiden wie Nichtheiden) hilft, geschichtliche Entwicklungen und religiöse Vorstellungen im korrekten historischen Kontext zu verstehen.

Eine Frage – und viele verworrene Antworten

Kürzlich führten wir eine Diskussion mit einem Amerikaner, der sich für die heidnische Römische Religion – den Cultus Deorum Romanorum oder Religio Romana – interessierte. Da er sich einerseits stark für das Antike Rom und die damit verbundene Geschichte, Kultur und Religion begeistert, daneben aber deutsche Vorfahren hat, suchte er nach Informationen über und Rat oder Erfahrungen bezüglich der „synkretistischen Religion des Römischen Germaniens„, wie er das nannte. Sich mit dieser speziellen, lokalen Form der Religio Romana zu beschäftigen, sah er als idealen Weg an, sowohl das antike Rom, als auch seine Wurzeln zu ehren und beides auf harmonische Weise miteinander zu verbinden.

Der Celius-Stein ist der einzige archäologische Hinweis auf die Varusschlacht. Mit dieser Niederlage endete die römische Präsenz in Germanien (Bonn, 2014)

Der Celius-Stein ist der einzige (!) archäologische Hinweis auf die Varusschlacht. Mit dieser Niederlage endete die römische Präsenz in Germanien (Bonn, 2014)

Seine Frage bezog sich deshalb ausdrücklich auf das „Römische Germanien“, das heißt, auf die Provinzen des Römischen Reichs, die westlich des Limes und vor allem westlich des Rheins lagen und auf deren romanisierte Einwohner.

Was daraufhin geschah, war typisch. Er erhielt Antworten, die vollkommen an seiner Frage vorbeigingen, irrige Vorstellungen über den Begriff „Germanien“ demonstrierten und die üblichen geografischen, politischen und religiösen Mißverständnisse wiederholten, auf die wir immer wieder stoßen – übrigens nicht nur bei Amerikanern oder Bewohnern anderer Länder, die nicht auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Reichs liegen (wie Lateinamerika, Asien oder dem Pazifikraum), sondern durchaus auch bei Europäern, insbesondere Deutschen, von denen man erwarten würde, daß sie sich besser mit der Geschichte ihres Landes auskennen sollten, zumindest, wenn sie sich gehalten fühlen, ihre Vorstellungen über „Germanien“ und „Germanische Religion“ in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Unqualifizierte Diskussionsbeiträge bezüglich der Römer, die (wie die Christen angeblich auch) die ursprüngliche germanische Religion mit Gewalt und Schwert „ausgerottet“ haben, kamen dabei wie selbstverständlich auch. Dieses Thema zu diskutieren, erfordert oft einen gewissen Langmut aufgrund der doch sehr verzerrten Sichtweise mancher Heiden, die mehr an emotional wirkenden Feindbildern interessiert sind, als an geschichtlichen Tatsachen, so daß ich das an dieser Stelle einmal höflich und dezent unter den Tisch fallen lassen möchte.

Eine der Antworten war zumindest „gut gemeint“. Sie stammte von einer jungen Frau aus Lateinamerika, die zugab, ebenfalls (wie der Fragesteller) neu im rekonstruktionistischen Cultus Deorum zu sein. Zwar bemüht sie sich redlich, den traditionellen römischen Riten und Praktiken zu folgen (wie Rituale am Lararium abzuhalten) und dabei auch die authentischen Quellen zu berücksichtigen und zu beachten. Daneben bezieht in ihre Sacra Privata, das heißt, in ihre persönliche religiöse Praxis, „germanische Götter“ ein und versucht, sie in ihre Kultpraxis zu integrieren, mixt dabei aufgrund ihrer eigenen, undifferenzierten Vorstellungen jedoch Elemente hinein, die aus rekonstruktionistischer Sicht nicht als authentisch betrachtet werden – etwas, auf das im Cultus Deorum jedoch Wert gelegt wird.

Apollo-Grannus, gallo-römischer Heil- und Quellgott. Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 2014)

Apollo-Grannus, gallo-römischer Heil- und Quellgott. Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 2014)

Die Integration fremder Götter ist aus Sicht der Religio Romana erst einmal überhaupt nicht verwerflich, sondern vollkommen in Ordnung. Die heidnische römische Religion zeichnete sich durch große Flexibilität und Aufnahmefähigkeit aus, was ein Grund für ihren Erfolg im gesamten Reich war – von Afrika bis Kleinasien, von Britannien bis Spanien. Römer leugneten niemals die Existenz anderer Götter, – ganz im Gegenteil – sie gingen davon aus, daß diese in ihren angestammten Siedlungsgebieten mächtig waren und Einfluß hatten. Diese einheimischen Göttern zu missachten, war nicht im Interesse Roms, weswegen man immer bestrebt war, diese Götter zu besänftigen, oder sogar auf die Seite Roms zu ziehen. Ihnen wurden Tempel errichtet und viele, ursprünglich lokale Gottheiten wie die ägyptische Isis, kleinasiatische Gottheiten wie Mithras und Kybele oder die gallische Epona gelangten im ganzen Reich zu großer Popularität und erhielten sogar Tempel in Rom selbst.

Jeder Einwohner des römischen Reichs war frei in seiner Religionsausübung und konnte privat im heimischen Kult verehren, wen auch immer er wollte, natürlich auch seine eigenen, lokalen Götter – wenn er sich an die gesetzlichen Grundregeln hielt, das hieß, keine Menschenopfer durchführte, die öffentliche Ordnung nicht gefährdete und die römische Staatsreligion respektierte. Viele lokale Gottheiten wurden mit römischen Gottheiten gleichgesetzt, wie der keltische Grannus, der zu Apollo-Grannus wurde, oder der germanische Magusanus, der als Hercules-Magusanus vor allem in Niedergermanien entlang des Rheins verehrt wurde. Details zur Integration „fremder“ Götter in die römische Religion finden sich in unserem ausführlichen Artikel zur „Interpretatio Romana.

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Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

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Kultpraxis: Neujahrsritual für Janus

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Neujahrsritual für Janus zur Durchführung im privaten Cultus (Cultus Domesticus/Sacra Privata)

Vorbemerkung:

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Der 1. Januar (Kalenden des Januar) ist im römischen Kalender dem Gott Janus Pater geweiht. Der Monat Januar(ius) ist  nach diesem Gott benannt, der neben Jupiter einer der wichtigsten Götter des römischen Pantheons ist. Er ist zudem einer der ältesten Götter und rein römischen Ursprungs. Im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Göttern hat er keine Entsprechungen im griechischen oder einem anderen Pantheon. Er gilt als der „Vater aller Götter“ und „Vater aller Dinge“.

Das römische Neujahr (Matronalia) fand ursprünglich nicht am 1. Januar statt, sondern am 1. März, da der März der erste Monat des alten römischen Kalenders ist. Erst im Jahre 153 v. Chr. wurde der Januar zum ersten Monat des Jahres, weil dann auch das Amtsjahr begann. Das römische Neujahr war der Staatsgöttin Juno und dem Gott Mars gewidmet, außerdem wurde an diesem Tag die ewige Flamme von Rom, das heilige Herdfeuer im Tempel der Göttin Vesta, das von den Vestalinnen gehütet wurde, erneuert.

Auch das Neujahrsfest wurde von den Römern in ähnlicher Weise begangen, wie wir dies noch heute tun. Die neuen Konsuln wurden eingesetzt, es gab öffentliche Ansprachen, so wie es heute Neujahrsansprachen von politischen Führungspersönlichkeiten gibt und man traf sich privat mit Freunden und Familie, tauschte Geschenke (sog. strenae) und Gute Wünsche für das neue Jahr aus und feierte zusammen. Der erste Tag des neuen Jahres hatte besondere Zeichenhaftigkeit, galt als Omen für das kommende Jahr, so wie wir es heute auch kennen und Bleigießen praktizieren, um zu sehen, was uns das Jahr bringen mag. Deswegen hat der Brauch jedem ein Gutes Neues Jahr zu wünschen den Hintergrund dieses Positive für den Betreffenden zu evozieren und aus dem gleichen Grund wünschte man sich unter Römern ebenfalls ein gutes, glückliches neues Jahr – „annum novum faustum felicem“!
Unter den traditionellen Geschenken fanden sich unter anderem Palmzweige, Honig, Datteln und Feigen, die den Jahresbeginn nicht nur kulinarisch sondern zeichenhaft versüßen sollten. Ovid beschreibt dies in seinen Fasti (Gedichten zu den römischen Festtagen):

‚quid volt palma sibi rugosaque carica‘ dixi
‚et data sub niveo candida mella cado?‘
‚omen‘ ait ‚causa est, ut res sapor ille sequatur
et peragat coeptum dulcis ut annus iter.‘ — Fasti, I, 185f

(„Welche Bedeutung birgt mit der Dattel die runzlige Feige und
unter des reinlichen Kruges Hülle des Honigs Geschenk?“
„Sinnbild soll das sein: die Süße soll den Dingen folgen, und das Jahr soll von Annehmlichkeit den begonnen Weg vollenden“)

Ein besonders symbolträchtiges Geschenk, das man sich zu Neujahr machte, waren die lucernae, Öllampen, die oft mit diesem lateinischen Neujahrsgruß beschriftet waren und wohl in Verbindung mit dem Sol Invictus Fest am 25.12. zu sehen sind. In dieser Sonnen- und Lichtsymbolik stehen die Lampen für das Licht des Neuen Jahres und auch hier sehen wir uns in einer alten Tradition stehend, wenn Feuerwerk zu Silvester den Himmel erhellt und das neue Jahr einleitet.

Der Name Silvester für den Tag vor Neujahr am 31.12. kommt aus der christlichen Tradition, die an diesem Tag den Todestag von Papst Silvester I. begeht – es ist also ein Heiligengedenktag im liturgischen Jahr der Kirche und kein Festtag zum Jahreswechsel, aber der Heilige Silvester I. wird neben seiner Funktion als Patron der Haustiere auch für eine gute Futterernte und eben ein gutes neues Jahr angerufen.

Da Janus der Gott der Neuanfänge, der Türen, Tore, Übergänge und generell der Zeit war, paßt es sehr gut, daß sein Feiertag auch mit unserem heutigen kalendarischen Neujahr zusammenfällt. Im Cultus Deorum Romanorum wird dieser Tag deswegen oft dazu genutzt, das Wohlwollen des Gottes Janus für das kommende Jahr zu erbitten. Grundsätzlich möglich ist die Durchführung dieses Ritus bis zu den Iden des Januar (13.1).

Da Janus (wie Vesta) bei jedem Ritual am Lararium eingeschlossen ist, kann auch dieses Ritual am Lararium durchgeführt werden. Wer im Rahmen seines Cultus Domesticus einen eigenen Schrein oder Altar für Janus hat, verwendet diesen.

Das Ritual wird in sauberer Kleidung und capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchgeführt.

Durchführung des Rituals

Adoratio mit in Gebetshaltung erhobenen Händen (manu supina):

„Favete linguis!“
„Hütet Eure Zunge!“ (als Aufforderung zum Schweigen)

PRECATIO

Anrufung mit beiden Händen in manu supina:

„Iane Pater surgo, Deus Bonis Initiis. Surgo, Janus Matutinus Custos Portae Matutina Lux. Iane pater, deus novi initii, custos futuri et praeteriti temporis sanctissime, his Kalendis Ianuariis anni novi nunc incepti te precor, quaesoque: uti laetitiam fortunamque, omnes eventus bonos fautosque, fortunatos felicissimosque, pacem concordiamque familiae meae tribuas; utique sis volens propitius amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Erhebe Dich, Vater Janus, Gott der Guten Anfänge! Erhebe Dich, Janus Matutinus, Torhüter des Morgenlichts! Vater Janus, Gott des Neuanfangs, heiligster Wächter der Zukunft und Vergangenheit! An diesem ersten Tag des Neuen Jahrs, an den Kalenden des Januars, bete ich zu Dir und bitte Dich, daß Du meiner Familie Freude und gutes Schicksal bringst, daß sich alle Dinge gut und erfolgreich und äußerst glücklich entwickeln, und daß Du meiner Familie Frieden und Eintracht bringst. Und mögest Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie sein.“

SACRIFICIUM/LIBATIO

Bete in manu supina:

„Cuius rei ergo macte hoc vino libando, hoc ture ommovendo esto fito volens propitious amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Aus diesem Grund seist Du gesegnet durch dieses Weinopfer, durch das Opfer dieses Räucherwerks, so daß Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie seist.“

Die Libation und Räucherung werden durchgeführt.

houdon_vestale

Statue einer Vestalin von Jean-Antoine Houdon

LITATIO (an Vesta)

Bete in manu supina:

“Vesta Mater, dea foci nitens, ignis aeternalis, vota nostra accipe ac hunc ritum flamma proavita bene dic ut digna deis immortalibus offerenda. Mater Vesta, te hoc turem obmoveo bonas preces precor, ut sis volens propitia mihi, domo, et familiae.”
„Mutter Vesta, Göttin des brennenden Herds, des ewigen Feuers, nimm meine Gebete und dieses Ritual durch Deine uralte Flamme an, so daß sie in den Augen der unsterblichen Götter würdig sind. Mutter Vesta, ich opfere Dir dieses Räucherwerk und bitte, daß Du freundlich und wohlwollend auf mich, mein Haus und meine Familie schaust.“

Räucherwerk wird geopfert.

PIACULUM

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne  griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Opferung von Räucherwerk, dabei beten in manu supina:

„Iane pater, deus novi initii, Vesta, Lares, Manes, Penates, Iuppiter, Iuno, Minerva, Omnes Di Immortales quocumque nomine: si quidquam vobis in hac caerimonia displiceat, hoc vino inferio veniam peto et vitium meum expio.“
„Vater Janus, Gott des Neuanfangs, Laren, Manes, Penaten, Jupiter, Juno, Minerva, alle Unsterblichen Götter, mit welchem Namen auch immer: wenn irgendetwas an dieser Zeremonie Euch nicht erfreut hat, entschuldige ich mich für meinen Fehler mit diesem Wein.“

Führe eine Libation mit Wein durch.
Adoratio zum Altar und verkünde:

“Nil amplius vos hodie posco,superi, satis est.”
„Um mehr bitte ich Euch hohe Götter heute nicht, es ist genug.“

“Illicet.”
“Es ist getan.”

Führe eine vollständige Drehung (rechtsherum) aus. Es ist nun erlaubt, zu gehen.

Ende des Rituals.

Sitze für ein paar Minuten in Stille und halte Ausschau nach Zeichen.

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Wir danken für die freundliche Genehmigung, eine deutsche Übersetzung dieses Rituals in unserem Blog zu veröffentlichen.

J. Aquila © 16. June 2011. May not be copied, published or shared without copyright info attached.

Götterwelt: Lenus-Mars

Zuständigkeiten, Herkunft, Bezeichnungen:

Schreibweisen: Lenus, Laenus

(Moderne) Holzstatue des Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

(Moderne) Holzstatue des Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Der gallo-römische Heil- und Stammesgott Lenus des keltischen Stammes der Treverer war einer der wichtigsten und bedeutsamsten einheimischen Götter im Eifel- und Moselraum bis nach Luxemburg. Seine Bedeutung in diesem Teil Galliens war so groß, daß sein Kult sich bald auch großer Beliebtheit unter den Römern erfreute. Im römischen Reich verbreitete sich Lenus-Mars auch über das Stammesgebiet der Treverer hinaus, was Weiheinschriften in Britannien belegen.

Im romanisierten Gallien wurde Lenus durch die Interpretatio Romana mit dem römischen Gott Mars identifiziert, was zu seiner Ausprägung als Lenus-Mars führte. Die besondere Bedeutung des Gottes ist auch durch die ungewöhnliche Tatsache ersichtlich, daß sein gallisches Epitheton zuerst genannt wird, während es ansonsten bei romanisierten Göttern üblich war, zuerst den römischen Namen zu nennen („Apollo Grannus“, „Merkur Cissonius“, „Jupiter-Ammon“).

In seiner Hauptfunktion ist Lenus-Mars ein Heilgott. Für ihn gab es gewaltige Heiligtümer mit medizinischen Heilquellen in Trier (der Kaiserstadt Augusta Treverorum, die seinerzeit die zweitgrößte Stadt des römischen Reichs war – deswegen auch „Rom des Nordens“ genannt) und auf dem Martberg (Mons Martis, „Marsberg“) an der Mosel. Beide Tempel wurden im römischen Reich zu überregional bedeutsamen Pilgerstätten, ihre Orte waren aber schon zu keltischer Zeit bedeutsame Heiligtümer. Das Quellheiligtum in Trier („Am Irmenwingert“) war schon vor der römischen Zeit ein religiöses Zentrum der Treverer, in dem neben dem Stammesgott Lenus auch Iovantucarus (in der Interpretatio Romana ebenfalls mit Mars gleichgesetzt), Ancamna (eine gallo-römische Quellgöttin) und die Xulsigiae (dreifache gallo-römische Quell- und Fruchtbarkeitsgöttinnen), später auch die Göttin Victoria verehrt wurden.

Ortschaften wie Cardena (das heutige Treis-Karden an der Mosel) am Fuße des Martbergs entstanden und blühten durch den Pilger-Tourismus. Cardena war ein Töpferort, in dem sich eine Töpferei an die nächste reihte, um in Massenproduktion Opfergaben wie billige Öllämpchen und Votivfiguren des Lenus-Mars zu produzieren. Auch das verdeutlicht die große Bedeutung dieses Heilgottes.

Weihestein für Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Weihestein für Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Nach römischer Sitte wurden an den einheimischen Heiligtümern steinerne Tempelanlagen errichtet. Beim Tempel auf dem Martberg handelt es sich um einen typisch gallo-römischen Umgangstempel, der die keltische Kultpraxis integrierte, ein Heiligtum zu umschreiten und dadurch die Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung zu erhöhen. Die gallo-römische Kultanlage in Trier gilt in der Archäologie als „treverisches Nationalheiligtum mit monumentaler Ausstattung“. Neben Pilgerherbergen, Prozessionsstraße, Bädern, Tempel und Schreinen gab es sogar ein Kulttheater, das bei Kultfesten der Darstellung von Göttermythen diente.

Weitere Fundorte sind Welschbillig und Mersch (Luxemburg), wo der Militärtribun gleichzeitig die Funktion des Lenus-Mars-Priesters ausübte.

Lenus-Mars wird, trotz seiner Identifikation mit Mars, in erster Linie als Heilgott angesprochen. Neben Gesundheit, Heilung von Krankheiten und Verletzungen ist er auch generell für Glück und gutes Schicksal zuständig. Die Identifikation mit dem kriegerischen Mars und die Darstellung mit Rüstung, Schild und Speer wird so gedeutet, daß er seine Waffen und Kraft benutzt, um Krankheiten zu bekämpfen und abzuwehren, als auch vor Krankheit und Tod zu schützen.

Neben den Heiligtümern mit Heilquellen und Bädern belegen auch die Inschriften auf Weihetafeln die Funktion als Heilgott. Auf einem Weihestein auf dem Martberg bedankt sich Tychikos dafür, daß er von einem schweren Leiden geheilt wurde.

Eine Deutung des Ursprungs des Namens „Lenus“ liegt in den keltischen Worten „li-n-a“ („schmutzig, verschmutzen“), „li-no“ (Eiter), „li-no“ (Leinen) und „linomn“ (reinigen, entfernen). All diese Worte sind mit Wunden und Wundinfektionen assoziiert sowie dem Behandeln und Verbinden dieser Wunden. Der Ursprung des Lenus wird deshalb in einem Gott angenommen, der für die Heilung und Reinigung (infizierter) Wunden zuständig war, was seine Bedeutsamkeit sowohl für die ländliche Bevölkerung als auch für das Militär erklärt.

Attribute und Darstellungen

Neben Weiheinschriften wurden auch Statuen und Figuren des Lenus-Mars gefunden. Eine Bronzestatuette vom Martberg zeigt ihn als klassischen Krieger mit korinthischem Helm, Speer, Schild und Rüstung. Ein Relief aus Chedworth, Britannien zeigt ihn mit Axt und Speer.

Das Sockelfundament einer Statue aus Britannien zeigt, daß Lenus von einem großen Vogel begleitet wurde, möglicherweise einer Gans. Weitere Funde aus dieser Region belegen eine Verbindung des Gottes mit einer widderköpfigen Schlange, was ebenfalls als Symbol seiner Funktion als Heilgott gedeutet wird.

Opfergaben

Opfergaben für Lenus-Mars, gefunden auf dem Martberg (Stiftsmuseum Treis-Karden)

Opfergaben für Lenus-Mars, gefunden auf dem Martberg (Stiftsmuseum Treis-Karden)

Zahlreiche Funde auf dem Martberg zeigen, daß der keltische Opferbrauch, Münzen und Schmuck zu opfern, auch zu römischer Zeit fortgesetzt wurde. Es wurden Tausende von Münzen, Fibeln und Schmuckgegenständen gefunden. Daneben hielt der römische Brauch Einzug, tönerne Miniaturgefäße (wie Öllampen) und Figuren zu opfern, wovon zahlreiche Tonscherben zeugen.

Nach erfolgter Heilung war es unter wohlsituierteren Bürgern üblich, einen Weihestein zu stiften, auf dem man seinen Dank zum Ausdruck bringt (wie man es noch heute von Weihetafeln aus katholischen Kirchen kennt („Maria hat geholfen“).

Sonstiges

Während von der Tempelanlage in Trier nichts mehr zu sehen ist, wurde der Tempel auf dem Martberg teilrekonstruiert. Der Umgangstempel wurde komplett wieder aufgebaut und auch von innen im römischen Stil bemalt. Es gibt eine (moderne) Holzstatue des Lenus-Mars sowie einen Weihealtar, auf dem Opfergaben, vor allem Münzen, abgelegt werden können (und werden). Auf dem Bergrücken, der einst ein bedeutendes keltisches Oppidium war, sind neben den römischen Tempelgebäuden auch rekonstruierte keltische Bauten in einen kleinen archäologischen Park integriert. Für weiterführende Informationen empfehlen wir Euch unseren Artikel zum Martberg.

 

 

 

 

 

 

Die Interpretatio Romana: Identifikation fremder Götter mit römischen Gottheiten

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Immer wieder hört man (oft von Einsteigern in den römischen Cultus oder aus anderen polytheistischen Richtungen stammenden Heiden) gestellte Fragen wie: „Welchem römischen Gott entspricht der keltische Gott Lug?“ oder „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter mit anderen Namen?“ oder „Ich habe eine besondere Beziehung zum ägyptischen Gott Ra, welchem römischen Gott entspricht das?“ oder „Sind Diana und Artemis die gleichen Personen?“.

Diese Fragestellungen greifen zu kurz, denn sie setzen voraus, daß es bei den Römern eine Art „1:1 Umsetzungstabelle“ zwischen „fremden“ Göttern und römischen Göttern gab. Es werden einfache Listen erwartet, wie jeder sie von den Entsprechungen der 12 olympischen Göttern der Griechen mit den 12 Dei Consentes der Römer kennt: Jupiter = Zeus, Hera = Juno, Poseidon = Neptun,  Merkur = Hermes oder Ares = Mars.

Tatsächlich sind nicht einmal diese allseits bekannten Gleichsetzungen der 12 höchsten Götter exakte Übertragungen identischer Gottheiten unter anderem Namen, sondern ihre Persönlichkeiten, Charakteristika und Zuständigkeiten sind zwar sehr ähnlich und wurden zum Teil von einer Kultur in die andere übertragen, gleichzeitig nahmen sie aber auch in der römischen Religion eine andere Entwicklung mit neuen Eigenschaften, Genealogie oder neuen Zuständigkeitsgebieten.

Ein sehr gutes Beispiel bietet die Frage: „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter unter anderem Namen?„:

Gleichzeitig zu den zuvor aufgezählten griechischen Entsprechungen, gibt es zu den 12 römischen Dei Consentes auch etruskische Gleichsetzungen. Viele davon sind originär etruskisch-italische Götter, die nicht (wie z.B. der etruskische Apulo = Apollo oder Artumes = Artemis) aus Griechenland importiert wurden. Tatsächlich ist nicht immer klar, welche Dei Consentes ihren Einzug in die römische Götterwelt über die griechische Kultur gefunden haben (die gerade zur Zeit der Republik extrem populär und angesagt war) oder ob sie aus der etruskischen Kultur stammen, die der römischen Kultur in Italien vorausging und von ihr assimiliert wurde – wobei auch die Etrusker und Griechen in regem kulturellem Austausch miteinander standen und sich gegenseitig beeinflussten.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Ein Beispiel hierfür ist Menerva (gleichgesetzt mit Minerva / Athene), eine originär etruskische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Ihre Eltern sind Uni und Tinia und nach ihnen ist sie die höchste Himmelsgottheit und Teil der göttlichen etruskischen Dreiheit. Diese wiederum ist Vorbild für die römische kapitolinische Trias aus Jupiter, Juno und Minerva.

Ein anderes interessantes Beispiel ist Laran (Ares, Mars), ein alter etruskischer Erd- und Fruchtbarkeitsgott, der später auch Kriegsgott wurde. So kann Laran durchaus dafür verantwortlich sein, daß der römische Mars nicht nur ein klassischer Kriegsgott ist, sondern auch als Beschützer der Felder, des Viehs, der Höfe und der Grenzen gilt – was wiederum später zur Gleichsetzung mit dem gallischen Gott Intarabus führte, der gar keine Funktion als Kriegsgott hat, sondern als lokaler genius loci Schutzherr der Felder und der Landwirtschaft ist.

Auch Selvas war ein originär-etruskischer Gott, der mit dem römischen Vegetationsgott Silvanus gleichgesetzt wurde. Da Silvanus ebenfalls die Felder und Landwirtschaft beschützt, wurde er im römischen Cultus zum Teil zu Mars-Silvanus verschmolzen. Die Gleichsetzung mit dem gallischen Intarabus als Mars-Intarabus bezieht sich deswegen wahrscheinlich auf diesen Mars-Silvanus-Aspekt und nicht auf den kriegerischen des klassischen Mars.

Allein diese Beispiele zeigen, daß eine einfache 1:1 Übertragung nach dem Motto: „Dieser Gott ist jener Gott“ nicht sinnvoll ist. Denn in der Regel bezieht sich eine Übertragung nur auf einen Teilaspekt, manchmal eine einzige isolierte Zuständigkeit, während andere Zuständigkeiten und Aspekte vollkommen ausgeblendet werden. Auch beeinflussen assimilierte Götter anderer Kulturen wiederum die Ausprägungen bekannter Götter oder fügen diese neue Zuständigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte hinzu.

Was ist „Interpretatio Romana“ überhaupt?

Der Begriff „Interpretatio Romana“ (Latein für „römische Auslegung“ oder „römische Deutung“) bezeichnet die römische Sitte, „fremde“ Götter (worunter in diesem Artikel der Einfachheit halber immer Götter und Göttinnen gefaßt sind) durch funktionale Identifikation mit römischen Göttern in die eigene Religion und den römischen Cultus aufzunehmen.

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Römer bezweifelten niemals die Existenz anderer Götter. Für sie stand es völlig außer Frage, daß es Götter und Göttinnen in anderen Ländern gab, deren Namen, Zuständigkeiten, Funktionen oder Geschlecht sie nicht kannten. Sie bezweifelten nicht einmal, daß es in ihrem eigenen Reich, ja, sogar mitten Rom, Götter gab, die ihnen nicht bekannt waren.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, daß Götter anderer Völker, insbesondere der Völker, gegen die man Krieg führte oder die man unterworfen hatte, in ihren angestammten Heimatregionen besonders stark waren und viel Einfluß hatten – es bestand die reale Chance, daß ein lokaler Gott vor Ort mächtiger war als ein Gott im fernen Rom, der in der Provinz wenig Einfluß hatte.

So machte es für den Römer vollkommen Sinn, sich auch an die Götter zu wenden, die an seinem aktuellen Aufenthaltsort Einfluß und Macht besaßen, selbst wenn sie sehr lokal waren. Es konnte nicht schaden, sie in seinen Cultus zu integrieren und sich mit Anliegen an sie zu wenden. So wandte sich ein Römer an der Mosel, wenn er krank war, sicher eher an den gallischen Heilgott Lenus (in seiner Form als Lenus-Mars), dessen Tempelkomplex auf dem Martberg überregionale Bedeutung als Pilgerstätte besaß, als an den fernen Aesculapius in Rom.

Auch war man der Ansicht, daß Völker, mit denen man sich im Krieg befand, unter dem Schutz ihrer eigenen – möglicherweise sehr mächtigen – Götter standen. Deshalb war es gängige Praxis, diese fremden Götter vor einer wichtigen Schlacht anzurufen und sie zum Wechseln der Seiten zu bewegen. Dabei wurde ihnen als Gegenleistung für einen Sieg in Aussicht gestellt, daß man ihnen Tempel errichten und sie zukünftig im Rahmen der römischen Religion verehren würde. Dieses Ritual wurde „Evocatio“ genannt. Da die Römer auf ihren Feldzügen sehr erfolgreich waren, fanden auf diese Weise viele Götter aus den unterschiedlichsten Winkeln des Imperiums Einzug in die römische Götterwelt, denn natürlich wurde der Vertrag nach gewonnener Schlacht eingelöst.

Eine der berühmtesten dieser Evokationen ereignete sich im Jahr 392 v. Chr. in der Schlacht gegen die Veiianer. Camillus rief die Schutzgöttin der etruskischen Stadt Veii an und versprach ihr einen Tempel auf dem Aventin in Rom, um sich dort niederzulassen. Nach gewonnener Schlacht wurde der Tempel mitsamt einer Statue der Göttin errichtet. Diese Göttin wurde zu Juno Regina, die Königin der Götter Roms.

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Der Begriff „Interpretatio Romana“ wurde vom römischen Schriftsteller Tacitus geprägt, der ihn in seiner „Germania“ zur Gleichsetzung des Zwillingspaars Castor und Pollux mit den germanischen Alci verwendete (Germania, 43: „Bei den Nahanarvalen zeigt man einen Hain uralter Gottverehrung. Ihr steht ein Priester vor in geschmückter Weibertracht, doch nennt man als die Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux: dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alcen. Keine Bilder, keine Spur fremden Dienstes; doch als Brüder, als Jünglinge gedacht verehrt man sie“). Diese Stelle ist der einzige literarische Nachweis des Begriffs „Interpretatio Romana“, die Praxis der Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen findet sich jedoch in zahlreichen Quellen, wie zum Beispiel bei Caesar in De Bello Gallico, wo er Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva als die fünf Hauptgottheiten der Gallier bezeichnet (De Bello Gallico, 6,17).

Plinius der Ältere erklärte in seiner „Naturgeschichte“ die Gleichsetzung einheimischer Götter mit fremden Göttern mit der Vorstellung, daß Völker bestimmte Götter unter verschiedenen Namen kennen. Er prägte dafür den Ausdruck „nomina alia aliis gentibus“ („verschiedene Namen bei verschiedenen Völkern“, Naturalis historia, 2.5.15).

Ebenso spielte die Gleichsetzung eines einheimischen Gottes mit einem römischen Gott auch für die unterworfenen Völker eine wichtige Rolle bei der Eingliederung in das Römische Reich und für den Prozess der Romanisierung. Die Tatsache, daß ihre Götter nicht verboten, verleugnet oder unterdrückt wurden, sondern ihre Verehrung weiterhin erlaubt war – ja, sogar von den neuen Herren übernommen und gefördert wurde,- war ein wichtiger Bestandteil der Romanisierung und der Befriedung einer Provinz. So lange die Praktiken nicht gegen römisches Recht verstießen (z.B. Menschenopfer), genossen die Bewohner der neuen Provinzen völlige Religionsfreiheit. Oft erlebten sie, daß ihre Kultstätten, an denen sie die Götter verehrten, von den Römern zur Verehrung eben dieser Gottheiten weiter genutzt wurden, wenn auch in römischer Form, indem man dort die typischen gallo-römischen Umgangstempel errichtete, die es nur in den Provinzen nördlich der Alpen gab, und den Göttern aufwendige und imposante Gebäudekomplexe gewidmet wurden.

Dadurch, daß die Römer ihre eigenen Götter problemlos mit den einheimischen Göttern identifizieren konnten, gab es keine kulturelle Barriere, wie es sie bei der Übernahme eines Landes durch ein Volk mit einer völlig fremden, inkompatiblen Religion gegeben hätte, die die dort verwurzelte Religion verboten oder unterdrückt hätte.

Dies führte wiederum im Gegenzug zu eigenen Identifikationsbestrebungen wie der Interpretatio Gallica, in der Gallier römische Götter annahmen und in ihren Pantheon integrierten. Die einheimische Bevölkerung war dadurch auch schneller bereit, die römischen Darstellungen und Namen der Götter anzunehmen (vgl. hierzu: „Cernunnos: Origin and Transformation of a Celtic Divinity“ von Phyllis Fray Bober, veröffentlicht im American Journal of Archaeology, Vol. 55, No. 1 (Jan., 1951), S. 13-51: „… indigenous population’s readiness to accept for their religious personalities, often aniconic, the artistic types and names of those Roman divinities whose natures may include one or more parallel functions – interpretatio gallica.“)

So gewährleistete die Interpretatio Romana den Religionsfrieden („Pax Deorum“) im riesigen Vielvölkerreich des Imperium Romanum.

Wie erfolgte die Gleichsetzung eines fremden Gottes mit einem römischen Gott?

Ein einheimischer Gott, sei er keltisch, aus dem Nahen Osten oder Afrika, wurde nicht in der ursprünglichen Form in den römischen Cultus aufgenommen, in der ihn die „Barbaren“ verehrten.

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Wie auch die Bevölkerung in den eroberten Gebieten, so wurde sozusagen auch der Gott romanisiert. Das geschah in erster Linie initialisiert durch die Frage, mit welchem bekannten römischen Gott er identifiziert werden konnte, um ihn in eine römische Form zu übertragen und ihm ein kultiviertes Gesicht zu verleihen. Darstellungen, Namen, Attribute wurden an den römischen Geschmack angepaßt (Römer mißtrauten zum Beispiel Göttern in Tierform).

Hierbei wurden oft nur wichtige Einzelaspekte oder Eigenarten betrachtet, die eine besondere Rolle spielten und ins Auge fielen, während weitere Zuständigkeiten und Eigenschaften eines fremden Gottes zum Teil offensichtlich uninteressant waren. Da die römische Göttervorstellung sehr flexibel war, war es sogar möglich, teils widersprüchliche Eigenschaften oder Zuständigkeiten in einer Gottheit zu vereinen. Auch gab es viele Überschneidungen, d.h. mehrere Götter konnten für das gleiche Gebiet zuständig sein, was die Identifikation mit fremden Göttern wiederum erleichterte und letztlich die vielfältigen existierenden Zuordnungen erklärt.

Die meisten Zuordnungen römischer Götter zu fremden Göttern kennt man von Inschriften auf Weihesteinen, die oft einem römischen Gott mit einem einheimischen Theonym (Beinamen) gewidmet waren. Während einige Namenskombinationen sehr lokal sind und nur auf einem oder wenigen Weihesteinen vorkommen, sind andere in ganz Europa verbreitet.

Die weitaus größte Anzahl an Kombinationen findet sich bei römischen mit gallischen Göttern, so daß hier die Interpretatio Romana zu einer ganz eigenen gallo-römischen Religionsform geführt hat, die es bei keinem anderen nicht-römischen Volk in diesem Variantenreichtum gegeben hat.

Hierbei fällt insbesondere auf, daß man bei der Zuordnung zu römischen Göttern nicht sonderlich detailreich ans Werk ging. Es war nicht etwa so, daß man sich jeden einheimischen Gott genau anschaute und dann überlegte, zu welchem der zahllosen, oft hochdifferenzierten Götter aus der römischen Götterwelt dieser neue Gott nun am besten passen würde. Ganz im Gegenteil wurde die ganz überwiegende Mehrheit einheimischer Götter (vor allem der gallischen Götter) mit nur wenigen römischen Hauptgöttern gleichgesetzt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen – zu nennen sind hier vor allem Merkur (anscheinend der beliebteste Gott in Gallien überhaupt), Apollo und Mars, zuweilen auch Herkules, der in Gallien ebenfalls hohe Popularität besaß.

Wer entschied, welcher fremde Gott welchem römischen Gott entsprach?

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Besonders interessant ist die Tatsache, daß es (vor allem in der Provinz, fernab von Rom) keine „offizielle Götterzuordnungsstelle“ oder etwas derartiges gab – etwas, das in heutigen heidnisch motivierten Diskussionen oft nicht bekannt zu sein scheint resp. was man dort geradezu erwartet und voraussetzt.

Immer wieder begegnet man heute in Diskussionen der Vorstellung, daß die Zuordnung eines römischen Gottes zu einem fremden Gott aktenkundig, von einer kompetenten Stelle mit Brief und Siegel hochoffiziell beschlossen wurde und unerschütterlich feststand, ganz so, als führten die Römer (wie heutige okkultistische Kabbalisten) allgemeingültige Listen und offizielle Entsprechungstabellen darüber, wer mit wem gleichzusetzen war. Das war nicht der Fall.

Es gab tatsächlich keine offizielle Stelle, die entschied, welcher Gott einem anderen Gott zuzuordnen war. Ganz im Gegenteil wurden die Zuordnungen, vor allem im Rahmen der privaten Religionsausübung, auf vielfältige und oft recht pragmatische Weise getroffen.

Weihesteine wurden von allen Teilen der Bevölkerung gestiftet, von Sklaven und Freigelassenen, von zugezogenen Römern und Einheimischen, von Adligen und Bürgern, von Händlern, Handwerkern und Bauern – sie unterschieden sich allenfalls in Größe, Kosten und Aufmachung. Römische Religion bestand immer schon aus zwei getrennten Bereichen: dem privaten Kult (Sacra Privata) und dem öffentlichen Staatskult (Sacra Publica). So lange man als Einwohner des Imperiums den öffentlichen Staatskult akzeptierte und damit zeigte, man gehörte zur Gemeinschaft dazu, mischte sich der Staat nicht in die Praktiken des privaten Kultes ein.

Im privaten Kult oblag es jedem Einzelnen, welche Götter er in in diesen einbezog, welche Rituale oder Feste er beging oder wen er mit welchem Anliegen ansprach. Jeder wandte sich in der römischen Religion mit seinen privaten Anliegen direkt an den betreffenden Gott und machte mit diesem seinen privaten Vertrag aus („Wenn Du mir Heilung schenkst und mein Bein wieder verheilt, widme ich Dir danach als Dank einen Weihestein“ oder „wenn das Geschäft erfolgreich ist, stifte ich danach eine bestimmte Summe Deinem Tempel vor Ort“). Priester fungierten nicht als Vermittler oder „Zwischenmann“ zwischen einem Menschen und einem Gott; jeder konnte sich jederzeit direkt und ganz persönlich an die Götter wenden.

Das führte dazu, daß man – gerade in der Provinz – nicht unbedingt die „Großen 12“ verehrte. Viele der römischen Götter spielten vor allem in der Stadt Rom und allenfalls in Italien eine größere Rolle, während man nördlich der Alpen nicht einmal alle großen Feiertage beging (die oft nur in Rom selbst gefeiert wurden). Man empfand die großen römischen Götter, die vor allem im Staatskult eine wichtige Rolle spielten, oft als fern, während die lokalen Gottheiten, die von Einheimischen schon immer traditionell verehrt wurden, viel näher und „persönlicher“ wirkten und einfach präsenter waren. Wie im zuvor erwähnten Aesculapius / Lenus-Mars-Beispiel hatte man in der Provinz deshalb oft ein enges, persönliches Verhältnis zu lokalen Ausprägungen oder orientierte sich an Tempeln in der Nähe, zu denen man einfacher pilgern konnte als ins ferne Rom.

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Gerade hier bei uns in Westdeutschland waren etwa die Matronentempel rund um Nettersheim, der Lenus-Mars-Tempel auf dem Martberg oder der Tempelkomplex bei Tawern überregional bedeutsame Pilgerstätten, die Rat- und Heilsuchende von Nah und Fern anzogen, Einheimische wie Legionäre oder Zugezogene. Viele der hier verehrten Götter, wie die drei Matronen, Apollo-Grannus, Lenus-Mars oder Mars-Intarabus, waren im fernen Rom unbekannt oder zumindest unbedeutend.

Einige jedoch schafften es sogar in Rom zu Beliebtheit, wie die keltische Rosmerta oder Epona, die jedoch beide keine Gleichsetzungen mit originär römischen Gottheiten  erfuhren. Rosmerta wurde, aufgrund der Attributgleichheit, Merkur als Gefährtin zur Seite gestellt, da sie – weil sie eine Göttin war – nicht ‚theologisch‘ mit ihm kombiniert werden konnte und in der gallischen Vorstellung ebenfalls einen göttlichen Gefährten hatte. Zu Epona, der Schutzherrin der Pferde, gab es kein römisches Äquivalent, deshalb wurde sie vollständig, mitsamt ihres keltischen Namens, übernommen. Manche Götter und Göttinnen, wie die ägyptische Isis, behielten ihren Namen, verloren aber ihr exotisches Erscheinungsbild und wurden in einer der römischen Vorstellung gefälligen Weise dargestellt. Damit ging dann oft auch ein Funktionswandel einher, so daß manche Götter trotz des gleichen Namens nicht mehr viel mit ihren ursprünglichen Vorbildern gemein hatten.

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Die Tatsache, daß gallische Götter oft einfach nur mit Mars, Merkur oder Apollo gleichgesetzt wurden, führte leider auch dazu, daß Wissen über die speziellen Funktionen und Attribute der ehemals keltischen Götter verloren ging. Es gibt keine schriftlichen gallischen Aufzeichnungen über ihre Götterwelt und Vorstellungen; alle schriftlichen Quellen stammen von Römern und sind deswegen durch die Interpretatio Romana gefärbt. Dadurch, daß die Identifikation so „generisch“ mit immer den gleichen 3-4 „großen“ Göttern erfolgte (deren Zuständigkeiten zudem sehr differenziert waren), ist heute oft unklar, welchem Teilaspekt dieser Götter der zugeordnete gallische Gott entsprach, so daß es schwierig ist, daraus die ursprünglichen Eigenschaften der nicht-römischen Götter zu rekonstruieren.

Oft kam es auch vor, daß man sich an die lokalen Götter wandte, ohne genau zu wissen, um wen es sich dabei handelte, ganz einfach, weil es in der Region üblich war, das zu tun und weil man gehört hatte, daß diese Gottheit mit dem fremden Namen auch anderen Leuten geholfen hatte. Dafür sahen römische Rituale eigene Floskeln vor, die man in diesem Fall verwendete, um niemanden zu verärgern oder zu beleidigen. Ein Beispiel dafür war die Formulierung „sive deus sive dea“ („seist Du Gott oder Göttin“), die verwendet wurde, wenn der Name oder die Erscheinungsform eines Gottes nicht genau bekannt war. Eine ebenfalls beliebte und oft verwendete Anrede war ein allgemein gehaltenes „Gott oder Göttin, die diesen Ort beschützt„. Für viele einheimische Lokal- und Ortsgötter gab es zuvor noch keine römische Gleichsetzung, so daß man eventuell, wenn man nun einen Weihestein errichten wollte, der erste war, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah.

Wollte man nun ein Gelübde erfüllen, indem man eine Weiheinschrift in Auftrag gab, so sind unterschiedliche Wege überliefert, die eine bestimmte Kombination von Namen zur Folge hatten. Oft erfolgte eine Zuordnung eher „freifliegend“, was dazu führte, daß manche Gleichsetzungen nur von einem einzigen Ort her bekannt und belegt sind und sich der Zusammenhang auch nicht erschließt. Andere Gleichsetzungen schienen wiederum weit verbreitet und allgemein akzeptiert zu sein, da sie an ganz verschiedenen Lokalitäten überall in Europa auftauchen. Manche Gleichsetzungen wiederum sind sehr lokal begrenzt, tauchen in diesem engen Bereich dafür aber sehr häufig auf.

Mancherorts wandte man sich (um eine „offizielle“ Deutung zu bekommen), mit seinem Anliegen an den örtlichen Magistraten oder Ortsvorsteher, der Land und Leute gut kannte. Von diesem erbat man sich Hilfe in der Fragestellung, wie man den einheimischen Gott auf römische Weise titulieren sollte. Wenn man Glück hatte, war man nicht der erste, der an den Lokalpolitiker herantrat. Wenn man Pech hatte, war der Mann kreativ und schlug etwas vor, das seiner eigenen Vorstellung entsprach.

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Es stand auch jedem frei, eine beliebige Weiheinschrift selbst in Auftrag zu geben, indem man seine eigenen Gedanken oder Gleichsetzungen in Stein meißeln ließ. Da sich nicht jeder kompetent genug in dieser Frage fühlte, war es auch gängige Praxis, sich mit diesem Anliegen direkt an den Steinmetz vor Ort zu wenden! Steinmetze führten die Aufträge für zahlreiche Weihesteine aus, insbesondere in der Nähe von Tempeln und heiligen Orten, und so konnte man davon ausgehen, daß sie gängige Kombinationen von göttlichen Namen kannten oder das meißelten, was Kunden vor ihnen in Auftrag gegeben hatten, so daß man die Entscheidung aus diesen pragmatischen Gründen einfach ihnen überließ.

Das führte zu zahllosen Kombinationen von Namen und Schreibweisen derselben für ein und denselben Gott. So existieren für den mit Mars gleichgesetzten keltischen Gott Intarabus auch Weihesteine in der Schreibweise Entarabus oder Interabus. Er ist (bisher muss man natürlich immer sagen, weil wir uns hier auf archäologische Funde stützen, die jederzeit durch neue Funde und Erkenntnisse ergänzt werden könnten) auch nur aus einem eng begrenzten Raum zwischen Luxemburg, Belgien und Westdeutschland bekannt.

Es konnte auf diese Weise auch durchaus vorkommen, daß ein einheimischer Gott an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen römischen Göttern gleichgesetzt wurde, einfach weil der jeweilige Schwerpunkt der zur Identifikation geführt hatte, ein anderer war.

Im privaten Kult gab es keine Vorschriften oder Regeln, nach denen man einen Gott mit einem anderen gleichzusetzen hatte – das war, wie die gesamte Sacra Privata – eine persönliche Entscheidung, die mal mehr, mal weniger passend war.

Aufnahme fremder Götter in den Staatskult

Anders sah die Integration fremder Götter in den Staatskult bzw. ihre öffentliche Anerkennung aus.

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Wurde ein Gott durch Evocatio, Assimilation oder aus einem anderen Grund in die römische Religion übernommen, oder offenbarte sich ein „urrömischer“ Gott, der zuvor unbekannt gewesen war (aber möglicherweise schon immer in der Stadt existiert hatte), hieß das noch lange nicht, daß er auch sofort anerkannt, verehrt und ins offizielle Kultgeschehen einbezogen wurde. Da ein Gott, wie zuvor beschrieben, in der römischen Vorstellung nichts anderes war als ein Bürger höchsten Ranges und Standes, mußte er erst offiziell in die Gemeinschaft „adoptiert“ werden.

Innerhalb einer Familie oder Sippe geschah die Adoption eines Gottes als Hausgott, der im privaten Kult verehrt wurde, durch den Paterfamilias.

Im römischen Staat gab es öffentliche Einrichtungen, die die Integration eines Gottes und dessen Zuordnung akzeptieren mußten – oder ablehnen konnten.  Die Aufnahme wurde durch Mehrheitsentscheid des Senats getroffen – oder eben abgelehnt (vgl. Tertullian, Apologeticus 5.1: „Unter euch Heiden hängt eines Gottes Göttlichkeit von der Entscheidung der Menschen ab. Sofern ein Gott nicht dem Menschen gefällig ist, soll er gar kein Gott sein“).

Es wurde erwartet, daß sich ein Gott – wenn er einmal in den Staatskult aufgenommen worden war – positiv und ruhig verhielt. Offizielle römische Rituale betonten die gutartige Natur eines Gottes und den Nutzen und guten Dienst, den ein Gott gegenüber dem römischen Volk ausübte. Deswegen legten öffentliche Rituale auch Wert auf die Feststellung, daß das Römische Reich von den Göttern und den Magistraten gemeinsam regiert wurde. Wie römische Staatsbeamte, hatten römische Götter zwar ein Mitspracherecht in wichtigen Entscheidungen, mußten sich aber – wie diese – auch an die römischen Sitten und Gepflogenheiten halten, das heißt, sie hatten kein Vorrecht in der Äußerung ihrer Meinung, sondern man erwartete, daß sie nur antworteten, wenn der Staat sich an sie wandte. Aber selbst dann erwartete man keine redseligen Kundgebungen göttlichen Willens, sondern allenfalls ein „Ja“ oder „Nein“ bezüglich der Frage, wie man sich in einer anstehenden Entscheidung zu verhalten habe. Ein Beispiel hierfür sind die öffentlichen Auspizien, die angewendet wurden, um die Meinung der Götter zu einer Frage einzuholen. Selbst wenn ein Gott, zum Beispiel Jupiter, seinen Unmut durch ein eindeutiges Zeichen wie einen Blitzschlag kundtat, oblag es immer noch den Magistraten dieses Zeichen zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Wenn man einem Gott einen Tempel errichtete, wurde er im Anschluss rituell eingeladen, sich darin niederzulassen. Genauso gut war es möglich, einen Gott aus seinem Heiligtum zu verbannen, wenn man den Raum für etwas anderes brauchte oder seine Statue umwidmen wollte. Auch dafür existierten fest vorgeschriebene Riten.

Anders verhielt es sich mit anderen – natürlichen – Orten, in denen eine Gottheit residierte, wie einem Fluß, einer Höhle oder einem Hain. Diese waren fest in der Hand des Gottes und es war allenfalls möglich, sie mit einem Ritual darum zu bitten, an dem Ort teilhaben zu dürfen (zum Beispiel, wenn man dort etwas bauen oder anpflanzen wollte) und versprach, dort im Gegenzug ein kleines Heiligtum zu errichten.

Götter, die vom römischen Staat letztlich akzeptiert waren, wurden offiziell nach Rom eingeladen und erhielten dort einen traditionellen Namen, einen Ort und einen dazugehörigen Kult.

Das hatte jedoch keinerlei Einfluß darauf, ob ein Händler in Bonn einen Weihestein für Mercurius Gebrinius errichten ließ oder ob ein Steinmetz im Brohltal einen Stein für Hercules Invictus, Hercules Barbatus oder Hercules Saxanus meißelte.

Also gibt es keine „Who’s Who“-Listen der römischen Götterwelt mit ihren fremdländischen Entsprechungen?

Doch, die gibt es durchaus. Niemand würde in Frage stellen, daß Venus mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt wurde, Vulcanus mit Hephaistos oder Ra mit Apollo.

Lokale Kombinationen wie Lenus-Mars oder Apollo-Grannus sind überregional bekannt und durch zahlreiche Weiheinschriften belegt.

Was wir jedoch mit diesem Artikel vermitteln möchten, ist, daß das Thema viel komplexer ist und sich nicht auf Fragen wie: „Welchem keltischen Gott entspricht Merkur?“ reduzieren lassen (Antwort: mindestens 20 verschiedene Entsprechungen sind bekannt). Erst einmal gibt es, insbesondere bei den keltisch-römischen Gleichsetzungen, keine „offizielle“ Absegnung der Götterpaare, sondern ihr Ursprung ist so verschieden, wie die Menschen, die ihre Weihesteine in Auftrag gaben. Wahrscheinlich waren nicht einmal alle diese Gleichsetzungen sinnvoll.

Als „Mater Magna“ wurde die kleinasiatische Göttin Kybele in diesem Heiligtum in Mogontiacum (Mainz) verehrt

Nichtsdestotrotz spielte das keine Rolle für die Dankbarkeit eines Geheilten, der einen Weihestein für einen lokalen Gott in Auftrag geben ließ und es dabei dem Steinmetz überließ, welchen Namen er in den Stein schlug. Genausowenig spielte es eine Rolle, wenn sich ein Ratsuchender an einen lokalen Gott wandte, der ihm von Einheimischen empfohlen wurde aber dessen genauen Namen oder Funktion er eigentlich gar nicht so genau kannte. Wichtiger war, daß ihm geholfen wurde und daß er seiner Dankbarkeit danach durch das Einhalten des Vertrages Ausdruck verlieh, also das tat, was er als Dank vorher festgelegt und angeboten hatte.

Foren-Diskussionen darüber, ob der moderne Marienkult sich nun eigentlich an Isis wendet, oder mit welchen römischen Göttern haitianische Voodoo-Götter gleichgesetzt werden können, sind deswegen müßig (ja, sowas gibt es tatsächlich!). Welcher Gott welchem exotischen Gott in der Interpretatio Romana entsprechen mag, kann nicht abschließend und mit „wissenschaftlicher Exaktheit“ beantwortet werden, basierend auf eindeutigen Zuordnungen bezüglich Attributen, Zuständigkeiten oder Erscheinungsform – denn schon die Römer gingen nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit an die Frage.

Die Zuordnung erfolgte nicht dogmatisch und es kam durchaus vor, daß einem gallischen Gott an verschiedenen Orten unterschiedliche römische Götter zugeordnet wurden, wie man es aus Weiheinschriften weiß.

Aber auch schon damals erging man sich in philosophischen Überlegungen, wie der Frage, wem etwa Gottheiten aus monotheistischen Religionen  – wie z.B. der Gott der Juden – zugeordnet werden könnten (Varro identifizierte ihn als Caelus oder Jupiter Optimus Maximus). Der anatolische, doppelköpfige Sturmgott Teshub wurde zum bei Soldaten hoch verehrten Jupiter Dolichenus. Römische Zeitgenossen, die jüdische Gebete an Yahwe Sabaoth hörten, deuteten diese als Anrufungen für den thrakischen Gott Sabazios.

Die Interpretatio Romana ist deswegen viel mehr als eine simple Gleichsetzung von Gott A mit Gott B, sondern ein sehr vielschichtiges, interessantes Thema, bei dem sich immer wieder spannende Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Göttern und Kulturen ergeben.

Nachtrag:

Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Aber sind die synkretisierten Götter denn nun ein- und derselbe Gott?“ d.h. ist Apollo-Grannus  gleich dem klassischen Apollo oder ist Mars gleich Ares gleich Lenus gleich Intarabus, nur unter anderen Namen? Oder handelt es sich um vollkommen eigenständige Persönlichkeiten, sprich: lokale Götter, die einander nur ähnlich sind? Oder sind es Attribut-Gottheiten, das heißt, personifizieren diese Götter Teilaspekte eines einzigen Gottes?

Da diese Frage nach der „Natur des Göttlichen“ den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf diesen Abschnitt in unserem Artikel „Kultpraxis: Götterfiguren im römischen Cultus“ verweisen, in dem diese Frage angesprochen sowie für die Kultpraxis eingeordnet wird.


Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Götterwelt: Cerunincus

 

Bronzefigur aus örtlicher Herstellung

Bronzefigur aus örtlicher Herstellung

Zuständigkeiten, Herkunft, Bezeichnungen

Bei Cerunincus handelt es sich um einen ursprünglichen gallischen (keltischen) Gott der Treverer, der lokal begrenzt im Alzettetal im heutigen Luxembourg verehrt wurde.

Diese Region war zu römischer Zeit dicht mit Gutshöfen besiedelt und lag in der Nähe einer viel bereisten Schnellstraße. Oberhalb der Ortschaft Steinsel befindet sich der zur Zeit einzige bekannte Tempel, der diesem Gott geweiht war. Es handelt sich dabei um einen Tempelkomplex mit einem zentralen Umgangstempel, wie er für die gallo-römische Tempelarchitektur typisch war, bei der keltische Kultvorstellungen mit mediterraner Tempelarchitektur kombiniert wurden.

Zwar wurden im Tempel zahlreiche Votivgaben und Weihesteine gefunden, dennoch ist der Zuständigkeitsbereich von Cerunincus unbekannt. Eine Weiheinschrift aus Bronze belegt, daß er von der romanisierten treverischen Bevölkerung geschätzt und nach römischem Brauch verehrt wurde:

DEO CERUNIN / CO
SOLTRIUS / PRUSCUS /
V(OTUM) S(OLVIT) L(IBENS) M(ERITO)

In der Übersetzung:

Dem Gott Cerunincus hat Soltrius Pruscus sein Gelübde eingelöst, freudig und verdientermaßen.

Rekonstruktionszeichnung des Tempels

Rekonstruktionszeichnung des Tempels

Allerdings findet sich nirgendwo im Tempelkomplex eine Inschrift, die darauf hindeutet, mit welchem Gott Cerunincus in der Interpretatio Romana gleichgesetzt wurde, so daß seine Zuständigkeiten und Attribute bis heute nicht geklärt werden konnten.

Die Fundstücke weisen jedoch darauf hin, daß er gleichermaßen von einheimischen Treverern wie auch von zugereisten Römern verehrt wurde; die Gaben stammen von reichen Gutshofsbesitzern, lokalen Händlern und Kaufleuten, römischen Soldaten bis hin zu einfachen Leuten der Landbevölkerung.

 

Attribute und Darstellungen

Im Tempel gefunden wurde eine 12 cm große Bronzefigur, die aus lokaler Herstellung stammt.

Cella des Waldtempels bei Steinsel

Cella des Waldtempels bei Steinsel

Sie zeigt einen unbekleideten, bartlosen jungen Mann mit kurzem lockigem Haar, dessen linke Hand erhoben ist. Was er in der Hand hielt, ist unbekannt. Es ist wahrscheinlich, aber nicht belegt, daß es sich bei dieser Darstellung um den Gott Cerunincus handelt, dessen Figuren man mit großer Wahrscheinlichkeit im örtlichen Devotionalienladen am Tempeleingang erwerben konnte.

Ebenfalls gefunden wurden Fragmente einer überlebensgroßen Frauenfigur, so daß man in der Forschung davon ausgeht, daß es sich möglicherweise um eine weibliche Kultgefährtin des Cerunincus handelt.

Opfergaben und Cultus

Zu den Opfergaben an Cerunincus gehörten Fibeln, Bronzeglocken, Figürchen und Ringe.

Zahlreiche auf dem Tempelgelände gefundene Münzen weisen darauf hin, daß auch die (noch heute beliebte) Praxis des Münzwurfs, um damit die Erfüllung eines Wunsches zu bitten, auch in diesem Tempel üblich war.

Über die praktische Ausübung des Cultus ist nichts bekannt, da es keine Funde gibt, die die Kultpraxis szenisch darstellen. Ebenfalls nicht überliefert sind schriftliche Aufzeichnungen über die Kultpraxis dieses sehr lokalen Gottes.

Die für einen Umgangstempel übliche Umschreitung der Cella, die Ablage von Weihesteinen und Votivgaben vor dem Tempel, die Darbringung von Opfern auf dem vor dem Tempel befindlichen Altar und Prozessionen um den Umgang herum, wie sie von anderen gallo-römischen Umgangstempeln überliefert sind, sind auch hier wahrscheinlich.

Sonstiges: Cerunincus = Cernunnos?

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Cernunnos wie er auf dem ‚Pariser Nautenpfeiler‘ erscheint

Manchmal, vor allem auf neuheidnischen Seiten im Internet angestellte Vermutungen, es handele sich um den keltischen Gott Cernunnos, können ausschließlich auf die Namensähnlichkeit Bezug nehmen, was als Basis einer solchen Gleichsetzung äußerst fraglich ist.

Cernunnos wird üblicherweise mit dem ‚gehörnten Gott‘ identifiziert, der aus der keltischen Ikonographie bekannt ist und als Naturgott und Herr der Tiere interpretiert wird. Allerdings ist nur eine einzige Inschriftenquelle bekannt, die die Darstellung einer mit einem Geweih versehenen Figur mit diesem Namen in Verbindung bringt, der sog. Pariser Nautenpfeiler.

Der Name leitet sich wohl vom gallischen Wort ‚karnon‚ ab, das (wie auch das lateinische cornu) ‚Horn‘ bedeutet und deswegen die Identifizierung dieser bekannten Figur aus der keltischen Mythologie mit diesem Namen legitim erscheinen lässt. Gleichwohl macht die Tatsache stutzig, daß die bildhafte Darstellung einer solchen Figur, die relativ häufig gefunden wurde, bis auf den genannten einen Fall, niemals sonst mit diesem Namen in Verbindung gebracht werden kann.

Es gibt auch keine Interpretatio Romana, sprich, die römischen Quellen geben für ihn keine Identifikation mit einer römischen Gottheit an, was gerade für einen sehr bekannten und wichtigen Gott ungewöhnlich ist.

Dies wird manchmal darauf zurückgeführt, daß dieser keltische Gott zu spezifisch in seiner Hirschgeweih-Gestalt oder Funktion war, um mit einer der römischen Götter gleichgesetzt zu werden, was allerdings nicht sehr überzeugend klingt. Die römische Praxis, lokale Gottheiten mit überregional in ihrer eigenen Religion verehrten Gottheiten zu identifizieren, wurde relativ großzügig gehandhabt. Je nachdem, was stärker betont werden konnte, wurde die Funktion einer Gottheit oder ihre Erscheinung zur Grundlage genommen.

Ein keltischer Naturgott mit einem Geweih ließe sich demnach relativ problemlos im römischen Silvanus oder noch besser im, diesem ebenfalls gleichgesetzten, (gehörnten!) Faunus wiedererkennen. Warum dies nicht geschehen ist, wissen wir nicht, was zur generellen Unsicherheit in Bezug auf die Deutung von Cernunnos beiträgt.

Daß wir auch im Tempel von Steinsel keinen römischen Namen der dort verehrten Gottheit finden, wird deswegen ebenfalls gerne als weiterer Beleg für die Identität von Cerunincus mit Cernunnos angeführt. Auch dies bleibt hingegen reine Spekulation, die wenig belastbar ist, da neben der nicht auszuschließenden Möglichkeit, daß evtl. doch einmal Funde mit einem römischen Namen für diesen Gott zutage treten, ebenfalls keinerlei Geweihdarstellung in Verbindung mit dieser Gottheit gefunden wurde. Die hohe Wahrscheinlichkeit, das die gefundene Figur tatsächlich Cerunincus darstellt und die Tatsache, daß diese keinerlei Geweih/Horn als Attribut besitzt, lässt es sinnvoller erscheinen, diesen Gott als eigene Gottheit zu betrachten, welche lokalen Charakter hatte, anstatt sich auf eine reine Namensähnlichkeit zu stützten.

Praxis: Die Wachstafel – das Notizbuch der Römer

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Eine doppelseitiges römisches Wachstafelbuch

Was tat der Römer, wenn er sich etwas notieren wollte?

Papyrus, das teure Material aus aufwendig aufbereiteten und gefärbten Pflanzenfasern, konnte sich nur eine Minderheit leisten und es war viel zu wertvoll, um es für schlichte Notizen, kurz aufgeschriebene Gedanken, ein Gedicht, eine Nachricht an die Familienmitglieder oder eine Einkaufsliste zu verwenden. Zudem war Papyrus ein Einweg-Material, was seinen Wert noch steigerte.

Vielseitig verwendbar, alltagstauglich, preisgünstig und – vor allem – auch ideal für unterwegs war die Wachstafel, die es in den unterschiedlichsten Ausführungen gab. Wegen ihrer praktischen Handhabung war sie bis weit in das Mittelalter und zum Teil sogar noch bis in das 20. Jahrhundert im Einsatz, in der römischen Antike war sie DAS Allround-Notizbuch für alle Zwecke.

Viele von ihnen sind – inklusiver ihrer Botschaften – erhalten geblieben und stellen wertvolle archäologische Zeugnisse dar, die Einblick in den römischen Alltag gewähren.

Heutzutage gibt es hervorragende Repliken römischer Wachstafeln in vielfältigen Ausführungen. Natürlich kann man heute auch einfach ein Post-It oder einen Notizblock nehmen, oder seine Notizen als Memo in das Smartphone tippen, jedoch macht es Spaß und ist viel stimmiger, eine römische Wachstafel in entsprechendem Kontext zu benutzen.

Zum Beispiel weiß ein römischer Reenactor, der sich kurz die Adresse eines Menschen notieren möchte, den er eben auf einer Veranstaltung kennengelernt hat, oder der sich ein paar Notizen machen möchte, ein kleines aufklappbares römisches Wachstafelbuch zu schätzen, weil es zu seinem Setting und der dargestellten Epoche besser paßt als ein Smartphone, das zu einer Tunika ungefähr so toll aussieht wie eine Zigarette.

Aber auch der Cultor kann die römische Wachstafel gut in der religiösen Praxis der Sacra Privata nutzen, denn wie schon in der Antike üblich, läßt sie sich sehr gut in rituelle Handlungen einbinden.

Ausführungen, Herstellung und Material

Ideal für unterwegs!

Ideal für unterwegs!

Wachstafeln (Latein: tabulae ceratae) waren im alten Rom ein Alltagsgegenstand, den nahezu jeder (der schreiben konnte oder sich zumindest im Geschäftsleben anderweitige Notizen machte) in seinem Besitz hatte. Sie waren transportabel und wurden, dank ihres Hauptverwendungszwecks als Notizbuch, auch überall mitgeführt.

Es gab sie in unterschiedlichen Ausführungen, meist in der transportablen Taschenformat-Größe, die etwa dem heutigen Format DinA6 entspricht. Dabei befand sich eine Wachsschicht in einem Holzrahmen aus meist einheimischen Hölzern wie Buche oder Nadelhölzern. Seltener wurde ein edleres Material wie Gold oder Elfenbein verwendet.

Die einfachste Variante war ein Rahmen, der mit Wachs gefüllt war. Häufig wurden die Tafeln mit einem Lederband oder einer anderen Schanierart aber auch zu mehrseitigen Büchern zusammengebunden.

Mindestens zwei Seiten waren die übliche Variante („Diptychon“), da durch das Zusammenklappen des Buches der empfindliche Wachs geschützt wurde, wenn die beiden Tafeln als Buch mit der Wachsseite zueinander gebunden wurden. Außerdem gab es häufig eine Kerbe für die rutschfeste Verschnürung mit einem Lederband und die Möglichkeit, den Stilus, der zum Ritzen des Wachses genutzt wurde, zu befestigen.

Eine Kerbe an der Seite sorgt dafür, daß der Verschluß mit dem Lederband nicht verrutscht

Eine Kerbe an der Seite sorgt dafür, daß der Verschluß mit dem Lederband nicht verrutscht

Es bestand auch die Möglichkeit, noch mehr Tafeln zusammenzubinden (3 Tafeln wurden Triptychon genannt, mehr Tafeln Polyptychon). Riesige, aber eher seltene Exemplare, die stationär zum Einsatz kamen, waren bis zu Din A3 groß und bis zu 2o Seiten schwer.

Die handlichen Wachstafeln konnten auch verschnürt und dann versiegelt werden, wodurch man sie als Brief verschicken konnte.

Das Wachs bestand üblicherweise aus einer Mischung aus Bienenwachs, Kiefernharz und Ruß, wobei Ruß, Asche, Kohle oder Kiefernpech zur Schwarzfärbung des Wachses diente. Leinöl, Teer oder Terpentin dienten dazu, die Fließeigenschaften des Wachses zu beeinflussen, damit er im Sommer nicht schmolz.

Zur Ritzung des Wachses wurden Stifte verwendet, die Stilus genannt wurden. Sie bestanden aus Holz, Knochen oder Metall (bei vielen römischen Funden bestanden sie aus Eisen, oft mit Einlegearbeiten) und hatten eine spitze Seite zum Ritzen und eine flache  Seite, die als Spatel diente, um das Wachs später wieder zu glätten und somit die Nachricht zu „löschen“.

Die Einsatzgebiete dieser Büchlein waren vielfältig; neben der Funktion als privates Notizbuch kamen sie auch in geschäftlichen und militärischen Bereichen zum Einsatz. Funde belegen ihre Verwendung als Lieferscheine, Rechnungen, Schulaufgaben und Unterrichtsmaterialien, Briefe, militärische Nachrichten und Meldungen, sogar für die Versendung vertraulicher Dokumente.

Die Tafeln waren relativ einfach herzustellen, so daß einfache Exemplare auf dem Land bei Bedarf selbst hergestellt wurden. Es gab allerdings auch den Beruf des Wachstafelmachers, der auf die Herstellung dieser Büchlein spezialisiert war und der Zunft der Zimmerleute angeschlossen war. Er produzierte vor allem in den Städten die Tafeln für die zahlende Kundschaft, die sich nicht selbst die Mühe machen wollte oder die Zeit dazu hatte, ihre Notizbücher herzustellen.

Wer die Herstellung von römischen Wachstafeln einmal selbst sehen möchte oder sogar selbst Hand anlegen möchte, wird auf vielen Römerfesten fündig, bei denen Wachstafelmacher (wie z.B. Quintus Vetitius Verus) ihre Handwerkskunst vorführen.

Verwendung

Die spitze Seite des Stilus dient zum Ritzen der Buchstaben

Die spitze Seite des Stilus dient zum Ritzen der Buchstaben

Die Verwendung ist denkbar einfach.

Mit der spitzen Seite des Stilus werden die Botschaften in die Wachsschicht gekratzt. Mit der Tiefe muß man ein wenig experimentieren; kratzt man zu tief, löst man den Wachs heraus und es kommt zu häßlichen Krümmeln und Materialverlust, im schlimmsten Fall bricht man einen Teil des Wachses heraus.

Viele verwenden heute zum Beschreiben der Tafeln statt „moderner“ Buchstaben die römische Handschrift, genannt die römische Kursive (bekannt als Majuskelkursive oder Capitalis Cursiva) die besonders gut für das schnelle Schreiben auf Wachstafeln oder auf Papyrus geeignet ist, da man mit ihr die Striche eines Buchstabens nur „zieht“, aber nicht „schiebt“, was auf einer Wachstafel keinen Sinn macht. Überlieferungen der Handschrift sind zahlreich, man fand sie auf erhaltenen Wachstafeln, Papyrusstücken und sogar in Graffiti an Gebäuden wie z.B. in Pompeji, wo einerseits Händler ihre Namen und Preise an die Wände schrieben, andererseits aber sogar so profane Aufzeichnungen wie Toilettensprüche erhalten geblieben sind, die in der Kursive aufgeschrieben wurden.

Mustervorlagen für die römische Kursive sind zahlreich im Netz zu finden. Viele Wachstafeln bringen, wenn man sie kauft, auch eine Vorlage mit Groß- und Kleinbuchstaben in römischer Handschrift mit, wie z.B. die Tafeln, die als Repliken von Forum Traiani hergestellt werden.

Mit der stumpfen Seite wird der Wachs wieder glattgestrichen

Mit der stumpfen Seite wird der Wachs wieder glattgestrichen

Hat sich die Notiz erledigt und braucht man Platz für neue Notizen, wird die beschriebene Fläche mit der flachen Seite des Stilus wieder glattgerieben (Tabula rasa). Auch hier muß man etwas Fingerspitzengefühl entwickeln, wieviel Druck nötig ist, um die Buchstaben zu entfernen und die Oberfläche zu glätten.

Ist der Wachs irgendwann unansehnlich geworden und sind die Spuren nicht mehr durch den Spatel allein zu beseitigen, genügt es, die Wachsseite der Tafel für einen kurzen Moment über eine Kerzenflamme zu halten, bis eine leichte Verflüssigung eintritt (jedoch nicht, bis es heruntertropft und wegschmilzt!). Ist der Wachs leicht angeschmolzen, kann er problemlos mit dem Spachtel glattgestrichen werden.

Am Anfang sollte man nicht verzweifeln, wenn das Schreiben schwierig ist und der Wachs unansehnlich. Eine Wachstafel muß „eingeschrieben“ werden (vergleichbar mit Ton oder einem Kuchenteig, der geschmeidiger wird, je länger man ihn formt und knetet). So dauert eine Weile, bis der Wachs geschmeidig ist und sich leicht beschreiben und wieder leeren läßt.

Verwendung im Cultus

Auch heute noch sind römische Wachstafeln vielfältig zu nutzen. Wie in der Einleitung erwähnt, passen sie erst einmal sehr gut zum römischen Setting und sind ansprechend in ihrer Haptik und für das Auge.

Insbesondere im Cultus Deorum kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Da es in der Religio Romana, der römischen Religion, üblich ist, getreu dem Motto „do ut des“ (ich gebe, damit Du gibst) geschäftliche Beziehungen mit den Göttern einzugehen, wurden und werden sie bis heute zur Niederschrift eines solchen Abkommens oder Gelübdes verwendet.

Die Wachstafel mit dem schriftlichen Gelübde auf dem Altar

Die Wachstafel mit dem schriftlichen Gelübde auf dem Altar

Tritt man mit einem Anliegen an einen Gott heran und stellt ihm für den Fall der Erfüllung des Wunsches eine bestimmte Gabe oder ein Opfer in Aussicht, so war und ist es gemäß römischer Praxis durchaus üblich, diese Vereinbarung auf einer Wachstafel niederzuschreiben.

Anschließend wird die beschriebene Tafel auf den Hausaltar (in römischer Zeit auch in den Tempel der betreffenden Gottheit) gestellt und verbleibt dort so lange, bis das Anliegen erhört wird und man das geleistete Gelübde erfüllt hat – oder, im Falle der Nichterfüllung, bis der vereinbarte Zeitpunkt verstrichen ist.

Wurde das Gelübde von beiden Seiten erfüllt oder ist der Zeitpunkt der Erfüllung ohne Einlösung verstrichen, wird die Tafel vom Altar entfernt und der darin eingeritzte Text mit der flachen Seite des Stilus gelöscht.

Damit ist auch äußerlich ein Zeichen gesetzt, daß der Handel abgeschlossen ist oder daß die Vereinbarung nicht länger gilt. Anschließend wird das Büchlein wieder verstaut, bis zu seinem nächsten Einsatz.