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Bücher: „Römer-Kochbuch“ von Edgar Comes

Einleitung

KO6_Rom_Umschlag.inddWie unsere treuen Leser wissen, sind wir Fans der römischen Küche. Wir kochen gerne selber römisch (unser Moretum ist berüchtigt!).

Wir gehen auch gerne römisch essen, zum Beispiel im Domstein in Trier oder in der Villa Borg. Auf Römerfesten ist keine lukanische Wurst vor uns sicher!

Auf unserer Website veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder unsere eigenen Rezepte (oft zu Speisen, die auch rituellen Einsatz finden, wie Opferbrot) oder Hintergrundartikel zur römischen Küche.

Aber wer es gerne handfest in Form eines Kochbuchs mag, wird tatsächlich auch auf dem Büchermarkt fündig. Erst einmal gibt es natürlich „das Original“ – „de re coquinaria“ oder kurz „der Apicius„, ein original erhaltenes römisches Kochbuch aus der Antike. Danach zu kochen ist allerdings etwas schwierig, denn der antike Autor Marcus Gavius Apicius richtet sich mit seinem Werk an eine Leserschaft, die weiß, wie man kocht und worum es geht. Das heißt, grundlegende Techniken werden vorausgesetzt, wie dieses Beispiel zeigt:

Nimm gereinigten Spargel, reibe ihn im Mörser, gieße Wasser zu und streiche ihn durch einen Durchschlag. Füge zubereitete Feigenschnepfen zu.“ (Apicius 4.2.5)

Wie man nun genau die Feigenschnepfe (eine Vogelart) zubereitet, wird nicht thematisiert; für dieses Rezept muß sie bereits „zubereitet“ sein. Auch Angaben zu Temperaturen oder Gardauer und derartige Details sucht man vergebens. Mengenangaben finden sich vor allem bei Nebenzutaten wie Eiern oder Flüssigkeiten, z.B. Öl (in Unzen) oder Wein (Glas). Wieviel Spargel oder Feigenschnepfe man benötigt, ist jedoch nicht erwähnt.

Da viele Zutaten aus der Zeit des Apicius heutzutage nicht mehr gängig sind (wie Flamingozungen und Feigenschnepfen) und die Rezepte auch alles andere als zugänglich sind, haben sich einige Autoren bemüht, auf der Grundlage der bekannten römischen Gerichte, römische Küche für die heutige Zeit zu beschreiben und damit für den modernen Menschen nachkochbar zu machen.

Zum Beispiel wurde damit experimentiert, welche Zutaten antike Zutaten ersetzen können, ohne sich geschmacklich und inhaltlich zu weit vom Original zu entfernen oder es wurde mit Mengenangaben experimentiert, um herauszufinden, in welchen Mengenverhältnissen die Zutaten schmecken und wie sie idealerweise zusammenpassen.

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Edgar Comes ist nicht nur ein Experte in römischer Küche – hier präsentiert er römische Bekleidung (Römerfest Mayen, 2013)

Einer dieser Autoren ist der Vermessungsingenieur und Hobbykoch Edgar Comes, der seit vielen Jahren im Bereich der experimentellen Archäologie aktiv ist. Ein Schwerpunkt seiner Forschungen liegt dabei auf der römischen Küche.

Wir selbst haben ihn schon öfter bei römischen Events getroffen, entweder zusammen mit den Milites Bedenses Legio XXII Primigenia, einer römischen Reenactment-Legion aus der Eifel, oder etwa auch bei einem Vortrag über römische Küche in der Villa Borg – inklusive Probieren!

Wir möchten Euch deshalb heute gerne sein Kochbuch vorstellen, das die Quintessenz seiner langjährigen Experimente und Verfeinerungen im Bereich Römisches Essen und Trinken darstellt. Dazu gibt es einen kurzen historischen Abriss über die Geschichte der römischen Küche und einen Überblick über die verwendeten Lebensmittel, vor allem Kräuter und Gewürze, sowie Tipps zur Verwendung römischer Kochutensilien.

Das Buch wurde 2009 mit dem „World Cookbook Award“ ausgezeichnet. Es ist im Juli 2018 in einer überarbeiteten Neuauflage im Zauberfelder-Verlag erschienen. Unsere Rezension bezieht sich auf diese Neuauflage.

Aufmachung

Das Hardcover-Buch hat einen Umfang von 128 Seiten und ist durchgehend farbig gehalten, zum Teil mit großformatigen Fotos versehen. Dabei ist es mit Liebe zum Detail gestaltet und im römischen Stil gehalten, zum Beispiel durch die Integration pompejanischer Fresken und Mosaike und die Verwendung eines marmorierten Hintergrundes. Auch die verwendete Schrift bei den Kapitel-Unterteilungen lehnt sich an römischen Stil an, so dass das ganze Buch vom Layout her in sich rund und stimmig wirkt und gut zum Thema passt.

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Das Layout mit den originalen Wandgemälden und Mosaiken gefällt uns sehr gut

Inhalt

Den ersten Teil des Buchs nehmen Vorwort und Einleitung ein. Hierbei gibt es einen kompakten, aber durchaus informativen Überblick über die Mahlzeiten im Tagesablauf, die Tischsitten, verwendetes Besteck, oder wie die Mahlzeiten technisch zubereitet wurden.

Es folgt ein Überblick über die „Rohstoffe“, die in der Küche verarbeitet wurden, also welche Gemüsesorten populär waren (und welche man wiederum gar nicht kannte, Stichwort: Kartoffel, Tomate und Paprika…), sowie welche Getreidearten, Obstsorten, Fleischsorten und Milchprodukte man in der römischen Antike verwendete. Auch Getränke kommen nicht zu kurz und es schließt sich gleich auch das erste Rezept an, die Herstellung des „Passum“, eines beliebten Rosinenweins, den man häufig auf Römerfesten probieren kann, wo die römischen Weinbauer vor Ort sind, zum Beispiel am ersten Augustwochenende in der Villa Borg, aber auch beim zweijährlichen Römerfest in Xanten.

Erwähnung findet natürlich auch eine der wichtigsten Zutaten, sozusagen das „Maggi der Römerzeit“ oder Liquamen, eine fermentierte Fischsauce, die quasi für alles Verwendung fand und die im großindustriellen Stil hergestellt wurde.

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Römische Ess- und Trinkprobe auf der Reenactment-Messe 2015 in der Villa Borg (eigenes Foto)

Hier ist Edgar Comes sehr pragmatisch – wie in seinem ganzen Buch. Er versucht zwar, nahe genug an den Rezepten der Antike zu bleiben, macht jedoch auch Konzessionen an die moderne Machbarkeit und Praktikabilität.

Niemandem ist wohl wirklich zuzumuten, daheim Fischsauce selbst zu fermentieren. Es ist auch nicht nötig, die teure erlesene kalabrische Fischsauce aus Italien zu importieren (die gleichwohl von besonderer Qualität sein soll und sich deswegen lohnen mag). Tatsächlich gibt es hier keine Berührungsängste und die Empfehlung, fernöstliche Fischsauce als Ersatz zu nehmen, weil sie noch heute quasi nach dem gleichen Verfahren hergestellt wird, das auch die Römer nutzten und so geschmacklich annähernd ähnlich ist.

An die Einleitung schließen sich nun die Rezepte an, die in einzelne Gruppen unterteilt sind: Es beginnt mit den Gustationes (Vorspeisen) bzw. Nebengerichten, die immer gut zu einem römischen Mahl passen, wie das beliebte Moretum oder diverse gefüllte Häppchen und Pasteten.

Es folgen die Beilagen, meist Gemüse in allen Variationen, aber auch Pilze.

Die Mensae Primae (Hauptgerichte) liefern einen guten Querschnitt und bieten etwas für jeden Geschmack. Hier gibt es auch, was uns besonders freut, ein Rezept für lukanische Würstchen, die römische Gewürz-Bratwurst. Sie ähnelt einer „normalen“ heutigen Bratwurst, zeichnet sich jedoch durch die Verwendung spezifischer Gewürze im Brät aus, was sie wesentlich herzhafter macht. Auch hier wird pragmatisch empfohlen, das Brät – anstatt es aufwändig im Schweinenetz in Wurstform zu bringen, als Frikadellen anzurichten. Das geht viel schneller und schmeckt genauso gut – außerdem ist es durchaus römisch, denn Frikadellen waren, wie viele andere Arten von Finger-Food, sehr beliebt im Römischen Reich. Auch hier zeigt sich wieder die Praktikabilität der Rezepte, die aus der Praxis geboren sind.

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Lukanische Wurst – mit dem Römer-Kochbuch auch zum Selbermachen geeignet!

Die Hauptgerichte sind allesamt Fleischgerichte und verwenden Schwein (Hausschwein, Wildschwein, Ferkel), Lamm, Huhn, diverse Fischarten, Kalb und Rind. Auch die Zubereitungsarten unterscheiden sich sehr, vom Eintopf über gegrillt bis gekocht ist alles zu finden.

Vegetarier werden hier wohl nicht glücklich, sie können sich allerdings an den zahlreichen pflanzlichen Beilagen und Eierspeisen satt essen.

Den Abschluss bilden die Dulcia, die Desserts, denn Römer waren große Freunde von Süßspeisen aller Art. Zwar kannten sie keinen Industriezucker, aber gesüßt wurde trotzdem reichlich und zwar mit Rosinen, Honig oder süßem Obst wie Birnen oder Sirup aus Traubenmost. Es finden sich Eierspeisen, Obstspeisen, Aufläufe und Omletts.

Den Abschluss bildet ein weiteres beliebtes Getränk – das Conditum Paradoxum, einen, auch Mulsum genannten, Gewürzwein. Diesen kann man auch vielerorts kaufen (zum Beispiel in der Römervilla Ahrweiler oder der Römerwelt Rheinbrohl) denn er wird von einigen Winzern hergestellt, da er mittlerweile durchaus einige Liebhaber hat. Hier hat jeder Winzer und Hersteller seine eigene geheime Gewürzmischung, ähnlich dem weihnachtlichen Glühwein. Das Rezept, das Edgar Comes anbietet, ist sehr klassisch und verwendet nur wenige Zutaten, braucht dafür aber eine lange Reifezeit.

Zum Abschluß listet der Autor noch transparent seine Quellen auf, allen voran die antiken Klassiker, die uns bis heute gute Einblicke in das Thema „Römische Küche“ gewähren: Cato der Ältere, Vergil und natürlich Apicius, Plinius der Ältere und Columella, von denen es jeweils eine Kurzvorstellung gibt.

Einige Tipps zu Bezugsquellen sowie die Kontaktdaten des Autors schließen das Buch ab.

Review

Als Liebhaber römischer Küche haben wir uns intensiv mit den Rezepten des Buches beschäftigt und sie mit anderen uns bekannten Rezepten verglichen.

Persönlich gefiel uns der praxisnahe Ansatz sehr gut, der keine Scheu davor hat, Konzessionen an die Moderne zu machen, dabei aber immer Wert darauf legt, so authentisch wie möglich zu bleiben. Insbesondere die lukanische Wurst bzw. die lukanische Frikadelle haben uns gut gefallen – und geschmeckt!

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Moretum läßt sich einfach herstellen und ist ideal zu Brot oder zu Gegrilltem oder… einfach allem… sofern man (oder die Arbeitskollegen) kein Problem mit Knoblauch hat

Das Moretum, für das wir uns ja immer besonders erwärmen können und das wir gerne bei allen möglichen Anlässen und an allen möglichen Orten probieren und vergleichen, unterscheidet sich schon in einigen Aspekten von „unserem“ Moretum, aber es ist ein sehr klassisches Rezept, das den typischen Geschmack auf jeden Fall gut wiedergibt und einem Einsteiger, der sich für römische Küche interessiert, eine ausgezeichnete Vorstellung dieser Käsespeise vermittelt. „Das“ Moretum-Rezept gibt es ohnehin nicht; es war eine solche Allerweltsspeise, dass man die Kräuter und Gewürze verwendete, die gerade Saison hatten und was der Hof oder Markt gerade so hergaben.

Auch dass der „Puls„, ein weiterer römischer Klassiker, von dem man oft liest und hört, weil es eine Standardnahrung der römischen Legionäre war, als Rezept vorgestellt und damit nachkochbar wird, hat uns gut gefallen – denn oft wird er nur als simpler „Getreidebrei“ abgetan, unter dem sich niemand etwas vorstellen kann und der Visionen von langweiligem Haferschleim aufkommen lässt. Woraus dieser Eintopf tatsächlich bestand und wie vielseitig er war, kommt hier nun gut herüber.

Für den historisch- und an den Quellen interessierten Koch ist auch anzumerken, dass unter den Rezepten jeweils die Quelle angegeben ist, auf der das Rezept basiert, zum Beispiel bei den Boletos Fungos (den frischen Champions): Apicius VII, 15.4.

Sehr gut gefällt uns die optische Aufmachung, sowohl mit den alten Gemälden und Mosaiken, die die Kapitel zieren, als auch die großformatigen Fotos, die die Gerichte appetitlich und in sehr detaillierter Nahaufnahme zeigen. Sie sind durchweg in römischem Geschirr und mit römischem Besteck angerichtet, was natürlich ganz anders wirkt, als wenn sie schnöde auf einem modernen Teller lägen. So bekommt man gleich noch Dekorationstipps für den römischen Abend daheim oder Anregungen, wenn man sich auf dem nächsten Römerfest mit Keramik, Essgeschirr, Besteck eindecken möchte.

Die Bilder wirken deshalb einerseits „klassisch“, weil sie die Gerichte in antikem Ambiente zeigen, aber gleichzeitig auch modern, weil sie sehr ansprechend inszeniert sind. Etwas irritierend ist allenfalls, dass die Bilder manchmal Zutaten zeigen, die im Rezept gar nicht vorkommen, zum Beispiel ist das Porcellum Coriandratum mit Rosmarin-Zweigen dekoriert, die im Rezept keine Verwendung finden.

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Moretum, Eier und Liquamen beim Vortrag von Edgar Comes (Reenactment-Messe 2015 in der Villa Borg, eigenes Foto)

Wichtig ist, dass auch in diesem Buch (ähnlich wie bei Apicius, allerdings doch etwas praxistauglicher) die Rezepte nicht wie in einem modernen Rezeptbuch bis ins Detail aufgeschlüsselt sind, nach dem Motto: „man nehme 2 Eier, schlage sie auf, rühre sie mit einem Schneebesen schaumig, hebe sie vorsichtig unter und koche sie dann 27 Minuten bei Stufe 3 bis sie goldbraun sind“.

Sondern hier sind die Anweisungen, wie in der Antike üblich, auch eher knapp gehalten und gehen davon aus, dass man sich mit den Grundfertigkeiten des Kochens auskennt. Gar- und Kochzeiten sucht man hier vergebens, weshalb ein gewisses Gefühl dafür, wann etwas gar oder durch ist, vorausgesetzt wird.

Im Gegensatz zum Klassiker gibt es jedoch eine ausführliche Zutatenliste mit Mengenangaben (in der Regel für 4 Personen), daneben eine Kurzanweisung, wie das Gericht zu kochen ist, zum Beispiel, dass man das Hähnchen in Teile schneidet, mit Salz, Pfeffer und Koriander würzt, in Öl scharf anbrät und dann schmoren läßt, sodann nach der Hälfte der Garzeit den fein geschnittenen Lauch hinzugibt und mitgaren läßt. Wann die Hälfte abgelaufen ist und wann es gar ist, muss der Koch selbst entscheiden.

Oder es wird zum Beispiel verlangt, einen „Braten mit Wein abzulöschen, mit Liquamen und Honig abzuschmecken und dann mit Mehl zu binden“. Wie man ablöscht oder mit Mehl bindet, sollte man wissen – solche Grundlagen werden nicht weiter erklärt und es gibt auch keine Mengenangaben in der Zutatenliste für solche Nebenzutaten, hier findet sich dann nur die Zutat „Mehl zum Binden“.

Es ist also definitiv kein Kochbuch für blutige Anfänger, die jeden Schritt detailliert erklärt haben müssen und auch auf exakte Zeit- und Temperaturangaben angewiesen sind!

Die Rezepte kommen allerdings auch mit wenigen Zutaten aus und nichts davon ist extrem kompliziert und benötigt viele Arbeitsschritte. Ganz im Gegenteil ist die römische Küche ja sehr bodenständig und nicht sehr schnörkelig. Insofern tut das Buch genau das, was es möchte: römische Gerichte vorstellen und Anregungen zum Nachkochen geben.

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Ein Beispiel für ein Rezept: Gefüllte Eier. Unter der Überschrift ist die Quelle des Original-Rezepts zu finden. Das Essen ist in einer römischen Terra Sigillata-Schale angerichtet

Ein Punkt, den ich persönlich etwas schade finde: Der Bereich „Backen“ wurde (bewußt) vom Autor ausgeklammert, da dieser Bereich den Rahmen gesprengt hätte – aber es wäre eine passende Ergänzung gewesen und einige Seiten mehr dieses interessanten und liebevoll gestalteten Buches hätten den Leser sicher erfreut. So wurde durchaus Potential verschenkt und der Schwerpunkt auf den Bereich der römischen Koch- und Bratgerichte, sowie Beilagen und Nachtisch gelegt.

Immerhin verweist der Autor im Nachwort darauf, dass, wer Interesse am römischen Backen hat, er z.B. an Backtagen in den diversen Archäologischen Parks fündig wird. Außerdem empfiehlt er, wenn man unbedingt Brot als Beilage haben möchte (Brot, Kuchen, Backwerk war ebenfalls sehr beliebt bei den Römern), kann man sich durchaus mit einem Fladenbrot aus dem Handel behelfen, das in der Herstellung ähnlich ist. Da wir gerne mit römischem Backwerk experimentieren (Opferbrot, Gewürzbrot), ist das für uns persönlich natürlich schade, aber natürlich nachvollziehbar – der Umfang eines Buches ist begrenzt und man muss Prioritäten setzen.

Wir hätten gar nichts dagegen, wenn der Autor ein weiteres römisches Kochbuch verfassen würde, dieses Mal zum Schwerpunkt Backen!

Fazit

Seine Prioritäten setzt Edgar Comes auf jeden Fall gut nachvollziehbar und mit einem roten Faden. Die einzelnen Speisen zum Tagesablauf, sowie aus den unterschiedlichen Kategorien der Vorspeisen, Beilagen, Hauptgerichte und Desserts sind vielfältig und bieten einen guten Querschnitt durch die Vielfalt der Römischen Küche.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, ist es auf jeden Fall sehr gut geeignet, auch in Kombination mit den einleitenden Hintergrundinformationen.

Die Aufmachung ist hervorragend, stimmungsvoll und wirkt hochwertig. Die Herangehensweise an die antiken Rezepte ist, getreu der experimentellen Archäologie, so originalgetreu wie möglich, aber so praktikabel wie nötig. Hier wurden Kompromisse gefunden, mit denen man gut leben kann, wie etwa beim Liquamen.

Das Kochbuch ist nicht für absolute Kochlaien gedacht, weil es kaum Anleitungen für die grundsätzliche Herstellung der Gerichte gibt, aber wer einigermaßen Erfahrung im Kochen hat und wem die grundlegenden Techniken bekannt sind, dürfte mit dem Nachkochen keine Probleme haben.

Nicht zuletzt sind die Bilder sehr aussagekräftig und zeigen die Gerichte in original römischem Geschirr und mit Besteck, so dass auch hier Inspirationen zum Anrichten und Präsentieren, aber auch zum Erwerb der Ausstattung gegeben werden.

Uns gefällt das Kochbuch sehr gut und wir können es guten Gewissens jedem empfehlen, der sich schon immer mal einen Überblick über die Römische Küche verschaffen wollte und dabei Anregungen und Vorschläge sucht, wie er die Gerichte nachkochen und im original römischen Stil anrichten kann.

 

Überarbeitete Neuauflage erschienen 07/2018 im Logo-Zauberfeder-Verlag

ISBN: 978-3-938922-86-6

Preis: 19,90€

Verwendete Illustrationen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Zauberfelder-Verlags

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Artikel © Q. Albia Corvina, 04/2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Events und Veranstaltungen: Römerfest in den Kaiserthermen Trier, 23.-24.7.2016

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In Trier gibt es viele gut erhaltene römische Momunentalbauten

Update: Das Römerfest ist vorbei und war ein voller Erfolg. Einige Foto-Impressionen findet Ihr auf unserer Seite auf Facebook!

Am kommenden Wochenende ist es (endlich!) wieder so weit: Nach vielen Jahren Pause findet in Trier, der ältesten Stadt Deutschlands, wieder ein großes Römerfest statt!

Nachdem der etablierte jährliche Event „Brot und Spiele“ 2012 endgültig eingestellt worden war, wurde es aus römischer Sicht still um die Kaiserstadt Augusta Treverorum, einst zweitgrößte Stadt des römischen Reichs und nicht umsonst bezeichnet als „Roma Secunda“.

Das war umso bedauerlicher, als daß sich in Trier noch heute gut erhaltene Monumentalbauten aus römischer Zeit finden und die Kulisse der Stadt für ein Römerfest einfach wie geschaffen ist. Auch wurde es von vielen Seiten bedauert, daß ausgerechnet eine Stadt, die sich so sehr auf ihre römische Vergangenheit berufen kann, kein großes Römerfest mehr ausrichtet.

In diesem Jahr feiert Trier nun „30 Jahre UNESCO Weltkulturerbe“ – unter anderem mit der großartigen Nero-Sonderausstellung „Kaiser, Künstler und Tyrann“ parallel in drei Museen der Stadt, und eben auch einem großen Römerfest, das in den Kaiserthermen abgehalten wird.

Zahlreiche Gruppen und Einzeldarsteller, wie die Legio XXI Rapax, die Cohors Praetoria, die Bitburger Legion XXII Primigenia Milites Bedenses, die Gladiatorenschule Trier, der Reiter Roms und zahlreiche Handwerker und Darsteller zivilen Lebens haben ihre Teilnahme zugesagt, so daß nun auch das vollgepackte Programm der beiden Tage bekannt ist:

Kaiserthermen

Das Römerfest findet an beiden Tagen von jeweils 10-18 Uhr in den Kaiserthermen statt (die Kellergänge der Thermen sind während des Römerfestes allerdings geschlossen und können nicht besichtigt werden).

Es gilt der reguläre Eintrittspreis in die Kaiserthermen, auch die AntikenCardTrier und die AntikenCardNero werden angerechnet. Wer eine Eintrittskarte der Nero-Ausstellung vom gleichen Tag vorweisen kann, erhält kostenlosen Einlaß zum Fest.

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„Brot und Spiele“, 2007

Weitere Informationen hier auf der offiziellen Website „Trier – Zentrum der Antike“ 

 

 

Events und Veranstaltungen: „Limes Live“ im Limeskastell Pohl am 20.9.2015

LimesliveAuch in diesem Jahr ist das Limeskastell Pohl wieder der Schauplatz eines großen Herbstevents: Am Sonntag, dem 20. September 2015 findet dort „Limes Live“ statt.

Das rekonstruierte römische Kleinkastell wird zu diesem Anlass von so vielen Reenactment-Gruppen wie noch nie zuvor belebt – es gibt über 100 Mitwirkende, die das Kastell in ein Heerlager und in eine zivile Siedlung verwandeln: neben römischen Reitern mit ihren Pferden kommen die römischen Kohorten Cohors II Treverorum, die Lagerleben zeigen, die Legio I Flavia Minervia Pia Fidelis Domitiona mit ihren Demonstrationen römischer Schmiede, Vermessungstechnik, Kosmetik, Tafelmalerei und Militärwesen, die Cohors XXVI Broele Trans Rhenum mit den Themen Metallbearbeitung, Essen und Trinken, Schmuck Münzen und Militärwesen, Legio XXI Rapax und Julius Metellus.

Außerdem vor Ort sind 3 Keltengruppen: Keltengruppe Teutates, die zeigen, wie Kettenhemden hergestellt werden, Schmiede, Wollfärben, Spinnen, Brettchenweben und militärischen Aktionen, die Keltengruppe Genii Loci mit den Themen Schnitzereien und Bogenschießen, sowie die Keltengruppe Celtica Buchonia, die Nagelbinden, Lederverarbeitung und Bronzegießen demonstrieren. Fachkundige Limes-Cicerones stehen für Fragen rund um den Limes zur Verfügung.

Szenische Darstellungen durch Einzeldarsteller runden das Programm ab, so gibt es unter anderem römische Tratschweiber, Vorträge zum Geldwesen und Rechnen mit dem Abakus, Vorträge eines Senators über das römische Staatswesen, römische Handwerker und Aktionen für Kinder und Erwachsene, wie Bogenschießen, Töpfern, römische Küche und ein Kinderspielparcours.

Immer sehenswert ist zudem natürlich auch das Kastell selbst, das nach dem neusten Stand der Limesforschung rekonstruiert wurde.

Das Kastell, vom Aussichtshügel aus gesehen

Das Kastell, vom Aussichtshügel aus gesehen

Das Fest findet am Sonntag, dem 20. September, von 10-18 Uhr statt. Der Eintritt ist frei!

Essen und Trinken wird durch den Ortsverein Pohl organisiert und das Fest wird von vielen ehrenamtlichen Helfern betreut. Parkplätz sind ausreichend vor dem Kastell vorhanden.

Wer die Gelegenheit hat, schon am Samstag nach Pohl zu kommen: Am Vorabend um 19 Uhr findet in Pohl ein Konzert der keltischen Musikgruppe Shamrock statt. Auch sind viele der Mitwirkenden schon vor Ort.

Der Flyer zur Veranstaltung mit dem vollständigen Programm steht hier zum Download bereit (PDF)

Events & Veranstaltungen: IRM – Internationale Reenactmentmesse 25.-26.4.2015

IRM_AKTUELL_LOGOEs ist wieder so weit – die IRM 2015 wirft ihre Schatten voraus!

Die 5. Internationale Reenactmentmesse, die Fachmesse für Geschichtsdarstellung und experimentelle Archäologie, findet auch dieses Jahr wieder im Archäologiepark Römische Villa Borg im Dreiländereck Saarland – Luxemburg – Frankreich statt.

Vom 25. bis zum 26. April stellen Handwerker, Händler und Hersteller von hochwertigem Reenactment-Bedarf sowie von Museumsrepliken ihre Waren aus.

Die Messe umfasst die Epochen von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert, wobei insbesondere die Antike einen Schwerpunkt bildet.

Wer Mittelaltertand, angeklebte Elfenohren und pseudo-germanische Devotionalien erwartet, wie man sie z.B. auf kommerziellen Mittelaltermärkten findet, ist hier falsch – hier wird Wert auf Authentizität gelegt, denn die Messe richtet sich an ein fachlich versiertes, geschichtsinteressiertes Publikum. Hier findet man stattdessen Ausrüstungsgegenstände für die Geschichtsdarstellung und museumspädagogische Ausstattung.

Die Villa Borg ist eine perfekte Location für eine Reeactment-Messe

Die Villa Borg ist eine perfekte Location für eine Reeactment-Messe

Da die Messe „von Aktiven“ „für Aktive“ gedacht ist, gilt sie gleichzeitig mit ihrem Termin Ende April als „inoffizieller Saisonstart“ in die Reenactment-Saison, die von römischer Seite aus auch dieses Jahr wieder von zahlreichen großen und kleinen römischen Veranstaltungen, Römertagen und -festen geprägt ist.

Auch in unserem Blog versorgen wir Euch regelmäßig mit Veranstaltungstipps, also schaut öfter bei uns vorbei!

Neben der Möglichkeit, mit Händlern und Handwerkern ins Gespräch zu kommen und sich mit neuer Ausrüstung einzudecken, bietet die Messe auch ein Rahmenprogramm aus Vorträgen, die sich thematisch mit Geschichte, Geschichtsdarstellung, sowie Geschichts- und Rekonstruktionsforschung befassen.

irm2015-plakat_h500Für das leibliche Wohl sorgt die römische Taverne mit original römischer Küche (mit der sich in diesem Jahr ein neuer Pächter beweisen darf). Samstag Abend wird zudem zwanglos gegrillt, wobei jeder sein Grillgut selbst mitbringen kann oder es für kleines Geld auf dem Gelände erwerben kann.

Übernachtungsmöglichkeiten in der Villa selbst sind den Ausstellern vorbehalten. Auf dem Gelände ist aber ein Bereich zum Zelten ausgewiesen, inklusive Stellmöglichkeiten für Wohnwagen (hier muß allerdings im Vorfeld zur besseren Planung reserviert werden!). Ansonsten bieten sich die zahlreichen touristisch attraktiven Orte im Umland für Übernachtungsmöglichkeiten an, sowohl im Saarland als auch an der luxemburgischen Mosel, die nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Eine vollständiger Ausstellerliste findet man – neben weiteren nützlichen Informationen – hier auf der Website der IRM!

Informationen über die (immer wieder sehens- und besuchenswerte!) Villa Borg auf der offiziellen Website des Archäologischen Parks.

Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die "alten ägyptischen" Mysterien berief, sah er die alten Religionen durch seine neue Lehre als überholt an

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

(mehr …)

Praxis: Die Wachstafel – das Notizbuch der Römer

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Eine doppelseitiges römisches Wachstafelbuch

Was tat der Römer, wenn er sich etwas notieren wollte?

Papyrus, das teure Material aus aufwendig aufbereiteten und gefärbten Pflanzenfasern, konnte sich nur eine Minderheit leisten und es war viel zu wertvoll, um es für schlichte Notizen, kurz aufgeschriebene Gedanken, ein Gedicht, eine Nachricht an die Familienmitglieder oder eine Einkaufsliste zu verwenden. Zudem war Papyrus ein Einweg-Material, was seinen Wert noch steigerte.

Vielseitig verwendbar, alltagstauglich, preisgünstig und – vor allem – auch ideal für unterwegs war die Wachstafel, die es in den unterschiedlichsten Ausführungen gab. Wegen ihrer praktischen Handhabung war sie bis weit in das Mittelalter und zum Teil sogar noch bis in das 20. Jahrhundert im Einsatz, in der römischen Antike war sie DAS Allround-Notizbuch für alle Zwecke.

Viele von ihnen sind – inklusiver ihrer Botschaften – erhalten geblieben und stellen wertvolle archäologische Zeugnisse dar, die Einblick in den römischen Alltag gewähren.

Heutzutage gibt es hervorragende Repliken römischer Wachstafeln in vielfältigen Ausführungen. Natürlich kann man heute auch einfach ein Post-It oder einen Notizblock nehmen, oder seine Notizen als Memo in das Smartphone tippen, jedoch macht es Spaß und ist viel stimmiger, eine römische Wachstafel in entsprechendem Kontext zu benutzen.

Zum Beispiel weiß ein römischer Reenactor, der sich kurz die Adresse eines Menschen notieren möchte, den er eben auf einer Veranstaltung kennengelernt hat, oder der sich ein paar Notizen machen möchte, ein kleines aufklappbares römisches Wachstafelbuch zu schätzen, weil es zu seinem Setting und der dargestellten Epoche besser paßt als ein Smartphone, das zu einer Tunika ungefähr so toll aussieht wie eine Zigarette.

Aber auch der Cultor kann die römische Wachstafel gut in der religiösen Praxis der Sacra Privata nutzen, denn wie schon in der Antike üblich, läßt sie sich sehr gut in rituelle Handlungen einbinden.

Ausführungen, Herstellung und Material

Ideal für unterwegs!

Ideal für unterwegs!

Wachstafeln (Latein: tabulae ceratae) waren im alten Rom ein Alltagsgegenstand, den nahezu jeder (der schreiben konnte oder sich zumindest im Geschäftsleben anderweitige Notizen machte) in seinem Besitz hatte. Sie waren transportabel und wurden, dank ihres Hauptverwendungszwecks als Notizbuch, auch überall mitgeführt.

Es gab sie in unterschiedlichen Ausführungen, meist in der transportablen Taschenformat-Größe, die etwa dem heutigen Format DinA6 entspricht. Dabei befand sich eine Wachsschicht in einem Holzrahmen aus meist einheimischen Hölzern wie Buche oder Nadelhölzern. Seltener wurde ein edleres Material wie Gold oder Elfenbein verwendet.

Die einfachste Variante war ein Rahmen, der mit Wachs gefüllt war. Häufig wurden die Tafeln mit einem Lederband oder einer anderen Schanierart aber auch zu mehrseitigen Büchern zusammengebunden.

Mindestens zwei Seiten waren die übliche Variante („Diptychon“), da durch das Zusammenklappen des Buches der empfindliche Wachs geschützt wurde, wenn die beiden Tafeln als Buch mit der Wachsseite zueinander gebunden wurden. Außerdem gab es häufig eine Kerbe für die rutschfeste Verschnürung mit einem Lederband und die Möglichkeit, den Stilus, der zum Ritzen des Wachses genutzt wurde, zu befestigen.

Eine Kerbe an der Seite sorgt dafür, daß der Verschluß mit dem Lederband nicht verrutscht

Eine Kerbe an der Seite sorgt dafür, daß der Verschluß mit dem Lederband nicht verrutscht

Es bestand auch die Möglichkeit, noch mehr Tafeln zusammenzubinden (3 Tafeln wurden Triptychon genannt, mehr Tafeln Polyptychon). Riesige, aber eher seltene Exemplare, die stationär zum Einsatz kamen, waren bis zu Din A3 groß und bis zu 2o Seiten schwer.

Die handlichen Wachstafeln konnten auch verschnürt und dann versiegelt werden, wodurch man sie als Brief verschicken konnte.

Das Wachs bestand üblicherweise aus einer Mischung aus Bienenwachs, Kiefernharz und Ruß, wobei Ruß, Asche, Kohle oder Kiefernpech zur Schwarzfärbung des Wachses diente. Leinöl, Teer oder Terpentin dienten dazu, die Fließeigenschaften des Wachses zu beeinflussen, damit er im Sommer nicht schmolz.

Zur Ritzung des Wachses wurden Stifte verwendet, die Stilus genannt wurden. Sie bestanden aus Holz, Knochen oder Metall (bei vielen römischen Funden bestanden sie aus Eisen, oft mit Einlegearbeiten) und hatten eine spitze Seite zum Ritzen und eine flache  Seite, die als Spatel diente, um das Wachs später wieder zu glätten und somit die Nachricht zu „löschen“.

Die Einsatzgebiete dieser Büchlein waren vielfältig; neben der Funktion als privates Notizbuch kamen sie auch in geschäftlichen und militärischen Bereichen zum Einsatz. Funde belegen ihre Verwendung als Lieferscheine, Rechnungen, Schulaufgaben und Unterrichtsmaterialien, Briefe, militärische Nachrichten und Meldungen, sogar für die Versendung vertraulicher Dokumente.

Die Tafeln waren relativ einfach herzustellen, so daß einfache Exemplare auf dem Land bei Bedarf selbst hergestellt wurden. Es gab allerdings auch den Beruf des Wachstafelmachers, der auf die Herstellung dieser Büchlein spezialisiert war und der Zunft der Zimmerleute angeschlossen war. Er produzierte vor allem in den Städten die Tafeln für die zahlende Kundschaft, die sich nicht selbst die Mühe machen wollte oder die Zeit dazu hatte, ihre Notizbücher herzustellen.

Wer die Herstellung von römischen Wachstafeln einmal selbst sehen möchte oder sogar selbst Hand anlegen möchte, wird auf vielen Römerfesten fündig, bei denen Wachstafelmacher (wie z.B. Quintus Vetitius Verus) ihre Handwerkskunst vorführen.

Verwendung

Die spitze Seite des Stilus dient zum Ritzen der Buchstaben

Die spitze Seite des Stilus dient zum Ritzen der Buchstaben

Die Verwendung ist denkbar einfach.

Mit der spitzen Seite des Stilus werden die Botschaften in die Wachsschicht gekratzt. Mit der Tiefe muß man ein wenig experimentieren; kratzt man zu tief, löst man den Wachs heraus und es kommt zu häßlichen Krümmeln und Materialverlust, im schlimmsten Fall bricht man einen Teil des Wachses heraus.

Viele verwenden heute zum Beschreiben der Tafeln statt „moderner“ Buchstaben die römische Handschrift, genannt die römische Kursive (bekannt als Majuskelkursive oder Capitalis Cursiva) die besonders gut für das schnelle Schreiben auf Wachstafeln oder auf Papyrus geeignet ist, da man mit ihr die Striche eines Buchstabens nur „zieht“, aber nicht „schiebt“, was auf einer Wachstafel keinen Sinn macht. Überlieferungen der Handschrift sind zahlreich, man fand sie auf erhaltenen Wachstafeln, Papyrusstücken und sogar in Graffiti an Gebäuden wie z.B. in Pompeji, wo einerseits Händler ihre Namen und Preise an die Wände schrieben, andererseits aber sogar so profane Aufzeichnungen wie Toilettensprüche erhalten geblieben sind, die in der Kursive aufgeschrieben wurden.

Mustervorlagen für die römische Kursive sind zahlreich im Netz zu finden. Viele Wachstafeln bringen, wenn man sie kauft, auch eine Vorlage mit Groß- und Kleinbuchstaben in römischer Handschrift mit, wie z.B. die Tafeln, die als Repliken von Forum Traiani hergestellt werden.

Mit der stumpfen Seite wird der Wachs wieder glattgestrichen

Mit der stumpfen Seite wird der Wachs wieder glattgestrichen

Hat sich die Notiz erledigt und braucht man Platz für neue Notizen, wird die beschriebene Fläche mit der flachen Seite des Stilus wieder glattgerieben (Tabula rasa). Auch hier muß man etwas Fingerspitzengefühl entwickeln, wieviel Druck nötig ist, um die Buchstaben zu entfernen und die Oberfläche zu glätten.

Ist der Wachs irgendwann unansehnlich geworden und sind die Spuren nicht mehr durch den Spatel allein zu beseitigen, genügt es, die Wachsseite der Tafel für einen kurzen Moment über eine Kerzenflamme zu halten, bis eine leichte Verflüssigung eintritt (jedoch nicht, bis es heruntertropft und wegschmilzt!). Ist der Wachs leicht angeschmolzen, kann er problemlos mit dem Spachtel glattgestrichen werden.

Am Anfang sollte man nicht verzweifeln, wenn das Schreiben schwierig ist und der Wachs unansehnlich. Eine Wachstafel muß „eingeschrieben“ werden (vergleichbar mit Ton oder einem Kuchenteig, der geschmeidiger wird, je länger man ihn formt und knetet). So dauert eine Weile, bis der Wachs geschmeidig ist und sich leicht beschreiben und wieder leeren läßt.

Verwendung im Cultus

Auch heute noch sind römische Wachstafeln vielfältig zu nutzen. Wie in der Einleitung erwähnt, passen sie erst einmal sehr gut zum römischen Setting und sind ansprechend in ihrer Haptik und für das Auge.

Insbesondere im Cultus Deorum kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Da es in der Religio Romana, der römischen Religion, üblich ist, getreu dem Motto „do ut des“ (ich gebe, damit Du gibst) geschäftliche Beziehungen mit den Göttern einzugehen, wurden und werden sie bis heute zur Niederschrift eines solchen Abkommens oder Gelübdes verwendet.

Die Wachstafel mit dem schriftlichen Gelübde auf dem Altar

Die Wachstafel mit dem schriftlichen Gelübde auf dem Altar

Tritt man mit einem Anliegen an einen Gott heran und stellt ihm für den Fall der Erfüllung des Wunsches eine bestimmte Gabe oder ein Opfer in Aussicht, so war und ist es gemäß römischer Praxis durchaus üblich, diese Vereinbarung auf einer Wachstafel niederzuschreiben.

Anschließend wird die beschriebene Tafel auf den Hausaltar (in römischer Zeit auch in den Tempel der betreffenden Gottheit) gestellt und verbleibt dort so lange, bis das Anliegen erhört wird und man das geleistete Gelübde erfüllt hat – oder, im Falle der Nichterfüllung, bis der vereinbarte Zeitpunkt verstrichen ist.

Wurde das Gelübde von beiden Seiten erfüllt oder ist der Zeitpunkt der Erfüllung ohne Einlösung verstrichen, wird die Tafel vom Altar entfernt und der darin eingeritzte Text mit der flachen Seite des Stilus gelöscht.

Damit ist auch äußerlich ein Zeichen gesetzt, daß der Handel abgeschlossen ist oder daß die Vereinbarung nicht länger gilt. Anschließend wird das Büchlein wieder verstaut, bis zu seinem nächsten Einsatz.