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Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

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Cultus Deorum Romanorum: Einsteiger-FAQ

Auf dieser Seite sammeln wir Fragen (und natürlich auch Antworten!) zum Thema „Cultus Deorum Romanorum “ bzw. „Religio Romana„. Diese FAQ-Sammlung soll insbesondere Anfängern, die den Wunsch verspüren, die vorchristliche römisch-polytheistische Religion zu praktizieren, bei ihren ersten Schritten helfen.

Wenn Ihr Fragen habt, die hier noch nicht aufgeführt sind, könnt Ihr sie gerne unten als Kommentar hinterlassen!


Übersicht



Was ist der „Cultus Deorum Romanorum“?

Unseren ausführlichen Einführungsartikel zum Thema findet Ihr hier. Diese Einführung solltet Ihr unbedingt als erstes lesen, da einige der hier auftauchenden Begriffe dort erklärt werden.


Was ist der Unterschied zwischen „Cultus Deorum Romanorum“ und „Religio Romana“ oder wie ist die richtige Bezeichnung für diese Religion?

Es gibt keinen Unterschied, beide Begriffe werden synonym verwendet.

Praktizierende nennen sich „Cultores„, Einzahl: Cultor (oder, wer lateinisch besonders exakt sein möchte, die weibliche Form ist „Cultrix„). Aus praktischen Gründen sprechen wir in unserem Blog in der Regel vom „Cultor“ oder der neutralen Mehrzahl „Cultores„, meinen damit aber natürlich Angehörige beider Geschlechter.

Durchführung eines Rituals zur Eröffnung einer römischen Veranstaltung, um die Gunst der Götter zu erbeten (Haltern, 2014)

Durchführung eines Rituals zur Eröffnung einer römischen Veranstaltung, um die Gunst der Götter zu erbeten (Haltern, 2014)

Im modernen Sprachgebrauch existiert auch die Bezeichnung „Römisches Heidentum„, jedoch haben die Römer selbst das Wort „Heidentum“ niemals für die Beschreibung ihrer eigenen Religion verwendet, weswegen wir diesen (z.T. negativ belegten) Begriff vermeiden.

Ein römischer Begriff, den man in der Antike für die Beschreibung seiner eigenen Religion verwendete, ist „Cultus“ (u.a. belegt durch Cicero). Hierbei umfaßt „Cultus“ jedoch deutlich mehr als das heutige Wort „Kult“, es beinhaltet Aspekte wie „kultivieren“, „Kultur“, „nähren“ und beschreibt das sich gegenseitig nährende und fördernde, ausgeglichene und gesunde Verhältnis, das zwischen Menschen und Göttern herrscht.

Der Zusatz „Deorum Romanorum“ stammt aus moderner Zeit (denn natürlich hatten die Römer es nicht nötig, zu betonen, daß ihr Cultus „römisch“ war). Es wird vom modernen Cultor hinzugefügt, um zu spezifizieren, welchem rekonstruktionistischen heidnischen Weg man folgt – denn unter den heidnisch-rekonstruktionistischen Bewegungen gibt es noch weitere die sich auf antike Kulte rückbesinnen, zum Beispiel den Hellenistischen Cultus, d.h. die Rekonstruktion der Religion des antiken Griechenland, von denen sich der römische Cultor abgrenzen möchte, da sich die Kulte in Glaubensvorstellungen und Praxis voneinander unterscheiden und auf keinen Fall „in einen Topf“ geworfen werden sollten.


Ich finde die römischen Götter und Göttinnen ansprechend, möchte sie aber auf meine eigene Weise verehren und nicht nach engen festgelegten Vorschriften und Ritualen. Geht das auch?

Der Cultus Deorum Romanorum wird stets innerhalb eines größeren, umfassenden römischen Kontextes praktiziert, so daß neben den Göttern auch die römische Kultur, Philosophie, Werte und Vorstellungen eine wichtige Rolle spielen.

Jupitersäule in Metz

Jupitersäule in Metz

Eine bloße Verehrung der römischen Götter, losgelöst aus diesem Kontext und ohne Beachtung der notwendigen Hintergründe und vor allem der extrem wichtigen Form, entspricht nicht der Richtung des Rekonstruktionismus, zu denen der Cultus Deorum Romanorum zählt, sondern wird in synkretistischen-eklektischen Glaubensgemeinschaften praktiziert.

Wer sich nur von den Göttern angesprochen fühlt, aber mit dem dazugehörigen rekonstruktionistischen Ansatz nichts anfangen kann, wird sicherlich bei neuheidnischen Gruppen wie Wicca oder im Reclaiming glücklicher, da er hier alle Möglichkeiten hat, sich mit diesen Göttern zu befassen und sie auf individuelle Weise zu verehren und mit ihnen zu arbeiten, aber dies ohne den römisch-kulturellen Rahmen und die vorgeschriebene Kultpraxis tun kann. Mit dem Cultus Deorum Romanorum jedoch werdet Ihr in dem Fall sicher nicht glücklich! Hexengruppen vor Ort, in Camps oder Workshops helfen hier gerne weiter.

Der Cultus Deorum Romanorum ist, wie andere rekonstruktionistische Gruppen, strikt von neuheidnischen, synkretistischen Glaubensgemeinschaften zu trennen, da er einen grundlegend anderen Ansatz verfolgt und mit diesen deswegen in der Kultpraxis auch nicht kompatibel ist.

Glauben Römer nur an „römische“ Götter? Was ist mit all den anderen Göttern aus aller Welt?

Nein, Römer haben niemals geglaubt oder behauptet, daß die Götter ihres Pantheons die einzig existierenden Götter wären. Ganz im Gegenteil haben sie niemals die Existenz anderer Götter ausgeschlossen. Sie glaubten nicht einmal, daß ihnen alle Götter ihrer eigenen Götterwelt überhaupt bekannt waren und schlossen nicht aus, daß es darunter auch Gottheiten gab, von denen niemand Namen, Geschlecht oder Funktion kannte.

Die römische Götterwelt beinhaltete neben ur-römischen Göttern ohne außer-römische Entsprechung schon von Anbeginn an auch Götter früherer Kulturen, die zum Beispiel von den Etruskern und Sabinern übernommen wurden. Auch fanden im Zuge der allgemeinen Bewunderung von griechischer Kultur auch viele griechische Götter Einzug in den römischen Pantheon. Zwar wurden viele dieser Götter schnell romanisiert, umbenannt, von ihrer Mythologie entkleidet und ihnen andere Zuständigkeitsbereiche zugesprochen, aber dennoch sorgten sie von Anfang an für eine Bereicherung der römischen Götter- und Glaubenswelt, die ansonsten in erster Linie von animistisch-gestaltlosen Elementen, den Numina, und einer reichen Geisterwelt mit einem sehr spezifischen Ahnenkult geprägt war. Römische Gottheiten, adoptierte Gottheiten und die Geisterwelt existieren gleichberechtigt nebeneinander und stellen für den Römer keinerlei Problem oder Widerspruch dar.

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Die Götter fremder Völker waren sogar gefürchtet, da man davon ausging, daß sie ihre Völker natürlich beschützen und etwa in der Schlacht unterstützten. Man glaubte auch, daß einheimische Götter in ihrem eigenen Land natürlich besonders mächtig waren und viel Einfluß hatten, mehr vielleicht sogar als die römischen Götter selbst. Belagerte man also Städte oder zog man in Feldschlachten gegen fremde Völker, war das Ritual der „Evocatio“ („Herausrufen“) üblich. Dabei beschwor man am Vorabend der Schlacht die fremden Götter und „bestach“ sie mit dem Versprechen, ihnen schöne Tempel zu bauen und sie zu verehren und ihnen zu opfern, wenn sie die Seiten wechselten und zu den Römern überliefern. Waren die Römer siegreich in der Schlacht (was aufgrund ihrer überlegenen Armeen häufig der Fall war), so galt das als Zeichen, daß die fremden Götter ihr Volk verlassen und zu den Römern übergelaufen waren. Da Römer sehr darauf bestrebt waren, Verträge mit den Göttern einzuhalten, wurde ihnen anschließend entsprechend der versprochene Tempel gebaut und fortan waren sie Teil des römischen Kultgeschehens und ihnen wurden Opfer gebracht. Einige dieser „auswärtigen“, übergelaufenen Götter erlangten später große Popularität im Reich.

Daß fremde Götter über fremde Völker wachten, war für den Römer eine ganz normale Vorstellung – nur hatte er den Vorteil, daß er die Mittel und Wege kannte, diese Götter auch in seine eigene Religion einzubinden und zu „romanisieren“. Diesen Vorgang nennt man „Interpretatio Romana.“

War ein solcher Gott romanisiert oder wurde erkannt, daß er nur ein Aspekt eines bereits bekannten römischen Gottes war (wie der keltische Lenus-Mars der Treverer oder Mercurius als Personifikation des gallischen Teutates oder des germanischen Wotan), wurde er selbstverständlich Teil des religiösen Kultgeschehens und von romanisierten Bewohnern der neuen Provinzen auch auf friedlichem Weg in die römische Glaubenswelt eingebracht. Selbst exotische Kulte wie der persische Mithraskult, der ekstatische Bacchus-Kult oder die ägyptische Isis wurden von den Römern problemlos in ihren eigenen Kult übernommen, auch wenn die Verehrungspraxis sicher nicht der Praxis in Persien oder Ägypten entsprach, sondern einen römischen Stempel trug.

So war in unserer Region – in den römischen Provinzen westlich des Rheins – der Gallo-Römische Cultus, die Mischform aus einheimischen keltischen Vorstellungen und der römischen Religion, die hier praktizierte Variante der Religio Romana. Zahlreiche einheimische Gottheiten, wie Epona, Sirona, Grannus, Intarabus, Rosmerta oder Lenus, fanden auf diese Weise Einzug in den römischen Pantheon. Die hier überall anzutreffende spezielle Form der Tempel als „Umgangstempel“ (die es nur nördlich der Alpen im Raum Gallien bis Britannien gibt), trug dem keltischen Kultverständnis Rechnung. So entwickelten sich in den unterschiedlichen Provinzen auf ganz natürliche Weise Sonderformen des Cultus, die lokale Vorstellungen und Gottheiten in einen römischen Kontext brachten und miteinander verschmolzen, was wiederum die Romanisierung der hier lebenden Einheimischen erleichterte.

Barbarische Götter zu verehren, die nicht Teil des Cultus waren, sondern im Gegenteil zu fremden, verfeindeten Völkern gehörten, wäre einem Römer hingegen nicht in den Sinn gekommen. Das bedeutete aber nicht, daß er deren Existenz verneinte, sie waren nur nicht Teil seiner Religion und seiner Kultpraxis.

Ansonsten war das Römische Reich extrem tolerant und im Prinzip konnte jeder die Götter verehren, die er wollte – so lange er daneben den Staatskult akzeptierte. Lokale Götter in den Gebieten, in denen man wohnte, wurden gerne integriert und wenn Auxiliartruppen, die in der römischen Armee dienten, ihre einheimischen Götter weiterhin verehrten, war das ebenfalls kein Problem. Das führte zu solchen Phänomenen wie der germanischen Göttin Germangabis, die von germanischen Hilfstruppen nach Britannien importiert wurde oder lokalen Kombinationen wie Apollo-Grannus oder Mercurius-Gebrinius, der ausschließlich aus Bonn bekannt ist.

Ich möchte mich gerne dem Cultus Deorum Romanorum anschließen. Was muß ich tun, muß ich irgendwo eintreten oder unterschreiben oder gibt es ein Aufnahmeritual?

Wer den Wunsch verspürt, auf den Spuren seiner Ahnen zu wandeln und den polytheistisch-römischen Cultus zu praktizieren, kann sofort damit beginnen. Natürlich gibt es Gruppen, Organisationen und Zusammenschlüsse praktizierender Cultores, aber sich diesen anzuschließen, ist keine Voraussetzung, um ein Cultor zu werden.

Wer dem Cultus Deorum Romanorum folgen möchte, tut das am besten, indem er einfach beginnt.


Gibt es eine Art „Bibel“ oder andere heilige Schrift, in der die Grundsätze und Regeln der Religion und der Lebensführung zusammengefaßt sind? Was muß ich vorher wissen, bevor ich loslegen kann?

Der Cultus ist eine Religion der Orthopraxie („rechtes Handeln“), nicht der Orthodoxie („rechte Lehre“), das heißt, Handeln und praktische Durchführung sind wichtiger als theologische Theorien und Gedankengebäude und man muß sich, anders als bei den großen Weltreligionen, nicht erst in eine komplizierte und komplexe Theologie einarbeiten, bevor man „auch“ praktische Aspekte nutzen kann.

Sacrarium für Apollo

Sacrarium für Apollo

Die Kultpraxis steht bei den Römern immer im Vordergrund und es gibt keine dahinterstehende einheitliche, dogmatische Theologie. Gottesvorstellungen und -erklärungen standen nie im Zentrum des Interesses des durchschnittlichen Römers, auch wenn es natürlich – für denjenigen Cultor, der sich auch dafür interessiert – zahlreiche Schriften antiker Schriftsteller und Philosophen gibt, die sich damit ausgiebig auseinandersetzen. Weiterführende Informationen finden sich in unserer Rubrik „Stoa„. Empfehlenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Briefe des Cicero an seinen Sohn Marcus in der Sammlung „De Officiis„, die weitreichende Ausführungen zur rechten Lebensführung auf der Grundlage der stoischen Grundsätze und Weltsicht enthält.

Eine einheitliche „Bibel“ oder ein anderer „inspirierter“ Text existiert nicht. Eine angemessene Lebensführung wird nicht durch religiöse Dogmen vorgegeben („du sollst nicht…“), sondern durch die gesellschaftlichen Normen und Werte aus Kultur und Philosophie.

Wichtig ist, sich darüber klar zu sein, daß trotzdem einige Vorarbeit geleistet werden muß, die einem aber niemand abnehmen kann, denn ohne Grundwissen zum römischen Kontext kann kein Bezug zum rekonstruktionistischen Ansatz der heute praktizierten Religio Romana hergestellt werden.

Da dieser Ansatz bestrebt ist, die Religion unserer Vorfahren in möglichst authentischer und originalgetreuer Weise wiederzubeleben, ist Quellenstudium unbedingte Voraussetzung.

Da der römische Kontext fundamentaler Bestandteil der praktischen Ausübung der Religion ist, ist es zudem notwendig, sich auch darüber hinaus mit dem Thema zu befassen, sei es mit der Geschichte des Römischen Reichs, Philosophie oder einfachen Aspekten des täglichen Alltagslebens. Zum Glück waren die Römer sehr schreibfreudig und haben uns viele detaillierte Aufzeichnungen hinterlassen. Wir sammeln in unserer Rubrik „Ad Fontes“ Büchertipps und sogar Links zu kostenlosen ebooks (viele Klassiker wie Cicero, Varro oder Cato gibt es zum kostenlosen Download, was den Einstieg erleichtert).

Daneben helfen Museumsbesuche, Reisen zu antiken Stätten und Tempeln und das Besuchen von Römerfesten, zum Beispiel den Römertagen in der Villa Borg, wo es viele praktische Tipps und Hintergrundinformationen gibt, sowie die Möglichkeit, sich mit einem Grundstock an Gegenständen für die Kultpraxis einzudecken. Lesen, lesen, lesen ist aber auf jeden Fall der beste Rat!

Ansonsten gilt: Legt einfach los! Tipps für Anfänger, wie man die ersten praktischen Schritte als Cultor macht, findet Ihr hier in unserem Blog.


Wenn es keine „Heilige Schrift“ oder niedergeschriebene religiöse Dogmen gibt, kann dann jeder glauben, was er will?

Sehr populär bei Einheimischen wie Römern, Legionären wie Zivilisten in Germanien: Die Matronen. (Nettersheim / Eifel, September 2011)

Sehr populär bei einheimischen Kelten und Germanen sowie Römern, Legionären wie Zivilisten in der Eifel: Die Matronen. (Nettersheim / Eifel, September 2011)

Das Römische Reich war ein Vielvölkerstaat und auch die Glaubenspraxis seiner Bürger in den verschiedenen Provinzen hatten starke regionale Färbungen. Es wurden auch spezielle Kulte innerhalb der Religio Romana praktiziert (z.B. Isiskult, Mithraskult oder Mater Magna-Kult, die allesamt Einweihungs- und Mysterienkulte waren).

Auch gab es lokale Unterschiede, so hatte in Gallien der Cultus andere Ausprägungen und Schwerpunkte als in Nordafrika, indem jeweils lokale, in die römische Götterwelt „eingemeindete“ Gottheiten bevorzugt wurden, die vor Ort eine große Bedeutung hatten, überregional aber kaum bekannt waren. Die römische Religion ist in dieser Hinsicht sehr flexibel und aufnahmefähig.

Das bedeutet aber nicht, daß jeder machte und glaubte, was er wollte. Tatsächlich waren alle Anhänger der römischen Religion durch einen reichen Schatz an historisch gewachsenen Glaubensgrundsätzen, Vorstellungen und Konzepten verbunden, die sich – unabhängig davon, welcher Gottheit nun der individuelle Schwerpunkt innerhalb der Region oder sogar der Familie eingeräumt wurde – im ganzen Reich nicht voneinander unterschieden.

Die grundsätzlichen Vorstellungen über die Götterwelt, den Aufbau unserer Welt und die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern waren einheitlich. Auch wenn die Kultpraxis in einigen Regionen kulturelle Färbungen annehmen mochte, so teilte man doch die grundsätzlichen Glaubensvorstellungen, die dem Cultus zugrunde lagen.

Diese Mischung sorgte dafür, daß der Cultus über die Jahrhunderte, in denen das Römische Reich existierte, flexibel und gleichzeitig verbindend genug war, um sich dem steten Wandel in der römischen Gesellschaft anzupassen und die Entwicklungen mitzumachen – bis auf das Christentum, das von seinen Glaubensvorstellungen und Grundsätzen so im Widerspruch mit den römisch-heidnischen Vorstellungen stand, daß es nicht mehr integriert werden konnte (und sich auch nicht integrieren lassen wollte).

Auch heutzutage unterscheidet sich die Kultpraxis innerhalb des Cultus Deorum Romanorum genauso, wie sie es schon zur römischen Zeit tat – ein Cultor in Germanien mag zum Beispiel die regional bedeutenden Matronen in den Fokus seiner Kultpraxis rücken, während andere Cultores sich eher an den „Großen 12“ (Dei Consentes) orientieren, oder sich an romanisierte, ehemals keltische Gottheiten wenden, die in ihrer Region besonders verbreitet waren. Auch eine besondere Beziehung zu afrikanischen (wie ägyptischen) Gottheiten mag vorliegen und zu einem entsprechenden Schwerpunkt in der Kultpraxis werden, natürlich in einer romanisierten Form, wie es schon zu antiker Zeit üblich war.

Die Religio Romana ist nach wie vor eine organische, lebendige Praxis und kein angestaubtes, erstarrtes Museumsstück mit Mummenschanz aus der Antike, auch wenn man bestrebt ist, ihn nach den originalen Grundsätzen, Regeln und in der authentischen Form zu praktizieren.

Es herrscht auch heute – wie damals – ein einheitlicher Konsens unter den Anhängern der Religio Romana über grundsätzliche Glaubensfragen:

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