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Jupitergigantensäulen – eine gallo-römische Neuschöpfung

Die rekonstruierte Jupitergigantensäule von Schwarzenacker (Foto von Lokilech, lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Die rekonstruierte Jupitergigantensäule von Schwarzenacker (Foto von Lokilech, lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Die Jupitersäule – eine Säule, auf deren Sockel vier klassische römische Götter abgebildet sind, darüber Wochengötter, Jahreszeiten und zuletzt der oberste römische Gott selbst, der auf seinem Thron sitzend auf die Welt hinabblickt: wer vermutet dabei nicht, daß es sich um eine der ur-römischsten Darstellungsformen der römischen Götterwelt handelt?

Tatsächlich aber sind die Jupitersäulen, und insbesondere ihre gallische Unterart, die Jupiter-Gigantensäulen, ein Phänomen, das südlich der Alpen nahezu unbekannt ist und das ein spannendes Zeugnis der Verschmelzung keltischer und römischer Glaubensvorstellungen darstellt. Sie ist deswegen ganz typisch für den gallo-römischen Cultus, wie er hier, in unserer Region, praktiziert wurde, wo Hunderte dieser Säulen auf engem Raum gefunden wurden.

Der Cultus um die Jupitergigantensäulen gilt als eines der besten Beispiele für eine neue, von Italien und dem Kernland losgelöste Form und eigenständige Entwicklung der römischen Religion – Religio Romana – nördlich der Alpen, auf die vor allem keltische, zum Teil aber auch orientalische Einflüsse einwirkten.

Die „klassische“ Jupitersäule, gekrönt von einem auf dem Thron sitzenden Jupiter, wie man ihn auch von Darstellungen der kapitolinischen Trias aus Rom kennt, entstand in Obergermanien im Raum Mainz und verbreitete sich von dort aus entlang des Mittelrheins bis hinauf an den Niederrhein, im nördlichen Gallien und Britannien.

Die Jupiter-Gigantensäule, als eigene Unterart, findet sich vor allem im östlichen Gallien, in Gallia Beligica, im Raum von Eifel, Mosel und Ardennen.

Einleitung: Was ist eine Jupitersäule?

Jupitersäulen (hier genutzt als Oberbegriff inklusive aller Unterarten) sind, vereinfacht gesagt, mehrere Meter hohe Säulen, auf deren Spitze sich eine Darstellung des Gottes Jupiter befindet – daher der Name.

Der Sockel einer Jupitersäule wird immer von einem „Viergötterstein“ gebildet, einem Quader, auf dessen vier Seiten vier Götter als Reliefs abgebildet sind. Die weitaus häufigste Götterkombination ist hierbei Herkules, Merkur, Minerva und Juno. Daneben treten auch Varianten mit anderen Göttern auf, z.B. mit Victoria, Fortuna, Apollo, Mars oder Proserpina.

Oberhalb des Sockels folgt ein kleinerer Sockel, der als „Wochengötterstein“ bezeichnet wird. In vielen Fällen enthält er Reliefs der klassischen Wochentags- oder Planetengötter Sol, Luna, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn. Oft aber finden sich hier auch andere Götter in beliebigen Kombinationen, wie z.B. Vulcanus, Apollo oder die Dioscuren.

Über diesem Sockelstein folgt oft ein Zwischenblock, in den die Weiheinschrift „IOM“ gemeißelt ist – die Abkürzung für den Namen des höchsten Gottes, Iupiter Optimus Maximus.

Es folgt eine mehrere Meter hohe Säule, deren Höhe zwischen 4 Metern bis hin zu 9 Metern (bei der höchsten bisher gefundenen Jupitersäule aus Mogontiacum/Mainz) variiert.

Jupitersäule an der Saalburg mit Altar

Jupitersäule an der Saalburg mit Altar

Es gibt dabei zwei Ausprägungen der Zwischensäule: beim „klassischen“ Typ, wie in Mainz, besteht die Säule aus einzelnen Säulentrommeln oder -blöcken, in die ebenfalls Bilder und szenische Darstellungen von Göttern gemeißelt sind.

Bei der gallischen Variante, der Jupitergigantensäule, sieht die Säule wie ein Baumstamm aus, es findet sich mehrheitlich ein markantes Schuppenmuster, seltener Eichenlaub, Weinranken oder andere Blätterdarstellungen.

Das korinthische Kapitell der Säule, auf dem der Abschlußstein ruht, ist mit Akanthusblättern verziert. Manche Kapitelle zeigen vier weibliche Gesichter an den vier Seiten, die als die vier Jahreszeiten gedeutet werden.

Auf dem Kapitell thront der Abschlußstein. Auf diesem befindet sich, je nach Region, eine von vier Jupiterdarstellungen. In Obergermanien und am Niederrhein bis nach Britannien zeigt diese Darstellung meist einen auf dem Thron sitzenden Jupiter, der ein Blitzbündel in der Hand hält. Auf den im ostgallischen Raum verbreiteten Jupitergigantensäulen ist Jupiter reitend auf dem Pferd dargestellt, wie er einen Giganten – oft in Form einer Schlange – niederreitet. Zwei seltenere Darstellungen zeigen Jupiter nackt und stehend, mit einem Blitz in der Hand, oder in einem von zwei Pferden gezogenen Streitwagen, der Biga. Oft trägt er dabei auch eine Rüstung, einen sogenannten Feldherrenpanzer.

Auf diese Darstellungen kommen wir später noch im Detail zurück.

Jupitersäulen waren in der Antike – wie auch andere Säulen, Statuen, Reliefs, Figuren, Grabsteine und Gebäude-, bunt bemalt, wodurch die dargestellten Götter und Szenen plastisch wurden. Eine nach historischem Vorbild rekonstruierte und bunt bemalte Jupitersäule befindet sich im Archäologischen Park Schwarzenacker und zeigt, wie eindrucksvoll und anschaulich eine solche Säule gewirkt haben mag.

Verbreitung der Säulen

Der reitende Jupiter zertrampelt die Giganten (Metz)

Der reitende Jupiter zertrampelt die Giganten (Metz)

Wie eingangs bemerkt, sind Jupitersäulen ein ausschließlich aus den Nordwestprovinzen des Römischen Reichs bekanntes Phänomen. Die weitaus größte Zahl wurde im Gebiet zwischen Obergermanien und Ostgallien gefunden. Einzelne Funde gibt es aus dem Donauraum. Eine einzige Säule soll in Rom vor dem Jupiterheiligtum auf dem Kapitol gestanden haben, diese ist jedoch nur aus der Erwähnung einer schriftlichen Quelle bekannt und archäologisch nicht erhalten.

Die größte und spektakulärste Jupitersäule wurde in Mainz gefunden, der ehemaligen Hauptstadt der Provinz Germania superior (Mogontiacum). Man geht davon aus, daß sie als Vorlage und Inspiration für die daraufhin überall entstehenden Säulen diente, die dann meist von lokalen Bildhauern kopiert und nach regionalen Vorlieben weiterentwickelt wurden.

Jupitersäulen fanden sich an verschiedenen Orten des öffentlichen Lebens, an den zentralen Plätzen von Ortschaften und Städten (im römischen Köln und Trier oder im belgischen Atuatuca Tungrorum), in ländlichen Siedlungen (wie z.B. im vicus von Bad Kreuznach, im vicus Belginum), vor allem in den Handwerkervierteln, in der Nähe von Militärkastellen (wie an der Saalburg), aber die meisten befanden sich tatsächlich im privaten Besitz und wurden von Einzelpersonen gestiftet und aufgestellt.

Die häufigsten Funde stammen von römischen Landgütern und Gutshöfen (villa rustica), wo sie oft vor dem Haupt-Wohngebäude oder im Eingangsbereich des Geländes zu finden waren. Das beweist, daß sie keine staatliche Einrichtung waren, die mit Staats- oder Kaiserkult in Verbindung stand, sondern daß sie auch eine wichtige Rolle im privaten Cultus, der Sacra Privata der Stadt- und Landbewohner spielten.

Jupitersäule im Merkurtempel von Tawern

Jupitersäule im Merkurtempel von Tawern

Oft standen Jupitersäulen auch in Tempelanlagen für andere Götter, wie zum Beispiel im Merkur-Tempelkomplex von Tawern. Viele dieser Heiligtümer waren lokalen, einheimischen Gottheiten geweiht, wie das Apollo-Grannus-Heiligtum von Alzey.

Vor der Säule befand sich oft ein Altar, auf dem Kulthandlungen vollzogen wurden. Auch standen die Säulen gelegentlich in eigenen, umgrenzten Arealen, in denen sich weitere Götterbilder, Reliefs oder Statuen befanden, wie für Epona oder den Genius loci des Ortes..

Die berühmte Mainzer Säule stammt aus dem Jahr 59 n. Chr. und wurde anläßlich eines vereitelten Attentats auf Kaiser Nero errichtet. Daher ist ihre Datierung sehr exakt möglich.

Die frühesten Gigantenreiter stammen aus der flavischen Kaiserzeit (ab 69 n. Chr.), der Höhepunkt ihrer Beliebtheit und Verbreitung lag jedoch zwischen 170 und 240 n. Chr..

Es gibt zahlreiche archäologische Funde gut erhaltener Säulenteile. Im Verbund erhaltene Säulen sind leider selten, meist sind die Säulen zertrümmert oder in verschiedene Teile zerbrochen. Auch die Mainzer Säule wurde aus zahlreichen Einzelstücken in aufwendiger Kleinarbeit wieder zusammengesetzt. Aufrecht stehende Säulen sind in Deutschland nicht erhalten; die einzige oberirdisch erhaltene Jupitergigantensäule Galliens stammt aus Cussy-la-Colonne in Frankreich.

Viergöttersteine in Bad Kreuznach

Viergöttersteine in Bad Kreuznach

Am häufigsten finden sich ihre Sockel – die Viergöttersteine -, die aufgrund ihrer symmetrischen Form oft bis ins Mittelalter hinein als beliebtes Baumaterial genutzt wurden, vor allem beim Bau von Kirchen. Als sogenannte „Spolien“ (wiederverwertete Teile von Bauwerken älterer Kulturen) fanden sich gut erhaltene Viergöttersteine in Altären (wo sie oft zu Darstellungen von Heiligen umgedeutet wurden oder den Sieg des Christentums über die heidnischen Götter demonstrierten) und in den Wänden mittelalterlicher Kirchen und Kapellen. Ein Beispiel dafür ist der Viergötterstein in der Dorfkirche von Hottenbach im Hunsrück, der erst Teil des Altars war und nach der Reformation als Baumaterial oberhalb der Kirchentür verwendet wurde.

Aber auch geschuppte Säulen und Kapitelle sind in großer Zahl erhalten, ebenso wie die verschiedenen Jupiterdarstellungen auf dem Abschlußstein.

Die vielen gut erhaltenen Funde von Säulenteilen erlauben einen guten Überblick über die räumliche und zeitliche Verteilung der Jupitersäulen, sowie über die geographische Verbreitung der unterschiedlichen Darstellungsformen.

Die Jupitergigantensäule – germanisch oder keltisch?

Schon früh fielen interessierten Forschern die Jupitergigantensäulen mit ihren schuppigen, baumstammartigen Säulen und dem berittenen Jupiter auf der Spitze auf, die so gar nicht zu typisch römischen Darstellungen des höchsten aller Götter passten.

Die schuppige Säule ist typisch für den Untertyp der Jupitergigantensäule

Die schuppige Säule ist typisch für den Untertyp der Jupitergigantensäule

Während der auf dem Thron sitzende Jupiter aus dem Raum Mainz noch eindeutig von der Darstellung der kapitolinischen Trias aus Rom übernommen worden war, wußte man mit dem berittenen Jupiter, der den Giganten vom Pferd aus niederreitet, zuerst nichts anzufangen. Zwar ist die Niederschlagung der rebellierenden Giganten durch Jupiter – unterstützt von Herkules – ein klassisches Thema der griechisch-römischen Mythologie, aber in keiner einzigen Darstellung südlich der Alpen oder gar in Rom selbst wurde Jupiter jemals auf einem Pferd reitend dargestellt. Ein reitender Jupiter entspricht einfach so gar nicht der traditionellen römischen Ikonographie dieses Gottes.

Im 19. Jahrhundert, im Rahmen der Germanen-Romantisierung, deutete man die schuppigen Säulen als Irminsul, den heiligen Baum der Sachsen, und vermutete germanische Wurzeln in der Darstellung des reitenden Jupiter als Odin mit seinem Pferd Sleipnir oder als blitzeschleudernder Donnergott Thor. Abgesehen davon, daß diese beiden skandinavischen Götter nicht wirklich etwas mit dem Glauben der hier ansässigen Südgermanen zu tun hatten, sprachen auch archäologische Siedlungsbefunde in den Verbreitungsgebieten dieser Säulen gegen einen germanischen Einfluß oder gar eine germanisch-römische Synkretisierung aus Donar-Herkules, Donar-Jupiter oder Wodan-Jupiter samt Irminsul, die man gerne hineininterpretierte.

Stattdessen wurde die überwältigende Mehrzahl der Jupitergigantensäulen auf eindeutig keltisch besiedeltem Gebiet gefunden, die meisten davon in Gallien und im eindeutigen Kontext von typisch keltischen und gallo-römischen Siedlungsspuren.

Im 19. Jahrhundert, im Zuge der Germanen-Romantisierung, deutete man den Gigantenreiter gerne als Odin auf seinem Pferd Sleipnir

Im 19. Jahrhundert, im Zuge der Germanen-Romantisierung, deutete man den Gigantenreiter gerne als Odin auf seinem Pferd Sleipnir

Heutzutage ist der keltisch-römische Hintergrund der Jupitergigantensäulen in der Forschung unstrittig, auch wenn es aus dem neuheidnischen germanischen Lager immer wieder Stimmen gibt, die es gerne anders sehen würden. Aber eine massenhafte Verbreitung der sächsischen Irminsul in den Weiten Galliens, in gallo-römischen Gutshöfen und Ansiedlungen, in eindeutig keltischen Siedlungsgebieten an der Mosel, in der Eifel und in Luxemburg, macht selbst bei oberflächlicher Betrachtung keinen Sinn.

Die Darstellung des Blitze schleudernden Gottes auf dem galoppierenden Pferd interpretiert als Odin auf Sleipnir, Wotan, Thor oder Donar ist in germanischen Kreisen nach wie vor ein beliebtes Diskussionsthema, wobei man sich hier bezüglich der Entsprechungen – die meist aus der Germania von Tacitus abgeleitet werden – nicht ganz einig ist. Denn einerseits wird Wodan mit Merkur gleichgesetzt, während Donar die Entsprechung von Jupiter, aber auch von Herkules ist. Da die Jupitersäulen – auch aus der Inschrift IOM – eindeutig als dem höchsten römischen Gott geweihte Säulen zu erkennen sind, wären sie nach germanischem Verständnis Donar-Säulen und keine Wodan-Säulen. Diese Spekulationen überlassen wir an dieser Stelle aber denjenigen, denen es ein Anliegen ist, ein antikes, vereintes und religiös in sich geschlossenes Germanentum im gesamten Raum links des Rheins zu beweisen 😉

Wir halten uns an die provinzial-archäologischen Befunde und das, was für uns – als Praktizierende des Cultus Deorum Romanorum mit gallo-römischem Schwerpunkt – als im wissenschaftlichen Kontext historisch wahrscheinlich und damit sinnvoller erscheint.

Die „klassische“ Jupitersäule aus Obergermanien

Die fast 10 Meter hohe Jupitersäule von Mainz, deren Repliken heute sowohl vor dem Mainzer Landtag als auch bei der Saalburg im Taunus zu bestaunen sind, gilt als die „Mutter aller Jupitersäulen„. Sie löste einen regelrechten Trend aus und führte zu einem fast explosionsartigen Auftauchen weiterer, meist jedoch deutlich kleinerer Säulen, rund um Mainz im Raum Obergermanien.

Der sitzende Jupiter auf dem Thron (RGM Köln)

Der sitzende Jupiter auf dem Thron (RGM Köln)

Diese Form mit dem sitzenden Jupiter und den bildlich gestalteten Säulen verbreitete sich schnell nördlich entlang des Rheins bis nach Niedergermanien und schaffte auch den Sprung nach Britannien.

Die Darstellungsweise des auf dem Thron sitzenden Jupiters ist, wie bereits erwähnt, typisch römisch und stammt aus dem Kapitol in Rom. Sie ist an die klassisch griechische Darstellung des Zeus angelehnt und betont Jupiters Funktion als Göttervater, der an der Spitze der römischen Götter steht – als Iupiter Optimus Maximus meist dargestellt in der Trias mit seiner Frau Juno und seiner Tochter Minerva.

Diese sitzende Darstellung als Teil der kapitolinischen Trias entspricht auch der Darstellung des Jupiter, wie er im römischen Staats- und Kaiserkult, vor allem in den Städten und Fahnenheiligtümern der Legionen verehrt wurde. Daß diese enge Verbindung des Jupiter zum Kaiserkult auch in den nördlichen Provinzen eine wichtige Rolle spielte, beweist die ab dem 3. Jahrhundert häufig auftretende Weiheformel „IHDD“, „In Honorem Domus Divinae“ – „zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses“, die oft in Verbindung mit IOM zu finden ist.

Das Militär in den Provinzen, vor allem in den Limeskastellen wie in der Saalburg, verehrte Jupiter als IOM Stator, als „Jupiter, der die flüchtenden Heere zum Stehen bringt“ und demnach als Schlachtengott den Sieg bringt.

Das Blitzbündel in seiner Hand betont seine Funktion als Gewitter-, Donner- und Blitzgott, der in den Erscheinungsformen von Jupiter tonans („dem Donnernden“) und Jupiter fulgur („dem Blitzenden“) auftritt.

Diese Jupitersäulen zeigen, im Gegensatz zu den mit Schuppen oder Blättern dekorierten Jupitergigantensäulen, oft reiche bildliche Darstellungen weiterer Götter oder anderer vergöttlichter Elemente (wie der Genius des Kaisers Nero in Mainz) auf den Säulentrommeln.

Der stehende Jupiter als Himmelsgott

Der stehende Jupiter (Jupitersäule Saalburg)

Der stehende Jupiter (Jupitersäule Saalburg)

Eine zweite Darstellungsweise des Jupiter, die in den Nordwestprovinzen vorkommt, folgt ebenfalls der klassischen römischen Ikonographie.

Hier wird Jupiter als Göttervater und Himmelsgott stehend dargestellt, bärtig, nackt und nur mit einem Schulterüberwurf bekleidet. In seiner rechten ausgestreckten Hand sitzt ein Adler, in der linken Hand hält er eines seiner anderen typischen Attribute, entweder Zepter, Patera (Opferschale) oder das Blitzbündel.

Diese Darstellung ist weitaus seltener als die klassische sitzende, kapitolinische Form und der Jupitergigantenreiter.

Der Jupitergigantenreiter

Eindeutig nicht-römischer Herkunft ist die Darstellung des Jupitergigantenreiters, der sich auf zahlreichen Säulen im östlichen Gallien findet.

Jupiter sitzt hier auf einem galoppierenden Pferd, das einen Giganten in Form eines Riesen oder einer Schlange niedertrampelt, wobei der Gott oft ein Blitzbündel schleudert. Mit der anderen Hand hält er oft ein Rad, in dessen Speichen er greift.

Die Darstellung eines auf einem Pferd reitenden Jupiters ist aus dem südlichen Bereich des Römischen Reichs nicht bekannt, sondern entstammt keltischen Vorstellungen. Ebensowenig gehört das Rad zu Jupiter, es ist ebenfalls ein typisch keltisches Symbol.

Bevor wir uns dieser keltischen Variante des Jupiters zuwenden, betrachten wir die ebenfalls keltische Darstellung der Säulen mit ihrem Schuppen- oder Blätterbewuchs.

Jupitergigantenreiter aus Ladenburg (Foto von Klaus Graf)

Jupitergigantenreiter aus Ladenburg (Foto von Klaus Graf)

Es gibt mehrere römische und griechische literarische Quellen, die eine Verbindung zwischen Jupiter (oder seiner griechischen Entsprechung Zeus) und einem keltischen Baumkult herstellen.

Schon im 2. Jahrhundert v. Chr. berichtete der Grieche Maximos von Tyros, daß die „Kelten als Götterbild des Zeus eine hohe Eiche verehren“. Auch der römische Dichter Valerius Flaccus beschreibt um 70 n. Chr. in seiner „Argonautica“ einen einheimischen Stamm an der unteren Donau, der Baumstämme mit der Statue Jupiters darauf verehren würde („truncae Iovis simulacra coumnae„). In beiden Quellen wird eine baumartige Säule mit dem Gott Jupiter in Verbindung gebracht.

Daß für die Kelten Bäume in ihrer kultischen Praxis eine wichtige Rolle spielten, ist unumstritten. Der nemetom – die keltische Bezeichnung für einen Kultplatz, etymologisch verwandt mit dem griechischen νέμος / némos (Waldung) und dem lateinischen nemus (Hain) – wird oft als Wald- oder Baumheiligtum gedeutet, auch wenn die Kelten, entgegen populärer romantischer Vorstellungen ihre Religion nicht nur im „Heiligen Hain“ praktizierten, sondern durchaus auch fest errichtete Tempelgebäude nutzten und ihre Oppida – Großsiedlungen – städtische Formen hatten, so daß mit nemetom vielfältige Formen einer „geheiligten  Stätte“ gemeint sein können.

Auch bei Kelten sehr beliebt: Hercules (Detail der rekonstruierten Säule von Schwarzenacker)

Auch bei Kelten sehr beliebt: Hercules (Detail der rekonstruierten Säule von Schwarzenacker)

Auch wird oft eine Verbindung zwischen den Druiden mit einem Eichenkult postuliert; Plinius der Ältere vermutete, daß die Bezeichnung auf das altgriechische Wort für „Eiche“ zurückgeht. Auch die keltische Wurzel „dru“ für „Eiche“ steckt in dem Wort, so daß die Übersetzung des Wortes „Druide“ als „Eichenkundiger“ in der Wissenschaft heute gängig ist.

Ein gutes Beispiel für diese Übertragung keltischer Kultvorstellungen ist die 1964 gefundene Jupitergigantensäule aus Hausen an der Zaber, deren Säulentrommeln statt mit Schuppenbewuchs mit Eichenlaubblättern geschmückt sind.

Hierbei muß jedoch auch beachtet werden, daß die Eiche nicht nur ein typisch keltisches Symbol ist, sondern auch Jupiter selbst – beziehungsweise seinem griechischen Äquivalent Zeus – als heiliger Baum gilt, der in der Mythologie eine wichtige Rolle spielt, da Zeus im Orakel von Dodona aus dem Rauschen der Blätter einer Eiche weissagt. Insofern paßt die Verzierung einer Säule mit Eichenlaub zu beiden Kulturkreisen und kann in beide Richtungen gedeutet werden.

Die Baumstamm- und Schuppensymbolik der gallischen Jupitergigantensäulen ist deswegen zwar ein gut belegbares Indiz für einen Zusammenhang mit keltischem Baumkult, eindeutiger auf keltische Einflüsse hinweisend ist jedoch die Darstellung des Jupiters mit dem Rad.

Jupiter mit dem Rad

Opferszene an einer Jupitersäule mit Rad (Mosaikkalender aus St. Romain-en-Gal)

Opferszene an einer Jupitersäule mit Rad (Mosaikkalender aus St. Romain-en-Gal)

Die Verbindung Jupiters mit dem Rad ist auch von anderen bildlichen Darstellungen aus dem gallo-römischen Raum bekannt. In Alzey gibt es die Darstellung eines auf dem Thron sitzenden Jupiters, dessen Thron an der Seite ein Radsymbol zeigt.

Das Rad gilt generell als ein Himmelssymbol, wobei es nicht nur als Sonnenrad auftritt, sondern auch als Donnerrad, was sich aus dem rumpelnden Geräusch eines fahrenden Wagens leicht erklären läßt.

Ein Mosaik aus einem Landgut aus St.-Romain-en-Gal zeigt einen Mann und eine Frau, die vor einer Jupitersäule ein Opfer an Jupiter frugifer darbringen, um für gute Ernte zu bitten. Die dargestellte Jupitersäule zeigt auf der Spitze einen stehenden Jupiter, der in der rechten Hand ein Blitzbündel hält und mit der linken Hand auf ein Rad gestützt ist.

Die eindeutigste Verbindung stammt jedoch aus Köln, wo auf einem Jupiteraltar mit der Inschrift IOM ein achtspeichiges Rad abgebildet ist. Es gibt auch Bildnisse ohne Jupiterfigur, wo nur das Rad in Kombination mit dem Blitzbündel dargestellt ist. Der mit Blitz und Rad assoziierte Gott wird in allen erhaltenen Inschriften als Jupiter identifiziert und ist deswegen eindeutig.

(mehr …)

Antike Stätten: Viergötterstein in Hottenbach

Der Viergötterstein in der Kirche von Hottenbach, hier: Hercules und Merkur

Der Viergötterstein in der Kirche von Hottenbach, hier: Hercules und Merkur

Anschrift:

Evangelische Kirche Hottenbach, Hauptstr. 14a, 55758 Hottenbach

Anfahrt:

Der Viergötterstein befindet sich im gotischen Chorraum der evangelischen Kirche von Hottenbach.

Das Dorf liegt im Hunsrück am Rande des Idarwaldes, etwa 13 km vom Archäologiepark Belginum entfernt. Bis Belginum folgt man der Hunsrückhöhenstraße, die in ihrem Verlauf immer noch der alten römischen Ausoniusstraße entspricht. Von dort aus führt die Landstraße 162 nach Hottenbach.

Wir empfehlen dem motorisierten gallo-römisch interessierten Touristen jedoch eine alternative Route: von Belginum aus erst über Hochscheid und Stipshausen (wo sich drei interessante Stätten für Sirona und Apollo-Grannus befinden) und von dort über weiter nach Hottenbach, da die Orte an einer anderen, kleinen Landstraße direkt aufeinanderfolgen.

Parkmöglichkeiten bestehen, da es sich um ein kleines Dorf handelt, überall an den Dorfstraßen im Umfeld der Kirche.

Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist etwas umständlich. Der nächste Bahnhof befindet sich in Idar-Oberstein. Von dort aus fährt die Buslinie 351 (von Idar-Oberstein über Rhaunen nach Flughafen-Hahn), die auch sporadisch an der Kirche in Hottenbach hält. Innerhalb der Woche kommt man zumindest vormittags noch alle paar Stunden hin und weg, Samstags fahren drei Busse bis zum frühen Nachmittag und Sonntags verkehrt der Bus gar nicht. Die Anreise muß also sehr genau im Vorfeld geplant werden, wenn man nicht in dieser entlegenen Region im Hunsrück stranden möchte.

Ambitionierten Wanderfreunden empfehlen wir den „Sirona-Weg„, ein 106 km langer Fernwanderweg, von dem ein Teilabschnitt zwischen Belginum, Hottenbach und Bundenbach verläuft. Der Viergötterstein ist eine Station auf dem Weg, neben den Sirona-Pavillons in Hochscheid und Stipshausen, dem Archäologiepark Belginum und der rekonstruierten keltischen Höhensiedlung bei Bundenbach. Der Sirona-Weg befindet sich lt. Angaben der Verbandsgemeinde zur Zeit in Überarbeitung, so daß einige Stationen und Informationstafeln auf dem Weg aktuell nicht mehr so gepflegt sind, wie sie sein sollten. Auch ist die Website zur Zeit offline. Der Weg kann aber dennoch gut gegangen werden und verbindet interessante keltische und römische Wegpunkte.

Hintergrundinformationen:

Die evangelische Kirche von Hottenbach steht auf einem römischen Gebäude. Der Viergötterstein war im Altar verbaut

Die evangelische Kirche von Hottenbach steht auf einem römischen Gebäude. Der Viergötterstein war im Altar verbaut

Der 57 x 60 x 118 cm große Viergötterstein von Hottenbach ist ein für den östlichen gallischen Raum typisches Fundament einer Jupitersäule. Der quadratische Block zeigt auf den vier Seiten die Gottheiten Merkur, Hercules, Minerva und Juno. Darüber befand sich eine Säule, die entweder ein Schuppenmuster oder weitere Götter darstellte. Auf einem Podest auf der Spitze der Säule thronte eine Jupiterfigur, entweder in der klassischen sitzenden Position mit Blitzbündel in der Hand, oder in der nur im östlichen Gallien vorkommenden Form des auf einem Pferd reitenden Jupiters, der einen Giganten (meist in Form einer Schlange) niederreitet.

Die oberen Teile der Säule wurden nicht aufgefunden, lediglich der relieftragende Sockel ist erhalten geblieben. Diese Form der mehrere Meter hohen Weihedenkmäler war im 2. bis 3. Jahrhundert n. Chr. in diesem Raum weit verbreitet. Die Säulen fanden sich oft in Heiligtümern (wie heute auch im Merkur-Tempelkomplex in Tawern zu sehen), aber auch auf öffentlichen Plätzen oder an römischen Gutshöfen (villa rustica).

Gotische Fresken der katholischen Vorgängerkirche aus dem 12. Jahrhundert

Gotische Fresken der katholischen Vorgängerkirche aus dem 12. Jahrhundert

Der Grund für die Erhaltung des Viergöttersockels ist, daß er einst in den Altar der christlichen Vorgängerkirche aus dem 12. Jahrhundert eingemauert worden war, bei dem die Relieffiguren möglicherweise zu Heiligen umgedeutet worden waren – eine im Mittelalter nicht ungewöhnliche Praxis, die im Grunde die Praxis der Identifizierung und Gleichsetzung von Göttern, gemäß ihren Attributen, aus dem paganen Kontext weiterführt. Nach der Reformation wurde die Kirche nach protestantischem Geschmack umgebaut und Bruchstücke des mittelalterlichen Altars, sowie der Viergötterstein, wurden im alten Nordportal des Turms vermauert.

Im Jahr 1903 wurde das alte Kirchenschiff durch einen neuen Zentralbau ersetzt, der sich an den gotischen Turm anschließt. Bei den Abbrucharbeiten der alten Kirche entdeckte man, daß sich das Gebäude auf römischen Fundamenten befindet. Daß die Gegend zur römischen Zeit eine wichtige Rolle spielte, war bereits bekannt – die nahe Hunsrückhöhenstraße von Trier nach Bingen und Mainz war eine wichtige, gut ausgebaute römische Schnellstraße und der nahe vicus Belginum ein Dreh- und Angelkreuz des Fernhandels.

Unterhalb der Kirche wurden römische Fundamente aus Ziegelmauerwerk, eine Fußbodenheizung aus Hypokausten und plastisch gearbeitete Reliefs und Spolien gefunden, so daß man davon ausgeht, daß die Sandsteinquader dieses römischen Gebäudes zum Bau der Kirche verwendet wurden, so wie der Viergötterstein Teil des Altars wurde.

Insofern ist der Kirchenbau selbst als „antike Stätte“ bzw. als über einer antiken Stätte liegend anzusehen, was ihn für den Römer-Touristen interessant macht und Grund dafür war, warum die Kirche von Hottenbach eine Station des Sirona-Weges wurde.

Öffnungszeiten, Eintritt, Zugänglichkeit:

Wir schließen uns eine Kirche auf!

Wir schließen uns eine Kirche auf!

Da es sich um eine evangelische Kirche handelt, die in der Regel – im Gegensatz zu katholischen Kirchen – verschlossen sind, erfordert der Besuch des Viergöttersteins etwas Abenteuerlust. Es ist nämlich möglich, sich den Schlüssel zur Kirche im gegenüberliegenden Pfarrhaus (Hauptstraße 7) beim dort wohnenden Pfarrerehepaar Zimmermann zu leihen. Eine telefonische Terminabsprache über das Pfarramt ist möglich, ansonsten kann man, wenn man zeitlich nicht genau einschätzen kann, wann man in Hottenbach ist, sein Glück auch spontan versuchen und dort klingeln.

Die Herausgabe des Schlüssels erfolgt unkompliziert und unbürokratisch; man ist Besucher gewohnt, da die Kirche sowohl Station des Sirona-Weges als auch des Stumm-Orgel-Weges ist, der Kirchen der Umgebung verbindet, die eine Stumm-Orgel enthalten (die Orgelbauerfamilie Stumm stammte aus dem Hunsrück und gehörte zu den berühmtesten Orgelbauern Deutschlands, ihre Orgeln finden sich in vielen Kirchen des ganzen Landes, aber besonders gehäuft in den kleinen Dorfkirchen dieser Region).

Den Schlüssel wirft man nach Beendigung seines Besuchs einfach wieder in den Briefkasten des Pfarrhauses.

Eintritt oder eine Gebühr wird nicht erhoben.

Beschreibung:

Die evangelische Kirche liegt auf einer kleinen Erhebung inmitten des Dorfes. Vor der Kirche steht eine Infotafel des Sironaweges, der einige Hintergrundinformationen zum Viergötterstein und dem römischen Vorgängerbau zu entnehmen sind.

Nachdem man die schwere Holztür aufgeschlossen hat, steht man im neu gebauten Zentralteil, der nach typisch evangelischem Geschmack schlicht eingerichtet ist (für unseren Geschmack, im Gegensatz zu katholischen Kirchen, definitiv zu unkultisch). Die Einrichtung ist aus hellem Holz gestaltet und die Stumm-Orgel hinter dem Altar dominiert den Zentralbau.

Der Viergötterstein dient offenbar auch als Kerzenständer

Der Viergötterstein dient offenbar auch als Kerzenständer

Rechts vom Eingang liegt der alte Chorraum der Vorgängerkirche, an dessen Decke und Wände noch gotische Fresken zu sehen sind. Leider wird dieser Raum etwas lieblos als Gerümpel-Ablage genutzt und die in den 80er Jahren restaurierten Wand- und Deckengemälde sowie der gesamte Turm könnten eine Renovierung vertragen. So wird der abgetrennte Seitenbereich etwas stiefmütterlich behandelt, wobei herumstehende Holzlatten, Klappstühle, Schilder, gemaltes Zubehör von Kindergottesdiensten und sonstige dort verstauten Gegenstände nicht gerade helfen diesen Eindruck der Vernachlässigung loszuwerden.

Der Viergötterstein steht mitten in diesem Chorraum, neben einem etwas unpassenden lilafarbenen, herzförmigen Teppich, der spontan an einen Badezimmervorleger denken lässt. Auf dem Stein steht eine Stumpenkerze, vermutlich wird er als Tisch oder Kerzenhalter verwendet, wenn im Anbau irgendwelche Lesekreise oder andere Treffen abgehalten werden.

Der Stein selbst, der sowohl im Altar als auch in einer Kirchenwand vermauert war, ist stark verwittert beziehungsweise abgenutzt. Allen vier Göttern fehlen die Köpfe oder Gesichter. Hercules ist, dank seiner Keule, noch am besten zu erkennen. Merkur hält in seiner rechten Hand den typischen Geldbeutel und in der Armbeuge des linken Arms den Caduceus. Minerva und Juno sind an ihren langen Gewändern zu erkennen; Junos Weihrauchopfer ist zu erahnen, ebenso wie Minervas Lanze. Da diese vier Gottheiten in der Regel zusammen auf einem Viergötterstein abgebildet sind, sind sie aus dem Kontext alle vier aber eindeutig zu identifizieren.

Sonstiges:

Als Station des Sironaweges gibt es eine Infotafel vor der Kirche

Als Station des Sironaweges gibt es eine Infotafel vor der Kirche

Da man – dank des Schlüssels – alleine in der Kirche ist, ist Fotografieren uneingeschränkt möglich. Auch kann man auf die Tribüne steigen, von der aus man einen guten Blick in den Kirchenraum hat.

Der Besuch der Kirche sollte auf jeden Fall mit weiteren Zielen in der Umgebung kombiniert werden, da die Stätte allein eine aufwendige Anreise nicht rechtfertigt – sie ist eher ein Kuriosum auf dem Weg, das man gut mitnehmen kann.

Wir empfehlen deshalb, diesen Ort mit einem Besuch des Archäologieparks Belginum zu kombinieren, mit den drei Sironastätten in Hochscheid und Stipshausen, sowie dem Keltendorf Bundenbach. All diese Orte sind an einem Tagesausflug (mit dem Auto) gut und entspannt zu bewältigen, da sie alle nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen.

Antike Stätten: Römischer Tempelbezirk Tawern

 

Tempelbezirk Tawern

Tempelbezirk Tawern

Anschrift

Der Tempel liegt auf einer Anhöhe im Wald oberhalb von Tawern. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt

Der Tempelkomplex liegt auf dem Metzenberg und ist nur zu Fuß auf einer etwa 20-minütigen Wanderung bergauf durch den Wald zu erreichen.

Am Ortsrand von Tawern (gesprochen: Tawérn, abgeleitet vom lateinischen Ortsnamen Tabernae) befindet sich in der Bergstraße ein kleiner Waldparkplatz. Der Weg zum Parkplatz ist mit auffälligen Hinweisschildern „Römischer Tempel“ im ganzen Ort ausgeschildert und eigentlich nicht zu verfehlen. Für das Navigationsgerät kann als zusätzliche Hilfe die Anschrift „Bergstraße“ eingegeben werden. Kurz vor dem Parkplatz befindet sich außerdem ein Schild, das auf den nahegelegenen Vicus von Tabernae verweist, der zu dem Tempelkomplex gehört und ebenfalls besucht werden sollte, wenn man schon einmal in der Gegend ist!

Wer die Wahl hat... schnell und steil oder lang und bequem?

Wer die Wahl hat… schnell und steil oder lang und bequem?

Am Waldparkplatz befindet sich eine etwas verwitterte Hinweistafel, die auf den Merkurtempel und die jeden Sonntag stattfindenden Führungen verweist.

Von dort aus folgt man zu Fuß der asphaltierten Straße den Berg hinauf. Nach einer Biegung teilt sich der Weg; hier hat der Wanderer die Wahl, ob er den (schnelleren, aber unwegsameren und steileren) Fußweg quer durch den Wald nehmen möchte, oder dem in Serpentinen verlaufenden, längeren geteerten Weg. Letzterer ist für Radfahrer, Gehbehinderte oder Reisende mit Kinderwagen zu empfehlen, da der Fußweg doch recht unwegsam ist, besonders bei feuchtem Wetter.

Mit dem öffentlichen Nahverkehr ist Tawern per Bus aus Trier über Konz zu erreichen. Von der Bushaltestelle in der Ortsmitte sind es noch etwa 30 Minuten Fußweg bis zum Tempel. Hier sollte man sich vorher gut über die Abfahrzeiten informieren, da der öffentliche Nahverkehr nur sporadisch fährt. Wir empfehlen eine Anreise mit dem Auto.

Hintergrundinformationen

Die römische Tempelanlage auf dem Metzenberg wurde in den Jahren 1986 bis 1987 vom Rheinischen Landesmuseum Trier ausgegraben und nach Abschluß der Grabungen zum Teil rekonstruiert, um dem Besucher eine Vorstellung vom Aussehen gallo-römischer Tempelanlagen in der gallischen Provinz zu ermöglichen und die Fundamente auf diese Weise zu konservieren. Die Fundstelle selbst war bereits seit 30 Jahren bekannt, konnte jedoch bis dahin nicht gedeutet werden.

Die Rekonstruktionen befinden sich auf den originalen Fundamenten.

Die Ausgrabungen ergaben, das der Tempel vom 1. Jahrhundert n. Chr. bis in das 4. Jahrhundert genutzt wurde. Im Jahre 392 n.Chr. wurde der Tempel, wahrscheinlich im Rahmen der Christianisierung, zerstört.

Der große Merkur-Umgangstempel ist das Herzstück des Tempelbezirks

Der große Merkur-Umgangstempel ist das Herzstück des Tempelbezirks

Er lag nahe der römischen Fernstraße von Rom über Marseille und Metz nach Trier. Dazu gehörte auch der zivile Vicus Tabernae, der – wie der lateinische Name andeutet – vor allem als Raststation für Fernreisende fungierte, denn er war von Trier aus gesehen die erste Raststation an der Fernstraße.

Der Tempel lag zu dieser Zeit noch nicht im tiefen Wald, sondern die Aussicht vom unbewaldeten Metzenberg reichte bei klarem Wetter bis in das Moseltal und das ferne Trier, die Kaiserstadt Augusta Treverorum.

Eine Hauptfunktion, die den Tempelkomplex so beliebt bei Pilgern und Reisenden machte, lag darin, sich des Segens der Götter für die Reise zu vergewissern.

Der Tempelbezirk war ummauert; innerhalb der Mauern konnten sieben verschiedene Tempel unterschiedlichen Alters im terrassenförmig angelegten Gelände identifiziert werden. Die Eingänge weisen in Richtung des Tals.

Im 15 Meter tiefen und 1,05 x 1,05 Meter breiten, quadratischen Brunnen auf dem Gelände fand man zahlreiche Kultgegenstände und Münzen, architektonische Elemente, fast vollständig erhaltene Krüge und Tonfiguren, Statuen und Reliefs, die aufgrund der zeitlichen Schichtung im Brunnenschacht eine sehr genaue Datierung und Rekonstruktion des Tempelbetriebs ermöglichten. Es wird angenommen, daß die Gegenstände von den Gegnern des heidnischen Kults in den Brunnen geworfen wurden, was sich für die Archäologen als Glücksfall erwies.

Im Brunnen versenkt: Ein Relief der Göttin Epona, Schutzherrin der Pferde

Im Brunnen versenkt: Ein Relief der Göttin Epona, Schutzherrin der Pferde

Zu den wichtigsten Funden gehörte ein etwas überlebensgroßer Kopf des Gottes Merkur, der hier vor allem wegen seiner Funktion als Schutzgott der Reisenden als die Hauptgottheit des Tempelkomplexes eingestuft wurde.

Außerdem fanden sich Reliefs der in Gallien bei den Treverern sehr beliebten Göttin Epona, Weiheinschriften für Merkur und Apollo sowie ein Relief von Isis und Serapis, deren exotischer Kult hier ebenfalls geschätzt wurde. Das belegt auch der Fund eines kleines Mosaiksteins mit einer Ibis-Malerei im nahen Tabernae.

Ebenfalls ungewöhnlich sind zwei 15,5 cm große, wahrscheinlich in der heutigen Türkei hergestellte Tonfiguren der Göttin Artemis Ephesia, die an zwei Stellen im Bezirk gefunden wurden und wohl als Weihegaben von einem Händler mit hierher gebracht wurden. Alle Original-Funde befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum Trier.

Die Weiheinschriften belegen, daß es sich bei dem Haupttempel um einen Merkurtempel handelte. Die Inschrift des ältesten Tempels lautete:

MER[CVRIO AEDICVLA]M
GRATVS [ . . F . V.S.L]M. (votum solvit libens merito)

Übersetzung:

Dem Gott Merkur (weiht) diesen Tempel
Gratus [Sohn des . . .], er hat sein Gelübde gern entsprechend dem Verdienst eingelöst.

Später wurde dieser Inschrift eine weitere hinzugefügt, die auf den Bau des Brunnens Bezug nimmt:

CERATIVS PRIMVS
GRATI LIB. (Libertus)
CATENARIA CUM ULlA LIB[ERTAE] II
V.S.L.M. (votum solverunt libens merito)
PVTEVM CVM SVIS O[RNAMENTIS]

Ebenfalls im Brunnen gefunden: Relief von Isis und Serapis

Ebenfalls im Brunnen gefunden: Relief von Isis und Serapis

Übersetzung:

Aceratius Primus,
Freigelassener (Sklave) des Gratus (der die erste Inschrift gestiftet hatte!),
Catenaria mit Julia, zwei Freigelassene (Sklavinnen),
haben ihr Gelübde gern entsprechend dem Verdienst eingelöst (und)
diesen Brunnen mit seinen Ausrüstungsgegenständen (Ornamenten)… (gestiftet/repariert).

Heutzutage befindet sich am rekonstruierten Tempel ebenfalls eine Inschrift. Diese wurde von den leitenden Archäologen, Dr. Sabine Faust und Dr. Karl-Josef Gilles, nach römischer Sitte gestaltet:

DEO MERCVRIO
TEMPLVM SABINA EFOSSVM ET
C AEGIDIO REAEDIFICATVM
HENDRICE ET TEXTORE
PRAEFECTIS KAL AVG MCMLXXXIX

Übersetzung:

Dem Gott Merkur (geweiht)
Der Tempel wurde von Sabina (= Dr. Sabine Faust) ausgegraben und
von Carolus Aegidius (= Dr. Karl-Josef Gilles) wieder aufgebaut,
als Hendricks und Weber (Textore) Bürgermeister waren, 1. August 1989.

In der Cella des Umgangstempels befindet sich eine rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue

In der Cella des Umgangstempels befindet sich eine rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue

Die zeitliche Einordnung der verschiedenen Nutzungsphasen des Tempels wurde durch über 1800 gefundene Münzen ermöglicht, die aus unterschiedlichen Prägestätten aus allen Ecken des Reichs stammen. Gleichzeitig ist der Prozentsatz einheimischer Münzen ungewöhnlich gering, was auf eine überwiegende Nutzung durch Fernreisende schließen läßt.

Die ältesten Münzen sind drei keltische Münzen sowie Münzen aus der Zeit von Kaiser Augustus. An den Stückzahlen der Münzen aus den unterschiedlichen folgenden Jahren sind mehrere Wellen besonderer Beliebtheit des Tempels zu identifizieren, bevor mit dem Verbot heidnischer Kulte im ausgehenden vierten Jahrhundert kaum noch Münzen vorhanden sind. Die jüngste Münze wurde um 392 geprägt.

Beim großen Merkurtempel handelt es sich um einen typisch gallo-römischen Umgangstempel mit einem säulengetragenem Umgang. Dabei bestanden die dreizehn toskanischen Säulen, die das Pultdach des Umgangs trugen, aus hiesigem Sandstein. Dieser Tempel ist 10,80 Meter lang und 9,80 Meter breit.

Unmittelbar vor dem Umgang befinden sich Abflußrinnen aus Sandstein, die noch im Original erhalten sind.

Als Besonderheit wurde das Innere des Umgangstempels, die Cella, in der Rekonstruktion nach römischem Vorbild gestaltet. Die Wände sind – basierend auf Farbfunden in Putzresten – bunt bemalt, zudem wurde aus dem im Brunnen gefundenen Kopf eine mit 2,08 Metern überlebensgroße Merkurstatue rekonstruiert, die ebenfalls nach römischem Brauch komplett bemalt ist, wobei Farben und Pigmente verwendet wurden, die es schon in der Antike gab.

Beschreibung

Der Tempelkomplex oberhalb von Tawern ist allein deswegen, weil er fast vollständig an Ort und Stelle auf den alten Fundamenten rekonstruiert wurde, einzigartig.

Am Eingang zum Bezirk befinden sich Informationstafeln

Am Eingang zum Bezirk befinden sich Informationstafeln

Das Gelände ist von einer Mauer umgeben; ein neuer Eingang befindet sich direkt am Wanderweg. Hier sind auch zwei Informationstafeln aufgestellt; eine ältere Tafel, die über die Grabung und den Grundriss der Gebäude informiert sowie eine neuere Tafel des „Straßen der Römer“ Projektes, die Hintergrundinformationen über die Nutzung des Tempelkomplexes in römischer Zeit vermittelt.

Der originale Eingang in Richtung des Tals ist ebenfalls erhalten, so daß man den Tempelbezirk auch durch den „echten“ Eingang betreten kann.

Die einzelnen Gebäude sind auf Terrassen unterschiedlicher Höhe errichtet. Am Eingangsbereich empfängt den Besucher eine Jupitersäule, auf deren Sockel unter anderem der Gott Hercules abgebildet ist.

Alle Gebäude sind mit dezenten schwarzen Plaketten beschriftet, aus denen ihre Funktion hervorgeht.

Ablegen von Opfergaben auf dem Altar vor dem Merkurtempel

Ablegen von Opfergaben auf dem Altar vor dem Merkurtempel

Den Hauptteil des Tempels nimmt der große Merkur-Umgangstempel ein. Die Cella kann nach keltisch-römischem Brauch umgangen werden. In der bunt bemalten Cella befindet sich auf einem Sockel die bunte Staue des Gottes Merkur. Sie zu bemalen und nicht nach (modernem) Geschmacksempfinden weiß zu lassen, war eine gute Entscheidung des Vereins Römisches Tawern e.V., der die Tempelanlage betreut. So wird der verbreiteten Ansicht, im alten Rom seien alle Statuen und Monumente schneeweiß gewesen (wie man es von Statuen seit der Renaissance kennt), eine realistische Darstellung nach römischem Geschmack entgegengestellt (wie man es auch bei „Im Reich der Schatten“ im Landesmuseum Trier erleben kann, wo Grabmonumente durch Projektionen in buntesten Farben zum Leben erweckt werden). Bei der Rekonstruktion und Bemalung wurde darauf geachtet, Techniken und Farben zu verwenden, die schon zu römischer Zeit genutzt wurden. Auf den ersten Blick ist ein so bunter Merkur sicher ungewohnt für moderne Augen, aber aus pädagogischer und ästhetischer Sicht eine sehr gute Entscheidung.

Die Cella ist abgeschlossen, was wegen leider immer wieder stattfindender Vandalisierungen notwendig geworden war (so wurde Merkur erst im Dezember 2013 bei einem Einbruch der Caduceus entwendet und zerstört). Auch wurde im Innenraum des Tempels eine Videoüberwachungsanlage installiert, die aber so dezent ist, daß sie nicht zu sehen ist und auch nicht bei Kulthandlungen stört.

Der Tempelkomplex ist weitläufig und gepflegt. Vor dem Merkurtempel steht ein Weihealtar, der zum Ablegen von Opfergaben genutzt werden kann.

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert

In einem benachbarten Tempelgebäude befinden sich, ebenfalls hinter Gittern, Repliken einiger im Brunnen gefundener Reliefs, wie dem Bildnis für Epona, sowie dem Relief von Isis und Serapis, sowie einige Keramiken.

Eine Schatzkammer im hinteren Teil des Tempelgeländes, die ursprünglich zur Aufbewahrung besonders wertvoller Kultgegenstände diente, wird zur Zeit offensichtlich als Lagerraum für Sammelsurium aller Art genutzt, so befindet sich dort eine römische Legionärsrüstung, ein Streitwagen, aber auch allerlei Zeug, das offenbar für dörfliche Brauchtumsveranstaltungen genutzt wird. Das wirkt etwas merkwürdig und stört das ansonsten einheitliche Bild.

Auch der Brunnen wurde rekonstruiert. Hier befindet sich eine Vorrichtung, in die man Münzen einwerfen kann und wodurch (angeblich) das Licht im Brunnen angeht und Wasser läuft. Das funktionierte bei uns aber leider nicht, so daß wir schließlich nach dem römischen Brauch des Münzwurfs direkt Geld durch das Abdeckgitter in den Brunnen warfen, um bei Merkur um eine Vermehrung des Geldes zu bitten.

Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Führungen

Im Umgang des Umgangstempels. Umschreiten ist nach gallo-römischer Sitte möglich

Im Umgang des Umgangstempels. Umschreiten ist nach gallo-römischer Sitte möglich

Der Tempelbezirk ist nicht abgeschlossen und deswegen rund um die Uhr begehbar.

Der Eintritt ist frei.

Führungen bietet der Verein Römisches Tawern e.V. jeden Sonntag (Mai bis Oktober) von 14:30 bis 16:30 an, wo jeweils ein Mitglied des Vereins zum Tempel kommt und interessierte Besucher herumführt. Die Teilnahme an einer solchen Führung kostet für Erwachsene 2€, für Kinder 1€. Eine Voranmeldung ist nicht nötig.

Sonstiges

Es gibt diverse archäologische Schriften, die sich mit dem Tempelbezirk Tawern befassen. Unter anderem sind dies: „Römische Kulturdenkmäler in Tawern: der römische Vicus tabernae und der Tempelbezirk auf dem Metzenberg“, „2000 Jahre Tawern: Eine Chronik mit ausführlichen Informationen über die Geschichte Tawerns“ sowie „Funde und Ausgrabungen im Bezirk 34, Trier“ mit 3 wichtigen Beiträgen die Ausgrabungen, unter anderem über den Kopf der Merkurstatue. Diese Schriften sind bei Führungen, bei Familie Michel in der Brunnenstraße 11, sowie in der örtlichen Bäckerei und Metzgerei in der Römerstraße erhältlich!

Fotografieren ist uneingeschränkt erlaubt.

Die Aussicht vom einst unbewaldeten Metzenberg reichte an guten Tagen bis nach Trier

Die Aussicht vom einst unbewaldeten Metzenberg reichte an guten Tagen bis nach Trier

Der Tempel ist zwar jederzeit frei begehbar, liegt allerdings so tief im Wald, daß ein nächtliches Aufsuchen eine gewisse Logistik erfordert. Anwohner, die sich durch Aktivitäten gestört fühlen könnten, gibt es nicht, allerdings legt der Verein Römisches Tawern e.V. – zu Recht! – sehr viel Wert darauf, daß der Tempelbezirk geschont und pfleglich behandelt wird. Von der Durchführung wilder neuheidnischer Rituale mit Trommeln und Feuer machen, wie z.B. bei Wicca üblich, sollte abgesehen werden. Auch ist man sehr empfindlich gegenüber Vandalismus und die oft unschönen Hinterlassenschaften diverser Gruppierungen haben in dieser Tempelanlage nichts zu suchen.

Gegen ein dezentes römisches Opfer an Merkur oder die anderen hier verehrten Götter durch den römischen Cultor, sowie das Ablegen von Opfergaben auf dem Weihealtar vor dem Haupttempel hat aber niemand etwas einzuwenden.

Das Befahren des Tempelgeländes mit Fahrrädern ist verboten.

Weiterführende Informationen

Götterwelt: Rosmerta

Hintergrund, Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Merkur und Rosmerta (gefunden in Eisenberg, Pfalz)

Merkur und Rosmerta (gefunden in Eisenberg, Pfalz)

Rosmerta ist eine ursprünglich keltische Göttin, die von den Römern als Gefährtin des Mercurius im Götterpaar Merkur-Rosmerta verehrt wurde. Dieser Cultus war vor allem in Nordostgallien (Raum Koblenz, Hunsrück, Trier) sehr populär.

Hierbei handelt es sich um einen typischen lokalen, gallo-römischen Kult, der ursprünglich von den einheimischen Galliern (wie den Treverern) praktiziert wurde, dann aber von den Römern übernommen und gemäß der Interpretatio Romana gedeutet wurde.

Die Gallier verehrten die Göttin Rosmerta meist zusammen mit ihrem keltischen Gefährten als Götterpaar. Dessen Name war von Region zu Region unterschiedlich (Teutates, Cissonius, Visucius).

In der Interpretatio Romana wurde dieser Gefährte aufgrund der Gleichheit der Attribute und Zuständigkeiten von den Römern mit Mercurius gleichgesetzt, denn Cissonius war der Gott des Handels und Beschützer der Reisenden und der gallische Stammesgott Teutates wurde nach der Romanisierung der Gallier mit Merkur und Mars identifiziert.

So verschmolzen römische und gallische Kulte in dieser Region und im römischen Gallien wurden Cissonius und Visucius sogar die häufigsten Beinamen des Merkur. Deshalb war es nur natürlich, daß man auch die Gefährtin des Mercurius Cissonius, Mercurius Visucius oder Mercurius Toutenus verehrte: Rosmerta.

Rosmerta mit dem geflügelten Helm des Merkur und der Patera in der Hand

Rosmerta mit dem geflügelten Helm des Merkur und der Patera in der Hand

Das Paar stieg im römischen Gallien zu großer Beliebtheit auf und wurde auch in anderen Teilen des Reichs verehrt, so daß man den Kult schließlich auch in Zentralgallien, Britannien und sogar Rom selbst fand. Ihre Kultstätten fanden sich oft an römischen Schnellstraßen (wie der Aussoniusstraße durch den Hunrück nach Trier) und in der Nähe von Handelszentren.

Sie wurde an manchen Orten jedoch auch alleine, ohne ihren Begleiter, verehrt, wobei ihre Attribute in diesem Fall zum Teil mit denen des Merkur verschmolzen (so zeigt ein Weihebild aus dem französischen Fins d’Annency sie mit dem geflügelten Hut des Merkur).

Rosmertas Zuständigkeiten und Attribute sind denen des Merkur sehr ähnlich. Sie ist eine Göttin des Wohlstands, des Überflusses, der Fruchtbarkeit und der Fülle. Ihr gallischer Name bedeutet so viel wie „die große Versorgerin“. Man rief sie an, wenn man um Erfolg bei Handel und Geschäft bat, aber sie war (wie Merkur) auch für Leben und Tod und die Reise ins Jenseits zuständig, so daß man in derartigen Angelegenheiten um ihren Segen bat. Es gibt dank Inschriften und Attributdarstellungen auch Hinweise darauf, daß man sie für Heilung anrief.

 Attribute und Darstellungen:

Merkur und Rosmerta (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Merkur und Rosmerta (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Es gibt zahlreiche gallo-römische Weihesteine, Monumente und Abbildungen von Rosmerta (meist mit, seltener ohne Merkur), vor allem in Deutschland, Luxemburg und Frankreich, zum Beispiel aus Wiesbaden, Koblenz, Mainz, Eisenberg in der Pfalz, Nordheim, Bierbach im Saarland, Mertert (LU), Metz (F), Langensulzbach, oder Gissey-la-Veil (F), wo ihr ein Quellheiligtum gewidmet war.

Rosmerta teilt viele Attribute mit dem Gott Merkur. So zeigt eine typische Darstellung sie mit dem Heroldsstab, dem Caduceus, den auch Merkur trägt (zum Beispiel auf einem Relief aus Bierbach im Saarland), seltener trägt sie auch seinen geflügelten Hut.

Weitere typische Attribute sind das Füllhorn (Cornucopia) oder ein Früchtekorb. Sehr häufig ist die Darstellung mit einer Geldbörse in der rechten und einer Opferschale (Patera) in der linken Hand. Das Cornucopia kann auch zusammen mit der Patera auftauchen.

Rosmerta wird in der römischen Darstellung als anmutige Frau in einem aufwändigen römischen faltenreichen Gewand abgebildet. Sie kann sitzend oder stehend dargestellt sein, meist ist sie gemeinsam mit Merkur abgebildet, der typischerweise als nackter Jüngling mit bedeckten Schultern und seinen Attributen erscheint.

Dabei gibt es unterschiedliche szenische Darstellungen, zum Beispiel auf einem Stein aus Wiesbaden, auf dem Rosmerta auf einer Art Thron sitzt während Merkur vor ihr steht und seinen Geldbeutel in ihre Patera entleert, während sie von zwei Genien umringt ist, die ihren Caduceus und ihr Füllhorn halten. Eine Darstellung aus Mannheim zeigt sie mit einer Schlange (die im römischen Cultus ein positiv besetztes Symbol für Wohlstand und Frieden ist), die ihren Kopf auf einer Geldbörse abgelegt hat. Andere Bilder zeigen sie mit einem Füllhorn, während Merkur die Patera hält und zahlreiche Steine zeigen Rosmerta, wie sie Merkur den Geldbeutel überreicht.

Darstellungen auf römischen Weihesteinen in Britannien zeigen sie auch mit einem Füllhorn und einer Doppelaxt in der linken Hand (die sich möglicherweise auf eine Rolle als Heilerin bezieht), während sie eine Patera mit der rechten Hand über einem Kessel oder Bottich ausschüttet.

Opfergaben, Kulttiere:

Merkur-Rosmerta-Tempel nahe Koblenz

Merkur-Rosmerta-Tempel nahe Koblenz

Über die römischen Kultpraktiken für Rosmerta oder Merkur-Rosmerta ist heute leider nicht mehr viel bekannt, da die Quellenlage sehr spärlich ist und alle verfügbaren Informationen aus Weihetafeln, -steinen oder -inschriften erschlossen werden müssen. Schriftliche Abhandlungen römischer Autoren zu ihrem Cultus sind uns nicht überliefert.

Die wenigen Informationen, die wir haben, sprechen von „günstigen“ oder „gastfreundlichen“ Riten, deren Details aber nicht überliefert sind. Eine der längsten Inschriften dazu stammt aus dem luxemburgischen Wasserbillig: „Deo Mercurio [et deae Ros]/mertae aedem c[um signis orna]/mentisque omn[ibus fecit] / Acceptus tabul[arius VIvir] / Augustal[is donavit?] / item hospitalia [sacror(um) cele]/brandorum gr[atia pro se libe]/risque suis ded[icavit 3] / Iulias Lupo [et Maximo co(n)s(ulibus)]. “ 

Auch schien Wasser im Kult eine Rolle gespielt zu haben, da in ihren Tempeln Brunnen zu finden waren und ihr auch ein Quellheiligtum gewidmet war.

Wenn sie gemeinsam mit Merkur als Götterpaar verehrt wurde, ist anzunehmen, daß auch Riten und Kulthandlungen aus dem Kontext des Mercurius-Kultes durchgeführt wurden. Welche zusätzlichen, eigenen oder speziellen Riten es gab, ist unbekannt.

Sonstiges:

Gallo-Römische Umgangstempel für Merkur-Rosmerta gibt es unter anderem im Wald  nahe Koblenz, in Mainz, in Mertert (Luxemburg) und – als Besonderheit – als rekonstruierten Tempel im Römermuseum Schwarzenacker im Saarland.

Antike Stätten: Merkur und Rosmerta-Tempel bei Waldesch

Der Merkur-Rosmerta-Tempel im Wald nahe der Hunsrückhöhenstraße ist ein Geheimtipp

Der Merkur-Rosmerta-Tempel im Wald nahe der Hunsrückhöhenstraße ist ein Geheimtipp

Anschrift:

Der Tempel liegt im Wald. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt:

Der Tempel befindet sich nahe der Hunsrückhöhenstraße (B327) zwischen Koblenz und Waldesch. Leider ist er an der Straße nicht ausgeschildert. Um ihn zu finden, folgt man aus Koblenz-Karthause der Bundesstraße B327 Richtung Hermeskeil. Man passiert Forsthaus Kühlkopf und Forsthaus Remstecken mit Wildparkgehege. Beide sind als Einkehrstuben mit Parkplatz ausgeschildert.

Nach kurzer Weiterfahrt liegt auf der linken Seite ein Wanderparkplatz. Dieser heißt „Eiserne Hand„. Erreicht man einen großen Parkplatz auf der rechten Seite oder gar den Ort Waldesch, ist man zu weit gefahren, sollte in Waldesch drehen und zurückfahren, bis man auf der linken Seite einen großen Parkplatz passiert. Auf der rechten Seite folgt dann relativ schnell die „Eiserne Hand“.

Auf diesem Parkplatz befindet sich eine große Infotafel zum Archäologischen Lehrpfad, der auf dem Parkplatz beginnt und unter anderem keltische Hügelgräber, den Merkur-Rosmerta-Tempel, eine römische Villa rustica sowie den Dommelberg, einen keltischer Siedlungskern mit Ringwall umfaßt. Der Lehrpfad folgt zum Teil der Ausoniusstraße, der alten römischen „Schnellstraße“ durch den Hunsrück nach Trier, die noch erkennbar ist, auch wenn der Pflasterbelag nicht mehr erhalten ist.

Die Treppen des Haupteingangs

Die Treppen des Haupteingangs

An der Infotafel sind ausreichend Parkmöglichkeiten vorhanden. Rechts von der Infotafel weist ein Schild „Merkurtempel“ den Weg. Man folgt etwa 0,5 km einem gut ausgebauten, breiten Wanderweg, der zum Rhein-Burgen-Fernwanderweg gehört. Ein Symbol des Rhein-Burgen-Wegs mit Pfeil weist auf der linken Seite des Weges schließlich in einen kleinen Seitenweg. Dort sind schon die Treppen zu erkennen, die auf die Anhöhe mit dem Tempel führten.

Eine direkte Anreise mit dem öffentlichen Nahverkehr ist nicht möglich, aber es fahren Busse (Linie 621) zwischen Waldesch und Koblenz. Man kann entweder aus Waldesch zur Eisernen Hand wandern (es gibt einen Wanderweg, der den Ort mit dem Parkplatz verbindet), oder man fährt bis zum Forthaus Remstecken, das eine eigene Bushaltestelle hat, und läuft von dort aus einige hundert Meter.

Der Tempel ist nicht barrierefrei erreichbar, da Treppen hinauf zum Zentralbereich mit Cella führen, die zum Eingangsbereich des Tempelkomplexes gehören.

Hintergrundinformationen:

Merkur und Rosmerta. Im Tempel steht leider kein Weihestein für sie

Merkur und Rosmerta. Im Tempel steht leider kein Weihestein für sie

Entlang der stark bereisten römischen Ausoniusstraße durch den Hunsrück zur Kaiserstadt Augusta Treverorum (Trier) befanden sich zahlreiche Tempelanlagen, die von Reisenden und Pilgern als Wegestationen aufgesucht wurden.

Das Götterpaar Merkur und Rosmerta war insbesondere hier, in Nordost-Gallien sehr beliebt (unter anderem bei den hier einheimischen Treverern, aber auch im restlichen Gallien, in Britannien und sogar in Rom selbst), so daß sich in der Gegend für sie mehrere Tempel sowie zahlreiche Weihesteine und Votivgaben finden, vor allem in der Nähe von Schnellstraßen und Handelszentren.

Der Tempel nahe Waldesch  im typisch gallo-römischen Stil des Umgangstempels gehörte sicher zu den größeren Anlagen. In der Nähe existierte auch eine Siedlung sowie zahlreiche Gutshöfe (villa rustica), deren Reste in der Umgebung ebenfalls zu finden sind und teilrestauriert wurden. Sie sind als Station des Archäologischen Lehrpfades zu besichtigen.

Der Tempel lag sich auf einer leichten Anhöhe und war von einer Mauer umgeben, das ganze Gelände hatte etwa eine Ausdehnung von 106 Metern. Eine hintere Tür führte direkt in den Hauptbereich, während das Haupttor von der Schnellstraße durch ein Eingangsportal über Treppenstufen erreicht wurde. Reste des Portals und Stufen sind heute noch erhalten, so daß es möglich ist, den Tempel über den Original-Zugang zu betreten.

Der Tempel wurde in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts freigelegt und archäologisch erforscht, wobei gefundene Skulpturfragmente auf die Nutzung als Tempel für den römischen Gott Merkur und seine gallische Gefährtin Rosmerta (in der romanisierten Form) hindeuteten. Im Jahr 1986 ließ die Stadt Koblenz das Gelände neu gestalten, unter anderem mit einer Informationstafel, die auf die Bedeutung des Kultes in dieser Region hinweist.

Inmitten der ovalen Umfassungsmauer befand sich der eigentliche Umgangstempel, dessen säulengestützter Umgang etwa 20 x 19 Meter groß war. Es ist davon auszugehen, daß sich hier schon in vorrömischer Zeit ein heiliger Ort der Gallier, ein Temenos, befand. Hölzerne Vorgängerbauten in keltischer Bauweise und Funde aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. deuten auf eine solche Nutzung hin.

Mit dem Beginn der römischen Besiedlung verschmolzen die Römer die dort verehrten einheimischen Götter mit ihrem eigenen Kult und errichteten ihnen nach üblicher Sitte einen steinernen Tempel, damit sie darin angemessen verehrt werden konnten. Auf dem Gelände wurden zudem Reste weiterer Gebäude sowie eines Brunnens gefunden, der für die Kulthandlungen wohl eine Rolle gespielt hat.

Die zahlreichen Funde, die auf dem Gelände gemacht wurden (Weihstandbilder, Münzen), deuten darauf hin, daß der Tempel durchgehend bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. genutzt wurde. Die Originalfunde befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn.

 Beschreibung

Der Umgangstempel ist recht groß und kann gut umgangen werden

Der Umgangstempel ist recht groß und kann gut umgangen werden

Die Tempelanlage liegt mitten im Wald, wenn auch nahe an einem breiten Hauptwanderweg, auf dem bei schönem Wetter reger Verkehr aus Wanderern und Radfahrern herrscht. Sie ist (wenn man den Parkplatz „Eiserne Hand“ einmal gefunden hat), gut und schnell zu Fuß zu erreichen.

Wenn man dem Wanderweg vom Parkplatz folgt, erreicht man den Tempel durch den ehemaligen Haupteingang nahe der römischen Schnellstraße. Hier sind mehrere Treppenstufen sowie Fundamente des Eingangsgebäudes erhalten. Sie wurden teilaufgemauert und restauriert, so daß man gut den Eingangsbereich sowie den Verlauf der ovalen Umfassungsmauer des Tempelgeländes nachvollziehen kann.

Der Besucher steigt mehrere Treppenstufen empor, bevor er den großen Hauptplatz mit dem Umgangstempel erreicht. Hier befindet sich der eigentliche Tempel: eine zentrale Cella, in der sich Altar und Kultbild befanden, sowie der Umgang mit Säulenhalle, in dem man die Cella gut umrunden kann. Auch ist es möglich, Opfergaben auf dem zentralen Altarstein abzulegen.

Neben der Cella befindet sich ein kleines Nebengebäude. Vom Brunnen ist leider nichts mehr zu erkennen.

Der Erhaltungszustand der Anlage ist gut; es gibt zwar nur noch Fundamente, diese sind aber restauriert.

Neben der Cella befindet sich eine Informationstafel mit gut präsentierten Hintergrundinformationen, einem Lageplan und einer Rekonstruktionszeichnung zur besseren Vorstellung, wie der Ort einst aussah, als hier noch reger Betrieb herrschte.

Öffnungszeiten, Eintritt, Zugänglichkeit

Rekonstruktion des Tempels zu seiner aktiven Zeit (Detailaufnahme von der dort aufgestellten Infotafel)

Rekonstruktion des Tempels zu seiner aktiven Zeit (Detailaufnahme von der dort aufgestellten Infotafel)

Der Tempel ist rund um die Uhr frei zugänglich, da er ungestört im Wald liegt. Eintritt wird nicht erhoben.

Sonstiges:

Wenn einen der rege Verkehr am Wanderweg nicht stört, ist es hier problemlos möglich, Kulthandlungen für Mercurius und Rosmerta durchzuführen.

Es herrscht auch innerhalb der Anlage ein gewisser Betrieb, weil er eine Station des Archäologischen Rundweges ist, aber im Gegensatz zu den von diversen heidnischen Gruppierungen stark frequentierten Matronentempeln in Pesch und Nettersheim scheint dieser Tempel eher ein Geheimtipp zu sein.

Fotografieren ist natürlich uneingeschränkt möglich.

Götterwelt: Mercurius

Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Mercurius auf einem Wandgemälde in Pompeji

Mercurius auf einem Wandgemälde in Pompeji

Eingedeutschter Name: Merkur. Sein Name stammt vermutlich vom lateinischen Wort „merx“ für „Ware“ ab. Er gilt als Götterbote, Glücksgott, Gott der Händler und der Diebe. Er spielte im Römischen Kult eine bedeutende Rolle, da er als Gott der Händler auch der Beschützer für den (lebenswichtigen) Getreidehandel war.

Mercurius gilt außerdem als Führer der Seelen in die Unterwelt. Er führt auch die Träume von Morpheus in die Träume der schlafenden Menschen.

Daneben gehörte zu seinen Zuständigkeiten die Redegewandheit (ein Muß für einen guten Händler) und daraus folgend die Poesie. Er war zuständig für Gewinn und finanziellen Wohlstand, das Übermitteln von Nachrichten und Kommunikation, was sogar für die Wahrsagekunst (Divination) galt. Er ist ein Beschützer der Reisenden und wird als solcher für sichere Reisen angerufen. Ebenso ist er zuständig für Glück, aber auch für Trickbetrügereien.

Besondere Verehrung (weitaus mehr als in Rom) fand Mercurius in den nördlichen Provinzen in Gallien, Germanien und Britannien unter der einheimischen römischen wie gallischen und germanischen Bevölkerung.

In Gallien wurde er unter anderem mit der höchsten gallischen Gottheit, Teutates, gleichgesetzt, was zu einem rasanten Anstieg seiner Verehrung und Beliebtheit unter den romanisierten Galliern führte. Daneben wurde er mit weiteren keltischen Gottheiten gleichgesetzt, wie Lugus, sowie mit Cissonius und Visucius, so daß er besonders in Nordostgallien (Raum Koblenz, Trier, Hunsrück) im römischen Cultus gemeinsam mit seiner keltischen Gefährtin Rosmerta verehrt wurde.

Auch in Germanien wurden mehrere Weihesteine gefunden, die ihm von Gläubigen gestiftet wurden (sowohl von Einzelpersonen als von Stämmen) und die auf eindeutig germanische Herkunft hindeuten, auch wenn sie auf Latein beschriftet waren. Laut Tacitus wurde Mercurius dort von den Germanen mit einem ihrer wichtigsten Götter gleichgesetzt und damit zum „Hauptgott“ der germanischen Stämme. Unter den gallischen Kelten galt er zudem als Fruchtbarkeitsgott und Glücksbringer. In den nördlichen Provinzen galt er zudem als der „Erfinder aller Künste“.

Seine Herkunft liegt möglicherweise im etruskischen Gott Trums, dem die gleichen Attribute und Zuständigkeiten zugesprochen wurden, sowie im griechischen Gott Hermes. Im Unterschied zu diesem hat Mercurius jedoch auch eine kriegerisch-militärische Komponente.

In der Mythologie gilt er als der Vater der Laren, der sich in die Nymphe Larunda verliebte, als er sie eigentlich in die Unterwelt geleiten sollte. Sie bekam zwei Kinder von ihm: die Laren (Quelle: Ovid).

Mercurius ist einer der Dei Consentes.

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Er ist unter zahlreichen Bezeichnungen bekannt, die oft Bezug auf seine keltischen Entsprechungen nehmen. So wurde er im Bereich des heutigen Belgien und Frankreich als Mercurius Artaios verehrt (Artaios war ein keltischer Gott der Bären und der Jagd). Im Rheinland verehrte man ihn als Mercurius Avernus, nach dem Gott Avernus des keltischen Stammes der Averner. Im Bereich zwischen Köln und Frankreich kannte man ihn auch als Mercurius Cissonius nach dem gallischen Gott Cissonius, der ein Beschützer der Reisenden und Gott der Händler war. Von einem Altar aus Bonn kennt man ihn als Mercurius Gebrinius, einer lokalen Mercurius-Variante des dort ansässigen Stammes der Ubier, sowie unter zahllosen weiteren regionalen Namen.

Sphäre:

Himmlisch, irdisch und der Unterwelt zugehörig.

Attribute und Darstellungen:

Typische Darstellungen zeigen Mercurius als schlanken jungen, bartlosen Mann mit geflügelten Schuhen und geflügeltem Helm (oder Flügeln, die direkt aus seinem Kopf wachsen). Oft hält er den Caduceus in seiner linken Hand (einen Botenstab, der von zwei Schlangen umschlungen wird und ihm einst von Apollo geschenkt wurde. Dieser Stab kann Menschen einschläfern, aufwecken und ihnen durch Träume Botschaften übermitteln).

Oft wird er zusammen mit Tieren dargestellt, wie dem Hahn (der als der Bote des neuen Tages gilt), einem Bock, Widder oder einer Ziege (Symbole der Fruchtbarkeit), oder einer Schildkröte (dies nimmt Bezug auf die Legende, daß er einst eine Lyra aus einem Schildkrötenpanzer baute).

Eine ebenfalls sehr verbreitete Darstellung zeigt ihn mit einem Geldsäckchen (Masurpium) in der Hand. Mercurius ist meistens nackt oder nur mit einem über den Arm gelegten Mantel bekleidet.

Opfergaben: 

Räucherwerk, Wein (außer bei Mercurius Sobrinus, der Milch statt Wein erhält), Bohnen und Grünzeug, Zypresse, Krokus, Einjähriges Bingelkraut (englisch: herb mercury)

Kulttiere: 

Ziege, Hahn, Widder, Bock

Feiertage:

Verschiedene Mercurius-Darstellungen (Römisch-Germanisches Museum Köln, 2013)

Verschiedene Mercurius-Darstellungen (Römisch-Germanisches Museum Köln, 2013)

Sein wichtigstes Fest sind die Mercuralia an den Iden des Mai (15. Mai). Im Gegensatz zu anderen Göttern, gab es für ihn keine speziellen Priester, die für seinen Kult zuständig waren.

Die Mercuralia galten als Fest des Handels. Händler besprenkelten an diesem Tag ihre Köpfe, ihre Geschäfte und ihre Schiffe mit heiligem Wasser, das von einer Quelle an der Porta Capena in Rom genommen wurde, einem der wichtigsten Stadttore Roms („Aqua mercurii“).

Die Iden des Mai galten als der Geburtstag des Gottes und an diesem Tag erbat man sich Glück, guten Profit und bat um Vergebung für vergangene und zukünftige Vergehen (wie das Über-den-Tisch-Ziehen eines Kunden!).

Sonstiges:

Mercurius gehörte zu den beliebtesten der römischen Götter (wie Funde aus Pompeji zeigen). Sein Tempel stand in Rom in der Nähe des Circus Maximus zwischen den Hügeln des Palatin und des Aventin, wo reger Handelsverkehr herrschte und gleichzeitig seine Funktion als „Vermittler“ betont wurde, denn auf dem Palatin lebten die wohlhabenden Bürger, während der Aventin Hochburg der einfachen Leute war.

Rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue im Tempelkomplex Tawern

Rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue im Tempelkomplex Tawern

Mercurius-Altäre sind in der Regel Rundaltäre.

Nach Mercurius wurde der dritte Wochentag (Mercurii dies) benannt, was sich noch heute in Ländern mit romanischen Sprachen wiederfindet (Französisch: mercredi, Spanisch: miércoles, Italienisch: mercoledi).

In Deutschland und Luxemburg sind zahlreiche Mercurius-Tempel zu finden, so der Merkur-Rosmerta-Tempel bei Koblenz oder der rekonstruierte Merkur-Tempel in Tawern an der Mosel mit einem originalgetreuen, überlebensgroßen Merkur-Kultbild, das nach römischer Tradition sogar farbig bemalt wurde.

Antike Quellen mit Gebeten an Mercurius:

  • Horaz: Satires 2.6.14; Sermones II 6,4;
  • Manilus: Astromica 1.30ff;
  • Martial: Epigramme 7.74;
  • Ovid: Fasti 5.477; 5.663; 5.681;
  • Persius: Satires II 45;
  • Plautus: Bacchides 892;
  • Anthologia Latina II 1528