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Kultpraxis: Geburtstagsritual am Lararium

„Statuetten opfernder Männer und Frauen“ im RGM Köln. Oder Larariumsfiguren von Genius und Iuno? Fundort: Köln

Wie wir in unserem Einleitungsartikel „Der Geburtstag in der römischen Antike“ beschrieben haben, unterschieden sich römische Geburtstagsbräuche kaum von unseren heutigen – mit einem Unterschied:

Neben Essen, Trinken und Feiern nutzte man den Tag auch, um in einem Ritual am Lararium, dem Hausschrein, seines Genius / seiner Iuno zu gedenken, sich bei den Göttern für das vergangene Lebensjahr zu bedanken und mit einem Gelübde ihre Unterstützung für das kommende Lebensjahr zu erbitten. Hierbei wird immer Jupiter Optimus Maximus eingeschlossen, aber zusätzlich auch jeder andere Gott, der in der eigenen Sacra Privata eine Rolle spielt.

Dieses Ritual stellte die rituelle Eröffnungshandlung am eigenen Geburtstag dar und wird deswegen auch heute in der Religio Romana als Teil der Feierlichkeiten praktiziert.

Der Zweck dieses Rituals ist denkbar pragmatisch: sicherzustellen, daß man auch seinen nächsten Geburtstag erlebt.

Vorbemerkung zu Quellen und Authentizität:

Informationen zu Anrufungen des Genius und der Götter, zu typischen Opfergaben (wie Kuchen, Weihrauch) und zu Opferhandlungen (wie dem Schmücken der Figur des Genius) sind uns, wie im Einleitungsartikel bereits erwähnt, aus zahlreichen Quellen überliefert. Auch gibt es erhaltene antike Texte, die Geburtstags-Segenswünsche enthalten oder Anrufungen und Gelübde aus dem Staats- und Kaiserkult anläßlich des Geburtstags des Kaisers.

Texte, die ein vollständiges Geburtstagsritual im privaten Cultus, in der Sacra Privata beschreiben, sind allerdings nicht bekannt. Deswegen muß ein solches Ritual aus den Fragmenten an erhaltenen Informationen und aus den überlieferten Texten rekonstruiert werden.

Pontifex Cn. Cornelius Lentulus führt eine Opferzeremonie anläßlich der Floralia durch (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums Budapest http://www.aquincum.hu/)

Pontifex, Sacerdos, Quaestor und tief in der Religio Romana bewanderter Cultor Cn. Cornelius Lentulus führt eine Opferzeremonie anläßlich der Floralia 2015 durch (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums Budapest http://www.aquincum.hu/)

Das hier im folgenden aufgeführte Ritual wurde uns freundlicherweise von Pontifex Cn. Cornelius Lentulus, einem der erfahrensten heute praktizierenden Cultores, zur Verfügung gestellt – genauer gesagt, zum Geburtstag geschenkt 🙂

Er ist zudem Lateindozent an der Universität Budapest und sehr bewandert in der antiken Quellenlage, so daß sein Versuch einer Rekonstruktion dieses Geburtstagsrituals nach bestem Wissen und Gewissen erfolgte, mit dem Anspruch, ein Ritual zu gestalten, das einem römischen Ritual aus der Antike so nahe wie möglich kommt und möglichst wahrscheinlich und authentisch ist.

Die Gelübde im Ritual orientieren sich an den überlieferten Gelübden der Arvalbrüder, des 12-köpfigen römischen Priesterkollegiums, anläßlich des Geburtstages des Kaisers. Die Opfergaben und Handlungen im Bezug auf den Genius entstammen den recht genauen Beschreibungen in den zahlreichen erhaltenen Texten über antike Geburtstagsfeiern, unter anderem von Ovid, Cicero und Tibull.

Ergänzt wurde der Ritualtext von uns durch praktische Handlungsanleitungen, die ebenfalls den antiken Quellen entnommen sind.

So stammt das folgende Ritual zwar nicht aus einer original römischen Quelle, ähnelt aber nach heutigem Kenntnisstand weitestgehend den Kulthandlungen, die Römer wahrscheinlich zu ihrem Geburtstag am Hausaltar abgehalten haben, so daß man es als heutiger Cultor und römischer Rekonstruktionist guten Gewissens in seine Sacra Privata einbinden kann.

Durchführung des Rituals

Vorbereitungen:

Wer eine Figur des Genius / Iuno in seinem Lararium hat, schmückt diese mit einem Kranz. Das Lararium kann zu diesem Anlaß auch mit frischen Blumen bedacht werden.

Neben einer Mischung aus honiggesüßtem Wein und Milch wird Räucherwerk benötigt. Hierzu wird Weihrauch verwendet, so daß man zur Vorbereitung Kohle entzünden und vorglühen sollte. Weihrauch zu räuchern, ist ein originär römischer Brauch, der bis heute seine Fortsetzung in den Bräuchen der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche gefunden hat.

Da nur wenig Weihrauch benötigt wird, genügt auch ein kleines Stück Räucherkohle (die Kohletabletten lassen sich problemlos halbieren und vierteln) – es werden pro Rauchopfer jeweils nur ein paar kleine Stücke Weihrauch auf die Kohle gelegt und keine gewaltigen Rauchschwaden erzeugt, wie oftmals irrigerweise angenommen. Insofern gibt es keinen Grund auf Weihrauch als traditionelles Rauchopfer zu verzichten, auch wenn man in einer kleinen Wohnung lebt, zumal auch die Atmosphäre durch Weihrauch eine gänzlich andere ist, als durch die üblichen Räucherstäbchen.

Optional ist die Verwendung von Opferbrot (Libum) oder einem Stück des Geburtstagskuchens.

Bekleidung:

Der Paterfamilias opfert am Lararium

Der Paterfamilias opfert am Lararium

In der Antike war es üblich, daß man sich an seinem Geburtstag weiß kleidete (Ovid, Tristia V 5,8). Weiße Kleidung ist daher authentisch; wichtig ist aber vor allem, daß man saubere und ordentliche Kleidung trägt und das Ritual nicht im Schlafanzug oder Putzshirt durchführt.

Wie bei römischen Ritualen nach dem Ritus Romanus üblich, wird das Ritual capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchgeführt. Anrufungen erfolgen stehend, manu supina (mit erhobenen Händen).

Opfergabe:

Als Opfergabe wird in diesem Ritual durch Honig gesüßter Wein mit Milch verwendet. Wenn man möchte, kann man den Wein durch Libum (Opferbrot) ersetzen oder ihn damit ergänzen. In diesem Fall muß im Text der Ausdruck „vino lacte melleque mixto“ durch das Wort „libo“ ersetzt werden.

Ansprache des Genius / der Iuno:

Der Geburtstag eines Menschen ist auch der Geburtstag seines „Schutzgeistes“, der bei Männern „Genius“, bei Frauen „Iuno“ genannt wird. Frauen ersetzen im Ritual das Wort „Genius“ deshalb einfach durch „Iuno“ (also im Vokativ „Geni“ durch „Iuno„.)

Sprache:

Es gilt in der Religio Romana die Vorstellung, daß Latein den Göttern besonders gefällt und sie positiv stimmt (was ja insbesondere bei persönlichen Anliegen nie schaden kann). Grundsätzlich gilt Latein als sakrale Sprache mit besonderer Wirkung und Macht.

Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, daß auch im römischen Vielvölkerstaat Gebete und Rituale durchaus in den vielen lokalen Sprachen (oder, insbesondere in der Osthälfte des Reichs, auf Griechisch) durchgeführt wurden, so daß nichts dagegen spricht, ein Ritual in seiner eigenen Muttersprache abzuhalten.

Unsere Präferenz ist die Durchführung in lateinischer Sprache.

Durchführung:

Dieses Ritual war und ist nicht „geheim“ oder privat (wie eigentlich kein römisches Ritual, solche, die in den Mysterien zur Anwendung kamen, einmal außen vor), sondern wenn man möchte, kann man Familienangehörige und andere Mitglieder des Haushalts, auch Geburtstagsgäste, daran teilnehmen oder zuschauen lassen.

Natürlich kann man es auch für sich alleine abhalten, um sich auf seine Anliegen und die Kulthandlungen zu konzentrieren; wir möchten nur darauf hinweisen, daß es in römischen Haushalten normal war, rituelle Handlungen sowohl gemeinsam, als auch alleine an seinem Lararium und Sacrarium durchzuführen.

I. PRECATIO IOVI (Gebet an Jupiter Optimus Maximus)

Am eigenen Geburtstag, nach dem Aufstehen, Waschen und Anziehen, tritt man vor sein Lararium.

Anrufung des Jupiter Optimus Maximus, vor dem Lararium stehend, capite velato und manu supina.

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Das Lararium – der römische „Hausaltar“

Ein Lararium mit 2 Laren und Genius aus Pompeji

Ein Lararium mit 2 Laren und Genius aus Pompeji

Ein Begriff, der mit der römischen Religion, der Religio Romana (oder auch Cultus Deorum Romanorum), untrennbar verbunden ist und deshalb auch in vielen Artikeln auf unserer Seite auftaucht, ist das Lararium.

Doch worum handelt es sich dabei genau?

Ein Lararium ist, vereinfacht gesagt, ein Hausschrein oder Ort der Verehrung im privaten Haushalt, aber auch in öffentlichen Räumen wie Gaststätten, Betrieben, Werkstätten, Geschäften, Ställen, Thermen, Rasthäusern, sogar Latrinen.

Die römische Religion war in der römischen Antike in zwei Teilbereiche unterteilt: die Sacra Privata, den häuslichen oder privaten Kult eines jeden Einwohners des Römischen Reichs, der die römische Religion praktizierte und in die es keine staatliche Einmischung gab, sowie die Sacra Publica, den öffentlichen Staats- und Kaiserkult, an dem jeder Einwohner teilzunehmen hatte, um den Pax Deorum – den Frieden mit den Göttern und den Schutz des Römischen Staates durch die Götter – zu gewährleisten.

Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Das Lararium war das Kernelement der Sacra Privata und zentraler Fokus häuslicher oder privater Kulthandlungen.
Es spielte eine so zentrale Rolle im privaten Cultus, daß es in allen Bereichen des täglichen Alltagslebens zu finden war. Jeder praktizierte seine Sacra Privata am Lararium, vom wohlhabenden Hausherrn und seiner Familie bis hin zum Bediensteten und Sklaven.

Selbst auf der Arbeit oder auf Reisen kam man nicht ohne aus. Aus Pompeji sind uns Hunderte von Lararien bekannt, die dort in nahezu allen Lebensbereichen und in den unterschiedlichsten Ausprägungen gefunden wurden und zahlreiche antike Autoren schrieben über das Lararium und den Larenkult, so daß die zentrale und fundamentale Bedeutung des Larariums für die römische Religion unbestritten ist.

Überschneidungen mit der Sacra Publica gibt es bezogen auf die Lares Praestites, die die Schutzgeister der ganzen Stadt Rom und des römischen Staates waren.

Der Hausschrein oder Hausaltar

Das Lararium konnte – je nach zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten und finanziellen Mitteln – sehr aufwendig gestaltet sein oder nur aus einer kleinen Wandnische, einem Wandbild oder einem einfachen Regalbrett für einen tragbarem kleinen Altar bestehen, der nach den Kulthandlungen wieder abgebaut wurde. Die meisten Lararien bestanden aus kleinen Opfernischen, Opferplatten in der Wand oder Wandbildern, vor denen Altäre standen oder vor denen die Altäre nur vorübergehend in Form von tragbaren arulae aufgebaut wurden.

Lararium aus einer Taverne in Pompeji mit Merkur und Bacchus

Lararium aus einer Taverne in Pompeji mit Merkur und Bacchus

Häufig sind um die Bilder herum Haltevorrichtungen für Girlanden zu finden, mit denen Lararien geschmückt wurden. Girlanden spielen eine sehr wichtige Rolle im römischen Kultgeschehen und dienten dem Schmuck der Hausaltäre und Götterstatuen und -figuren daheim und in Tempeln und an öffentlichen Orten, insbesondere zu religiösen Anlässen wie Feiertagen.

Lararien hatten entweder eigene eingelassene Opferstellen oder, wenn sie in Küchen standen – einer der häufigsten Aufstellungsorte -, diente direkt das immer brennende Herdfeuer (das mit der Göttin Vesta assoziiert war) als Opferstelle.

Die Lararien in den Häusern wohlhabender Bürger waren eher Miniaturtempel, sie waren aus teuren Materialien wie Marmor gestaltet und hatten auch repräsentative Funktion, weshalb sie häufig in Eingangshallen römischer Villen zu finden waren. Daneben gab es weitere Lararien in den Privaträumen, in Schlafzimmern und auch in den Räumen der Bediensteten und Sklaven, vor allem der Küche, die für die privaten Kulthandlungen und persönlichen Anliegen der einzelnen Bewohner vorgesehen waren. Es gibt auch Hinweise auf hölzerne Lararien, von denen jedoch kaum archäologische Funde erhalten geblieben sind.

In den einfacheren Wohnungen der Masse der Bevölkerung, die – vor allem in Rom selbst – oft in beengten Verhältnissen in mehrstöckigen Mietshäusern lebten, waren die Lararien weniger aufwendig gestaltet. Einfache Wandbretter oder tragbare Mini-Altäre mußten für diesen Zweck genügen. Diese Mietswohnungen, die oft nicht einmal eine eigene Küche besaßen, hatten bisweilen ein gemeinsames Lararium im Eingangsbereich, das von mehreren Parteien genutzt wurde.

Wer wurde im Lararium verehrt?

Lararium aus Pompeji mit Opferszene, Tieropfer und Aulosspieler

Lararium aus Pompeji mit Opferszene, Tieropfer und Aulosspieler

Der Begriff „Lararium“ deutet bereits darauf hin, daß hier die „Laren“ verehrt wurden, ortsgebundene Hausgeister. Sie wurden von allen Bewohnern des Hauses gleichermaßen verehrt, von der Familie des Hausherren bis zu Bediensteten und Sklaven. Allerdings beweisen Funde aus Pompeji, daß Sklaven und Bedienstete auf der einen Seite und Familienangehörige auf der anderen Seite eigene, voneinander getrennte Lararien hatten.

Daneben wurden am Lararium auch alle anderen Kulthandlungen durchgeführt, die zur Sacra Privata gehörten: die Ahnenverehrung, die Verehrung des Genius – des persönlichen Schutzgeistes des Paterfamilias, dem Familienoberhaupt -, die Verehrung der Juno – analog zum Genius des Mannes, der weiblich gedachte Schutzgeist der Hausherrin, und die Verehrung der Penaten.

Über die kultische Praxis des Larenkultes existieren neben zahlreichen, teils sehr gut erhaltenen archäologischen Funden auch antike Textquellen, unter anderem von Plautus, Ovid, Petronius, Plutarch, Tribull, Propertius, Cato und Cicero, so daß wir uns heute ein recht gutes und umfassendes Bild über diesen zentralen Kernbereich der römischen Sacra Privata machen können. Gerade von Titus Petronius existiert eine außergewöhnlich ausführliche Beschreibung eines Larariums und der dort vorgenommenen Kulthandlungen. Das ist natürlich ein Glücksfall für den römischen Rekonstruktionisten.

Die Laren

Der Lar ist quasi der eigentliche „Besitzer“ des Hauses, des angrenzenden Grundstücks sowie der Bewohner, die auf diesem Land leben – und sein Beschützer. Er ist ortsgebunden (nicht personengebunden) und bleibt nach einem Umzug der Familie auf seinem angestammten Land und in seinem Haus. Zieht eine Familie in ein neues Haus ein, muß sie sich mit den dort ansässigen Laren arrangieren.

Tanzendes Larenpaar, Bronze-Replik nach Original-Vorlage

Tanzendes Larenpaar, Bronze-Replik nach Original-Vorlage

Er tritt alleine, paarweise oder in ganzen Gruppen auf – was sich innerhalb der römischen Antike mehrmals wandelte – und Laren tragen oft verschiedene Zusätze wie Lares familiaris oder Lares domestici. Während sich zur Zeit der Republik archäologisch nur Einzeldarstellungen des Lars in Lararien finden, tritt er ab der frühen Kaiserzeit fast ausschließlich paarweise in Form von spiegelbildlichen Figuren oder Darstellungen auf.

Den Einfluß oder auch die Macht der Laren im Haus wird sehr anschaulich in der „Aulularia“ des römischen Dichters Plautus beschrieben. In diesem Stück vernachlässigt der Hausherr die Verehrung des Lars. Deswegen verheimlicht der Lar ihm erst das Versteck eines Schatzes innerhalb des Hauses und führt schließlich sogar den vorzeitigen Tod des Hausherrn herbei. Der Tochter des Mannes jedoch, die sich immer um den Lar bemühte, ihn regelmäßig mit Aufmerksamkeit bedachte und ihm Räucherwerk, Girlanden und Wein opferte (Opfergaben, die in den Quellen häufig im Zusammenhang mit dem Hauskult genannt werden), zeigt er das Versteck des Schatzes und vermittelt ihr zudem eine glückliche Ehe.

Die Kinder des Hauses galten als seit ihrer Geburt unter dem Schutz der Hauslaren stehend. Deswegen opferten sie beim Erreichen des Erwachsenenalters auch die Symbole ihrer Kindheit am Lararium – die Jungen gaben den Laren ihre Bulla, einen Anhänger, den vor allem Jungen aus wohlhabenden römischen Familien trugen – und die Mädchen ihre Puppen.

Der Paterfamilias opfert am Lararium

Der Paterfamilias opfert am Lararium (Quelle: leider unbekannt, Informationen willkommen!)

Deswegen war es auch nicht ungewöhnlich, daß man sich noch als Erwachsener um Schutz an seine Laren wandte, wenn man vor wichtigen Lebensabschnitten stand, zum Beispiel bald das Haus verließ, um zum Militär zu gehen. Nach der Heirat, wenn die Frau in das Haus des Mannes zog, opferte sie am Lararium des neuen Hauses den dortigen Laren (die ja, wie erwähnt, ortsgebunden sind, weswegen die eigenen Laren der Frau nicht mit ihr mitzogen), um sich bei den neuen Hauslaren „vorzustellen“ und ihnen Respekt zu erweisen.

Ging ein Familienmitglied aus dem Haus und auf eine Reise, bat man die Laren um eine sichere Rückkehr dieser Person. Verließ man selbst das Haus, bat man darum, daß die Laren es in der Abwesenheit samt der zurückgebliebenen Bewohner gut bewachten. Beim Betreten des Hauses begrüßte man sie, beim Verlassen des Hauses verabschiedete man sich von ihnen, wie von einem Familienmitglied.

Laren waren für alles zuständig, was sich im Haus ereignete. Hatte man einen Gegenstand im Haus verlegt, konnte man die Laren bitten, bei der Suche zu helfen oder den Fundort zu zeigen. Bei Familienfeiern wie Geburtstagen, Geburten oder Sterbefällen zog man die Laren – wie Familienmitglieder – selbstverständlich mit ein. Auch bei den täglichen Mahlzeiten wurden die Laren einbezogen und erhielten Teile der Mahlzeit als Opfergabe. Den Laren opferte man auch privat in persönlichen Belangen, zum Beispiel nach einer glücklich überstandenen Situation, bei Rückkehr eines vermißten Familienmitgliedes und anderen Privatangelegenheiten.

Einzelner Lar, Replik aus der Zeit der Republik. Patera und Füllhorn sind nicht erhalten

Einzelner Lar, Replik aus der Zeit der Republik. Patera und Füllhorn sind nicht erhalten

Da die Laren für alle Bewohner des Hauses zuständig waren, waren sie auch für die Anliegen der Bediensteten und sogar der Sklaven zuständig, beschützten diese und halfen ihnen, wenn sie die entsprechende Verehrung durchführten. Deswegen fanden sich Lararien nicht nur in den Wohnbereichen der Hausbesitzer, sondern auch in den Küchen und Wohnbereichen des Personals.

Im Larenkult, gerade für die Lares Compitales und Laren, die für ganze Wohngebiete zuständig waren, spielen Sklaven oft eine wichtige Rolle; manche kultischen Positionen waren sogar ausschließlich Sklaven vorbehalten, was zeigt, daß der Larenkult in allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen von zentraler Bedeutung war. Zu den Compitalia, dem Fest für die Laren, wurden in der Nacht an der Haustür wollene Figuren für jedes Mitglied der Familie des Hausbesitzers und wollene Bälle für jeden Sklaven aufgehängt.

Neben der Einbeziehung in den Alltag und die täglichen Handlungen am Lararium, erfuhren die Hausgötter besondere Verehrung zu den Iden, den Nonen und den Kalenden. Nach Cato sollen diese Kulthandlungen, wie das Schmücken mit Girlanden und das Opfern von Weihrauch und Wein, nicht vom Paterfamilias oder seiner Familie ausgeführt werden, sondern von den anderen Bewohnern des Hauses, den Angestellten oder Sklaven. Damit verdeutlicht er die Bedeutung des Hauskultes für alle Bewohner. Spätere Autoren nach Cato fordern ein besonderes Monatsopfer nur noch für die Kalenden, so daß auch hier ein Wandel in den Bräuchen und der Kultpraxis zu erkennen ist.

Penaten

Lararium mit Laren, dazu Sirona und Mercurius als Penaten oder Hausgötter

Lararium mit Laren, dazu Sirona und Mercurius als Penaten oder Hausgötter

Bei den Penaten oder Dei penates handelte es sich ursprünglich nur um eine weitere Art von Hausgeistern, die vor allem die Speisekammer bewohnten und für Wohlstand und gute Versorgung der Hausbewohner sorgten. Im Gegensatz zu den Laren galten sie nicht als ortsgebunden, sondern waren personengebunden und gingen mit der Familie bei einem Umzug mit.

Der Begriff der Penaten wurde im Laufe der römischen Geschichte aber stark erweitert und bezeichnete schließlich keine spezifischen Geister oder individuelle göttliche Mächte mehr, sondern wurde als Sammelbegriff für das Kollektiv aller im Haushalt verehrten Schutzgötter verwendet. Insofern würden sogar Laren und Genien unter den Begriff „Penaten“ fallen, jedoch wurde zumindest zwischen Penaten, Laren und Genius sprachlich unterschieden (was im heidnischen Verbotsedikt von Kaiser Theodosius I aus dem Jahr 392 deutlich wird, das diese drei Gruppen explizit nennt und unterscheidet).

Die Matronen aus der Eifel im Lararium

Die Matronen aus der Eifel im Lararium

Als Dei penates galten damit alle Götter, die zusätzlich zu den Laren und dem Genius in den Hauskult aufgenommen wurden. Hierbei gab es keinerlei Einschränkungen; jede Gottheit konnte in der Sacra Privata verehrt und als besonders wichtig oder als Tutelargottheit für die Hausbewohner in die privaten Kulthandlungen einbezogen werden – das reichte von den höchsten kapitolinischen Staatsgöttern wie Jupiter, Juno und Minerva über Lokalgötter bis hin zu Gottheiten aus fremden Kulten, die mit römischen Göttern synkretisiert wurden oder Einzug in den römischen Pantheon fanden, wie die gallo-römischen Gottheiten Sirona, Epona, Lenus, Grannus, Intarabus, aber auch ägyptische Götter wie Isis, Serapis oder orientalische Götter wie Attis und Kybele.

Lararium mit Merkur als zentraler Figur

Lararium mit Merkur als zentraler Figur

Es gab keinerlei Einschränkungen, Verbote oder Regeln, wen die Bürger in ihrer Sacra Privata im heimischen Cultus verehrten, fremde Götter waren kein Problem, so lange man sich an der Sacra Publica beteiligte und bereit war, das Staats- oder Kaiseropfer darzubringen, das quasi als Mindestanforderung die Opferung von Weihrauch vorsah. Da es dieses Staatsopfer war, das für den Schutz des Staates durch die Götter sorgte, erfüllte man damit seine Pflicht dem Staat gegenüber – lehnte man es ab, grenzte man sich nicht nur aus der Gesellschaft aus, sondern gefährdete das Gemeinwohl.

Was man privat glaubte und trieb, war unerheblich, solange es nicht die öffentliche Ordnung störte oder gar dem Staatskult zuwiderlief. Es war sogar möglich (und kam auch vor), christliche Symbole neben den Laren im Lararium aufzustellen. Das kam gerade in der Frühzeit der Entwicklung der römischen Form des Christentums vor, als das Christentum nur eine von vielen im Reich populären Mysterienkulten war. Mitglied in einem oder mehrerer dieser Kulte zu sein, daneben die römische „Mainstream“-Religion zu praktizieren und das Staatsopfer darzubringen, war kein Widerspruch, sondern normal. Problematisch wurde es nur, wenn man sich dem Staatsopfer verweigerte, was ein Merkmal der Christen war, die den Absolutheitsanspruch des Einen Gottes predigten.

Lararium eines Schmieds mit (mach original Vorbild) selbst hergestellter Vulcanius-Figur (Römerfest Haltern, 2014)

Lararium eines Schmieds mit (nach original Vorbild) selbst hergestellter Vulcanius-Figur (Römerfest Haltern, 2014)

Die Penaten, die im Lararium verehrt wurden, konnten also alle Gottheiten und Glaubensrichtungen umfassen, die im römischen Vielvölkerreich existierten. Zahlreiche kleine Larariumsfiguren und Gemälde verschiedenster Götter, wie Merkur, Vulcanus, Minerva, Venus sind überliefert und erhalten und zeigen, daß jeder Gott neben den Laren und dem Genius dort einen Platz haben konnte.

Die Auswahl, welche Gottheiten im Haus verehrt wurden und Einzug in den familiären Kult hielten, oblag dem Familienoberhaupt. Aus diesem Grunde waren die Hausgötter der Familie eher von nachrangiger Bedeutung für die anderen Bewohner des Haushalts wie Diener und Sklaven, die in der Regel ihre eigenen Gottheiten für privaten Anliegen an ihren eigenen Lararien in Küche oder Dienstbereich verehrten.

Zu den Penaten, die immer, unabhängig von den eigenen Göttervorlieben, im Lararium verehrt wurden, gehörte die Göttin Vesta. Als Göttin des Herdfeuers, die auch durch das Feuer verkörpert wurde, war sie Bestandteil jedes Larariums, jedes Haushaltes und jeder Sacra Privata, ebenso wie Janus, der als Gott der Türen, Tore, Anfänge, Eingänge eine fundamentale Bedeutung für den Schutz jedes Hauses und im Hauskult spielte.

Genius

Ein dritter wichtiger Baustein des Hauskultes ist der Genius, der ebenfalls in vielen Larariumsdarstellungen zu finden ist. Der Genius wird meist als männliche Person mit Toga und capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt, zwischen den beiden Laren dargestellt, während er Opferhandlungen an einem Altar durchführt.

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Der Genius loci in Form der Schlange windet sich um den Altar, der Genius des Paterfamilias bringt ein Opfer dar

Hierbei handelt es sich entweder um den Genius des Paterfamilias, des Familienoberhauptes, oder – in einigen Funden – um den Genius Augusti, den Genius des Kaisers.

Der Genius wird einerseits als Schutzgeist des Familienoberhauptes angesehen, der diesen ein Leben lang begleitet. Daneben existieren zeitgleiche Quellen, aus denen hervorgeht, daß der Genius als dem Familienoberhaupt innewohnend angesehen wurde, also nicht als unabhängige Wesenheit von diesem existiert.

Schon in der römischen Kaiserzeit wurden diese widersprüchlichen Ansichten diskutiert und sie existierten nebeneinander (besonders ausführlich diskutiert von Censurinus im 3. Jahrhundert), ohne daß dieser Widerspruch ein Problem darstellte – die römische Religion war immer eine Religion der Orthopraxie, in der rechtes Handeln das entscheidende Element war.

Bronzefigur eines Genius

Bronzefigur eines Genius

Es gab keine Orthodoxie, also einheitliche theologische Lehre, die dem Gläubigen vorschrieb, was er in Bezug auf Natur der Götter, Jenseitsvorstellungen oder Natur der Geister zu glauben hatte. Ein solches Dogma existierte, anders als im späteren Christentum, nicht und sorgte dafür, daß in philosophischen Kreisen eine freie Diskussionskultur über Glaubensfragen blühte, während sich der „normale“ Praktizierende meist gar nicht mit diesen theoretischen Fragen auseinandersetzte, weil sie für seine Kultpraxis schlicht und einfach unerheblich waren. Jeder konnte sich seine eigene Vorstellung über das Göttliche und „Übermenschliche“ machen, ohne daß eine Theorie davon falscher oder richtiger war als eine andere oder praktische Konsequenzen hatte.

Deswegen gibt es aus der römischen Antike unterschiedliche Ansichten darüber, welcher Natur der Genius war. Gleiches gilt analog für die Juno der Frau, die nicht mit der kapitolinischen Göttin Juno verwechselt werden darf, sondern das weibliche Äquivalent zum Genius darstellte. Ihre Verehrung stand in den Haushalten im Mittelpunkt, in denen eine Frau der Haushaltsvorstand war. Es sind einige Lararienbilder überliefert, die statt dem Genius eine Juno als zentrale opfernde Figur zwischen den Laren zeigt, jedoch sind diese Darstellungen deutlich seltener als die „Standarddarstellung“ eines Genius zwischen zwei Laren, die die Mehrzahl der erhaltenen Lararien schmückt.

Daneben gibt es auch Lararienmotive, die keinen Genius zeigen und in die Mitte eine Gottheit – also eine der Penaten – rücken, wie eine personifizierte Darstellung der Göttin Vesta aus dem Lararium einer Bäckerei in Pompeji.

Detailaufnahme eines Genius aus einem Lararium aus Pompeji

Detail eines Genius aus einem Lararium aus Pompeji

Der Genius (seltener die Juno) bringt in Larariendarstellungen immer ein Opfer an einem Altar dar, entweder ein Weihrauchopfer, oder er gießt ein Trankopfer über einer Opferflamme aus.

Ein Mann feiert an seinem Geburtstag seinen Genius und eine Frau ihre Juno. Dieser Brauch ist in zahlreichen Quellen beschrieben. An diesem Tag wird der Genius als Genius Familiaris von der ganzen Familie verehrt, auch von den zugereisten Verwandten, die anläßlich dieser Feier zu Besuch sind. Am Geburtstag einer nahestehenden, aber abwesenden Person war es auch üblich, in Abwesenheit ein Opfer für deren Genius zu bringen. Am 22. Februar wurde zudem die Carista gefeiert, ein Fest, an dem „gute“ nahestehende Verwandte den Hausgöttern ein Opfer darbrachten.

Es gibt Beschreibungen von Opfern für den Genius als auch für die Juno an brennenden und blumenumkränzten arae, kleinen Altären, deren Aufstellungsort nicht ganz eindeutig ist – ob sie sich vor oder im unmittelbaren Umfeld des Larariums befanden oder einen eigenen Ort im Haus hatten.

Genius loci

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Ebenfalls am Lararium verehrt wurde der Genius loci, der Geist des Ortes, der nicht mit den ebenfalls ortsgebundenen Laren und Schutzgeistern des Ortes, identisch ist. Er wurde überwiegend in Form der Schlange verehrt, die im römischen Reich als Glückssymbol und positives Bild zu verstehen ist. Auch darf der Genius loci nicht mit dem zuvor beschriebenen Genius Paterfamilias verwechselt werden.

Die Schlange findet sich in der überwiegenden Mehrzahl der erhaltenen Lararien, was auf die große Bedeutung dieses Elements hinweist.

Alle Orte hatten ihren eigenen Genius loci, nicht nur Häuser, auch natürliche Orte wie Steine, Flüsse, Berge, Sträucher, Seen, Vulkane und wichtige Bereiche wie Türen, Tore, Brücken, Straßen oder Kultplätze. Dabei konnten selbst kleinste Teilbereiche des Lebens ihren eigenen Genius loci haben, wie ein Keller, ein Zimmer oder das Bett, aber auch größere Gebiete wie ganze Städte, Stadtteile, Theater, Märkte und sogar Regionen wie Wüsten oder Provinzen wie Pannonien oder Britannien.

Römer, die auf Reisen waren, brachten unterwegs immer dem „unbekannten Geist des Ortes„, an dem sie weilten, ein Opfer dar, um diesen wohlwollend zu stimmen. Die Gefahr, den Genius loci des Ortes zu ignorieren und dadurch zu verägern, war sonst zu groß. Neben der Darstellung von Schlangen in Lararien und an Wegesteinen kennen wir sie auch aus Weiheinschriften die dem „unbekannten Geist des Ortes“ gewidmet sind.

Aussehen und Einrichtung des Larariums

Wie bereits ausgeführt, enthält das typische Lararium Repräsentationen der vier zuvor beschriebenen Elemente oder Gruppen, die an ihm verehrt werden.

Aufwendiges Lararium aus Pompeji

Aufwendiges Lararium aus Pompeji

Hierbei unterscheiden sie sich in Aufwendigkeit, Herstellungsart und Stil je nach Epoche der römischen Geschichte, nach Region und finanziellen Mitteln der Besitzer. Die Kernelemente jedoch sind meistens gleich oder zumindest so ähnlich, daß sie immer gut zu identifizieren sind. Daraus läßt sich ableiten, daß am Lararium zwar die Sacra Privata praktiziert wurde und die dort verehrten Gottheiten sich stark unterscheiden konnten, daß die grundlegende Kultpraxis im ganzen Reich und in allen Bevölkerungsgruppen jedoch einheitlich und traditionell begründet war.

Aus den Hunderten erhaltenen Lararien, Larariumsbildern und Figuren geht nicht hervor, daß es große Abweichungen oder Varietäten gab; diese finden sich ausschließlich bei den Penaten, die frei wählbar waren. Die anderen Kernelemente – Laren, Genius / Juno und Schlange – sind durchgängig durch die Zeiten und in allen Provinzen zu finden.

Dem liegt das römische Religionsverständnis zugrunde, daß die Einhaltung der korrekten, einheitlichen, überlieferten Form bei der Durchführung eines Rituals oder eine Kulthandlung eine wichtigere Rolle spielt als Gedanken darüber, warum man eine Handlung auf die eine oder andere Weise durchführt oder welcher Natur diejenigen sind, denen man opfert. Das ging so weit, daß man ein Ritual oder eine Kulthandlung von vorne begann, wenn man sich im Ablauf vertan hatte oder sich versprach. Insbesondere im Staatskult wurde peinlichst genau auf die einhundertprozentig korrekte Durchführung geachtet, um die Götter nicht zu verärgern, in deren Hände man schließlich den Schutz des Römischen Reiches legte.

Äußere Gestaltung

Die äußere Gestaltung des Larariums war vielfältig. Neben aufwendigen kleinen Tempeln aus Marmor mit Säulen und Dach gab es große und kleine Wandnischen, Wandvorsprünge oder andere größere oder kleinere Schreine, die Bauwerken nachempfunden waren.

Lararium mit Vesta-Motiv aus Pompeji, einem Lar, Sirona und Mater Magna

Lararium mit Vesta-Motiv aus Pompeji, einem Lar, Sirona und Mater Magna

Um viele Lararien befanden sich spezielle Haltevorrichtungen für Girlanden und Kränze, an denen man die in den Quellen beschriebene Praxis des Schmückens erkennen kann.

Die Rückwand des Larariums, oft auch die umgebende Wand, war meist bemalt. Hierbei fällt auf, daß in den repräsentativen Lararien der teuren römischen Villen interessanterweise in den Larariumsmalereien fast nie Laren und Genius dargestellt sind, sondern nur Hintergrundmalereien wie Girlanden oder Landschaften, Attribute, Orte und die Schlange. Gemalte Darstellungen von Genius, Laren und Göttern sind immer nur in den Lararien im Wohnbereich, in Privaträumen und in den Räumen des Gesindes zu finden.

Deswegen wird in der Forschung davon ausgegangen, daß das Malen szenischer Darstellungen in Lararien als „billige“ Lösung galt und man in den repräsentativen Lararien stattdessen teure Bronze- oder Steinfiguren aufstellte, die Laren und Genius repräsentierten und die vor dem bemalten Hintergrund dekorativ in Szene gesetzt wurden.

Merkur-Larariumsfigur aus dem vicus Eisenberg / Pfalz (Bronzereplik)

Merkur-Larariumsfigur aus dem vicus Eisenberg / Pfalz (Bronzereplik)

Daneben finden sich Mischformen, das heißt, Lararien, in denen die „Standardelemente“ wie Laren, Genius und Penaten zwar auf die Rückwand gemalt waren, in denen aber auch kleine Bronzefiguretten mit Laren- und Götterdarstellungen gefunden wurden.

Die kleinen Figuren nutzte man auch auf Reisen, um sie z.B. in Herbergen in die dort vorgesehenen Nischen zu stellen, damit man auch unterwegs nicht ohne Schutz und göttlichen Ansprechpartner war.

Auch in räumlich beengten Verhältnissen, in denen man mit mehreren Personen in kleinen Räumen lebte und nicht dauerhaft ein Lararium aufgebaut haben konnte, nutzte man Figuren (die es als billige Massenware aus Ton oder anderen Materialien zu kaufen gab), um diese bei Bedarf auf ein Regal oder einen kleinen Altar zu stellen und danach wieder fortzuräumen.

Götter, Laren, Genius

Bis zum Ende der Republik dominieren Darstellungen, sowohl malerischer als auch figürlicher Art, die nur einen Laren zeigen. Dieser hat meist die Form eines tanzenden Jünglings, der ein Füllhorn in der einen und eine Opferschale – die Patera – in der anderen Hand hält.

Ab der Kaiserzeit tauchen Laren fast ausschließlich paarweise auf, in Form zweier spiegelbildlich zueinander tanzender Laren mit erhobenem Cornucopia (Füllhorn) oder Rhyton (einem einhenkeligen Trinkgefäß) und Patera (Opferschale) oder Situla (ein eimerähnliches Gefäß).

Auch figürliche Darstellungen des Genius sind häufig in Form kleiner Bronzefiguren oder Terrakotten überliefert. Hierbei hält der Genius ebenfalls ein Füllhorn und eine Patera in der Hand, befindet sich jedoch nicht in der tanzenden Pose mit fliegendem Gewand, sondern trägt meist eine Art Toga oder Umhang und befindet sich mit verhülltem oder freiem Haupt in Opferpose.

Daneben gibt es zahlreiche Götterfiguren, aus deren Form, Standsockel und Größe darauf geschlossen werden kann, daß sie einst in einem Lararium standen, wenn sie nicht sogar im Fundzusammenhang mit einem Lararium entdeckt wurden. Dabei tauchen zahlreiche Götter des römischen, gallo-römischen, orientalischen oder afrikanischen Pantheons auf. Es gibt – gerade aus dem mitteleuropäischen Raum – sehr viele Merkur-Larariumsfiguren, der offenbar zu den beliebtesten Larariums-Penaten gehörte. Aber auch andere „klassisch-römische“ Götter wie Venus, Jupiter, Fortuna, Minerva, Vulcanus oder Hercules sind als Larariumsfiguren überliefert. Sie sind ebenfalls aus Bronze, Stein, Elfenbein oder Terrakotta gearbeitet und von unterschiedlicher Qualität, von teurer filigraner Arbeit bis hin zu typischer Massenware aus Serienfertigung.

Caesarium mit dem vergöttlichten Kaiser Marcus Aurelius

Caesareum für den  vergöttlichten Kaiser Marcus Aurelius

Eine besonders ergiebige archäologische Quelle für Larariums-Statuetten war der Laden des Sabinus in Pompeji, der auf Handel mit Statuetten und Figuren aller Art spezialisiert war.

Die Schlangen sind meist gemalt, aber es gibt auch einige Funde von Schlangenstatuetten mit Sockel, die man in das Lararium stellte. Auch die Figur eines Genius, über dessen Kopf sich ein Schlangenkopf erhebt, ist erhalten.

Caesarium mit Augustus-Statue in Prima Porta-Darstellung, darüber Repliken von Reliefs, die die Deifikation von Augustus und Claudius zeigen

Caesareum mit Augustus-Statue in Prima Porta-Darstellung, darüber Repliken von Reliefs, die die Deifikation von Augustus und Claudius zeigen

Caesareum

Neben den bekannten römischen Göttern gibt es auch Funde von exotischen Larariumsfiguren wie Anubis, Isis-Fortuna oder gallo-römische Gottheiten. Daneben werden auf Lararien, die nicht in Privathaushalten standen, sondern sich in Geschäften, Handwerksbetrieben oder Kneipen befanden, auch spezifische Götter dargestellt, die für den jeweiligen Ort zuständig waren. Hier dominieren gemalte Darstellungen von Laren, Genius und Penaten, die oft groß und farbenprächtig waren. So findet sich Vesta in Bäckereien, Epona in Ställen, Merkur in Geschäften, Bacchus in Gaststätten.

Sacrarium mit Hercules, Bacchus und Matronen

Sacellum mit Hercules, Bacchus und Matronen

Hinweis: Altäre oder Kultorte im Haus, die ausschließlich einem oder mehreren Göttern gewidmet waren, Figuren für diese enthielten und an denen spezifische Handlungen für diese Gottheiten durchgeführt wurden, werden Sacrarium (wenn größer dimensioniert) oder Sacellum (kleinere Altäre oder Tempelchen) genannt. Das Lararium kann auch Götterdarstellungen enthalten, aber ein Sacrarium enthält keine Elemente eines Larariums, wie Laren, Genius oder Schlange. Oft gab es neben dem Lararium auch ein Sacrarium/Sacellum, an dem eine besonders wichtige Tutelargottheit verehrt wurde.

Kaiserkult wurde am Caesareum praktiziert, das eine oder mehrere Kaiserbüsten oder Statuen enthielt, dazu weitere Gegenstände, die mit den besonders verehrten vergöttlichten Kaisern in Zusammenhang standen, wie Cameos, Reliefs oder Münzen. Der Begriff beschreibt ursprünglich große Tempel des Kaiserkultes, wird heute aber auch für ein Sacellum verwendet, das einem Divus geweiht ist.

Beides sollte nicht mit dem Lararium verwechselt werden, tritt aber oft mit diesem gemeinsam auf und es werden integrierte Kulthandlungen durchgeführt, die alle Elemente miteinander verbinden.

Kultgegenstände

Replik einer römischen Patera

Replik einer römischen Patera

Daneben gehören weitere Gegenstände in das Lararium, die für die Ausübung der Kulthandlungen benötigt wurden. Ihre Form, Qualität und das Material richteten sich nach den finanziellen Mitteln und dem Geschmack der Besitzer; hier gab es keine festen Vorschriften, sondern im Gegenteil eine große Vielfalt an unterschiedlichen Formen und Materialien.

Das Turibulum war ein Räuchergefäß. Hier reichte die Spannweite von einer einfachen Schale über einen Dreifuß aus Steingut oder Ton bis zu aufwendigen Bronzegefäßen. Er erfüllte die Funktion, daß man darin Weihrauch und anderes Räucherwerk verbrennen konnte; es war üblich, dauerhaft während des Tages am Lararium zu räuchern, wenn man es sich leisten konnte, da der wohlriechende Rauch als den Göttern wohlgefällig galt.

Repliken römischer Öllampen

Repliken römischer Öllampen

Die Lucerna war eine Lampe, die ebenfalls dauerhaft brannte, wenn sich jemand im Raum aufhielt. In der Regel handelte es sich dabei um Öllampen aus Ton oder Bronze, deren Motive und Formen vielfältig waren und sich allein nach dem Geschmack des Besitzers richteten.

Bei der Patera handelte es sich um eine Opferschale, in die die Opfergabe gelegt wurde oder mit der eine Opfergabe den Flammen übergeben wurde. Auch hier waren in Form, Verzierung und Material keine Grenzen gesetzt. Zu den überlieferten Opfergaben für die Hausgötter gehörten – neben den Girlanden und Kränze, mit denen Lararium und Statuen geschmückt wurden – Wein, Kuchen, Brot, Weihrauch und Obst. Daneben sind sowohl für Laren als auch Genius Tieropfer in Form von Ferkeln oder Schweinen belegt.

Der Gutus war eine Kanne, die dem Trankopfer, der Libation, diente. Mit diesem Gefäß wurde eine Flüssigkeit (in der Regel Wein oder Milch) vergossen, je nach Kontext in das Feuer, auf den Boden oder in eine Opferschale.

Weitere Gegenstände waren der Weihrauchbehälter (Accera) und ein Salzbehälter (Salinum).

Da am Lararium auch der Ahnenkult praktiziert wurde und der Ahnen gedacht wurde, insbesondere bei Familienfesten und sonstigen familiären Anlässen, war es – zumindest in wohlhabenden römischen Haushalten – auch üblich, Totenmasken oder Gegenstände, die mit den Ahnen in Zusammenhang standen, oder Figürchen, die sie repräsentierten, am oder um das Lararium zu platzieren. Daneben wurden Gegenstände in Lararien gefunden, die für die Hausbewohner eine persönliche Bedeutung hatten und zum Beispiel den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt symbolisierten, wie die Bulla eines Jungen oder eine Dose aus Pompeji, die den ersten Bart des Hausherrn beinhaltete!

Das Lararium in der heutigen Religio Romana

Mit etwas handwerklichem Geschick kann ein Lararium im römischen Stil selbst gebaut werden

Mit etwas handwerklichem Geschick kann ein Lararium im römischen Stil selbst gebaut werden

Das Lararium als zentraler Bestandteil der Sacra Privata oder des Hauskultes spielt auch heute noch eine zentrale Rolle in der Religio Romana, der polytheistischen römischen Religion. Es ist der Fokus der privaten Kultpraxis und deswegen beginnt der Einstieg in die Religio Romana auch immer mit der Einrichtung eines Larariums, um dort seine ersten Schritte in die weite Welt des Cultus Deorum Romanorum zu gehen.

Jedem Einsteiger in die Religio Romana wird deshalb als erstes die Errichtung eines Larariums empfohlen. Da über den Larenkult sehr viele antike Quellen existieren und zudem zahlreiche neuere Texte und wissenschaftliche Abhandlungen Hintergrundinformationen liefern, ist es ein sehr gutes Thema und Startpunkt, um sich in die Sacra Privata einzuarbeiten und sich mit dem Quellenstudium und der praktischen Anwendung sowie ersten römischen Kulthandlungen vertraut zu machen.

Das Lararium muß zu Beginn nicht aufwendig gestaltet sein, wird im Laufe der Zeit aber von selbst wachsen und sich weiterentwickeln, wenn man tiefer in die Religio Romana eintaucht und weitere Bereiche kennenlernt, sich zum Beispiel mit unterschiedlichen Göttern und rituellen Handlungen, Bereichen wie den Auspizien, der experimentellen Archäologie (zum Beispiel im Bezug auf römische Musik, römische Speisen inklusive selbst gebackenes Opferbrot, Kleidung etc.), oder auch dem Kaiserkult beschäftigt.

Nach römischem Brauch kann ein Opfer auch direkt in den Kamin gegeben werden

Nach römischem Brauch kann ein Opfer auch direkt in den Kamin gegeben werden

Es ist ein hevorragender erster Fokus, um sich in ein überschaubares Gebiet einzuarbeiten – Laren, Genius / Juno, Genius Loci und vielleicht der erste Hausgott.

Ein Lararium ist wegen seiner zentralen Bedeutung Grundvorausetzung, um die Religio Romana zu praktizieren und findet sich deswegen daheim bei jedem praktizierenden Cultor.

Auf unserer Website findet Ihr deswegen in unserer Kategorie „Cultus Deorum Romanorum“ neben allgemeinen Artikeln zur römischen Religion einige Artikel, die sich mit dem Lararium und der Kultpraxis am Lararium im römischen Rekonstruktionismus befassen. Unter anderem empfehlen wir für Einsteiger:

Weitere Artikel findet Ihr in unserer Artikelübersicht zum Cultus Deorum

Weiterführende Literatur

Wir möchten an dieser Stelle insbesondere folgende wissenschaftliche Arbeiten empfehlen, die sich explizit und im Detail mit Laren, Lararien und dem Larenkult beschäftigen.

Einige davon sind zwar älteren Datums, was ihren generellen Nutzen als Informationsquelle jedoch nicht schmälert, auch wenn die neuere Forschung einige der darin aufgeführten Erkenntnisse mittlerweile erweitert oder revidiert hat.

Ansonsten finden sich Ausführungen zum Larenkult und Lararien in zahlreichen weiteren wissenschaftlichen, insbesondere regionalarchäologischen Abhandlungen und Artikeln.

  • Thomas Fröhlich: Lararien und Fassadenbilder in den Vesuvstädten. Untersuchungen zur „volkstümlichen“ pompejanischen Malerei. Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, 32. Ergänzungsheft, 1991. 370 Seiten plus Anhang mit Farbtafeln und Bildern. Download auf academia.edu
  • Annemarie Kaufmann-Heinimann: Götter und Lararien aus Augusta Raurica. Herstellung, Zusammenhänge und sakrale Funktion figürlicher Bronzen in einer römischen Stadt. Forschungen in Augst 26, 1998. 360 Seiten. Download auf academica.edu
  • Margaret C. Waites: The Nature of the Lares and Their Representation in Roman Art. Artikel im American Journal of Archeology, Archaeological Institute of America, Volume 24, Juli 1920. Download

Artikel © Q. Albia Corvina,  03/2015

Artikel © Q. Albia Corvina, 03/2015

Kultpraxis: Götterstatuen und -figuren im römischen Cultus

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Irgendwann ist es so weit: der römische Cultor entdeckt auf einem Römerfest, bei einem Replikenmacher oder in einem Museum die Replik einer Götterfigur, ein Relief oder eine Statue, die sich perfekt im Sacrarium oder Lararium machen würde!

Immer wieder geschieht es, daß wir solchen Gottheiten, die eine besondere Rolle in unserem privaten Cultus spielen, auf unseren Reisen durch das römische Reich begegnen – zum Beispiel in Form einer handgefertigten bronzenen Replik einer winzigen Mercurius-Larariumsfigur aus dem pfälzischen vicus Eisenberg bis hin zu Museumsrepliken lokaler oder überregional bedeutsamer Gottheiten (wie z.B. dem kleinen Matronen-Weihestein im Eifelzentrum Nettersheim, oder einer Figur der Sirona im Landesmuseum Trier) oder anderen Statuetten und Figuren.

Als römischer Cultor hat man neben dem Lararium, das das Kernelement des privaten Cultus, der Sacra Privata (auch Cultus Domesticus, also häuslicher Kult, genannt), bildet, meist noch einen oder mehrere persönliche „Hausgötter„, die man dem weiteren Kreis seiner Penaten zurechnet und in seinen Cultus integriert. Beispiele dafür sind Tutelargottheiten oder regionale (wie gallo-römische) Gottheiten, die in der Gegend eine wichtige Rolle spielen, in der man lebt, oder einige der „großen“ römischen Götter, denen man sich verbunden fühlt und die man in seinen persönlichen Cultus integrieren möchte.

Die Sacra Privata war schon in römischer Zeit, wie der Begriff nahelegt, Privatsache, in die der Staat sich nicht einmischte und für die es keine allgemeinverbindlichen Regeln, Vorschriften oder Verpflichtungen gab. Welchen Cultus man daheim praktizierte, welche Götter im persönlichen Leben eine Rolle spielten, war nicht geregelt und stand jedem frei. Lediglich der öffentliche Staatskult war durch feste Vorschriften reglementiert und von allen Einwohnern zu akzeptieren, da er Garant für die Einheit und den Frieden des Römischen Reichs mit den Göttern – und für ihre Schutzgewährung war, den Pax Deorum.

So lange man in seiner privaten Praxis nichts tat, was dem Staatskult zuwiderlief oder diesen gar ablehnte, war man frei darin, welche Götter man daheim verehrte und welche Praktiken man vollzog. Ausnahmen bildeten Praktiken, die gegen Gesetze verstießen, wie Menschenopfer, oder Magie, Schadenszauber und Verfluchungen (wie man es z.B. aus dem Kybele-Kult kennt), die in der Geschichte zeitweilig ebenfalls strafbar waren, weil sie die öffentliche Ordnung gefährdeten oder Kulte, deren Praktiken ebenfalls als Ordnungsstörung galten, wie der zeitweilig verbotene orgiastische Bacchus-Kult.

Es sprach theoretisch nicht einmal etwas dagegen, im heimischen Lararium eine Statue von Jesus Christus aufzustellen (Kaiser Alexander Severus soll dies getan haben), so lange man nicht mit seiner Ansicht an die Öffentlichkeit trat, daß der „eine Gott“ der einzig wahre sei und die römischen Götter nicht existierten und man sich weigerte, am Staats- und Kaiserkult teilzunehmen – denn auch das gefährdete den Pax Deorum.

Unser Artikel zu diesem Thema beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

(mehr …)

Die Interpretatio Romana: Identifikation fremder Götter mit römischen Gottheiten

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Immer wieder hört man (oft von Einsteigern in den römischen Cultus oder aus anderen polytheistischen Richtungen stammenden Heiden) gestellte Fragen wie: „Welchem römischen Gott entspricht der keltische Gott Lug?“ oder „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter mit anderen Namen?“ oder „Ich habe eine besondere Beziehung zum ägyptischen Gott Ra, welchem römischen Gott entspricht das?“ oder „Sind Diana und Artemis die gleichen Personen?“.

Diese Fragestellungen greifen zu kurz, denn sie setzen voraus, daß es bei den Römern eine Art „1:1 Umsetzungstabelle“ zwischen „fremden“ Göttern und römischen Göttern gab. Es werden einfache Listen erwartet, wie jeder sie von den Entsprechungen der 12 olympischen Göttern der Griechen mit den 12 Dei Consentes der Römer kennt: Jupiter = Zeus, Hera = Juno, Poseidon = Neptun,  Merkur = Hermes oder Ares = Mars.

Tatsächlich sind nicht einmal diese allseits bekannten Gleichsetzungen der 12 höchsten Götter exakte Übertragungen identischer Gottheiten unter anderem Namen, sondern ihre Persönlichkeiten, Charakteristika und Zuständigkeiten sind zwar sehr ähnlich und wurden zum Teil von einer Kultur in die andere übertragen, gleichzeitig nahmen sie aber auch in der römischen Religion eine andere Entwicklung mit neuen Eigenschaften, Genealogie oder neuen Zuständigkeitsgebieten.

Ein sehr gutes Beispiel bietet die Frage: „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter unter anderem Namen?„:

Gleichzeitig zu den zuvor aufgezählten griechischen Entsprechungen, gibt es zu den 12 römischen Dei Consentes auch etruskische Gleichsetzungen. Viele davon sind originär etruskisch-italische Götter, die nicht (wie z.B. der etruskische Apulo = Apollo oder Artumes = Artemis) aus Griechenland importiert wurden. Tatsächlich ist nicht immer klar, welche Dei Consentes ihren Einzug in die römische Götterwelt über die griechische Kultur gefunden haben (die gerade zur Zeit der Republik extrem populär und angesagt war) oder ob sie aus der etruskischen Kultur stammen, die der römischen Kultur in Italien vorausging und von ihr assimiliert wurde – wobei auch die Etrusker und Griechen in regem kulturellem Austausch miteinander standen und sich gegenseitig beeinflussten.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Ein Beispiel hierfür ist Menerva (gleichgesetzt mit Minerva / Athene), eine originär etruskische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Ihre Eltern sind Uni und Tinia und nach ihnen ist sie die höchste Himmelsgottheit und Teil der göttlichen etruskischen Dreiheit. Diese wiederum ist Vorbild für die römische kapitolinische Trias aus Jupiter, Juno und Minerva.

Ein anderes interessantes Beispiel ist Laran (Ares, Mars), ein alter etruskischer Erd- und Fruchtbarkeitsgott, der später auch Kriegsgott wurde. So kann Laran durchaus dafür verantwortlich sein, daß der römische Mars nicht nur ein klassischer Kriegsgott ist, sondern auch als Beschützer der Felder, des Viehs, der Höfe und der Grenzen gilt – was wiederum später zur Gleichsetzung mit dem gallischen Gott Intarabus führte, der gar keine Funktion als Kriegsgott hat, sondern als lokaler genius loci Schutzherr der Felder und der Landwirtschaft ist.

Auch Selvas war ein originär-etruskischer Gott, der mit dem römischen Vegetationsgott Silvanus gleichgesetzt wurde. Da Silvanus ebenfalls die Felder und Landwirtschaft beschützt, wurde er im römischen Cultus zum Teil zu Mars-Silvanus verschmolzen. Die Gleichsetzung mit dem gallischen Intarabus als Mars-Intarabus bezieht sich deswegen wahrscheinlich auf diesen Mars-Silvanus-Aspekt und nicht auf den kriegerischen des klassischen Mars.

Allein diese Beispiele zeigen, daß eine einfache 1:1 Übertragung nach dem Motto: „Dieser Gott ist jener Gott“ nicht sinnvoll ist. Denn in der Regel bezieht sich eine Übertragung nur auf einen Teilaspekt, manchmal eine einzige isolierte Zuständigkeit, während andere Zuständigkeiten und Aspekte vollkommen ausgeblendet werden. Auch beeinflussen assimilierte Götter anderer Kulturen wiederum die Ausprägungen bekannter Götter oder fügen diese neue Zuständigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte hinzu.

Was ist „Interpretatio Romana“ überhaupt?

Der Begriff „Interpretatio Romana“ (Latein für „römische Auslegung“ oder „römische Deutung“) bezeichnet die römische Sitte, „fremde“ Götter (worunter in diesem Artikel der Einfachheit halber immer Götter und Göttinnen gefaßt sind) durch funktionale Identifikation mit römischen Göttern in die eigene Religion und den römischen Cultus aufzunehmen.

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Römer bezweifelten niemals die Existenz anderer Götter. Für sie stand es völlig außer Frage, daß es Götter und Göttinnen in anderen Ländern gab, deren Namen, Zuständigkeiten, Funktionen oder Geschlecht sie nicht kannten. Sie bezweifelten nicht einmal, daß es in ihrem eigenen Reich, ja, sogar mitten Rom, Götter gab, die ihnen nicht bekannt waren.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, daß Götter anderer Völker, insbesondere der Völker, gegen die man Krieg führte oder die man unterworfen hatte, in ihren angestammten Heimatregionen besonders stark waren und viel Einfluß hatten – es bestand die reale Chance, daß ein lokaler Gott vor Ort mächtiger war als ein Gott im fernen Rom, der in der Provinz wenig Einfluß hatte.

So machte es für den Römer vollkommen Sinn, sich auch an die Götter zu wenden, die an seinem aktuellen Aufenthaltsort Einfluß und Macht besaßen, selbst wenn sie sehr lokal waren. Es konnte nicht schaden, sie in seinen Cultus zu integrieren und sich mit Anliegen an sie zu wenden. So wandte sich ein Römer an der Mosel, wenn er krank war, sicher eher an den gallischen Heilgott Lenus (in seiner Form als Lenus-Mars), dessen Tempelkomplex auf dem Martberg überregionale Bedeutung als Pilgerstätte besaß, als an den fernen Aesculapius in Rom.

Auch war man der Ansicht, daß Völker, mit denen man sich im Krieg befand, unter dem Schutz ihrer eigenen – möglicherweise sehr mächtigen – Götter standen. Deshalb war es gängige Praxis, diese fremden Götter vor einer wichtigen Schlacht anzurufen und sie zum Wechseln der Seiten zu bewegen. Dabei wurde ihnen als Gegenleistung für einen Sieg in Aussicht gestellt, daß man ihnen Tempel errichten und sie zukünftig im Rahmen der römischen Religion verehren würde. Dieses Ritual wurde „Evocatio“ genannt. Da die Römer auf ihren Feldzügen sehr erfolgreich waren, fanden auf diese Weise viele Götter aus den unterschiedlichsten Winkeln des Imperiums Einzug in die römische Götterwelt, denn natürlich wurde der Vertrag nach gewonnener Schlacht eingelöst.

Eine der berühmtesten dieser Evokationen ereignete sich im Jahr 392 v. Chr. in der Schlacht gegen die Veiianer. Camillus rief die Schutzgöttin der etruskischen Stadt Veii an und versprach ihr einen Tempel auf dem Aventin in Rom, um sich dort niederzulassen. Nach gewonnener Schlacht wurde der Tempel mitsamt einer Statue der Göttin errichtet. Diese Göttin wurde zu Juno Regina, die Königin der Götter Roms.

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Der Begriff „Interpretatio Romana“ wurde vom römischen Schriftsteller Tacitus geprägt, der ihn in seiner „Germania“ zur Gleichsetzung des Zwillingspaars Castor und Pollux mit den germanischen Alci verwendete (Germania, 43: „Bei den Nahanarvalen zeigt man einen Hain uralter Gottverehrung. Ihr steht ein Priester vor in geschmückter Weibertracht, doch nennt man als die Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux: dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alcen. Keine Bilder, keine Spur fremden Dienstes; doch als Brüder, als Jünglinge gedacht verehrt man sie“). Diese Stelle ist der einzige literarische Nachweis des Begriffs „Interpretatio Romana“, die Praxis der Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen findet sich jedoch in zahlreichen Quellen, wie zum Beispiel bei Caesar in De Bello Gallico, wo er Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva als die fünf Hauptgottheiten der Gallier bezeichnet (De Bello Gallico, 6,17).

Plinius der Ältere erklärte in seiner „Naturgeschichte“ die Gleichsetzung einheimischer Götter mit fremden Göttern mit der Vorstellung, daß Völker bestimmte Götter unter verschiedenen Namen kennen. Er prägte dafür den Ausdruck „nomina alia aliis gentibus“ („verschiedene Namen bei verschiedenen Völkern“, Naturalis historia, 2.5.15).

Ebenso spielte die Gleichsetzung eines einheimischen Gottes mit einem römischen Gott auch für die unterworfenen Völker eine wichtige Rolle bei der Eingliederung in das Römische Reich und für den Prozess der Romanisierung. Die Tatsache, daß ihre Götter nicht verboten, verleugnet oder unterdrückt wurden, sondern ihre Verehrung weiterhin erlaubt war – ja, sogar von den neuen Herren übernommen und gefördert wurde,- war ein wichtiger Bestandteil der Romanisierung und der Befriedung einer Provinz. So lange die Praktiken nicht gegen römisches Recht verstießen (z.B. Menschenopfer), genossen die Bewohner der neuen Provinzen völlige Religionsfreiheit. Oft erlebten sie, daß ihre Kultstätten, an denen sie die Götter verehrten, von den Römern zur Verehrung eben dieser Gottheiten weiter genutzt wurden, wenn auch in römischer Form, indem man dort die typischen gallo-römischen Umgangstempel errichtete, die es nur in den Provinzen nördlich der Alpen gab, und den Göttern aufwendige und imposante Gebäudekomplexe gewidmet wurden.

Dadurch, daß die Römer ihre eigenen Götter problemlos mit den einheimischen Göttern identifizieren konnten, gab es keine kulturelle Barriere, wie es sie bei der Übernahme eines Landes durch ein Volk mit einer völlig fremden, inkompatiblen Religion gegeben hätte, die die dort verwurzelte Religion verboten oder unterdrückt hätte.

Dies führte wiederum im Gegenzug zu eigenen Identifikationsbestrebungen wie der Interpretatio Gallica, in der Gallier römische Götter annahmen und in ihren Pantheon integrierten. Die einheimische Bevölkerung war dadurch auch schneller bereit, die römischen Darstellungen und Namen der Götter anzunehmen (vgl. hierzu: „Cernunnos: Origin and Transformation of a Celtic Divinity“ von Phyllis Fray Bober, veröffentlicht im American Journal of Archaeology, Vol. 55, No. 1 (Jan., 1951), S. 13-51: „… indigenous population’s readiness to accept for their religious personalities, often aniconic, the artistic types and names of those Roman divinities whose natures may include one or more parallel functions – interpretatio gallica.“)

So gewährleistete die Interpretatio Romana den Religionsfrieden („Pax Deorum“) im riesigen Vielvölkerreich des Imperium Romanum.

Wie erfolgte die Gleichsetzung eines fremden Gottes mit einem römischen Gott?

Ein einheimischer Gott, sei er keltisch, aus dem Nahen Osten oder Afrika, wurde nicht in der ursprünglichen Form in den römischen Cultus aufgenommen, in der ihn die „Barbaren“ verehrten.

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Wie auch die Bevölkerung in den eroberten Gebieten, so wurde sozusagen auch der Gott romanisiert. Das geschah in erster Linie initialisiert durch die Frage, mit welchem bekannten römischen Gott er identifiziert werden konnte, um ihn in eine römische Form zu übertragen und ihm ein kultiviertes Gesicht zu verleihen. Darstellungen, Namen, Attribute wurden an den römischen Geschmack angepaßt (Römer mißtrauten zum Beispiel Göttern in Tierform).

Hierbei wurden oft nur wichtige Einzelaspekte oder Eigenarten betrachtet, die eine besondere Rolle spielten und ins Auge fielen, während weitere Zuständigkeiten und Eigenschaften eines fremden Gottes zum Teil offensichtlich uninteressant waren. Da die römische Göttervorstellung sehr flexibel war, war es sogar möglich, teils widersprüchliche Eigenschaften oder Zuständigkeiten in einer Gottheit zu vereinen. Auch gab es viele Überschneidungen, d.h. mehrere Götter konnten für das gleiche Gebiet zuständig sein, was die Identifikation mit fremden Göttern wiederum erleichterte und letztlich die vielfältigen existierenden Zuordnungen erklärt.

Die meisten Zuordnungen römischer Götter zu fremden Göttern kennt man von Inschriften auf Weihesteinen, die oft einem römischen Gott mit einem einheimischen Theonym (Beinamen) gewidmet waren. Während einige Namenskombinationen sehr lokal sind und nur auf einem oder wenigen Weihesteinen vorkommen, sind andere in ganz Europa verbreitet.

Die weitaus größte Anzahl an Kombinationen findet sich bei römischen mit gallischen Göttern, so daß hier die Interpretatio Romana zu einer ganz eigenen gallo-römischen Religionsform geführt hat, die es bei keinem anderen nicht-römischen Volk in diesem Variantenreichtum gegeben hat.

Hierbei fällt insbesondere auf, daß man bei der Zuordnung zu römischen Göttern nicht sonderlich detailreich ans Werk ging. Es war nicht etwa so, daß man sich jeden einheimischen Gott genau anschaute und dann überlegte, zu welchem der zahllosen, oft hochdifferenzierten Götter aus der römischen Götterwelt dieser neue Gott nun am besten passen würde. Ganz im Gegenteil wurde die ganz überwiegende Mehrheit einheimischer Götter (vor allem der gallischen Götter) mit nur wenigen römischen Hauptgöttern gleichgesetzt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen – zu nennen sind hier vor allem Merkur (anscheinend der beliebteste Gott in Gallien überhaupt), Apollo und Mars, zuweilen auch Herkules, der in Gallien ebenfalls hohe Popularität besaß.

Wer entschied, welcher fremde Gott welchem römischen Gott entsprach?

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Besonders interessant ist die Tatsache, daß es (vor allem in der Provinz, fernab von Rom) keine „offizielle Götterzuordnungsstelle“ oder etwas derartiges gab – etwas, das in heutigen heidnisch motivierten Diskussionen oft nicht bekannt zu sein scheint resp. was man dort geradezu erwartet und voraussetzt.

Immer wieder begegnet man heute in Diskussionen der Vorstellung, daß die Zuordnung eines römischen Gottes zu einem fremden Gott aktenkundig, von einer kompetenten Stelle mit Brief und Siegel hochoffiziell beschlossen wurde und unerschütterlich feststand, ganz so, als führten die Römer (wie heutige okkultistische Kabbalisten) allgemeingültige Listen und offizielle Entsprechungstabellen darüber, wer mit wem gleichzusetzen war. Das war nicht der Fall.

Es gab tatsächlich keine offizielle Stelle, die entschied, welcher Gott einem anderen Gott zuzuordnen war. Ganz im Gegenteil wurden die Zuordnungen, vor allem im Rahmen der privaten Religionsausübung, auf vielfältige und oft recht pragmatische Weise getroffen.

Weihesteine wurden von allen Teilen der Bevölkerung gestiftet, von Sklaven und Freigelassenen, von zugezogenen Römern und Einheimischen, von Adligen und Bürgern, von Händlern, Handwerkern und Bauern – sie unterschieden sich allenfalls in Größe, Kosten und Aufmachung. Römische Religion bestand immer schon aus zwei getrennten Bereichen: dem privaten Kult (Sacra Privata) und dem öffentlichen Staatskult (Sacra Publica). So lange man als Einwohner des Imperiums den öffentlichen Staatskult akzeptierte und damit zeigte, man gehörte zur Gemeinschaft dazu, mischte sich der Staat nicht in die Praktiken des privaten Kultes ein.

Im privaten Kult oblag es jedem Einzelnen, welche Götter er in in diesen einbezog, welche Rituale oder Feste er beging oder wen er mit welchem Anliegen ansprach. Jeder wandte sich in der römischen Religion mit seinen privaten Anliegen direkt an den betreffenden Gott und machte mit diesem seinen privaten Vertrag aus („Wenn Du mir Heilung schenkst und mein Bein wieder verheilt, widme ich Dir danach als Dank einen Weihestein“ oder „wenn das Geschäft erfolgreich ist, stifte ich danach eine bestimmte Summe Deinem Tempel vor Ort“). Priester fungierten nicht als Vermittler oder „Zwischenmann“ zwischen einem Menschen und einem Gott; jeder konnte sich jederzeit direkt und ganz persönlich an die Götter wenden.

Das führte dazu, daß man – gerade in der Provinz – nicht unbedingt die „Großen 12“ verehrte. Viele der römischen Götter spielten vor allem in der Stadt Rom und allenfalls in Italien eine größere Rolle, während man nördlich der Alpen nicht einmal alle großen Feiertage beging (die oft nur in Rom selbst gefeiert wurden). Man empfand die großen römischen Götter, die vor allem im Staatskult eine wichtige Rolle spielten, oft als fern, während die lokalen Gottheiten, die von Einheimischen schon immer traditionell verehrt wurden, viel näher und „persönlicher“ wirkten und einfach präsenter waren. Wie im zuvor erwähnten Aesculapius / Lenus-Mars-Beispiel hatte man in der Provinz deshalb oft ein enges, persönliches Verhältnis zu lokalen Ausprägungen oder orientierte sich an Tempeln in der Nähe, zu denen man einfacher pilgern konnte als ins ferne Rom.

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Gerade hier bei uns in Westdeutschland waren etwa die Matronentempel rund um Nettersheim, der Lenus-Mars-Tempel auf dem Martberg oder der Tempelkomplex bei Tawern überregional bedeutsame Pilgerstätten, die Rat- und Heilsuchende von Nah und Fern anzogen, Einheimische wie Legionäre oder Zugezogene. Viele der hier verehrten Götter, wie die drei Matronen, Apollo-Grannus, Lenus-Mars oder Mars-Intarabus, waren im fernen Rom unbekannt oder zumindest unbedeutend.

Einige jedoch schafften es sogar in Rom zu Beliebtheit, wie die keltische Rosmerta oder Epona, die jedoch beide keine Gleichsetzungen mit originär römischen Gottheiten  erfuhren. Rosmerta wurde, aufgrund der Attributgleichheit, Merkur als Gefährtin zur Seite gestellt, da sie – weil sie eine Göttin war – nicht ‚theologisch‘ mit ihm kombiniert werden konnte und in der gallischen Vorstellung ebenfalls einen göttlichen Gefährten hatte. Zu Epona, der Schutzherrin der Pferde, gab es kein römisches Äquivalent, deshalb wurde sie vollständig, mitsamt ihres keltischen Namens, übernommen. Manche Götter und Göttinnen, wie die ägyptische Isis, behielten ihren Namen, verloren aber ihr exotisches Erscheinungsbild und wurden in einer der römischen Vorstellung gefälligen Weise dargestellt. Damit ging dann oft auch ein Funktionswandel einher, so daß manche Götter trotz des gleichen Namens nicht mehr viel mit ihren ursprünglichen Vorbildern gemein hatten.

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Die Tatsache, daß gallische Götter oft einfach nur mit Mars, Merkur oder Apollo gleichgesetzt wurden, führte leider auch dazu, daß Wissen über die speziellen Funktionen und Attribute der ehemals keltischen Götter verloren ging. Es gibt keine schriftlichen gallischen Aufzeichnungen über ihre Götterwelt und Vorstellungen; alle schriftlichen Quellen stammen von Römern und sind deswegen durch die Interpretatio Romana gefärbt. Dadurch, daß die Identifikation so „generisch“ mit immer den gleichen 3-4 „großen“ Göttern erfolgte (deren Zuständigkeiten zudem sehr differenziert waren), ist heute oft unklar, welchem Teilaspekt dieser Götter der zugeordnete gallische Gott entsprach, so daß es schwierig ist, daraus die ursprünglichen Eigenschaften der nicht-römischen Götter zu rekonstruieren.

Oft kam es auch vor, daß man sich an die lokalen Götter wandte, ohne genau zu wissen, um wen es sich dabei handelte, ganz einfach, weil es in der Region üblich war, das zu tun und weil man gehört hatte, daß diese Gottheit mit dem fremden Namen auch anderen Leuten geholfen hatte. Dafür sahen römische Rituale eigene Floskeln vor, die man in diesem Fall verwendete, um niemanden zu verärgern oder zu beleidigen. Ein Beispiel dafür war die Formulierung „sive deus sive dea“ („seist Du Gott oder Göttin“), die verwendet wurde, wenn der Name oder die Erscheinungsform eines Gottes nicht genau bekannt war. Eine ebenfalls beliebte und oft verwendete Anrede war ein allgemein gehaltenes „Gott oder Göttin, die diesen Ort beschützt„. Für viele einheimische Lokal- und Ortsgötter gab es zuvor noch keine römische Gleichsetzung, so daß man eventuell, wenn man nun einen Weihestein errichten wollte, der erste war, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah.

Wollte man nun ein Gelübde erfüllen, indem man eine Weiheinschrift in Auftrag gab, so sind unterschiedliche Wege überliefert, die eine bestimmte Kombination von Namen zur Folge hatten. Oft erfolgte eine Zuordnung eher „freifliegend“, was dazu führte, daß manche Gleichsetzungen nur von einem einzigen Ort her bekannt und belegt sind und sich der Zusammenhang auch nicht erschließt. Andere Gleichsetzungen schienen wiederum weit verbreitet und allgemein akzeptiert zu sein, da sie an ganz verschiedenen Lokalitäten überall in Europa auftauchen. Manche Gleichsetzungen wiederum sind sehr lokal begrenzt, tauchen in diesem engen Bereich dafür aber sehr häufig auf.

Mancherorts wandte man sich (um eine „offizielle“ Deutung zu bekommen), mit seinem Anliegen an den örtlichen Magistraten oder Ortsvorsteher, der Land und Leute gut kannte. Von diesem erbat man sich Hilfe in der Fragestellung, wie man den einheimischen Gott auf römische Weise titulieren sollte. Wenn man Glück hatte, war man nicht der erste, der an den Lokalpolitiker herantrat. Wenn man Pech hatte, war der Mann kreativ und schlug etwas vor, das seiner eigenen Vorstellung entsprach.

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Es stand auch jedem frei, eine beliebige Weiheinschrift selbst in Auftrag zu geben, indem man seine eigenen Gedanken oder Gleichsetzungen in Stein meißeln ließ. Da sich nicht jeder kompetent genug in dieser Frage fühlte, war es auch gängige Praxis, sich mit diesem Anliegen direkt an den Steinmetz vor Ort zu wenden! Steinmetze führten die Aufträge für zahlreiche Weihesteine aus, insbesondere in der Nähe von Tempeln und heiligen Orten, und so konnte man davon ausgehen, daß sie gängige Kombinationen von göttlichen Namen kannten oder das meißelten, was Kunden vor ihnen in Auftrag gegeben hatten, so daß man die Entscheidung aus diesen pragmatischen Gründen einfach ihnen überließ.

Das führte zu zahllosen Kombinationen von Namen und Schreibweisen derselben für ein und denselben Gott. So existieren für den mit Mars gleichgesetzten keltischen Gott Intarabus auch Weihesteine in der Schreibweise Entarabus oder Interabus. Er ist (bisher muss man natürlich immer sagen, weil wir uns hier auf archäologische Funde stützen, die jederzeit durch neue Funde und Erkenntnisse ergänzt werden könnten) auch nur aus einem eng begrenzten Raum zwischen Luxemburg, Belgien und Westdeutschland bekannt.

Es konnte auf diese Weise auch durchaus vorkommen, daß ein einheimischer Gott an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen römischen Göttern gleichgesetzt wurde, einfach weil der jeweilige Schwerpunkt der zur Identifikation geführt hatte, ein anderer war.

Im privaten Kult gab es keine Vorschriften oder Regeln, nach denen man einen Gott mit einem anderen gleichzusetzen hatte – das war, wie die gesamte Sacra Privata – eine persönliche Entscheidung, die mal mehr, mal weniger passend war.

Aufnahme fremder Götter in den Staatskult

Anders sah die Integration fremder Götter in den Staatskult bzw. ihre öffentliche Anerkennung aus.

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Wurde ein Gott durch Evocatio, Assimilation oder aus einem anderen Grund in die römische Religion übernommen, oder offenbarte sich ein „urrömischer“ Gott, der zuvor unbekannt gewesen war (aber möglicherweise schon immer in der Stadt existiert hatte), hieß das noch lange nicht, daß er auch sofort anerkannt, verehrt und ins offizielle Kultgeschehen einbezogen wurde. Da ein Gott, wie zuvor beschrieben, in der römischen Vorstellung nichts anderes war als ein Bürger höchsten Ranges und Standes, mußte er erst offiziell in die Gemeinschaft „adoptiert“ werden.

Innerhalb einer Familie oder Sippe geschah die Adoption eines Gottes als Hausgott, der im privaten Kult verehrt wurde, durch den Paterfamilias.

Im römischen Staat gab es öffentliche Einrichtungen, die die Integration eines Gottes und dessen Zuordnung akzeptieren mußten – oder ablehnen konnten.  Die Aufnahme wurde durch Mehrheitsentscheid des Senats getroffen – oder eben abgelehnt (vgl. Tertullian, Apologeticus 5.1: „Unter euch Heiden hängt eines Gottes Göttlichkeit von der Entscheidung der Menschen ab. Sofern ein Gott nicht dem Menschen gefällig ist, soll er gar kein Gott sein“).

Es wurde erwartet, daß sich ein Gott – wenn er einmal in den Staatskult aufgenommen worden war – positiv und ruhig verhielt. Offizielle römische Rituale betonten die gutartige Natur eines Gottes und den Nutzen und guten Dienst, den ein Gott gegenüber dem römischen Volk ausübte. Deswegen legten öffentliche Rituale auch Wert auf die Feststellung, daß das Römische Reich von den Göttern und den Magistraten gemeinsam regiert wurde. Wie römische Staatsbeamte, hatten römische Götter zwar ein Mitspracherecht in wichtigen Entscheidungen, mußten sich aber – wie diese – auch an die römischen Sitten und Gepflogenheiten halten, das heißt, sie hatten kein Vorrecht in der Äußerung ihrer Meinung, sondern man erwartete, daß sie nur antworteten, wenn der Staat sich an sie wandte. Aber selbst dann erwartete man keine redseligen Kundgebungen göttlichen Willens, sondern allenfalls ein „Ja“ oder „Nein“ bezüglich der Frage, wie man sich in einer anstehenden Entscheidung zu verhalten habe. Ein Beispiel hierfür sind die öffentlichen Auspizien, die angewendet wurden, um die Meinung der Götter zu einer Frage einzuholen. Selbst wenn ein Gott, zum Beispiel Jupiter, seinen Unmut durch ein eindeutiges Zeichen wie einen Blitzschlag kundtat, oblag es immer noch den Magistraten dieses Zeichen zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Wenn man einem Gott einen Tempel errichtete, wurde er im Anschluss rituell eingeladen, sich darin niederzulassen. Genauso gut war es möglich, einen Gott aus seinem Heiligtum zu verbannen, wenn man den Raum für etwas anderes brauchte oder seine Statue umwidmen wollte. Auch dafür existierten fest vorgeschriebene Riten.

Anders verhielt es sich mit anderen – natürlichen – Orten, in denen eine Gottheit residierte, wie einem Fluß, einer Höhle oder einem Hain. Diese waren fest in der Hand des Gottes und es war allenfalls möglich, sie mit einem Ritual darum zu bitten, an dem Ort teilhaben zu dürfen (zum Beispiel, wenn man dort etwas bauen oder anpflanzen wollte) und versprach, dort im Gegenzug ein kleines Heiligtum zu errichten.

Götter, die vom römischen Staat letztlich akzeptiert waren, wurden offiziell nach Rom eingeladen und erhielten dort einen traditionellen Namen, einen Ort und einen dazugehörigen Kult.

Das hatte jedoch keinerlei Einfluß darauf, ob ein Händler in Bonn einen Weihestein für Mercurius Gebrinius errichten ließ oder ob ein Steinmetz im Brohltal einen Stein für Hercules Invictus, Hercules Barbatus oder Hercules Saxanus meißelte.

Also gibt es keine „Who’s Who“-Listen der römischen Götterwelt mit ihren fremdländischen Entsprechungen?

Doch, die gibt es durchaus. Niemand würde in Frage stellen, daß Venus mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt wurde, Vulcanus mit Hephaistos oder Ra mit Apollo.

Lokale Kombinationen wie Lenus-Mars oder Apollo-Grannus sind überregional bekannt und durch zahlreiche Weiheinschriften belegt.

Was wir jedoch mit diesem Artikel vermitteln möchten, ist, daß das Thema viel komplexer ist und sich nicht auf Fragen wie: „Welchem keltischen Gott entspricht Merkur?“ reduzieren lassen (Antwort: mindestens 20 verschiedene Entsprechungen sind bekannt). Erst einmal gibt es, insbesondere bei den keltisch-römischen Gleichsetzungen, keine „offizielle“ Absegnung der Götterpaare, sondern ihr Ursprung ist so verschieden, wie die Menschen, die ihre Weihesteine in Auftrag gaben. Wahrscheinlich waren nicht einmal alle diese Gleichsetzungen sinnvoll.

Als „Mater Magna“ wurde die kleinasiatische Göttin Kybele in diesem Heiligtum in Mogontiacum (Mainz) verehrt

Nichtsdestotrotz spielte das keine Rolle für die Dankbarkeit eines Geheilten, der einen Weihestein für einen lokalen Gott in Auftrag geben ließ und es dabei dem Steinmetz überließ, welchen Namen er in den Stein schlug. Genausowenig spielte es eine Rolle, wenn sich ein Ratsuchender an einen lokalen Gott wandte, der ihm von Einheimischen empfohlen wurde aber dessen genauen Namen oder Funktion er eigentlich gar nicht so genau kannte. Wichtiger war, daß ihm geholfen wurde und daß er seiner Dankbarkeit danach durch das Einhalten des Vertrages Ausdruck verlieh, also das tat, was er als Dank vorher festgelegt und angeboten hatte.

Foren-Diskussionen darüber, ob der moderne Marienkult sich nun eigentlich an Isis wendet, oder mit welchen römischen Göttern haitianische Voodoo-Götter gleichgesetzt werden können, sind deswegen müßig (ja, sowas gibt es tatsächlich!). Welcher Gott welchem exotischen Gott in der Interpretatio Romana entsprechen mag, kann nicht abschließend und mit „wissenschaftlicher Exaktheit“ beantwortet werden, basierend auf eindeutigen Zuordnungen bezüglich Attributen, Zuständigkeiten oder Erscheinungsform – denn schon die Römer gingen nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit an die Frage.

Die Zuordnung erfolgte nicht dogmatisch und es kam durchaus vor, daß einem gallischen Gott an verschiedenen Orten unterschiedliche römische Götter zugeordnet wurden, wie man es aus Weiheinschriften weiß.

Aber auch schon damals erging man sich in philosophischen Überlegungen, wie der Frage, wem etwa Gottheiten aus monotheistischen Religionen  – wie z.B. der Gott der Juden – zugeordnet werden könnten (Varro identifizierte ihn als Caelus oder Jupiter Optimus Maximus). Der anatolische, doppelköpfige Sturmgott Teshub wurde zum bei Soldaten hoch verehrten Jupiter Dolichenus. Römische Zeitgenossen, die jüdische Gebete an Yahwe Sabaoth hörten, deuteten diese als Anrufungen für den thrakischen Gott Sabazios.

Die Interpretatio Romana ist deswegen viel mehr als eine simple Gleichsetzung von Gott A mit Gott B, sondern ein sehr vielschichtiges, interessantes Thema, bei dem sich immer wieder spannende Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Göttern und Kulturen ergeben.

Nachtrag:

Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Aber sind die synkretisierten Götter denn nun ein- und derselbe Gott?“ d.h. ist Apollo-Grannus  gleich dem klassischen Apollo oder ist Mars gleich Ares gleich Lenus gleich Intarabus, nur unter anderen Namen? Oder handelt es sich um vollkommen eigenständige Persönlichkeiten, sprich: lokale Götter, die einander nur ähnlich sind? Oder sind es Attribut-Gottheiten, das heißt, personifizieren diese Götter Teilaspekte eines einzigen Gottes?

Da diese Frage nach der „Natur des Göttlichen“ den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf diesen Abschnitt in unserem Artikel „Kultpraxis: Götterfiguren im römischen Cultus“ verweisen, in dem diese Frage angesprochen sowie für die Kultpraxis eingeordnet wird.


Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Antike Stätten: Römisches Matronenheiligtum Nettersheim

 Update Mai 2014:

Im Mai 2014 eröffnete der „Archäologische Landschaftspark Nettersheim„. Durch neue Grabungen und Erkenntnisse aus der hier noch immer laufenden archäologischen Forschung wurde der zum Tempel gehörige Vicus Marcomagus samt Kleinkastell entdeckt und zum Teil freigelegt. Noch immer forscht und gräbt dort die Universität Köln, die durch geophysikalische Bodenuntersuchungen zahlreiche weitere Gebäude entlang der Agrippastraße ermittelt hat. Das Gelände wird jetzt vor allem für Lehrgrabungen genutzt und weiter freigelegt.

Reger Betrieb anläßlich der Eröffnung des Archäologieparks am 18. Mai 2014

Reger Betrieb anläßlich der Eröffnung des Archäologieparks am 18. Mai 2014

Nun führt ein 4,5 Kilometer langer, mit „Matronenlogo“ gekennzeichneter Rundweg vom Naturzentrum Nettersheim zum Tempel. Von dort ist es möglich, der mit Schotter und einer Waldschneise angedeuteten Agrippastraße hinab zur Urft zu folgen. Streifenhäuser der hier an der vielbefahrenen Schnellstraße ansässigen Handwerker und Händler sind zum Teil restauriert. Eine Holzbrücke überquert die Urft an der Stelle der originalen Römerbrücke und führt zum Kleinkastell am anderen Ufer, in dem die Beneficarier ansässig waren, die hier besonders den Matronenkult pflegten.

Durch die Umgestaltung des Geländes wurde auch der Tempel höher aufgemauert und neusten wissenschaftlichen Erkenntissen angepaßt. Er gilt nun nicht mehr als typisch gallo-römischer Umgangstempel, sondern der Haupttempel bestand aus einem Gebäude ohne säulengetragenen Umgang.

Die Weihesteine wurden vom Eingang der Cella entfernt und rund um das Tempelgebäude aufgestellt. Hierbei wurden die Steine durch (etwas einfacher gestaltete) Repliken ersetzt, was lt. Informationen eines wissenschaftlichen Mitarbeiters des Naturzentrums auch dem Vandalismus bzw. der Souvenierjägerschaft vieler Besucher zu verdanken ist, die sich oft Stücke der alten, detaillierten Weihesteine abbrachen und diese mitnahmen.

Die Informationstafeln wurden überarbeitet und neu gestaltet.

Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken und bietet eine tolle Aussicht über die Eifel

Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken und bietet eine tolle Aussicht über die Eifel

Anschrift: 

Es handelt sich um ein Höhenheiligtum auf einem Bergrücken. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt:

Der Tempel „Görresburg“ liegt im Urfttal bei Nettersheim in der Eifel. Er ist nicht direkt mit dem Auto zu erreichen, sondern muß erwandert werden.

Nettersheim ist mit dem Auto über die A1 zu erreichen. Der Ort hat auch einen Bahnhof, der von Regionalbahnen aus Köln, Trier und Gerolstein angefahren wird, so daß er für Eifelverhältnisse sehr gut erreichbar ist.

Im Ortskern von Nettersheim befindet sich das „Naturzentrum Eifel„, das als Ausgangspunkt genommen werden kann. Hier gibt es auch Parkmöglichkeiten, ein Museum zu den Themen Archäologie, Geologie und Biologie mit Museumsshop (samt Matronenrepliken!) und einem kleinem Cafe mit hausgemachtem Kuchen, Kaffee und Tee. Auch gibt es im Ort ein großes Jugendgästehaus mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten sowie viele Möglichkeiten zur privaten Unterkunft, da der Ort ganz auf Naturtourismus ausgerichtet ist.

Rund um Nettersheim gibt es gut ausgeschilderte Wanderrouten, wie den „Erlebnispfad“ und den „Schmetterlingspfad“, deren Pläne im Naturzentrum erhältlich sind. Der Matronentempel ist nun Teil des Archäologischen Landschaftsparks und kann auf einem gut ausgeschilderten Rundweg erwandert werden.

Vom Naturzentrum aus führt der Weg entlang der Urft über einen breiten, gut ausgebauten Wanderweg zum Hügel, auf dem das Matronenheiligtum zu finden ist. Es führen zwei Wege auf den Gipfel hinauf, ein steilerer Hohlweg am Nordhang und ein breiter, asphaltierter Weg für Gehbehinderte und Besucher mit Kinderwagen.

Der Weg zum Tempel ist stark frequentiert, da er von allen drei Matronentempeln der beliebteste und bekannteste ist. Die Entfernung vom Naturzentrum beträgt etwa 1,5 Kilometer. Neben dem Archäologischen Landschaftspark ist der Tempel an die 12 km lange Rundwanderroute „Archäologie entdecken“ angebunden, die ebenfalls am Naturzentrum beginnt und auf der unter anderem auch der Beginn der Eifeler Wasserleitung, die einst Köln mit 20 Millionen Litern Trinkwasser täglich versorgte, zu besichtigen ist (Römischer Brunnenanlage „Grüner Pütz“).

Hintergrund:

Das Matronenheiligtum liegt auf dem Rücken eines Berges oberhalb des Urfttales. Hier entdeckten Bauern im Jahr 1909 große Steine mit den Abbildern „merkwürdiger Figuren“. Archäologen identifizierten die Steine als Weihesteine für Matronen, lokale Schutz- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, die meist in Dreiergruppen auftreten. Sie sind typisch für den Eifelraum, wo sie ursprünglich von einheimischen Kelten (wahrscheinlich den hier ansässigen Eburonen) und Germanen (von den Römern angesiedelte Ubier) verehrt wurden. Die Römer, beginnend mit den hier stationierten Legionären, übernahmen den Kult, der germanische, keltische und römische Einflüsse miteinander verschmolz, und die Matronen erlangten regional sehr große Beliebtheit. Steinerne Bilder von Matronen sind seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. bekannt.

Die Weihesteine für die Matronen

Die Weihesteine für die Matronen (Position bis 2014)

In unmittelbarer Nähe, in nur wenigen Kilometern Entfernung, liegen zwei weitere Matronenheiligtümer: der Matronentempel von Zingsheim und der „Heidentempel“ von Nöthen/Pesch, wobei Zingsheim genau in der Mitte zwischen den anderen beiden liegt, so daß angenommen wird, daß die drei Heiligtümer miteinander in Verbindung standen.

Das Bergheiligtum bei Nettersheim lag direkt an der Agrippastraße, einer vielbereisten römischen „Schnellstraße“ zwischen Köln, der Landeshauptstadt der Germania inferior und Trier, der Kaiserstadt in Gallien. Die unmittelbare Lage an der mit einer Trassenbreite von 12 Metern belegten Schnellstraße zeigt die Bedeutung des Tempels, der auf diese Weise gut von Pilgern erreicht werden konnte, aber vermutlich auch anderen Reisenden Unterkunft und Rastmöglichkeit bot. Der Verlauf der Agrippastraße ist heute im Archäologiepark mit Schotter verdeutlicht; die virtuelle Fortsetzung wird durch eine in den anschließenden Eifelwald geschlagene Schneise gezeigt.

Die Tempelanlage lag oberhalb der römischen Siedlung, die sich südlich vom Tempel am Ufer der Urft befand. Der Name der Siedlung ist nicht bekannt, da auf Bruchstücken von Wegsteinen kein Ortsname erhalten ist, lediglich der Hinweis auf den Ort, den vicus. Neue Forschungen gehen davon aus, daß es sich um den auf römischen Karten verzeichneten Ort Marcomagus handelt (der nicht mit dem einige Kilometer entfernten Marmagen identisch ist, dessen Position vermutlich in fränkischer Zeit eine Ortsverschiebung erfuhr).

Die Weihesteine sind nun rund um das Tempelgebäude aufgestellt (ab 2014)

Die Weihesteine sind nun rund um das Tempelgebäude aufgestellt

Bei ersten Ausgrabungen datierte man die Weihesteine auf etwa 200 n.Chr. Es wurde eine lange Umfassungsmauer mit Eingang und Ausgang freigelegt, die drei Gebäude umschließt, eines davon eine große Cella, sowie Brandgruben für Opferungen. Bei den Ausgrabungen fand man weitere Weihesteine, Tonscherben, Säulenreste, Keramik, Münzen, 40 Inschriftensteine und andere Stücke, die in das Rheinische Landesmuseum in Bonn gebracht wurden und die die große Bedeutung im damaligen römischen Cultus belegen. Nach den ersten Ausgrabungen wuchs die Tempelanlage wieder zu und wurde erst im Jahr 1977 erneut archäologisch untersucht. Südlich außerhalb der Umrandung wurden zudem Fundamentreste entdeckt, die zeigen, daß dort noch weitere Gebäude zu finden waren.

Im Jahr 2009 wurden durch neue geophysikalische Untersuchungsmethoden der dazugehörige Vicus und das Kastell entdeckt und zum Teil freigelegt. Im Rahmen dieser Ausgrabungen wurde auch der Tempel neu bewertet, unter anderem in einer Magisterarbeit einer Kölner Archäologiestudentin, die neue Erkenntnisse zum Aufbau und Betrieb der Kultstätte erbrachten und zur Neugestaltung der Anlage führten.

Die Cella war aus Kalkbruchstein mit Ziegeln gemauert und an den Außenmauern weiß verputzt. Ein offener, von hölzernen Säulen getragener Umgang, der bis 2009 vermutet wurde (wie man es auch vom Martberg an der Mosel sowie vom Matronentempel Pesch kennt, wo die Säulenfundamente erhalten sind), gilt heute als nicht mehr belegt und wurde in modernen Rekonstruktionszeichnungen entfernt.

Schließlich wurden die Mauerreste teilrekonstruiert und etwa 1,30 Meter hoch aufgemauert, um Besuchern eine bessere Vorstellung vom Aufbau des Tempelkomplexes zu vermitteln. Außerdem wurden Replikate der Weihesteine aufgestellt, deren Originale im Rheinischen Landesmuseum Bonn besichtigt werden können.

Verehrt wurden hier die Matronae Aufaniae, die aufanischen Matronen. Im Gegensatz zu den nur aus dieser Gegend bekannten fachineischen Matronen (die in Zingsheim verehrt wurden), waren die aufanischen Matronen in ganz Westeuropa verbreitet, so in Bonn, Köln, Jülich, Xanten, Nijmegen, Düsseldorf, Mainz, Lyon und sogar im spanischen Carmona, wie über 90 Fundstellen belegen.

Die neuen Informationstafeln des Archäologieparks sind gut gestaltet

Die neuen Informationstafeln des Archäologieparks sind gut gestaltet

Der Tempel bestand vom 1. bis zum 4. Jahrhundert. Viele der Weihesteine stammten von Angehörigen der römischen Schutztruppen (Benefiziarier, also so etwas wie Straßenpolizisten), die im Kleinkastell unterhalb des Tempels am Ufer der Urft stationiert waren und wahrscheinlich zur Legio I Minervia aus Bonn gehörten.

Die Übersetzung der Inschriften auf den drei großen, am Eingang zum Tempel aufgestellten Weihesteine lautet:

Linker Stein: „Den Aufanischen Matronen hat Marcus Pettronius Patroclus, Benefiziarier im Stabe des Statthalters und zum zweiten Male auf Posten, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst.“

Mittlerer Stein: „Den Aufanischen Matronen hat Gaius Lucretius Fatius, Benefiziarier im Stabe des Statthalters, gerne nach ihrem Verdienst sein Gelübde eingelöst.“

Rechter Stein: „Den Aufanischen Göttinnen für das Heil des unbesiegten Kaisers Antonius hat Marcus Aurelius Agrippinus, Benefiziarier im Stabe des Statthalters, sein Gelübde gerne und nach ihrem Verdienst eingelöst.“

Da im letzten Stein der Kaiser genannt wird, läßt er sich sehr genau auf die Jahre zwischen 211 und 222 datieren.

Auf der Vorderseite zeigen alle Steine sitzende weibliche Figuren. An den Schmalseiten sind verschiedene Abbildungen zu finden, so ein Füllhorn, ein Altar mit einem Schweinekopf, sowie andere Gottheiten (zum Beispiel Venus und Herkules auf dem mittleren Weihestein).

Beschreibung:

Dieses Matronenheiligtum ist ganz sicher das bekannteste und am meisten besuchte aller in der Eifel liegenden Matronenheiligtümer. Der Weg dorthin ist landschaftlich sehr reizvoll und die exponierte Lage auf dem Bergrücken erlaubt eine uneingeschränkte Aussicht auf das Urfttal und die umliegenden Berge, Felder und Wälder der Eifel. Durch die Anlage des Archäologieparks wird der Tempel nun in einen völlig neuen Zusammenhang gestellt und durch die räumliche Nähe zur Handwerker- und Handelsstraße sowie zum Kastell ergibt sich eine viel deutlichere Vorstellung vom damaligen Betrieb, den man sich wie eine Mischung aus reger Geschäftsstraße und Pilgerverkehr in Kevelaer vorstellen kann.

Der Tempel ist gut ausgeschildert. Ein Matronenlogo weist den Weg

Der Tempel ist gut ausgeschildert. Ein Matronenlogo weist den Weg

Die Anlage ist gepflegt und sauber. Informationstafeln informieren über die Geschichte und Hintergründe dieser Tempelanlage. Sie finden sich überall entlang des Rundweges und wurden durch die Gemeinde Nettersheim aufgestellt, die den Tempel zusammen mit dem Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege betreut.

Es gibt auch eine Schutzhütte sowie die Möglichkeit zum Picknick.

Es herrscht oft reger Betrieb in der Tempelanlage, wobei das Publikum sehr gemischt ist. Sowohl Schulklassen und Wanderer auf dem Erlebnispfad des Naturzentrums suchen diesen Ort auf, als auch Angehörige diverser religiöser und gesellschaftlicher Gruppen. Von meditierenden Frauengruppen über Wicca bis hin zu Anhängern des Asatru und freien Hexen ist hier alles anzutreffen. Auch finden sich hier archäologisch interessierte Besucher, auf den Spuren der Römer durch die Eifel reisend, denn der Tempel gehört auch zu den überregionalen Zielen der „Straßen der Römer an Eifel und Mosel“, die mit einem Reiseführer zwischen summenden, singenden und trommelnden Frauen umherwandern. Chancen auf weniger Besucher hat man eher außerhalb der Ferienzeit und bei etwas bedeckterem Wetter sowie im Winter.

Auch auf den neuen Weihesteinen finden sich schon Opfergaben

Auch auf den neuen Weihesteinen finden sich schon Opfergaben

Es sind immer frische Opfergaben an den Matronensteinen zu finden. Darunter eher traditionelle Gaben aller möglichen Kulte wie Opferbrote, Blumen, Räucherwerk, Früchten, Münzen bis hin zu modernen Suggestiv-Zettelchen rat- oder heilungssuchender Frauen mit Aufschriften wie: „Ich bin stark und liebenswert“ oder kleinen, abstrakten, selbstgemachten Gemälden oder handgefertigten Figürchen aus Ton oder Stroh.

Das Ablegen eigener Opfergaben und das Räuchern stellt auch für den römisch-rekonstruktionistischen Cultor generell kein Problem dar, auch wenn man natürlich selbst entscheiden muß, ob man mit lateinischen Ritualen und römischer Kopfbedeckung unbedingt die Aufmerksamkeit von gerade anwesenden modernen Hexen auf sich ziehen möchte. Erwischt man aber einen guten Zeitpunkt, so kann man in Ruhe und ungestört die Cella umwandern.

Meistens lassen sich die Anwesenden gegenseitig in Ruhe, so fanden wir bei unserem letzten Besuch sowohl eine Frau vor, die im Schneidersitz vor den Matronensteinen saß und in ein Gebet vertieft war, als auch eine Gruppe aus drei Frauen, die leise sprechend im Umgang des Tempels saßen.

Durch die Einbettung in den Archäologischen Landschaftspark und die räumliche Nähe zum Vicus und Kastell ist nun mit höherem Besucheraufkommen zu rechnen, da die Anzahl der Sehenswürdigkeiten und ihre Präsentation nun für Touristen und Wanderer sehr attraktiv geworden ist.

Eintritt und Zugänglichkeit:

Der Tempel und der Archäologische Landschaftspark ist jederzeit frei zugänglich. Man muß allerdings zu Fuß hinwandern, da eine direkte Zufahrt mit dem Auto nicht möglich ist.

Auch nächtliche Besuche sind möglich, wobei jedoch zu beachten ist, daß die exponierte Lage auf dem Rücken des Berges im Umland weithin sichtbar ist, was insbesondere bei Feuer zu beachten ist.

Wer irgendwelche nächtlichen Rituale durchführen möchte, sollte im Auge behalten, daß es ab und zu auch germanische Gruppen nachts zu diesem Tempel zieht, deren Praktiken mit dem Cultus Deorum eher inkompatibel sind. Auch mit hexischen Aktivitäten zu besonderen Anlässen wie Beltane oder Sonnenwende ist zu rechnen.

Abgesehen davon, daß nächtliche Tempelaktivitäten in der römischen Religion, von speziellen Kulten für besondere Gottheiten einmal abgesehen, ohnehin eher unüblich waren, steht einem Besuch dieses Ortes bei Nacht um der Atmosphäre willen nichts im Wege, sofern man den Weg durch die dunkle, unbeleuchtete Eifellandschaft findet und potentielle Begegnungen mit anderen Nachtschwärmern in Kauf nimmt.

Sonstiges:

Die Anlage ist weitläufig und es gibt auch einen Unterstand, der vor Unwetter schützt

Die Anlage ist weitläufig und es gibt auch einen Unterstand, der vor Unwetter schützt

Zwischenzeitlich gab es Pläne der Gemeindeverwaltung Nettersheim, einen gigantischen hölzernen Kubus in die Cella des Tempels zu bauen. Dieses Projekt wurde – den Göttern sei Dank -nach Protesten zahlreicher Interessengruppen und der Bevölkerung gestoppt.

Fotografieren ist natürlich uneingeschränkt möglich.

Der Besuch des Tempels sollte idealerweise mit einem Besuch aller drei Matronentempel in der Gegend kombiniert werden, die aufgrund ihrer unmittelbaren Nähe alle an einem Tag aufgesucht werden können.

Auch sollte man unbedingt den kompletten Rundwanderweg gehen, um ein vollständiges Bild von der Lage des Tempels oberhalb der Schnellstraße und von der dazugehörigen Siedlung zu erhalten.

Das Naturzentrum Nettersheim bietet auch Fahrten mit einem römischen Reisewagen zum Tempel an.

Teilnahme an Wochend-Grabungscamps unter fachkundiger archäologischer Führung ist ebenfalls möglich!

Weiterführende Informationen:

 

Kultpraxis: Auspizien im privaten Cultus

Dieser Artikel ist Teil III einer Serie über die Auspizien, d.h. die „Vogelschau“ oder Deutung von Zeichen als Ausdruck göttlichen Willens.

In Teil I („Die Auspizien – Deuten des Götterwillens aus Zeichen„) werden die Grundlagen und Hintergründe der Auspizien und ihre Bedeutung für den römischen Staatskult beschrieben. Teil II („Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus„) beschäftigt sich mit den Unterschieden zwischen der Deutung von Zeichen als Botschaften der Götter und „abergläubischen“ Praktiken im Alten Rom, zwischen denen die Römer sehr wohl zu differenzieren vermochten.

Dieser Teil beschäftigt sich mit der praktischen Anwendung und gibt Hinweise zur Deutung der Zeichen, da diese auch für den modernen Cultor in der Religio Romana als Ausdrucksmittel der Götter eine Rolle spielen.

Es wird empfohlen, auf jeden Fall vorher Teil I zu lesen, da dort die Grundlagen erklärt werden (diese werden hier nicht mehr wiederholt).


Wer darf Auspizien durchführen?

Im Staatskult waren Auguren für die Durchführung der öffentlichen Auspizien zuständig. Das bedeutete aber nicht, daß sie ein Monopol darauf hatten; im privaten Kult konnte jeder für sich ebenfalls Auspizien durchführen. Der Augur trug nur die Verantwortung für die Auspizien in allen öffentlichen Belangen, wie politischen, zivilen und militärischen Entscheidungen. Da von seiner Interpretation abhing, ob ein Unterfangen in Angriff genommen wurde oder nicht, zum Beispiel ein Feldzug, eine Ratsversammlung, die Einberufung eines Politikers in ein Amt, hatte er hinter den Kulissen die höchste Macht im Staat – waren die Zeichen dagegen, standen alle Räder still, bis die Götter einem Ansinnen wohlgesonnen waren. Deswegen war die Berufung in das Collegium der Auguren und die damit verbundene Berechtigung, öffentliche Auspizien durchzuführen, nur wenigen, sorgfältig ausgewählten und in Staatsdingen erfahrenen Männern vorbehalten.

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Im privaten Bereich gab es jedoch keine Einschränkungen, auch, weil private Auspizien keinen Einfluß auf die Ordnung des Staates und der Gesellschaft hatten. Sie betrafen in der Regel immer nur familiäre oder sogar sehr persönliche Angelegenheiten. Jeder, ob Mann oder Frau, Freier oder Sklave, hatte das Recht, private Auspizien durchzuführen. Jeder konnte sich mit einem privaten Anliegen an jeden Gott seiner Wahl wenden und die Auspizien, die nach einer Antwort der Gottheit Ausschau hielten, waren Privatsache zwischen der Person und der Gottheit. In private religiöse Angelegenheiten mischte sich der Staat nicht ein.

Es war üblich, daß in Angelegenheiten, die die Familie betrafen, der Paterfamilias, d.h. das Familienoberhaupt, die Auspizien durchführte. In einem gemeinsamen Ritual wurde um ein gutes Gelingen einer Sache gebeten, zum Beispiel für die Hochzeit eines Kindes oder einem wichtigen Geschäft wie Haus- oder Landverkauf, oder einer anderen Angelegenheit, die die ganze Familie betraf wie der Eröffnung eines Geschäfts oder eine bevorstehende Reise. Als letzter Schritt des Rituals, das – je nach Anlaß – am heimischen Hausschrein oder einem Tempel oder Schrein durchgeführt wurde, erfolgten die Auspizien, bei denen das Oberhaupt die Götter darum bat, ein Zeichen zu schicken (natürlich idealerweise ein günstiges, das die Zustimmung der Götter signalisierte, also ein auguria impetrativa).

Daneben konnte sich jeder in einem privaten Ritual an einen Gott oder eine Göttin wenden und um Rat in einer privaten und ganz persönlichen Angelegenheit bitten. Auch hier war es üblich, im Anschluß in Auspizien um ein Zeichen zu bitten, wie die Götter zu der Angelegenheit stehen.

Unverlangte Zeichen und spontane Zeichen 

Im privaten Bereich beschränkte sich die Deutung von Zeichen nicht auf den engen Rahmen von Auspizien, die an einem festgelegten Ort zu einem festgelegten Zeitfenster nach einem festen Ritual durchgeführt wurden. Für viele war das in Alltagsangelegenheiten zeitlich und räumlich auch gar nicht praktikabel oder es wäre bei kleinen Anliegen des täglichen Bedarfs vollkommen überdimensioniert.

Römer waren, wie in Teil II dieser Reihe beschrieben, mit den grundlegenden Bedeutungen vieler Zeichen vertraut und fest davon überzeugt, daß Götter sich ihnen auch unverlangt oder spontan auf diese Weise mitteilten. Sie waren geradezu besessen von der Deutung von Zeichen, die sie in vielen Erscheinungen und Ereignissen entdeckten.

So war es durchaus möglich, auch spontan einem Zeichen zu begegnen, selbst wenn in einem Ritual oder Gebet keines angefordert worden war. Der einfache Mensch von der Straße hielt deswegen die Augen nach Zeichen offen und war bestrebt, sie in seinem Sinne zu deuten.

Auspizien für den modernen Cultor?!

Auch für den modernen Cultor gilt, daß Götter sich dem Menschen in erster Linie durch Zeichen mitteilen. Diese Form der Bekundung göttlichen Willens ist die unmittelbare Reaktion auf eine Bitte oder ein Anliegen, das man einem Gott vorträgt oder auf die Frage, ob ein Opfer angenommen wurde.

Im Rahmen des heidnisch-römischen Rekonstruktionismus gibt es keinen Grund, von diesem fundamentalen Baustein der Religio Romana abzuweichen. Deswegen gilt es auch heute, daß man als letzten Schritt eines Rituals Ausschau nach Zeichen hält oder für einen gewissen Zeitraum auf Zeichen wartet, um zu erfahren, wie die Götter zu dem Ansinnen stehen.

In den meisten Fällen genügt die Feststellung, daß kein Zeichen geschickt wird, denn kein Zeichen bedeutet, daß die Götter dem Anliegen gleichgültig gegenüberstehen, aber auch keine ablehnende Meinung haben oder dem Cultor gar von einem geplanten Unterfangen abraten. „Kein Zeichen“ ist deswegen die häufigste Antwort, mit der man sich nach einem Ritual zufriedengibt.

Da über Auspizien zahlreiche Aufzeichungen überliefert sind, unter anderem durch Cicero (der selbst Augur war) sowie durch Plautus, Varro, Plinius und Horaz, sind wir heute in der glücklichen Lage, die wichtigsten Zeichen, auf die man in der römischen Antike achtete, zu kennen.

Wann ist ein Zeichen ein Zeichen?

Auspizien waren keine exakte Wissenschaft, sondern oblagen immer auch der Interpretation durch den Auguren oder Praktizierenden.

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Neben einigen feststehenden Grundregeln, zum Beispiel was die Himmelsrichtungen und Art der Zeichen angeht, ist es wichtig, seiner Intuition zu folgen.

Zwar steht die Bedeutung der wichtigsten Zeichen fest, die grundlegende Entscheidung, ob ein vermeintliches Zeichen überhaupt als Zeichen oder Antwort auf die Frage zu werten ist, kann nur intuitiv getroffen werden. Hierbei ist es wichtig, nicht zu rational an die Sache heranzugehen und allzu lange über das Zeichen nachzudenken. Wenn man das Gefühl hat, daß ein bestimmtes Zeichen ein Omen war, unabhängig davon, ob es im vereinbarten Zeitfenster erschien oder ob es das erwartetete Zeichen war, dann wird es ein Zeichen gewesen sein und ist als solches zu werten.

Es gilt die Grundregel, daß die Intuition feststellt, ob es sich überhaupt um ein Zeichen handelt. Die Tradition interpretiert dieses Zeichen im Anschluß anhand der bestehenden Kriterien und Gesetzmäßigkeiten. Das „ob es ein Zeichen ist“ ist dem Auguren also freigestellt, aber das „was bedeutet es“ ist durch überlieferte Regeln festgelegt und kann nicht verändert werden.

Wann und wie lange nach einem Ritual sollte nach Zeichen Ausschau gehalten werden?

Es sollte ein nur kurzer Zeitraum nach dem Ritual bestimmt werden, in dem die Zeichen als solche „gelten“.

Unmittelbar nach dem Ritual befindet man sich noch in einer geeigneten Stimmung und ist aufnahmebereiter, als wenn einen Alltag und Berufsleben wieder eingeholt haben. Auch besteht die Gefahr, wenn man den Zeitraum für die Antwort zu lange bestimmt (z.B. „bitte schick mir ein Zeichen in 24 Stunden“), daß mehrere Zeichen eintreffen, die sich zum Teil widersprechen, da natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, daß irgendeines durch Zufall eintrifft, steigt. Oder daß man ein Zeichen übersieht, da man natürlich nicht 24 Stunden lang in den Himmel starrt, sondern irgendwann auch wieder im Büro sitzt und dort einen profanen Computermonitor vor sich hat, während draußen die Vögel ihre Bahnen ziehen.

Der Vorteil, sich einen festgelegten Zeitraum zu wählen, liegt auch darin, daß es keine Unklarheit darüber gibt, wann ein Zeichen gilt. Es kann passieren, daß man zuerst ein ungünstiges Zeichen empfängt; hat man sich auf keinen Zeitraum festgelegt, gerät man in die Zwangslage, entscheiden zu müssen, ob man weiter wartet, ob irgendwann ein positives Zeichen erscheint.

Länger als eine Stunde sollte man den Zeitraum nicht wählen, insbesondere nicht als Einsteiger, wenn ohnehin noch Unsicherheit über den Empfang der Zeichen herrscht.

Hierbei sollten die Götter jedoch nicht um die Chance betrogen werden, überhaupt eine Antwort geben zu können. Legt man – aus Angst vor einem negativen Zeichen – einen unsinnig kurzen Zeitraum fest, zum Beispiel 10 Sekunden, und beendet man danach sofort die Auspizien mit der Überzeugung, daß es „kein Zeichen“ gegeben hat (und kein Zeichen ist für den Römer ein gutes Zeichen!), dann entspricht das nicht dem Sinn dieser Regeln. Die Zeit sollte schon so bemessen sein, daß es möglich ist, ein Zeichen zu empfangen.

Während der Auspizien ist absolute Stille und Schweigen zu wahren. Unabhängig vom gewählten Zeitraum gilt: sobald der Augur oder Praktizierende ein Geräusch macht, spricht oder seinen Platz verläßt, enden die Auspizien auf jeden Fall und auf der Stelle.

Deswegen lauten die wichtigsten Regeln:

  • die Auspizien sollten unmittelbar nach dem Ritual gehalten werden
  • der Zeitraum sollte so kurz bemessen sein, daß man in der Lage ist, während dieser Zeit ununterbrochen den Himmel zu beobachten
  • wenn ein Zeichen eintrifft und man das Gefühl hat, daß es eine Antwort auf die Frage oder das Opfer ist, dann ist es das auch
  • Der Zeitraum, in dem die Zeichen gelten, ist von vornherein festzulegen
  • Sobald ein Geräusch gemacht wird oder der Praktizierende aufsteht, enden die Auspizien auf der Stelle und alle danach empfangenen Zeichen sind ungültig

Wie sind die Auspizien durchzuführen?

Achtung, hier wird nicht die Durchführung offizieller Auspizien im Staatskult durch den Auguren und Magistraten beschrieben, denn das ist nicht der Anspruch dieses Artikels! Diese Rituale folgten komplexen Formen und Regeln und waren sehr aufwendig in der Durchführung, auch wenn die dabei erhaltenen Zeichen im Prinzip gleich interpretiert wurden wie im privaten Cultus. Die folgenden Hinweise dienen ausschließlich der Durchführung der privaten Zeichenschau.

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auspizien im engeren Sinne werden unter freiem Himmel durchgeführt, das heißt, es genügt nicht, durch ein Fenster zu schauen (außerdem will man ja auch den Ruf der Vögel hören, der durch eine Fensterscheibe nicht unbedingt durchdringt).

Zur Beobachtung des Himmels sucht man sich einen Ausschnitt, den man betrachten möchte (Templum). Diesen Ausschnitt unterteilt man im Geiste durch zwei Linien (cardo) in vier gleichgroße Quadranten. Diese Quadranten können ebenfalls noch einmal in jeweils vier Unterquadranten unterteilt werden, so daß der Himmelsausschnitt aus 16 gleich großen Teilen besteht (wie in den offiziellen Auspizien und Haruspizien des Staatskultes).

Der Ausschnitt des Himmels, den man sich erwählt, enthält alle Himmelsrichtungen und vereint diese in seinen vier Quadranten und den imaginären Linien, die die Quadranten unterteilen. Der Ausschnitt zeigt also die zu Interpretationszwecken genutzte „rechte“ und „linke“ Hälfte, als auch Westen, Norden, Süden, Osten und daraus folgend NW, NE, SW, SE als mögliche Richtungen, aus denen Zeichen empfangen werden können.

Interessant ist an dieser Stelle die Tatsache, daß in den römischen Quellen die linke Seite als Osten bezeichnet wird, während die rechte Seite als Westen gilt – also umgekehrt zu unseren heutigen Gewohnheiten (vom Geologenkompaß einmal abgesehen, auf dem Osten und Westen ebenfalls vertauscht sind). Nach Varro ruft der Auspex, der Magistrat, der die öffentlichen Auspizien leitet, folgendes aus: „Dieses zu meiner Linken sei Osten, und zu meiner Rechten sei Westen. Diese Richtung vor mir sei Süden, die hinter mir sei Norden.“ (Varro, „Über die Lateinische Sprache“, VII, 8). Die Ansicht, das rechts Westen sei und links Osten, ist bereits von den Griechen bekannt.

Deswegen wird auch in den modernen Auspizien die linke Seite dem Osten zugeordnet und die rechte Seite dem Westen, auch wenn dies nicht mit unseren vertrauten Himmelsrichtungen übereinstimmt.

Ideal ist erhöhter Grund, wie eine Anhöhe oder ein offenes Feld. Dies ist jedoch im modernen wie antiken Großstadtleben nicht praktikabel, so daß im Zweifelsfall jeder Platz für die Beobachtung von Zeichen genutzt werden kann, wie ein Innenhof, ein Platz im Ort, ein Park, im Zweifelsfall der Straßenrand. Wichtig ist, daß man einen ausreichend großen Ausschnitt des Himmels sieht, den man im Geiste unterteilen kann und daß man dort für den festgelegten Zeitraum ungestört sitzen oder stehen und den Himmel beobachten kann, ohne Anstoß zu erregen oder unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Die Auspizien werden den Göttern angekündigt (dies kann schon im zuvor durchgeführten Ritual stattfinden, wenn man es nicht in der Öffentlichkeit tun kann oder möchte), indem der Zeitraum, der für den Empfang der Zeichen gewählt wurde, mitgeteilt wird. Wenn ein bestimmtes Zeichen verlangt ist, kann dieses ebenfalls im Vorfeld spezifiziert werden.

Im öffentlichen Kult wird zu Beginn der Auspizien der Staatsgott Jupiter Optimus Maximus angerufen, der als der Gott gilt, der in allen öffentlichen Angelegenheiten die Vögel als Antwort schickt. Die überlieferte Anrufung lautet: „Jupiter Optimus Maximus, and all ihr anderen Götter und Geister, die zu erwecken angemessen ist, ich frage Euch, ob es gut und recht ist, daß (diese geplante Handlung) unternommen wird, und bitte darum, daß Ihr klare und sichere Zeichen innerhalb der Grenzen entsendet, die ich markiert habe.“

Sie ist natürlich auch dazu geeignet, im privaten Ritus durchgeführt zu werden, nur ist die Anrufung des höchsten Staatsgottes Jupiter Optimus Maximus in den meisten Fällen überdimensioniert. Denn im privaten Kultus ist nicht er der Entsender der Boten, sondern die Gottheit, an die man sich mit seinem spezifischen Anliegen gewendet hat. Deswegen kann man, wenn einem die Formel zusagt, die Anrufung abwandeln und den Namen von Jupiter Optimus Maximus durch die Gottheit zu ersetzen, an die man sich gewandt hat.

Die Frage, die durch die Auspizien beantwortet werden soll, muß klar und in einem „Ja“ oder „Nein“-Format gestellt werden. Denn Auspizien bringen ausschließlich eine zustimmende Antwort oder eine ablehnende.

Beispielsweise: „Ich überlege, ob ich meinen Job kündigen und noch einmal mit einem Studium beginnen soll. Gott oder Göttin, heißt Du dieses Vorhaben gut?“ oder, um es profaner zu formulieren: „Soll ich mir das Auto kaufen, das ich gestern gesehen habe?“. Erscheint ein zustimmendes Zeichen, dann ist es eindeutig als Antwort auf das Ansinnen zu interpretieren, genauso wie ein ablehnendes Zeichen eindeutig zu erkennen ist.

Es ist entsprechend Vorsicht geboten, wenn eine Frage in der Verneinung formuliert wird. Deswegen sind Fragen wie: „Soll ich nicht zum 60. Geburtstag meiner Tante gehen, mit der ich verfeindet bin?“ zu vermeiden, denn hierbei bringt man sich leicht selbst in Verwirrung, wenn man nicht weiß, wie eine zustimmende Antwort bzw. ein positives Zeichen nun zu werten ist – oder, um im Beispiel zu bleiben, ob man gehen soll oder nicht. Deswegen sollten die Anliegen immer klar und unverneint formuliert werden, damit keine Zweifel in der Interpretation bleiben.

Positive, das heißt zustimmende Zeichen (nuntiatio) oder „gute Omen“ gelten als Zustimmung der Götter. Ein solches Ergebnis wird als „addictivae“ oder „admissivae“ bezeichnet („günstig“ oder „erlaubt“).

Negative Zeichen (obnuntiatio) bedeuten, abhängig von der Frage, daß von den Plänen Abstand genommen werden soll, daß ein bereits begonnenes Unterfangen abgebrochen wird, oder daß die Götter ein Vorhaben nicht gut heißen. Ein solches Ergebnis wird als „adversae“ bezeichnet.

Ist das Zeichen eingetroffen, wird das Ergebnis verkündet. Wenn die Zeichen zustimmend waren, sagt man: „Aves admittunt!“ (Die Vögel erlauben es). Sind die Zeichen ablehnend, sagt man: „Alio dio!“ (An einem anderen Tag).

Ist das Ergebnis der Auspizien schlecht, können sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden, in der Hoffnung, daß das Urteil dann anders ausfällt und die Götter ihre Meinung ändern.

Grundsätzlich gilt: hat man die Götter nach ihrer Meinung gefragt und teilen sie diese durch ein Zeichen mit, hat man dieses Urteil zu akzeptieren, gleich wie es ausfällt. Die Götter zu fragen und ihre Meinung anschließend zu ignorieren, gilt als unglückbringend, da es die Götter beleidigt. Hier ist die Vertagung und Wiederholung auf einen späteren Zeitpunkt vorzuziehen, oder eine der in Teil I erwähnten überlieferten Strategien zur Vermeidung der Wahrnehmung ungünstiger Zeichen.

In der Mehrzahl der Fälle erhält man gar kein Zeichen. Das war für den Römer eine legitime und erwünschte Antwort, denn sie bedeutete, daß die Götter dem Ansinnen gleichgültig gegenüberstanden und keine besondere Meinung dazu hatten – das heißt, daß er selbst entscheiden konnte, wie er es für richtig hielt, sofern er keinen Wert darauf legte, den ausdrücklichen Segen der Götter in einem Unterfangen zu erhalten. In dem Fall mußte er die Auspizien zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen, in der Hoffnung, dann ein positives Zeichen zu erhalten.

 Welche Zeichen gibt es und wie sind sie zu deuten?

Wie bereits in der Einführung in Teil I geschrieben, gibt es verschiedene Kategorien von Zeichen. Die Details zu diesen Zeichen sind dem Einführungsartikel zu entnehmen.

Kategorie I: Ex Caelo (Wolkenformationen, Niederschlag, Blitz, Lichterscheinungen)
Kategorie II: Ex Avibus Alites (der Vogelflug)
Kategorie III: Ex Avibus Oscines (der Vogelruf)
Kategorie IV: Ex Tripudiis (vom Tanz der gefütterten Vögel)
Kategorie V: Ex Quadrupedibus (Vierfüßer)
Kategorie VI: Ex diris (sonstige Zeichen)

Priorität der Zeichen

Treten mehrere Zeichen auf und stehen diese im Widerspruch zueinander, „sticht“ das Höherwertige. Das heißt, Zeichen aus Kategorie I sind bedeutsamer als Zeichen der Kategorie III.

Treten mehrere gleichwertige Zeichen einer Kategorie in mehr als einem Quadranten auf, so gilt der Quadrant mit den meisten Zeichen (das traf der Legende nach bei Romulus und Remus zu, die Auspizien von zwei Hügeln herab abhielten, um festzustellen, wer Herrscher über Rom sein sollte. Beide wählten Geier als ihre Zeichen, aber Romulus erhielt mehr Zeichen als Remus und wurde so zum Gründer Roms).

Außerdem gilt der Seltenheitswert der Zeichen; ein Vogel, der in meiner Gegend seltener ist, ist ein stärkeres Zeichen als ein Vogel, der sowieso den ganzen Tag in meinem Hof herumfliegt.

Ein einzelner Vogel gilt mehr als ein Vogelschwarm.

Ein Vogel, der oberhalb eines oder mehrerer anderer Vögel fliegt, gilt mehr als die Vögel darunter.

Ein Vogel, der einen Kreis oder Bogen fliegt, gilt mehr als ein Vogel, der geradeaus fliegt.

Besonders gut ist ein Zeichen, das durch ein nachfolgendes zweites Zeichen bestätigt wird.

Richtung der Zeichen

Die linke Seite wird in den römischen Auspizien (im Gegensatz zu den griechischen) als gutes Omen betrachtet. Zeichen, die sich von links nach rechts bzw. von Osten nach Westen bewegen, sind deshalb positiv zu werten. Vögel, die in Südrichtung fliegen oder aus dem Süden kommen, das heißt vor einem sind, gelten generell als gutes Zeichen, genau wie Vögel, die im Osten (=Links) fliegen. Ein Vogel, der aus dem Norden, das heißt von hinten, kommt oder im Westen (=Rechts) fliegt, ist ein schlechtes Zeichen.

Ausnahmen bilden hier die Raben, die dem Westen und damit der rechten Seite zugeordnet sind. Raben stehen mit dem Elysium oder den „Inseln der Seligen“ in Verbindung, die im äußersten Westen liegen. Raben, die von der rechten Seite, d.h. aus dem Westen kommen, sind traditionell ein positives Zeichen, aber Raben, die von Ost nach West fliegen, signalisieren, daß sich der Tod jemandem nähert.

„Nein, ich glaube nicht, daß Du kleine Schleiereule Unglück bringst!“

Eulen sind generell (anders als bei den Griechen) ein schlechtes Zeichen, da sie als Totenvögel gelten. Laut Plinius‘ Naturalis Historia gelten sie als Vögel, die „die Nacht und die Wüste bewohnen, sowie unzugängliche und schreckliche Orte“. Deshalb gelten Eulen laut Plinius immer als schlechtes Omen, wenn sie innerhalb der Stadt oder bei Tag gesehen werden. Allerdings gilt der Ruf einer Eule von links als günstiges Zeichen.

Krähen, die von Osten kommen, gelten als gutes Zeichen, da sie die Vögel Apollos sind und von ihm geschickt werden – deshalb kommen sie aus der Richtung des Sonnenaufgangs.

Plinius beschreibt die Interpretation des Rufs der Raben als ein „schlechtes Zeichen“, wenn er sich jammernd anhört, als ob er gerade stranguliert wird (Naturalis Historia).

Livius beschreibt, daß ein Rabe, der geradeaus von ihm fortflog (d.h. nach Süden, in Richtung eines Generals) und dabei einen Ruf ausstieß, ein positives Zeichen war.

Es gilt als günstig, wenn der Ruf einer Krähe von links erschallt, während der Ruf eines Rabens von rechts als günstig gilt.

Die Himmelsrichtungen sind auch für Naturerscheinungen der ersten Kategorie anzuwenden. Ein Blitz oder Donner von links oder vor einem gilt als günstiges Zeichen. Blitz und Donner von rechts oder hinter einem sind Zeichen der Ablehnung. Gewitter, das außerhalb der Gewittersaison vorkommt, also zum Beispiel im Winter, gilt als besonders starkes Zeichen.

Als generelle Regel gilt, daß sich das Verhalten von Vögeln und anderen Tieren je nach Jahreszeit ändert, so daß nicht pauschal ein Zeichen immer das gleiche bedeutet. Ein guter Augur oder Praktizierender der Auspizien beobachtet die Natur und das Verhalten der Tiere durch das Jahr und macht sich Aufzeichnungen, denn ein Großteil der Deutungen erfolgt aus Erfahrungswerten. Auch Cicero empfiehlt das Anlegen eines Beobachtungstagebuchs, da das Deuten der Zeichen von der Häufigkeit ihres Auftretens in den Aufzeichnungen abhängt (Von der Wahrsagung). Auguren führten Bücher, in denen sie alle Beobachtungen notierten, insbesondere ungewöhnliche Ereignisse. Auch der Paterfamilias führte ein solches Buch als Referenz für private Auspizien.

Neben den „klassischen“ Tieren, die für Auspizien herangezogen wurden, wurde auch das Verhalten von Tieren als Zeichen gedeutet, das einer bestimmten Gottheit zugeordnet war, wenn das Ritual sich an eine spezifische Gottheit richtete. So konnte das Bellen eines Hundes als Zeichen für Kybele gedeutet werden, oder eine Taube als Zeichen der Venus.

Unter den stärksten Zeichen, den Ex Caelo-Zeichen, die als von Jupiter selbst gesandt galten, waren ungewöhnliche und seltene Zeichen wie Meteoriten, Sonnen- und Mondfinsternisse und andere astronomische Phänomene besonders bedeutsam.

Kamen Blitze aus einer ungünstigen Richtung, hatte das eine so große Wirkung, daß die Volksversammlung an diesem Tag nicht abgehalten wurde (Cicero, Von der Weissagung).

In Rom wurden nicht alle Vögel beobachtet, sondern insbesondere Adler, Geier und andere Raubvögel als Boten der Götter in Kategorie II und III. Dies ist jedoch keine Einschränkung dafür, daß nur diese Vögel gelten und andere Vögel keine Bedeutung haben, denn diese Überlieferung ist allein der Tatsache zu verdanken, daß die meisten Texte aus Rom stammten und sich auf die öffentlichen Auspizien in Rom bezogen.

Selbstverständlich wurden in anderen Regionen des Reichs, in denen es diese Vögel nicht gab, dafür andere Vögel heimisch waren, die dortigen Vögel zu Auspizien herangezogen, so daß jeder Augur und jeder Praktizierende im Endeffekt auf der Grundlage der allgemeingültigen Regeln sein eigenes System entwickelte, das an seinen Ort angepaßt war (Cicero, über seinen Freund Divitiacus).

Auspizien im weiteren Sinne

Daneben werden im privaten Cultus auch Praktiken als „Auspizien“ bezeichnet, die sich nicht mit der Himmels- oder Vogelschau befassen.

Beispiele hierfür sind zum Beispiel die Einrichtung eines neuen Hausschreins, in den man die Laren oder Götter des privaten Cultus einlädt. Hierbei wird anhand von Zeichen bestimmt, ob der Schrein auf Wohlwollen trifft und ob der Einladung gefolgt wird, das heißt, ob die Götter in den Schrein und die Statuen „einziehen“. Auch für andere Anliegen, die vor dem Hausaltar vorgetragen werden, ob gesundheitlicher, geschäftlicher oder privater Natur, kann auf diese Weise um Zustimmung gebeten werden.

Auch Antworten auf diese Anliegen erhält man durch Zeichen, die einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ entsprechen.

Diese Formen der Befragung können auch innerhalb eines Gebäudes, in unmittelbarer Nähe des Hausschreins durchgeführt werden. Als „Zeichen“ gilt hier natürlich nicht der Vogelflug, sondern es kann all das als Zeichen gewertet werden, was einem als ein solches erscheint. Das heißt, bei Auspizien im weiteren Sinne, die auf diese Weise die Zustimmung der Götter suchen, werden ausschließlich Zeichen der „Ex diris“-Kategorie interpretiert.

Das kann ein Geräusch sein, ein visueller Sinneseindruck, ein Geruch, eine Bewegung, das Flackern einer Flamme oder irgendetwas anderes, das einem auffällt und das als Antwort gewertet werden kann.

Auch hier spielt die Richtung des Zeichens eine Rolle. Kommt die Antwort von links, wird sie als „Ja“ also als Zustimmung gewertet. Kommt die Antwort von rechts, signalisiert sie eine Ablehnung des Anliegens. Ist unklar, aus welcher Richtung das Zeichen kommt, wird es nicht als gültiges Zeichen gewertet, es ist dann also keine Antwort bezüglich des vorgebrachten Anliegens.

Erhält man ein ablehnendes Zeichen, muß das Ritual wiederholt werden. Das kann sofort, am gleichen Tag oder zu einem anderen Zeitpunkt geschehen. Die mögliche Anzahl der Wiederholungen ist hierbei nicht begrenzt.

Die Wartezeit für den Erhalt eines Zeichens nach dem Ritual sollte nicht länger als 15 Minuten betragen. Erhält man innerhalb dieser Zeitspanne keine Antwort, besteht die Möglichkeit, eine Antwort zu „erzwingen“. Besitzt man einen Vogel, kann man diesem vor dem Hausschrein Futter anbieten. Frißt er das Futter mit großer Begeisterung, gilt das als Zustimmung. Verschmäht er es oder pickt er nur lustlos herum, gilt das als Ablehnung. Auch ein anderes Haustier kann für diese Variante verwendet werden, die jedoch erst nach einer angemessenen Wartezeit durchgeführt werden sollte. Besitzt man kein Haustier, kann man die Wartezeit verlängern.

Erhält man innerhalb einer Stunde gar kein Zeichen, weder ein zustimmendes, noch ein ablehnendes, bedeutet das, daß die Götter ruhig bleiben, weil sie nichts gegen das Anliegen haben. Das kann als Zustimmung durch nicht gezeigte Ablehnung gewertet werden.

Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus

Die Bedeutung von Zeichen im römischen Cultus wurde bereits in unserem ersten Teil, dem Einführungsartikel über die Auspizien: „Deuten des Götterwillens aus Zeichen“ ausführlich dargelegt.

Da dieser Artikel als Ergänzung dazu dient und keine Hintergrundinformationen wiederholt, empfehlen wir unbedingt, zuerst die Einleitung zu lesen!


Ein Augur mit Krummstab und Vogel

Ein Augur mit Krummstab und Vogel

Römer waren im Alltag generell sehr darauf bedacht, Zeichen zu beachten. Besondere Vorkommnisse, außergewöhnliche Ereignisse, Naturerscheinungen oder Begegnungen wurden als Botschaften der Götter interpretiert, durch die diese ihren Willen oder ihre Meinung kund taten. Wenn man wegen eines privaten Anliegens an sie herangetreten war, so wurde kritisch nach Zeichen Ausschau gehalten, die als Zustimmung gewertet werden konnten. Aber auch sonst war man überzeugt davon, daß sich die Götter gelegentlich auch ungefragt „von sich aus“ mitteilten.

Während im Staatskult Auguren für die Durchführung der öffentlichen Auspizien zuständig waren, konnte im privaten Kult jeder für sich Auspizien durchführen. Sie waren eine Privatsache zwischen der Person und der Gottheit, an die sie ihr Anliegen richtete.

Man unterschied im Alten Rom aber sehr differenziert zwischen Zeichen, die als Botschaften der Götter verstanden wurden und zum Beispiel durch Auspizien und Haruspizien interpretiert wurden, und „abergläubischen“ Praktiken, die verpönt – und zum Teil verboten – waren. Hierbei hatte „Aberglaube“ (superstitio) für die Römer eine weiterreichende Bedeutung als in der modernen Zeit.

Aberglaube oder Zeichen der Götter? 

Während eine Gottheit sich durch ein spezielles Zeichen oder Tier mitteilen konnte, das ihr als spezifisches Attribut zugeordnet war (sei es Vulcanus durch einen Vulkanausbruch, Minerva durch eine Eule, Isis durch eine Kuh), gab es auch allgemeingültige Zeichen, die jedem Römer geläufig waren, weil sie kulturell von Generation zu Generation weitergegeben wurden und ihre Kenntnis zum Allgemeingut gehörte.

Vergleichbares, d.h. Zeichen, die jeder kennt und interpretieren kann, gibt es auch heute noch bei uns, auch wenn sie spöttisch in den Bereich des „Aberglaubens“ oder Volksglaubens geschoben werden. Sie sind aber tatsächlich so weit in der Bevölkerung verbreitet, daß sie als Teil unserer europäischen Kultur angesehen werden können, der auch heute noch von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Diese Zeichen verheißen in der Regel „Glück“ oder „Unglück“, was sich vom Effekt her nicht von einem zustimmenden oder ablehnenden Zeichen der Götter unterscheidet. Jeder Angehörige unseres Kulturkreises kennt die Vorstellung, daß eine schwarze Katze, die von links nach rechts läuft, Unglück bringt, genauso wie verschüttetes Salz oder ein zerbrochener Spiegel. In Flugzeugen gibt es keine Sitzreihe 13, in Wolkenkratzern keine 13. Etage. Findet man ein Hufeisen oder ein Kleeblatt mit vier Blättern, ist das ein gutes Zeichen und verheißt Glück.

Nun wird offiziell heutzutage nicht mehr sonderlich viel auf derartige Zeichen gegeben, aber es gibt auch heute noch bemerkenswert viele „rituelle Handlungen“, die zur Abwehr guter und böser Zeichen und zur Erzwingung des Glücks durchgeführt werden – selbst von ganz bodenständigen, modernen Menschen, die nichts mit „Aberglauben“ am Hut haben oder sich der Hintergründe überhaupt nur bewußt sind – so tief ist sind die Handlungen im kollektiven Kulturgut verwurzelt.

So wirft man sich Salz über die Schulter, wenn der Salzstreuer umfällt, man klopft dreimal auf Holz, um das Gute zu beschwören. Bei Sternschnuppen wünscht man sich etwas, selbst das Anstoßen mit den Gläsern beim Trinken soll Glück bringen und Böses fernhalten, Trinksprüche beschwören Gesundheit, Geld oder Erfolg. Zu Silvester werden Glücksschweine und Kleeblätter verschenkt, Hufeisen werden an die Tür genagelt, und zwar so, daß das Glück nicht herausfallen kann. Auf Polterabenden wird Porzellan zerschlagen, um böse Geister zu vertreiben und insbesondere ältere Leute sind davon überzeugt, daß man zwischen Weihnachten und Neujahr – „zwischen den Jahren“ – keine Wäsche waschen darf.

Ein solches Zeichen am Wegesrand würde jeder moderne Mensch sofort zu deuten wissen!

Ein solches Zeichen am Wegesrand würde jeder moderne Mensch sofort zu deuten wissen!

Den Glauben der Römer an Zeichen deswegen pauschal als „Aberglauben aus früherer Zeit“ und „Volksglauben der primitiven Leute aus der Antike“ abzutun, wäre zu kurz gegriffen, denn diese Vorstellungen sind unbewußt auch tief im modernen Menschen verwurzelt und einfach Teil unserer mitteleuropäischen Tradition und Geschichte, nur daß sie heutzutage nicht mehr systematisch und quasi-wissenschaftlich betrieben werden wie in der römischen Antike.

Auch bei den Römern wurde unterschieden zwischen „Zeichen“, die ganz selbstverständlich als von den Göttern kommend betrachtet wurden, und „Superstitio„, dem Aberglauben. Dieser Begriff war jedoch weitreichender als bei uns, denn er umfaßte auch übertriebene, devote Frömmigkeit, die Furcht vor einem strafenden und zürnenden Gott, dessen Wohlwollen man sich unterwürfig erflehte, und den unangemessenen Wunsch, sich göttliche Macht durch magische Mittel anzueignen, die dem Menschen nicht zustand.

Sich deshalb die Menschen der römischen Antike als naive abergläubische Leute vorzustellen, die in allem und jedem Zeichen sahen, ständig Glück und Unglück fürchteten und beim falschen Zeichen das Haus nicht verließen, wäre falsch, da es der Arroganz des modernen Menschen entspringt, der mit seinem heutigen Wissensstand auf die Welt vor 2000 Jahren herabblickt und sich für aufgeklärt hält. Aber dann am nächsten Abend zum Polterabend geht, seinem Schwager mit einem Trinkspruch zuprostet und dann ein Glücksschwein aus Marzipan verschenkt, bevor er ihm erzählt, er hat einen gut bezahlten neuen Job in Aussicht, was er wie selbstverständlich mit ‚toi toi toi‘ dreimal auf den Holztisch klopfend zur Realität werden lassen möchte – bewusst oder unbewusst.

Schon der Römer vor 2000 Jahren wußte ganz genau zwischen den unterschiedlichen Praktiken und Vorstellungen zu differenzieren, auch wenn er das – religiös und kulturell bedingt – aus einem anderen Blickwinkel tat als der moderne Mensch.

Zeichen deuten als Wissenschaft

Tatsächlich gab es in der römischen Antike, genau wie in der modernen Zeit, alle Färbungen und Ausprägungen in Bezug auf das Lesen von Zeichen, von einer hochwissenschaftlichen und sachlichen Betrachtungsweise bis hin zu „abergläubischen“ magischen Praktiken.

Die Auspizien waren eine hochwissenschaftliche Angelegenheit, die sachlich, nüchtern und mit großem Ernst und Kalkül betrieben wurden.

Gelegentlich wurde, um ein politisch erwünschtes Ergebnis zu erzielen, ein Vogel von einem Gehilfen auch gezielt fliegen gelassen....

Römischer Pragmatismus: Gelegentlich wurde, um ein politisch erwünschtes Ergebnis zu erzielen, ein Vogel von einem Gehilfen auch gezielt fliegen gelassen….

Sie wurden aus politischem Kalkül und Machterhalt genauso praktiziert wie aus dem ehrlichen Bedürfnis heraus, den Segen der Götter für ein Unterfangen zu erlangen. Die Kunst, die Zeichen zu deuten, wurde jahrelang erlernt und von Augur zu Augur weitergegeben. Die Riten der Auspizien wurden nach festgelegten Regeln und Vorschriften durchgeführt, die jahrhundertelangen Erfahrungen entsprachen und von denen nicht abgewichen werden durfte, um das Ergebnis nicht unwirksam werden zu lassen. Die Interpretation der Ergebnisse folgte festgelegten Regeln, auch wenn der Augur immer einen gewissen Interpretationsspielraum hatte, und es gab Gesetze und Vorschriften darüber, was welches Zeichen wann bedeutete und wie damit umzugehen war.

Bisweilen kam es sogar vor, daß zu besonders wichtigen Entscheidungen, die zwingend auf ein positives Urteil der Auguren angewiesen waren, ein Vogel von einem Gehilfen zum richtigen Zeitpunkt fliegen gelassen wurde – römischer Pragmatismus.

Auch machte man sich den allgemeinen Glauben an spontan geschickte Zeichen der Götter zunutze, indem man zu einem wichtigen Anlaß, zum Beispiel bei einem Triumphzug oder anlässlich eines anderen öffentlichen Spektakels, einen Schwarm Vögel aus einem Käfig aufsteigen ließ, den man zuvor strategisch günstig positioniert hatte, so daß auch in der Bevölkerung kein Zweifel darüber bestand, daß die Götter wohlgesonnen waren.

Als fundamentaler Bestandteil des Staatsgeschehens wurde, wie im Einführungsartikel beschrieben, nichts ohne vorherige Auspizien durchgeführt, so daß diese einen Pfeiler für das perfekte Funktionieren des Staates bildeten. Und bekanntermaßen war der römische Staat über tausend Jahre lang sehr erfolgreich – oft erstaunlich erfolgreich, bedenkt man seine internen Querelen und oft massiven Probleme angesichts der schieren Größe und Ausdehnung des Reichs.

Da alle staatstragenden Entscheidungen seit der frühen Republik bis zur Ablösung durch das Christentum nur nach Beratung durch die Auguren getroffen wurden, ist es fehl am Platz, die Auspizien als „abergläubische Praktiken“ abzutun. Sie trugen ganz im Gegenteil wesentlich zu einem erfolgreichen Staat bei, sowohl in politischen als auch militärischen und zivilen Fragen und waren ein legitimes Werkzeug, das die Römer zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden, im öffentlichen wie im privaten Bereich.

Verbotene „abergläubische“ Praktiken 

Ganz im Kontrast dazu gab es auch im alten Rom schon Praktiken, die als „abergläubische“ Handlungen abgelehnt wurden und die man einzudämmen versuchte.

Hierbei stand nicht die Vorstellung im Vordergrund, daß es sich dabei um „Aberglauben“ handelte, denn ihre potentielle Wirksamkeit wurde nicht angezweifelt oder bestritten. Sie war nur einfach nicht Thema der Diskussion, denn diese Praktiken, die in den Bereich der Superstitio fielen, störten die Grundordnung der Gesellschaft und verstießen gegen die römischen Werte und Tugenden. Aus diesem Grund gefährdeten sie den inneren Frieden und wurden verboten.

Ob sie nun wirksam waren oder nicht, war dabei unerheblich – wobei sich wieder der römische Pragmatismus zeigt.

Inschrift einer Fluchtafel im Isis-Mater Magna-Heiligtum in Mainz

Inschrift einer Fluchtafel im Isis-Mater Magna-Heiligtum in Mainz

Insbesondere in den Mysterienkulten (wie dem Kybele-Kult), gab es magische Praktiken und Schadenszauber, mit denen man anderen Personen zu schaden versuchte. Flüche und Verwünschungen auf Fluchtafeln (defixio), die zahlreich in den entsprechenden Tempeln und Kultstätten überall in Europa gefunden wurden, zeichnen hiervon ein deutliches Bild. Diese Praktiken waren jedoch nicht auf die Mysterienkulte beschränkt; die meisten defixiones wurde im römischen Britannien gefunden, wo sie sich auf den Mercurius-Tempel in Ulay und das Quellheiligtum der Sulis Minerva in Bath konzentrieren. In Ulay richten sich bemerkenswert viele dieser Tafeln gegen Diebe, die ein großes Problem gewesen zu sein schienen.

Auch gab es Praktiken, die fast an den Voodoo-Kult erinnern, indem Abbilder einer unerwünschten Person geformt und dann mit Nadeln durchbohrt oder Körperteile zerbrochen und falsch herum angesetzt wurden. Die Rituale, um die Gegenstände herzustellen, magisch zu binden und schließlich am Zielort abzulegen, sind zum Teil recht komplex. Im Isis- und Mater Magna-Heiligtum in Mainz sind zahlreiche dieser Fundstücke ausgestellt und zeichnen ein lebhaftes Bild dieser verbreiteten Praxis des Analogiezaubers.

Solche Praktiken gehörten nicht zum Alltag jedes Römers, die meisten praktizierten den traditionellen römischen Cultus, der im Einklang mit den Gesetzen und Traditionen des römischen Staates stand.

Bislang ist wissenschaftlich umstritten, in welchen Kreisen diese Schadenszauber vorwiegend praktiziert wurden. Aus den Inhalten der Fluchtafeln geht der Trend dahin, daß vor allem untere Kreise, das heißt Sklaven, Einwohner ohne römisches Bürgerrecht oder Personen mit niedrigem Sozialstatus, von diesen Praktiken Gebrauch machten, zum Beispiel Gladiatoren oder Wagenlenker, um dem Gegner zu schaden, wie aus Fluchtafeln aus dem Amphitheater in Karthago ersichtlich ist. Dennoch gibt es auch Tafeln, auf denen die Namen hochrangiger Politiker und wohlhabender Bürger erscheinen. Abgesehen von Liebeszaubern und erotischen Flüchen trifft die überwiegende Mehrheit der gefundenen Flüche Männer.

Tatsächlich waren Fluchtafeln, genauso wie magische Handlungen, im Römischen Reich trotz der teilweise starken Popularität, vor allem im 2. und 3. Jahrhundert n.Chr., verboten (im Gegensatz zum antiken Griechenland, wo sie erlaubt waren, man jedoch für dadurch hervorgerufene Todesfälle belangt werden konnte). Es gab Gesetze gegen „heimtückische Verbrechen“, zu denen neben Giftmischerei und Brandstiftung auch Schadenszauber gerechnet wurden und es wurden auch Senatsbeschlüsse gegen Zauberei und „bösartige Kulthandlungen“ (mala sacrificia) verhängt.

Ab der Kaiserzeit wurden derartige Praktiken und jede Form von Magie rigoros verfolgt, wobei hierbei nicht immer nur die Erhaltung römischer Werte und Ordnung im Vordergrund standen, sondern auch politische Verfolgung oder ideologische Gründe.

Figur eines Mannes, die zum Schadenszauber verwendet wurde. Isis-und Mater Magna-Heiligtum, Mainz

Figur eines Mannes, die zum Schadenszauber verwendet wurde. Isis-und Mater Magna-Heiligtum, Mainz

Kaiser Tiberius ließ 130 als Magier und Magierinnen bezichtigte Personen hinrichten. Auch unter Nero und Claudius wurde die Anwendung von Magie verfolgt. Es sind durch Tacitus mindestens 10 Gerichtsprozesse überliefert, deren Anklage sich auf „magisches Handeln“ stützt, so zum Beispiel gegen den Statthalter der Provinz Syra, der gemeinsam mit seiner Frau durch magische Mittel einen Konkurrenten getötet haben soll. Allerdings stützte sich die Anklage in den meisten Fällen nicht ausschließlich auf die Magie (die vor den römischen Gerichten allein kaum Bestand gehabt hätte), untermauerte die anderen Anklagepunkte jedoch, weil die Intention des Beschuldigten deutlich wurde, schaden zu wollen.

Mit dem Aufkommen des Christentums wurde der Ton gegen magische Praktiken immer schärfer. Ab dem 4. Jahrhundert nahmen die Prozesse wegen magischer Praktiken deutlich zu, wobei der Historiker Ammianus Marcellinus von einer wahren „Prozeßhysterie“ spricht (hierbei ist jedoch anzunehmen, daß ein Großteil der Magie-Anklagen als Vorwand genutzt wurde, um unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen). Strafen für die Ausübung von Magie reichten von Verbannung bis Hinrichtung. Ab dem 3. Jahrhundert stand auf Schadenszauber und Verwünschung, d.h. die Erstellung von Fluchtafeln und Figuren, die Höchststrafe wie Kreuzigung, Verbrennung oder die Hinrichtung ad bestias, d.h. durch wilde Tiere in der Arena.

Spätere kaiserliche, christlich geprägte Edikte gingen schließlich so weit, Schadenszauber und Wahrsagung im spätantiken Codex Theodosianus (438) und Codex Iustinianus (529) zusammenzufassen und die zuvor erwähnten, im 3. Jahrhundert eingeführten Höchststrafen der Kreuzigung, Verbrennung und Hinrichtung ad bestias, schriftlich festzuschreiben.

Während Auspizien also die allgemein akzeptierte und staatlich geforderte Art und Weise waren, Zeichen von den Göttern zu erbeten, galt es als unangemessen und superstitio, sich mit Hilfe der Götter durch Flüche und Schadenszauber gegen andere Personen zu richten.

Auch dies zeigt, daß die Römer sehr wohl zwischen unterschiedlichen Formen der Kommunikation mit den Göttern unterschieden und eine sehr differenzierte Vorstellung davon hatten, welche Kommunikationsform angemessen war – und welche die öffentliche Ordnung und die Erhaltung der römischen Werte störte.

Auspizien im Privatkult

Wie es im Staatskult üblich war, die Götter um Zeichen für geplante Vorhaben zu bitten, so war es im Privatkult ebenso üblich, die Zustimmung der Götter zu einem geplanten Unterfangen zu erbitten.

Auch war es für jeden Römer selbstverständlich, die Augen nach Zeichen offenzuhalten, die nicht erbeten waren, von den Göttern aber ungefragt geschickt wurden.

Darin lag nichts Verwerfliches und der Glaube daran, daß sich die Götter über Zeichen mitteilten, war ein allgemein verbreiteter Grundsatz der Religio Romana bis zur Ablösung des alten Glaubens durch das Christentum als Staatsreligion.

Ganz grundsätzlich drückt sich in dieser Zeichendeutung eine besondere Wahrnehmung der Welt aus, die sich von unserem heutigen sachlichen bis gelangweilten Blick auf das, was uns umgibt, unterscheidet. Es geht um eine besondere spirituelle Aufmerksamkeit, geschult durch eine willentlich und strukturiert ausgearbeitete Schablone aus Bedeutungen, die über die bekannte Welt gelegt wird, um durch sie Ahnungen, die man in seinem Inneren wahrnimmt, nach außen zu spiegeln und somit externalisiert fassbar werden zu lassen. Ebenso wie Tarotkarten, basierend auf einer fixierten Bedeutung der einzelnen Elemente, in ihrem tatsächlich gelegten Bild eine Möglichkeit bieten können, einer inneren Schau mit Hilfe der traditionellen Bilder Ausdruck zu verleihen, um sie in Worte fassen zu können, kann sich der Himmel als Spiegel der Seele nutzen lassen.

Die traditionellen Zuweisungen des Auguren, der den Himmel in Richtungen und damit in Bedeutungen einteilt, das Warten auf Zeichen, die vorher genau bestimmt werden, die rituellen Schweigeregeln etc., all das dient einer Entprofanisierung des Raumes, in dem sich der Augur aufhält, um sich für die heilige Schau zu öffnen, um einen Blick hinter die Welt werfen und mit den Göttern kommunizieren zu können.

Über die Interpretation der Zeichen und die praktische Anwendung der Auspizien im privaten Cultus informiert der dritte Teil dieser Serie.

Die Auspizien – Deuten des Götterwillens aus Zeichen

Die Wichtigkeit von Zeichen im römischen Cultus

Im römischen Cultus – sowohl im Privatkult als auch im Staatskult – spielten „Zeichen“ eine Schlüsselrolle. Eine Grundannahme der Religio Romana ist es, daß die Götter sich dem Menschen durch Zeichen mitteilen und dadurch ihre Zustimmung oder Ablehnung zu einem geplanten Vorhaben zum Ausdruck bringen.

Im Römischen Reich wurde keine politische oder zivile Entscheidung getroffen, kein Krieg begonnen, keine Schlacht geführt, kein Kaiser gekrönt, ohne daß die Götter zuvor nach Ihrer Meinung befragt wurden. Deswegen waren die Auguren, die Kultbeamten, die für die Betreuung der öffentlichen Auspizien zuständig waren, in einer bedeutenden Machtposition, denn von ihnen hing es ab, wie sich die Entscheidungsträger letztendlich entschieden. Waren sie korrupt und deuteten ein Zeichen so um, wie es dem Zahler des Bestechungsgeldes genehm war, konnte das fundamentale Auswirkungen auf den Staat haben.

Während im Staatskult nur die Priesterschaft der Auguren das Recht hatte, Auspizien durchzuführen, konnten diese im Privatbereich von jedermann gemacht werden, da sie eine Privatangelegenheit zwischen der individuellen Person und ihren Göttern war. Auspizien anläßlich von Familienangelegenheiten, wie Hochzeiten, größeren Investitionen oder Grundstücksverkäufen wurden in der Regel vom Paterfamilias durchgeführt. Auspizien in privaten Fragen, zur Entscheidungsfindung in persönlichen Angelegenheiten, machte jeder für sich selbst.

Auspicia – mehr als Vogelschau

Ein Augur mit verhülltem Kopf, Krummstab und Vogel

Augustus als Augur mit verhülltem Kopf, Krummstab und Vogel (Original in den Uffizien in Florenz, Bildarchiv: vroma.org)

Der Begriff „Auspizien“ kommt vom lateinischen Wort „auspicia“ (Plural, Singular: auspicium). Der Begriff setzt sich zusammen aus „avis“ (Vogel) und „spectare“ (schauen), bedeutet übersetzt also „Vogelschau“. Im englischen Sprachraum ist die Praxis als „Augury“ nach den durchführenden Auguren benannt. Die Übertragung des Amtes des Auguren auf seinen Nachfolger wurde „inaugoratio“ genannt, ein Begriff, der sich im Wort „Inauguration“ für die feierliche Einführung in ein Amt bis heute erhalten hat.

Hierbei ist die Deutung der Zeichen jedoch nicht auf die Vogelschau, das heißt, auf das Verhalten und den Flug von Vögeln, beschränkt, sondern es werden vielfältige Zeichen gedeutet, auch Wettererscheinungen wie Wolken und Blitze.

Die Auspizien sind jedoch streng von Wahrsagen oder Zukunftsdeutung zu unterscheiden, da sie nicht die Zukunft voraussagen, sondern ausschließlich dem Zweck dienen, die Zustimmung oder Ablehnung der Götter zu einem geplanten Vorhaben einzuholen. Sie sind das Mittel der Wahl, den Willen der Götter zu erfahren oder auch um herauszufinden, ob ein Ritual oder Opfer akzeptiert wurde oder nicht. Ohne göttliche Zustimmung unternahm ein Römer nichts, und sei es noch so profan, so daß die Deutung von Zeichen, sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich, eine zentrale Bedeutung im Cultus innehatte. In jedem Ritual, in dem man die Meinung (und natürlich Gunst) der Götter zu einem Vorhaben erbittet, gehören die Auspizien zum Abschluß, um unmittelbar zu erfahren, ob die Götter die geplante Handlung befürworten oder ablehnen.

Um mit dem römischen Geschichtsschreiber Titus Livius zu sprechen: Der Augur sagt nicht voraus, wie gehandelt werden soll, sondern er schaut nach Zeichen, ob eine bereits begonnene oder geplante Handlung unter dem Segen der Götter steht und fortgesetzt – oder aufgegeben – werden sollte.

Ebenfalls zu unterscheiden von den Auspizien sind die Haruspizien, die Eingeweideschau der geschlachteten Opfertiere. Diese ging zwar im Staatskult oft gleichzeitig mit den Auspizien einher und hatte ebenfalls das Ziel, zu ermitteln, ob das Opfer angenommen wurde und wie die Götter gegenüber dem Anliegen eingestellt waren. Sie wurden aber von einem anderen Priester, dem Haruspex durchgeführt und spielten im privaten Cultus keine Rolle, da die Kunst, die Eingeweide zu lesen, nicht so einfach von jedermann auszuüben war wie die Beobachtung von Wetter und Vögeln.

Die Auspizien waren keine „Geheimlehre“ oder geheime Wissenschaft, sondern die Praktiken und Interpretationen allgemein zugängliches Wissen, über das von zeitgenössischen Autoren wie Cicero auch publiziert wurde.

Auspicia publica – die öffentlichen Auspizien

Etruskische Wandmalerei eines Auguren im Grab des Phersu, 500 v.Chr

Etruskische Wandmalerei eines Auguren im Grab des Phersu, 500 v.Chr

Auspizien (und Haruspizien) wurden bereits von den Etruskern durchgeführt und schon seit den Anfangszeiten des Römischen Reichs von den Römern übernommen. Die römischen Auguren waren Staatsbeamte, die dem Priesterkollegium angehörten. Sie waren allerdings keine Priester (sacerdos) im eigentlichen Sinne, da sie keine Opfer durchführten. Es konnte jedoch vorkommen, daß ein Sacerdos in einer Doppelfunktion auch zum Auguren ernannt wurde. Ihr Amtszeichen war der Krummstab (lituus).

Zu Beginn gab es in Rom drei Auguren (die zudem alle dem Stand der Patrizier angehören mußten). Später wurde die Zahl nach und nach erhöht und ab 300 v. Chr. wurden auch Plebejer im Amt zugelassen. Unter Sulla (138 – 78 v.Chr.) wurde die Zahl schließlich auf 15 festgeschrieben. Einer der berühmtesten Auguren der römischen Geschichte war Marcus Tullius Cicero.

Die Auspizien mußten vor allen wichtigen Entscheidungen des Staates durchgeführt werden, die die drei Grundsäulen des römischen Staates betrafen: Pax, Fortuna und Salus (Frieden, gutes Schicksal, Wohlstand). Alle wichtigen politischen Aktionen, wie das Einsetzen eines neuen Magistraten, Entscheidungen der Volksversammlung, Einführung neuer Gesetze sowie Kriege und Feldzüge durften nur nach einem positiven Ergebnis der Auspizien umgesetzt werden.

Hierbei wurden die Auspizien jedoch nicht von den Auguren allein durchgeführt, vielmehr war es Aufgabe der Magistraten, da diese das ius augurii, das Recht zu den Auspizien, innehatten und für die letztendlichen Entscheidungen zugunsten von Pax, Fortuna und Salus die Verantwortung trugen. Die Auguren unterstützten sie durch die Erklärung und Deutung der Zeichen, doch das letzte Wort hatten die Magistraten, die die letztendliche Freigabe für ein geplantes Vorgehen erteilten. Sie hatten sogar das Recht, der Deutung des Augurs nicht zu folgen und einen gegenteiligen Entschluß zu fassen. Außerdem konnte die Entscheidung vor Gericht angefochten werden, was inbesondere in der späten Republik öfter vorkam, um unliebsame politische Entscheidungen oder die Wahl eines Gegners zu verhindern.

Die falsche Deutung eines Zeichens durch einen Augur oder das Ignorieren eines Zeichens wurde als Beleidigung der Götter aufgefaßt. Man glaubte, daß dies katastrophale Konsquenzen haben würde, die so lange andauerten, bis der Fehler korrigiert war und die Entscheidung der Götter angenommen wurde. Den Zeichen zu folgen, sicherte den Pax deorum, die Einhaltung des Schutzvertrages für das Römische Reich zwischen den Menschen und Göttern sowie das gute Verhältnis zwischen ihnen.

Da das Wort der Auguren so große Macht besaß, daß es fundamentale Entscheidungen des Staates lähmen oder sogar umkehren konnte, bis hin zur Ablehnung entscheidender Gesetze, bezeichnete Cicero das Amt des Auguren als mächtigstes Amt im Staat.

Über die öffentlichen Auspizien und die Auguren gibt es zahlreiche Quellen, insbesondere Cicero, Titus Livius und Varro haben darüber Abhandlungen verfaßt. Die Auguralformel selbst ist von Varro überliefert.

Öffentliche Auspizen wurden auf erhöhtem Grund durchgeführt, idealerweise auf einem der Hügel Roms. Der Legende nach führten Romulus und Remus Auspizien zur Gründung Roms durch, wobei Romulus auf dem Palantin stand und Remus auf dem Aventin.

Der Magistrat, der die Auspizien durchführte, wurde „Auspex“ genannt und von den Auguren unterstützt. Während des Rituals waren Tibiaspieler anwesend, die die ganze Zeit über musizierten. Das Spiel auf der Doppelflöte hatte dabei mehrere Funktionen, einerseits sollte es Singvögel anziehen, außerdem sollte es verhindern, daß der Magistrat potentielle negative Zeichen in der Umgebung hören konnte. Zudem war man der Ansicht, daß Flötenspiel generell den Göttern gefiel, so daß es Teil vieler römischer Zeremonien war.

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Das Ritual begann stets mit einem Trankopfer (Libation) an Jupiter, denn man war der Ansicht, daß es Jupiter war, der bei den öffentlichen Auspizien die Vögel schickte (bei privaten Auspizien konnte man sich an jeden Gott oder jede Göttin wenden) (Cicero, Von der Wahrsagung). Anschließend wurde der Anlaß verkündet, aus dem die Auspizien abgehalten wurden und die Frage gestellt, die man von den Göttern beantwortet haben wollte bzw. die Bitte geäußert, zu der die Götter ihre Zustimmung gewähren mögen.

Dann wurde mit dem lituus ein Bereich des Himmels festgelegt (templum) und durch Ost-West sowie Nord-Süd-Linien in vier Bereiche unterteilt (dextera, sinistra, antica und postica), die ihren Spiegel in auf dem Boden gezogenen Linien haben. Insgesamt wurde der Bereich des Himmels in 16 Quadranten eingeteilt, wie es auch bei der Untersuchung der Leber in der etruskischen Eingeweideschau üblich war, bei der  jeder Quadrant einer bestimmten Gottheit zugeordnet war.

Nachdem der Himmel entsprechend aufgeteilt war, erfolgte eine Anrufung an Jupiter. Hierbei war es auch möglich, die Zeichen zu spezifizieren, die man sich zur Bestätigung des Anliegens wünschte. Außerdem konnte der Magistrat auch festlegen, welche Zeichen er zu ignorieren wünschte. Dann wurde der Himmel beobachtet und auf das gewünschte Zeichen gewartet.

Einige besondere Anlässe erforderten auch spezielle Auspizien. Das augurium salutis wurde einmal jährlich vor der Bevölkerung Roms abgehalten, um das Wohlergehen des römischen Volkes zu erbitten. Das augurium canarium verlangte nach der Opferung eines roten Hundes. Es handelte sich dabei offenbar um ein Ernteritual, das nach der Aussaat abgehalten wurde, bevor die Ähren reif waren. Auch die vernisera auguria scheint ein Ernteritual gewesen zu sein.

Das System, nach dem in Rom die offiziellen Auspizien abgehalten wurden, wurde in den Libri Augurales niedergeschrieben. Zudem führte jeder Augur ein Buch, in dem er seine eigenen Deutungen niederschrieb.

Grundlagen der Auspizien

Egal, ob es sich um die nach einem besonderen Ritus durchgeführten öffentlichen Auspizien in Staatsangelegenheiten handelte, oder um Auspizien im Privatbereich – die interpretierten Zeichen waren die gleichen.

Es wurde zwischen zwei Gruppen von Zeichen unterschieden: Zeichen, die vom Menschen erbeten worden waren und Zeichen, die spontan aus eigener Initiative von den Göttern geschickt wurden.

Die Auspizien wurden wie schon erwähnt, bereits von den Etruskern durchgeführt. Allerdings unterschieden sich die römischen Auspizien inhaltlich bald deutlich vom etruskischen Vorbild. Zu Beispiel vertauschten die Römer die Himmelsrichtungen, welche als günstig und ungünstig galten, oder änderten die Interpretationsweise von Vogelgesang. (Cicero: Von der Weissagung, Cicero: Von der Natur der Götter). Außerdem reduzierten die Römer die Anzahl der Götter, die als Urheber von Blitzen in Betracht kamen, erheblich – von den etruskischen elf Göttern auf nur vier: Jupiter, Veiovis, Minerva und Summanus (Plinius erkennt in seiner „Naturgeschichte“ sogar nur zwei Götter, Jupiter und Summanus, an). Im Gegensatz zu den Griechen, bei denen Orakel als die Botschafter der Götter galten, galt im römischen Kult die Vorstellung, daß der göttliche Wille durch die Entsendung von Vögeln verkündet wurde.

In den Auspizien wurden vor allem Zeichen am Himmel interpretiert (allerdings nicht ausschließlich). Dabei spielten die Himmelsrichtungen deshalb eine wichtige Rolle, da ihnen bestimmte Themenbereiche zugeordnet waren. Der Osten war die Richtung des Lichts und des Lebens, der Westen der Bereich der Dunkelheit und des Todes. Der Norden galt als der Wohnsitz der Götter, während der Süden mit den „niederen Bereichen“ der Erde und der Unterwelt assoziiert wurde.

Generell gab es zwei Klassen von Zeichen (signa): Die erbetenen Zeichen (auguria impetrativa) und unerwünschten Zeichen (auguria oblativa).

Da es sehr viele unterschiedliche Zeichen gab, von denen einige auch gleichzeitig auftreten konnten (und sich unter Umständen sogar widersprachen), wurde eine „Rangliste“ der Zeichen festgelegt (so war ein Adler ein stärkeres Zeichen als ein Specht und ein Tier, das in einer bestimmten Region seltener ist, ist ein besseres Zeichen als ein Tier, das dort häufig vorkommt).

Die Art und Weise, wie die Beobachtungen durchzuführen waren, waren genau festgelegt und mußten unbedingt beachtet werden. So war während des Beobachtungszeitraums absolutes Schweigen zu wahren.

Die Zeichen unterteilen sich in verschiedene Gruppen, wobei nur die ersten zwei Kategorien in den offiziellen Staatsriten verwendet wurden. Die anderen wurden zwar auch von den staatlichen Auguren interpretiert, fanden aber eher in anderen Zusammenhängen Beachtung, wie zum Beispiel im Rahmen eines Feldzuges im Militärlager. Im privaten Bereich wurden alle Arten von Zeichen verwendet.

  • Ex caelo (aus dem Himmel)

Hierunter fallen alle Arten von Wettererscheinungen, insbesondere Donner und Blitz (wobei hier die Richtung des Blitzes eine wichtige Rolle spielt). Wurde vom Augur ein (von Jupiter gesandtes) Gewitter während der Auspizien gemeldet, konnte die Volksversammlung nicht abgehalten werden.

Ebenfalls in diese Kategorie gehören die unterschiedlichen Wolkenformen wie Cirruswolken, Nimbus oder Cumulus, Niederschläge wie Regen, Hagel, Graupel oder Schnee und Lichterscheinungen wie Regenbogen, Sterne, Sternschnuppen, Sonnen- und Mondfinsternisse.

  • Ex avibus (von den Vögeln)

Von Vögeln wurde sowohl der Flug als auch der Gesang oder Ruf gewertet. Allerdings galten nicht alle Vögel als Zeichen der Götter, sondern nur bestimmte Vogelarten.

Die Oscines waren die Vögel, deren Gesang oder Ruf als Zeichen galt. Hierzu zählten unter anderem Eulen, Krähen, Raben und Hühner. Alle Rufe konnten, je nach Richtung des Auftretens, als gutes oder schlechtes Omen gewertet werden.

Von den Alites wurde der Flug und die Zugrichtung gedeutet. Hierzu zählten unter anderem Adler, Geier, der Beinbrechervogel (avis sanqualis, ossifragus), Falke, Habicht.

Einige Vogelarten, wie Specht wurden sowohl zu den Oscines als auch zu den Alites gerechnet.

  • Ex tripudiis (vom „Tanz“ der gefütterten Vögel)
Hühnerkäfig des Hühnerbewahrers

Hühnerkäfig des Hühnerbewahrers

Diese Kategorie wurde vor allem während militärischer Feldzüge verwendet, weniger zu offiziellen Staatsauspizien. Hierbei wurde die Bewegungsweise, d.h. der „Tanz“ von Hühnern bei der Fütterung interpretiert, obwohl nach Cicero auch andere Vögel beim Fressen das Tripudium, d.h. den heiligen Tanz aufführen und diese Kategorie deshalb nicht auf Hühner beschränkt sein muß.

Die Hühner wurden in Käfigen unter der Aufsicht eines pullarius gehalten, dem „Bewahrer der Auspizien-Hühner“. Wenn die Hühner befragt werden sollten, ließ er sie aus dem Käfig und warf ihnen Brotkrumen zu. Dann wurde beobachtet, wie sich die Hühner verhielten: kamen sie nicht aus dem Käfig, verweigerten sie das Brot, flatterten sie mit den Flügeln oder kreischten sie, oder flogen sie gar weg, galt das als ungünstiges Zeichen. Fraß das Huhn etwas von dem Brot und fiel danach etwas davon auf den Boden, galt das als gutes Zeichen (tripudium solistimum oder tripudium quasi terripavium solistimum, von „solum“, „der Boden“).

  • Ex quadrupedibus (von den Vierfüßlern)

Diese Kategorie wurde nicht für staatliche offizielle Auspizien verwendet, ist als Zeichenkategorie aber überliefert. Hierbei wurde das Verhalten von auf vier Beinen laufenden Tieren beobachtet, besonders Wolf, Fuchs, Hund und Pferd, wenn diese den Weg kreuzten (zu vergleichen mit der bei uns heute bekannten „schwarze Katze von links“) oder an einem ungewöhnlichen, unerwarteten Ort zu finden waren. Die Interpretation dieser Zeichen oblag der individuellen Entscheidung des Auguren.

  • Ex diris (von Zeichen)

Diese Kategorie umfaßt alle Arten von Zeichen, die in keine der obigen Kategorien passen. Sie umfassen insbesondere alle ungewöhnlichen Ereignisse oder Vorkommnisse, bis hin zu so profanen Dingen wie Stolpern, die als Zeichen der Willensäußerung eines Gottes gedeutet werden konnten.

Die Arten der Zeichen und Vogelarten unterschieden sich je nach Ort und Anlaß, an dem die Auspizien abgehalten wurden.

Es gab außerdem offiziell anerkannte Strategien, wie mit ungünstigen Zeichen umgegangen wurde beziehungsweise wie man dafür sorgte, daß man gar nicht erst ungünstige Zeichen empfing.

Erschien ein ungünstiges Zeichen, konnte man folgendes tun: Zuerst wurde aktiv versucht, es nicht zu sehen. Gelang das nicht, wurde eine Handbewegung gemacht, die eine Verweigerung darstellte, es wahrzunehmen (repudiare). Mit dem non observare wurde vorgegeben, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Durch einen bewußt gewählten Zeitpunkt, wann die Beobachtung „galt“ und wann nicht, konnte ebenfalls ein Zeichen ausgeblendet werden (tempestas). Es wurde auch bewußt unterschieden, wann die eigentliche Beobachtung stattfand und wann man sich im Ritual drumherum befand (renunciatiatio). Eine gängige Strategie war, Fehler in der Durchführung anzumerken, die das Ritual ungültig machten (vitia) und die ganze Prozedur zu wiederholen.

Auch schützte die Tatsache, daß man das Ritual capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchführte, davor, negative Zeichen aus dem Augenwinkel wahrzunehmen.

„Aves admittunt!“ – „Die Vögel erlauben es!“ wurde ausgerufen, wenn ein gutes Zeichen empfangen wurde. „Alio Die!“ – „An einem anderen Tag!“ war die Ankündigung eines negativen Zeichens. In dem Fall konnten die Auspizen an einem folgenden Tag wiederholt werden.

Wenn gar kein Zeichen empfangen wurde, egal ob positiv oder negativ, bedeutete das, daß die Götter der Frage gleichgültig gegenüberstanden und keine Meinung dazu hatten. In diesem Fall konnte die Handlung ohne Zustimmung der Götter vorgenommen oder die Befragung an einem anderen Tag wiederholt werden.

Einen Artikel über die Unterscheidung zwischen den Auspizien als öffentlich anerkannte Botschaften der Götter und „abergläubischen“ magischen Praktiken im römischen Verständnis findet sich in Teil II dieser kleinen Serie: „Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus„.

Praktische Hinweise und Tipps zu privaten Auspizien und dem Deuten von Zeichen findet Ihr in Teil III dieser Serie: Kultpraxis: Auspizien im privaten Cultus.