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Antike Stätten: Tempel „Varnenum“ für Sunuxal und Varneno bei Kornelimünster

Tempelanlage Varnenum bei Kornelimünster

Tempelanlage Varnenum bei Kornelimünster

Anschrift:

Der Tempel liegt auf einem Acker in der Nähe der Breiniger Straße, 52076 Kornelimünster. GPS-Koordinaten: 50°43’47.0″N 6°11’37.0″E

Anfahrt:

Kornelimünster ist ein kleiner Ort an der Inde, einem Nebenfluß der Rur. Es liegt bei Aachen und schließt sich an den Stadtteil Aachen-Brand an.

Die Tempelanlage befindet sich etwas außerhalb von Kornelimünster an der Landstraße zwischen Kornelimünster und Breinig. Für das Navi am besten „Breiniger Straße“ eingeben.

Zwar befinden sich sowohl in Kornelimünster als auch in Breinig braune Hinweisschilder „römische Tempelanlage Varnenum“, die beide auf diese Landstraße verweisen, aber die eigentliche Einfahrt zum Tempel ist nicht ausgeschildert.

Deshalb kurz hinter der Ortsausfahrt Kornelimünster in Fahrtrichtung Breinig auf einen landwirtschaftlichen Nutzweg achten, der auf der linken Seite in die Felder abzweigt. Hier steht ein „Durchfahrt verboten in 100 Metern“-Schild. Diesem unbefestigten Weg etwa 100 Meter folgen, dann erreicht man den auf einer kleinen Anhöhe inmitten von Kuhweiden gelegenen Tempel. Vor dem Gelände ist Platz für 2 parkende Autos.

Kornelimünster war früher an die Vennbahn angeschlossen, hat heute jedoch keinen eigenen Bahnhof mehr. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln muß deshalb per Bus aus Aachen oder Monschau erfolgen.

Für Wanderfreunde interessant: Der Eifelsteig beginnt in Kornelimünster, von wo aus er in der ersten Etappe durch die Moore des Hohen Venns führt. Der Besuch des Tempels, der nahe am Ortsausgang liegt, läßt sich also auch gut mit einer Wanderung auf dem Eifelsteig verbinden.

Eine Warnung vorab:

Wer sich überlegt, sich auf eine weite Reise zu begeben, nur um diesen Tempel zu besichtigen, sollte eines wissen: Der Tempelkomplex Varnenum ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie man mit dem antiken römischen Erbe in unserem Land nicht umgehen sollte. Erwartet deswegen auch keinen religiös inspirierenden Ort, der zu kultischen Handlungen einlädt, oder setzt zu hohe Erwartungen in dieses seltene Heiligtum der Göttin Sunuxal. Sondern macht Euch für eine etwas schockierende und ernüchternde Erfahrung bereit und die Erkenntnis, daß in unserer ehemaligen römischen, kulturell hochstehenden Provinz heute wieder die Barbaren hausen.

Aus wissenschaftlichem  Interesse oder in Verbindung mit weiteren Sehenswürdigkeiten der Region (zum Beispiel die sehr schöne Stadt Monschau oder Aachen mit seinem beeindruckenden Kaiserdom und den Schätzen Karls des Großen) kann man diesen Abstecher natürlich durchaus machen.

Hintergrundinformationen:

Der Tempel, der heute „Varnenum“ genannt wird, war eine große gallo-römische Tempelanlage von einst überregionaler Bedeutung. Magnetometrische Untersuchungen deuten auf eine Größe des Geländes von mindestens 150.000 Quadratmetern hin.

Rekonstruktionsmodell eines der beiden Haupt-Umgangstempel aus Varnenum (Museum Frankenberg, Aalen)

Rekonstruktionsmodell eines der beiden Haupt-Umgangstempel aus Varnenum (Museum Frankenberg, Aalen)

Errichtet wurde der Tempel um die Zeit von Christi Geburt auf einer leichten Anhöhe, die in römischer Zeit wahrscheinlich terrassenartig angelegt war. In unmittelbarer Nähe verlief eine wichtige römische Heerstraße, die Aachen mit der Eifel und der dort verlaufenden Via Agrippa verband, so daß der Tempel an einer befestigten Überlandstraße lag und gut erreichbar war.

Es schlossen sich mehrere Bauphasen an, in denen die Anlage systematisch erweitert wurde. Er bestand in seiner Blütezeit aus mehreren Umgangstempeln mit weitstehenden Säulen, Priestergebäuden, Schatzhäusern zur Aufbewahrung von Opfergaben und Kultgegenständen und einer 20 Meter langen Wandelhalle, sowie einem zentralen, gepflasterten Platz für Prozessionen und Kulthandlungen. Im Jahre 70 n. Chr. wurden große Teile der Anlage durch einen Brand zerstört, er wurde jedoch in größerer und erweiterter Form wieder aufgebaut.

Zum Tempel gehörte auch eine zivile Siedlung, die alles bot, was man als Pilger, Reisender und Tempelbesucher benötigte: Herbergen, Schänken, Verwaltungsgebäude, Geschäfte, Handwerksbetriebe, Wohngebäude, Versammlungsräume und Lagerhäuser. Die Größe der Anlage und die Vielzahl der Gebäude deuten auf einen stark frequentierten Tempelkomplex hin.

Zudem wurde im Umland im Bereich des heutigen Dorfes Breinig auch Galmei abgebaut, eine seltene Form des Zinks, der in der Antike ein wertvoller Rohstoff zur Herstellung von Messing war, so daß die gesamte Region zu römischer Zeit sehr belebt war.

Phosphat-Bodenanalysen zeigen, wie groß das Tempelgelände war („VarnenumVicus“ von Tympanus, lizenziert unter Copyrighted free use über Wikimedia Commons)

Phosphat-Bodenanalysen zeigen, wie groß das Tempelgelände war („VarnenumVicus“ von Tympanus, lizenziert unter Copyrighted free use über Wikimedia Commons)

Der Tempelkomplex war durch eine Temenosmauer eingefriedet. Der Zugang erfolgte durch ein Tor, das im Süden der Anlage lag. Auch die Eingänge der Umgangstempel zeigten nach Süden.

Es kann nicht genau datiert werden, bis wann der Tempel genutzt wurde. Schätzungen anhand der Fundlage gehen davon aus, daß er bis ca. 260 n. Chr. in Gebrauch war und danach aufgegeben wurde. Auch die Gründe hierfür sind nicht bekannt.

Es wird davon ausgegangen, daß diese Region schon in vorrömischer Zeit von der lokalen Bevölkerung sowohl zum Metallabbau und auch als Kultzentrum genutzt wurde, da hier vor allem lokale Götter nicht-römischen Ursprungs verehrt wurden. Aus den hier gemachten Funden, vor allem Weiheinschriften, geht hervor, daß hier vor allem zwei Gottheiten verehrt wurden: die Göttin Sunuxal, die auch aus Nettersheim, Euskirchen, Eschweiler, Zülpich, Nideggen, Köln, Bonn und Remagen bekannt ist, sowie der Gott Varneno. Über letzteren ist nichts bekannt; Inschriften, die seinen Namen nennen, kennt man ausschließlich von diesem Ort. Auch ist die etymologische Herkunft seines Namens nicht eindeutig, so daß nicht geklärt werden kann, ob er keltischen oder germanischen Ursprungs ist.

Sunuxal ist hingegen aus dem Gebiet des heutigen rheinischen Braunkohlereviers bis in die Eifel gut belegt, insbesondere aus der Zeit zwischen dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr.. Sie gilt als Stammesgöttin der Sunuci, ein Stamm germanischer Herkunft, dessen Führungsschicht jedoch stark keltisiert war. Da sich das Siedlungsgebiet der Sunuci auf dem Stammesgebiet der Ubier befand, wird vermutet, daß sie entweder bei diesen in der Pflicht standen oder sich von diesen als eigene Gruppe abgespaltet haben.

Der Tempelkomplex bei Kornelimünster gilt als ein zentrales Heiligtum der Sunuci für ihre Stammesgöttin Sunuxal. Diese wird als sitzende Frau in Begleitung eines Tieres dargestellt, jedoch sind die wenigen figürlichen Darstellung so beschädigt, daß weder ihr Kopf noch ihr Oberkörper erhalten geblieben ist; von ihrem tierischen Begleiter kennt man nur die Vorderbeine. Interessant jedoch ist in diesem Zusammenhang, daß aufgrund der stets fehlenden Köpfe, die möglicherweise mutwillig im Rahmen der Christianisierung abgeschlagen wurden, in der gesamten Region des westlichen Rheinlands bis heute die sogenannten „Juffernsagen“ über kopflose Frauen verbreitet sind.

Die

Die „Fossa Sanguinis“ in Neuss war wahrscheinlich eine Kultstätte der Sunuxal

Man geht heute auch davon aus, daß die sogenannte „Blutgrube der Kybele“ in Neuss eigentlich eine Kultstätte der Sunuxal war.

Mehrere Jahrhunderte lang, bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, diente der Tempelkomplex als Steinbruch für die Gebäude der Umgebung, insbesondere für den Bau der nahegelegenen St. Stephanuskirche. In dieser Kirche fand man 1972 bei Ausgrabungen einen Stein, dessen Inschrift belegt, daß es sich um eine römische Weihegabe eines Mannes handelte, der Stifter eines der Gebäude des Tempelkomplexes war: „Perpetuus hat dieses Gebäude aus eigenem Vermögen gestiftet„.

Die ersten dokumentierten Ausgrabungen wurden im Jahr 1907 durchgeführt und in den Jahren 1911 bis 1924 fortgeführt.

Zu den wichtigsten damaligen Funden gehörten Fibeln, Münzen (die eine genaue Datierung des Ortes erlaubten), Nadeln, Nägel und Keramik. Die meisten dieser Funde wurden zwar schriftlich dokumentiert, gingen jedoch im 2. Weltkrieg oder aufgrund unsachgemäßer Lagerung verloren. Einige Funde befinden sich heute in einem Depot in Meckenheim, wo sie auf ihre weitere Untersuchung warten – oder darauf, in einem eigenen Museum, zum Beispiel in Kornelimünster, ausgestellt zu werden (was im Moment aber nicht wahrscheinlich zu sein scheint).

Zu den wichtigsten Funden gehören drei Votivtafeln aus Bronze, deren Inschriften die in Varnenum verehrten Gottheiten nennen:

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Events und Veranstaltungen: Römer- und Germanentage in Kalkriese an Pfingsten

Römertage Kalkriese 2015Eine der größten Veranstaltungen des Jahres naht mit großen Schritten: Die „Römer- und Germanentage 2015“, die unter dem Motto stehen: „Germanicus kommt!„.

Sie finden vom 24. bis 25. Mai 2015 im Varusschlacht-Museum und Park in Kalkriese im Osnabrücker Land statt.

Am 24. Mai 2015 jährt sich der Geburtstag des römischen Feldherrn Nero Claudius Germanicus, Vater des Caligula, Adoptivsohn des Kaisers Tiberius, Großneffe von Kaiser Augustus, Bruder von Kaiser Claudius, der am 24. Mai 15 v. Chr. geboren wurde.

Germanicus spielte eine wichtige Rolle bei den Feldzügen in Pannonien und zeichnete sich besonders nach der Niederlage in der Varusschlacht im Jahre 9 n.Chr. aus, als er in einer großangelegten Militäroffensive zum Schauplatz der Schlacht zurückkehrte und die Toten bestattete. Im Jahre 14 führte er mit 8 Legionen – einem Drittel der römischen Gesamtstreitkräfte – einen großangelegten Feldzug in Germanien durch, um die unter Arminius vereinten Stämme zu schwächen, wobei er bis zur Weser vordrang.

Germanicus war im römischen Reich sehr beliebt (im Gegensatz zu seinem Adoptivvater, Kaiser Tiberius) und sein Tod im Jahre 17 n. Chr. in Antiochia, wo er möglicherweise einem Giftanschlag des örtlichen Statthalters zum Opfer fiel, löste im Volk große Trauer aus.

Anläßlich des Geburtstages dieses wichtigen Feldherrn wird im Museumspark Kalkriese, dem vermutlichen Schauplatz der Varusschlacht, gebührend gefeiert. Anschaulich wird dargestellt, wie solche Feierlichkeiten in der römischen Antike vonstatten gingen. Hunderte von Darstellern zeigen lebendige Geschichte: römisches Militärrleben mit Kampfformation und Drill, germanische Hinterhalte, friedliches Lagerleben mit Handwerkern, Händlern oder dem Medicus. Römisches Essen und Trinken sowie Kultur fehlen natürlich auch nicht. Gladiatoren sind ebenfalls vor Ort, die bei keiner ordentlichen Großveranstaltung fehlen durften!

Das Programm ist sehr umfangreich und bietet viele Aktionen für Erwachsene und spezielle Mitmach-Aktionen für Kinder.

Er ist der Ehrengast der Veranstaltung: Feldherr Germanicus

Er ist der Ehrengast der Veranstaltung: Feldherr Germanicus

Höhepunkt der Veranstaltung ist die Rückkehr des Germanicus.

In moderierten Kampfszenen wird dargestellt, wie sich die Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen zur Zeit des Germanicus abgespielt haben könnten. Er steht auch im Mittelpunkt vorgestellter römischer Zeremonien wie einer Totenehrung, Kaiserhuldigung und einer römischen Geburtstagszeremonie.

Die beteiligten römischen Gruppen sind unter anderem die Legio I Italica, Legio XV Primigenia (Römerkohorte Niederrhein, die Interessengemeinschaft für römische Militär- und Kulturgeschichte im Rheinland) und die XXI Legio Rapax.

Im Germanenlager finden sich unter anderem der Verein Ars Replica (Verein für experimentelle Archäologie, der auf germanisches Alltagsleben im 1. Jahrhundert n.Chr. spezialisiert ist) und die ASK Alamannen (alamannisch-suebische Kulturdarstellung auf der Grundlage archäologischer und historischer Forschung).

Das komplette Programm, samt Geländeplan und Fahrplan des Shuttle-Service, steht hier als Flyer zum Download bereit (PDF).

Da es sich um eine sehr große Veranstaltung handelt, gibt es einen kostenlosen Park & Ride-Service mit Busshuttle zum etwas abseits gelegenen Museumspark. Shuttle-Busse verkehren auch regelmäßig aus Bramsche und Osnabrück.

Die Römer- und Germanentage finden an beiden Tagen von 10 bis 18 Uhr statt.

Es gibt auch Übernachtungs-Kombiangebote, die auf der Website des Varusschlacht-Museums einsehbar sind. Dort sind auch Vorverkaufsstellen für die Eintrittskarten aufgelistet.

Der Eintritt beträgt für Erwachsene 12,50 €, ermäßigt 9 €. Eine Familienkarte (2 Erwachsene + Kinder) kostet 30 €. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt.

Nun bleibt uns nur noch, kräftig zu opfern – das gilt für uns Römer wie für Euch Germanen! -, damit all unsere Wettergötter uns an diesem Pfingstwochenende gewogen sind 🙂

Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

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Antike Stätten: Römisches Matronenheiligtum Zingsheim

 

Der Matronentempel „Vor Hirschberg“ in Zingsheim

Anschrift:

Der Tempel liegt etwas abseits der K59 im Gewerbegebiet von Zingsheim / Eifel. Keine postalische Anschrift.

Anfahrt:

Der K59 von Nettersheim nach Zingsheim folgen. Der Tempel ist am Straßenrand der K59 mit „Römischer Tempel“ ausgeschildert. Er liegt im Gewerbegebiet Zingsheim, in der Nähe eines Sägewerks und eines Holzturms, man kann auch den Schildern zum Gewerbe „Auf der Heide“ folgen. Parkmöglichkeit in unmittelbarer Nähe ist vorhanden. Um ihn zu finden, muß man die Augen offenhalten, da es keine Anschrift für das Navi gibt.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Matronentempel, wie die beiden anderen Tempel in unmittelbarer Nähe, nicht direkt zu erreichen. In die nächstgrößeren Ortschaften – Bad Münstereifel und Nettersheim – gelangt man mit der Deutschen Bahn. Busse nach Zingsheim verkehren aus Nettersheim, Kall und Bad Münstereifel, allerdings fahren sie sehr unregelmäßig, so daß man sich hier vorher kurzfristig informieren sollte, wenn man nicht in der Eifel stranden möchte (was allerdings auch lohnenswert sein kann, denn hier ist eine beliebte Urlaubs- und Wandergegend 😉 ).

Wanderfreudige können den Tempel gemeinsam mit dem großen Matronenheiligtum bei Nettersheim auf der Görresburg erwandern; die Entfernung zwischen beiden Tempeln beträgt etwa 5 Kilometer. Von Bad Münstereifel bis Zingsheim sind es etwa 12 Kilometer. Der Tempel liegt am „Kräuterpfad„, der Nettersheim und Bad Münstereifel miteinander verbindet.

Hintergrund:

In der Umgebung von Nettersheim sind drei römische Matronenheiligtümer zu finden: bei Zingsheim, Nettersheim („Görresburg“) und Nöthen-Pesch. Da alle drei in unmittelbarer Umgebung voneinander liegen, wird angenommen, daß sie miteinander im Zusammenhang stehen. Zingsheim liegt genau auf halbem Weg zwischen den Tempelbezirken von Nettersheim und Pesch.

Der Celeris-Weihestein. Auch heute findet man dort Gaben, wie diese Blumen

Der Celeris-Weihestein. Auch heute findet man dort Gaben, wie diese Blumen

Bei dem Tempel in Zingsheim handelt es sich um Teile einer gallo-römischen Tempelanlage, die 1960 entdeckt wurde. Freigelegt wurde die 2,60 x 3,40m große  Cella des Umgangstempels, die von einem säulengestützten Umgang umgeben war (wie man es z.B. beim rekonstruierten Tempel auf dem Martberg an der Mosel gut sehen kann). Die Fundamente wurden bei Bauarbeiten im Gewerbegebiet im Flurabschnitt „Vor Hirschberg“ entdeckt, weswegen der Tempel heute auch diesen Beinamen trägt.

Verehrt wurden, wie man aus Weiheinschriften auf Bruchstücken von Kalk- und Sandsteinen weiß, die Matronendreiheit der Matronae Fachinehae („Fachinehische Matronen“), deren Kult nur in Zingsheim und Euskirchen nachgewiesen wurde, von dem man hier aber schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Kenntnis hatte. Es handelte sich bei ihnen um einheimische Schutz-, Fruchtbarkeits- und Muttergottheiten, die aber auch bei den Römern schnell zu großer Beliebtheit fanden und von ihnen nach römischer Art verehrt wurden. Woher die Bezeichnung „Fachinehae“ stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt, es scheint sich dabei aber um einen germanischen Beinamen zu handeln, da er Buchstaben enthält, die es im lateinischen Alphabet nicht gibt.

Bislang wurde nur der Umgangstempel freigelegt, man geht aber davon aus, daß der Tempel möglicherweise Teil einer größeren Tempelanlage war, da in der Umgebung weitere römische Bauspuren gefunden wurden. Funde von Nägeln deuten darauf hin, daß es einen Vorgängerbau aus Holz gab.

Der steinerne Tempel wird auf das 2. bis 4. Jahrhundert n.Chr. datiert. In der unmittelbaren Umgebung wurden eine kleine Birne aus Stein gefunden, die sich offenbar aus einem Relief oder Bild gelöst hatte (möglicherweise aus der bekannten Darstellung eines Füllhorns auf einem Weihestein). Außerdem wurde der Torso eines Ortsgenius (Genius Loci) entdeckt, der allerdings aufgrund seiner schlechten Erhaltung nicht näher bestimmt werden kann, sowie eine lebensgroße menschliche Hand aus Sandstein. Zwar fehlen Finger und Daumen, in der Innenseite der Hand sich jedoch noch die Ansatzstellen eines waagrecht gehaltenen Gegenstandes zu erkennen, vermutlich Reste eines Fruchtkorbes oder einer Votivgabe, wie man sie auch von anderen Matronensteinen kennt, zum Beispiel aus dem nahegelegen Tempelbezirk von Nöthen-Pesch.

Daneben wurde die Figur eines etwa vierjährigen lockigen, lachenden Mädchenkopfes gefunden, von dem man glaubt, daß er zu einem Grabdenkmal gehörte.

Der Tempel wurde im Jahr 1975 erneut untersucht und restauriert. Dabei stieß man in der Nähe auf ein fränkisches Gräberfeld aus dem 7. Jahrhundert. Als Grabplatten und Abstützung wurden hier zwei Weihesteine der Fachinae verwendet.

Die lateinische Inschrift auf einer der Tafeln lautet:

M(a)T(ronis) FA(c)HINE
IS L(ucius) CELER
IS PRO SE
ET SUIS
L(ibens) M(erito)

Übersetzung: „Den Fachihenischen Matronen hat Lucius Celeris für sich und die Seinen gern und nach ihrem Verdienst sein Gelübde erfüllt„. Der Stein wird auf Ende 2. Jahrhundert / Anfang 3. Jahrhundert datiert. Der zweite Weihestein stammte von einem Lucius Chuaciionius Primus.

Beschreibung:

Der Tempel befindet sich in unmittelbarer Nähe dieses Turms, danach sollte man also Ausschau halten

Der Tempel befindet sich in unmittelbarer Nähe dieses Turms, danach sollte man also Ausschau halten

Der Tempel liegt abgelegen auf einer freien Fläche inmitten des Gewerbegebiets Zingsheim, was ihn nicht gerade zu einem malerischen Ort macht (Pesch und Nettersheim entschädigen dafür jedoch doppelt). In unmittelbarer Nähe befindet sich das Sägewerk, dessen Geräuschkulisse hier unter der Woche dauerhaft zu hören ist. Sonn- und Feiertags sowie abends ist es hier jedoch ruhig und dann kommt der Ort auch besser zur Geltung.

Der Tempel selbst ist teilrekonstruiert, die Fundamente wurden auf ca. 1 Meter Höhe aufgemauert, um dem Besucher einen Eindruck des Gebäudes zu vermitteln. Informationstafeln informieren über die Hintergründe der Tempelanlage.

Am Eingang der Cella wurde eine Replik des Weihesteins des Lucius Celeris aufgestellt, das Original befindet sich im Rheinischen Landesmuseum in Bonn.

Der Tempel ist, auch aufgrund der Lage und weil er der kleinste der drei Bauten ist, auch der am wenigsten besuchte, so daß es hier in der Regel menschenleer ist, im Gegensatz zu den anderen beiden Tempeln, an denen stets reges Treiben herrscht, denn die römischen Heiligtümer sind auch unter Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften beliebt, wie zum Beispiel Wicca und  Ásatrúar.

In neuerer Zeit wird dieser Tempel jedoch auch stärker frequentiert, wie Bänder in den umstehenden Bäumen und Büschen sowie zahlreiche Opfergaben auf dem Weihestein und den umgebenen Mauern zeigen.

Der Erhaltungszustand des Tempels ist, da er restauriert und aufgemauert ist, sehr gut. Er wird vom Landschaftsverband Rheinland betreut.

Eintritt, Zugänglichkeit:

Der Tempel ist jederzeit kostenlos und frei zugänglich.

Sonstiges:

Die Fundamente sind 1 Meter hoch aufgemauert und vermitteln einen guten Eindruck vom Aufbau des Tempels

Die Fundamente sind 1 Meter hoch aufgemauert und vermitteln einen guten Eindruck vom Aufbau des Tempels

Fotografieren ist problemlos möglich.

Der Besuch des Tempels wird idealerweise mit einem Besuch aller drei Matronentempel in der Gegend kombiniert, die aufgrund ihrer unmittelbaren Nähe alle an einem Tag aufgesucht werden können. Abhängig davon, aus welcher Richtung man kommt, empfiehlt sich die Reihenfolge Nettersheim – Zingsheim – Pesch oder umgekehrt, wobei Zingsheim sicherlich der unspektakulärste der drei Orte ist.

Aufgrund der Lage gibt es keine Anwohner oder Nachbarn, so daß man hier Tag und Nacht ungestört ist – sofern einen die industrielle Kulisse nicht stört (die spät abends und nachts natürlich weniger ein Problem darstellt).

Weiterführende Informationen: