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Orthopraxie in der Religio Romana – Teil 1: Bedeutung und Hintergrund

Wie wir schon in dem einen oder anderen Artikel ausgeführt haben, ist die Religio Romana eine „orthopraktische“ Religion. Da dieser Begriff immer wieder Fragen aufwirft, möchten wir ihn in einem zweiteiligen Artikel erläutern.

Teil I dieses Artikels beschäftigt sich mit den Hintergründen: woher kommt der Begriff und wie sieht die spezifisch römische Interpretation aus?

Teil II dieses Artikels wird sich mit der Bedeutung der Orthopraxie für den römischen Rekonstruktionismus, also ihrer praktischen Umsetzung in der heutigen Ausübung der römischen Religion beschäftigen und auf einige typische Fragen und Mißverständnisse eingehen, mit denen wir in diesem Zusammenhang immer wieder konfrontiert werden.

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Jupiter, Juno und Minerva – die kapitolinische Trias (Trier, Landesmuseum)

Der Begriff kommt aus dem Griechischen und leitet sich ab von „ὀρθός“ (orthos) = „gerade, aufrecht, richtig“ und „πρᾶξις (prâxis) oder πρᾶγμα (prâgma)“ = „Handlungsweise“ und bedeutet übersetzt deshalb so viel wie „rechte Handlungsweise„.

Das Gegenstück (nicht zwingend das Gegenteil!) dazu ist die „Orthodoxie„, von „orthos“ = „recht“ und „δόξα“ (doxa) = „Meinung, Ansicht, Vorstellung, Glaube“, also „rechter Glaube„.

Der eigentliche Begriff „Orthopraxie“ ist ein Kunstwort, das erst Ende des 20. Jahrhunderts im theologischen Kontext im Rahmen der ökumenischen Bewegung zur Überwindung der Spaltung der Christenheit geprägt wurde. Unter anderem stellte Kardinal Ratzinger die Glaubenslehre, die Orthodoxie, der Orthopraxie im Sinne des gelebten Christentums in Form der Nächstenliebe gegenüber.

In diesem Sinne verwenden wir den Begriff an dieser Stelle nicht, sondern lösen ihn aus dem modernen christlichen Umfeld der Ökumene und nutzen ihn zur Beschreibung zweier Konzepte dem reinen Wortsinn nach.

Orthodoxie, d.h. die rechte Glaubensvorstellung, spielt in der Religio Romana – im Gegensatz zum Christentum, Judentum oder Islam -, keine Rolle. Zur römischen polytheistischen Religion (abgesehen vom Spezifikum der Mysterienkulte, in denen solche Ideen bereits angelegt waren) gehören keine theologischen Konstruktionen, Strömungen oder Schulen, Lehrmeinungen, religiöse Vorschriften (wie etwa die 10 Gebote oder Speisevorschriften), religiös motivierte Moralvorstellungen, festgelegte Gottesvorstellungen (zum Beispiel, ob man sich einen Gott körperlich vorzustellen hat oder als formloses Energiewesen, als Teil eines Ganzen oder als individuelles Einzelwesen etc.), Erlösungs- oder Jenseitsvorstellungen oder die Suche nach einem persönlichen Seelenheil.

Sie ist keine Heilsreligion, keine Offenbarungsreligion, die die Lehren eines bestimmten Gottes tradiert, es gibt kein niedergeschriebenes „Glaubensbekenntnis“ und keinen Religionsstifter. Der legendäre zweite König von Rom, Numa Pompilius, wird manchmal als Stifter bezeichnet, aber bei genauem Hinsehen entspricht seine Rolle nicht diesem Begriff in seiner umfänglichen Bedeutung – er war (sofern es ihn gegeben hat) der Stifter einiger wichtiger Kulte und setzte bestimmte Priesterämter ein, aber in einer polytheistischen Religion, die viele Kulte gleichberechtigt unter ihrem Dach vereint, lässt sich in diesem Sinne nicht von einem Religionsstifter sprechen, auf den die gesamte Religion zurückzuführen wäre.

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Marcus Tullius Cicero hat uns dank seiner Schriften viele detaillierte Informationen über die römische Religion hinterlassen (Thorvaldsen-Museum, Kopenhagen)

Natürlich gab es all diese zuvor aufgeführten Themen und Fragestellungen trotzdem auch in der römischen Antike und sie wurden dort eifrig und zum Teil erbittert diskutiert.

Federführend hierbei waren aber keine Priester oder religiöse Autoritäten, sondern die meisten dieser Fragen fielen in den Bereich der Philosophie. Über die Natur des Göttlichen stritten sich zum Beispiel die Stoiker mit den Epikureern (unter anderem nachzulesen in Ciceros Streitschrift „De natura deorum„, „Über die Natur der Götter“). Hierbei muß man als interessanten Punkt betonen, daß die Philosophie ursprünglich ein Import aus Griechenland war, der sich zwar durch lateinische Übersetzungen, Diskussionen und Systematisierungen von Lehraussagen dann auch als Teil des römischen intellektuellen Lebens etablierte, aber es zeigt, das solche Ideen dem römischen Verständnis erst einmal fremd waren.

Ähnlich auffallend ist das Fehlen einer ausgearbeiteten Mythologie in der römischen Religion, obgleich viele der griechischen Götter mit den römischen identifiziert wurden und in der griechischen Vorstellung eine Bandbreite an mythologischen Bildern und Geschichten im Umlauf waren. Die klassische Römische Religion blieb sowohl von einem wertenden philosophischen Überbau, als auch von einer mythologischen Verortung der in ihr verehrten Gottheiten weitestgehend frei und stellte somit eine reine, ritualisierte Kommunikationsform mit dem Göttlichen dar.

Verbreitete Verhaltens- und Moralvorschriften, die zum Teil recht strikt waren, entstammten demzufolge auch nicht religiösen, gottgegebenen Vorschriften, sondern basierten auf Kultur und Tradition des herrschenden Gesellschaftssystems. Gerechtigkeit und an ihr orientiertes Handeln, sowie die gültige Moral wurden als selbstverständlich vorausgesetzt und galten nicht als „Gesetz gegeben durch die Götter“ , sondern als ein der Natur innewohnendes Prinzip, welches sich im subjektiven Gewissen des Einzelnen reflektiert, aber in seinen gesetzten Ansprüchen (denen man nun Folge leisten mag oder nicht) von den Göttern unabhängig ist.

Es gab keine einheitliche, allgemeingültige Lehrmeinung darüber, was nach dem Tod geschah, sondern es gab verschiedene Jenseitsvorstellungen und Debatten über eine Seele oder eine anders geartete Existenz nach dem Tod.

Was der Einzelne über die Götter dachte, oder ob man sich überhaupt mit derlei theoretischen Fragen beschäftigte (selbst das war weder notwendig, noch allgemein in der Bevölkerung verbreitet), war Privatsache.

In der römischen Religion ging es auch nicht um eine individuelle, persönliche, spirituelle, emotionale Beziehung zu einem Gott. Man konnte zwar durchaus einem Gott mehr zugetan sein als einem anderen und diesen zu seinen persönlichen Hausgöttern zählen, an die man sich mit seinen Anliegen wandte, jedoch stand dies nicht im Vordergrund des religiösen Empfindens, sondern der römische Ansatz war tatsächlich sehr pragmatisch und nüchtern.

Götter als Staatsbürger

In der römischen Religion steht die Orthopraxie, d.h. die „rechte Handlungsweise“ im Zentrum, wobei es im Prinzip keine Rolle spielt, was der Handelnde im Einzelnen glaubt oder denkt. Wichtig ist nur, daß die Handlungsweise im Umgang mit den Göttern korrekt ist und festgelegten Vorschriften folgt.

Dies führt dazu, daß die römischen Rituale, aber auch andere kultische Handlungen, strikten Vorgaben folgen und wenig Spielraum für eigene Variationen erlauben, da Form und Funktion im Vordergrund stehen.

Grundlage für diese Herangehensweise ist die römische Vorstellung, daß die Götter, ebenso wie die Menschen, „Bürger“ und damit Teil der Civitas sind, daß sie mit den Menschen zu einer Gemeinschaft gehören und die Gesellschaft mittragen. Als cívitas (Bürgerschaft) wurden bestimmte Verwaltungsbezirke bezeichnet, in die das römische Staatsgebiet eingeteilt war, in weiterem Sinne ist darunter die Gemeinschaft der Bürger zu verstehen, die in einer solchen Verwaltungseinheit erfasst waren.

Die Götter sind nach römischer Vorstellung zwar allgegenwärtig, hingegen nicht unfehlbar, nicht allwissend und allmächtig, dem Menschen aber dennoch überlegen. Dabei sind sie jedoch nicht interessiert daran, ihre überlegenen Fähigkeiten ständig zur Schau zu stellen; im Alltagsleben verhalten sie sich nicht wie Tyrannen oder Herrscher, sondern eher wie „Patrone“ oder weisere Mitbürger (Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Dt: „Briefe über Ethik an Lucilius“).

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Das Fahnenheiligtum der XI. Legion, die jedes Jahr aus der Schweiz zur Villa Borg anreist, ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig der Kult in der Armee war – ohne sich der Gunst der Götter zu versichern, zog man in keine Schlacht

Wie alle Bürger haben dabei auch die Götter Rechte und Pflichten und tragen zum Gemeinwohl bei, um die Ordnung der Welt und ihre Verwaltung zu gewährleisten. Vorstellungen, daß die Götter sich nicht für die Menschen interessieren und sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten, sind unrömisch und wurden schon in der Antike kritisiert (Cicero, De natura deorum I,3, Dt.: Vom Wesen der Götter).

Hier fällt deutlich auf, daß die Vorstellung von den römischen Göttern im Vergleich zu anderen Kulturen in vielen Aspekten gemäßigter war. Zum Beispiel galten bei den Griechen Götter als launisch und unberechenbar und mischten sich gerne aus selbstsüchtigen oder niederen Motiven in die Geschicke der Menschen ein. Eine solche Vorstellung paßt nicht zum römischen Konzept, eine Gottheit als pflichtbewußten Teil der Gemeinschaft zu sehen und auch in die Verantwortung zu nehmen.

Religio“ im römischen Sinne bezeichnet deshalb die grundsätzliche Annahme der Götter als wohlwollende und gutgesinnte Partner der Sterblichen in der Betreuung und Verwaltung der Welt. Nach Cicero entspricht dies auch dem Begriff „Cultus Deorum„, der die Bedeutung des praktischen kultischen Vollzuges betont, also die formal korrekte Verehrung der Götter durch Beachtung eines von alters her gültigen Bezugsrahmens, der durch bestimmte Objekte, Rituale, Zeitpunkte und Orte sowie durch die gewissenhafte Einhaltung von Regeln definiert wird.

Eine Verletzung dieser Strukturen, also etwa eine Opferung, die nicht dem gültigen sakralen Prozedere entsprach, oder Fehler in der Intonation der Anrufungen und andere Dinge dieser Art waren vitia“  (lat.: vitium = Fehler, Mangel, Gebrechen, Schaden) und führten zur Ungültigkeit des Ritus, so dass er von vorne begonnen werden mußte.

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Waschung der Hände vor der Durchführung des Rituals (Haltern, 2014)

Der Religio gegenüber steht, als negatives Gegenstück, die „superstitio„, im römischen Verständnis als Begriff nach Varro und Cicero definiert als übertriebene, devote Frömmigkeit oder religiöse Ereiferung, religiöse Extremzustände und ungesunde sprituelle Fokussierung, zum Beispiel sich manifestierend in Form von tagelangem Beten und Opfern, als allgemeine Furcht vor den Göttern oder als  Angst vor einem konkret strafenden Gott. Aber auch lähmender Aberglaube, sowie Magie und Divination, also der Versuch, sich selbst göttliche Kräfte oder Wissen um die Zukunft durch magische Mittel anzueignen fällt darunter, wie auch die Vorstellung, daß Götter die Kontrolle über den Geist eines Menschen nehmen, um dessen Gedanken zu kontrollieren oder ihm solche einzugeben. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist also wesentlich vielschichtiger und weitreichender als das Lehnwort im Englischen, das wir heute noch kennen (superstition, was rein Aberglaube bedeutet).

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Kultpraxis: Geburtstagsritual am Lararium

„Statuetten opfernder Männer und Frauen“ im RGM Köln. Oder Larariumsfiguren von Genius und Iuno? Fundort: Köln

Wie wir in unserem Einleitungsartikel „Der Geburtstag in der römischen Antike“ beschrieben haben, unterschieden sich römische Geburtstagsbräuche kaum von unseren heutigen – mit einem Unterschied:

Neben Essen, Trinken und Feiern nutzte man den Tag auch, um in einem Ritual am Lararium, dem Hausschrein, seines Genius / seiner Iuno zu gedenken, sich bei den Göttern für das vergangene Lebensjahr zu bedanken und mit einem Gelübde ihre Unterstützung für das kommende Lebensjahr zu erbitten. Hierbei wird immer Jupiter Optimus Maximus eingeschlossen, aber zusätzlich auch jeder andere Gott, der in der eigenen Sacra Privata eine Rolle spielt.

Dieses Ritual stellte die rituelle Eröffnungshandlung am eigenen Geburtstag dar und wird deswegen auch heute in der Religio Romana als Teil der Feierlichkeiten praktiziert.

Der Zweck dieses Rituals ist denkbar pragmatisch: sicherzustellen, daß man auch seinen nächsten Geburtstag erlebt.

Vorbemerkung zu Quellen und Authentizität:

Informationen zu Anrufungen des Genius und der Götter, zu typischen Opfergaben (wie Kuchen, Weihrauch) und zu Opferhandlungen (wie dem Schmücken der Figur des Genius) sind uns, wie im Einleitungsartikel bereits erwähnt, aus zahlreichen Quellen überliefert. Auch gibt es erhaltene antike Texte, die Geburtstags-Segenswünsche enthalten oder Anrufungen und Gelübde aus dem Staats- und Kaiserkult anläßlich des Geburtstags des Kaisers.

Texte, die ein vollständiges Geburtstagsritual im privaten Cultus, in der Sacra Privata beschreiben, sind allerdings nicht bekannt. Deswegen muß ein solches Ritual aus den Fragmenten an erhaltenen Informationen und aus den überlieferten Texten rekonstruiert werden.

Pontifex Cn. Cornelius Lentulus führt eine Opferzeremonie anläßlich der Floralia durch (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums Budapest http://www.aquincum.hu/)

Pontifex, Sacerdos, Quaestor und tief in der Religio Romana bewanderter Cultor Cn. Cornelius Lentulus führt eine Opferzeremonie anläßlich der Floralia 2015 durch (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums Budapest http://www.aquincum.hu/)

Das hier im folgenden aufgeführte Ritual wurde uns freundlicherweise von Pontifex Cn. Cornelius Lentulus, einem der erfahrensten heute praktizierenden Cultores, zur Verfügung gestellt – genauer gesagt, zum Geburtstag geschenkt 🙂

Er ist zudem Lateindozent an der Universität Budapest und sehr bewandert in der antiken Quellenlage, so daß sein Versuch einer Rekonstruktion dieses Geburtstagsrituals nach bestem Wissen und Gewissen erfolgte, mit dem Anspruch, ein Ritual zu gestalten, das einem römischen Ritual aus der Antike so nahe wie möglich kommt und möglichst wahrscheinlich und authentisch ist.

Die Gelübde im Ritual orientieren sich an den überlieferten Gelübden der Arvalbrüder, des 12-köpfigen römischen Priesterkollegiums, anläßlich des Geburtstages des Kaisers. Die Opfergaben und Handlungen im Bezug auf den Genius entstammen den recht genauen Beschreibungen in den zahlreichen erhaltenen Texten über antike Geburtstagsfeiern, unter anderem von Ovid, Cicero und Tibull.

Ergänzt wurde der Ritualtext von uns durch praktische Handlungsanleitungen, die ebenfalls den antiken Quellen entnommen sind.

So stammt das folgende Ritual zwar nicht aus einer original römischen Quelle, ähnelt aber nach heutigem Kenntnisstand weitestgehend den Kulthandlungen, die Römer wahrscheinlich zu ihrem Geburtstag am Hausaltar abgehalten haben, so daß man es als heutiger Cultor und römischer Rekonstruktionist guten Gewissens in seine Sacra Privata einbinden kann.

Durchführung des Rituals

Vorbereitungen:

Wer eine Figur des Genius / Iuno in seinem Lararium hat, schmückt diese mit einem Kranz. Das Lararium kann zu diesem Anlaß auch mit frischen Blumen bedacht werden.

Neben einer Mischung aus honiggesüßtem Wein und Milch wird Räucherwerk benötigt. Hierzu wird Weihrauch verwendet, so daß man zur Vorbereitung Kohle entzünden und vorglühen sollte. Weihrauch zu räuchern, ist ein originär römischer Brauch, der bis heute seine Fortsetzung in den Bräuchen der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche gefunden hat.

Da nur wenig Weihrauch benötigt wird, genügt auch ein kleines Stück Räucherkohle (die Kohletabletten lassen sich problemlos halbieren und vierteln) – es werden pro Rauchopfer jeweils nur ein paar kleine Stücke Weihrauch auf die Kohle gelegt und keine gewaltigen Rauchschwaden erzeugt, wie oftmals irrigerweise angenommen. Insofern gibt es keinen Grund auf Weihrauch als traditionelles Rauchopfer zu verzichten, auch wenn man in einer kleinen Wohnung lebt, zumal auch die Atmosphäre durch Weihrauch eine gänzlich andere ist, als durch die üblichen Räucherstäbchen.

Optional ist die Verwendung von Opferbrot (Libum) oder einem Stück des Geburtstagskuchens.

Bekleidung:

Der Paterfamilias opfert am Lararium

Der Paterfamilias opfert am Lararium

In der Antike war es üblich, daß man sich an seinem Geburtstag weiß kleidete (Ovid, Tristia V 5,8). Weiße Kleidung ist daher authentisch; wichtig ist aber vor allem, daß man saubere und ordentliche Kleidung trägt und das Ritual nicht im Schlafanzug oder Putzshirt durchführt.

Wie bei römischen Ritualen nach dem Ritus Romanus üblich, wird das Ritual capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchgeführt. Anrufungen erfolgen stehend, manu supina (mit erhobenen Händen).

Opfergabe:

Als Opfergabe wird in diesem Ritual durch Honig gesüßter Wein mit Milch verwendet. Wenn man möchte, kann man den Wein durch Libum (Opferbrot) ersetzen oder ihn damit ergänzen. In diesem Fall muß im Text der Ausdruck „vino lacte melleque mixto“ durch das Wort „libo“ ersetzt werden.

Ansprache des Genius / der Iuno:

Der Geburtstag eines Menschen ist auch der Geburtstag seines „Schutzgeistes“, der bei Männern „Genius“, bei Frauen „Iuno“ genannt wird. Frauen ersetzen im Ritual das Wort „Genius“ deshalb einfach durch „Iuno“ (also im Vokativ „Geni“ durch „Iuno„.)

Sprache:

Es gilt in der Religio Romana die Vorstellung, daß Latein den Göttern besonders gefällt und sie positiv stimmt (was ja insbesondere bei persönlichen Anliegen nie schaden kann). Grundsätzlich gilt Latein als sakrale Sprache mit besonderer Wirkung und Macht.

Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, daß auch im römischen Vielvölkerstaat Gebete und Rituale durchaus in den vielen lokalen Sprachen (oder, insbesondere in der Osthälfte des Reichs, auf Griechisch) durchgeführt wurden, so daß nichts dagegen spricht, ein Ritual in seiner eigenen Muttersprache abzuhalten.

Unsere Präferenz ist die Durchführung in lateinischer Sprache.

Durchführung:

Dieses Ritual war und ist nicht „geheim“ oder privat (wie eigentlich kein römisches Ritual, solche, die in den Mysterien zur Anwendung kamen, einmal außen vor), sondern wenn man möchte, kann man Familienangehörige und andere Mitglieder des Haushalts, auch Geburtstagsgäste, daran teilnehmen oder zuschauen lassen.

Natürlich kann man es auch für sich alleine abhalten, um sich auf seine Anliegen und die Kulthandlungen zu konzentrieren; wir möchten nur darauf hinweisen, daß es in römischen Haushalten normal war, rituelle Handlungen sowohl gemeinsam, als auch alleine an seinem Lararium und Sacrarium durchzuführen.

I. PRECATIO IOVI (Gebet an Jupiter Optimus Maximus)

Am eigenen Geburtstag, nach dem Aufstehen, Waschen und Anziehen, tritt man vor sein Lararium.

Anrufung des Jupiter Optimus Maximus, vor dem Lararium stehend, capite velato und manu supina.

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Kultpraxis: Götterstatuen und -figuren im römischen Cultus

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Lararium mit Laren, Sirona und Mercurius

Irgendwann ist es so weit: der römische Cultor entdeckt auf einem Römerfest, bei einem Replikenmacher oder in einem Museum die Replik einer Götterfigur, ein Relief oder eine Statue, die sich perfekt im Sacrarium oder Lararium machen würde!

Immer wieder geschieht es, daß wir solchen Gottheiten, die eine besondere Rolle in unserem privaten Cultus spielen, auf unseren Reisen durch das römische Reich begegnen – zum Beispiel in Form einer handgefertigten bronzenen Replik einer winzigen Mercurius-Larariumsfigur aus dem pfälzischen vicus Eisenberg bis hin zu Museumsrepliken lokaler oder überregional bedeutsamer Gottheiten (wie z.B. dem kleinen Matronen-Weihestein im Eifelzentrum Nettersheim, oder einer Figur der Sirona im Landesmuseum Trier) oder anderen Statuetten und Figuren.

Als römischer Cultor hat man neben dem Lararium, das das Kernelement des privaten Cultus, der Sacra Privata (auch Cultus Domesticus, also häuslicher Kult, genannt), bildet, meist noch einen oder mehrere persönliche „Hausgötter„, die man dem weiteren Kreis seiner Penaten zurechnet und in seinen Cultus integriert. Beispiele dafür sind Tutelargottheiten oder regionale (wie gallo-römische) Gottheiten, die in der Gegend eine wichtige Rolle spielen, in der man lebt, oder einige der „großen“ römischen Götter, denen man sich verbunden fühlt und die man in seinen persönlichen Cultus integrieren möchte.

Die Sacra Privata war schon in römischer Zeit, wie der Begriff nahelegt, Privatsache, in die der Staat sich nicht einmischte und für die es keine allgemeinverbindlichen Regeln, Vorschriften oder Verpflichtungen gab. Welchen Cultus man daheim praktizierte, welche Götter im persönlichen Leben eine Rolle spielten, war nicht geregelt und stand jedem frei. Lediglich der öffentliche Staatskult war durch feste Vorschriften reglementiert und von allen Einwohnern zu akzeptieren, da er Garant für die Einheit und den Frieden des Römischen Reichs mit den Göttern – und für ihre Schutzgewährung war, den Pax Deorum.

So lange man in seiner privaten Praxis nichts tat, was dem Staatskult zuwiderlief oder diesen gar ablehnte, war man frei darin, welche Götter man daheim verehrte und welche Praktiken man vollzog. Ausnahmen bildeten Praktiken, die gegen Gesetze verstießen, wie Menschenopfer, oder Magie, Schadenszauber und Verfluchungen (wie man es z.B. aus dem Kybele-Kult kennt), die in der Geschichte zeitweilig ebenfalls strafbar waren, weil sie die öffentliche Ordnung gefährdeten oder Kulte, deren Praktiken ebenfalls als Ordnungsstörung galten, wie der zeitweilig verbotene orgiastische Bacchus-Kult.

Es sprach theoretisch nicht einmal etwas dagegen, im heimischen Lararium eine Statue von Jesus Christus aufzustellen (Kaiser Alexander Severus soll dies getan haben), so lange man nicht mit seiner Ansicht an die Öffentlichkeit trat, daß der „eine Gott“ der einzig wahre sei und die römischen Götter nicht existierten und man sich weigerte, am Staats- und Kaiserkult teilzunehmen – denn auch das gefährdete den Pax Deorum.

Unser Artikel zu diesem Thema beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

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Der Gallo-Römische Cultus – die Religion im „Römischen Germanien“

Heute möchten wir mit einem weitverbreiteten Mißverständnis aufräumen, das sich im Zuge der – vor allem im neuheidnischen Spektrum angesiedelten – Vorstellungen der „Religion unserer Ahnen“ oder der „ursprünglichen, vorchristlichen Religion in Deutschland“ verbreitet und Verwirrung stiftet.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Den Folgen dieser Verwirrung begegnen wir gerade bei „Neueinsteigern“, die sich für den heidnischen römischen Rekonstruktionismus interessieren, leider immer wieder. Die allgemeinen Vorstellungen über vorchristliche Religion in Deutschland sind heutzutage so sehr durchsetzt von einem neuheidnischen Konglomerat aus „ur-germanischer“ Religion, Wikingerkulten aus Skandinavien, sowie modernen nicht-rekonstruktionistischen Strömungen, daß Ratsuchende, die sich speziell für die polytheistische Religion in „Roman Germany“ interessieren, mit einer ganzen Batterie aus ahistorischen und aus allen Richtungen zusammengeklaubten Vorstellungen bombardiert werden, deren Sinn und Authentizität, oder Mangel daran, sie noch nicht beurteilen können.

So braut man sich daraus oft eine eigene Mischung zusammen, die zwar eine persönlich befriedigende Religion darstellen mag (auf Neudeutsch nennt man diese Selfmade-Religionen heutzutage euphemistisch UPG  -„Unverified Personal Gnosis“), vom Römischen Rekonstruktionismus ist man damit jedoch abgekommen, noch bevor man die ersten Schritte auf diesem Weg gemacht hat. Wenn man sich dann allerdings dem intensiven Quellenstudium widmet und sich intensiv mit Geschichte und Archäologie auseinandersetzt, fällt schnell auf, daß romantische Vorstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert wenig mit der religiösen Wirklichkeit im romanisierten Teil Germaniens zu tun haben.

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute

Epona, ursprünglich eine keltische Göttin, war im ganzen Reich sehr beliebt als Schutzgöttin der Pferde, Reiter, Reisenden und Fuhrleute

Nachdem wir kürzlich an einer ausgiebigen Diskussion teilnahmen, in der all diese Mißverständnisse wieder zutage traten, fanden wir es an der Zeit, einen Artikel zu dem Thema zu schreiben – der Informationsbedarf ist ganz offensichtlich da. Denn wenn sich diese Diskussionen immer nur im nicht-öffentlichen Rahmen abspielen, in persönlichen Unterhaltungen, per Email-Austausch oder geschlossenen Mailinglisten, dann führt das nur dazu, daß man die gleichen Diskussionen gebetsmühlenhaft wiederholen muß.

Dieser Artikel soll deshalb die immer wieder an uns herangetragenen Fragen und in epischer Länge von uns verfassten Antworten nun an einer zentralen Stelle zusammenfassen. Wir hoffen, dass dies sowohl ratsuchenden Neueinsteigern als auch generell interessierten Lesern (Heiden wie Nichtheiden) hilft, geschichtliche Entwicklungen und religiöse Vorstellungen im korrekten historischen Kontext zu verstehen.

Eine Frage – und viele verworrene Antworten

Kürzlich führten wir eine Diskussion mit einem Amerikaner, der sich für die heidnische Römische Religion – den Cultus Deorum Romanorum oder Religio Romana – interessierte. Da er sich einerseits stark für das Antike Rom und die damit verbundene Geschichte, Kultur und Religion begeistert, daneben aber deutsche Vorfahren hat, suchte er nach Informationen über und Rat oder Erfahrungen bezüglich der „synkretistischen Religion des Römischen Germaniens„, wie er das nannte. Sich mit dieser speziellen, lokalen Form der Religio Romana zu beschäftigen, sah er als idealen Weg an, sowohl das antike Rom, als auch seine Wurzeln zu ehren und beides auf harmonische Weise miteinander zu verbinden.

Der Celius-Stein ist der einzige archäologische Hinweis auf die Varusschlacht. Mit dieser Niederlage endete die römische Präsenz in Germanien (Bonn, 2014)

Der Celius-Stein ist der einzige (!) archäologische Hinweis auf die Varusschlacht. Mit dieser Niederlage endete die römische Präsenz in Germanien (Bonn, 2014)

Seine Frage bezog sich deshalb ausdrücklich auf das „Römische Germanien“, das heißt, auf die Provinzen des Römischen Reichs, die westlich des Limes und vor allem westlich des Rheins lagen und auf deren romanisierte Einwohner.

Was daraufhin geschah, war typisch. Er erhielt Antworten, die vollkommen an seiner Frage vorbeigingen, irrige Vorstellungen über den Begriff „Germanien“ demonstrierten und die üblichen geografischen, politischen und religiösen Mißverständnisse wiederholten, auf die wir immer wieder stoßen – übrigens nicht nur bei Amerikanern oder Bewohnern anderer Länder, die nicht auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Reichs liegen (wie Lateinamerika, Asien oder dem Pazifikraum), sondern durchaus auch bei Europäern, insbesondere Deutschen, von denen man erwarten würde, daß sie sich besser mit der Geschichte ihres Landes auskennen sollten, zumindest, wenn sie sich gehalten fühlen, ihre Vorstellungen über „Germanien“ und „Germanische Religion“ in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Unqualifizierte Diskussionsbeiträge bezüglich der Römer, die (wie die Christen angeblich auch) die ursprüngliche germanische Religion mit Gewalt und Schwert „ausgerottet“ haben, kamen dabei wie selbstverständlich auch. Dieses Thema zu diskutieren, erfordert oft einen gewissen Langmut aufgrund der doch sehr verzerrten Sichtweise mancher Heiden, die mehr an emotional wirkenden Feindbildern interessiert sind, als an geschichtlichen Tatsachen, so daß ich das an dieser Stelle einmal höflich und dezent unter den Tisch fallen lassen möchte.

Eine der Antworten war zumindest „gut gemeint“. Sie stammte von einer jungen Frau aus Lateinamerika, die zugab, ebenfalls (wie der Fragesteller) neu im rekonstruktionistischen Cultus Deorum zu sein. Zwar bemüht sie sich redlich, den traditionellen römischen Riten und Praktiken zu folgen (wie Rituale am Lararium abzuhalten) und dabei auch die authentischen Quellen zu berücksichtigen und zu beachten. Daneben bezieht in ihre Sacra Privata, das heißt, in ihre persönliche religiöse Praxis, „germanische Götter“ ein und versucht, sie in ihre Kultpraxis zu integrieren, mixt dabei aufgrund ihrer eigenen, undifferenzierten Vorstellungen jedoch Elemente hinein, die aus rekonstruktionistischer Sicht nicht als authentisch betrachtet werden – etwas, auf das im Cultus Deorum jedoch Wert gelegt wird.

Apollo-Grannus, gallo-römischer Heil- und Quellgott. Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 2014)

Apollo-Grannus, gallo-römischer Heil- und Quellgott. Darstellung mit Krug und Heilwasser (Bonn, Rheinisches Landesmuseum, 2014)

Die Integration fremder Götter ist aus Sicht der Religio Romana erst einmal überhaupt nicht verwerflich, sondern vollkommen in Ordnung. Die heidnische römische Religion zeichnete sich durch große Flexibilität und Aufnahmefähigkeit aus, was ein Grund für ihren Erfolg im gesamten Reich war – von Afrika bis Kleinasien, von Britannien bis Spanien. Römer leugneten niemals die Existenz anderer Götter, – ganz im Gegenteil – sie gingen davon aus, daß diese in ihren angestammten Siedlungsgebieten mächtig waren und Einfluß hatten. Diese einheimischen Göttern zu missachten, war nicht im Interesse Roms, weswegen man immer bestrebt war, diese Götter zu besänftigen, oder sogar auf die Seite Roms zu ziehen. Ihnen wurden Tempel errichtet und viele, ursprünglich lokale Gottheiten wie die ägyptische Isis, kleinasiatische Gottheiten wie Mithras und Kybele oder die gallische Epona gelangten im ganzen Reich zu großer Popularität und erhielten sogar Tempel in Rom selbst.

Jeder Einwohner des römischen Reichs war frei in seiner Religionsausübung und konnte privat im heimischen Kult verehren, wen auch immer er wollte, natürlich auch seine eigenen, lokalen Götter – wenn er sich an die gesetzlichen Grundregeln hielt, das hieß, keine Menschenopfer durchführte, die öffentliche Ordnung nicht gefährdete und die römische Staatsreligion respektierte. Viele lokale Gottheiten wurden mit römischen Gottheiten gleichgesetzt, wie der keltische Grannus, der zu Apollo-Grannus wurde, oder der germanische Magusanus, der als Hercules-Magusanus vor allem in Niedergermanien entlang des Rheins verehrt wurde. Details zur Integration „fremder“ Götter in die römische Religion finden sich in unserem ausführlichen Artikel zur „Interpretatio Romana.

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Rekonstruktionismus

Der Begriff Rekonstruktionismus (oder im Englischen Reconstructionism) wirkt auf den ersten Blick etwas sperrig und wird in verschiedener Weise und auch in einem religiös unterschiedlich definierten Kontext verwendet, so daß wir an dieser Stelle auf diesen Begriff eingehen wollen, um deutlich zu machen, was wir darunter verstehen und warum wir ihn verwenden.

Der Begriff – Ursprünge und Inhalte

Gibt man den Begriff in eine Internetsuchmaschine ein, so findet man Ergebnisse wie jüdischen Rekonstruktionismus, christlichen Rekonstruktionismus, polytheistischen Rekonstruktionismus etc., so daß schnell deutlich wird, daß wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, was typisch für eine bestimmte Religion ist, sondern das es sich um einen Terminus handelt, der etwas beschreibt, was traditionsübergreifend zu finden ist.

Grundsätzlich ist mit einer rekonstruktionistischen Haltung gemeint, daß man zu den Wurzeln einer Religion zurückkehrt, respektive zu dem, was eine bestimmte Person oder Gruppe darunter versteht, wobei diese Religion nicht losgelöst von ihrem kulturellen Umfeld betrachtet wird, sondern beides miteinander in besonderer Beziehung steht.

Rousas Rushdoony (1916–2001) – Gründer und Vordenker des Christlichen Rekonstruktionismus

In diesem Sinne etwa versteht sich der Christliche Rekonstruktionismus, der als ultrafundamentalistische, evangelikale Strömung in den USA zu finden ist. Diese auf den stark calvinistisch geprägten Theologen Rousas Rushdoony zurückgehende Bewegung ist bestrebt, unter Ablehnung der als unbiblisch verstandenen Demokratie, eine Theonomie, wenn nicht sogar Theokratie und eine strikte Anwendung des mosaischen Gesetzes in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu etablieren, die Gesellschaft also auf Grundlage der in der Bibel zu findenden Vorstellungen neu zu gestalten, in ihrem Sinne zu „rekonstruieren“. Die Bibel wird hier nicht nur als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden, sondern in ihr findet sich eine ganze Kultur abgebildet, die für diese Bewegung als normierend gilt. Christlicher Rekonstruktionismus sieht sich demnach ganz bewußt als eine auf diese Kultur bezogene Weltanschauung, die ihre Ziele auch und gerade politisch durchsetzen will, wie sie dies als Selbstbezeichnung ihrer theologischen Ausrichtung, der sog. Dominion Theology zum Ausdruck bringt.

Mordecai Kaplan

Mordecai Menahem Kaplan (1881-1983) – Begründer des Jüdischen Rekonstruktionismus

Rekonstruktionismus als eigene jüdische Richtung (neben orthodoxem, konservativem und Reformjudentum) hingegen findet sich auf der völlig entgegengesetzten Seite dieses Spektrums: es ist eine Bewegung, die dem progressiven Judentum nahesteht und von Rabbi Mordecai Kaplan begründet wurde. Im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Lesart wird hier Religion als ein Teil der generellen jüdischen Kultur verstanden und die Zugehörigkeit zu dieser Kultur definiert für den Einzelnen seine Weltanschauung. Dabei gilt etwa das, was in der Thora geschrieben steht, nicht als historischer Fakt oder als unumstößlich wahr, sondern wird als Ausdruck der Gedanken der eigenen Vorfahren betrachtet. Aussagen etwa über Gott oder die Beschreibung des Exodus, sind immer in erster Linie Aussagen einer ganz bestimmten Zeit und von Personen, die darüber berichten, die eigene Kultur also verstanden als Rezeptionsgeschichte der Erfahrungen von einzelnen Angehörigen dieser Kultur.

Es geht nicht darum, diese Vorstellungen in heutiger Zeit zu bewahren, nur weil sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind, sondern darum, vor dem Hintergrund einer sich durch die Geschichte hindurch entwickelnden jüdischen Kultur zu eigenen Vorstellungen zu gelangen und damit die Entwicklung dieser Kultur mitzutragen und weiter voranzutreiben. Rekonstruiert wird hier also viel eher ein kulturelles Selbstverständnis, das auch religiöse Ideen umfasst, sich aber nicht darin erschöpft. Kaplan fasste das Grundprinzip seines so verstandenen rekonstruktionistischen Ansatzes, Judentum als Zivilisationsmodell zu verstehen, in drei Worten programmatisch zusammen: belonging, behaving, believing

An erster Stelle steht demnach die Zugehörigkeit (belonging) zur jüdischen Kultur, diese führt zur Beschäftigung mit den in ihrer Geschichte tradierten Werten, welche einen Rahmen für die eigene Positionierung in der Gesellschaft bieten. Diese Ideale und Werte, an die man sich hält (behaving) begründen wiederum den Kontext, innerhalb dessen sich die persönlichen religiösen Überzeugungen ausbilden können (believing).

Diese Form eines rekonstruktionistischen Ansatzes ist dem in gewissen Punkten ähnlich, was uns an dieser Stelle interessiert – Rekonstruktionismus im Paganismus, genauer natürlich im römischen Kontext.

Wobei als interessante Tatsache anzumerken ist, daß alle diese Ideen zeitlich nahe beieinander aufgetreten sind, denn es sind die 70er bis 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, die sowohl die christlich-fundamentalistische, die jüdisch-progressive, wie auch die heidnische Variante des Rekonstruktionismus hervorgebracht oder etabliert haben, obwohl sie nur ansatzweise etwas miteinander gemeinsam haben.

Obwohl Aleister Crowley sich auf die „alten ägyptischen“ Mysterien berief, sah er die paganen Religionen als auch das Christentum durch seine neue Lehre als überholt an

Im Neopaganismus, also in den Bewegungen, deren Anliegen die Wiederbelebung vorchristlich/heidnischer Religionen ist, findet sich ebenfalls in dieser Zeit eine Diskussion, die sich darum drehte, wie man eigentlich diese ursprünglichen religiösen Vorstellungen und Praktiken in unserer Zeit leben kann, ja ob das überhaupt geht, oder auch nur sinnvoll ist und vor allem, was tatsächlich zu diesen ursprünglichen Aspekten gehört und was nicht.

Die Wurzeln der „neuheidnischen“ Ideen liegen im 18./19. Jahrhundert in den Strömungen des Philhellenismus, des Klassizismus und der Romantik, wobei hier allerdings eine – oft schwärmerische – Rückbesinnung auf die Antike begrenzt war auf Architektur, Literatur und Kunst und es sich nicht um eine Bewegung handelte, die in besonderer Form eine religiöse Alternative geboten hätte, oder bieten wollte.

In den esoterisch-hermetischen Gemeinschaften, wie etwa den Rosenkreuzern oder dem Hermetischen Orden der Goldenen Dämmerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aktiv wurden, findet sich eine Vorstellung, die die alten Religionen als Bewahrer eines besonderen – esoterischen – Wissens ansah, dabei aber vorrangig von ägyptischen Mysterien fasziniert und daran orientiert blieb. Aleister Crowley sprach, wenn auch eher in Nebensätzen, generell von den Vorzügen der heidnischen Religionen gegenüber dem Christentum, betrachtete aber beide Traditionen durch seine Thelema-Offenbarung als abgelöst und überholt. In England formierten sich die ersten Druidenorden in Anlehnung an die Freimaurerei und verbanden den Bruderschaftsgedanken mit einer allgemeinen Keltenbegeisterung, ohne daß hier eine tatsächliche Wiederbelebung keltischer Religion praktiziert wurde.

Gerald Brosseau Gardner (1884–1964) – „Vater“ der Wicca Bewegung

Erst als der Okkultist Gerald Gardner die Wicca-Bewegung ins Leben rief und mit der Behauptung öffentlich auftrat, er sei in England in eine solche „uralte pagane Traditionslinie“ initiiert worden, traten die indigenen Religionen abseits der geheimnisvollen Mysterien Ägyptens stärker in den Vordergrund.

Da es aber für den in diesem Bereich bewanderten Interessierten schnell klar wurde, daß man es bei Wicca nicht mit einer im Untergrund überlebenden paganen Tradition zu tun hat, sondern es sich um eine synkretistische Neuschöpfung handelt, bestehend aus mythologischen Versatzstücken mit starken Anleihen aus der hermetischen Magie und generellen okkultistischen Aspekten, kamen schnell grundsätzliche Fragen auf. Diese bestanden einerseits darin, die Behauptungen der sogenannten „Hexenreligion“ auf ihre historische Relevanz und Validität hin zu überprüfen und andererseits darin, generell zu überlegen, wie sich indigene pagane Traditionen wohl entwickelt hätten, wenn es nicht zu einer Christianisierung gekommen wäre und welche konkreten Spuren sie nach dieser tatsächlich hinterlassen haben.

Solche Überlegungen waren der Beginn dafür, daß sich Einzelne besonders mit dem zu beschäftigen begannen, was spezifische kulturelle Traditionen – also die der Germanen, der Kelten, der Römer etc. – sozusagen in ihrem „Nachlass“ noch an Ideen und Praktiken für die heutige Zeit bieten konnten.

Traditionen zwischen Mythen & Märchen

Sveinbjörn Beinteinsson (1924–1993) – Gründer der isländischen Ásatrúarfélagið

In der Folge wurde vor allem für die Germanische Religion – die im neopaganen Spektrum schon früh und stark präsent war – versucht, eine gewisse ungebrochene Traditionslinie zu finden, die, wie man überzeugt war, unter einem offensichtlich nur oberflächlichen christlichen Anstrich verborgen lag.

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Kultpraxis: Neujahrsritual für Janus

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Neujahrsritual für Janus zur Durchführung im privaten Cultus (Cultus Domesticus/Sacra Privata)

Vorbemerkung:

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Büste des Janus (Vatikanmuseum)

Der 1. Januar (Kalenden des Januar) ist im römischen Kalender dem Gott Janus Pater geweiht. Der Monat Januar(ius) ist  nach diesem Gott benannt, der neben Jupiter einer der wichtigsten Götter des römischen Pantheons ist. Er ist zudem einer der ältesten Götter und rein römischen Ursprungs. Im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Göttern hat er keine Entsprechungen im griechischen oder einem anderen Pantheon. Er gilt als der „Vater aller Götter“ und „Vater aller Dinge“.

Das römische Neujahr (Matronalia) fand ursprünglich nicht am 1. Januar statt, sondern am 1. März, da der März der erste Monat des alten römischen Kalenders ist. Erst im Jahre 153 v. Chr. wurde der Januar zum ersten Monat des Jahres, weil dann auch das Amtsjahr begann. Das römische Neujahr war der Staatsgöttin Juno und dem Gott Mars gewidmet, außerdem wurde an diesem Tag die ewige Flamme von Rom, das heilige Herdfeuer im Tempel der Göttin Vesta, das von den Vestalinnen gehütet wurde, erneuert.

Auch das Neujahrsfest wurde von den Römern in ähnlicher Weise begangen, wie wir dies noch heute tun. Die neuen Konsuln wurden eingesetzt, es gab öffentliche Ansprachen, so wie es heute Neujahrsansprachen von politischen Führungspersönlichkeiten gibt und man traf sich privat mit Freunden und Familie, tauschte Geschenke (sog. strenae) und Gute Wünsche für das neue Jahr aus und feierte zusammen. Der erste Tag des neuen Jahres hatte besondere Zeichenhaftigkeit, galt als Omen für das kommende Jahr, so wie wir es heute auch kennen und Bleigießen praktizieren, um zu sehen, was uns das Jahr bringen mag. Deswegen hat der Brauch jedem ein Gutes Neues Jahr zu wünschen den Hintergrund dieses Positive für den Betreffenden zu evozieren und aus dem gleichen Grund wünschte man sich unter Römern ebenfalls ein gutes, glückliches neues Jahr – „annum novum faustum felicem“!
Unter den traditionellen Geschenken fanden sich unter anderem Palmzweige, Honig, Datteln und Feigen, die den Jahresbeginn nicht nur kulinarisch sondern zeichenhaft versüßen sollten. Ovid beschreibt dies in seinen Fasti (Gedichten zu den römischen Festtagen):

‚quid volt palma sibi rugosaque carica‘ dixi
‚et data sub niveo candida mella cado?‘
‚omen‘ ait ‚causa est, ut res sapor ille sequatur
et peragat coeptum dulcis ut annus iter.‘ — Fasti, I, 185f

(„Welche Bedeutung birgt mit der Dattel die runzlige Feige und
unter des reinlichen Kruges Hülle des Honigs Geschenk?“
„Sinnbild soll das sein: die Süße soll den Dingen folgen, und das Jahr soll von Annehmlichkeit den begonnen Weg vollenden“)

Ein besonders symbolträchtiges Geschenk, das man sich zu Neujahr machte, waren die lucernae, Öllampen, die oft mit diesem lateinischen Neujahrsgruß beschriftet waren und wohl in Verbindung mit dem Sol Invictus Fest am 25.12. zu sehen sind. In dieser Sonnen- und Lichtsymbolik stehen die Lampen für das Licht des Neuen Jahres und auch hier sehen wir uns in einer alten Tradition stehend, wenn Feuerwerk zu Silvester den Himmel erhellt und das neue Jahr einleitet.

Der Name Silvester für den Tag vor Neujahr am 31.12. kommt aus der christlichen Tradition, die an diesem Tag den Todestag von Papst Silvester I. begeht – es ist also ein Heiligengedenktag im liturgischen Jahr der Kirche und kein Festtag zum Jahreswechsel, aber der Heilige Silvester I. wird neben seiner Funktion als Patron der Haustiere auch für eine gute Futterernte und eben ein gutes neues Jahr angerufen.

Da Janus der Gott der Neuanfänge, der Türen, Tore, Übergänge und generell der Zeit war, paßt es sehr gut, daß sein Feiertag auch mit unserem heutigen kalendarischen Neujahr zusammenfällt. Im Cultus Deorum Romanorum wird dieser Tag deswegen oft dazu genutzt, das Wohlwollen des Gottes Janus für das kommende Jahr zu erbitten. Grundsätzlich möglich ist die Durchführung dieses Ritus bis zu den Iden des Januar (13.1).

Da Janus (wie Vesta) bei jedem Ritual am Lararium eingeschlossen ist, kann auch dieses Ritual am Lararium durchgeführt werden. Wer im Rahmen seines Cultus Domesticus einen eigenen Schrein oder Altar für Janus hat, verwendet diesen.

Das Ritual wird in sauberer Kleidung und capite velato, d.h. mit verhülltem Haupt durchgeführt.

Durchführung des Rituals

Adoratio mit in Gebetshaltung erhobenen Händen (manu supina):

„Favete linguis!“
„Hütet Eure Zunge!“ (als Aufforderung zum Schweigen)

PRECATIO

Anrufung mit beiden Händen in manu supina:

„Iane Pater surgo, Deus Bonis Initiis. Surgo, Janus Matutinus Custos Portae Matutina Lux. Iane pater, deus novi initii, custos futuri et praeteriti temporis sanctissime, his Kalendis Ianuariis anni novi nunc incepti te precor, quaesoque: uti laetitiam fortunamque, omnes eventus bonos fautosque, fortunatos felicissimosque, pacem concordiamque familiae meae tribuas; utique sis volens propitius amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Erhebe Dich, Vater Janus, Gott der Guten Anfänge! Erhebe Dich, Janus Matutinus, Torhüter des Morgenlichts! Vater Janus, Gott des Neuanfangs, heiligster Wächter der Zukunft und Vergangenheit! An diesem ersten Tag des Neuen Jahrs, an den Kalenden des Januars, bete ich zu Dir und bitte Dich, daß Du meiner Familie Freude und gutes Schicksal bringst, daß sich alle Dinge gut und erfolgreich und äußerst glücklich entwickeln, und daß Du meiner Familie Frieden und Eintracht bringst. Und mögest Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie sein.“

SACRIFICIUM/LIBATIO

Bete in manu supina:

„Cuius rei ergo macte hoc vino libando, hoc ture ommovendo esto fito volens propitious amicis meis, mihi, domo, familiae!“
„Aus diesem Grund seist Du gesegnet durch dieses Weinopfer, durch das Opfer dieses Räucherwerks, so daß Du wohlwollend und günstig gewogen gegenüber meinen Freunden, mir, meinem Haushalt und meiner Familie seist.“

Die Libation und Räucherung werden durchgeführt.

houdon_vestale

Statue einer Vestalin von Jean-Antoine Houdon

LITATIO (an Vesta)

Bete in manu supina:

“Vesta Mater, dea foci nitens, ignis aeternalis, vota nostra accipe ac hunc ritum flamma proavita bene dic ut digna deis immortalibus offerenda. Mater Vesta, te hoc turem obmoveo bonas preces precor, ut sis volens propitia mihi, domo, et familiae.”
„Mutter Vesta, Göttin des brennenden Herds, des ewigen Feuers, nimm meine Gebete und dieses Ritual durch Deine uralte Flamme an, so daß sie in den Augen der unsterblichen Götter würdig sind. Mutter Vesta, ich opfere Dir dieses Räucherwerk und bitte, daß Du freundlich und wohlwollend auf mich, mein Haus und meine Familie schaust.“

Räucherwerk wird geopfert.

PIACULUM

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne  griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Opferung von Räucherwerk, dabei beten in manu supina:

„Iane pater, deus novi initii, Vesta, Lares, Manes, Penates, Iuppiter, Iuno, Minerva, Omnes Di Immortales quocumque nomine: si quidquam vobis in hac caerimonia displiceat, hoc vino inferio veniam peto et vitium meum expio.“
„Vater Janus, Gott des Neuanfangs, Laren, Manes, Penaten, Jupiter, Juno, Minerva, alle Unsterblichen Götter, mit welchem Namen auch immer: wenn irgendetwas an dieser Zeremonie Euch nicht erfreut hat, entschuldige ich mich für meinen Fehler mit diesem Wein.“

Führe eine Libation mit Wein durch.
Adoratio zum Altar und verkünde:

“Nil amplius vos hodie posco,superi, satis est.”
„Um mehr bitte ich Euch hohe Götter heute nicht, es ist genug.“

“Illicet.”
“Es ist getan.”

Führe eine vollständige Drehung (rechtsherum) aus. Es ist nun erlaubt, zu gehen.

Ende des Rituals.

Sitze für ein paar Minuten in Stille und halte Ausschau nach Zeichen.

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Wir danken für die freundliche Genehmigung, eine deutsche Übersetzung dieses Rituals in unserem Blog zu veröffentlichen.

J. Aquila © 16. June 2011. May not be copied, published or shared without copyright info attached.

Götterwelt: Lenus-Mars

Zuständigkeiten, Herkunft, Bezeichnungen:

Schreibweisen: Lenus, Laenus

(Moderne) Holzstatue des Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

(Moderne) Holzstatue des Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Der gallo-römische Heil- und Stammesgott Lenus des keltischen Stammes der Treverer war einer der wichtigsten und bedeutsamsten einheimischen Götter im Eifel- und Moselraum bis nach Luxemburg. Seine Bedeutung in diesem Teil Galliens war so groß, daß sein Kult sich bald auch großer Beliebtheit unter den Römern erfreute. Im römischen Reich verbreitete sich Lenus-Mars auch über das Stammesgebiet der Treverer hinaus, was Weiheinschriften in Britannien belegen.

Im romanisierten Gallien wurde Lenus durch die Interpretatio Romana mit dem römischen Gott Mars identifiziert, was zu seiner Ausprägung als Lenus-Mars führte. Die besondere Bedeutung des Gottes ist auch durch die ungewöhnliche Tatsache ersichtlich, daß sein gallisches Epitheton zuerst genannt wird, während es ansonsten bei romanisierten Göttern üblich war, zuerst den römischen Namen zu nennen („Apollo Grannus“, „Merkur Cissonius“, „Jupiter-Ammon“).

In seiner Hauptfunktion ist Lenus-Mars ein Heilgott. Für ihn gab es gewaltige Heiligtümer mit medizinischen Heilquellen in Trier (der Kaiserstadt Augusta Treverorum, die seinerzeit die zweitgrößte Stadt des römischen Reichs war – deswegen auch „Rom des Nordens“ genannt) und auf dem Martberg (Mons Martis, „Marsberg“) an der Mosel. Beide Tempel wurden im römischen Reich zu überregional bedeutsamen Pilgerstätten, ihre Orte waren aber schon zu keltischer Zeit bedeutsame Heiligtümer. Das Quellheiligtum in Trier („Am Irmenwingert“) war schon vor der römischen Zeit ein religiöses Zentrum der Treverer, in dem neben dem Stammesgott Lenus auch Iovantucarus (in der Interpretatio Romana ebenfalls mit Mars gleichgesetzt), Ancamna (eine gallo-römische Quellgöttin) und die Xulsigiae (dreifache gallo-römische Quell- und Fruchtbarkeitsgöttinnen), später auch die Göttin Victoria verehrt wurden.

Ortschaften wie Cardena (das heutige Treis-Karden an der Mosel) am Fuße des Martbergs entstanden und blühten durch den Pilger-Tourismus. Cardena war ein Töpferort, in dem sich eine Töpferei an die nächste reihte, um in Massenproduktion Opfergaben wie billige Öllämpchen und Votivfiguren des Lenus-Mars zu produzieren. Auch das verdeutlicht die große Bedeutung dieses Heilgottes.

Weihestein für Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Weihestein für Lenus-Mars im Tempel auf dem Martberg

Nach römischer Sitte wurden an den einheimischen Heiligtümern steinerne Tempelanlagen errichtet. Beim Tempel auf dem Martberg handelt es sich um einen typisch gallo-römischen Umgangstempel, der die keltische Kultpraxis integrierte, ein Heiligtum zu umschreiten und dadurch die Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung zu erhöhen. Die gallo-römische Kultanlage in Trier gilt in der Archäologie als „treverisches Nationalheiligtum mit monumentaler Ausstattung“. Neben Pilgerherbergen, Prozessionsstraße, Bädern, Tempel und Schreinen gab es sogar ein Kulttheater, das bei Kultfesten der Darstellung von Göttermythen diente.

Weitere Fundorte sind Welschbillig und Mersch (Luxemburg), wo der Militärtribun gleichzeitig die Funktion des Lenus-Mars-Priesters ausübte.

Lenus-Mars wird, trotz seiner Identifikation mit Mars, in erster Linie als Heilgott angesprochen. Neben Gesundheit, Heilung von Krankheiten und Verletzungen ist er auch generell für Glück und gutes Schicksal zuständig. Die Identifikation mit dem kriegerischen Mars und die Darstellung mit Rüstung, Schild und Speer wird so gedeutet, daß er seine Waffen und Kraft benutzt, um Krankheiten zu bekämpfen und abzuwehren, als auch vor Krankheit und Tod zu schützen.

Neben den Heiligtümern mit Heilquellen und Bädern belegen auch die Inschriften auf Weihetafeln die Funktion als Heilgott. Auf einem Weihestein auf dem Martberg bedankt sich Tychikos dafür, daß er von einem schweren Leiden geheilt wurde.

Eine Deutung des Ursprungs des Namens „Lenus“ liegt in den keltischen Worten „li-n-a“ („schmutzig, verschmutzen“), „li-no“ (Eiter), „li-no“ (Leinen) und „linomn“ (reinigen, entfernen). All diese Worte sind mit Wunden und Wundinfektionen assoziiert sowie dem Behandeln und Verbinden dieser Wunden. Der Ursprung des Lenus wird deshalb in einem Gott angenommen, der für die Heilung und Reinigung (infizierter) Wunden zuständig war, was seine Bedeutsamkeit sowohl für die ländliche Bevölkerung als auch für das Militär erklärt.

Attribute und Darstellungen

Neben Weiheinschriften wurden auch Statuen und Figuren des Lenus-Mars gefunden. Eine Bronzestatuette vom Martberg zeigt ihn als klassischen Krieger mit korinthischem Helm, Speer, Schild und Rüstung. Ein Relief aus Chedworth, Britannien zeigt ihn mit Axt und Speer.

Das Sockelfundament einer Statue aus Britannien zeigt, daß Lenus von einem großen Vogel begleitet wurde, möglicherweise einer Gans. Weitere Funde aus dieser Region belegen eine Verbindung des Gottes mit einer widderköpfigen Schlange, was ebenfalls als Symbol seiner Funktion als Heilgott gedeutet wird.

Opfergaben

Opfergaben für Lenus-Mars, gefunden auf dem Martberg (Stiftsmuseum Treis-Karden)

Opfergaben für Lenus-Mars, gefunden auf dem Martberg (Stiftsmuseum Treis-Karden)

Zahlreiche Funde auf dem Martberg zeigen, daß der keltische Opferbrauch, Münzen und Schmuck zu opfern, auch zu römischer Zeit fortgesetzt wurde. Es wurden Tausende von Münzen, Fibeln und Schmuckgegenständen gefunden. Daneben hielt der römische Brauch Einzug, tönerne Miniaturgefäße (wie Öllampen) und Figuren zu opfern, wovon zahlreiche Tonscherben zeugen.

Nach erfolgter Heilung war es unter wohlsituierteren Bürgern üblich, einen Weihestein zu stiften, auf dem man seinen Dank zum Ausdruck bringt (wie man es noch heute von Weihetafeln aus katholischen Kirchen kennt („Maria hat geholfen“).

Sonstiges

Während von der Tempelanlage in Trier nichts mehr zu sehen ist, wurde der Tempel auf dem Martberg teilrekonstruiert. Der Umgangstempel wurde komplett wieder aufgebaut und auch von innen im römischen Stil bemalt. Es gibt eine (moderne) Holzstatue des Lenus-Mars sowie einen Weihealtar, auf dem Opfergaben, vor allem Münzen, abgelegt werden können (und werden). Auf dem Bergrücken, der einst ein bedeutendes keltisches Oppidium war, sind neben den römischen Tempelgebäuden auch rekonstruierte keltische Bauten in einen kleinen archäologischen Park integriert. Für weiterführende Informationen empfehlen wir Euch unseren Artikel zum Martberg.

 

 

 

 

 

 

Die Interpretatio Romana: Identifikation fremder Götter mit römischen Gottheiten

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Immer wieder hört man (oft von Einsteigern in den römischen Cultus oder aus anderen polytheistischen Richtungen stammenden Heiden) gestellte Fragen wie: „Welchem römischen Gott entspricht der keltische Gott Lug?“ oder „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter mit anderen Namen?“ oder „Ich habe eine besondere Beziehung zum ägyptischen Gott Ra, welchem römischen Gott entspricht das?“ oder „Sind Diana und Artemis die gleichen Personen?“.

Diese Fragestellungen greifen zu kurz, denn sie setzen voraus, daß es bei den Römern eine Art „1:1 Umsetzungstabelle“ zwischen „fremden“ Göttern und römischen Göttern gab. Es werden einfache Listen erwartet, wie jeder sie von den Entsprechungen der 12 olympischen Göttern der Griechen mit den 12 Dei Consentes der Römer kennt: Jupiter = Zeus, Hera = Juno, Poseidon = Neptun,  Merkur = Hermes oder Ares = Mars.

Tatsächlich sind nicht einmal diese allseits bekannten Gleichsetzungen der 12 höchsten Götter exakte Übertragungen identischer Gottheiten unter anderem Namen, sondern ihre Persönlichkeiten, Charakteristika und Zuständigkeiten sind zwar sehr ähnlich und wurden zum Teil von einer Kultur in die andere übertragen, gleichzeitig nahmen sie aber auch in der römischen Religion eine andere Entwicklung mit neuen Eigenschaften, Genealogie oder neuen Zuständigkeitsgebieten.

Ein sehr gutes Beispiel bietet die Frage: „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter unter anderem Namen?„:

Gleichzeitig zu den zuvor aufgezählten griechischen Entsprechungen, gibt es zu den 12 römischen Dei Consentes auch etruskische Gleichsetzungen. Viele davon sind originär etruskisch-italische Götter, die nicht (wie z.B. der etruskische Apulo = Apollo oder Artumes = Artemis) aus Griechenland importiert wurden. Tatsächlich ist nicht immer klar, welche Dei Consentes ihren Einzug in die römische Götterwelt über die griechische Kultur gefunden haben (die gerade zur Zeit der Republik extrem populär und angesagt war) oder ob sie aus der etruskischen Kultur stammen, die der römischen Kultur in Italien vorausging und von ihr assimiliert wurde – wobei auch die Etrusker und Griechen in regem kulturellem Austausch miteinander standen und sich gegenseitig beeinflussten.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Ein Beispiel hierfür ist Menerva (gleichgesetzt mit Minerva / Athene), eine originär etruskische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Ihre Eltern sind Uni und Tinia und nach ihnen ist sie die höchste Himmelsgottheit und Teil der göttlichen etruskischen Dreiheit. Diese wiederum ist Vorbild für die römische kapitolinische Trias aus Jupiter, Juno und Minerva.

Ein anderes interessantes Beispiel ist Laran (Ares, Mars), ein alter etruskischer Erd- und Fruchtbarkeitsgott, der später auch Kriegsgott wurde. So kann Laran durchaus dafür verantwortlich sein, daß der römische Mars nicht nur ein klassischer Kriegsgott ist, sondern auch als Beschützer der Felder, des Viehs, der Höfe und der Grenzen gilt – was wiederum später zur Gleichsetzung mit dem gallischen Gott Intarabus führte, der gar keine Funktion als Kriegsgott hat, sondern als lokaler genius loci Schutzherr der Felder und der Landwirtschaft ist.

Auch Selvas war ein originär-etruskischer Gott, der mit dem römischen Vegetationsgott Silvanus gleichgesetzt wurde. Da Silvanus ebenfalls die Felder und Landwirtschaft beschützt, wurde er im römischen Cultus zum Teil zu Mars-Silvanus verschmolzen. Die Gleichsetzung mit dem gallischen Intarabus als Mars-Intarabus bezieht sich deswegen wahrscheinlich auf diesen Mars-Silvanus-Aspekt und nicht auf den kriegerischen des klassischen Mars.

Allein diese Beispiele zeigen, daß eine einfache 1:1 Übertragung nach dem Motto: „Dieser Gott ist jener Gott“ nicht sinnvoll ist. Denn in der Regel bezieht sich eine Übertragung nur auf einen Teilaspekt, manchmal eine einzige isolierte Zuständigkeit, während andere Zuständigkeiten und Aspekte vollkommen ausgeblendet werden. Auch beeinflussen assimilierte Götter anderer Kulturen wiederum die Ausprägungen bekannter Götter oder fügen diese neue Zuständigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte hinzu.

Was ist „Interpretatio Romana“ überhaupt?

Der Begriff „Interpretatio Romana“ (Latein für „römische Auslegung“ oder „römische Deutung“) bezeichnet die römische Sitte, „fremde“ Götter (worunter in diesem Artikel der Einfachheit halber immer Götter und Göttinnen gefaßt sind) durch funktionale Identifikation mit römischen Göttern in die eigene Religion und den römischen Cultus aufzunehmen.

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Römer bezweifelten niemals die Existenz anderer Götter. Für sie stand es völlig außer Frage, daß es Götter und Göttinnen in anderen Ländern gab, deren Namen, Zuständigkeiten, Funktionen oder Geschlecht sie nicht kannten. Sie bezweifelten nicht einmal, daß es in ihrem eigenen Reich, ja, sogar mitten Rom, Götter gab, die ihnen nicht bekannt waren.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, daß Götter anderer Völker, insbesondere der Völker, gegen die man Krieg führte oder die man unterworfen hatte, in ihren angestammten Heimatregionen besonders stark waren und viel Einfluß hatten – es bestand die reale Chance, daß ein lokaler Gott vor Ort mächtiger war als ein Gott im fernen Rom, der in der Provinz wenig Einfluß hatte.

So machte es für den Römer vollkommen Sinn, sich auch an die Götter zu wenden, die an seinem aktuellen Aufenthaltsort Einfluß und Macht besaßen, selbst wenn sie sehr lokal waren. Es konnte nicht schaden, sie in seinen Cultus zu integrieren und sich mit Anliegen an sie zu wenden. So wandte sich ein Römer an der Mosel, wenn er krank war, sicher eher an den gallischen Heilgott Lenus (in seiner Form als Lenus-Mars), dessen Tempelkomplex auf dem Martberg überregionale Bedeutung als Pilgerstätte besaß, als an den fernen Aesculapius in Rom.

Auch war man der Ansicht, daß Völker, mit denen man sich im Krieg befand, unter dem Schutz ihrer eigenen – möglicherweise sehr mächtigen – Götter standen. Deshalb war es gängige Praxis, diese fremden Götter vor einer wichtigen Schlacht anzurufen und sie zum Wechseln der Seiten zu bewegen. Dabei wurde ihnen als Gegenleistung für einen Sieg in Aussicht gestellt, daß man ihnen Tempel errichten und sie zukünftig im Rahmen der römischen Religion verehren würde. Dieses Ritual wurde „Evocatio“ genannt. Da die Römer auf ihren Feldzügen sehr erfolgreich waren, fanden auf diese Weise viele Götter aus den unterschiedlichsten Winkeln des Imperiums Einzug in die römische Götterwelt, denn natürlich wurde der Vertrag nach gewonnener Schlacht eingelöst.

Eine der berühmtesten dieser Evokationen ereignete sich im Jahr 392 v. Chr. in der Schlacht gegen die Veiianer. Camillus rief die Schutzgöttin der etruskischen Stadt Veii an und versprach ihr einen Tempel auf dem Aventin in Rom, um sich dort niederzulassen. Nach gewonnener Schlacht wurde der Tempel mitsamt einer Statue der Göttin errichtet. Diese Göttin wurde zu Juno Regina, die Königin der Götter Roms.

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Der Begriff „Interpretatio Romana“ wurde vom römischen Schriftsteller Tacitus geprägt, der ihn in seiner „Germania“ zur Gleichsetzung des Zwillingspaars Castor und Pollux mit den germanischen Alci verwendete (Germania, 43: „Bei den Nahanarvalen zeigt man einen Hain uralter Gottverehrung. Ihr steht ein Priester vor in geschmückter Weibertracht, doch nennt man als die Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux: dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alcen. Keine Bilder, keine Spur fremden Dienstes; doch als Brüder, als Jünglinge gedacht verehrt man sie“). Diese Stelle ist der einzige literarische Nachweis des Begriffs „Interpretatio Romana“, die Praxis der Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen findet sich jedoch in zahlreichen Quellen, wie zum Beispiel bei Caesar in De Bello Gallico, wo er Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva als die fünf Hauptgottheiten der Gallier bezeichnet (De Bello Gallico, 6,17).

Plinius der Ältere erklärte in seiner „Naturgeschichte“ die Gleichsetzung einheimischer Götter mit fremden Göttern mit der Vorstellung, daß Völker bestimmte Götter unter verschiedenen Namen kennen. Er prägte dafür den Ausdruck „nomina alia aliis gentibus“ („verschiedene Namen bei verschiedenen Völkern“, Naturalis historia, 2.5.15).

Ebenso spielte die Gleichsetzung eines einheimischen Gottes mit einem römischen Gott auch für die unterworfenen Völker eine wichtige Rolle bei der Eingliederung in das Römische Reich und für den Prozess der Romanisierung. Die Tatsache, daß ihre Götter nicht verboten, verleugnet oder unterdrückt wurden, sondern ihre Verehrung weiterhin erlaubt war – ja, sogar von den neuen Herren übernommen und gefördert wurde,- war ein wichtiger Bestandteil der Romanisierung und der Befriedung einer Provinz. So lange die Praktiken nicht gegen römisches Recht verstießen (z.B. Menschenopfer), genossen die Bewohner der neuen Provinzen völlige Religionsfreiheit. Oft erlebten sie, daß ihre Kultstätten, an denen sie die Götter verehrten, von den Römern zur Verehrung eben dieser Gottheiten weiter genutzt wurden, wenn auch in römischer Form, indem man dort die typischen gallo-römischen Umgangstempel errichtete, die es nur in den Provinzen nördlich der Alpen gab, und den Göttern aufwendige und imposante Gebäudekomplexe gewidmet wurden.

Dadurch, daß die Römer ihre eigenen Götter problemlos mit den einheimischen Göttern identifizieren konnten, gab es keine kulturelle Barriere, wie es sie bei der Übernahme eines Landes durch ein Volk mit einer völlig fremden, inkompatiblen Religion gegeben hätte, die die dort verwurzelte Religion verboten oder unterdrückt hätte.

Dies führte wiederum im Gegenzug zu eigenen Identifikationsbestrebungen wie der Interpretatio Gallica, in der Gallier römische Götter annahmen und in ihren Pantheon integrierten. Die einheimische Bevölkerung war dadurch auch schneller bereit, die römischen Darstellungen und Namen der Götter anzunehmen (vgl. hierzu: „Cernunnos: Origin and Transformation of a Celtic Divinity“ von Phyllis Fray Bober, veröffentlicht im American Journal of Archaeology, Vol. 55, No. 1 (Jan., 1951), S. 13-51: „… indigenous population’s readiness to accept for their religious personalities, often aniconic, the artistic types and names of those Roman divinities whose natures may include one or more parallel functions – interpretatio gallica.“)

So gewährleistete die Interpretatio Romana den Religionsfrieden („Pax Deorum“) im riesigen Vielvölkerreich des Imperium Romanum.

Wie erfolgte die Gleichsetzung eines fremden Gottes mit einem römischen Gott?

Ein einheimischer Gott, sei er keltisch, aus dem Nahen Osten oder Afrika, wurde nicht in der ursprünglichen Form in den römischen Cultus aufgenommen, in der ihn die „Barbaren“ verehrten.

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Wie auch die Bevölkerung in den eroberten Gebieten, so wurde sozusagen auch der Gott romanisiert. Das geschah in erster Linie initialisiert durch die Frage, mit welchem bekannten römischen Gott er identifiziert werden konnte, um ihn in eine römische Form zu übertragen und ihm ein kultiviertes Gesicht zu verleihen. Darstellungen, Namen, Attribute wurden an den römischen Geschmack angepaßt (Römer mißtrauten zum Beispiel Göttern in Tierform).

Hierbei wurden oft nur wichtige Einzelaspekte oder Eigenarten betrachtet, die eine besondere Rolle spielten und ins Auge fielen, während weitere Zuständigkeiten und Eigenschaften eines fremden Gottes zum Teil offensichtlich uninteressant waren. Da die römische Göttervorstellung sehr flexibel war, war es sogar möglich, teils widersprüchliche Eigenschaften oder Zuständigkeiten in einer Gottheit zu vereinen. Auch gab es viele Überschneidungen, d.h. mehrere Götter konnten für das gleiche Gebiet zuständig sein, was die Identifikation mit fremden Göttern wiederum erleichterte und letztlich die vielfältigen existierenden Zuordnungen erklärt.

Die meisten Zuordnungen römischer Götter zu fremden Göttern kennt man von Inschriften auf Weihesteinen, die oft einem römischen Gott mit einem einheimischen Theonym (Beinamen) gewidmet waren. Während einige Namenskombinationen sehr lokal sind und nur auf einem oder wenigen Weihesteinen vorkommen, sind andere in ganz Europa verbreitet.

Die weitaus größte Anzahl an Kombinationen findet sich bei römischen mit gallischen Göttern, so daß hier die Interpretatio Romana zu einer ganz eigenen gallo-römischen Religionsform geführt hat, die es bei keinem anderen nicht-römischen Volk in diesem Variantenreichtum gegeben hat.

Hierbei fällt insbesondere auf, daß man bei der Zuordnung zu römischen Göttern nicht sonderlich detailreich ans Werk ging. Es war nicht etwa so, daß man sich jeden einheimischen Gott genau anschaute und dann überlegte, zu welchem der zahllosen, oft hochdifferenzierten Götter aus der römischen Götterwelt dieser neue Gott nun am besten passen würde. Ganz im Gegenteil wurde die ganz überwiegende Mehrheit einheimischer Götter (vor allem der gallischen Götter) mit nur wenigen römischen Hauptgöttern gleichgesetzt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen – zu nennen sind hier vor allem Merkur (anscheinend der beliebteste Gott in Gallien überhaupt), Apollo und Mars, zuweilen auch Herkules, der in Gallien ebenfalls hohe Popularität besaß.

Wer entschied, welcher fremde Gott welchem römischen Gott entsprach?

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Besonders interessant ist die Tatsache, daß es (vor allem in der Provinz, fernab von Rom) keine „offizielle Götterzuordnungsstelle“ oder etwas derartiges gab – etwas, das in heutigen heidnisch motivierten Diskussionen oft nicht bekannt zu sein scheint resp. was man dort geradezu erwartet und voraussetzt.

Immer wieder begegnet man heute in Diskussionen der Vorstellung, daß die Zuordnung eines römischen Gottes zu einem fremden Gott aktenkundig, von einer kompetenten Stelle mit Brief und Siegel hochoffiziell beschlossen wurde und unerschütterlich feststand, ganz so, als führten die Römer (wie heutige okkultistische Kabbalisten) allgemeingültige Listen und offizielle Entsprechungstabellen darüber, wer mit wem gleichzusetzen war. Das war nicht der Fall.

Es gab tatsächlich keine offizielle Stelle, die entschied, welcher Gott einem anderen Gott zuzuordnen war. Ganz im Gegenteil wurden die Zuordnungen, vor allem im Rahmen der privaten Religionsausübung, auf vielfältige und oft recht pragmatische Weise getroffen.

Weihesteine wurden von allen Teilen der Bevölkerung gestiftet, von Sklaven und Freigelassenen, von zugezogenen Römern und Einheimischen, von Adligen und Bürgern, von Händlern, Handwerkern und Bauern – sie unterschieden sich allenfalls in Größe, Kosten und Aufmachung. Römische Religion bestand immer schon aus zwei getrennten Bereichen: dem privaten Kult (Sacra Privata) und dem öffentlichen Staatskult (Sacra Publica). So lange man als Einwohner des Imperiums den öffentlichen Staatskult akzeptierte und damit zeigte, man gehörte zur Gemeinschaft dazu, mischte sich der Staat nicht in die Praktiken des privaten Kultes ein.

Im privaten Kult oblag es jedem Einzelnen, welche Götter er in in diesen einbezog, welche Rituale oder Feste er beging oder wen er mit welchem Anliegen ansprach. Jeder wandte sich in der römischen Religion mit seinen privaten Anliegen direkt an den betreffenden Gott und machte mit diesem seinen privaten Vertrag aus („Wenn Du mir Heilung schenkst und mein Bein wieder verheilt, widme ich Dir danach als Dank einen Weihestein“ oder „wenn das Geschäft erfolgreich ist, stifte ich danach eine bestimmte Summe Deinem Tempel vor Ort“). Priester fungierten nicht als Vermittler oder „Zwischenmann“ zwischen einem Menschen und einem Gott; jeder konnte sich jederzeit direkt und ganz persönlich an die Götter wenden.

Das führte dazu, daß man – gerade in der Provinz – nicht unbedingt die „Großen 12“ verehrte. Viele der römischen Götter spielten vor allem in der Stadt Rom und allenfalls in Italien eine größere Rolle, während man nördlich der Alpen nicht einmal alle großen Feiertage beging (die oft nur in Rom selbst gefeiert wurden). Man empfand die großen römischen Götter, die vor allem im Staatskult eine wichtige Rolle spielten, oft als fern, während die lokalen Gottheiten, die von Einheimischen schon immer traditionell verehrt wurden, viel näher und „persönlicher“ wirkten und einfach präsenter waren. Wie im zuvor erwähnten Aesculapius / Lenus-Mars-Beispiel hatte man in der Provinz deshalb oft ein enges, persönliches Verhältnis zu lokalen Ausprägungen oder orientierte sich an Tempeln in der Nähe, zu denen man einfacher pilgern konnte als ins ferne Rom.

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Gerade hier bei uns in Westdeutschland waren etwa die Matronentempel rund um Nettersheim, der Lenus-Mars-Tempel auf dem Martberg oder der Tempelkomplex bei Tawern überregional bedeutsame Pilgerstätten, die Rat- und Heilsuchende von Nah und Fern anzogen, Einheimische wie Legionäre oder Zugezogene. Viele der hier verehrten Götter, wie die drei Matronen, Apollo-Grannus, Lenus-Mars oder Mars-Intarabus, waren im fernen Rom unbekannt oder zumindest unbedeutend.

Einige jedoch schafften es sogar in Rom zu Beliebtheit, wie die keltische Rosmerta oder Epona, die jedoch beide keine Gleichsetzungen mit originär römischen Gottheiten  erfuhren. Rosmerta wurde, aufgrund der Attributgleichheit, Merkur als Gefährtin zur Seite gestellt, da sie – weil sie eine Göttin war – nicht ‚theologisch‘ mit ihm kombiniert werden konnte und in der gallischen Vorstellung ebenfalls einen göttlichen Gefährten hatte. Zu Epona, der Schutzherrin der Pferde, gab es kein römisches Äquivalent, deshalb wurde sie vollständig, mitsamt ihres keltischen Namens, übernommen. Manche Götter und Göttinnen, wie die ägyptische Isis, behielten ihren Namen, verloren aber ihr exotisches Erscheinungsbild und wurden in einer der römischen Vorstellung gefälligen Weise dargestellt. Damit ging dann oft auch ein Funktionswandel einher, so daß manche Götter trotz des gleichen Namens nicht mehr viel mit ihren ursprünglichen Vorbildern gemein hatten.

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Die Tatsache, daß gallische Götter oft einfach nur mit Mars, Merkur oder Apollo gleichgesetzt wurden, führte leider auch dazu, daß Wissen über die speziellen Funktionen und Attribute der ehemals keltischen Götter verloren ging. Es gibt keine schriftlichen gallischen Aufzeichnungen über ihre Götterwelt und Vorstellungen; alle schriftlichen Quellen stammen von Römern und sind deswegen durch die Interpretatio Romana gefärbt. Dadurch, daß die Identifikation so „generisch“ mit immer den gleichen 3-4 „großen“ Göttern erfolgte (deren Zuständigkeiten zudem sehr differenziert waren), ist heute oft unklar, welchem Teilaspekt dieser Götter der zugeordnete gallische Gott entsprach, so daß es schwierig ist, daraus die ursprünglichen Eigenschaften der nicht-römischen Götter zu rekonstruieren.

Oft kam es auch vor, daß man sich an die lokalen Götter wandte, ohne genau zu wissen, um wen es sich dabei handelte, ganz einfach, weil es in der Region üblich war, das zu tun und weil man gehört hatte, daß diese Gottheit mit dem fremden Namen auch anderen Leuten geholfen hatte. Dafür sahen römische Rituale eigene Floskeln vor, die man in diesem Fall verwendete, um niemanden zu verärgern oder zu beleidigen. Ein Beispiel dafür war die Formulierung „sive deus sive dea“ („seist Du Gott oder Göttin“), die verwendet wurde, wenn der Name oder die Erscheinungsform eines Gottes nicht genau bekannt war. Eine ebenfalls beliebte und oft verwendete Anrede war ein allgemein gehaltenes „Gott oder Göttin, die diesen Ort beschützt„. Für viele einheimische Lokal- und Ortsgötter gab es zuvor noch keine römische Gleichsetzung, so daß man eventuell, wenn man nun einen Weihestein errichten wollte, der erste war, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah.

Wollte man nun ein Gelübde erfüllen, indem man eine Weiheinschrift in Auftrag gab, so sind unterschiedliche Wege überliefert, die eine bestimmte Kombination von Namen zur Folge hatten. Oft erfolgte eine Zuordnung eher „freifliegend“, was dazu führte, daß manche Gleichsetzungen nur von einem einzigen Ort her bekannt und belegt sind und sich der Zusammenhang auch nicht erschließt. Andere Gleichsetzungen schienen wiederum weit verbreitet und allgemein akzeptiert zu sein, da sie an ganz verschiedenen Lokalitäten überall in Europa auftauchen. Manche Gleichsetzungen wiederum sind sehr lokal begrenzt, tauchen in diesem engen Bereich dafür aber sehr häufig auf.

Mancherorts wandte man sich (um eine „offizielle“ Deutung zu bekommen), mit seinem Anliegen an den örtlichen Magistraten oder Ortsvorsteher, der Land und Leute gut kannte. Von diesem erbat man sich Hilfe in der Fragestellung, wie man den einheimischen Gott auf römische Weise titulieren sollte. Wenn man Glück hatte, war man nicht der erste, der an den Lokalpolitiker herantrat. Wenn man Pech hatte, war der Mann kreativ und schlug etwas vor, das seiner eigenen Vorstellung entsprach.

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Es stand auch jedem frei, eine beliebige Weiheinschrift selbst in Auftrag zu geben, indem man seine eigenen Gedanken oder Gleichsetzungen in Stein meißeln ließ. Da sich nicht jeder kompetent genug in dieser Frage fühlte, war es auch gängige Praxis, sich mit diesem Anliegen direkt an den Steinmetz vor Ort zu wenden! Steinmetze führten die Aufträge für zahlreiche Weihesteine aus, insbesondere in der Nähe von Tempeln und heiligen Orten, und so konnte man davon ausgehen, daß sie gängige Kombinationen von göttlichen Namen kannten oder das meißelten, was Kunden vor ihnen in Auftrag gegeben hatten, so daß man die Entscheidung aus diesen pragmatischen Gründen einfach ihnen überließ.

Das führte zu zahllosen Kombinationen von Namen und Schreibweisen derselben für ein und denselben Gott. So existieren für den mit Mars gleichgesetzten keltischen Gott Intarabus auch Weihesteine in der Schreibweise Entarabus oder Interabus. Er ist (bisher muss man natürlich immer sagen, weil wir uns hier auf archäologische Funde stützen, die jederzeit durch neue Funde und Erkenntnisse ergänzt werden könnten) auch nur aus einem eng begrenzten Raum zwischen Luxemburg, Belgien und Westdeutschland bekannt.

Es konnte auf diese Weise auch durchaus vorkommen, daß ein einheimischer Gott an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen römischen Göttern gleichgesetzt wurde, einfach weil der jeweilige Schwerpunkt der zur Identifikation geführt hatte, ein anderer war.

Im privaten Kult gab es keine Vorschriften oder Regeln, nach denen man einen Gott mit einem anderen gleichzusetzen hatte – das war, wie die gesamte Sacra Privata – eine persönliche Entscheidung, die mal mehr, mal weniger passend war.

Aufnahme fremder Götter in den Staatskult

Anders sah die Integration fremder Götter in den Staatskult bzw. ihre öffentliche Anerkennung aus.

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Wurde ein Gott durch Evocatio, Assimilation oder aus einem anderen Grund in die römische Religion übernommen, oder offenbarte sich ein „urrömischer“ Gott, der zuvor unbekannt gewesen war (aber möglicherweise schon immer in der Stadt existiert hatte), hieß das noch lange nicht, daß er auch sofort anerkannt, verehrt und ins offizielle Kultgeschehen einbezogen wurde. Da ein Gott, wie zuvor beschrieben, in der römischen Vorstellung nichts anderes war als ein Bürger höchsten Ranges und Standes, mußte er erst offiziell in die Gemeinschaft „adoptiert“ werden.

Innerhalb einer Familie oder Sippe geschah die Adoption eines Gottes als Hausgott, der im privaten Kult verehrt wurde, durch den Paterfamilias.

Im römischen Staat gab es öffentliche Einrichtungen, die die Integration eines Gottes und dessen Zuordnung akzeptieren mußten – oder ablehnen konnten.  Die Aufnahme wurde durch Mehrheitsentscheid des Senats getroffen – oder eben abgelehnt (vgl. Tertullian, Apologeticus 5.1: „Unter euch Heiden hängt eines Gottes Göttlichkeit von der Entscheidung der Menschen ab. Sofern ein Gott nicht dem Menschen gefällig ist, soll er gar kein Gott sein“).

Es wurde erwartet, daß sich ein Gott – wenn er einmal in den Staatskult aufgenommen worden war – positiv und ruhig verhielt. Offizielle römische Rituale betonten die gutartige Natur eines Gottes und den Nutzen und guten Dienst, den ein Gott gegenüber dem römischen Volk ausübte. Deswegen legten öffentliche Rituale auch Wert auf die Feststellung, daß das Römische Reich von den Göttern und den Magistraten gemeinsam regiert wurde. Wie römische Staatsbeamte, hatten römische Götter zwar ein Mitspracherecht in wichtigen Entscheidungen, mußten sich aber – wie diese – auch an die römischen Sitten und Gepflogenheiten halten, das heißt, sie hatten kein Vorrecht in der Äußerung ihrer Meinung, sondern man erwartete, daß sie nur antworteten, wenn der Staat sich an sie wandte. Aber selbst dann erwartete man keine redseligen Kundgebungen göttlichen Willens, sondern allenfalls ein „Ja“ oder „Nein“ bezüglich der Frage, wie man sich in einer anstehenden Entscheidung zu verhalten habe. Ein Beispiel hierfür sind die öffentlichen Auspizien, die angewendet wurden, um die Meinung der Götter zu einer Frage einzuholen. Selbst wenn ein Gott, zum Beispiel Jupiter, seinen Unmut durch ein eindeutiges Zeichen wie einen Blitzschlag kundtat, oblag es immer noch den Magistraten dieses Zeichen zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Wenn man einem Gott einen Tempel errichtete, wurde er im Anschluss rituell eingeladen, sich darin niederzulassen. Genauso gut war es möglich, einen Gott aus seinem Heiligtum zu verbannen, wenn man den Raum für etwas anderes brauchte oder seine Statue umwidmen wollte. Auch dafür existierten fest vorgeschriebene Riten.

Anders verhielt es sich mit anderen – natürlichen – Orten, in denen eine Gottheit residierte, wie einem Fluß, einer Höhle oder einem Hain. Diese waren fest in der Hand des Gottes und es war allenfalls möglich, sie mit einem Ritual darum zu bitten, an dem Ort teilhaben zu dürfen (zum Beispiel, wenn man dort etwas bauen oder anpflanzen wollte) und versprach, dort im Gegenzug ein kleines Heiligtum zu errichten.

Götter, die vom römischen Staat letztlich akzeptiert waren, wurden offiziell nach Rom eingeladen und erhielten dort einen traditionellen Namen, einen Ort und einen dazugehörigen Kult.

Das hatte jedoch keinerlei Einfluß darauf, ob ein Händler in Bonn einen Weihestein für Mercurius Gebrinius errichten ließ oder ob ein Steinmetz im Brohltal einen Stein für Hercules Invictus, Hercules Barbatus oder Hercules Saxanus meißelte.

Also gibt es keine „Who’s Who“-Listen der römischen Götterwelt mit ihren fremdländischen Entsprechungen?

Doch, die gibt es durchaus. Niemand würde in Frage stellen, daß Venus mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt wurde, Vulcanus mit Hephaistos oder Ra mit Apollo.

Lokale Kombinationen wie Lenus-Mars oder Apollo-Grannus sind überregional bekannt und durch zahlreiche Weiheinschriften belegt.

Was wir jedoch mit diesem Artikel vermitteln möchten, ist, daß das Thema viel komplexer ist und sich nicht auf Fragen wie: „Welchem keltischen Gott entspricht Merkur?“ reduzieren lassen (Antwort: mindestens 20 verschiedene Entsprechungen sind bekannt). Erst einmal gibt es, insbesondere bei den keltisch-römischen Gleichsetzungen, keine „offizielle“ Absegnung der Götterpaare, sondern ihr Ursprung ist so verschieden, wie die Menschen, die ihre Weihesteine in Auftrag gaben. Wahrscheinlich waren nicht einmal alle diese Gleichsetzungen sinnvoll.

Als „Mater Magna“ wurde die kleinasiatische Göttin Kybele in diesem Heiligtum in Mogontiacum (Mainz) verehrt

Nichtsdestotrotz spielte das keine Rolle für die Dankbarkeit eines Geheilten, der einen Weihestein für einen lokalen Gott in Auftrag geben ließ und es dabei dem Steinmetz überließ, welchen Namen er in den Stein schlug. Genausowenig spielte es eine Rolle, wenn sich ein Ratsuchender an einen lokalen Gott wandte, der ihm von Einheimischen empfohlen wurde aber dessen genauen Namen oder Funktion er eigentlich gar nicht so genau kannte. Wichtiger war, daß ihm geholfen wurde und daß er seiner Dankbarkeit danach durch das Einhalten des Vertrages Ausdruck verlieh, also das tat, was er als Dank vorher festgelegt und angeboten hatte.

Foren-Diskussionen darüber, ob der moderne Marienkult sich nun eigentlich an Isis wendet, oder mit welchen römischen Göttern haitianische Voodoo-Götter gleichgesetzt werden können, sind deswegen müßig (ja, sowas gibt es tatsächlich!). Welcher Gott welchem exotischen Gott in der Interpretatio Romana entsprechen mag, kann nicht abschließend und mit „wissenschaftlicher Exaktheit“ beantwortet werden, basierend auf eindeutigen Zuordnungen bezüglich Attributen, Zuständigkeiten oder Erscheinungsform – denn schon die Römer gingen nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit an die Frage.

Die Zuordnung erfolgte nicht dogmatisch und es kam durchaus vor, daß einem gallischen Gott an verschiedenen Orten unterschiedliche römische Götter zugeordnet wurden, wie man es aus Weiheinschriften weiß.

Aber auch schon damals erging man sich in philosophischen Überlegungen, wie der Frage, wem etwa Gottheiten aus monotheistischen Religionen  – wie z.B. der Gott der Juden – zugeordnet werden könnten (Varro identifizierte ihn als Caelus oder Jupiter Optimus Maximus). Der anatolische, doppelköpfige Sturmgott Teshub wurde zum bei Soldaten hoch verehrten Jupiter Dolichenus. Römische Zeitgenossen, die jüdische Gebete an Yahwe Sabaoth hörten, deuteten diese als Anrufungen für den thrakischen Gott Sabazios.

Die Interpretatio Romana ist deswegen viel mehr als eine simple Gleichsetzung von Gott A mit Gott B, sondern ein sehr vielschichtiges, interessantes Thema, bei dem sich immer wieder spannende Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Göttern und Kulturen ergeben.

Nachtrag:

Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Aber sind die synkretisierten Götter denn nun ein- und derselbe Gott?“ d.h. ist Apollo-Grannus  gleich dem klassischen Apollo oder ist Mars gleich Ares gleich Lenus gleich Intarabus, nur unter anderen Namen? Oder handelt es sich um vollkommen eigenständige Persönlichkeiten, sprich: lokale Götter, die einander nur ähnlich sind? Oder sind es Attribut-Gottheiten, das heißt, personifizieren diese Götter Teilaspekte eines einzigen Gottes?

Da diese Frage nach der „Natur des Göttlichen“ den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf diesen Abschnitt in unserem Artikel „Kultpraxis: Götterfiguren im römischen Cultus“ verweisen, in dem diese Frage angesprochen sowie für die Kultpraxis eingeordnet wird.


Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Tutelar Gottheiten

Wie bereits im Artikel zum Aufbau eines Larariums erwähnt, ist es für die Praxis des Cultus nicht entscheidend, möglichst viele Götter miteinzubeziehen, ja, auch nicht anzuraten.

In der Religio Romana werden die einzelnen Götter verstanden als Teilaspekte einer als umfassend begriffenen Wirklichkeit, in die unsere Welt und unser Leben eingebunden ist. Die Beziehung des Einzelnen zu dieser Wirklichkeit gestaltet sich deswegen auch im Sinne einer besonderen Auswahl und basiert auf dem oft sehr engen Verhältnis zu einer oder mehreren Gottheiten. Dabei kann es sein, dass ein Cultor aus diversen Gründen ein besonderes Verhältnis zu einer Gottheit entwickelt, mit der er sich dann im Laufe der Zeit näher beschäftigt, was diese persönliche Beziehung dann begründet und festigt, oder es kommt vor, wie wir es auch aus den mythischen Erzählungen kennen, dass eine Gottheit sich im Leben eines Menschen manifestiert, ihn quasi erwählt.

Werden solche besonderen Beziehungen zwischen Menschen und bestimmten Göttern gepflegt, die sich eben auch in einem kultischen Dienst an der Gottheit ausdrücken, spricht man von einer „Tutelargottheit“.

Was bedeutet Tutelar?

Der Begriff geht auf das lateinische Wort „tutela“ zurück, was je nach Kontext Obhut, Schutz, Fürsorge, Schutzherr oder auch Schützling bedeutet und einen der grundlegenden Aspekte der römischen Religion anspricht. Generell war die Idee schon früh präsent, dass Orte, bestimmte Berufe und Tätigkeiten, einzelne Personen, ja ganze Städte und das Imperium Romanum als ganzes unter dem Schutz einer göttlichen Kraft stehen konnten und oft genug auch standen. Diese Sichtweise war in gewisser Weise geprägt durch die Tatsache, dass im Leben der Römer solche Schutzverhältnisse generell eine besondere Rolle spielten.

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Der Paterfamilias ist nicht nur das Oberhaupt der engeren Familie

Der Paterfamilias etwa, das Oberhaupt einer Familie, übte eine Vormundschaft (patria potestas), die eben auch Schutz beinhaltete, über alle Mitglieder der Familie aus. Diese Verfügungsgewalt übte er nicht nur über seine Frau und seine Kinder aus, sondern sie bezog sich auch auf die angeheirateten Frauen seiner Söhne, deren Kinder, auf alle Sklaven im Haushalt, sowie grundsätzlich auf das gesamte Vermögen. Es war ebenfalls seine Aufgabe für die ganze Familie den häuslichen Kult mit allen religiösen Verpflichtungen wahrzunehmen. Starb der Vater, wurden die Söhne freie Männer im rechtlichen Sinne (sui iuris), während die Töchter in eine tutela mulierum, eine neue Vormundschaft, eintraten, die entweder der Vater im Testament verfügte, oder welche durch die Tochter selbst gewählt werden konnte. Die Person, die mit der Obhut betraut wurde, hieß Tutor (was heute noch an der Universität oder in anderen akademischen Bereichen als Begriff für jemanden gebraucht wird, der andere unterweist, ihnen hilft, sie anleitet. Studenten die sich in einem Tutorium befinden, besuchen Kurse, in denen sie studienrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten durch einen Tutor vermittelt bekommen).

Es war also nur konsequent, dass man davon ausging, dass es zwischen Menschen und Göttern ähnliche Schutzverhältnisse geben konnte, die sich entweder durch das Einbinden in den häuslichen Kult äußerten, das Mitführen von kleinen Figuren der Gottheit oder auch bestimmte Eidverpflichtungen zur Folge haben konnten. (Im nordgermanischen Heidentum kennt man den sog. fulltrui, also den Gott seines Vertrauens, den Gott, in den man sein volles Vertrauen setzt und mit dem man auf ähnlich enge Weise verbunden war – resp. im heutigen Asatru immer noch ist).

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Göttin Tutela

Im römischen Reich selbst, welches im Grunde genommen wie ein übergrosses Äquivalent zur Familie gesehen wurde, nahm quasi der Imperator die Stelle und Funktion des Paterfamilias ein, die von ihm ausgeübte Verfügungsgewalt – im Idealfall verstanden als Proklamation einer moralischen Selbstverpflichtung des Kaisers, als Schutzherr über alle Schutzbedürftigen im Imperium zu agieren -, wurde entsprechend als Tutela Augusti bezeichnet.

Die Schirmherrschaft über das Reich wurde später in der Kaiserzeit als eigene Göttin personifiziert und unter die vergöttlichten Tugenden wie Spes, Victoria, Concordia, Aequitas etc., auf denen das Imperium im Ideal basierte, aufgenommen.

Im Verständnis der Menschen damals blieb dies aber nicht einfach ein vom Alltagsleben getrennter Aspekt des Staatskultes, welcher durch allegorische Personifikation seinen Idealen Ausdruck verlieh, sondern es hatte ganz praktische Bedeutung für den Cultus eines jeden. In diesem Sinne wurde Tutela im Zuge dieser neuen Entwicklung in den häuslichen Kult integriert, wo sie in enger Beziehung zum Genius stand und sie wurde vor allem in den westlichen Provinzen des Reiches als Schutzherrin ganzer Städte verehrt, die nicht in Beziehung zu einer anderen Gottheit standen. Dadurch wurde dieses Vakuum gefüllt und die Stadt und ihre Bewohner unter die Göttin der Schutzherrschaft selbst gestellt, anstatt unter den allgemeinen Schutz eines bestimmten Gottes. Besonders aus Gallien sind entsprechende Statuen und symbolisch aussagekräftige Darstellungen dieser Göttin bekannt.

Wie findet man ’seinen‘ Gott?

Sacrarium für Apollo

Sacrarium für Apollo

Gründe, sich einer bestimmten Gottheit näher zu fühlen, mag es viele geben und sie sind so individuell wie die Cultores, die die Religio Romana praktizieren. Es kann eine Verbundenheit sein, die aus bestimmten Interessen erwächst, etwa wenn ein Arzt sich ganz natürlicherweise dem Aeskulapius nahe fühlt, in ihm Inspiration und Vorbild gleichermassen zu finden hofft. Oder es gibt ein einschneidendes Erlebnis an einem Ort, welcher einer bestimmten Gottheit heilig ist, es mag ein Traum sein, der symbolträchtig genug ist, dass er auf einen bestimmten Gott hinweist, ein Gedicht, das einen berührt.

Ich möchte beispielhaft an meinem Fall darlegen, wie so ein Tutelar das ganz konkrete Gesicht einer langen und natürlichen Entwicklung sein kann und sich als solches am Ende einer persönlichen Reflektion als Schlusstein in diesen Prozess einfügen kann.

Es gab es zu Anfang keinen besonderen Bezug zu einer einzelnen Gottheit, die Religio Romana war – und ist – für mich durch den Charakter der Sacra Privata gekennzeichnet, sprich, es geht mir in erster Linie nicht um eine gemeinschaftliche Ausübung oder ein primär nach außen gerichtetes Praktizieren (dieser Blog mag dem auf den ersten Blick widersprechen, ist aber eher im Sinne einer öffentlich zugänglichen Reflektion über unseren Weg zu verstehen, wir wollen sicherlich informieren, aber nicht missionieren), sondern darum, diesen spirituellen Weg als meinen persönlichen zu sehen und mit meiner Lebensgefährtin zu gestalten.

Thor's_Battle_Against_the_Jötnar_(1872)_by_Mårten_Eskil_Winge

Thor mit Mjöllner bewaffnet bekämpft die Jöten

Das hängt sicherlich damit zusammen, daß ich früher viele Jahre im Asatru aktiv war und in dieser Zeit weitaus eher im Sinne der – bleiben wir einmal bei den römischen Begriffen – Sacra Publica handelte und dachte. Heidentum war lautstarkes Bekenntnis für unsere ‚germanischen Wurzeln‘ und gegen die ‚fremde christliche Besatzungsreligion‘ und war geprägt durch eine aktive Mitgliedschaft in den namhaften  internationalen Organisationen, die heute die germanische Religion vertreten, am Anfang der Odinic Rite, später The Troth. Gründung einer lokalen Gruppe, eines sogenannten Hearths, ergab sich dabei  folgerichtig aus diesem nach aussen wirkenden Ansatz.

Als Asatruar war ich besonders den Göttern Odin und Thor verbunden, die mich auf verschiedenen Ebenen gleichermassen ansprachen, durch meine Studien der Runenmagie war zu Anfang für viele Jahre Odin mein Fulltrui. Später allerdings, als ich mich mehr und mehr davon abwandte, was mir als reine Projektion hermetisch-magischer Vorstellungen auf eine wie auch immer geartete germanische Zeit erschien, wurde mir der bodenständige Rotbart ein guter Freund und damit der Gott, in den ich ‚mein volles Vertrauen setzte‘, was wie schon erwähnt, die eigentliche Bedeutung des nordischen Wortes Fulltrui ist.

Über die Zeit hinweg kam es zu einer Abwendung vom Asatru, bedingt durch persönliche Enttäuschungen, die ich auf dieser Ebene widerspiegelte, durch eine Unzufriedenheit mit der Gestaltung dieser Religion durch die diversen Gruppen und ganz zum Schluss auch durch die immer mehr sich Bahn brechende Erkenntnis, das in der Region, in der ich lebe, das so lautstark verkündete ‚Nordische‘ weitaus weniger historischen Anspruch auf eine Verwurzelung hat – nämlich gar keinen -, als etwa das Christentum, das zumindest in seiner Römisch-Katholischen (aber auch Orthodoxen Form) im Grunde eine Mysterienreligion nach genuin römischem Verständnis darstellt und in ungebrochener Traditionslinie aus eben heidnischer Zeit stammt, in der es seine Form fand. Die eigene Verortung in diesem germanisch-heidnischen Bezugsrahmen, oder das, was man dafür hält, funktionierte nicht mehr und die Bilder verblassten nach und nach, weil sie aufgesetzt wirkten – und letztendlich auch waren.

Sacrarium für Hercules und die Matronen

Sacrarium für Hercules und die Matronen

Nach einer 10-jährigen Phase intensiver buddhistischer Studien und Praxis, in der ich viel gelernt habe, gerade auch über Symbole und was sie ausdrücken können, kam das alte Unwohlsein wieder zum Vorschein, welches mich bereits bei meinem ’nordischen Weg‘ befallen hatte – das starke Gefühl, dass spirituelle Praxis sehr wohl etwas mit Geschichte und Ort zu tun hat, es in beidem ganz konkret zu finden sein muss, soll es authentisch sein. Und da passte Buddha ebensowenig in das Land, in dem ich lebe, wie Odin; japanische Rezitationen wirkten irgendwann ähnlich fremd wie Anrufungen auf Altnordisch (das ich mit Begeisterung an der Universität erlernt hatte) – wobei ich in all den Jahren gleichwohl immer gefühlsmässig Heide geblieben war (was sich grundsätzlich mit buddhistischer Praxis nicht beisst, die verstanden als Erkenntnislehre ganz praktischer Art mit diversen religiösen Vorstellungen kompatibel ist).

Im Zuge einer Rückbesinnung auf diese gefühlsmässige Ebene, die ich wieder als Basis für mich anerkannte, begann ich erneut, mich mit dem zu beschäftigen, was man den Alten Weg nennt und auf einmal, quasi befreit von den unreflektierten Ideen einer romantisch-naiven ‚Wikingerbegeisterung‘ (die für einen Grossteil der heutigen Asatrugemeinschaft prägend ist) trat dieser Weg in seinem Kontext recht schnell sehr deutlich zutage. Dass wir heute in einer Kultur leben, die als Transformation der römischen angesehen werden kann, dass das Imperium Romanum, welches in einem sehr grossen Teil Deutschlands absolut prägend war (und es bis heute ist) unsere so mühsam angestrebte und eher mangelhaft umgesetzte Idee eines Europa bereits als perfekt funktionierende Struktur vorwegnahm, dass Germanen von mir heute – ähnlich  wie von den Römern in ihrer Zeit – ebenfalls eher als ‚barbarisch‘ weil oft genug zerstörend wirkend, denn als Garanten einer hochstehenden Zivilisation angesehen werden, dass hier in meiner Geschichte und meinem Ort der Alte Weg eben nicht mit dem nordischen Begriff ‚Forn Sidhr‚ (‚Alte Sitte‘) treffend bezeichnet werden kann, sondern eher mit dem lateinischen Mos Maoiorum!

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Imperium Romanum

Ausgehend von dieser Erkenntnis und der damit einhergehenden Neupositionierung, aber eben durchaus im Sinne meiner alten Orientierung, war auch der Weg wieder frei zu den Kräften, in die ich früher mein Vertrauen setzte. Die Präsenz, die man im Norden Thor nennt und die in Germania Magna wohl Donar genannt wurde, wurde von den Kelten, Germanen und Römern, die im ‚deutschen‘ Teil des Imperiums lebten, als Hercules bezeichnet, je nach Region mit anderem Beinamen versehen und etwa als Hercules Magusanus, Hercules Deusonianus oder Hercules Saxanus angesprochen. Ihm wurden mannigfach Altäre geweiht und er gab Kraft und Zuversicht, die Aufgaben zu erfüllen, die einem das Leben stellt. Man trug hier keinen Thorshammer, sondern eine Herkuleskeule als Miniatur am Hals, um sich seiner Kraft und seines Schutzes zu versichern. Ebenso wie der germanische Gott Wodan hier von den Römern mit ihrem Mercurius identifiziert wurde und wir deshalb überall Merkurtempel finden können, die Zeuge seiner Beliebtheit sind. Diese als Interpretatio Romana bekannte Methode der Angleichung und Eingliederung fremder Götter in den römischen Pantheon war der Grundstein der Religionsfreiheit und des Religionsfriedens im Römischen Reich.

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Hercules mit Keule bewaffnet bekämpft die Hydra

Zu dieser Neufindung meiner persönlichen Götter im Rahmen eines ‚Heidentums‘, authentisch in Bezug auf die Historie, das genuin aus unserer Geschichte und Region erwachsen ist, kam die Tatsache hinzu, dass Herkules ebenfalls erwählter Gott der Stoiker war, die in ihm das Idealbild sahen, welches die Selbstdisziplin und Ausdauer verkörpert, die für den Lebensweg des Philosophen essentielle Eigenschaften darstellen. Seine Entscheidung für ein beschwerliches, aber tugendhaftes Leben und gegen ein müheloses, aber verwerfliches Dasein wie es im Mythos ‚Herkules am Scheideweg‘ oder auch manchmal mit ‚Die Wahl des Herkules‘ wiedergegeben, geschildert wird, erinnerte die Stoiker an eben jene Entscheidung, die sie selber getroffen hatten.

Meine buddhistischen Studien vermittelten mir Einsichten, die man in der Stoa wiederfindet, oftmals wörtlich identisch formuliert, und die allegorische Deutung der herkuleischen Mythen im Sinne des stoischen Lebensideals festigten meine Beweggründe, Herkules als meinen Tutelar zu wählen – resp. anzuerkennen, dass er es ganz natürlich ist, mag ich ihn früher auch Thor genannt haben.

Dies soll zeigen, wie gehaltvoll die Figur einer solchen Tutelargottheit sein kann, wie sehr darin persönliche Geschichte und das Ringen (bleiben wir bei einem herkuleischen Bild) um die eigene Lebenspositionierung manifest werden können. Ist dies der Fall, dann wird das Numen eines Gottes zu einer machtvollen Präsenz im Leben des Einzelnen, die unabänderlich mit seinem Sein und Werden verbunden ist und bleibt. Vor dem Hintergund einer solchen persönlichen Beziehung werden die Orte, die mit der Verehrung dieser Gottheit verbunden sind, werden die Mythen, die man sich von ihm oder ihr seit alters her erzählt, zu einem besonderen Kraftquell und individuellen Bezugsrahmen.

Allerdings zeigt dieses Beispiel hoffentlich auch, dass eine oberflächliche Wahl, eine ohne wirklichen (Hinter)grund getroffene Entscheidung für einen solchen Tutelar, dies nicht erreichen kann und wenig Sinn macht. Auch hier wieder die Betonung, dass in der Religio Romana weniger oftmals mehr ist… es geht nicht um das Sammeln von Göttern in seinem Sacrarium, sondern um das Hinhören in die gehaltvolle Stille bei Gebet und Opfer, damit man eine möglicherweise bereits bestehende, oder sich anbahnende Beziehung zu einer der Gottheiten nicht überhört.

Was bleibt zu beachten?

Herkuleskeule auf einem Weihestein für Herkules Saxanus, Römerbergwerk Meurin

Herkuleskeulenanhänger auf einem Weihestein für Herkules Saxanus, Römerbergwerk Meurin

Wenn man einen Tutelar gefunden hat, dann sollte man dies ganz natürlich in die rituelle Gestaltung des Cultus miteinfliessen lassen. Neben der Tatsache, dass er oder sie immer Erwähnung finden sollte, wenn man sein tägliches Gebet und Opfer bringt (oder zumindest an den Kalenden, Nonen und Iden), sind die der persönlichen Gottheit gewidmeten Feiertage im Kalender besondere Zeiten und sollten beachtet werden.

Grundsätzlich bietet sich an, diese persönliche Beziehung zum Anlass zu nehmen, in den Quellen alles über diese Gottheit in Erfahrung zu bringen, etwas was einem sehr schnell wie ein immer besseres Kennenlernen erscheinen wird und hilft, tatsächlich eine Beziehung zu dieser Präsenz aufzubauen. Findet man Hymnen und Invokationen, die schon in alter Zeit zur Verehrung dieser Gottheit gesprochen wurden, bringt es für den eigenen Cultus eine völlig neue Relevanz, wenn man sie integriert. Aber letztlich ist die Gestaltung dieses persönlichen Bezugsrahmens ebenso vielfältig wie die Zahl der Götter selbst… 🙂


Artikel © D. Gratius Ludovicus, 07/2014

Artikel © D. Gratius Ludovicus, 07/2014