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Kaiser Nero – 2000 Jahre Rufmord!?

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Der junge Kaiser Nero, Foto von Wolfgang Sauber (lizensiert unter CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)

In diesem Frühjahr werdet Ihr in unserem Blog einiges zu Kaiser Nero finden – eine der schillerndsten, berühmt-berüchtigsten Figuren der römischen Geschichte. Und möglicherweise auch eine der mißverstandensten Personen, denn durch neue quellenkritische Ansätze mehrt sich die Ansicht, daß das heutige Bild, das wir von Kaiser Nero haben, vor allem auf Verleumdung und Propaganda basiert.

Vorbereitung auf die Sonderausstellung in Trier

Neben der Tatsache, daß es einfach spannend ist, sich mit einer so kontroversen Figur der Geschichte zu befassen, über die so abenteuerliche Geschichten im Umlauf sind (unvergessen Peter Ustinov als Nero in „Quo Vadis“, wie er sang und Lyra spielte, während Rom brannte), werfen auch große Ereignisse ihre Schatten voraus: Am 14. Mai eröffnet in Trier die Sonderausstellung: „NERO – Kaiser, Künstler und Tyrann„. Ihr Anspruch ist es, den vermeintlichen Tyrannen und verschwendungssüchtigen Wahnsinnigen aufgrund aktueller Forschungserbnisse in ganz neuem Licht zu zeigen – die erste große Schau zu diesem Thema in Europa mit hochkarätigen Leihgaben.

NERO_PlakatMit Spannung sehen wir dieser Sonderausstellung entgegen, die sich (ähnlich wie 2014 die Ausstellung „Credo“ in Paderborn) über drei verschiedene Museen der Stadt und insgesamt 2000 Quadratmeter erstrecken wird:

Das Rheinische Landesmuseum Trier legt den Schwerpunkt auf Neros Leben, seinen Aufstieg, die Blütezeit seiner Herrschaft, aber auch auf seinen Abstieg und zeigt dies anhand von über 400 Exponaten aus aller Welt.

Das Museum am Dom beleuchtet den Kontext „Nero und die Christen“, wobei auch das generelle Verhältnis der Christen zum römischen Staat und zur römischen Religion untersucht wird.

Im Stadtmuseum Simeonsstift wird dem Thema „Lust und Verbrechen. Der Mythos Nero in der Kunst“ nachgegangen, der bis in die heutige Zeit ja exzessiv in den Medien zelebriert wird. Hier werden deshalb zahlreiche Kunstwerke, Gemälde, Grafiken, sowie Informationen zu  Filmen und Opern ausgestellt, die sich mit der Bildtradition und Rezeption von Nero als Inkarnation des grausamen, irren, dekadenten, prunksüchtigen und größenwahnsinnigen Tyrannen befassen.

Die Sonderausstellung geht bis zum 16. Oktober 2016 und wir freuen uns bereits darauf, sie zu besuchen, denn nie zuvor (und wahrscheinlich auch danach nie wieder) wurden so viele hochrangige Exponate rund um Kaiser Nero an einem Ort zusammengetragen und in einer differenzierten Zusammenschau präsentiert. Die Leihgaben stammen unter anderem aus den Vatikanischen Museen in Rom, dem Louvre in Paris und dem Britischen Museum in London. Kunstwerke werden unter anderem zur Verfügung gestellt von der Eremitage in St. Petersburg, der Mailänder Scala und aus Florenz.

Alles Verleumdung?

War Kaiser Nero (eigentlich: Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus) also in Wirklichkeit ein freundlicher, zurückhaltender, beliebter, erfolgreicher und gerechter Kaiser des Römischen Reichs? Die ehrlichste Antwort muß lauten: wir wissen es nicht, denn niemand von uns war während seiner 14-jährigen Regierungszeit (54 bis 68 n. Chr.) dabei und alle schriftlichen Quellen, die wir besitzen, sind mit höchster Vorsicht zu genießen, da sie ausschließlich aus ganz bestimmten, persönlichen Motiven heraus geschrieben – oder zu späterer Zeit im Mittelalter verfasst wurden, in der Nero von christlichen Autoren, vor allem aus Propagandagründen, zum personifizierten Antichristen hochstilisiert wurde, von dem in der Offenbarung des Johannes berichtet wird (inklusive mathematischer Beweise, warum die Zahl Neros die Zahl 666 des Großen Tieres ist).

So ist das heute gefestigte Nero-Bild tatsächlich vor allem ein durch das Mittelalter geprägtes Bild. Doch diese mittelalterliche Darstellung hält sich bis heute hartnäckig und wird gerne und lustvoll in den Medien und der Pop-Kultur kolportiert – denn natürlich ist sie faszinierend, verbreitet wohligen Schauer und Abscheu und ist gleichzeitig interessant und spannend. Spannender jedenfalls als „langweilige“ Kaiser, deren Namen heute nur noch Geschichtsinteressierte kennen.

Unser heutiges Nero-Bild ist vor allem durch Peter Ustinovs unvergessene Darstellung in „Quo Vadis“ geprägt:

Tatsächlich ist Nero einer der Römischen Kaiser, über den am meisten Schlechtes geschrieben wurde (neben Kaiser Caligula, dessen attestierter „Wahnsinn“ heute ebenfalls umstritten ist und dessen Leben ebenfalls differenzierter betrachtet werden muß als es gemeinhin geschieht) und man findet ihn auf jeder „Bösewicht-Skala“ in den Top Ten Listen der verderbtesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, zusammen mit Hitler, Heinrich VIII., Stalin, Mengele, Charles Manson, Iwan dem Schrecklichen, Pol Pot und wer in den diversen Internet-Hitlisten noch aufgeführt wird.

Doch was sind die wichtigsten historischen Quellen, die wir heute über Kaiser Nero haben? Bereits die mittelalterlichen Quellen greifen zurück auf die drei Hauptquellen der Antike: Sueton, Tacitus und Cassius Dio.

(mehr …)

Events und Veranstaltungen: Römertage in Rheinbrohl – „Die Kelten kommen“ am 7.-8. Mai 2016

Die nächste spannende Veranstaltung steht bevor: Die alljährlichen Römertage in der Römerwelt Rheinbrohl am Beginn des Limes vom 7. bis 8. Mai 2016.

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Die Kelten kommen! Dank an Christian Havenith für die freundliche Genehmigung zur Verwendung des Bildes.

Dieses Jahr lautet das Motto: „Die Kelten kommen„.

Neben den Römern der Römerwelt-Stammkohorte „Broele Trans Rhenum XXVI VOL C R“ schlagen auf dem Außengelände auch mehrere Keltengruppen ihr Lager auf, um dem Besucher eine Zeitreise von der Hallstadtzeit bis zu den Hunsrückkelten zu ermöglichen. Hierbei wird Wert auf Authentizität jenseits der üblichen Keltenklischees gelegt.

Den Besuchern wird sachkundig die keltische Küche, keltische Bekleidung oder die Nutzung der Steinschleuder erläutert. Gerne beantworten die Kelten auch Fragen aller Art rund um die keltische Kultur und geben Einblicke in gallo-provinzialrömische Lebensweise.

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Die Pfahlramme in Aktion!

Die Römer demonstrieren Handwerk, Ausrüstung, Militär, Alltagsleben und Handel am Limes.

Sehenswert ist auch der germanische Fischer Jörg Nadler, der vor Ort Fischerei in der Antike präsentiert und sehr anschaulich über Techniken und Netzbau erzählt. Markus Gruner demonstriert das Emaillieren von Bronzeobjekten.

Anläßlich der Veranstaltung wird auch wieder das römische Backhaus befeuert, so daß man vor Ort die Gelegenheit hat, römische Kuppelbacköfen in Aktion zu sehen und (was noch wichtiger ist), die Produkte zu probieren – das sehr schmackhafte Römerwelt-Brot nach römischem Rezept, idealerweise in Kombination mit Moretum (nicht zu vergessen natürlich auch die zwar moderne, aber legendäre Limes-Torte, die es nur in Rheinbrohl gibt).

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Immer wieder lohnenswert: die Führungen und Vorträge mit Mario Becker

Daneben gibt es wieder Museumsführungen durch die Römerwelt Rheinbrohl mit Mario Becker und Live-Demonstrationen der Nachbauten von Pfahlramme und Kran.

Außerdem gibt einen Vortrag im Vortragsraum zum Thema „Die Kelten – Roms Feinde im Norden?“

Das vollständige Programm steht hier als PDF auf der offiziellen Website der Römerwelt bereit.

Der Eintritt kostet für einen Tag 8€ für Erwachsene und für Kinder von 7-14 Jahren 5€.

Es gibt Vergünstigungen für Menschen mit Handicap und Familien. In diesem Jahr wird erstmalig eine vergünstigte Zweitageskarte angeboten (12€ Erwachsene, Kinder 7€).

Die Römertage finden an beiden Tagen jeweils von 10-18 Uhr statt.

Brot

Römisches Brot, gewürzt mit Anis, Fenchel, Koriander und Kümmel, schmeckt ofenfrisch am besten! (Römerwelt Rheinbrohl, 2015)

Weitere Links zum Thema:

 

 

 

Events und Veranstaltungen: Limes-Wandertag am 5.5.2016

Und wieder haben wir einen bewegungsreichen römischen Ausflugstipp für Euch. Wer an Christi Himmelfahrt (5. Mai 2016) eine Alternative zum Grölen mit dem Böllerwagen sucht, dem empfehlen wir eine besondere Veranstaltung am UNESCO Weltkulturerbe Limes!

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Start und Ziel des Wandertages: Die Römerwelt in Rheinbrohl

Traditionell findet am Beginn des Limes (caput limitis), ab Rheinbrohl im Westerwald, zu Christi Himmelfahrt der Limes-Wandertag statt. Er startet in der Römerwelt Rheinbrohl, wo die Teilnehmer eine Karte mit den einzelnen Stationen sowie einen Fragebogen für ein Quiz erhalten, das unterwegs ausgefüllt werden kann.

Die Wanderung folgt dem Verlauf des Limes, entlang am Limes-Lehrpfad, vorbei am hölzernen Limes-Wachturm IX, von dem aus man einen tollen Panoramablick über den Westerwald hat und an zahlreichen Stationen, an denen lehrreich der Limes, die Römerzeit und das Leben in der Antike vorgestellt wird.

Zu den Stationen des etwa 5 Kilometer langen Fußweges gehört Mulsum-Verkostung, es gibt einen Probierstand für römisches Brot mit Informationen über römischen Weinbau und Brotbacken, ein Römerlager der Cohorte XXVI, die sich immer um die Römerwelt und den Raum Rheinbrohl bemüht. Dort kann man auch Getränke kaufen und es gibt ein Mitmach-Programm für Kinder.

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Rekonstruktion des Limes im Innenhof der Römerwelt

Eine weitere Station demonstriert den Palisadenbau, ein römisches Katapult wird vorgestellt, in einem Kohlenmeiler wird die Herstellung von Holzkohle erklärt. Für Kinder schließt sich ein Kletterparcour an. An einer Waldhütte kann altes Werkzeug ausprobiert werden. Den Abschluß bildet ein Jagdhaus. Hier besteht auch die Möglichkeit, mit einem Planwagen zurück zur Römerwelt zu fahren, sowie zum Essen und Trinken.

Der Start- und Zielpunkt der Wanderung, die Römerwelt Rheinbrohl, ist ein sehenswertes Mitmach- und Erlebnismuseum.

Der Limes-Wandertag ist immer eine handfeste Möglichkeit, das eigentlich etwas schwer zu vermittelnde Bodendenkmal anschaulich zu erleben. Das Programm ist abwechslungsreich und die Route interessant gestaltet.

Festes Schuhwerk wird empfohlen, es geht durch den Wald und einige Steigungen sind ebenfalls zu überwinden. Alles in allem ist der Weg aber nicht allzu schwierig, sondern familientauglich. Veranstaltet wird der Limes-Wandertag von der Ortsgemeinde Rheinbrohl und dem Verein Freunde des Limes.

Gestartet werden kann ab Römerwelt Rheinbrohl zwischen 9 Uhr und 11:30 Uhr.

Übrigens, wer an diesem Termin keine Zeit hat oder gar nicht genug von der Römerwelt und dem Limes bekommt: Am darauffolgenden Wochenende (7.-8. Mai 2016) finden in der Römerwelt die alljährlichen „Römertage“ statt, die dieses Jahr unter dem Motto stehen: „Die Kelten kommen“ – mit einer Zeitreise von den Hallstatt- bis zu den Hunsrückkelten. Eine gesonderte Ankündigung mit weiteren Informationen folgt in Kürze auf unserem Blog!

Jetzt opfert fleißig allen Göttern, die auch nur entfernt Einfluß auf das Wetter haben, damit es nun endlich angemessen warm und sonnig wird 🙂

Events und Veranstaltungen: Soldatenlager im Römerkastell Saalburg, 30.4.-1.5.2016

Saalburg

Das Römerkastell Saalburg im Taunus

Mit dem Mai steht uns ein veranstaltungsreicher Monat ins Haus – und den Auftakt macht (bei hoffentlich besserem Wetter als bei der IRM) das Soldatenlager im Römerkastell Saalburg.

Vom 30. April bis zum 1. Mai schlägt die Cohors III Vindelicorum ihr Lager im großen Limeskastell im Hochtaunus auf. Dieses Mal bringen sie noch einen besonderen Gast mit: die Legio VIII Augusta aus Autun in Frankreich. Dazu ist die „Stammtruppe“ der Saalburg vor Ort, die Cohors Secunda Raetorum, die ein Mitmach-Programm anbietet.

Zwei Tage lang zeigen die Soldaten den Alltag am Limes und das römische Soldatenleben. Neben der Vorstellung von Ausrüstung und Drill bringen sie auch einen originalgetreu ausgerüsteten römischen Reiter mit, der seinen Patrouillendienst am Limes zeigt.

Die Soldaten stehen für Fragen zur Verfügung und vermitteln sachkundige Informationen.

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Auch dieses Jahr dabei: Die Vindeliker-Kohorte (hier: Römermarkt 2015)

Außerdem kann man einen römischen Cornicen, einen Hornspieler, erleben, der die Schlachtfeldsignale des Centurio in akustische Signale umsetzte und dadurch die Truppen auf dem Schlachtfeld lenkte.

Das Programm richtet sich an alle Altergruppen.

Es gibt stündliche Führungen durch die Saalburg, dazu natürlich wie üblich römisches (und modernes) Essen in der Taberna.

Die Veranstaltung findet an beiden Tagen von 10-17 Uhr statt (der Archäologische Park und der Museumsshop sind schon ab 9 Uhr geöffnet). Der Eintritt beträgt 7€ für Erwachsene und 5€ für Kinder, der Erwerb einer Familienkarte ist möglich. Ansonsten gelten an diesem Tag keine Vergünstigungen. Alle Aktionen und Führungen sind im Preis inbegriffen.

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Außerhalb der Kastellmauern befinden sich die Reste des zivilen vicus

Wegen des sehr begrenzten Parkplatzangebots an der Saalburg bittet der Veranstalter darum, so weit möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen (es gibt eine regelmäßig verkehrende Pendelbuslinie aus Bad Homburg vor der Höhe (Linie 5, bis Bushaltestelle Saalburg) und mit der Taunusbahn (Linie 15 bis Bahnhof Saalburg / Lochmühle, hier ist allerdings noch eine kurze Wanderung entlang des Limes notwendig).

Noch ein Hinweis: Besucher in Gewandung erhalten in der Saalburg generell keinen Einlass, also kommt in zeitgemäßem Zivil, damit Ihr nicht vor verschlossenen Toren steht!

Weitere Informationen auf der offiziellen Website des Saalburgmuseums.

Events & Veranstaltungen: IRM – Internationale Reenactment-Messe 2016 (23.-24.4.2016)

irm2016-plakat_A4redUnd wieder ist ein Jahr herum und ein langer, aber nicht allzu winterlicher Winter ist vorüber. Zeit, die neue Saison einzuläuten – und das geschieht wie immer auf dem ersten großen Event des Jahres: Der IRM.

Die sechste Internationale Reenactment-Messe  ist die Fachmesse für Geschichtsdarstellung und experimentelle Archäologie. Sie findet, wie jedes Jahr, im Archäologiepark Römische Villa Borg im Dreiländereck Saarland – Luxemburg – Frankreich statt.

Vom 23. bis zum 24. April stellen Handwerker, Händler und Hersteller von hochwertigem Reenactment-Bedarf sowie von Museumsrepliken ihre Waren vor. Dabei umfasst die Messe alle Epochen von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert, wobei die Antike allerdings einen Schwerpunkt bildet.

Außerdem informieren archäologische Stellen, Ämter, Museen und Vereine über ihre Arbeit, so zum Beispiel der Freundeskreis Ringwall Otzenhausen e.V., das Landesamt Denkmalpflege Saarland, das Römermuseum Schwarzenacker oder das Grabungsprojekt Wareswald.

Wie jedes Jahr der obligatorische Hinweis: Wer Mittelalter-Tand, angeklebte Elfenohren und pseudo-germanische Devotionalien erwartet, wie man sie z.B. auf kommerziellen Mittelaltermärkten findet, ist hier falsch – hier wird Wert auf Authentizität gelegt, denn die Messe richtet sich an ein fachlich versiertes, geschichtsinteressiertes Publikum. Hier findet man stattdessen Ausrüstungsgegenstände für die Geschichtsdarstellung und museumspädagogische Ausstattung. Deswegen sind alle Aussteller handverlesen und belegen die Authentizität Ihrer Waren, bevor sie vom Veranstalter zur Messe zugelassen werden.

Da die Messe “von Aktiven” “für Aktive” gedacht ist, gilt sie gleichzeitig mit ihrem Termin Ende April als “inoffizieller Saisonstart” in die Reenactment-Saison, die von römischer Seite aus auch dieses Jahr wieder von zahlreichen großen und kleinen römischen Veranstaltungen, Römertagen und -festen geprägt ist.

In unserem Blog versorgen wir Euch regelmäßig mit Veranstaltungstipps, also schaut öfter bei uns vorbei!

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Eine perfekte Location für diese Messe: Die rekonstruierte römische Villa Borg

Neben der Möglichkeit, mit Händlern und Handwerkern ins Gespräch zu kommen und sich zu fairen Preisen mit neuer Ausrüstung und Zubehör einzudecken, sowie sich über archäologische Projekte und Gruppen zu informieren, bietet die Messe auch ein Rahmenprogramm aus Vorträgen, die sich thematisch mit Geschichte, Geschichtsdarstellung, sowie Geschichts- und Rekonstruktionsforschung befassen.

Das Programm für dieses Jahr ist hier einzusehen: Rahmenprogramm IRM 2016

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Nicht nur Römer, sondern auch andere Epochen bis zum 19. Jahrhundert sind fachkundig vertreten

Für das leibliche Wohl sorgt die römische Taverne mit original römischer Küche. Samstag Abend wird zudem zwanglos gegrillt, wobei jeder sein Grillgut selbst mitbringen kann oder es für kleines Geld auf dem Gelände erwerben kann.

Übernachtungsmöglichkeiten in der Villa selbst sind den Ausstellern vorbehalten. Auf dem Gelände ist aber ein Bereich zum Zelten ausgewiesen, inklusive Stellmöglichkeiten für Wohnwagen (hier muß allerdings im Vorfeld zur besseren Planung reserviert werden!). Ansonsten bieten sich die zahlreichen touristisch attraktiven Orte im Umland für Übernachtungsmöglichkeiten an, sowohl im Saarland als auch an der luxemburgischen Mosel, die nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Eine vollständige Ausstellerliste findet man – neben weiteren nützlichen Informationen – hier auf der Website der IRM!

Informationen über die (immer wieder sehens- und besuchenswerte!) Villa Borg auf der offiziellen Website des Archäologischen Parks.

Antike Stätten: Weihestein für Arduinna (Gey-Hürtgenwald)

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Der Weihstein für die Göttin Ardbinna

Anschrift:

Dürener Straße / Ecke Broicher Straße, 52393 Gey (Hürtgenwald)

Anfahrt:

Gey liegt im Hürtgenwald am Rande des Nationalparks Eifel und des Deutsch-Belgischen Nationalparks „Hohes Venn“ an der Bundesstraße B399, die von Düren zur belgischen Grenze führt.

Der Weihestein steht am Rande des zentralen Dorfplatzes zwischen Volksbank, Sparkasse, kleiner Grünanlage und Feuerwehr. Er ist die erste Station des „Ardbinna-Wanderwegs“, der auf zahlreichen Tafeln die (durch den 2. Weltkrieg weitgehend zerstörte) Geschichte des Ortes und der Umgebung erzählt.

Parkmöglichkeiten bestehen direkt am Dorfplatz bei der Sparkasse.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Gey mit der Buslinie 286 aus Düren zu erreichen, der durch die verschiedenen Dörfer des Hürtgenwalds bis nach Vossenack fährt.

Hintergrund:

Eins vorweg – hier handelt es sich um keine „richtige“ antike Stätte; der Weihestein für die gallo-römische Göttin Arduinna (hier in der Schreibweise „Ardbinna“) ist eine Kopie. Das Original befindet sich im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Weitere Kopien stehen in den Museen von Düren und Vossenack.

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Von Arduinna gibt es keine figürlichen Darstellungen; ob es sich bei dieser Figur um sie handelt, ist ungeklärt

Das Besondere an der Stelle ist jedoch, daß das Original des Weihesteins im Jahr 1859 bei Rodungsarbeiten bei Gey gefunden wurde und damit ein Beleg dafür ist, daß die Göttin Arduinna hier in dieser Region lokal verehrt wurde. Zu römischer Zeit zählte die Gegend des Eifelrandes zu den Ardennen im östlichen Gallien und war von einheimischen Kelten besiedelt. Die Schutzgöttin des großen Mittelgebirgswaldes der Ardennen spielte in diesem unwegsamen Gebiet, das sich durch dichte Wälder und enge, steile Flußtäler auszeichnet, eine wichtige Rolle.

Die Tatsache, daß der Stein in Gey gefunden wurde und zumindest als Replik auf dem Dorfplatz aufgestellt wurde, ist für uns Grund genug, diesen Ort in unserer Reise-Reihe „Antike Stätten“ aufzunehmen. Denn anders als Orte für z.B. Merkur, die man in unseren Breiten zahlreich findet, sind Original-Lokalitäten, an denen Arduinna verehrt wurde, sehr selten und deswegen auch besonders interessant. Deshalb geht es uns weniger um den Stein, als um die Region als solche, in der zu keltischer und römischer Zeit ihr Numen gewirkt hat.

Der Weihestein wurde von einem Julius T. Aequalis gestiftet, der damit seinen Dank gegenüber der Göttin zum Ausdruck brachte. Die Inschrift lautet:

DEAE ARDBINNAE T IVLIVS AEQVALIS S.L.M.

In der Übersetzung:

„Der Göttin Ardbinna gestiftet von T. Julius Aequalis. Er erfüllte damit gerne und nach Gebühr das Gelübde“.

04_Stein seitlich Gey

An der Seite finden sich Laubreliefs

Auf den Seiten des Weihesteins findet sich ein Laub-Relief, das ebenfalls die Beziehung zum Wald und zur Waldgöttin verdeutlicht.

Dem Namen nach handelte es sich bei dem Stifter des Steins um einen Römer oder um einen romanisierten keltischen Einheimischen, der einen römischen Namen angenommen hatte (was nicht ungewöhnlich war).

Genaues ist über T. Julius Aequalis nicht bekannt, aber aufgrund der Fundsituation wird folgendes gedeutet: Der Stein wurde in der Nähe zahlreicher Tonscherben, aber auch erhaltenem Tongeschirr wie Reibschalen, verglasten Schlacken, wie sie aus Brennöfen bekannt sind, und pilzförmigem Töpferwerkzeug gefunden. Daher nimmt man an, daß es sich bei dem Stifter um den Inhaber einer Töpferei handelte.

Da der Transport der empfindlichen Töpferwaren stets durch den unwegsamen Hürtgenwald erfolgte, dankte er der lokalen Waldgöttin Arduinna für die sichere Reise auf seinen Wegen. Die Töpferwaren aus Gey, die durch den Stempel der Herstellermanufaktur in Form einer Rosette erkennbar sind, wurden überregional gehandelt; ein Töpfergeschirr aus Gey wurde sogar im englischen Rochester gefunden. Deswegen tat Aequalis gut daran, sich an die lokale gallo-römische Schutzgöttin seiner Region zu wenden.

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Eingebrannte Panzerketten im Hürtgenwald

Gey wurde im 2. Weltkrieg in der Allerseelenschlacht, der Schlacht um den Hürtgenwald im Rahmen der Ardennenoffensive im Winter 1944, zu 99% zerstört, wie viele andere Orte im Hürtgenwald auch. Im Wald ist  noch heute Minengefahr und kein Haus darf ohne vorherige Kampfmittelprüfung gebaut werden. Einen Reisebericht, den wir für eine unserer anderen Websites geschrieben haben, mit Hintergrundinformationen zum Hürtgenwald und auch dem Hürtgenwaldmuseum in Vossenack (wo neben dem 2. Weltkrieg auch etwas zur Jungsteinzeit und zur keltisch-römischen Vorgeschichte zu finden ist), möchten wir Euch an dieser Stelle gerne empfehlen.

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Der Hürtgenwald ist landschaftlich reizvoll mit seinen engen, steilen Flußtälern (hier das Kalltal)

Da die Ortschaften des Hürtgenwaldes aufgrund der massiven Kriegsschäden allesamt nicht sonderlich „urig“, alt oder rustikal anmuten, sind sie heute sehr bemüht, sich ein neues Gesicht zu geben und ihre Geschichte wieder in Erinnerung zu rufen, damit auch der durch den Nationalpark Eifel gestiegene Tourismus in dieser Gegend Fuß fasst. Deshalb hat der Heimat-, Wander- und Verkehrsverein Gey-Straß e.V. im Jahr 2007 den „Ardbinna-Wanderweg“ angelegt, der mit informativen Tafeln die Geschichte der Orte Gey, Straß und Horm darstellt, von der Römerzeit über das Mittelalter bis zum 2. Weltkrieg. Der Ardbinna-Stein ist die erste Station dieses Weges.

Beschreibung:

Der Stein steht am Rande des Dorfplatzes nahe der Hauptstraße neben einem denkmalgeschützten Basalt-Wegekreuz aus dem Jahr 1767.

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Weihestein und Wegekreuz

Es handelt sich beim Weihestein um eine Replik, die in einem sehr guten Zustand ist (keine Schmierereien oder ähnliches, wie man an Dorfplätzen manchmal erlebt). Die Buchstaben der Inschrift sind farbig ausgemalt und gut zu lesen, so daß man eine gute Vorstellung davon bekommt, wie ein derartiger Weihestein aussah. Auch das Laubrelief an den Seiten des Steins ist deutlich erkennbar.

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Ausführliche Infotafel

Links neben dem Stein befindet sich die Infotafel des Ardbinna-Wanderweges. Sie ist informativ gestaltet und enthält gut aufbereitete Hintergrundinformationen über die keltische Göttin, den Stifter, die Fundsituation des Steins und die Einordnung der Region in die römische Zeit. Auch die Inschrift des Steins wird erläutert und auf die belaubten Seiten des Steins hingewiesen. Abgesehen von der Tatsache, daß die Tafel etwas verwittert und von Wind und Wetter verschmutzt ist (was vielleicht daran liegt, daß wir so früh im Jahr dort waren und der Weg noch nicht für die anstehende Wandersaison vorbereitet wurde), ist die Beschriftung des Ardbinna-Wanderwegs vorbildlich. Ihm zu folgen, ist ebenfalls gut möglich, da er komplett ausgeschildert ist.

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Der Ardbinna-Wanderweg ist gut ausgeschildert

Gleich um die Ecke auf dem Dorfplatz befindet sich Station 2, die historische Aufnahmen von Gey vor dem 2. Weltkrieg zeigt, denn an dieser Stelle, an der sich heute der Platz befindet, lag ursprünglich die zerstörte Kirche des Ortes.

Für geschichtsinteressierte Besucher lohnt es sich, auch die anderen Stationen abzugehen.

Eintritt, Zugänglichkeit:

Der Weihestein steht offen und ist jederzeit frei zugänglich.

Sonstiges:

Fotografieren ist natürlich uneingeschränkt möglich.

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Das Hürtgenwald-Museum in Vossenack ist sehr empfehlenswert!

Wir empfehlen geschichtsinteressierten Besuchern unbedingt auch einen Besuch des Museums „Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ in Vossenack, das vor allem die Zeit des 2. Weltkriegs in dieser Region sehr eindringlich und anschaulich präsentiert.

Achtung, es hat nur Sonntags von 11-17 Uhr geöffnet!

Die Interpretatio Romana: Identifikation fremder Götter mit römischen Gottheiten

Apollo und Sirona aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Apollo-Grannus aus einem Quellheiligtum im Hunsrück

Immer wieder hört man (oft von Einsteigern in den römischen Cultus oder aus anderen polytheistischen Richtungen stammenden Heiden) gestellte Fragen wie: „Welchem römischen Gott entspricht der keltische Gott Lug?“ oder „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter mit anderen Namen?“ oder „Ich habe eine besondere Beziehung zum ägyptischen Gott Ra, welchem römischen Gott entspricht das?“ oder „Sind Diana und Artemis die gleichen Personen?“.

Diese Fragestellungen greifen zu kurz, denn sie setzen voraus, daß es bei den Römern eine Art „1:1 Umsetzungstabelle“ zwischen „fremden“ Göttern und römischen Göttern gab. Es werden einfache Listen erwartet, wie jeder sie von den Entsprechungen der 12 olympischen Göttern der Griechen mit den 12 Dei Consentes der Römer kennt: Jupiter = Zeus, Hera = Juno, Poseidon = Neptun,  Merkur = Hermes oder Ares = Mars.

Tatsächlich sind nicht einmal diese allseits bekannten Gleichsetzungen der 12 höchsten Götter exakte Übertragungen identischer Gottheiten unter anderem Namen, sondern ihre Persönlichkeiten, Charakteristika und Zuständigkeiten sind zwar sehr ähnlich und wurden zum Teil von einer Kultur in die andere übertragen, gleichzeitig nahmen sie aber auch in der römischen Religion eine andere Entwicklung mit neuen Eigenschaften, Genealogie oder neuen Zuständigkeitsgebieten.

Ein sehr gutes Beispiel bietet die Frage: „Sind römische Götter nicht einfach griechische Götter unter anderem Namen?„:

Gleichzeitig zu den zuvor aufgezählten griechischen Entsprechungen, gibt es zu den 12 römischen Dei Consentes auch etruskische Gleichsetzungen. Viele davon sind originär etruskisch-italische Götter, die nicht (wie z.B. der etruskische Apulo = Apollo oder Artumes = Artemis) aus Griechenland importiert wurden. Tatsächlich ist nicht immer klar, welche Dei Consentes ihren Einzug in die römische Götterwelt über die griechische Kultur gefunden haben (die gerade zur Zeit der Republik extrem populär und angesagt war) oder ob sie aus der etruskischen Kultur stammen, die der römischen Kultur in Italien vorausging und von ihr assimiliert wurde – wobei auch die Etrusker und Griechen in regem kulturellem Austausch miteinander standen und sich gegenseitig beeinflussten.

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Der gallische Gott Intarabus, gleichgesetzt mit Mars (bzw. dessen Erscheinungsform als Mars-Silvanus)

Ein Beispiel hierfür ist Menerva (gleichgesetzt mit Minerva / Athene), eine originär etruskische Göttin der Weisheit und des Kampfes. Ihre Eltern sind Uni und Tinia und nach ihnen ist sie die höchste Himmelsgottheit und Teil der göttlichen etruskischen Dreiheit. Diese wiederum ist Vorbild für die römische kapitolinische Trias aus Jupiter, Juno und Minerva.

Ein anderes interessantes Beispiel ist Laran (Ares, Mars), ein alter etruskischer Erd- und Fruchtbarkeitsgott, der später auch Kriegsgott wurde. So kann Laran durchaus dafür verantwortlich sein, daß der römische Mars nicht nur ein klassischer Kriegsgott ist, sondern auch als Beschützer der Felder, des Viehs, der Höfe und der Grenzen gilt – was wiederum später zur Gleichsetzung mit dem gallischen Gott Intarabus führte, der gar keine Funktion als Kriegsgott hat, sondern als lokaler genius loci Schutzherr der Felder und der Landwirtschaft ist.

Auch Selvas war ein originär-etruskischer Gott, der mit dem römischen Vegetationsgott Silvanus gleichgesetzt wurde. Da Silvanus ebenfalls die Felder und Landwirtschaft beschützt, wurde er im römischen Cultus zum Teil zu Mars-Silvanus verschmolzen. Die Gleichsetzung mit dem gallischen Intarabus als Mars-Intarabus bezieht sich deswegen wahrscheinlich auf diesen Mars-Silvanus-Aspekt und nicht auf den kriegerischen des klassischen Mars.

Allein diese Beispiele zeigen, daß eine einfache 1:1 Übertragung nach dem Motto: „Dieser Gott ist jener Gott“ nicht sinnvoll ist. Denn in der Regel bezieht sich eine Übertragung nur auf einen Teilaspekt, manchmal eine einzige isolierte Zuständigkeit, während andere Zuständigkeiten und Aspekte vollkommen ausgeblendet werden. Auch beeinflussen assimilierte Götter anderer Kulturen wiederum die Ausprägungen bekannter Götter oder fügen diese neue Zuständigkeiten oder Persönlichkeitsaspekte hinzu.

Was ist „Interpretatio Romana“ überhaupt?

Der Begriff „Interpretatio Romana“ (Latein für „römische Auslegung“ oder „römische Deutung“) bezeichnet die römische Sitte, „fremde“ Götter (worunter in diesem Artikel der Einfachheit halber immer Götter und Göttinnen gefaßt sind) durch funktionale Identifikation mit römischen Göttern in die eigene Religion und den römischen Cultus aufzunehmen.

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Einheimische Gottheiten aus der Eifel (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Römer bezweifelten niemals die Existenz anderer Götter. Für sie stand es völlig außer Frage, daß es Götter und Göttinnen in anderen Ländern gab, deren Namen, Zuständigkeiten, Funktionen oder Geschlecht sie nicht kannten. Sie bezweifelten nicht einmal, daß es in ihrem eigenen Reich, ja, sogar mitten Rom, Götter gab, die ihnen nicht bekannt waren.

Gleichzeitig waren sie davon überzeugt, daß Götter anderer Völker, insbesondere der Völker, gegen die man Krieg führte oder die man unterworfen hatte, in ihren angestammten Heimatregionen besonders stark waren und viel Einfluß hatten – es bestand die reale Chance, daß ein lokaler Gott vor Ort mächtiger war als ein Gott im fernen Rom, der in der Provinz wenig Einfluß hatte.

So machte es für den Römer vollkommen Sinn, sich auch an die Götter zu wenden, die an seinem aktuellen Aufenthaltsort Einfluß und Macht besaßen, selbst wenn sie sehr lokal waren. Es konnte nicht schaden, sie in seinen Cultus zu integrieren und sich mit Anliegen an sie zu wenden. So wandte sich ein Römer an der Mosel, wenn er krank war, sicher eher an den gallischen Heilgott Lenus (in seiner Form als Lenus-Mars), dessen Tempelkomplex auf dem Martberg überregionale Bedeutung als Pilgerstätte besaß, als an den fernen Aesculapius in Rom.

Auch war man der Ansicht, daß Völker, mit denen man sich im Krieg befand, unter dem Schutz ihrer eigenen – möglicherweise sehr mächtigen – Götter standen. Deshalb war es gängige Praxis, diese fremden Götter vor einer wichtigen Schlacht anzurufen und sie zum Wechseln der Seiten zu bewegen. Dabei wurde ihnen als Gegenleistung für einen Sieg in Aussicht gestellt, daß man ihnen Tempel errichten und sie zukünftig im Rahmen der römischen Religion verehren würde. Dieses Ritual wurde „Evocatio“ genannt. Da die Römer auf ihren Feldzügen sehr erfolgreich waren, fanden auf diese Weise viele Götter aus den unterschiedlichsten Winkeln des Imperiums Einzug in die römische Götterwelt, denn natürlich wurde der Vertrag nach gewonnener Schlacht eingelöst.

Eine der berühmtesten dieser Evokationen ereignete sich im Jahr 392 v. Chr. in der Schlacht gegen die Veiianer. Camillus rief die Schutzgöttin der etruskischen Stadt Veii an und versprach ihr einen Tempel auf dem Aventin in Rom, um sich dort niederzulassen. Nach gewonnener Schlacht wurde der Tempel mitsamt einer Statue der Göttin errichtet. Diese Göttin wurde zu Juno Regina, die Königin der Götter Roms.

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Jupiter Ammon, Gleichsetzung Jupiters mit dem ägyptischen Schöpfergott (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Der Begriff „Interpretatio Romana“ wurde vom römischen Schriftsteller Tacitus geprägt, der ihn in seiner „Germania“ zur Gleichsetzung des Zwillingspaars Castor und Pollux mit den germanischen Alci verwendete (Germania, 43: „Bei den Nahanarvalen zeigt man einen Hain uralter Gottverehrung. Ihr steht ein Priester vor in geschmückter Weibertracht, doch nennt man als die Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux: dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alcen. Keine Bilder, keine Spur fremden Dienstes; doch als Brüder, als Jünglinge gedacht verehrt man sie“). Diese Stelle ist der einzige literarische Nachweis des Begriffs „Interpretatio Romana“, die Praxis der Gleichsetzung fremder Götter mit den eigenen findet sich jedoch in zahlreichen Quellen, wie zum Beispiel bei Caesar in De Bello Gallico, wo er Merkur, Apollo, Mars, Jupiter und Minerva als die fünf Hauptgottheiten der Gallier bezeichnet (De Bello Gallico, 6,17).

Plinius der Ältere erklärte in seiner „Naturgeschichte“ die Gleichsetzung einheimischer Götter mit fremden Göttern mit der Vorstellung, daß Völker bestimmte Götter unter verschiedenen Namen kennen. Er prägte dafür den Ausdruck „nomina alia aliis gentibus“ („verschiedene Namen bei verschiedenen Völkern“, Naturalis historia, 2.5.15).

Ebenso spielte die Gleichsetzung eines einheimischen Gottes mit einem römischen Gott auch für die unterworfenen Völker eine wichtige Rolle bei der Eingliederung in das Römische Reich und für den Prozess der Romanisierung. Die Tatsache, daß ihre Götter nicht verboten, verleugnet oder unterdrückt wurden, sondern ihre Verehrung weiterhin erlaubt war – ja, sogar von den neuen Herren übernommen und gefördert wurde,- war ein wichtiger Bestandteil der Romanisierung und der Befriedung einer Provinz. So lange die Praktiken nicht gegen römisches Recht verstießen (z.B. Menschenopfer), genossen die Bewohner der neuen Provinzen völlige Religionsfreiheit. Oft erlebten sie, daß ihre Kultstätten, an denen sie die Götter verehrten, von den Römern zur Verehrung eben dieser Gottheiten weiter genutzt wurden, wenn auch in römischer Form, indem man dort die typischen gallo-römischen Umgangstempel errichtete, die es nur in den Provinzen nördlich der Alpen gab, und den Göttern aufwendige und imposante Gebäudekomplexe gewidmet wurden.

Dadurch, daß die Römer ihre eigenen Götter problemlos mit den einheimischen Göttern identifizieren konnten, gab es keine kulturelle Barriere, wie es sie bei der Übernahme eines Landes durch ein Volk mit einer völlig fremden, inkompatiblen Religion gegeben hätte, die die dort verwurzelte Religion verboten oder unterdrückt hätte.

Dies führte wiederum im Gegenzug zu eigenen Identifikationsbestrebungen wie der Interpretatio Gallica, in der Gallier römische Götter annahmen und in ihren Pantheon integrierten. Die einheimische Bevölkerung war dadurch auch schneller bereit, die römischen Darstellungen und Namen der Götter anzunehmen (vgl. hierzu: „Cernunnos: Origin and Transformation of a Celtic Divinity“ von Phyllis Fray Bober, veröffentlicht im American Journal of Archaeology, Vol. 55, No. 1 (Jan., 1951), S. 13-51: „… indigenous population’s readiness to accept for their religious personalities, often aniconic, the artistic types and names of those Roman divinities whose natures may include one or more parallel functions – interpretatio gallica.“)

So gewährleistete die Interpretatio Romana den Religionsfrieden („Pax Deorum“) im riesigen Vielvölkerreich des Imperium Romanum.

Wie erfolgte die Gleichsetzung eines fremden Gottes mit einem römischen Gott?

Ein einheimischer Gott, sei er keltisch, aus dem Nahen Osten oder Afrika, wurde nicht in der ursprünglichen Form in den römischen Cultus aufgenommen, in der ihn die „Barbaren“ verehrten.

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Mercurius Gebrinius (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Wie auch die Bevölkerung in den eroberten Gebieten, so wurde sozusagen auch der Gott romanisiert. Das geschah in erster Linie initialisiert durch die Frage, mit welchem bekannten römischen Gott er identifiziert werden konnte, um ihn in eine römische Form zu übertragen und ihm ein kultiviertes Gesicht zu verleihen. Darstellungen, Namen, Attribute wurden an den römischen Geschmack angepaßt (Römer mißtrauten zum Beispiel Göttern in Tierform).

Hierbei wurden oft nur wichtige Einzelaspekte oder Eigenarten betrachtet, die eine besondere Rolle spielten und ins Auge fielen, während weitere Zuständigkeiten und Eigenschaften eines fremden Gottes zum Teil offensichtlich uninteressant waren. Da die römische Göttervorstellung sehr flexibel war, war es sogar möglich, teils widersprüchliche Eigenschaften oder Zuständigkeiten in einer Gottheit zu vereinen. Auch gab es viele Überschneidungen, d.h. mehrere Götter konnten für das gleiche Gebiet zuständig sein, was die Identifikation mit fremden Göttern wiederum erleichterte und letztlich die vielfältigen existierenden Zuordnungen erklärt.

Die meisten Zuordnungen römischer Götter zu fremden Göttern kennt man von Inschriften auf Weihesteinen, die oft einem römischen Gott mit einem einheimischen Theonym (Beinamen) gewidmet waren. Während einige Namenskombinationen sehr lokal sind und nur auf einem oder wenigen Weihesteinen vorkommen, sind andere in ganz Europa verbreitet.

Die weitaus größte Anzahl an Kombinationen findet sich bei römischen mit gallischen Göttern, so daß hier die Interpretatio Romana zu einer ganz eigenen gallo-römischen Religionsform geführt hat, die es bei keinem anderen nicht-römischen Volk in diesem Variantenreichtum gegeben hat.

Hierbei fällt insbesondere auf, daß man bei der Zuordnung zu römischen Göttern nicht sonderlich detailreich ans Werk ging. Es war nicht etwa so, daß man sich jeden einheimischen Gott genau anschaute und dann überlegte, zu welchem der zahllosen, oft hochdifferenzierten Götter aus der römischen Götterwelt dieser neue Gott nun am besten passen würde. Ganz im Gegenteil wurde die ganz überwiegende Mehrheit einheimischer Götter (vor allem der gallischen Götter) mit nur wenigen römischen Hauptgöttern gleichgesetzt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen – zu nennen sind hier vor allem Merkur (anscheinend der beliebteste Gott in Gallien überhaupt), Apollo und Mars, zuweilen auch Herkules, der in Gallien ebenfalls hohe Popularität besaß.

Wer entschied, welcher fremde Gott welchem römischen Gott entsprach?

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Hercules Masuganus (Rheinisches Landesmuseum Bonn)

Besonders interessant ist die Tatsache, daß es (vor allem in der Provinz, fernab von Rom) keine „offizielle Götterzuordnungsstelle“ oder etwas derartiges gab – etwas, das in heutigen heidnisch motivierten Diskussionen oft nicht bekannt zu sein scheint resp. was man dort geradezu erwartet und voraussetzt.

Immer wieder begegnet man heute in Diskussionen der Vorstellung, daß die Zuordnung eines römischen Gottes zu einem fremden Gott aktenkundig, von einer kompetenten Stelle mit Brief und Siegel hochoffiziell beschlossen wurde und unerschütterlich feststand, ganz so, als führten die Römer (wie heutige okkultistische Kabbalisten) allgemeingültige Listen und offizielle Entsprechungstabellen darüber, wer mit wem gleichzusetzen war. Das war nicht der Fall.

Es gab tatsächlich keine offizielle Stelle, die entschied, welcher Gott einem anderen Gott zuzuordnen war. Ganz im Gegenteil wurden die Zuordnungen, vor allem im Rahmen der privaten Religionsausübung, auf vielfältige und oft recht pragmatische Weise getroffen.

Weihesteine wurden von allen Teilen der Bevölkerung gestiftet, von Sklaven und Freigelassenen, von zugezogenen Römern und Einheimischen, von Adligen und Bürgern, von Händlern, Handwerkern und Bauern – sie unterschieden sich allenfalls in Größe, Kosten und Aufmachung. Römische Religion bestand immer schon aus zwei getrennten Bereichen: dem privaten Kult (Sacra Privata) und dem öffentlichen Staatskult (Sacra Publica). So lange man als Einwohner des Imperiums den öffentlichen Staatskult akzeptierte und damit zeigte, man gehörte zur Gemeinschaft dazu, mischte sich der Staat nicht in die Praktiken des privaten Kultes ein.

Im privaten Kult oblag es jedem Einzelnen, welche Götter er in in diesen einbezog, welche Rituale oder Feste er beging oder wen er mit welchem Anliegen ansprach. Jeder wandte sich in der römischen Religion mit seinen privaten Anliegen direkt an den betreffenden Gott und machte mit diesem seinen privaten Vertrag aus („Wenn Du mir Heilung schenkst und mein Bein wieder verheilt, widme ich Dir danach als Dank einen Weihestein“ oder „wenn das Geschäft erfolgreich ist, stifte ich danach eine bestimmte Summe Deinem Tempel vor Ort“). Priester fungierten nicht als Vermittler oder „Zwischenmann“ zwischen einem Menschen und einem Gott; jeder konnte sich jederzeit direkt und ganz persönlich an die Götter wenden.

Das führte dazu, daß man – gerade in der Provinz – nicht unbedingt die „Großen 12“ verehrte. Viele der römischen Götter spielten vor allem in der Stadt Rom und allenfalls in Italien eine größere Rolle, während man nördlich der Alpen nicht einmal alle großen Feiertage beging (die oft nur in Rom selbst gefeiert wurden). Man empfand die großen römischen Götter, die vor allem im Staatskult eine wichtige Rolle spielten, oft als fern, während die lokalen Gottheiten, die von Einheimischen schon immer traditionell verehrt wurden, viel näher und „persönlicher“ wirkten und einfach präsenter waren. Wie im zuvor erwähnten Aesculapius / Lenus-Mars-Beispiel hatte man in der Provinz deshalb oft ein enges, persönliches Verhältnis zu lokalen Ausprägungen oder orientierte sich an Tempeln in der Nähe, zu denen man einfacher pilgern konnte als ins ferne Rom.

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Die keltische Göttin Rosmerta hat keine römische Entsprechung und wurde mitsamt ihrem Namen übernommen, wie auch Epona (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Gerade hier bei uns in Westdeutschland waren etwa die Matronentempel rund um Nettersheim, der Lenus-Mars-Tempel auf dem Martberg oder der Tempelkomplex bei Tawern überregional bedeutsame Pilgerstätten, die Rat- und Heilsuchende von Nah und Fern anzogen, Einheimische wie Legionäre oder Zugezogene. Viele der hier verehrten Götter, wie die drei Matronen, Apollo-Grannus, Lenus-Mars oder Mars-Intarabus, waren im fernen Rom unbekannt oder zumindest unbedeutend.

Einige jedoch schafften es sogar in Rom zu Beliebtheit, wie die keltische Rosmerta oder Epona, die jedoch beide keine Gleichsetzungen mit originär römischen Gottheiten  erfuhren. Rosmerta wurde, aufgrund der Attributgleichheit, Merkur als Gefährtin zur Seite gestellt, da sie – weil sie eine Göttin war – nicht ‚theologisch‘ mit ihm kombiniert werden konnte und in der gallischen Vorstellung ebenfalls einen göttlichen Gefährten hatte. Zu Epona, der Schutzherrin der Pferde, gab es kein römisches Äquivalent, deshalb wurde sie vollständig, mitsamt ihres keltischen Namens, übernommen. Manche Götter und Göttinnen, wie die ägyptische Isis, behielten ihren Namen, verloren aber ihr exotisches Erscheinungsbild und wurden in einer der römischen Vorstellung gefälligen Weise dargestellt. Damit ging dann oft auch ein Funktionswandel einher, so daß manche Götter trotz des gleichen Namens nicht mehr viel mit ihren ursprünglichen Vorbildern gemein hatten.

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Isis mit dem Horuskind. Die römische Darstellung unterscheidet sich deutlich von der ägyptischen

Die Tatsache, daß gallische Götter oft einfach nur mit Mars, Merkur oder Apollo gleichgesetzt wurden, führte leider auch dazu, daß Wissen über die speziellen Funktionen und Attribute der ehemals keltischen Götter verloren ging. Es gibt keine schriftlichen gallischen Aufzeichnungen über ihre Götterwelt und Vorstellungen; alle schriftlichen Quellen stammen von Römern und sind deswegen durch die Interpretatio Romana gefärbt. Dadurch, daß die Identifikation so „generisch“ mit immer den gleichen 3-4 „großen“ Göttern erfolgte (deren Zuständigkeiten zudem sehr differenziert waren), ist heute oft unklar, welchem Teilaspekt dieser Götter der zugeordnete gallische Gott entsprach, so daß es schwierig ist, daraus die ursprünglichen Eigenschaften der nicht-römischen Götter zu rekonstruieren.

Oft kam es auch vor, daß man sich an die lokalen Götter wandte, ohne genau zu wissen, um wen es sich dabei handelte, ganz einfach, weil es in der Region üblich war, das zu tun und weil man gehört hatte, daß diese Gottheit mit dem fremden Namen auch anderen Leuten geholfen hatte. Dafür sahen römische Rituale eigene Floskeln vor, die man in diesem Fall verwendete, um niemanden zu verärgern oder zu beleidigen. Ein Beispiel dafür war die Formulierung „sive deus sive dea“ („seist Du Gott oder Göttin“), die verwendet wurde, wenn der Name oder die Erscheinungsform eines Gottes nicht genau bekannt war. Eine ebenfalls beliebte und oft verwendete Anrede war ein allgemein gehaltenes „Gott oder Göttin, die diesen Ort beschützt„. Für viele einheimische Lokal- und Ortsgötter gab es zuvor noch keine römische Gleichsetzung, so daß man eventuell, wenn man nun einen Weihestein errichten wollte, der erste war, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah.

Wollte man nun ein Gelübde erfüllen, indem man eine Weiheinschrift in Auftrag gab, so sind unterschiedliche Wege überliefert, die eine bestimmte Kombination von Namen zur Folge hatten. Oft erfolgte eine Zuordnung eher „freifliegend“, was dazu führte, daß manche Gleichsetzungen nur von einem einzigen Ort her bekannt und belegt sind und sich der Zusammenhang auch nicht erschließt. Andere Gleichsetzungen schienen wiederum weit verbreitet und allgemein akzeptiert zu sein, da sie an ganz verschiedenen Lokalitäten überall in Europa auftauchen. Manche Gleichsetzungen wiederum sind sehr lokal begrenzt, tauchen in diesem engen Bereich dafür aber sehr häufig auf.

Mancherorts wandte man sich (um eine „offizielle“ Deutung zu bekommen), mit seinem Anliegen an den örtlichen Magistraten oder Ortsvorsteher, der Land und Leute gut kannte. Von diesem erbat man sich Hilfe in der Fragestellung, wie man den einheimischen Gott auf römische Weise titulieren sollte. Wenn man Glück hatte, war man nicht der erste, der an den Lokalpolitiker herantrat. Wenn man Pech hatte, war der Mann kreativ und schlug etwas vor, das seiner eigenen Vorstellung entsprach.

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Der Lenus-Mars-Tempel an der Mosel hatte überregionale Bedeutung

Es stand auch jedem frei, eine beliebige Weiheinschrift selbst in Auftrag zu geben, indem man seine eigenen Gedanken oder Gleichsetzungen in Stein meißeln ließ. Da sich nicht jeder kompetent genug in dieser Frage fühlte, war es auch gängige Praxis, sich mit diesem Anliegen direkt an den Steinmetz vor Ort zu wenden! Steinmetze führten die Aufträge für zahlreiche Weihesteine aus, insbesondere in der Nähe von Tempeln und heiligen Orten, und so konnte man davon ausgehen, daß sie gängige Kombinationen von göttlichen Namen kannten oder das meißelten, was Kunden vor ihnen in Auftrag gegeben hatten, so daß man die Entscheidung aus diesen pragmatischen Gründen einfach ihnen überließ.

Das führte zu zahllosen Kombinationen von Namen und Schreibweisen derselben für ein und denselben Gott. So existieren für den mit Mars gleichgesetzten keltischen Gott Intarabus auch Weihesteine in der Schreibweise Entarabus oder Interabus. Er ist (bisher muss man natürlich immer sagen, weil wir uns hier auf archäologische Funde stützen, die jederzeit durch neue Funde und Erkenntnisse ergänzt werden könnten) auch nur aus einem eng begrenzten Raum zwischen Luxemburg, Belgien und Westdeutschland bekannt.

Es konnte auf diese Weise auch durchaus vorkommen, daß ein einheimischer Gott an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen römischen Göttern gleichgesetzt wurde, einfach weil der jeweilige Schwerpunkt der zur Identifikation geführt hatte, ein anderer war.

Im privaten Kult gab es keine Vorschriften oder Regeln, nach denen man einen Gott mit einem anderen gleichzusetzen hatte – das war, wie die gesamte Sacra Privata – eine persönliche Entscheidung, die mal mehr, mal weniger passend war.

Aufnahme fremder Götter in den Staatskult

Anders sah die Integration fremder Götter in den Staatskult bzw. ihre öffentliche Anerkennung aus.

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Juno Regina fand Aufnahme in den Staatskult durch eine Evocatio

Wurde ein Gott durch Evocatio, Assimilation oder aus einem anderen Grund in die römische Religion übernommen, oder offenbarte sich ein „urrömischer“ Gott, der zuvor unbekannt gewesen war (aber möglicherweise schon immer in der Stadt existiert hatte), hieß das noch lange nicht, daß er auch sofort anerkannt, verehrt und ins offizielle Kultgeschehen einbezogen wurde. Da ein Gott, wie zuvor beschrieben, in der römischen Vorstellung nichts anderes war als ein Bürger höchsten Ranges und Standes, mußte er erst offiziell in die Gemeinschaft „adoptiert“ werden.

Innerhalb einer Familie oder Sippe geschah die Adoption eines Gottes als Hausgott, der im privaten Kult verehrt wurde, durch den Paterfamilias.

Im römischen Staat gab es öffentliche Einrichtungen, die die Integration eines Gottes und dessen Zuordnung akzeptieren mußten – oder ablehnen konnten.  Die Aufnahme wurde durch Mehrheitsentscheid des Senats getroffen – oder eben abgelehnt (vgl. Tertullian, Apologeticus 5.1: „Unter euch Heiden hängt eines Gottes Göttlichkeit von der Entscheidung der Menschen ab. Sofern ein Gott nicht dem Menschen gefällig ist, soll er gar kein Gott sein“).

Es wurde erwartet, daß sich ein Gott – wenn er einmal in den Staatskult aufgenommen worden war – positiv und ruhig verhielt. Offizielle römische Rituale betonten die gutartige Natur eines Gottes und den Nutzen und guten Dienst, den ein Gott gegenüber dem römischen Volk ausübte. Deswegen legten öffentliche Rituale auch Wert auf die Feststellung, daß das Römische Reich von den Göttern und den Magistraten gemeinsam regiert wurde. Wie römische Staatsbeamte, hatten römische Götter zwar ein Mitspracherecht in wichtigen Entscheidungen, mußten sich aber – wie diese – auch an die römischen Sitten und Gepflogenheiten halten, das heißt, sie hatten kein Vorrecht in der Äußerung ihrer Meinung, sondern man erwartete, daß sie nur antworteten, wenn der Staat sich an sie wandte. Aber selbst dann erwartete man keine redseligen Kundgebungen göttlichen Willens, sondern allenfalls ein „Ja“ oder „Nein“ bezüglich der Frage, wie man sich in einer anstehenden Entscheidung zu verhalten habe. Ein Beispiel hierfür sind die öffentlichen Auspizien, die angewendet wurden, um die Meinung der Götter zu einer Frage einzuholen. Selbst wenn ein Gott, zum Beispiel Jupiter, seinen Unmut durch ein eindeutiges Zeichen wie einen Blitzschlag kundtat, oblag es immer noch den Magistraten dieses Zeichen zu akzeptieren oder zurückzuweisen.

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Weihestein für Hercules Saxanus (Römerbergwerk Meurin, Eifel)

Wenn man einem Gott einen Tempel errichtete, wurde er im Anschluss rituell eingeladen, sich darin niederzulassen. Genauso gut war es möglich, einen Gott aus seinem Heiligtum zu verbannen, wenn man den Raum für etwas anderes brauchte oder seine Statue umwidmen wollte. Auch dafür existierten fest vorgeschriebene Riten.

Anders verhielt es sich mit anderen – natürlichen – Orten, in denen eine Gottheit residierte, wie einem Fluß, einer Höhle oder einem Hain. Diese waren fest in der Hand des Gottes und es war allenfalls möglich, sie mit einem Ritual darum zu bitten, an dem Ort teilhaben zu dürfen (zum Beispiel, wenn man dort etwas bauen oder anpflanzen wollte) und versprach, dort im Gegenzug ein kleines Heiligtum zu errichten.

Götter, die vom römischen Staat letztlich akzeptiert waren, wurden offiziell nach Rom eingeladen und erhielten dort einen traditionellen Namen, einen Ort und einen dazugehörigen Kult.

Das hatte jedoch keinerlei Einfluß darauf, ob ein Händler in Bonn einen Weihestein für Mercurius Gebrinius errichten ließ oder ob ein Steinmetz im Brohltal einen Stein für Hercules Invictus, Hercules Barbatus oder Hercules Saxanus meißelte.

Also gibt es keine „Who’s Who“-Listen der römischen Götterwelt mit ihren fremdländischen Entsprechungen?

Doch, die gibt es durchaus. Niemand würde in Frage stellen, daß Venus mit der griechischen Aphrodite gleichgesetzt wurde, Vulcanus mit Hephaistos oder Ra mit Apollo.

Lokale Kombinationen wie Lenus-Mars oder Apollo-Grannus sind überregional bekannt und durch zahlreiche Weiheinschriften belegt.

Was wir jedoch mit diesem Artikel vermitteln möchten, ist, daß das Thema viel komplexer ist und sich nicht auf Fragen wie: „Welchem keltischen Gott entspricht Merkur?“ reduzieren lassen (Antwort: mindestens 20 verschiedene Entsprechungen sind bekannt). Erst einmal gibt es, insbesondere bei den keltisch-römischen Gleichsetzungen, keine „offizielle“ Absegnung der Götterpaare, sondern ihr Ursprung ist so verschieden, wie die Menschen, die ihre Weihesteine in Auftrag gaben. Wahrscheinlich waren nicht einmal alle diese Gleichsetzungen sinnvoll.

Als „Mater Magna“ wurde die kleinasiatische Göttin Kybele in diesem Heiligtum in Mogontiacum (Mainz) verehrt

Nichtsdestotrotz spielte das keine Rolle für die Dankbarkeit eines Geheilten, der einen Weihestein für einen lokalen Gott in Auftrag geben ließ und es dabei dem Steinmetz überließ, welchen Namen er in den Stein schlug. Genausowenig spielte es eine Rolle, wenn sich ein Ratsuchender an einen lokalen Gott wandte, der ihm von Einheimischen empfohlen wurde aber dessen genauen Namen oder Funktion er eigentlich gar nicht so genau kannte. Wichtiger war, daß ihm geholfen wurde und daß er seiner Dankbarkeit danach durch das Einhalten des Vertrages Ausdruck verlieh, also das tat, was er als Dank vorher festgelegt und angeboten hatte.

Foren-Diskussionen darüber, ob der moderne Marienkult sich nun eigentlich an Isis wendet, oder mit welchen römischen Göttern haitianische Voodoo-Götter gleichgesetzt werden können, sind deswegen müßig (ja, sowas gibt es tatsächlich!). Welcher Gott welchem exotischen Gott in der Interpretatio Romana entsprechen mag, kann nicht abschließend und mit „wissenschaftlicher Exaktheit“ beantwortet werden, basierend auf eindeutigen Zuordnungen bezüglich Attributen, Zuständigkeiten oder Erscheinungsform – denn schon die Römer gingen nicht mit wissenschaftlicher Exaktheit an die Frage.

Die Zuordnung erfolgte nicht dogmatisch und es kam durchaus vor, daß einem gallischen Gott an verschiedenen Orten unterschiedliche römische Götter zugeordnet wurden, wie man es aus Weiheinschriften weiß.

Aber auch schon damals erging man sich in philosophischen Überlegungen, wie der Frage, wem etwa Gottheiten aus monotheistischen Religionen  – wie z.B. der Gott der Juden – zugeordnet werden könnten (Varro identifizierte ihn als Caelus oder Jupiter Optimus Maximus). Der anatolische, doppelköpfige Sturmgott Teshub wurde zum bei Soldaten hoch verehrten Jupiter Dolichenus. Römische Zeitgenossen, die jüdische Gebete an Yahwe Sabaoth hörten, deuteten diese als Anrufungen für den thrakischen Gott Sabazios.

Die Interpretatio Romana ist deswegen viel mehr als eine simple Gleichsetzung von Gott A mit Gott B, sondern ein sehr vielschichtiges, interessantes Thema, bei dem sich immer wieder spannende Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen verschiedenen Göttern und Kulturen ergeben.

Nachtrag:

Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Aber sind die synkretisierten Götter denn nun ein- und derselbe Gott?“ d.h. ist Apollo-Grannus  gleich dem klassischen Apollo oder ist Mars gleich Ares gleich Lenus gleich Intarabus, nur unter anderen Namen? Oder handelt es sich um vollkommen eigenständige Persönlichkeiten, sprich: lokale Götter, die einander nur ähnlich sind? Oder sind es Attribut-Gottheiten, das heißt, personifizieren diese Götter Teilaspekte eines einzigen Gottes?

Da diese Frage nach der „Natur des Göttlichen“ den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, möchten wir an dieser Stelle auf diesen Abschnitt in unserem Artikel „Kultpraxis: Götterfiguren im römischen Cultus“ verweisen, in dem diese Frage angesprochen sowie für die Kultpraxis eingeordnet wird.


Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Artikel © Q. Albia Corvina, 08/2014

Kultpraxis: Auspizien im privaten Cultus

Dieser Artikel ist Teil III einer Serie über die Auspizien, d.h. die „Vogelschau“ oder Deutung von Zeichen als Ausdruck göttlichen Willens.

In Teil I („Die Auspizien – Deuten des Götterwillens aus Zeichen„) werden die Grundlagen und Hintergründe der Auspizien und ihre Bedeutung für den römischen Staatskult beschrieben. Teil II („Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus„) beschäftigt sich mit den Unterschieden zwischen der Deutung von Zeichen als Botschaften der Götter und „abergläubischen“ Praktiken im Alten Rom, zwischen denen die Römer sehr wohl zu differenzieren vermochten.

Dieser Teil beschäftigt sich mit der praktischen Anwendung und gibt Hinweise zur Deutung der Zeichen, da diese auch für den modernen Cultor in der Religio Romana als Ausdrucksmittel der Götter eine Rolle spielen.

Es wird empfohlen, auf jeden Fall vorher Teil I zu lesen, da dort die Grundlagen erklärt werden (diese werden hier nicht mehr wiederholt).


Wer darf Auspizien durchführen?

Im Staatskult waren Auguren für die Durchführung der öffentlichen Auspizien zuständig. Das bedeutete aber nicht, daß sie ein Monopol darauf hatten; im privaten Kult konnte jeder für sich ebenfalls Auspizien durchführen. Der Augur trug nur die Verantwortung für die Auspizien in allen öffentlichen Belangen, wie politischen, zivilen und militärischen Entscheidungen. Da von seiner Interpretation abhing, ob ein Unterfangen in Angriff genommen wurde oder nicht, zum Beispiel ein Feldzug, eine Ratsversammlung, die Einberufung eines Politikers in ein Amt, hatte er hinter den Kulissen die höchste Macht im Staat – waren die Zeichen dagegen, standen alle Räder still, bis die Götter einem Ansinnen wohlgesonnen waren. Deswegen war die Berufung in das Collegium der Auguren und die damit verbundene Berechtigung, öffentliche Auspizien durchzuführen, nur wenigen, sorgfältig ausgewählten und in Staatsdingen erfahrenen Männern vorbehalten.

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Im privaten Bereich gab es jedoch keine Einschränkungen, auch, weil private Auspizien keinen Einfluß auf die Ordnung des Staates und der Gesellschaft hatten. Sie betrafen in der Regel immer nur familiäre oder sogar sehr persönliche Angelegenheiten. Jeder, ob Mann oder Frau, Freier oder Sklave, hatte das Recht, private Auspizien durchzuführen. Jeder konnte sich mit einem privaten Anliegen an jeden Gott seiner Wahl wenden und die Auspizien, die nach einer Antwort der Gottheit Ausschau hielten, waren Privatsache zwischen der Person und der Gottheit. In private religiöse Angelegenheiten mischte sich der Staat nicht ein.

Es war üblich, daß in Angelegenheiten, die die Familie betrafen, der Paterfamilias, d.h. das Familienoberhaupt, die Auspizien durchführte. In einem gemeinsamen Ritual wurde um ein gutes Gelingen einer Sache gebeten, zum Beispiel für die Hochzeit eines Kindes oder einem wichtigen Geschäft wie Haus- oder Landverkauf, oder einer anderen Angelegenheit, die die ganze Familie betraf wie der Eröffnung eines Geschäfts oder eine bevorstehende Reise. Als letzter Schritt des Rituals, das – je nach Anlaß – am heimischen Hausschrein oder einem Tempel oder Schrein durchgeführt wurde, erfolgten die Auspizien, bei denen das Oberhaupt die Götter darum bat, ein Zeichen zu schicken (natürlich idealerweise ein günstiges, das die Zustimmung der Götter signalisierte, also ein auguria impetrativa).

Daneben konnte sich jeder in einem privaten Ritual an einen Gott oder eine Göttin wenden und um Rat in einer privaten und ganz persönlichen Angelegenheit bitten. Auch hier war es üblich, im Anschluß in Auspizien um ein Zeichen zu bitten, wie die Götter zu der Angelegenheit stehen.

Unverlangte Zeichen und spontane Zeichen 

Im privaten Bereich beschränkte sich die Deutung von Zeichen nicht auf den engen Rahmen von Auspizien, die an einem festgelegten Ort zu einem festgelegten Zeitfenster nach einem festen Ritual durchgeführt wurden. Für viele war das in Alltagsangelegenheiten zeitlich und räumlich auch gar nicht praktikabel oder es wäre bei kleinen Anliegen des täglichen Bedarfs vollkommen überdimensioniert.

Römer waren, wie in Teil II dieser Reihe beschrieben, mit den grundlegenden Bedeutungen vieler Zeichen vertraut und fest davon überzeugt, daß Götter sich ihnen auch unverlangt oder spontan auf diese Weise mitteilten. Sie waren geradezu besessen von der Deutung von Zeichen, die sie in vielen Erscheinungen und Ereignissen entdeckten.

So war es durchaus möglich, auch spontan einem Zeichen zu begegnen, selbst wenn in einem Ritual oder Gebet keines angefordert worden war. Der einfache Mensch von der Straße hielt deswegen die Augen nach Zeichen offen und war bestrebt, sie in seinem Sinne zu deuten.

Auspizien für den modernen Cultor?!

Auch für den modernen Cultor gilt, daß Götter sich dem Menschen in erster Linie durch Zeichen mitteilen. Diese Form der Bekundung göttlichen Willens ist die unmittelbare Reaktion auf eine Bitte oder ein Anliegen, das man einem Gott vorträgt oder auf die Frage, ob ein Opfer angenommen wurde.

Im Rahmen des heidnisch-römischen Rekonstruktionismus gibt es keinen Grund, von diesem fundamentalen Baustein der Religio Romana abzuweichen. Deswegen gilt es auch heute, daß man als letzten Schritt eines Rituals Ausschau nach Zeichen hält oder für einen gewissen Zeitraum auf Zeichen wartet, um zu erfahren, wie die Götter zu dem Ansinnen stehen.

In den meisten Fällen genügt die Feststellung, daß kein Zeichen geschickt wird, denn kein Zeichen bedeutet, daß die Götter dem Anliegen gleichgültig gegenüberstehen, aber auch keine ablehnende Meinung haben oder dem Cultor gar von einem geplanten Unterfangen abraten. „Kein Zeichen“ ist deswegen die häufigste Antwort, mit der man sich nach einem Ritual zufriedengibt.

Da über Auspizien zahlreiche Aufzeichungen überliefert sind, unter anderem durch Cicero (der selbst Augur war) sowie durch Plautus, Varro, Plinius und Horaz, sind wir heute in der glücklichen Lage, die wichtigsten Zeichen, auf die man in der römischen Antike achtete, zu kennen.

Wann ist ein Zeichen ein Zeichen?

Auspizien waren keine exakte Wissenschaft, sondern oblagen immer auch der Interpretation durch den Auguren oder Praktizierenden.

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Neben einigen feststehenden Grundregeln, zum Beispiel was die Himmelsrichtungen und Art der Zeichen angeht, ist es wichtig, seiner Intuition zu folgen.

Zwar steht die Bedeutung der wichtigsten Zeichen fest, die grundlegende Entscheidung, ob ein vermeintliches Zeichen überhaupt als Zeichen oder Antwort auf die Frage zu werten ist, kann nur intuitiv getroffen werden. Hierbei ist es wichtig, nicht zu rational an die Sache heranzugehen und allzu lange über das Zeichen nachzudenken. Wenn man das Gefühl hat, daß ein bestimmtes Zeichen ein Omen war, unabhängig davon, ob es im vereinbarten Zeitfenster erschien oder ob es das erwartetete Zeichen war, dann wird es ein Zeichen gewesen sein und ist als solches zu werten.

Es gilt die Grundregel, daß die Intuition feststellt, ob es sich überhaupt um ein Zeichen handelt. Die Tradition interpretiert dieses Zeichen im Anschluß anhand der bestehenden Kriterien und Gesetzmäßigkeiten. Das „ob es ein Zeichen ist“ ist dem Auguren also freigestellt, aber das „was bedeutet es“ ist durch überlieferte Regeln festgelegt und kann nicht verändert werden.

Wann und wie lange nach einem Ritual sollte nach Zeichen Ausschau gehalten werden?

Es sollte ein nur kurzer Zeitraum nach dem Ritual bestimmt werden, in dem die Zeichen als solche „gelten“.

Unmittelbar nach dem Ritual befindet man sich noch in einer geeigneten Stimmung und ist aufnahmebereiter, als wenn einen Alltag und Berufsleben wieder eingeholt haben. Auch besteht die Gefahr, wenn man den Zeitraum für die Antwort zu lange bestimmt (z.B. „bitte schick mir ein Zeichen in 24 Stunden“), daß mehrere Zeichen eintreffen, die sich zum Teil widersprechen, da natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, daß irgendeines durch Zufall eintrifft, steigt. Oder daß man ein Zeichen übersieht, da man natürlich nicht 24 Stunden lang in den Himmel starrt, sondern irgendwann auch wieder im Büro sitzt und dort einen profanen Computermonitor vor sich hat, während draußen die Vögel ihre Bahnen ziehen.

Der Vorteil, sich einen festgelegten Zeitraum zu wählen, liegt auch darin, daß es keine Unklarheit darüber gibt, wann ein Zeichen gilt. Es kann passieren, daß man zuerst ein ungünstiges Zeichen empfängt; hat man sich auf keinen Zeitraum festgelegt, gerät man in die Zwangslage, entscheiden zu müssen, ob man weiter wartet, ob irgendwann ein positives Zeichen erscheint.

Länger als eine Stunde sollte man den Zeitraum nicht wählen, insbesondere nicht als Einsteiger, wenn ohnehin noch Unsicherheit über den Empfang der Zeichen herrscht.

Hierbei sollten die Götter jedoch nicht um die Chance betrogen werden, überhaupt eine Antwort geben zu können. Legt man – aus Angst vor einem negativen Zeichen – einen unsinnig kurzen Zeitraum fest, zum Beispiel 10 Sekunden, und beendet man danach sofort die Auspizien mit der Überzeugung, daß es „kein Zeichen“ gegeben hat (und kein Zeichen ist für den Römer ein gutes Zeichen!), dann entspricht das nicht dem Sinn dieser Regeln. Die Zeit sollte schon so bemessen sein, daß es möglich ist, ein Zeichen zu empfangen.

Während der Auspizien ist absolute Stille und Schweigen zu wahren. Unabhängig vom gewählten Zeitraum gilt: sobald der Augur oder Praktizierende ein Geräusch macht, spricht oder seinen Platz verläßt, enden die Auspizien auf jeden Fall und auf der Stelle.

Deswegen lauten die wichtigsten Regeln:

  • die Auspizien sollten unmittelbar nach dem Ritual gehalten werden
  • der Zeitraum sollte so kurz bemessen sein, daß man in der Lage ist, während dieser Zeit ununterbrochen den Himmel zu beobachten
  • wenn ein Zeichen eintrifft und man das Gefühl hat, daß es eine Antwort auf die Frage oder das Opfer ist, dann ist es das auch
  • Der Zeitraum, in dem die Zeichen gelten, ist von vornherein festzulegen
  • Sobald ein Geräusch gemacht wird oder der Praktizierende aufsteht, enden die Auspizien auf der Stelle und alle danach empfangenen Zeichen sind ungültig

Wie sind die Auspizien durchzuführen?

Achtung, hier wird nicht die Durchführung offizieller Auspizien im Staatskult durch den Auguren und Magistraten beschrieben, denn das ist nicht der Anspruch dieses Artikels! Diese Rituale folgten komplexen Formen und Regeln und waren sehr aufwendig in der Durchführung, auch wenn die dabei erhaltenen Zeichen im Prinzip gleich interpretiert wurden wie im privaten Cultus. Die folgenden Hinweise dienen ausschließlich der Durchführung der privaten Zeichenschau.

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auspizien im engeren Sinne werden unter freiem Himmel durchgeführt, das heißt, es genügt nicht, durch ein Fenster zu schauen (außerdem will man ja auch den Ruf der Vögel hören, der durch eine Fensterscheibe nicht unbedingt durchdringt).

Zur Beobachtung des Himmels sucht man sich einen Ausschnitt, den man betrachten möchte (Templum). Diesen Ausschnitt unterteilt man im Geiste durch zwei Linien (cardo) in vier gleichgroße Quadranten. Diese Quadranten können ebenfalls noch einmal in jeweils vier Unterquadranten unterteilt werden, so daß der Himmelsausschnitt aus 16 gleich großen Teilen besteht (wie in den offiziellen Auspizien und Haruspizien des Staatskultes).

Der Ausschnitt des Himmels, den man sich erwählt, enthält alle Himmelsrichtungen und vereint diese in seinen vier Quadranten und den imaginären Linien, die die Quadranten unterteilen. Der Ausschnitt zeigt also die zu Interpretationszwecken genutzte „rechte“ und „linke“ Hälfte, als auch Westen, Norden, Süden, Osten und daraus folgend NW, NE, SW, SE als mögliche Richtungen, aus denen Zeichen empfangen werden können.

Interessant ist an dieser Stelle die Tatsache, daß in den römischen Quellen die linke Seite als Osten bezeichnet wird, während die rechte Seite als Westen gilt – also umgekehrt zu unseren heutigen Gewohnheiten (vom Geologenkompaß einmal abgesehen, auf dem Osten und Westen ebenfalls vertauscht sind). Nach Varro ruft der Auspex, der Magistrat, der die öffentlichen Auspizien leitet, folgendes aus: „Dieses zu meiner Linken sei Osten, und zu meiner Rechten sei Westen. Diese Richtung vor mir sei Süden, die hinter mir sei Norden.“ (Varro, „Über die Lateinische Sprache“, VII, 8). Die Ansicht, das rechts Westen sei und links Osten, ist bereits von den Griechen bekannt.

Deswegen wird auch in den modernen Auspizien die linke Seite dem Osten zugeordnet und die rechte Seite dem Westen, auch wenn dies nicht mit unseren vertrauten Himmelsrichtungen übereinstimmt.

Ideal ist erhöhter Grund, wie eine Anhöhe oder ein offenes Feld. Dies ist jedoch im modernen wie antiken Großstadtleben nicht praktikabel, so daß im Zweifelsfall jeder Platz für die Beobachtung von Zeichen genutzt werden kann, wie ein Innenhof, ein Platz im Ort, ein Park, im Zweifelsfall der Straßenrand. Wichtig ist, daß man einen ausreichend großen Ausschnitt des Himmels sieht, den man im Geiste unterteilen kann und daß man dort für den festgelegten Zeitraum ungestört sitzen oder stehen und den Himmel beobachten kann, ohne Anstoß zu erregen oder unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Die Auspizien werden den Göttern angekündigt (dies kann schon im zuvor durchgeführten Ritual stattfinden, wenn man es nicht in der Öffentlichkeit tun kann oder möchte), indem der Zeitraum, der für den Empfang der Zeichen gewählt wurde, mitgeteilt wird. Wenn ein bestimmtes Zeichen verlangt ist, kann dieses ebenfalls im Vorfeld spezifiziert werden.

Im öffentlichen Kult wird zu Beginn der Auspizien der Staatsgott Jupiter Optimus Maximus angerufen, der als der Gott gilt, der in allen öffentlichen Angelegenheiten die Vögel als Antwort schickt. Die überlieferte Anrufung lautet: „Jupiter Optimus Maximus, and all ihr anderen Götter und Geister, die zu erwecken angemessen ist, ich frage Euch, ob es gut und recht ist, daß (diese geplante Handlung) unternommen wird, und bitte darum, daß Ihr klare und sichere Zeichen innerhalb der Grenzen entsendet, die ich markiert habe.“

Sie ist natürlich auch dazu geeignet, im privaten Ritus durchgeführt zu werden, nur ist die Anrufung des höchsten Staatsgottes Jupiter Optimus Maximus in den meisten Fällen überdimensioniert. Denn im privaten Kultus ist nicht er der Entsender der Boten, sondern die Gottheit, an die man sich mit seinem spezifischen Anliegen gewendet hat. Deswegen kann man, wenn einem die Formel zusagt, die Anrufung abwandeln und den Namen von Jupiter Optimus Maximus durch die Gottheit zu ersetzen, an die man sich gewandt hat.

Die Frage, die durch die Auspizien beantwortet werden soll, muß klar und in einem „Ja“ oder „Nein“-Format gestellt werden. Denn Auspizien bringen ausschließlich eine zustimmende Antwort oder eine ablehnende.

Beispielsweise: „Ich überlege, ob ich meinen Job kündigen und noch einmal mit einem Studium beginnen soll. Gott oder Göttin, heißt Du dieses Vorhaben gut?“ oder, um es profaner zu formulieren: „Soll ich mir das Auto kaufen, das ich gestern gesehen habe?“. Erscheint ein zustimmendes Zeichen, dann ist es eindeutig als Antwort auf das Ansinnen zu interpretieren, genauso wie ein ablehnendes Zeichen eindeutig zu erkennen ist.

Es ist entsprechend Vorsicht geboten, wenn eine Frage in der Verneinung formuliert wird. Deswegen sind Fragen wie: „Soll ich nicht zum 60. Geburtstag meiner Tante gehen, mit der ich verfeindet bin?“ zu vermeiden, denn hierbei bringt man sich leicht selbst in Verwirrung, wenn man nicht weiß, wie eine zustimmende Antwort bzw. ein positives Zeichen nun zu werten ist – oder, um im Beispiel zu bleiben, ob man gehen soll oder nicht. Deswegen sollten die Anliegen immer klar und unverneint formuliert werden, damit keine Zweifel in der Interpretation bleiben.

Positive, das heißt zustimmende Zeichen (nuntiatio) oder „gute Omen“ gelten als Zustimmung der Götter. Ein solches Ergebnis wird als „addictivae“ oder „admissivae“ bezeichnet („günstig“ oder „erlaubt“).

Negative Zeichen (obnuntiatio) bedeuten, abhängig von der Frage, daß von den Plänen Abstand genommen werden soll, daß ein bereits begonnenes Unterfangen abgebrochen wird, oder daß die Götter ein Vorhaben nicht gut heißen. Ein solches Ergebnis wird als „adversae“ bezeichnet.

Ist das Zeichen eingetroffen, wird das Ergebnis verkündet. Wenn die Zeichen zustimmend waren, sagt man: „Aves admittunt!“ (Die Vögel erlauben es). Sind die Zeichen ablehnend, sagt man: „Alio dio!“ (An einem anderen Tag).

Ist das Ergebnis der Auspizien schlecht, können sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden, in der Hoffnung, daß das Urteil dann anders ausfällt und die Götter ihre Meinung ändern.

Grundsätzlich gilt: hat man die Götter nach ihrer Meinung gefragt und teilen sie diese durch ein Zeichen mit, hat man dieses Urteil zu akzeptieren, gleich wie es ausfällt. Die Götter zu fragen und ihre Meinung anschließend zu ignorieren, gilt als unglückbringend, da es die Götter beleidigt. Hier ist die Vertagung und Wiederholung auf einen späteren Zeitpunkt vorzuziehen, oder eine der in Teil I erwähnten überlieferten Strategien zur Vermeidung der Wahrnehmung ungünstiger Zeichen.

In der Mehrzahl der Fälle erhält man gar kein Zeichen. Das war für den Römer eine legitime und erwünschte Antwort, denn sie bedeutete, daß die Götter dem Ansinnen gleichgültig gegenüberstanden und keine besondere Meinung dazu hatten – das heißt, daß er selbst entscheiden konnte, wie er es für richtig hielt, sofern er keinen Wert darauf legte, den ausdrücklichen Segen der Götter in einem Unterfangen zu erhalten. In dem Fall mußte er die Auspizien zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen, in der Hoffnung, dann ein positives Zeichen zu erhalten.

 Welche Zeichen gibt es und wie sind sie zu deuten?

Wie bereits in der Einführung in Teil I geschrieben, gibt es verschiedene Kategorien von Zeichen. Die Details zu diesen Zeichen sind dem Einführungsartikel zu entnehmen.

Kategorie I: Ex Caelo (Wolkenformationen, Niederschlag, Blitz, Lichterscheinungen)
Kategorie II: Ex Avibus Alites (der Vogelflug)
Kategorie III: Ex Avibus Oscines (der Vogelruf)
Kategorie IV: Ex Tripudiis (vom Tanz der gefütterten Vögel)
Kategorie V: Ex Quadrupedibus (Vierfüßer)
Kategorie VI: Ex diris (sonstige Zeichen)

Priorität der Zeichen

Treten mehrere Zeichen auf und stehen diese im Widerspruch zueinander, „sticht“ das Höherwertige. Das heißt, Zeichen aus Kategorie I sind bedeutsamer als Zeichen der Kategorie III.

Treten mehrere gleichwertige Zeichen einer Kategorie in mehr als einem Quadranten auf, so gilt der Quadrant mit den meisten Zeichen (das traf der Legende nach bei Romulus und Remus zu, die Auspizien von zwei Hügeln herab abhielten, um festzustellen, wer Herrscher über Rom sein sollte. Beide wählten Geier als ihre Zeichen, aber Romulus erhielt mehr Zeichen als Remus und wurde so zum Gründer Roms).

Außerdem gilt der Seltenheitswert der Zeichen; ein Vogel, der in meiner Gegend seltener ist, ist ein stärkeres Zeichen als ein Vogel, der sowieso den ganzen Tag in meinem Hof herumfliegt.

Ein einzelner Vogel gilt mehr als ein Vogelschwarm.

Ein Vogel, der oberhalb eines oder mehrerer anderer Vögel fliegt, gilt mehr als die Vögel darunter.

Ein Vogel, der einen Kreis oder Bogen fliegt, gilt mehr als ein Vogel, der geradeaus fliegt.

Besonders gut ist ein Zeichen, das durch ein nachfolgendes zweites Zeichen bestätigt wird.

Richtung der Zeichen

Die linke Seite wird in den römischen Auspizien (im Gegensatz zu den griechischen) als gutes Omen betrachtet. Zeichen, die sich von links nach rechts bzw. von Osten nach Westen bewegen, sind deshalb positiv zu werten. Vögel, die in Südrichtung fliegen oder aus dem Süden kommen, das heißt vor einem sind, gelten generell als gutes Zeichen, genau wie Vögel, die im Osten (=Links) fliegen. Ein Vogel, der aus dem Norden, das heißt von hinten, kommt oder im Westen (=Rechts) fliegt, ist ein schlechtes Zeichen.

Ausnahmen bilden hier die Raben, die dem Westen und damit der rechten Seite zugeordnet sind. Raben stehen mit dem Elysium oder den „Inseln der Seligen“ in Verbindung, die im äußersten Westen liegen. Raben, die von der rechten Seite, d.h. aus dem Westen kommen, sind traditionell ein positives Zeichen, aber Raben, die von Ost nach West fliegen, signalisieren, daß sich der Tod jemandem nähert.

„Nein, ich glaube nicht, daß Du kleine Schleiereule Unglück bringst!“

Eulen sind generell (anders als bei den Griechen) ein schlechtes Zeichen, da sie als Totenvögel gelten. Laut Plinius‘ Naturalis Historia gelten sie als Vögel, die „die Nacht und die Wüste bewohnen, sowie unzugängliche und schreckliche Orte“. Deshalb gelten Eulen laut Plinius immer als schlechtes Omen, wenn sie innerhalb der Stadt oder bei Tag gesehen werden. Allerdings gilt der Ruf einer Eule von links als günstiges Zeichen.

Krähen, die von Osten kommen, gelten als gutes Zeichen, da sie die Vögel Apollos sind und von ihm geschickt werden – deshalb kommen sie aus der Richtung des Sonnenaufgangs.

Plinius beschreibt die Interpretation des Rufs der Raben als ein „schlechtes Zeichen“, wenn er sich jammernd anhört, als ob er gerade stranguliert wird (Naturalis Historia).

Livius beschreibt, daß ein Rabe, der geradeaus von ihm fortflog (d.h. nach Süden, in Richtung eines Generals) und dabei einen Ruf ausstieß, ein positives Zeichen war.

Es gilt als günstig, wenn der Ruf einer Krähe von links erschallt, während der Ruf eines Rabens von rechts als günstig gilt.

Die Himmelsrichtungen sind auch für Naturerscheinungen der ersten Kategorie anzuwenden. Ein Blitz oder Donner von links oder vor einem gilt als günstiges Zeichen. Blitz und Donner von rechts oder hinter einem sind Zeichen der Ablehnung. Gewitter, das außerhalb der Gewittersaison vorkommt, also zum Beispiel im Winter, gilt als besonders starkes Zeichen.

Als generelle Regel gilt, daß sich das Verhalten von Vögeln und anderen Tieren je nach Jahreszeit ändert, so daß nicht pauschal ein Zeichen immer das gleiche bedeutet. Ein guter Augur oder Praktizierender der Auspizien beobachtet die Natur und das Verhalten der Tiere durch das Jahr und macht sich Aufzeichnungen, denn ein Großteil der Deutungen erfolgt aus Erfahrungswerten. Auch Cicero empfiehlt das Anlegen eines Beobachtungstagebuchs, da das Deuten der Zeichen von der Häufigkeit ihres Auftretens in den Aufzeichnungen abhängt (Von der Wahrsagung). Auguren führten Bücher, in denen sie alle Beobachtungen notierten, insbesondere ungewöhnliche Ereignisse. Auch der Paterfamilias führte ein solches Buch als Referenz für private Auspizien.

Neben den „klassischen“ Tieren, die für Auspizien herangezogen wurden, wurde auch das Verhalten von Tieren als Zeichen gedeutet, das einer bestimmten Gottheit zugeordnet war, wenn das Ritual sich an eine spezifische Gottheit richtete. So konnte das Bellen eines Hundes als Zeichen für Kybele gedeutet werden, oder eine Taube als Zeichen der Venus.

Unter den stärksten Zeichen, den Ex Caelo-Zeichen, die als von Jupiter selbst gesandt galten, waren ungewöhnliche und seltene Zeichen wie Meteoriten, Sonnen- und Mondfinsternisse und andere astronomische Phänomene besonders bedeutsam.

Kamen Blitze aus einer ungünstigen Richtung, hatte das eine so große Wirkung, daß die Volksversammlung an diesem Tag nicht abgehalten wurde (Cicero, Von der Weissagung).

In Rom wurden nicht alle Vögel beobachtet, sondern insbesondere Adler, Geier und andere Raubvögel als Boten der Götter in Kategorie II und III. Dies ist jedoch keine Einschränkung dafür, daß nur diese Vögel gelten und andere Vögel keine Bedeutung haben, denn diese Überlieferung ist allein der Tatsache zu verdanken, daß die meisten Texte aus Rom stammten und sich auf die öffentlichen Auspizien in Rom bezogen.

Selbstverständlich wurden in anderen Regionen des Reichs, in denen es diese Vögel nicht gab, dafür andere Vögel heimisch waren, die dortigen Vögel zu Auspizien herangezogen, so daß jeder Augur und jeder Praktizierende im Endeffekt auf der Grundlage der allgemeingültigen Regeln sein eigenes System entwickelte, das an seinen Ort angepaßt war (Cicero, über seinen Freund Divitiacus).

Auspizien im weiteren Sinne

Daneben werden im privaten Cultus auch Praktiken als „Auspizien“ bezeichnet, die sich nicht mit der Himmels- oder Vogelschau befassen.

Beispiele hierfür sind zum Beispiel die Einrichtung eines neuen Hausschreins, in den man die Laren oder Götter des privaten Cultus einlädt. Hierbei wird anhand von Zeichen bestimmt, ob der Schrein auf Wohlwollen trifft und ob der Einladung gefolgt wird, das heißt, ob die Götter in den Schrein und die Statuen „einziehen“. Auch für andere Anliegen, die vor dem Hausaltar vorgetragen werden, ob gesundheitlicher, geschäftlicher oder privater Natur, kann auf diese Weise um Zustimmung gebeten werden.

Auch Antworten auf diese Anliegen erhält man durch Zeichen, die einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ entsprechen.

Diese Formen der Befragung können auch innerhalb eines Gebäudes, in unmittelbarer Nähe des Hausschreins durchgeführt werden. Als „Zeichen“ gilt hier natürlich nicht der Vogelflug, sondern es kann all das als Zeichen gewertet werden, was einem als ein solches erscheint. Das heißt, bei Auspizien im weiteren Sinne, die auf diese Weise die Zustimmung der Götter suchen, werden ausschließlich Zeichen der „Ex diris“-Kategorie interpretiert.

Das kann ein Geräusch sein, ein visueller Sinneseindruck, ein Geruch, eine Bewegung, das Flackern einer Flamme oder irgendetwas anderes, das einem auffällt und das als Antwort gewertet werden kann.

Auch hier spielt die Richtung des Zeichens eine Rolle. Kommt die Antwort von links, wird sie als „Ja“ also als Zustimmung gewertet. Kommt die Antwort von rechts, signalisiert sie eine Ablehnung des Anliegens. Ist unklar, aus welcher Richtung das Zeichen kommt, wird es nicht als gültiges Zeichen gewertet, es ist dann also keine Antwort bezüglich des vorgebrachten Anliegens.

Erhält man ein ablehnendes Zeichen, muß das Ritual wiederholt werden. Das kann sofort, am gleichen Tag oder zu einem anderen Zeitpunkt geschehen. Die mögliche Anzahl der Wiederholungen ist hierbei nicht begrenzt.

Die Wartezeit für den Erhalt eines Zeichens nach dem Ritual sollte nicht länger als 15 Minuten betragen. Erhält man innerhalb dieser Zeitspanne keine Antwort, besteht die Möglichkeit, eine Antwort zu „erzwingen“. Besitzt man einen Vogel, kann man diesem vor dem Hausschrein Futter anbieten. Frißt er das Futter mit großer Begeisterung, gilt das als Zustimmung. Verschmäht er es oder pickt er nur lustlos herum, gilt das als Ablehnung. Auch ein anderes Haustier kann für diese Variante verwendet werden, die jedoch erst nach einer angemessenen Wartezeit durchgeführt werden sollte. Besitzt man kein Haustier, kann man die Wartezeit verlängern.

Erhält man innerhalb einer Stunde gar kein Zeichen, weder ein zustimmendes, noch ein ablehnendes, bedeutet das, daß die Götter ruhig bleiben, weil sie nichts gegen das Anliegen haben. Das kann als Zustimmung durch nicht gezeigte Ablehnung gewertet werden.

Götterwelt: Die Laren

Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Die Laren (Lateinisch: „Lares“, Singular: „Lar“) waren römische Schutzgötter oder Schutzgeister, die unterschiedliche Funktionen und Zuständigkeitsgebiete hatten. Innerhalb ihres Wirkungs- und Zuständigkeitskreises war es ihre Aufgabe, alles darin zu beobachten, zu beschützen und darauf Einfluß zu nehmen. Da Laren quasi überall ansässig waren – vom kleinsten Heim bis hin zum gesamten Staat -, war der Larenkult für den Römer von zentraler Bedeutung.

Laren werden in drei große Obergruppen unterteilt:

  • Lares Familiares:

Die Lares Familiares (Singular: „Lar Familiaris“) galten als die Schutzgötter einer Familie und waren grundlegender Bestandteil der sacra privata, der privaten Kultausübung jedes Römers.

Lararium aus Pompeji. Typische Elemente: die Laren links und rechts, in der Mitte der Genius, darunter die Schlange

Lararium aus Pompeji. Typische Elemente: die Laren links und rechts, in der Mitte der Genius, darunter die Schlange

Sie waren Grundlage des römischen Ahnenkultes, denn sie wurden als die verstorbenen Ahnen angesehen, die auch nach ihrem Tod Teil der Familie blieben (nicht nur zwingend die eigenen Ahnen, sondern sie konnten auch ortsgebundene Geister anderer Herkunft sein). So wurden sie auch selbstverständlich in alle Familienfeiern und das tägliche Mahl eingebunden. Sie nahmen als Zeugen an allen wichtigen Ereignissen der Familie teil, an Geburten und Todesfällen, an Hochzeiten und Adoptionen (die im Römischen Reich alltäglich waren).

Die Lares Familiares brachten dem Haushalt finanziellen Wohlstand und Wohlergehen. An ihrem Schrein, dem „Lararium„, fand ein wichtiger Teil des gemeinsamen Familienlebens statt und er war sozialer Treffpunkt der Familie, selbst wenn sie sich sonst im Laufe eines Tages kaum zu Gesicht bekam. Beim Betreten des Hauses begrüßte man die Laren wie lebende Verwandte, beim Verlassen des Hauses verabschiedete man sich mit der Bitte, daß sie am Tag über einen wachten. Ihr Schrein stand für gewöhnlich in der Nähe des Herdes oder in einer Ecke der Eingangshalle. Reiche römische Familien hatten mehrere Lararien, ein repräsentatives an einem gut sichtbaren Ort wie vor dem Eingang oder in der Empfangshalle, und ein privates beim Herd oder im Schlafzimmer. Ärmere Familien hatten nur eine kleine Nische oder ein Regalbrett, das diese Funktion erfüllte.

Die Praxis der Verehrung der Lares Familiares wird immer zusammen mit der Verehrung des Genius paterfamilias, des Genius loci und der Penatendurchgeführt, die die direkten Schutzgötter des Hausherrn und seiner engsten Familienangehörigen waren, während die Lares Familiares für alle zuständig waren, die unter seinem Dach in diesem Haus lebten, inklusive der Sklaven und Angestellten. Das „Familiaris“ bezieht sich hier also nicht auf die Familie als solche, sondern bezeichnet den Schutz dieses Geistes, den er über die Familie an ihrem Wohnort ausübt, deshalb wurden diese Laren auch Lares Domestici (Laren des Hauses) genannt. Im Gegensatz zu den Penaten, den Manen (den eigentlichen Ahngeistern) und den Genien der Familienmitglieder, die alle ihre Präsenz an die Familie resp. an Personen binden, sind die Lares loci und die Lares Familiares an den Ort gebunden, das heißt, sie konnten bei einem Umzug nicht mit umgesiedelt werden, sondern man musste sich an einem neuen Wohnort an die dort bereits präsenten Laren wenden.

Verantwortlich für die Kultpraxis im Haushalt war der Paterfamilias, das Familienoberhaupt (der allerdings aus praktischen Gründen auch die Möglichkeit hatte, bei Zeitmangel die Fürsorge für die Laren auf ein anderes Mitglied des Haushalts, Familienmitglieder oder Bedienstete, zu übertragen). Vernachlässigte man jedoch die Verehrung der Laren, so wandten diese sich ab und sorgten nicht länger für ein gutes Schicksal der Bewohner, halfen diesen nicht mehr und kümmerten sich nicht um sie, genauso wenig, wie sich die Familie um ihre Laren kümmerte.

Als absolutes Minimum sollte man zumindest an den Iden, Kalenden und Nonen jedes Monats Kulthandlungen für die Laren durchführen. Für viele Römer gehörte es aber zu den täglichen Handlungen jeden Morgen, oft auch jeden Abend, zumindest kurze Rituale am Larenschrein abzuhalten. Die Kultpraxis, um den Laren die gewünschte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ist nicht aufwendig und erfordert nur wenige Minuten am Tag, ist also sehr alltagstauglich, was typisch für die praktisch veranlagten Römer war.

  • Lares Loci und Lares Publici:
Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Aufwendiges Lararium aus Pompeji mit Altar und Nische für Figuren

Die Lares Loci („Laren des Ortes“) waren keiner bestimmten Familie zugehörig, sondern wachten über einen besonderen Ort oder Platz. Das reichte vom heimischen Lararium, in dem der Lar Loci (oft auch als Genius Loci bezeichnet) lebte, der die Stelle bewachtete, an der das Haus einst gebaut worden war (und der beim Umzug der Familie auch nicht mitzog), bis hin zu Lares Loci, die Straßen (Lares Viales), Seewege, Kreuzungen (die als gefährlich galten), öffentliche Plätze, Städte und Dörfer, Äcker (Lares Rurales), Viehherden, bis hin zum Staat und dem Militär (Lares Militares) bewachten. Die Übergänge zwischen den Lares Loci und Lares Publici sind hier fließend, weil beide Gruppen zahlreiche Untergruppen beinhalten, die sich nur in Größe der von ihnen beschützten Bereiche unterschieden.

Laren, die ganze Ortschaften bewachten, wurden auch Lares Publici genannt. Sie wurden an Kreuzungen verehrt, an denen Compitales (Kreuzungsschreine) aufgestellt waren; diese waren an nahezu allen wichtigen Kreuzungen zu finden und Teil des sozialen, politischen und religiösen Geschehens vor Ort (die in katholischen Gegenden bekannten Flur- oder Wegekreuze stehen noch in dieser Tradition). Gewartet und verwaltet wurden sie von Kreuzwegvereinen. Im Gegensatz zu anderen Gottheiten, durften darin sogar Sklaven und Freigelassene (Libertini) religiöse Funktionen ausüben, da Laren Gefallen daran hatten, wenn Sklaven für sie tätig waren. Diese Laren (zusammengefaßt als Lares Compitalicii) spielten eine so zentrale Bedeutung im Cultus, das ihnen sogar ein eigenes Fest gestiftet wurde: die Compitalia, die jedes Jahr im Winter nach den Saturnalien abgehalten wurden.

Während der Compitalia stellten alle Familien Statuen der Unterweltgöttin Mania (die als „Mater Larum„, Mutter aller Laren galt) vor die Tür, zudem wurden kleine männliche und weibliche Figuren aus Wolle an die Türen gehängt. Damit verband man die Hoffnung, daß die Laren und Mania mit diesen Figürchen zufrieden waren und die Bewohner des Hauses im Gegenzug verschonten. Sklaven opferten keine menschenähnlichen Figuren, sondern Bälle aus Wolle. Neben diesen privaten Bräuchen wurden während der Compitalia auch Theaterstücke aufgeführt, zum Teil mit recht subversivem und provokativem Charakter, denn an diesem Fest waren die Regeln gelockert und es war erlaubt, seine Meinung zu sagen. Selbst Sklaven konnten für einen Tag tun und lassen, was ihnen gefiel. Insbesondere beim einfachen Volk war dieses Fest sehr beliebt.

Auch die Stadt Rom wurde von ihren eigenen Lares Publici beschützt, die in einem zentralen Tempel verehrt wurden, genau wie auch jeder Stadtteil Roms noch einmal seine eigenen Laren mit eigenen Schreinen besaß.

Opfergaben:

Den Laren wurde Getreide, Honigkuchen, Honigwaben, Trauben, Wein und Räucherwerk geopfert. Außerdem gehörte alles, was bei Tisch versehentlich auf den Boden fiel, automatisch ihnen. Zu ganz besonderen Anlässen opferten ihnen wohlhabendere Haushalte ein Schwein (möglicherweise eine trächtige Sau).

Darstellung und Attribute:

Typische Darstellung mit Füllhorn

Typische Darstellung mit Füllhorn

Ursprünglich waren die Laren gestaltlos; es existieren keine Darstellungen aus frührepublikanischer Zeit. Erst in der frühen Kaiserzeit nahmen die Laren ihre heute bekannte Gestalt an (möglicherweise unter griechischem Einfluß).

Analog zur Darstellung des Zwillingspaars Romulus und Remus werden Laren oft paarweise als männliche, bartlose Jünglinge dargestellt. Sie tragen eine einfache, kurze Tunika mit Gürtel. Ihre Körperhaltung ist tanzend, entweder auf Zehenspitzen und balancierend auf einem Bein.

Eine Hand ist oft erhoben und leer, oder hält ein Rhyton, ein Gefäß für Trankopfer und deutet damit das Anbieten des Trankopfers (Libation) an. Die andere Hand trägt ein Füllhorn (Cornucopia) oder eine Opferschale (Patera) .

Lares Familiares treten im Lararium sowohl paarweise auf, wobei die Figuren spiegelbildlich dargestellt sind, oder es gibt eine einzelne Figur, die diesen besonderen Schutzgeist der Familie symbolisiert. In Malereien in antiken Lararien (wie man es zum Beispiel aus Pompeji kennt) posieren Laren oft links und rechts von einer zentralen Figur, die den Genius darstellt.

Grundsätzlich liegt dieser Anordnung aber eher eine Konvention zugrunde und keine starre Regel, die irgendwie ‚theologisch‘ begründet wäre. So findet sich im ‚Haus der roten Wände‘ (Casa delle Pareti rosse, VIII 5, 37 [dies bezieht sich auf ein System, um die Fundstellen in Pompeji konkret in Bezug auf regio, insula und domus anzugeben) in Pompeji ein grosses Lararium, an dessen Rückwand der Genius flankiert von zwei tanzenden Laren aufgemalt ist. Man fand aber davor auch zwei Bronzefiguren die Laren darstellen, die ganz offensichtlich ursprünglich im Lararium standen, so das es dort 4 Laren gab.

Bei den Lares Loci und Lares publici kann die Anzahl ebenfalls schwanken; manchmal wird nur ein einziger Lar verehrt, bei anderen Typen (wie den sehr speziellen Lares Grundules) können es bis zu 30 sein.

Der Lar loci bzw. Genius loci des Hauses, der ebenfalls im Lararium verehrt wird, wird in Form einer Schlange dargestellt, wobei es auch hier manchmal 2 Schlangen sind, die etwa ihre Köpfe über einem religiösen Symbol erheben und einander zugewandt sind.

Herkunft:

Gemeinsam mit den Lemuren und Larvae werden die Laren zu den Manes gerechnet, den Unterwelt- oder Totengeistern und damit zu den Dii inferi. Während aber die Lemuren und Larvae bösartig und rachsüchtig sind und nach ihrem Tod keine Ruhe finden, zum Beispiel, weil sie nicht angemessen bestattet wurden, gelten die Laren als die „guten“ und wohlwollenden Geister, die jedoch ihre Freundlichkeit auch verlieren können, wenn man sie missachtet.

Darstellung mit Trinkopfergefäß und Opferschale

Darstellung mit Trinkopfergefäß und Opferschale

Der Ursprung des Larenkultes ist nicht ganz geklärt, er geht wahrscheinlich bereits auf die Etrusker zurück, die einen sehr ähnlichen Haus- und Ahnenkult praktizierten. Das Wort „Lar“ stammt vom etruskischen „Lar“ oder „Larth“, was „Gebieter“ oder „Herrscher“ bedeutet.

Der mythologische Hintergrund der Laren ist sehr spärlich und es gibt keine traditionelle und systematische Theologie, die ihre Natur und ihre Funktion erklärt. Das ist der Grund, weswegen die Entwicklung der vielen verschiedenen Typen von Laren und ihrer vielen Aufgaben überhaupt erst möglich wurde. Selbst unter den römischen Autoren herrscht Unklarheit über ihre Zugehörigkeit und Natur. Sextus Pompeius Festus schrieb im 2. Jahrhundert, daß die Laren Ahnen-Genii wären (der Genius bezeichnete den individuellen Anteil der göttlichen Natur in jeder Person, Sache oder Ort). Apuleus hielt sie für wohlwollende Ahnengeister, die sowohl zur Unterwelt als auch zu festen Orten der Welt der Menschen gehörten, und nichts mit dem Genius oder auch den bösen umherwandernden Lemuren zu tun hatten. Varro bezeichnet sie als einst menschliche Geister aus der Unterwelt und damit Ahnengeister und Manen, gleichzeitig als Luftgötter, die zur Oberwelt gehörten. Tatsache ist, daß die Übergänge zwischen Laren und Genien fließend waren bzw. es Überschneidungen gibt, wie beim Genius loci.

Feiertage:  

Feiertage für die Laren sind (neben den Compitalia, deren Termin schwanken konnte, aber immer nach den Saturnalien Ende Dezember-Anfang Januar lag), der 27. Juni und der 22. Dezember.

Sonstiges:

Die Larenverehrung wurde im November 392 durch den Kaiser Theodosianus I verboten, inoffiziell wurde der Kult aber noch bis in die Spätantike nachgewiesenermaßen praktiziert.