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Götterwelt: Intarabus

Zuständigkeiten, Herkunft und Bezeichnungen:

Intarabus ist ein ursprünglich gallischer (keltischer) Gott der Treverer, der lokal im Raum Luxemburg bis hinein in die Südeifel und nach Belgien verehrt wurde. Andere Schreibweisen sind Entarabus oder Interabus, jedoch ist die Schreibweise Intarabus am häufigsten auf Weihesteinen und in Inschriften zu finden.

Statue des Intarabus (heute im Museum in Arlon)

Statue des Intarabus (heute im Museum in Arlon)

Da man im Römischen Reich der Ansicht war, daß lokale Gottheiten der Provinzen in ihrer Region besonders stark waren und viel Einfluß hatten – oft mehr Einfluß, als die Götter im fernen Rom -, war es üblich, sie dem Römischen Pantheon hinzuzufügen und sie an Ort und Stelle ebenfalls zu verehren und anzurufen. In der Interpretatio Romana setzte man Intarabus deswegen, wie den ebenfalls gallisch-treverischen Heilgott Lenus, unter anderem mit dem römischen Gott Mars gleich und verehrte ihn als Mars-Intarabus, wobei auch häufig römische Inschriften ohne den Zusatz „Mars“ zu finden sind.

In seiner Ikonographie und äußeren Erscheinungsform ähnelt Intarabus allerdings eher dem römischen Gott Silvanus als dem klassischen Mars, er teilt sich mit beiden die Funktion als Beschützer der Felder und der Landwirtschaft, sowie als Beschützer von Grenzen, so daß er von seinen Zuständigkeiten und seiner Erscheinung her im Bereich zwischen diesen beiden Göttern angesiedelt werden kann. Auch wurden beide Götter im römischen Reich zusammen als Vegetationsgott „Mars-Silvanus“ verehrt, so daß eine Zuordnung von Intarabus zu diesem Aspekt wahrscheinlich ist.

Es wurden bislang neun Weiheinschriften für Intarabus gefunden, unter anderem auf einer Statue in Foy (nahe Bastogne), in Niersbach, Dalheim, Echternach und Ernzen. Erstmalig entdeckt wurde er im Jahr 1862 in Noville-lez-Bastogne, wo er mit dem Genius Ollodagus der Treverer gleichgesetzt wurde, aber auch unter dem Namen Intarabus erscheint. Das deutet darauf hin, daß Intarabus möglicherweise auch die Tutelargottheit einer der drei Unterstämme der Treverer war. Die Gleichsetzung mit Mars erfolgte auf einer Inschrift aus Trier.

Das Intarabus- Weihedenkmal von Ernzen

Das Intarabus- Weihedenkmal von Ernzen

In Mackwiller (römisch: Mediomatrici) trägt er den Beinamen Narius. Hier wurde er als Genius Loci und Quellgott Narius-Intarabus verehrt. Ebenfalls in dieser Region wurde ein Mithräum entdeckt, das aufgrund einer Inschrift die gemeinsame Verehrung von Mithras und Narius-Intarabus belegt. Dieses Mithräum wurde im 3. Jahrhundert zerstört und an seiner Stelle wieder ein traditioneller gallischer Umgangstempel für Narius-Intarabus errichtet, was bedeutet, daß der exotische (und vor allem unter Legionären verbreitete) Mithraskult zugunsten der einheimischen gallischen Lokalgottheit wieder aufgegeben wurde.

In Echternach war, wie Inschriften zeigen, das örtliche Theater dem Intarabus gewidmet. Aus Dalheim stammt ein Silberring mit der Inschrift „Intarabo“ (Dativ für Interabus).

In Ernzen wurde ein Weihetempel, eine Aedicula, entdeckt, in der ein Stifter ein lebensgroßes Standbild oder Relief des Gottes Intarabus aufgestellt hatte. Dieser Tempel wurde (in einer umstrittenen Weise) im Dorf Ernzen rekonstruiert und kann frei besichtigt werden.

Intarabus wurde wahrscheinlich auch im großen Lenus-Mars-Tempel am Irmenwingert in Trier verehrt.

Die Herkunft des Namens Intarabus gilt unter Keltologen als ungeklärt, Indizien sprechen für eine Herkunft aus den protokeltischen Wörtern „entar“ (zwischen) und „abus“ (Fluß), was für eine Deutung als „zwischen den Flüssen“ spricht. Das würde seine Funktion als Genius Loci und Quellgott unterstreichen. Sicher ist diese Namensdeutung jedoch nicht, so daß man sie nach aktuellem Forschungsstand als „ungeklärt“ betrachtet.

Attribute und Darstellungen:

In Foy-Noville (Belgien) wurde eine Statue gefunden, die durch die Inschrift eindeutig als „Deo Intarabo“ identifiziert werden konnte.

Sie zeigt den Gott als bartlosen, langhaarigen jungen Mann, der in eine Tunika gekleidet ist. Um die Schultern trägt er ein Wolfsfell. Seine rechte Hand ist erhoben, jedoch fehlt das, was er in der Hand hielt. Aus der Handhaltung jedoch wird angenommen, daß es sich um einen Speer o.ä. handelte.

Opfergaben, Cultus, sonstiges:

Rekonstruktionszeichnung der Aedicula nach Hubertus Backes,

Rekonstruktionszeichnung der Aedicula nach Hubertus Backes, „Archäologie und Geschichte des Ferschweiler Plateaus“

Es ist unbekannt, welche Gaben Intarabus geopfert wurden, da es keine schriftlichen Aufzeichnungen zum Kult gibt und auch keine Bilder existieren, die Kulthandlungen für diesen Gott zeigen.

In seiner Hauptfunktion als Beschützer der Felder und Grenzen sowie als Gott der Landwirtschaft kann angenommen (jedoch nicht belegt!) werden, daß er, wie Silvanus, vor allem auf dem Lande verehrt wurde, im Rahmen von bäuerlichen Festen und im privaten Kult und entsprechende Gaben erhielt.

Cato empfiehlt in seinem Buch „Vom Landbau“ für ein Opfer an Silvanus-Mars eine Mischung aus „Dinkel, Speck, Fleisch und Wein“, das sowohl von einem Sklaven als auch von einem Freien gebracht werden konnte (jedoch durften keine Frauen zugegen sein), und das dafür sorgen sollte, daß die Rinder gesund blieben. So kann man in einem rekonstruktionistischen Ansatz auch von Getreide oder einfacher ländlicher Kost als typischen Opfergaben für Intarabus ausgehen.

Götterwelt: Rosmerta

Hintergrund, Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Merkur und Rosmerta (gefunden in Eisenberg, Pfalz)

Merkur und Rosmerta (gefunden in Eisenberg, Pfalz)

Rosmerta ist eine ursprünglich keltische Göttin, die von den Römern als Gefährtin des Mercurius im Götterpaar Merkur-Rosmerta verehrt wurde. Dieser Cultus war vor allem in Nordostgallien (Raum Koblenz, Hunsrück, Trier) sehr populär.

Hierbei handelt es sich um einen typischen lokalen, gallo-römischen Kult, der ursprünglich von den einheimischen Galliern (wie den Treverern) praktiziert wurde, dann aber von den Römern übernommen und gemäß der Interpretatio Romana gedeutet wurde.

Die Gallier verehrten die Göttin Rosmerta meist zusammen mit ihrem keltischen Gefährten als Götterpaar. Dessen Name war von Region zu Region unterschiedlich (Teutates, Cissonius, Visucius).

In der Interpretatio Romana wurde dieser Gefährte aufgrund der Gleichheit der Attribute und Zuständigkeiten von den Römern mit Mercurius gleichgesetzt, denn Cissonius war der Gott des Handels und Beschützer der Reisenden und der gallische Stammesgott Teutates wurde nach der Romanisierung der Gallier mit Merkur und Mars identifiziert.

So verschmolzen römische und gallische Kulte in dieser Region und im römischen Gallien wurden Cissonius und Visucius sogar die häufigsten Beinamen des Merkur. Deshalb war es nur natürlich, daß man auch die Gefährtin des Mercurius Cissonius, Mercurius Visucius oder Mercurius Toutenus verehrte: Rosmerta.

Rosmerta mit dem geflügelten Helm des Merkur und der Patera in der Hand

Rosmerta mit dem geflügelten Helm des Merkur und der Patera in der Hand

Das Paar stieg im römischen Gallien zu großer Beliebtheit auf und wurde auch in anderen Teilen des Reichs verehrt, so daß man den Kult schließlich auch in Zentralgallien, Britannien und sogar Rom selbst fand. Ihre Kultstätten fanden sich oft an römischen Schnellstraßen (wie der Aussoniusstraße durch den Hunrück nach Trier) und in der Nähe von Handelszentren.

Sie wurde an manchen Orten jedoch auch alleine, ohne ihren Begleiter, verehrt, wobei ihre Attribute in diesem Fall zum Teil mit denen des Merkur verschmolzen (so zeigt ein Weihebild aus dem französischen Fins d’Annency sie mit dem geflügelten Hut des Merkur).

Rosmertas Zuständigkeiten und Attribute sind denen des Merkur sehr ähnlich. Sie ist eine Göttin des Wohlstands, des Überflusses, der Fruchtbarkeit und der Fülle. Ihr gallischer Name bedeutet so viel wie „die große Versorgerin“. Man rief sie an, wenn man um Erfolg bei Handel und Geschäft bat, aber sie war (wie Merkur) auch für Leben und Tod und die Reise ins Jenseits zuständig, so daß man in derartigen Angelegenheiten um ihren Segen bat. Es gibt dank Inschriften und Attributdarstellungen auch Hinweise darauf, daß man sie für Heilung anrief.

 Attribute und Darstellungen:

Merkur und Rosmerta (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Merkur und Rosmerta (Historisches Museum der Pfalz, Speyer)

Es gibt zahlreiche gallo-römische Weihesteine, Monumente und Abbildungen von Rosmerta (meist mit, seltener ohne Merkur), vor allem in Deutschland, Luxemburg und Frankreich, zum Beispiel aus Wiesbaden, Koblenz, Mainz, Eisenberg in der Pfalz, Nordheim, Bierbach im Saarland, Mertert (LU), Metz (F), Langensulzbach, oder Gissey-la-Veil (F), wo ihr ein Quellheiligtum gewidmet war.

Rosmerta teilt viele Attribute mit dem Gott Merkur. So zeigt eine typische Darstellung sie mit dem Heroldsstab, dem Caduceus, den auch Merkur trägt (zum Beispiel auf einem Relief aus Bierbach im Saarland), seltener trägt sie auch seinen geflügelten Hut.

Weitere typische Attribute sind das Füllhorn (Cornucopia) oder ein Früchtekorb. Sehr häufig ist die Darstellung mit einer Geldbörse in der rechten und einer Opferschale (Patera) in der linken Hand. Das Cornucopia kann auch zusammen mit der Patera auftauchen.

Rosmerta wird in der römischen Darstellung als anmutige Frau in einem aufwändigen römischen faltenreichen Gewand abgebildet. Sie kann sitzend oder stehend dargestellt sein, meist ist sie gemeinsam mit Merkur abgebildet, der typischerweise als nackter Jüngling mit bedeckten Schultern und seinen Attributen erscheint.

Dabei gibt es unterschiedliche szenische Darstellungen, zum Beispiel auf einem Stein aus Wiesbaden, auf dem Rosmerta auf einer Art Thron sitzt während Merkur vor ihr steht und seinen Geldbeutel in ihre Patera entleert, während sie von zwei Genien umringt ist, die ihren Caduceus und ihr Füllhorn halten. Eine Darstellung aus Mannheim zeigt sie mit einer Schlange (die im römischen Cultus ein positiv besetztes Symbol für Wohlstand und Frieden ist), die ihren Kopf auf einer Geldbörse abgelegt hat. Andere Bilder zeigen sie mit einem Füllhorn, während Merkur die Patera hält und zahlreiche Steine zeigen Rosmerta, wie sie Merkur den Geldbeutel überreicht.

Darstellungen auf römischen Weihesteinen in Britannien zeigen sie auch mit einem Füllhorn und einer Doppelaxt in der linken Hand (die sich möglicherweise auf eine Rolle als Heilerin bezieht), während sie eine Patera mit der rechten Hand über einem Kessel oder Bottich ausschüttet.

Opfergaben, Kulttiere:

Merkur-Rosmerta-Tempel nahe Koblenz

Merkur-Rosmerta-Tempel nahe Koblenz

Über die römischen Kultpraktiken für Rosmerta oder Merkur-Rosmerta ist heute leider nicht mehr viel bekannt, da die Quellenlage sehr spärlich ist und alle verfügbaren Informationen aus Weihetafeln, -steinen oder -inschriften erschlossen werden müssen. Schriftliche Abhandlungen römischer Autoren zu ihrem Cultus sind uns nicht überliefert.

Die wenigen Informationen, die wir haben, sprechen von „günstigen“ oder „gastfreundlichen“ Riten, deren Details aber nicht überliefert sind. Eine der längsten Inschriften dazu stammt aus dem luxemburgischen Wasserbillig: „Deo Mercurio [et deae Ros]/mertae aedem c[um signis orna]/mentisque omn[ibus fecit] / Acceptus tabul[arius VIvir] / Augustal[is donavit?] / item hospitalia [sacror(um) cele]/brandorum gr[atia pro se libe]/risque suis ded[icavit 3] / Iulias Lupo [et Maximo co(n)s(ulibus)]. “ 

Auch schien Wasser im Kult eine Rolle gespielt zu haben, da in ihren Tempeln Brunnen zu finden waren und ihr auch ein Quellheiligtum gewidmet war.

Wenn sie gemeinsam mit Merkur als Götterpaar verehrt wurde, ist anzunehmen, daß auch Riten und Kulthandlungen aus dem Kontext des Mercurius-Kultes durchgeführt wurden. Welche zusätzlichen, eigenen oder speziellen Riten es gab, ist unbekannt.

Sonstiges:

Gallo-Römische Umgangstempel für Merkur-Rosmerta gibt es unter anderem im Wald  nahe Koblenz, in Mainz, in Mertert (Luxemburg) und – als Besonderheit – als rekonstruierten Tempel im Römermuseum Schwarzenacker im Saarland.

Götterwelt: Der Genius loci

 

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Genius loci des Bodens rund um den Vesuv, Darstellung mit Bacchus, aus Pompeji

Kurzübersicht: Die Genien

Hinweis: Ausführliche, allgemeine Informationen zum Genius folgen beizeiten in diesem Blog, deshalb hier nur eine kurze Übersicht.

Römer kannten zahlreiche Genii (Plural von Genius), die sich im Laufe der Zeit von einfachen Schutzgeistern zu zahlreichen spezialisierten Genien entwickelten.

Das Konzept des Genius war bereits bei den Etruskern bekannt, entfaltete und differenzierte sich im römischen Privat- und Staatskult aber weitreichend.  Als „Geister“ waren sie die individuelle Instanz einer generellen göttlichen Natur, die nach römischem Verständnis jedem Individuum, jedem Ort, jeder Sache innewohnte und die für deren Schutz zuständig war.

So gab es den besonders im privaten Kult zentralen Genius Paterfamilias, der über den Haushalt inklusive all seiner Bewohner, Familienmitglieder, Bedienstete wie Sklaven, wachte und dessen Sitz man im Körper des Hausherrn vermutete (der weibliche Genius, der im Körper der Hausherrin wohnte, wurde Iuno genannt). Der Genius galt als mit dem Menschen verbunden, war aber nicht mit ihm identisch. Er sollte auch nicht mit Begriffen wie „Seele“ oder „Leben“ vermischt werden.

Daneben gab es Genien, Schutzgeister, die auf sehr eng umgrenzte private Bereiche des Lebens spezialisiert waren, wie etwa den Genius Cunina („in der Wiege“), bis hin zu Genien, die die Stadt Rom, den ganzen Staat und das Volk beschützten (Genius Urbis Romae, Genius Populis Romani) und für die es Tempel, feste Feiertage mit öffentlichen Opfern und Veranstaltungen (wie den Ludi Genialici, den Spielen zu Ehren der Genien am 11. und 12. Februar) gab. Auch ganze Kollektive wie Legionen, Gemeinschaften, Vereine, Völker hatten einen eigenen Genius, genauso wie Orte, Stadtviertel, Märkte, Veranstaltungen (Genien des Theaters sorgten z.B. dafür, daß die Vorstellung ein Erfolg wurde), und selbst einfache Dinge wie Türen und Tore.

Genius loci von Bad Wimpfen / Kreis Heilbronn. Die Stadtmauer ist als Kopfbedeckung dargestellt

Genius loci von Bad Wimpfen / Kreis Heilbronn. Die Stadtmauer ist als Kopfbedeckung dargestellt

Mit dem Kaiserkult schließlich zog der Genius Augusti in die Reihen der Genien ein, der Geist des Kaisers, der im Kaiserkult anstelle des Menschen verehrt wurde, der jeweils gerade dieses Amt bekleidete. Ein Eid auf den Kaiser und die Verehrung des Kaisers war deswegen immer auf den Genius bezogen.

Genii spielten im römischen Denken und Handeln eine zentrale Rolle, so daß man bestrebt war, sich immer auch an die Genien zu wenden, die einem bestimmten Unterfangen, einem Ort, einem Gegenstand oder einem anderen Aspekt, der die Angelegenheit betraf, zugeordnet waren.

Hunderte von Weihesteinen und Inschriften an die unterschiedlichsten Genien haben die Zeiten überdauert. Es gab auch standardisierte „Formeln“, die man verwendete, wenn man ein Opfer oder eine Bitte äußerte, aber nicht genau wußte, wie der Genius hieß, an den man sich wenden mußte oder welcher Genius an einem bestimmten Ort residierte. Dies ist auf Weihesteinen z.B. durch die Abkürzung „GHL“ zu erkennen, was für „genio huius loci“ („an den Genius dieses Ortes“) steht.

Im Jahr 392 n. Chr. wurde die Verehrung der Genien, zusammen mit dem Larenkult und der Verehrung der Penaten, durch Theodosius I. verboten. Nachweise, daß der Kult darüber hinaus im Privaten fortgesetzt wurde, finden sich bis in die Spätantike.

Genius loci

Mit „Genius loci“ (dt: „Geist des Ortes“) bezeichnete man die Genien, die an einem bestimmten Ort lebten und diesen beschützten.

Alle Orte hatten ihren eigenen Genius: Das reichte von kleinsten Bereichen (Stein, Baum, Teich, Tür, Tor, Fels, Strauch, Brücke, Hof, einzelne Räume eines Hauses, Bett, Keller, Kultplätze, Straße, Schrein, Hügel…) über größere Orte wie Tempel, Gebäude, Stadtviertel, Märkte, Theater, Arenen, Höhlen, Weinberge, Vulkane, Flüsse, Wälder bis hin zu ganzen Städten und Provinzen (wie Pannonien oder Britannien) oder Regionen (Wüsten, Gebirge, Meer).

Altäre und Weihesteine für Genii loci sind aus dem ganzen Römischen Reich bekannt und wurden an zahlreichen Orten gefunden, auch in Mitteleuropa nördlich der Alpen, wie in Germanien, Gallien und Britannien.

Darstellungen und Attribute

Der Genius loci hat keine einheitliche Darstellung, jedoch wird er bevorzugt als Schlange dargestellt. Daneben gab es abstrahierte Vorstellungen vom Genius, da er unsichtbar an einem Ort residiert, zum Beispiel in einem Vulkan oder einem nicht-faßbaren Ort wie einem Stadtteil oder einem Gebäude zugehörig ist.

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Der Genius loci in Form der Schlange windet um den Altar, der Genius paterfamilias bringt ein Opfer dar

Ab der späteren Republik, in der figürliche Darstellungen häufiger werden (auch von Göttern, die zuvor oft ebenfalls abstrakt und gestaltlos verehrt wurden), findet sich auch eine Häufung bildlicher Darstellungen unterschiedlicher Genii. Während der Genius paterfamilias oft als Mann mit Toga und capite velato (mit bedecktem Haupt) dargestellt wird, sind andere Genien oft bärtig und mit freiem Oberkörper dargestellt, später auch als Jünglinge oder als geflügelte Wesen. Oft halten sie Füllhorn (cornucopia) und Opferschale (Patera) in der Hand.

Auch für den Genius loci sind unterschiedliche Darstellungsweisen bekannt.

Als Schlange wird er vor allem im Lararium dargestellt, wo er deswegen von den tanzenden Jünglingen der Penaten und Laren mit ihren Füllhornen und Schalen zu unterscheiden ist.

Auch an vielen anderen Orten, wie in Schreinen und auf Weihesteinen, ist er als Schlange überliefert, die in der römischen Symbolik als wohlwollende, sanfte Wesen gelten, die Frieden und Wohlstand bringen (und nicht, wie im Christentum, negativ behaftet sind). Die Schlange galt im Altertum als der Unterwelt zugeordnet, aber eben im positiven Sinne – sie steht für die Verbindung mit der Erde, vermittelt Wissen und Schutz. und ist unter anderem ein heiliges Tier des Gottes Asklepius (der Äskulap-Stab ist heute noch das Zeichen von Apothekern und Ärzten).

Eine andere Darstellung findet sich zum Beispiel in der Kirche St. Giles in Wiltshire in England, die von den Normannen aus altem römischen Baumaterial errichtet wurde. Hier findet sich eine Darstellung eines jugendlichen, lockigen Genius loci, der ein Füllhorn in der linken Hand und eine Patera in der rechten Hand hält.

Die Schlange ist jedoch die häufigste und am weitesten verbreitete Darstellung für den Genius loci, während die Darstellungen als Mann, Jüngling oder geflügeltes Wesen meist anderen Typen von Genii vorbehalten bleibt, die nie als Schlange dargestellt werden.

Kultgeschehen

Die Verehrung der Genii loci war sowohl im Privatkult (Sacra Privata) als auch im Staatskult (Sacra Publica) ein wichtiger Bestandteil.

Im privaten Bereich war der Genius loci  Bestandteil jedes Larariums, so daß seine Verehrung fest mit dem Larenkult verbunden war.

Römer, die unterwegs waren und ein Opfer bringen wollten, brachten dieses nicht nur einer Gottheit dar, sondern oft auch einem „unbekannten Genius des Ortes“, der nicht näher bezeichnet wird, um nicht Gefahr zu laufen, einen lokalen Genius zu ignorieren. Zahlreiche Weihungen an einen solchen anonymen Schutzgeist oder Lokalgott des Ortes bezeugen diese Praktik. Oft wurden alle unbekannten Geister und Götter auch in einer Formel zusammengefaßt, die sicherstellte, daß man niemanden vergaß und überging: „di deaeque omnes“ („allen Göttern und Göttinnen“).

Ein Beispiel dafür, daß man stets den Genius loci als „Lokalgottheit“ eines Ortes einbindet, an dem man ein Ritual abhält, findet sich beim römischen Dichter Calpurnius Siculus bei der Beschreibung eines Opfers an Faunus an einem Schrein des Gottes auf einer Insel inmitten des Tibers: „Tum caespite vivo pone focum geniumque loci Faunumque Larsque salso farrre voca.“ („Dann errichte eine Feuerstelle mit frischem Gras und rufe Faunus und die Laren und den Genius des Ortes mit einem Opfer von Salat“).

Im Staatskult wurde der Genius loci der Stadt Rom verehrt. Lokale Gemeinschaften wie die Bewohner von Stadtteilen oder die Bürgergemeinschaften auf den Hügeln Roms verehrten ihre Genien ebenfalls gemeinsam bei öffentlichen Veranstaltungen.

Sonstiges:

Votivstein für I(upiter) O(ptimus) M(aximus) und den Genius Loci von Caius Candidinius Sanctus, Signifer der 30. Legion, für sich und seine Legion (Museum Nijmegen)

Votivstein für I(upiter) O(ptimus) M(aximus) und den Genius Loci von Caius Candidinius Sanctus, Signifer der 30. Legion, für sich und seine Legion (Museum Nijmegen)

Befand man sich an einem Ort und fühlte „dessen Präsenz“, zum Beispiel inmitten eines Waldes oder an einem Fluß oder einem anderen Ort, so war man der Ansicht, dem Genius loci dieses Ortes begegnet zu sein. Das war kein bedrohliches Ereignis oder Erlebnis, sondern führte im Gegenteil in der antiken Welt gerade nicht zu Verwunderung oder Besorgnis. Die Anwesenheit eines Genius loci an jedem Ort galt als Selbstverständlichkeit und das Gefühl seiner Präsenz war ein gutes Zeichen. Nichts zu fühlen, quasi an einer ‚verlassenen‘ Stelle in der Natur zu stehen, hätte viel eher Grund zur Skepsis gegeben.

Erst mit mittelalterlichen Glaubensvorstellungen, in denen Geister und Dämonen als etwas Negatives betrachtet wurden (wobei das Wort Dämon auf das griechische δαίμων (daimon) zurückgeht und auch in dieser Vorstellung einen guten, oft mahnenden Geist (das Gewissen) beschrieb), erfuhr dieses Erlebnis einen Bedeutungswandel und es wurde als bedrohlich angesehen, wenn man die Präsenz eines Ortes spürte, das Gefühl, von diesem „beobachtet“ zu werden oder von unsichtbaren Wesen umgeben zu sein. Den Römer erschreckte ein solches Erlebnis nicht, sondern veranlaßte ihn allenfalls dazu, den Genius loci des Ortes zu grüßen und für die Dauer des Verweilens um dessen Schutz zu bitten. Dieser Brauch ist auch im heutigen Cultus Deorum üblich.

Der BegriffGenius loci“ wird auch heute noch (bzw. wieder)  in vielen Bereichen verwendet, vor allem in der Architektur, im Landschafts- und Gartenbau, in der Esoterik und Ökopsychologie. Man muß sich jedoch im Klaren darüber sein, daß das, was heute damit verbunden ist, nicht mehr der Vorstellung entspricht, die man in der Römischen Religion damit verband. Tatsächlich erfuhr der Begriff im Laufe der Zeit mehrfach einen Bedeutungswandel.

Das Christentum, das im Römischen Reich die polytheistische Religion ablöste, bestritt in seiner Anfangszeit nicht die Bedeutung eines Ortes als Sitz von Ortsgeistern, sondern transformierte genau diese Orte durch Überbauung mit sakralen Gebäuden wie Kirchen, kleinen Kapellen am Wegesrand oder Klöster in Orte einer „nicht näher bestimmbaren Spiritualität“. Aus nachrömischer, christlicher Zeit stammt auch die Vorstellung eines außerhalb des Körpers anzutreffenden, individuellen „Schutzgeistes“ in Form des Schutzengels.

Mit der Aufklärung verlor der Begriff „Genius loci“ seine ursprüngliche Bedeutung und Funktion als „Schutzgeist“ eines Ortes, der für den Römer noch untrennbar damit verbunden gewesen war. Die Natur und die Landschaft galten fortan als „unbelebt“ und bekamen ihre „Seele“, ihren „Geist“ nur durch die gestalterische und schöpferische Wirkung des Menschen.

In der Zeit der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert wurde der „Genius loci“ wiederentdeckt. Insbesondere im Jugendstil  herrschte ein regelrechter Boom, was an den überall auftauchenden Genius-Figuren in Gärten und Malereien zu erkennen ist. Im Unterschied zum römischen Verständnis beschreibt der Begriff heute aber nur noch abstrakt den „Geist eines Ortes“, das heißt, dessen Flair, dessen Atmosphäre, dessen Wirkung.

Aktuell beschreibt der Begriff ein Konzept der Architektur, das bestrebt ist, Landschaft und Bau wieder in ein harmonisches Verhältnis zueinander zu setzen. Auch im Garten- und Landschaftsbau wird der Begriff wieder verwendet, bis hin zu esoterischen Bewegungen, die Gebäude auf der Grundlage von „Energiefeldern“ und „ortsansässigen Naturgeistern“ gestalten und einrichten. Vom ursprünglichen antiken Verständnis sind diese modernen, gewandelten Begrifflichkeiten jedoch strikt zu unterscheiden.

Götterwelt: Isis

Herkunft, Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Die ägyptische Göttin Isis zog im Laufe des 1. Jahrhunderts v. Chr. in die römische Glaubenswelt ein und erlangte dort insbesondere während der Kaiserzeit große Popularität. Ihr Kult hielt sich bis in die Spätantike (ca. 500 n.Chr.), ihr großes Fest Navigium Isidis am 5. März wurde in Italien bis ins Jahr 416 n. Chr. gefeiert.

Isis in typisch römischer Darstellung mit Sistrum, Situla und Isisknoten

Isis in typisch römischer Darstellung mit Sistrum, Situla und Isisknoten

Einzug fand Isis über die Griechen, die große Verehrer der ägyptischen Kultur waren, und Isis bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. in ihren Pantheon integrierten. Mit dem Fall Ägyptens, das im Jahr 30 v. Chr. zu einer römischen Provinz wurde, etablierte sich der Kult endgültig auch im Römischen Reich.

Mit Legionären breitete er sich über das ganze Reich aus, so daß Isis-Tempel bis hin ins entfernte Britannien (London) und Germanien (Mainz) zu finden waren. Inschriften und Schreine für sie sind aus allen Provinzen des Reichs bekannt, so aus Spanien, Gallien, Arabien oder Pannonien (das heutige Ungarn) und im Noricum (Donauraum). Auch in Pompeji fand man zahlreiche Wandgemälde und Statuen dieser Göttin.

Im Jahr 80 v.Chr. errichtete Sulla auf dem Kapitol in Rom einen Isis-Tempel. Da der Isiskult eine Mysterienreligion war (durch die einige Kaiser und auch der Senat sich aufgrund der „Geheimniskrämerei“ bedroht fühlten), war seine Geschichte wechselhaft; einige Kaiser verboten ihn, unter anderem Augustus, der eine Rückkehr zu traditionellen römischen Glaubenswerten anstrebte und seit Marcus Antonius und Kleopatra alles Ägyptische hasste und ihn deshalb innerhalb der Stadtmauern Roms verbot, oder Tiberius, der Isis-Anhänger vertreiben ließ.

Andere Kaiser, die sich zum Ägyptischen hingezogen fühlten, förderten ihn, wie Hadrian, der sich sogar eine Villa im ägyptischen Stil errichten ließ, Trajan, die Flavier und Commodus. Unter Caligula wurde der Isiskult zu einem sacrum publicum erklärt, einem öffentlichen Kult als Teil des Staatskultes. Er war es, der das öffentliche Fest der Navigium Isidis einführte und anläßlich der ersten Feier in Frauenkleidern persönlich an den Mysterienspielen teilnahm.

Gerade in der späten Kaiserzeit war der Isiskult äußerst populär, wie unzählige Statuen und Münzen beweisen. Ihr Haupttempel wurde erst im 6. Jahrhundert durch Kaiser Justinian geschlossen (und alle Priester verhaftet), aber die Zerstörung von Isis-Heiligtümern im ganzen Reich begann unter dem christlichen Kaiser Theodosius im Jahr 391. Im privaten Bereich lebte der Kult lange nach seinem öffentlichen Verbot weiter.

In der ägyptischen Mythologie war Isis die Gattin des Gottes Osiris, der von seinem Bruder Seth zerstückelt wurde. Isis sammelte seine überall im Land verstreuten Körperteile ein und setzte sie wieder zusammen. Daraufhin erwachte Osiris für einen kurzen Moment zum Leben, den Isis nutzte, um sich – in Falkengestalt über seiner Leichenbahre schwebend – von ihm mit einem Sohn schwängern zu lassen, bevor er schließlich verstarb und in die Unterwelt hinabstieg. Der Sohn, Horus, nahm Rache an Seth.

Im griechisch-römischen Kult wurde Isis zur Besiegerin des Todes, der Herrin der Unterwelt und einer Muttergottheit. Im römischen Kultus gab es spezielle Priesterämter und andere Funktionsträger, die aus Ägypten in dieser Weise nicht überliefert sind, so daß der Kult in Rom eine ganz eigene Form annahm und zum Teil henotheistische Züge einer Universalgottheit trug.

Insbesondere unter Frauen und Sklaven war der Kult sehr populär, er stand aber allen Schichten und Geschlechtern gleichermaßen offen, ein Vorteil, den er gegenüber dem Mithraskult hatte, der nur Männern vorbehalten war.

Bedeutende Zentren des Isis-Kultes lagen in Gallien, vor allem in Mittelmeernähe im Raum Massilia (Marseille), von wo aus der Kult sich weiter in das gallische Inland verbreitete. Weitere Zentren des Kultes lagen in Köln, wo sieben Weiheinschriften gefunden wurden, und in Mainz, wo sich das große Isis- und Mater Magna-Heiligtum befand, der aus dem 1. Jahrhundert, vermutlich der Zeit der flavischen Kaiser, stammte und das heute besichtigt werden kann.

Neben ihren Funktionen als Unterwelts- und Muttergöttin galt sie im Römischen Reich auch als Beschützerin der Seefahrer. Auch wandten sich viele Frauen mit Kinderwunsch an sie. Ihre wichtigste und mächtigste Funktion war ihre Fähigkeit, ein vorherbestimmtes Schicksal zu überwinden.

Sphäre:

Himmlisch und Unterwelt.

Attribute und Darstellungen:

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„Isis mit dem Horusknaben“

Isis wurde im römischen Cultus nicht in ihrer ägyptischen, sondern in einer stark romanisierten Form und in römischer Kleidung verehrt.

Römische Darstellungen zeigen Isis mit den typischen Attributen Sistrum (ein rasselndes Hand-Musikinstrument) und einer Kanne (Situla) mit Schlangengriff, die mit Nilwasser gefüllt ist. Ihr Gewand ist mit einem typischen Knoten („Knotenpallas“, „Isisknoten“) vor der Brust geschlossen. Ein charakteristischer Haarschmuck ist ein Uraeus, eine Art Diadem mit einer aufrechten Schlangenfigur und Getreideähren.

Daneben hat sie häufig große Ähnlichkeit mit Fortuna und wird mit deren Attributen dargestellt, dem Füllhorn und dem Steuerruder. Eindeutig erkennbar bleibt sie in ihrer Fortuna zum Verwechseln ähnlich sehenden Darstellung dennoch am Sistrum, das sie oft in einer Hand hält, sowie an einer ägyptisch anmutenden Kopfbedeckung mit Sonnenscheibe oder Kuhhörnern, sowie dem Isisknoten.

In Italien wurde Isis häufig gemeinsam mit ihrem Gefährten Osiris verehrt (der in Griechenland kaum eine Rolle spielte), begleitet von Anubis und ihrem kindlich dargestellten Sohn Horus („Harpokrates„). Mit Osiris wird insbesondere der Aspekt der Auferstehung in den Vordergrund gestellt, die im Isis-Kult des Mittelmeerraums eine zentrale Rolle spielte.

Im gallo-römischen Nordwesteuropa verschob sich der Kult zugunsten des göttlichen Paares Isis und Serapis, indem eine gräzisierte Version des Serapis Osiris als Partner der Isis ersetzte. Er war ein Unterweltsgott, der vor allem mit Jupiter oder Sol identifiziert wurde und im Laufe der Zeit fast die Rolle eines henotheistischen Alleingottes annahm. Das Motiv der Zerstückelung und Auferstehung des Osiris wird hier durch durch den Aspekt des Unterweltsgottes als Bringer des Getreides und der Ernte und dadurch auch der Fruchtbarkeit abgelöst, was durch seine Kopfbedeckung, den „Modius“ (ein Meßbecher für Getreide) symbolisiert wird. Zuerst tritt er als „Osiris-Apis“ in Erscheinung, eine Vermischung von Osiris mit dem kultisch verehrten Apis-Stier, was über die Verkürzung von Osarapis zu Serapis wurde. Seine ikonographische Darstellung im römischen Cultus ähnelt stark der des Jupiter als älterer, bärtiger Mann mit gelocktem Haar.

In der Interpretatio Romana erfuhr Isis viele Gleichsetzungen mit anderen Göttinnen, so vor allem mit Ceres, Diana und Juno. Auch wurde sie zum Teil mit der ägyptischen Göttin Maat zu Dikayosyne – der Personifikation der Gerechtigkeit – sowie mit Persephone verschmolzen. Sie erhielt so viele Beinamen und Bezeichnungen, daß sie auch als „Isis Myrionyma„, „Göttin mit den tausend Namen“ bezeichnet wurde (unter anderem bei Plutarch in De Isiride et Osiride). Ein anderer häufiger römischer Beiname war „Isis Invicta„, die Unbesiegte.

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Relief der Isis und des Serapis im Tempel von Tawern

In Mainz wurde Isis als Isis Panthea verehrt, „Isis Allgöttin“, die ebenfalls in henotheistischer Weise andere Götter und Göttinen vereint und ersetzt. Dies ist bei diversen Funden an einer Attributhäufung zu erkennen, indem Attribute zahlreicher anderer Götter und Göttinnen in einer Darstellung vereint werden. Neben der zuvor erwähnten Fortuna finden sich auch die Schlange, der Blitz des Jupiter, der Hirtenstab des Pan, Hammer des Vulcanus, Jagdköcher der Diana und der Spiegel der Venus.

Eine Inschrift aus Capua deutet ebenfalls auf die Konzentration der Isis als Allgöttin hin: „Una quae es omnia dea Isis“ – „Die eine, die Du alle bist, Göttin Isis“. Dies ist typisch für den Isis- und Serapiskult, da auch Serapis zahlreiche göttliche Funktionen und Götter in sich vereinte, vom Unterwelt- und Fruchtbarkeitsgott bis zum Sonnengott.

Die Funktion der Isis als Allmutter, die zahlreiche Göttinnen in sich vereinte, geht sehr gut aus diesem Gedicht des Apuleius in „Der Goldene Esel“ hervor (11,5):

Ich, Allmutter Natur, Beherrscherin der Elemente, erstgeborenes Kind der Zeit, Höchste der Gottheiten, Königin der Geister, Erste der Himmlischen;

ich, die ich in mir allein die Gestalt aller Götter und Göttinnen vereine, mit einem Wink über des Himmels lichte Gewölbe, die heilsamen Lüfte des Meeres und der Unterwelt vielbeklagtes Schweigen gebiete.

Die alleinige Gottheit, welche unter so mancherlei Gestalt, so verschiedenen Bräuchen und vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt: mich nennen die Erstgeborenen aller Menschen, die Phrygier, Göttermutter von Pessinous; ich heißte bei den Athenern, den Ureinwohnern Attikas, kekropische Minerva, bei den inselbewohnenden Zypriern Venus von Paphos, bei den bogenschießenden Kretern netzwerfende Diana, bei den dreisprachigen Siziliern unterweltliche Proserpina, bei den Euleusiniern Urgöttin Ceres.

Andere nennen mich Juno, andere Bellona, andere Hekate, Rhamnousia wieder andere. Sie aber, welche die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen beleuchtet, die Äthiopier beider Länder, und die Besitzer der ältesten Weisheit, die Ägypter, die mich mit den angemessensten eigensten Gebräuchen verehren, geben mir meinen wahren Namen: Königin Isis.

Aus dem Tempelkomplex bei Tawern an der Mosel kennt man ein Relief, das Isis und Serapis als Paar zeigt. Interessant ist an dieser Darstellung, daß Serapis ein für ihn untypisches Gewand trägt, wie man es von Darstellungen des Sucellus kennt, einem an der Mosel sehr beliebten Weingott. Isis trägt in diesem Relief eine Situla mit heiligem Wasser und ein Sistrum. Aus diesem Fund allein ist jedoch nicht darauf zu schließen, daß Isis und Serapis in diesem (hauptsächlich Merkur geweihten) Tempelkomplex verehrt wurden; vielmehr geht die Forschung davon aus, daß ein Reisender dieses Relief zwecks Einlösung eines Gelübdes in den Tempel gebracht hat, der an der stark frequentierten Fernstraße von Metz nach Trier lag.

Eine ebenfalls verbreitete Darstellung in der Ikonografie ist die sitzende Mutterfigur mit dem Horuskind auf dem Schoß („Isis mit dem Horusknaben„). Diese Darstellung findet sich in der Figur der Muttergottes mit dem Jesuskind wieder, die möglicherweise von den frühen Christen – ebenfalls ein römischer Mysterienkult – übernommen wurde, da nicht auszuschließen ist, daß die römischen Mysterienkulte sich gegenseitig beeinflußten.

Auch wurden ihre Attribute als „in der Not helfende Muttergöttin“ in das Christentum übertragen, so daß diese überaus populäre Göttin auf diese Weise auch für die frühen Christen erhalten blieb, ohne daß sie weiter „heidnischen“ Kulten folgen mußten. Auch die im Konzil von Ephesus im Jahre 431 festgelegte Rolle der Maria als „Gottesgebärerin“ schreibt diese Rolle der Maria theologisch fest, so daß viele Elemente des (spezifisch römischen) Isis-Kultes im Marienkult erhalten blieben.

Opfergaben: 

Weihegaben aus dem Isis-Tempel in Mainz (August 2013)

Weihegaben aus dem Isis-Tempel in Mainz (August 2013)

Opfergaben sind insbesondere aus den Isistempeln in Mainz und London überliefert.

Zu den typischen Opfergaben gehörten Öllämpchen, Weihrauch und Früchte. Auf Altären (in Mainz ein Opferaltar aus Muschelkalk) verbrannt wurden Datteln, Feigen, Getreidekörner und Pinienkerne. Zahllose Funde von Tierknochen (unter anderem kleine Singvögel, Fische und Hühner) zeigen, daß auch Tieropfer üblich waren.

Daneben fanden sich in Mainz kleine Statuetten wie ein umschlungenes Liebespaar, ein Stier mit Opferbinde, eine Venusstatuette und ein kleiner Mercurius mit Geldsack, tönerne Tierfiguren sowie Münzen und Inschriftentafeln.

Brandopfer waren eine gängige Praxis zur Erflehung zur Hilfe und Beistand durch die Göttin.

Kulttiere: 

Kuh und Stier, Vögel und Fische.

Feiertage:

Die wichtigsten Feiertage sind Navigium Isidis („Schiff der Isis“) am 5. März und Inventio Osiridis („Das Auffinden des Osiris“) vom 28. Oktober bis 3. November.

Navigium Isidis ist ein Frühlingsfest, das an Isis‘ Schiffsfahrt nach Byblos erinnert, wo sie Osiris suchte. Mit einer Prozession wurde an diesem Festtag die Schiffahrt wieder eröffnet, die in den Wintermonaten ruhte. Das Fest lag ursprünglich auf dem „ersten Vollmond des Himmelsmonats“ und damit auf einem wechselnden Termin, wurde aber später auf den 5. März festgeschrieben.

Iventio Osiridis symbolisiert das Ende der Suche, als sie Osiris findet und die zerstückelte Leiche zusammensetzt und sie zum Leben erweckt. Diese Geschichte wurde anläßlich des Festes als Mysterienspiel aufgeführt.

Der Isiskult als Mysterienkult

Der Isiskult gehörte, zusammen mit dem Mithraskult, dem Kybele-Kult („Mater Magna“) und dem Christentum zu den wichtigsten römischen Mysterienkulten. Es gab eine eigene römische Priesterhierarchie, Schreiber, Musiker, Astrologen, eine „Schmückerin des Heiligtums“ (ornatrix farni) und Sänger, die Funktionen innerhalb des Kultes ausübten und die im ägyptischen Kult so nicht existierten.

Es sind uns zahlreiche Details der Ritualpraxis aus dem Isiskult überliefert, da ein römischer Dichter ausführlich über sie geschrieben hat: Apuleius beschreibt in seinem Werk „Metamorphosen oder der goldene Esel“ eine Isisprozession und rituelle Handlungen, die verkleidete Priester im Rahmen dieses Umzugs durchführen. Überlieferte Praktiken des Mysterienkultes umfassten unter anderem kultische Bäder, Fasten und das Kleiden in kultische Gewänder und Masken sowie „exotische“ Rituale, die deswegen von vielen als ansprechend empfunden wurden. Das Fasten und die Reinigung durch das Bad symbolisierten den rituellen Tod und die damit mögliche Wiedergeburt.

Auch Kultpraktiken des Serapiskultes, der den ursprünglich mit Isis verbundenen Osiris verdrängt hatte, sind uns durch Quellen überliefert. So spottet der christliche Autor Quintus Septimius Florens Tertullianus über die opulenten Kultmahle, die offenbar das Grillen über offenem Feuer beinhalteten: „Der Rauch beim Serapismahl alarmiert die Feuerwehr“ (Apol 39,15).

Apuleius selbst war in den Isis- und Serapiskult eingeweiht und beschreibt auch einige nicht-öffentliche Rituale aus dem Mysterienkult. Nur das eigentliche Mysterium verrät er nicht, sondern deutet es nur an, mit Verweis auf ein Schweigegelübde: „ich würde es Dir sagen, wenn ich es sagen dürfte: du würdest es erfahren, wenn du es hören dürftest„.

Daß das Mysterium etwas mit der Todeserfahrung und Auferstehung zu tun hat, deutet er zumindest dadurch an, daß er beschreibt, daß er „die Schwelle des Todes übertreten habe, den Göttern gegenüber getreten sei und mitten in der Nacht den Sonnengott habe leuchten sehen“. Auch beschreibt Apuleius ausführlich die Schlange, die eine wichtige Rolle im Isiskult zu spielen schien, und verweist auf Harpokrates, der neben seiner kindlichen Form oft auch mit dem Schlangengott Agathos Daimon gleichgesetzt wurde und in einem korbartigen Weidengefäß, einer Cista mystica, mitgeführt wurde.

Weitere Hinweise auf kultische Handlungen sind auf archäologischen Funden zu finden, wie z.B. einem tönernen Gefäßdeckel aus Westheim bei Augsburg. Auch in Tonmedaillons aus dem 3. Jahrhundert, die möglicherweise aus einer Isis-Wallfahrtsstätte stammten und dort als Devotionalien erhältlich waren, sind Praktiken aus dem Isiskult zu erkennen. Wiederkehrende Motive zeigen hier Isis und Serapis bei einem Kultmahl, begleitet von Anubis und dem als Kind dargestellten Harpokrates mit Füllhorn.

Immer wieder taucht auch in archäologischen Funden das Symbol der Cista mystica auf, zum Beispiel auf Tongeschirr aus Köln, wie es bereits von Apuleius beschrieben wurde.

Männer und Frauen waren im Kult gleichgestellt.

Isis-Tempel in Mainz (August 2013)

Isis-Tempel in Mainz (August 2013)

Im Gegensatz zu der sehr Diesseits-orientierten römisch-heidnischen Religion, war der Isis-Kult (genau wie das Christentum) stark Jenseits-orientiert und verhieß Paradiesvorstellungen nach dem Tod. Eine Kernaussage des Kultes war, daß derjenige, der ein anständiges Leben geführt hatte und ihren Geboten folgte, im Jenseits belohnt werden würde, das also der Zweck des religiösen Lebens im Diesseits eine Belohnung im Jenseits war. Dies machte den Kult für Römer sehr attraktiv, da das Totenreich in der herkömmlichen römischen Religion ein eher unerfreulicher Ort war, mit dem man sich zu Lebzeiten so wenig wie möglich beschäftigte.

Diese Heilserwartung verbindet den Isis-Kult mit dem Mithras-Kult und dem Christentum. Als Mysterienreligion ist diese Heilserfüllung jedoch nur für eingeweihte Mitglieder möglich, so daß eine Aufnahme in den Kult durch Einweihung und Initiationsrituale (wie ein Taufbad) eine Bedingung ist. Durch die vielfältigen Rituale und direktes Erleben der Mysterien ist für die Anhänger eine direkte Erlebbarkeit und Nähe ihrer Göttin gegeben, was ebenfalls ein Charakteristikum für Mysterienkulte ist.

Isis galt als eine sehr „keusche“ Göttin, ihr Kult wurde in späteren christlichen Kreisen (u.a. vom Heiligen Clemens) für seine asketische und asexuelle Ausrichtung gelobt. Praktizierende schoren sich oftmals die Haare und es war üblich, regelmäßig zu besonderen Anlässen für einen bestimmten Zeitraum (meist 10 Tage) zölibatär zu leben. Ihre Tempel galten als Zufluchtsort für Frauen, die sexuell bedrängt wurden.

Hierbei nahm der Kult insbesondere unter Frauen zum Teil auch sehr extreme Züge an, bis hin zu Bußen und Selbstkasteiungen in ekstatischer Frömmigkeit, wie dem Untertauchen im eisigen Tiber im Winter, gefolgt vom Rutschen auf den Knien über das Marsfeld, bis die Knie bluteten.

Caligula ließ auf dem Marsfeld einen gigantischen Isistempel errichten, der aus einer Säulenhalle mit einer Allee bestand, die von Löwen, Obelisken und Sphinxen gesäumt war. Nach einem Feuer im Jahr 80 n.Chr. wurde dieser Tempel – noch prächtiger ausgestattet – von Kaiser Domitian wieder aufgebaut.

Quellen / Weiterführende Literatur:

  • Apuleius: Metamorphosen (der goldene Esel)
  • Plutarch: De Iside et Osiride
  • Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus. Kulte und Religionen im Römischen Reich (Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Hrsg.)
  • Gschlössl, Roland: Im Schmelztiegel der Religionen. Göttertausch bei Kelten, Römern und Germanen
  • Merkelbach, Reinhold: Isis regina – Zeus Sarapis. Die griechisch-ägyptische Religion nach den Quellen dargestellt
  • Religio Romana – Wege zu den alten Göttern im antiken Trier (Rheinisches Landesmuseum Trier, 1996)

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Götterwelt: Vulcanus

Herkunft, Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Vulcanus in typischer Darstellung mit spitzem Hut und Hammer (Landesmuseum Mainz, 2013)

Vulcanus in typischer Darstellung mit spitzem Hut und Hammer (Landesmuseum Mainz, 2013)

Eingedeutschter Name: Vulkan. Andere Bezeichnungen: Volcanus. Griechisch: Hephaestos / Hephaistos, Etruskisch: Sethlans / Velchans.

Er wird zu den Dei Consentes gerechnet, den 12 höchsten Göttern.

Der Gott Vulcanus ist ursprünglich einer der ältesten römischen Urgötter, der bereits aus der vorrepublikanischen Zeit im Zusammenhang mit dem sabinischen König Titus Tatius (748 v.Chr.) und dem legendären Stadtgrüner Romulus erwähnt wurde. Er ist wahrscheinlich etruskischen Ursprungs.

Auch sein Name stammt aus dem Etruskischen und ist die latinisierte Form von Sethlans / Velchans. In der etruskischen Religion war Sethlans der Gott des Feuers, der Schmiede, der Metallverarbeitung und des Handwerks allgemein. Seine Attribute in der etruskischen Kunst entsprechen den späteren Attributen des Gottes Vulcanus: Hammer und Zange des Schmiedes, sowie die typische spitz zulaufende Kappe (Pileus).

Wie sein etruskischer Vorläufer, so ist auch Vulcanus der Gott des Feuers (auch des Feuers aus Vulkanen!), der Schmiede und aller Berufsgruppen, die auf das Feuer zur Bearbeitung von Metallen angewiesen sind, wie Münzpräger und Bronzegießer.

Sein Schrein (Vulcanal) befand sich auf dem Forum Romanum und stammt ebenfalls noch aus römischen Anfangszeiten im 7. Jahrhundert v.Chr., wo seine Verehrung gleichzeitig mit der Verehrung der ebenfalls urrömischen Göttin Vesta (als Hüterin des kontrollierten Feuers) eine zentrale Rolle im Staatsgeschehen spielte. Da sein Schrein nach etruskischem Brauch außerhalb der Stadt errichtet werden sollte, ist anzunehmen, daß er zur Zeit seiner Erbauung noch außerhalb der Stadtgrenzen des damaligen Roms lag und erst im Laufe der Jahrhunderte in das Zentrum der aufstrebenden Stadt geriet, die um ihn herum wuchs.

Nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer im Jahre 146 v. Chr. erfolgte nachträglich eine sukzessive Gleichsetzung des alten Gottes Vulcanus mit dem griechischen Gott Hephaestos (Hephaistos), die so bildgenau erfolgte, daß neben den zusätzliche Attributen und Zuständigkeiten auch der griechische mythologische Hintergrund samt Lebensgeschichte und die körperliche Erscheinung übernommen wurde.

Vulcanus, Darstellung aus Köln (200 n.Chr), Rheinisches Landesmuseum Bonn

Vulcanus, Darstellung aus Köln (200 n.Chr), Rheinisches Landesmuseum Bonn

Dieses Bild des „neuen“ Vulcanus setzte sich so stark durch und fand so weite Verbreitung, daß nur wenige Informationen über seine urrömische Vorgängergestalt erhalten geblieben sind und es kaum möglich ist, darunter den ursprünglichen Gott Vulcanus zu rekonstruieren. Ein verbliebener Unterschied zum griechischen Gegenstück ist die Tatsache, daß man Vulcanus stärker auch dem zerstörerischen, unkontrollierten Feuer zuordnete und nicht nur dem nutzbar gemachten Feuer der Schmiede und Handwerker, als es bei Hephaestus der Fall ist.

Mit der Identifikation mit dem griechischen Gott Hephaestus gingen auch Erweiterungen seiner Zuständigkeiten einher, die aus der nun mit diesem Gott verbundenen Mythologie resultierten. Nunmehr zum Sohn von Jupiter und Juno erklärt, wurde Vulcanus als Kind aufgrund seiner Häßlichkeit von seiner eigenen Mutter Juno vom Olymp geworfen, da die Götter sich über ihn lustig machten. Dieser Sturz verletzt das Kind am Bein, so daß es zeitlebens hinken würde (in den römischen Darstellungen hat Vulcanus deshalb auch oft einen verkrüppelten Fuß). Er stürzt in das Meer, wo er von der Meeresgöttin Thetis aufgezogen wird. Unter ihrer Anleitung wird er zu einem hervorragenden Schmied und mit Hilfe dieser Fähigkeit nimmt er Rache an Juno, die ihn nach wie vor als ihren Sohn verleugnet: er konstruiert einen besonderen Thron, der Juno mit unsichtbaren Fesseln umschließt und festhält, bis sie sich bereit erklärt, ihn wieder in den Status eines Gottes zu erheben – was sie nach Tagen der Gefangenschaft unter Protest tut.

Vulcanus wird zum Schmied für die Götter, der ihre wichtigsten Waffen und Werkzeuge herstellt: Das Blitzzepter des Jupiter, Rüstung und Pfeile des Apollo, den Helm und die Sandalen des Mercurius, sowie viele Waffen und Rüstungen für die berühmten Helden der Mythologie. Daneben wird er, zusammen mit anderen Göttern, zum Beschützer vor Feuersbrünsten, insbesondere dem Schutz der Getreideernte vor Brand. In der römischen Religion ordnet man ihm sowohl den zerstörerischen als auch den fruchtbar machenden Effekt des ungebändigten Feuers zu.

Seine Schmiede stand unter dem Vulkan Ätna auf Sizilien oder unter der liparischen Insel Volcano im Thyrrenischen Meer vor der Küste Siziliens. Wenn er wütend war (zum Beispiel auf seine untreue Ehefrau Venus), so sagte die Legende, schlug er so erzürnt auf das glühende Metall auf seinem Amboss ein, daß der Vulkan Rauch und Feuer spuckte.

Sein bekanntester Beiname war „Mulcibor“ (Schmelzer von Metallen). Sein Name „Vulcanus“ wurde im Lateinischen auch im übertragenen Sinne als Synonym für Feuer verwendet.

Sphäre:

Feurig (zerstörisches und unkontrolliertes Feuer)

Attribute und Darstellungen:

Die typische Darstellung zeigt Vulcanus mit einem verkrüppelten Fuß, dazu mit einem Hammer in der Hand sowie einem spitz zulaufenden Filzhut. Nicht immer sind alle Attribute gleichzeitig dargestellt. Oft zeigen ihn Darstellungen als Schmied am Amboss während der Arbeit, meist in einem kurzen, typischen Arbeitsgewand. Er wird manchmal in Gebäuden und umgeben von Mauern dargestellt.

Portrait des Gottes mit Pileus und Zange auf einer Münze aus Aesernia, ca. 260 v. Chr

Portrait des Gottes mit Pileus und Zange auf einer Münze aus Aesernia, ca. 260 v. Chr

Häufige Darstellungen, vor allem auf Münzen, zeigen ihn zusammen mit seinen klassischen Attributen Hammer, Zange, Amboss, umgeben von dem Feuer einer Schmiede und gekrönt mit einem Lorbeerkranz. In Portraits ist er an seinem typischen spitzen Hut zu erkennen.

Ihm geweiht waren außerdem die Fichten sowie das Eisen.

Opfergaben: 

Eine typische Opfergabe waren Fische, die man in eine Opferschale mit einem offenen Feuer warf. Insbesondere anläßlich der Vulcanalia am 23. August, die in die Dürrezeit fielen, versuchte das Familienoberhaupt, der Paterfamilias, durch dieses Opfer den Gott zu besänftigen. Neben Fischen wurden auch andere kleine Tiere in das Feuer geworfen, damit der Gott diese verzehrte – anstelle von menschlichen Opfern.

Weitere Zeremonien sahen vor, daß man zu den Vulcanalien mit der Herstellung von Kerzen begann, um das Feuer auf eine nützliche und gute Weise zu bändigen.

Vulcanus wurde, trotz der bei ihm besonders starken griechischen Ausprägung, im Ritus Romanus verehrt, das heißt mit bedecktem Haupt (capite velato).

Nach dem großen Feuer von Rom im Jahre 64 war Vulcanus einer der Götter, die man mit Opfern zu besänftigen suchte. Zu den überlieferten Opfergaben in den öffentlichen Staatsriten anläßlich der Vulcanalia gehörten seit diesem Feuer ein männliches rotes Kalb und ein roter Eber.

Kulttiere: 

Hahn, Löwe (von dem man glaubte, daß er einen „heißen Atem“ hatte)

Feiertage:

Höchster Feiertag waren die Vulcanalia am 23. August. Dieses Fest war Teil eines viertägigen Festes Ende August, das vor allem der Ernte, dem Getreide und dem Schutz vor Naturgewalten gewidmet war. Zu den Vulcanalien wurden an vielen Orten große Feuer errichtet, in die man kleine Tiere warf. Weitere Riten umfassten das Heraushängen von Kleidungsstücken in die Sonne und das Herstellen von Kerzen.

Sonstiges:

Die Schmiede des Vulcanus, römisches Mosaik (Nationalmuseum in Tunis)

Die Schmiede des Vulcanus, römisches Mosaik (Nationalmuseum in Tunis)

Für den Gott Vulcanus gab es in Rom eigene Priester, die sogenannten Flamen Volcanis, die für die Pflege und Durchführung des Kultes zuständig waren. Jedes Jahr an den Kalenden des Mai opferten diese Priester zudem eine schwangere Sau für die Göttin Maia (die nicht mit der gleichnamigen griechischen Maia verwechselt werden darf). Die altrömische Maia gilt als die weibliche Abstraktion einiger Attribute des Vulcanus, ihr Name stammt aus dem Lateinischen (Maius, maior – groß, größer). Sie ist der Erde (Terra) zugeordnet.

Der Tempel Volcanal auf dem Forum Romanum lag auf einem offenen Platz, der sogenannten area volcani, am Fuße des Kapitols. Er gilt als einer der ältesten Schreine Roms, der bis zum legendären König Romulus zurückdatiert wird. 16 Jahre nach der Gründung Roms wurde der Tradition nach eine goldene Quadriga zu Ehren des Gottes errichtet, die eine Kriegsbeute im Kampf gegen die Einwohner der alten latinischen Stadt Fidenes gewesen sein soll (andere Quellen, wie Plutarch, sprechen von einer Kriegsbeute aus Chameria, nördlich von Griechenland). Neben dem Tempel soll Romulus außerdem einen Lotusbaum gepflanzt haben, der den Quellen zufolge noch zu Lebzeiten von Plinius dem Älteren (um 50 n.Chr) stand und als so alt wie die Stadt Rom selbst galt.

Quellen und archäologische Funde deuten darauf hin, daß der ursprünglich vor der Stadt gelegene Tempel auch als Krematorium gedient hat. Obwohl der Tempel im Laufe der Jahrhunderte von der wachsenden Stadt Rom umschlossen wurde, war er auch in der Kaiserzeit (nach Christi Geburt) noch in Betrieb und fester Bestandteil des römischen Cultus.

Zusätzlich wurde im Jahr 215 v. Chr. ein Vulcanustempel auf dem Marsfeld vor den Toren der Stadt errichtet, da der Cultus vorsah, daß der Gott des Feuers außerhalb der Stadt verehrt werden sollte. In seiner unmittelbaren Nähe lag der Circus Flaminus, in dem anläßlich der Vulcanalia Spiele zu Ehren des Gottes abgehalten wurde.

Der Gott Vulcanus galt als der Schutzpatron und die wichtigste Gottheit der Stadt Ostia. Der dort ansässige, auf Lebenszeit gewählte oberste Priester wurde Pontifex Vulcani et aedium sacrarum genannt und er war der oberste Würdenträger der Verwaltung der Stadt (er wurde bei den Verwaltungstätigkeiten allerdings von weiteren religiösen Amtsträgern, den Aediles und Praetores, unterstützt). Ihm unterstanden alle sakralen Gebäude der Stadt. Er hatte die alleinige Entscheidungsgewalt darüber, ob neue Statuen (insbesondere für die aus dem Osten importierten neuen Kulte) aufgestellt wurden und konnte der Aufstellung auch widersprechen. Sein Status entsprach dem des Pontifex Maximus in Rom.

In der Nähe der italienischen Stadt Puzzuoli im Golf von Neapel liegt ein Gebiet, das Area Vulcani genannt wurde (oder auf griechisch: Agora Hephaistos). Es zeichnet sich durch hohe vulkanische Aktivität des Vulkans Sofatara und starke schwefel-, ammoniak- und quecksilberhaltige Gasexhalationen aus, die aus Blasen im heißen Schlamm austreten.

Götterwelt: die Penaten

Auch: Di Penates, Dei Penates 

Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Die Penaten zählten zu den Hausgöttern (dii familiares), die ursprünglich für die Bewachung der Vorratskammer (Essen, Getränke und Öl) und für den Herd zuständig waren. Sie standen damit in enger Verbindung zur Göttin Vesta. Ihr Name leitet sich vom lateinischen penus (Vorrat) ab. Zu ihren Hauptfunktionen zählte der Schutz der Vorräte vor Ratten, die von ihnen vertrieben wurden, das Hüten der Glut im Ofen, das Inspirieren des Kochs, damit dieser stets etwas Schmackhaftes kochte, sowie der Schutz der Familie bei Nacht, wenn diese schlief. Deswegen war der Herd ursprünglich der „Altar“ ihrer Verehrung.

Penate mit Opferschale und Füllhorn (Britisches Museum London)

Penate mit Opferschale und Füllhorn (Britisches Museum London)

Im Laufe der Zeit wandelte sich jedoch die Vorstellung, die man von den Penaten hatte, und sie vermischten sich mit den Laren (so daß auch sie als Verkörperungen der Seelen der Vorfahren galten), sowie mit dem Genius des Paterfamilias. Das führte dazu, daß sie zur Kaiserzeit nicht mehr am Herd, sondern ebenfalls im Lararium verehrt wurden.

Von Schutzgöttern der Vorräte und des Feuers wurden sie so – wie die Laren – zu Schutzgeistern der ganzen Familie und des Haushalts, die über die Einheit und Eintracht der Familie wachten und dafür sorgten, daß man innerhalb der Familie freundlich, wohlwollend und vernünftig miteinander umging. Mann und Frau mochten Geheimnisse voreinander haben, die Penaten jedoch kannten all diese Geheimnisse. Ein unharmonisches Familienleben war beleidigend für die Penaten, die sich dafür mit Kälte oder Fieber rächten. Gleiches galt, wenn man versehentlich das (normalerweise immer brennende) Feuer im Herd ausgehen ließ – auch das war eine Kränkung der Penaten.

Im Laufe der Zeit verschmolzen sie mit anderen Schutzgeistern und Schutzgottheiten des Hauses. Später rechnete man sogar Vesta, Apollo und alle andere „Hausgötter“, die im privaten Cultus der jeweiligen Bewohner eine Rolle spielen, zu den Penaten. Von den Laren sind sie jedoch streng zu trennen, denn im Gegensatz zu diesen, sind die Penaten mobil und können von einem Ort zum anderen gebracht oder bei einem Umzug mitgenommen werden.

Sklaven, die freigelassen wurden, nahmen die Penaten ihres ehemaligen Herrn für ihren eigenen Haushalt an.

Neben Riten am Lararium schloß man die Penaten auch bei jeder Mahlzeit ein, indem man einen kleinen Teil des Essens in das Feuer des Herdes gab. Auf dem Tisch standen für sie immer ein Salzgefäß und Erstlingsfrüchte. Verließ man das Haus, verabschiedete man sich von ihnen, mit der Bitte, daß sie über einen wachen mögen, und kehrte man zurück, begrüßte man sie wie nahe Verwandte. Bei jedem Familienereignis, egal ob der Anlaß traurig oder fröhlich war, wurden sie – zusammen mit den Laren – einbezogen.

Neben den Hauspenaten, die an eine Familie gebunden waren (und sogar mit dieser umzogen), gab es auch das öffentliche Gegenstück, die Staatspenaten (Penates Publici Populi Romani), die einen eigenen Tempel (aedes) auf der Velia-Anhöhe in der Nähe des Palatins hatten (dieser Tempel wurde im großen Feuer zur Amtszeit Kaiser Neros zerstört). Ihre Aufgabe war es, die „große Familie“ – den Römischen Staat – zu behüten.

Traditionell opferten ihnen dort Römische Magistrate (Consul, Praetor und Dictator) jährlich bei Amtsantritt in einem großen Staatsopfer. Der Legende nach wurden die ersten Penaten von Aeneas (der als Stammvater der Römer gilt) aus Troja nach Lavinium, südlich von Rom, gebracht, wo sie in engem Zusammenhang mit Vesta standen. Auch gab es Statuen von ihnen im Tempel der Vesta auf dem Forum in Rom, sowie in zahlreichen weiteren Heiligtümern. Auch das zeigt, daß Penaten „portabel“ sind und von einem Ort zum anderen gebracht werden können – und wurden.

Attribute und Darstellungen:

Die Penaten sprechen zu Aeneas (Szene aus Vergil:  Aeneid)

Die Penaten sprechen zu Aeneas (Szene aus Vergil: Aeneid)

Hauspenaten sind – im Gegensatz zu den Laren – von Geschlecht und Anzahl her völlig unbestimmt. Bei mehreren Penaten geht man davon aus, daß sie sich die Zuständigkeiten aufteilen, so daß einer für die Getränke, einer für die Speisen und ein dritter für den Herd zuständig ist. Darstellungen zeigen sie (wie die Laren), oft als Jünglinge mit den typischen Attributen Füllhorn (cornucopia) und Opferschale (Patera), so daß sie optisch meist nicht voneinander zu unterscheiden sind.

Im Lararium werden sie jedoch gestaltlos verehrt und weder als Malerei noch als Figuren abgebildet.

Die Darstellung der Staatspenaten im aedes auf Velia zeigte sie als zwei sitzende, lanzentragende Jünglinge, die allerdings ebenfalls Ähnlichkeit mit den Laren hatten.

Opfergaben:

Für die Hauspenaten sind keine speziellen Opfergaben nötig, da Penaten an den Mahlzeiten der Bewohner teilnehmen. Es genügt, ihnen etwas vom eigenen Essen zu geben. Zudem gehören, wie schon erwähnt, Salz und Erstlingsfrüchte zu ihren Gaben, die auf dem Eßtisch stehen.

Im Lararium kann man ihnen – wie auch den Laren – die typischen Opfergaben darbringen: Räucherwerk, Wein, Milch, Ritualkuchen und -brot, Blumen.

Feiertage:

Wie auch den Laren, werden mindestens an den Kalenden, Nonen und Iden den Penaten Opfer gebracht (in der Regel werden sie in die täglichen Handlungen am Lararium integriert). Außerdem werden sie in jedes Familienereignis und -fest einbezogen. Der offizielle Feiertag für die Penaten ist der 14. Oktober.

Sonstiges:

Die heidnische römische Religion und damit die Verehrung der Penaten und Laren wurde im November 392 durch den Kaiser Theodosianus I verboten, inoffiziell wurde der Kult aber noch bis in die Spätantike nachgewiesenermaßen praktiziert.

Götterwelt: Dii Inferi

auch: Di inferi

Römische Darstellung der Trivia / Hekate (Vatikanmuseum, Rom)

Römische Darstellung der Trivia / Hekate (Vatikanmuseum, Rom)

Bei den Dii Inferi („untere Götter“) handelt es sich um die römischen Götter der Unterwelt. Im Gegensatz zu den Dei Consentes, die aus einer klar umrissenen Gruppe aus 12 Gottheiten bestehen, ist die Zusammensetzung der Dii Inferi nicht eindeutig oder klar umgrenzt.

Die römischen Unterweltgötter sind nicht etwa nur – wie die christliche Umdeutung und Gleichsetzung mit Hölle und Teufel später glauben ließ – für Tod, Gewalt, Zerstörung, Untergang und andere negative Dinge zuständig. Ganz im Gegenteil sind auch die Dii Inferi zusammen mit den Dei Contentes, Dei Familiaris, Dei Terrestres und weiteren Gruppen ganz selbstverständlicher Teil der römischen Götterwelt und des römischen Lebens und Kultgeschehens. Selbstverständlich gab es auch für sie Feiertage und Feste, die zum Teil Volksfestcharakter hatten.

Auch diese Götter sind dem Menschen gegenüber nicht feindselig eingestellt oder haben ein generelles Interesse daran, ihm zu schaden. Die negativen Vorstellungen basieren darauf, daß mit dem aufkommenden Christentum Gebete und Rituale für die Dii inferi mit Teufelsanbetung gleichgesetzt wurden. Das entspricht jedoch nicht der römisch-heidnischen Praxis, die keine „guten“ und „bösen“ Götter kennt. Lediglich durch ihre enge Verbindung mit – auch den Römern unangenehmen Themen – wie Tod und Sterben gehörten sie nicht gerade zu den populärsten Göttern mit den meisten Kultanhängern. Das bedeutete jedoch nicht, daß man sich mit bestimmten Anliegen nicht genauso an sie wenden konnte wie an andere Götter.

Ebenfalls zu den inferi werden auch Geister wie die Manes gezählt. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um Götter, sondern um Seelen von Verstorbenen.

Auch standen einige der Dei Consentes, wie Mars (insbesondere in der etruskisch beeinflussten Form) oder Mercurius (als Geleiter der Seelen der Verstorbenen in das Totenreich), ebenfalls mit Tod und Unterwelt in Verbindung. Gleiches galt für alle Götter, die für Geburt zuständig waren, da Geburt auch immer im Zusammenhang mit Tod steht.

Zu den Dii Inferi zählen:

Mund des Orcus (Bomarzo, Italien)

Mund des Orcus (Bomarzo, Italien

  • Dis Pater, der als höchster Gott zusammen mit seiner Frau Proserpina über die Unterwelt regiert.
  • Trivia („Drei Pfade“), eine römische Version der Hekate, Göttin der Kreuzwege, Friedhöfe und Zauberei, die als einer der drei Aspekte der „Dreifachen Göttin“ (zusammen mit Proserpina und Luna) gilt.
  • Orcus (ein alt-etruskischer Gott, dessen Name oft mit der Unterwelt selbst gleichgesetzt wird) und der als der Bestrafer für Eidbrüchige gilt
  • Summanus, Gott des nächtlichen Donners (als Gegenpol zu Jupiter, der für Donner bei Tag zuständig ist)
  • Mors, die Personifikation des Todes
  • Die Lemuren, die gestaltlosen Totengeister, die rastlos umherziehen, weil sie keine angemessene Grabstätte hatten und deswegen keine Ruhe finden. Ovid faßt unter ihnen auch die Manes und di parentes, die Ahnengötter der Unterwelt zusammen. Zu den Manes zählen sowohl die potentiell bösartigen und rachsüchtigen Larvae als auch die wohlwollenden und gutmeinenden Laren. Um die Lemuren positiv zu stimmen, wurden jedes Jahr im Mai die mehrtägigen Lemuralia gefeiert
  • Libitina, Göttin der Beerdigungen. Nach ihr wurden die Totengräber libitinarii genannt. Sie ist etruskischen Ursprungs, wird in späterer Zeit aber häufig mit der Göttin Venus assoziiert oder gilt als einer ihrer Aspekte
  • Mana Genita oder Genita Mana, Göttin der Kindersterblichkeit, die darüber entscheidet, ob ein Kind lebend oder tot geboren wird
  • Mater Larum („Mutter der Laren“), eine Göttin, deren Zuordnung nicht ganz eindeutig ist. Andere Namen sind Mania, Larunda, Muta oder Tacita („die schweigende Göttin“), deren Zunge herausgeschnitten wurde und die aus dem Tageslicht in die Unterwelt verbannt wurde
  • Nenia Dea, Göttin der Trauer bei Beerdigungen
  • Parca Maurtia oder Parca Morta, eine der drei Schicksalsgöttinnen (Parzen), die über Tod und Leben entscheidet

Opfer an die Dii Inferi wurden in die Erde gegeben, meist in Erdöfen oder Brandgruben.

Tieropfer wurden, im Gegensatz zu den Tieropfern für die Dei Consentes, nicht anschließend verspeist, sondern vollständig zu Asche verbrannt (Holocaust), weil es für Lebende verboten war, Speisen mit den Toten zu teilen. Deswegen waren typische Opfertiere meist Tiere, die von den Römern als nicht-essbar betrachtet wurden, wie Pferde (Römer aßen kein Pferdefleisch) und Hundewelpen (die insbesondere für Trivia / Hekate verbreitet waren).

Rituale wurden außerhalb der Stadtmauern Roms abgehalten, wo sich die Tempel und heiligen Stätten (sowie die Gräber und Friedhöfe) befanden. Pferde- und Wagenrennen waren typisch für die Festivitäten zu Ehren von Unterweltsgöttern, wie bei den Consualia, den taurischen Spielen (Ludi Taurii) und anderen Veranstaltungen an den heiligen Stätten auf dem Marsfeld vor der Stadt. Insbesondere die Triga, ein seltener Wagentyp, der von drei Pferden gezogen wurde, wurde ausschließlich für Rennen zu Ehren der Dii inferi eingesetzt, da die drei Pferde die drei Phasen des Lebens symbolisieren: Kindheit, Erwachsenenalter, Greisenalter.

Eines der bekanntesten Opfer, das man den Dii Inferi gelobte, war die „Devotio„, bei der ein General in der Schlacht sein eigenes Leben als Opfer anbot, wenn die Schlacht dafür siegreich ausgehen würde. Er stürzte sich daraufhin in vorderster Linie in den Kampf, mit dem Ziel, sein Leben zu verlieren. Überlebte er es unwahrscheinlicherweise, wurden ihm alle Bürgerrechte abgesprochen und er war ein Verstoßener, mit dem niemand reden durfte, da er auf diese Weise ebenfalls als „tot“ erklärt wurde – und damit der Vertrag mit den Göttern als eingehalten galt.

Gebete an die Dii Inferi werden, anders als für die Himmels- und terrestrischen Götter, nicht mit erhobenen Händen (manu supinum), sondern mit auf die Erde gelegten Händen gesprochen, da man im römischen Cultus die Hände stets in die Richtung dessen hält, an den man sich richtet.

Götterwelt: Mercurius

Zuständigkeiten und Bezeichnungen:

Mercurius auf einem Wandgemälde in Pompeji

Mercurius auf einem Wandgemälde in Pompeji

Eingedeutschter Name: Merkur. Sein Name stammt vermutlich vom lateinischen Wort „merx“ für „Ware“ ab. Er gilt als Götterbote, Glücksgott, Gott der Händler und der Diebe. Er spielte im Römischen Kult eine bedeutende Rolle, da er als Gott der Händler auch der Beschützer für den (lebenswichtigen) Getreidehandel war.

Mercurius gilt außerdem als Führer der Seelen in die Unterwelt. Er führt auch die Träume von Morpheus in die Träume der schlafenden Menschen.

Daneben gehörte zu seinen Zuständigkeiten die Redegewandheit (ein Muß für einen guten Händler) und daraus folgend die Poesie. Er war zuständig für Gewinn und finanziellen Wohlstand, das Übermitteln von Nachrichten und Kommunikation, was sogar für die Wahrsagekunst (Divination) galt. Er ist ein Beschützer der Reisenden und wird als solcher für sichere Reisen angerufen. Ebenso ist er zuständig für Glück, aber auch für Trickbetrügereien.

Besondere Verehrung (weitaus mehr als in Rom) fand Mercurius in den nördlichen Provinzen in Gallien, Germanien und Britannien unter der einheimischen römischen wie gallischen und germanischen Bevölkerung.

In Gallien wurde er unter anderem mit der höchsten gallischen Gottheit, Teutates, gleichgesetzt, was zu einem rasanten Anstieg seiner Verehrung und Beliebtheit unter den romanisierten Galliern führte. Daneben wurde er mit weiteren keltischen Gottheiten gleichgesetzt, wie Lugus, sowie mit Cissonius und Visucius, so daß er besonders in Nordostgallien (Raum Koblenz, Trier, Hunsrück) im römischen Cultus gemeinsam mit seiner keltischen Gefährtin Rosmerta verehrt wurde.

Auch in Germanien wurden mehrere Weihesteine gefunden, die ihm von Gläubigen gestiftet wurden (sowohl von Einzelpersonen als von Stämmen) und die auf eindeutig germanische Herkunft hindeuten, auch wenn sie auf Latein beschriftet waren. Laut Tacitus wurde Mercurius dort von den Germanen mit einem ihrer wichtigsten Götter gleichgesetzt und damit zum „Hauptgott“ der germanischen Stämme. Unter den gallischen Kelten galt er zudem als Fruchtbarkeitsgott und Glücksbringer. In den nördlichen Provinzen galt er zudem als der „Erfinder aller Künste“.

Seine Herkunft liegt möglicherweise im etruskischen Gott Trums, dem die gleichen Attribute und Zuständigkeiten zugesprochen wurden, sowie im griechischen Gott Hermes. Im Unterschied zu diesem hat Mercurius jedoch auch eine kriegerisch-militärische Komponente.

In der Mythologie gilt er als der Vater der Laren, der sich in die Nymphe Larunda verliebte, als er sie eigentlich in die Unterwelt geleiten sollte. Sie bekam zwei Kinder von ihm: die Laren (Quelle: Ovid).

Mercurius ist einer der Dei Consentes.

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Mercurius-Gebrinius ist ausschließlich aus Bonn bekannt (Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2. Jhd)

Er ist unter zahlreichen Bezeichnungen bekannt, die oft Bezug auf seine keltischen Entsprechungen nehmen. So wurde er im Bereich des heutigen Belgien und Frankreich als Mercurius Artaios verehrt (Artaios war ein keltischer Gott der Bären und der Jagd). Im Rheinland verehrte man ihn als Mercurius Avernus, nach dem Gott Avernus des keltischen Stammes der Averner. Im Bereich zwischen Köln und Frankreich kannte man ihn auch als Mercurius Cissonius nach dem gallischen Gott Cissonius, der ein Beschützer der Reisenden und Gott der Händler war. Von einem Altar aus Bonn kennt man ihn als Mercurius Gebrinius, einer lokalen Mercurius-Variante des dort ansässigen Stammes der Ubier, sowie unter zahllosen weiteren regionalen Namen.

Sphäre:

Himmlisch, irdisch und der Unterwelt zugehörig.

Attribute und Darstellungen:

Typische Darstellungen zeigen Mercurius als schlanken jungen, bartlosen Mann mit geflügelten Schuhen und geflügeltem Helm (oder Flügeln, die direkt aus seinem Kopf wachsen). Oft hält er den Caduceus in seiner linken Hand (einen Botenstab, der von zwei Schlangen umschlungen wird und ihm einst von Apollo geschenkt wurde. Dieser Stab kann Menschen einschläfern, aufwecken und ihnen durch Träume Botschaften übermitteln).

Oft wird er zusammen mit Tieren dargestellt, wie dem Hahn (der als der Bote des neuen Tages gilt), einem Bock, Widder oder einer Ziege (Symbole der Fruchtbarkeit), oder einer Schildkröte (dies nimmt Bezug auf die Legende, daß er einst eine Lyra aus einem Schildkrötenpanzer baute).

Eine ebenfalls sehr verbreitete Darstellung zeigt ihn mit einem Geldsäckchen (Masurpium) in der Hand. Mercurius ist meistens nackt oder nur mit einem über den Arm gelegten Mantel bekleidet.

Opfergaben: 

Räucherwerk, Wein (außer bei Mercurius Sobrinus, der Milch statt Wein erhält), Bohnen und Grünzeug, Zypresse, Krokus, Einjähriges Bingelkraut (englisch: herb mercury)

Kulttiere: 

Ziege, Hahn, Widder, Bock

Feiertage:

Verschiedene Mercurius-Darstellungen (Römisch-Germanisches Museum Köln, 2013)

Verschiedene Mercurius-Darstellungen (Römisch-Germanisches Museum Köln, 2013)

Sein wichtigstes Fest sind die Mercuralia an den Iden des Mai (15. Mai). Im Gegensatz zu anderen Göttern, gab es für ihn keine speziellen Priester, die für seinen Kult zuständig waren.

Die Mercuralia galten als Fest des Handels. Händler besprenkelten an diesem Tag ihre Köpfe, ihre Geschäfte und ihre Schiffe mit heiligem Wasser, das von einer Quelle an der Porta Capena in Rom genommen wurde, einem der wichtigsten Stadttore Roms („Aqua mercurii“).

Die Iden des Mai galten als der Geburtstag des Gottes und an diesem Tag erbat man sich Glück, guten Profit und bat um Vergebung für vergangene und zukünftige Vergehen (wie das Über-den-Tisch-Ziehen eines Kunden!).

Sonstiges:

Mercurius gehörte zu den beliebtesten der römischen Götter (wie Funde aus Pompeji zeigen). Sein Tempel stand in Rom in der Nähe des Circus Maximus zwischen den Hügeln des Palatin und des Aventin, wo reger Handelsverkehr herrschte und gleichzeitig seine Funktion als „Vermittler“ betont wurde, denn auf dem Palatin lebten die wohlhabenden Bürger, während der Aventin Hochburg der einfachen Leute war.

Rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue im Tempelkomplex Tawern

Rekonstruierte, 2,08 Meter große Merkurstatue im Tempelkomplex Tawern

Mercurius-Altäre sind in der Regel Rundaltäre.

Nach Mercurius wurde der dritte Wochentag (Mercurii dies) benannt, was sich noch heute in Ländern mit romanischen Sprachen wiederfindet (Französisch: mercredi, Spanisch: miércoles, Italienisch: mercoledi).

In Deutschland und Luxemburg sind zahlreiche Mercurius-Tempel zu finden, so der Merkur-Rosmerta-Tempel bei Koblenz oder der rekonstruierte Merkur-Tempel in Tawern an der Mosel mit einem originalgetreuen, überlebensgroßen Merkur-Kultbild, das nach römischer Tradition sogar farbig bemalt wurde.

Antike Quellen mit Gebeten an Mercurius:

  • Horaz: Satires 2.6.14; Sermones II 6,4;
  • Manilus: Astromica 1.30ff;
  • Martial: Epigramme 7.74;
  • Ovid: Fasti 5.477; 5.663; 5.681;
  • Persius: Satires II 45;
  • Plautus: Bacchides 892;
  • Anthologia Latina II 1528

Götterwelt: Dei Consentes

auch: Dii Consentes.

Die Kapitolinische Trias (239 n.Chr, Xanten), Weihestein im Rh. Landesmuseum Bonn

Die Kapitolinische Trias (239 n.Chr, Xanten), Weihestein im Rh. Landesmuseum Bonn

Hierbei handelt es sich um eine Gruppe aus 6 Göttern und 6 Göttinnen, die von den Römern besonders verehrt wurden und die als die „Hauptgötter“ des Römischen Pantheons gelten: Jupiter, Juno, Minerva, Vesta, Ceres, Diana, Venus, Mars, Mercurius, Neptun, ApolloVulcanus. Die drei höchsten von ihnen (Jupiter, Juno und Minerva) bildeten die „Kapitolinische Trias„, die den anderen Göttern vorstand.

Woher die Versammlung von 12 höchsten Göttern ursprünglich stammt, ist unbekannt – weder die Römer noch die Griechen waren die ersten, die ihren Pantheon auf diese Weise strukturierten. So finden sich die 12 höchsten Götter schon in mehreren Kulturen, die den griechischen und römischen Kulturen vorausgingen.

Bereits im mit Troja verbündeten, später von Persien und Alexander dem Großen eroberten Lykien (im heutigen Anatolien), wurden 12 Götter verehrt. Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. stand Lykien unter griechischem Einfluß, so daß starke Vermischungen der Kulturen stattfanden.

Gleichzeitig war auch bei den Etruskern, die vor den Römern ab dem Jahr 1000 v. Chr. über Mittel- und Norditalien herrschten (schließlich aber ab 300 v. Chr. im Römischen Reich aufgingen), eine Gruppe von 12 Göttern bekannt, die als „Götterrat“ oder Ratsversammlung mit beratender Tätigkeit für den höchsten Gott Tinia galten. Der Name „Consentes“ ist die lateinische Übersetzung des etruskischen Wortes für „übereinstimmen“, was den Versammlungsaspekt des Götterrates beschrieb. Der höchste etruskische Gott Tinia war ein Blitz-, Himmels- und Lichtgott und als solcher die etruskische Entsprechung zum römischen Gott Jupiter.

Bei den Römern bildeten Jupiter, seine Frau Juno und ihre Tochter Minerva die „Kapitolinische Trias“. Das entspricht der höchsten Triade bei den Etruskern: Tinia, der sich ebenfalls durch das Schleudern von Blitzen auszeichnete und als Himmels-, Blitz- und Lichtgott galt. Weitere Parallelen zu den etruskischen Vorläufern sind offensichtlich – Tinias Frau war Uni (die römische Juno) und ihre gemeinsame Tochter war Menrva (Minerva).

Da die Etrusker ebenfalls Kontakt zu den zu dieser Zeit in Süditalien siedelnden Griechen hatten und sich die Völker gegenseitig beeinflussten (wie man unter anderem an der Verehrung des Gottes Apulu / Apollo durch die Etrusker erkennen kann, der wiederum möglicherweise aus einer vor-griechischen – minoischen oder anatolischen – Kultur stammt), ist nicht eindeutig festzulegen, wer wen zuerst im Hinblick auf einen Rat aus den zwölf höchsten Göttern beeinflusst hat.

Auch bei anderen im Mittelmeerraum ansässigen Kulturen, wie den weitaus älteren Hethitern (2. Jahrtausend v. Chr), wurden bereits 12 hohe Götter verehrt.

Die vergoldeten Statuen der Dei Consentes standen auf dem Forum Romanum. Im Jahre 367 n. Chr. wurden sie durch den spätrömischen Senator Vettius Agorius Praetextatus in den Tempel Porticus Deorum Consentes verlegt, da der Senator ein Verfechter des traditionellen römischen Götterkultes war und diesen vehement gegen das erstarkte Christentum verteidigte. Ihr Tempel gilt als Beweis der heidnischen Renaissance, die für kurze Zeit im 4. Jahrhundert das Römische Reich erfaßte.

Götterwelt: Janus

Zuständigkeiten und Bezeichnungen: 

Gott des Anfangs und des Endes, des Ursprungs, der Ein- und Ausgänge, der Türen, Türschwellen und Tore (insbesondere auch der Stadttore). Gott des Anfangs, des Übergangs und der Bewegung. Gott der Zeit.

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne  griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Janus, Gott aller Anfänge, Türen und Tore, ist ein urrömischer Gott ohne griechische Entsprechung (Münze aus Canusium)

Janus Pater gilt als der „Vater aller Dinge“ und gilt als einer der ältesten (oder ersten) Götter überhaupt. Im Gegensatz zu vielen anderen Göttern ist er rein römischen Ursprungs und hat keine Entsprechung in der griechischen (oder einer anderen Mythologie). Ursprünglich ein Sonnengott, gilt er auch als „der Erschaffer“, Gott des Lichts und Bewacher der himmlichen Tore, dem allein es zu verdanken ist, daß Jupiter hinein und hinausgehen kann. Da er über Anfang und Ende wacht, wacht er auch über Krieg und Frieden – so waren die Tore seiner Tempel in Kriegszeiten oft geöffnet („Janus Patulcius„) und in Friedenszeiten geschlossen („Janus Clusivus„).

Als Gott des Übergangs war er auch für Geburt, Übergangszeiten, Reisen, Schutz der Straßen, Handel und Schiffahrt zuständig. „Janus Consivius“ beschreibt seine Funktion als der „Säher“, der am Anfang der menschlichen Existenz steht und der generellen Existenz allen Lebens (Aussaat, Befruchtung), er „öffnet den Weg, um den Samen zu empfangen“.

„Pater“ ist der wichtigste Beiname, der zwar bisweilen auch anderen Göttern gegeben wird. Aber werden mehrere Götter gleichzeitig angerufen, erhält nur Janus diesen Beinamen. „Pater“ (Vater) ist dabei nicht nur ein Ehrentitel, sondern eine Beschreibung seiner Funktion als erster Gott (und damit „Vater“ aller Götter).

Eine allgemeine Bezeichnung für ihn ist auch Janus Bifrons („Zweistirnig“) oder Janus Geminus („der Doppelte“), weil seine typische Darstellung ihn mit zwei Gesichtern zeigt, die in gegensätzliche Richtungen schauen.

Sphäre: 

Irdisch (Türen und Tore). Himmlisch (Anfang und Ende, Morgensonne, neues Jahr)

Attribute und Darstellungen: 

Die typische Darstellung zeigt Janus mit zwei Gesichern (zum Teil mit Bart), die in entgegengesetzte Richtungen schauen (vorwärts und rückwärts blickend, räumlich oder zeitlich). Aus der Zeit von Hadrian gibt es zudem Darstellungen (v.a. auf Münzen), die ihn viergesichtig zeigen („Quadrifons“). Die verbreitetste Darstellung ist doch die zweigesichtige.

Daneben sind typische Attribute sind ein Stab in der rechten Hand und ein Schlüssel in der linken Hand als Symbol für seine Funktion als Wächter der Türen, Toren und der himmlischen Pforten.

Opfergaben: 

Räucherwerk, Wein, Kuchen (Strues)

Kulttiere: 

Bock, Lamm

Feiertage: 

Der 1. Januar und der 17. August sind Janus Pater geweiht. Janus darf nicht an den Unglückstagen („dies ateri“)  oder vier Tage vor den Kalenden, Iden und Nonen angerufen werden (siehe unseren Kalenderartikel).

Sonstiges: 

Janus gilt – neben Jupiter – als der wichtigste Gott im Pantheon. In jedem Gebet, Ritual, in jedem Opfer und jeder Zeremonie wird er als erster angerufen, gleichgültig, wem die Aufmerksamkeit danach gilt.

Der Monat Januar (Ianuarius) ist nach ihm benannt.