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Der Ritus christianus in der Religio Romana – Teil III: Judenchristen und Heidenchristen

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Zu Teil II: Aufstieg eines Mysterienkultes

Im vorherigen Teil haben wir skizziert, wie sich das Christentum innerhalb des heidnischen römischen Kontextes aus einem von vielen, damals durchaus konkurrierenden Mysterienkulten entwickelte. Im Gegensatz zu den anderen Kulten, die in der römischen Antike praktiziert wurden, nahm das Christentum aber schließlich eine dominante Stellung ein, bis es schließlich zur Staatsreligion erhoben wurde.

Es läßt sich im Rahmen dieser Reihe natürlich nicht die Christianisierung in allen Schritten nachzeichnen, dies ist auch nicht unser Anspruch. Hier kommt man um ein Selbststudium der entsprechenden Literatur nicht herum.

Ein wichtiger Aspekt des Urchristentums, wie es sich zu heidnischen Zeiten in der römischen Antike entwickelte, soll in diesem Teil jedoch besonders betrachtet werden:

Kulturelle Bruchlinien im Urchristentum

Was für uns relevant im Rahmen der behandelten Thematik ist, ist der allgemeine gesellschaftliche Tenor, der letztendlich überhaupt zur Erfolgsgeschichte der christlichen Religion im heidnischen Umfeld beitrug.

Besonders interessant ist hierbei die Tatsache, dass wir bereits relativ früh in der Zeit des Urchristentums (bezeichnet die Zeit nach der Kreuzigung Jesu) bestimmte Brüche feststellen können, die mit der griechischen Kultur verbunden sind – und zwar getragen durch in dieser Kultur sozialisierten Juden.

Diesen Sachverhalt wollen wir an dieser Stelle deswegen kurz skizzieren, weil er bezogen auf die oft in neopaganen Kreisen kolportierte Mär vom Christentum als „fremde jüdische Wüstenreligion“ doch ziemlich erhellend ist.

Das Christentum entwickelte sich anfangs in der Tat gänzlich innerhalb des Judentums. Jesus und seine Schüler darf man sicherlich als innerjüdische Sonder- oder evtl. auch Reformgruppierung ansprechen, die einerseits bereits im Judentum angelegte Ideen neu formulierte, teilweise auch verschärfte (etwa die generelle Herrschaft Gottes im Hier und Jetzt), andererseits einen expliziten heilsgeschichtlichen Fokus durch das Erleben Gottes besonders betonte (Heilungen, Wunder, Exorzismen etc.) sowie eine endzeitliche Naherwartung des Reiches Gottes vertrat.

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Jakobus, Fresko in der Kathedrale von Le Puy en Velay (Bild: gemeinfrei)

Nach der Kreuzigung Jesu um das Jahr 30, durch die die Erwartungen an seine Rolle massiv enttäuscht wurden, finden wir seine Anhängerschaft vorwiegend in Galiläa versammelt, obgleich wohl auch manche in Jerusalem verblieben waren (Mk 15,40f).

Durch im Umlauf befindliche Berichte von Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus festigte sich in diesen Kreisen dann aber wieder der Glaube an die Messianität und letztlich an die Wiederkunft Jesu. In der Folge und motiviert durch diese sich verbreitenden Erzählungen sammelten sich die Anhänger Jesu wieder verstärkt in Jerusalem, wo sie in der dortigen Gemeinde unter der Leitung von Petrus, Johannes und Jakobus agierten und wo sie sich nun offenbar eine neue Deutung der Ereignisse erarbeiteten, die ihnen eine tragende Zukunftsvision an die Hand gab.

Ihre anfängliche Erwartung an den – zunächst völlig im jüdischen Kontext verstandenen – Messias war ganz offensichtlich enttäuscht worden; die Tatsache, dass ihr Meister einen in damaligen Augen schändlichen Tod am Kreuz starb, musste einen verheerenden Eindruck hinterlassen haben und passte so gar nicht zur Vorstellung des jüdischen Messias. Aber die hartnäckig kursierenden Berichte von Begegnungen mit dem offenbar lebenden Jesus gaben nun Anlass zu denken, dass Gott selbst hier einfach in völlig unerwarteter Weise in das Leben der Menschen eingegriffen und Jesus in einer Rolle bestätigt hatte, die über die jüdische Messiasidee und damit über das, was seine Anhänger in ihm ursprünglich gesehen hatten, weit hinausging. Gerade im offensichtlich völligen Scheitern am Ende seines Lebens und Wirkens, dann aber gekrönt durch die Auferstehung, sahen seine Anhänger nun den eigentlichen Impuls des Sieges – des ultimativen Sieges, weil über den Tod – gegeben, der zum Impuls für ein Weiterwirken der Gemeinschaft werden sollte.

Bis auf diese spezifischen Glaubenspunkte, die die heilsgeschichtliche Rolle Jesu betrafen, fielen die Urchristen allerdings im jüdischen Umfeld erst einmal nicht weiter auf, denn sie verhielten sich ansonsten überwiegend traditionskonform – so beteten sie im Tempel, brachten Opfer dar, sprachen Aramäisch, die Beschneidung wurde traditionell praktiziert, die Speisevorschriften beachtet und das mosaische Gesetz besaß für sie volle Gültigkeit.

Ihre religiösen Sonderformen wie die Taufe oder regelmäßige Treffen in Hausgemeinden, wo sie das Herrenmahl zum Gedächtnis an das letzte Mahl Jesu feierten und auch die missionarische Tätigkeit unter ihren jüdischen Landsleuten, wo sie für ihre Überzeugungen zu werben suchten, hatten deshalb anfangs keinen wirklich trennenden Effekt bezogen auf die jüdische Gemeinschaft in der sie lebten. Diese ersten Judenchristen lebten bis zur angeordneten Hinrichtung des Jakobus im Jahre 62 n. Chr. durch den Sanhedrin, der bereits etwa 20 Jahre vorher Stephanus hatte steinigen lassen, in Jerusalem und wanderten erst danach in die Gebiete des Ostjordanlandes ab.

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Steinigung des Stephanus, des 1. Märtyrers des Christentums (Zerstörtes Fresko aus dem Dom zu Speyer, Bild: gemeinfrei)

Stephanus wiederum, der durch seine Hinrichtung wegen seines Bekenntnisses zu Jesus als dem Christus als Erzmärtyrer (erster Märtyrer der christlichen Geschichte) gilt, gehörte zu den sog. „Hellenisten“, sprich Juden in der Jerusalemer Gemeinde, die ursprünglich aus den Diasporasynagogen des östlichen Mittelmeerraumes, also Nordafrika, Ägypten und Syrien kamen und im Gegensatz zu den „Hebräern“ nicht Aramäisch, sondern von Haus aus Griechisch sprachen (das sog. Koine-Griechisch, eine aus verschiedenen Dialekten gebildete Allgemeinsprache (ἡ κοινὴ [διάλεκτος] / hē koinḕ [diálektos] = „der allgemeine [Dialekt]“)).

Ihre Sozialisierung in der griechischen Kultur hat sich dabei aber nicht nur auf die Sprache beschränkt, sondern war in umfassender Weise prägend – sie trugen griechische Namen, waren in dieser kulturellen Umgebung integriert und Träger ihrer Bildung. Diese griechisch gebildeten Juden hatten vor diesem besonderen Hintergrund auch bereits früh begonnen, ihre Religion neu zu reflektieren und zu interpretieren – man relativierte dabei ihren Status als Religion einer spezifischen Ethnie und nutzte auch allegorische Auslegungen der biblischen Texte, was grundsätzlich eine andere, eine offenere Herangehensweise an die im Judentum verankerte Gesetzesreligion belegt. Insofern gab es nicht nur Sprachgrenzen, die auch dazu führten, dass die „Hebräer“ und die „Hellenisten“ eigene Gemeindestrukturen entwickelten, sondern mit der Zeit eben auch eine divergente theologische Ausrichtung beider Gruppen.

Diejenigen Hellenisten, die nun in Kontakt mit der Botschaft von Jesus als dem Messias kamen und diese als für sich verbindlich adaptierten, brachten dabei diese kulturelle Eigenständigkeit mit, die nun wiederum auch ihre Sichtweise und Interpretation dessen färbte, was sie über Jesus und seine Lehre hörten. Wie schon in der genuin jüdischen Gemeinde, führte dies auch zu einer Zweiteilung in der judenchristlichen Jerusalemer Urgemeinde.

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Bild des Jesaja in der Synagoge von Dura Europos (im heutigen Syrien), eine Synagoge des hellenistischen Judentums, die vollkommen mit figürlichen Wandmalereien und biblischen Szenen dekoriert war (Bild: gemeinfrei)

Alleine schon wegen der sprachlichen Ausrichtung missionierten diese Judenchristen wiederum vor allem die hellenistischen Juden, was sie von den aramäisch sprechenden Judenchristen weiter entfernte, aber eben letztlich auch in Konflikte mit den konservativen Juden der hellenistischen Synagogen brachte.

Auch scheint es so zu sein, dass, bedingt durch ihre kulturelle Prägung, ihre Einstellung zu punktuellen religiösen Fragen eine andere war und so etwa die Kritik der hellenistischen Judenchristen an den gewachsenen Tempelstrukturen ausgeprägter war, als bei den aramäisch sprechenden Judenchristen.

Entsprechende gesetzeskritische Motive in der Jesusüberlieferung wurden dabei offenbar aufgenommen und konsequenter umgesetzt, was sich auch darin zeigt, dass Stephanus nach der Schilderung der Apostelgeschichte explizit eine Lästerung des Mose und des Tempels vorgeworfen wird (Apg 6:8-15), was diesen Konflikt zwischen den Juden und Judenchristen in den hellenistischen Gemeinden belegt.

Trennung von Judentum und Christentum

Das Palästina des 1. Jhd. war tief beeinflusst von hellenistischer Kultur, immerhin hatte Alexander der Große bereits 400 Jahre v. Chr. einen riesigen Bereich erobert – zu dem auch Palästina gehörte – und pflanzte in seinem Herrschaftsgebiet die Samen der griechischen Kultur und Sprache. Diese kulturelle Beeinflussung hörte mit dem Tode Alexanders nicht auf und blieb Teil der sich in der Folge entwickelnden Ideen und Strukturen, so das sich das Judentum in diesem Gebiet auf quasi natürliche Weise mit dem Hellenismus verband.

Insofern ist die Aussage, dass sich das Christentum vor der Ausformung in Rom aus dem Judentum heraus entwickelte, zwar korrekt, aber eben nicht wie manchmal verstanden, aus einem unbeeinflussten Judentum im Gegensatz zur griechisch-römischen Kultur. Die jüdischen Revolten zielten somit auch nicht auf eine Abgrenzung zu dieser bereits mit dem Judentum eng verflochtenen hellenistischen Kultur, sondern auf die politische Unabhängigkeit.

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Elijas Opfer auf dem Berg Karmel, eine weitere Wandmalerei aus der jüdisch-hellenistischen Synagoge von Dura Europos. Die Opfernden sind in griechisch-römischem Stil in Toga und Tunika gekleidet (Bild: gemeinfrei)

Politische Gründe waren es denn auch, die eine Abgrenzung der Christen von den Juden förderten, da erstere nicht in den Ruch einer den Staat gefährdenden messianischen Bewegung geraten wollten. Die jüdischen Revolten der Jahre 66 – 70 n. Chr. und 132 – 135  n. Chr. führten dazu, das die Juden im Römischen Reich zunehmend argwöhnisch bis feindselig betrachtet wurden und Rom machte grundsätzlich mit Gruppierungen, die sich der Staatsräson nicht unterordnen wollten, kurzen Prozess.

Bereits in den Evangelien finden sich deshalb Relativierungen, was etwa die zugrundeliegenden Beweggründe für die Hinrichtung Jesu betrifft, die hier bewusst eher als innerjüdische Problematik dargestellt werden. So finden wir etwa die Zuweisung der Schuld an den jüdischen Sanhedrin, eine eher positiv gehaltene Darstellung des römischen Statthalters Pontius Pilatus und andere ähnliche Beleuchtungen der historischen Geschehnisse im Sinne einer relativierenden Absicht. In den Erzählungen der Evangelien wird diese Propagierung einer dem römischen Staat zumindest neutral gegenüberstehenden Einstellung sogar Jesus selbst zugeschrieben:

Einige Pharisäer und einige Anhänger des Herodes wurden zu Jesus geschickt, um ihn mit einer Frage in eine Falle zu locken. Sie kamen zu ihm und sagten: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und dabei auf niemand Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst wirklich den Weg Gottes. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? Er aber durchschaute ihre Heuchelei und sagte zu ihnen: Warum stellt ihr mir eine Falle? Bringt mir einen Denar, ich will ihn sehen. Man brachte ihm einen. Da fragte er sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten ihm: Des Kaisers.
Da sagte Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Und sie waren sehr erstaunt über ihn. (Mk, 12: 13-17)

Wir haben deshalb schon in dieser ganz frühen Zeit einen sich deutlich abzeichnenden doppelten Bruch, einerseits zwischen Christen und Juden, andererseits in der christlichen Gemeinschaft bedingt durch die kulturelle Prägung der nicht in einem jüdischen Kontext aufgewachsenen sog. Heidenchristen.

Jesus Christos (von griechisch Χριστός, Christόs, = „der Gesalbte“), der Titel, der sich für Jesus in der christlichen Deutung etablierte, musste für pagane Griechen und Römer gleichermaßen unverständlich bleiben, aber auch für die in dieser Kultur aufgewachsenen Heidenchristen, denn Salbungen als sakrale Akte wie sie im Judentum vorkommen, kannten die im paganen Umfeld sozialisierten Heidenchristen nicht.

Dies war für sie nur als Teil der täglichen Hygiene bekannt, hatte im Sinne eines sakralen Titels dementsprechend keine wirkliche Bedeutungsbasis für sie. Diese Änderung in der Wahrnehmung von solchen Aspekten fand bereits vor Paulus statt, also durchaus zu einem sehr frühen Zeitpunkt und kennzeichnet damit diese kulturellen Bruchlinien, die sich hier zwischen Judenchristen und Heidenchristen auftaten. Paulus selbst verwendet im Bewußtsein der bei seiner Zielgruppe zugrundeliegenden Unkenntnis einer solchen Bedeutung Jesus Christus ebenfalls als Eigenname. Natürlich kannte er die Bedeutung des Namens als Weihetitel, wusste aber eben auch, dass sich dies im paganen Umfeld so erst einmal nicht vermitteln ließ, zumindest nicht ohne langwierige Erklärungen.

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Paulus und Petrus, Grabplatte aus der Hippolyt-Katakombe in Rom, 4. Jahrhundert (Bild gemeinfrei / public domain)

Im heidenchristlichen Kontext wurde nun vielmehr als sakral bedeutender Terminus relativ schnell Kyrios (vom griechischen Κύριος, Herr) verwendet, was auf die griechische Übersetzung des Alten Testamentes zurückgeht und damit erstmals im griechischen Sprachraum aufkam. Dieser Begriff ist als Ausdruck der Erhöhung Jesu als den Tod überwindender Auferstandener zu verstehen, kennzeichnet damit die Vergöttlichung des irdischen Jesus und nahm damit sowohl die immer noch bei seinen Anhängern präsente Idee der Naherwartung seiner Wiederkunft (Parusie) auf, ebnete aber letztlich auch den Weg für weiterführende theologische Bilder und Konzepte, die weit über das hinausgingen, was ursprünglich in der Bewegung angelegt war.

Heidenchristen und Mysterienkulte im Römischen Reich

Diese Vorstellungen lösen sich dann auch in der Folge der inhaltlichen Entwicklung innerhalb dieses neuen Verstehenshorizontes immer mehr von einer zeitlich konkreten, und damit wirkungsgeschichtlich eng begrenzten, historischen Verortung, nehmen zeitlose Hoffnungen auf und transportieren religiöse Erwartungen, die sich zu dieser Zeit auch in den anderen Mysterienkulten finden lassen. Der Messias, der im jüdischen Kontext eine menschliche Königsgestalt ist, die eine auch und gerade politische Befreiung des Volkes Israel zum Ziel hatte, wird in hellenistisch-paganer Interpretation zum „erhöhten Herrn“, was seinen weltlichen Charakter relativiert und die Bedeutung des Begriffs transformiert zum Ausdruck der Verehrung eines himmlischen Wesens:

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ,Jesus Christus ist der Herr.‘ – zur Ehre Gottes, des Vaters. (Phil 2,6ff.)

Durch eine solche Beschreibung und die Bilder die sich diesem Verständnis nach dann entwickelten, präsentierte sich das Christentum nun grundsätzlich in der vertrauten Form der aus dem Osten kommenden Kulte, die eine esoterische Lehre für die Eingeweihten boten, wie sie die Heiden von den anderen Mysterienkulten kannten.

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Kulthandlungen im Mithras-Kult wurden oft in unterirdischen Höhlen abgehalten und waren nur Eingeweihten zugänglich (Mithräum Saalburg, eigenes Foto)

In den verschiedenen konkurrierenden Mysterienkulten wurde ganz offensichtlich von ähnlichen Dingen gesprochen – ein Gottwesen inkarniert sich auf der Erde, nimmt das Leben der Menschen an, um an ihren Sorgen und Nöten teilzuhaben, geht selbst den Weg der Sterblichkeit in den Tod hinein, erhebt sich aber dann seiner eigentlichen Natur gemäß gottgleich wieder aus dem Schattenreich und vermittelt den Eingeweihten, denen, die  durch ein heiliges Mahl, in dem sie Blut und Leib dieses Gottes in sich aufnehmen, einen Weg der Hoffnung, weil sie dadurch direkt teilhaben dürfen an der unsterblichen Natur dieses Gottes.

 

Wer sich diesem Mysterienkult anschließt, hat somit – wie in allen Mysterienkulten – Anteil an der erlösenden Kraft dieser Gottheit und wird somit in die vom, im jeweiligen Kult spezifischen, Mythos beschriebene Wirklichkeit hineingenommen, darf also in diesem Fall darauf hoffen, ebenfalls aufzuerstehen und dem Tode zu entkommen.

All dies nun erschien den heidnischen Zuhörern in keinster Weise neu, denn diese Kulte, die eine exklusive Verbundenheit mit einer bestimmten Gottheit lehrten und in ihren Mythen und den darauf aufbauenden dramaturgisch-initiatorisch gestalteten Riten vermittelten, waren gut bekannt, sie waren ja bereits Teil des religiösen Lebens.

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Herkules und sein Sohn Telephus (Rom, 1.-2. Jahrhundert, Bild: public domain)

Selbst außerhalb der eigentlichen Mysterienkulte gab es in den bekannten Mythen durchaus Anknüpfungspunkte des Verstehens, auf die sich die Verkündigungen dieses Christus beziehen konnten – etwa wenn Herkules nach vielen Prüfungen und am Ende einer Phase des maximalen Leids in den Tod gegangen, dann aber von Zeus, dem Göttervater in den Olymp und damit in die Göttlichkeit und Unsterblichkeit erhoben wird. Hörte man nun vom leidenden Gottesknecht, der durch seinen Gehorsam bis in den qualvollen Tod hinein von Gottvater aus dem Tode auferweckt und in die göttliche Sphäre erhoben wurde, klag dies doch sehr ähnlich und war deswegen grundsätzlich ein vertrautes Bild.

Was sicherlich ungewöhnlich war und Fragen aufwarf, war die offensichtliche Historisierung eines solchen Mythos. In den paganen Kulten war der Mythos durchaus immer schon als verbales Bild verstanden worden und damit Vehikel für das Alltägliche übersteigende Wahrheiten, es ging nicht um historische Beschreibungen von Fakten, sondern um poetische Vermittlung von Deutungen und dies war bei den Zuhörern beziehungsweise den am Kult Teilnehmenden auch als solches präsent. Diese Herangehensweise bedingte dann eben auch eine grundlegende Offenheit, so dass sich verschiedene Kulte – auch Mysterienkulte – nicht gegenseitig ausschlossen, sondern man konnte sehr wohl in mehrere dieser Kulte eingeweiht sein.

Es gibt darüber hinaus auch eine unterschiedliche Betonung der Mythen bei Griechen und Römern – die griechischen Götter wurden in einer bunten Mythologie beschrieben und auch wenn die Römer der Meinung waren, dieselben Götter wie die Griechen zu verehren, so gab es bei ihnen eine gänzlich andere Sicht auf diese Mythologie und darauf, was sie eigentlich ausmachte. Im römischen Kontext spielten Mythen dieser Art theologisch kaum eine Rolle, viele der Götter im römischen Pantheon hatten kaum bis keine beschreibenden Mythen und es wurden auch die griechischen Mythen nicht einfach übernommen – der Mythos war hier eher eine Angelegenheit der Dichter und Theaterleute, die darauf in ihren Liedern und aufgeführten Stücken zurückgriffen.

Zumindest in der traditionellen – klassischen – Religio Romana spielten Mythen dieser Art keine besondere Rolle, weil sie eben rein auf den kultischen Akt bezogen war. Die Begegnung mit den Göttern manifestierte sich konkret im rituellen Rahmen und war damit unabhängig von den Geschichten, die man sich über sie erzählen mochte. Auch die in den Mythen geschilderten Geschichten sind ja eine Reflexion über die Götter, sind Geschichten, die einen Charakter näher beschreiben, welcher Ausdruck eines göttlichen Wesens sein soll etc.. und damit befand man sich im römischen Verständnis bereits im Bereich der persönlichen Glaubensinhalte, die die traditionellen Kulte nicht tangierten, die aber von ihnen auch nicht reglementiert wurden.

Aus dem gleichen Grund hatten die Römer auch kein besonderes Problem mit satirischer Bezugnahme auf die Mythen etwa in Gedichten oder Theateraufführungen, dies wurde eher im Sinne der situationsbezogenen Belustigung über die Götter, denn als Schmähung ihrer verstanden und betraf damit nicht die Natur der Götter. Es gab durchaus das Konzept des Sakrilegs, was aber mehr in Bezug auf Orte und Gegenstände Anwendung fand (z.B. Diebstahl aus Tempeln etc.). Blasphemie im Sinne einer verbalen Schändung stand weitaus weniger im Fokus, dies änderte sich allerdings mit der Etablierung des Christentums, was beide Konzepte als Ausdruck einer gotteslästerlichen Handlung betrachtete und generell anders bewertete.

Obschon nun in den Mysterienkulten – bedingt durch die Herkunft aus dem griechischen Raum – der Mythos eine andere Gewichtung erfuhr, so blieb dennoch durch die Aufnahme in den römischen Kontext und eine dadurch eingeleitete Anpassung an die Erwartungen und die Vorstellungen der Römer, eine grundsätzlich ahistorische, oft allegorische, Betrachtungsweise von Mythen bestehen. Nur deshalb konnte auch die Möglichkeit gegeben sein, dass sich diese Kulte nicht gegenseitig ausschlossen, nicht Wahrheit gegen Irrtum verkündeten, sondern als spirituelle Deutungen verstanden und als zusätzliche Optionen im religiösen Angebot wahrgenommen wurden, nicht nur untereinander, sondern auch als Ergänzung zum offiziellen Kult.

Die durch die Christen später betonte Historizität ihres Gottes, seine konkrete heilsgeschichtliche Aktion, die in Raum und Zeit sozusagen genau fixiert werden konnte, irritierte wohl die heidnischen Zuhörer – zumindest lassen sich diese Irritationen z.B. aus der Apostelgeschichte herauslesen. Wenn Paulus in Athen auftritt und dort seine Botschaft verkündet, finden wir beileibe nicht nur Ablehnung, sondern auch neugierige Fragen auf Seiten der – wohl auch philosophisch gebildeten – Gesprächspartner:

Er redete in der Synagoge mit den Juden und Gottesfürchtigen und auf dem Markt sprach er täglich mit denen, die er gerade antraf. Einige von den epikureischen und stoischen Philosophen diskutierten mit ihm und manche sagten: Was will denn dieser Schwätzer? Andere aber: Es scheint ein Verkünder fremder Gottheiten zu sein. Er verkündete nämlich das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung. Sie nahmen ihn mit, führten ihn zum Areopag und fragten: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt. Alle Athener und die Fremden dort taten nichts lieber, als die letzten Neuigkeiten zu erzählen oder zu hören.

Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. (Apg. 17,17 ff.)

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Paulus in der St. Galler Handschrift der Paulus-Briefe (9. Jahrhundert) (Bild gemeinfrei)

Paulus fügt sich damit in seiner Verkündigung ein in den bestehenden religiösen Rahmen und nimmt den „Altar des Unbekannten Gottes“ als Ausgangspunkt seiner Predigt über seinen Gott. Ein solcher Altar wurde von den Heiden aus Vorsicht aufgestellt, um nicht eine Gottheit, die sie nicht kannten, die aber vielleicht doch präsent war,  versehentlich zu übergehen. Dies war eine – auch in der römischen Religion bekannte – Form des Respektes gegenüber der als allgegenwärtig empfundenen göttlichen Wirklichkeit.

Das machte nicht nur im Sinne der Missionierungsabsicht strategisch Sinn, sondern entsprach einfach dem Denken der antiken Menschen und wurde deshalb als interessante Botschaft aufgefaßt – diesen Gott kannte man nicht, aber man wollte nicht nur über einen solchen aus vorsichtigem Respekt aufgestellten Altar auf Nummer sicher gehen, sondern nun – wo jemand auftritt und sagt, er vermittelt einen unbekannten Gott – sich diesen neuen Informationen nicht versperren.

Wir finden also am Anfang des Christentums in der antiken Welt nicht nur Ablehnung, sondern auch Offenheit und die grundsätzliche Einstellung, sich einem weiteren Gott und seinem Kult nicht zu verschließen, weil dies eine Haltung ist, die dem Polytheismus grundsätzlich inhärent ist.

 

Das Christentum im Kontext der römischen Kultur

In der Zeit der zunehmenden Christianisierung erfuhren die Menschen deshalb diese neue Religion einerseits zwar durchaus als etwas Neues, begegneten ihr andererseits aber im Rahmen doch sehr vertrauter Strukturen und bekannter Vorstellungen.

Die von Paulus propagierte klare Trennung der christlichen Lehre vom Judentum tat ihr übriges, denn sie bedingte einerseits die Betonung der Missionierung von Heiden, da diese nicht belastet waren durch kultisch-theologische Konzepte, die denen des neu auf den Plan tretenden Christentums widersprachen (Trinität, Sohn Gottes, Erlösungsopfer etc.) und erleichterte darüberhinaus die Konversion durch die Aufhebung ritueller Bedingungen (Beschneidung) und einschränkender Regeln (Reinheits- und Speisegebote), die etwa den Übertritt von Heiden zum Judentum deutlich schwieriger gestaltete.

Tatsächlich neu war etwa die Caritas-Idee – lat.: Caritas war schon zur Zeit  der Römischen Republik ein Begriff der den „hohen Preis“ einer Ware oder auch die „Verehrung, Liebe“ einer Person bezeichnete und im frühen röm. Christentum benutzte man ihn dann zur Übersetzung des Wortes Agape (Αγάπη), mit dem die in Griechisch verfassten Evangelien das Konzept der Nächstenliebe ausdrückten, abgeleitet von der Liebe Gottes zu den Menschen und bei diesen dann im Sinne einer spirituellen oder geistigen Liebe verstanden. Diese drückt sich konkret in der Nächstenliebe, Feindesliebe und genereller Fürsorge aus (in Unterscheidung zu Eros ( Eρως), der romantischen oder auch geschlechtlichen Liebe – die in den Evangelien nicht erwähnt wird – und Philia (φιλíα), was die freundschaftliche Liebe bezeichnet).

Die relativ frühe Abgrenzung der Christen vom Judentum half in doppelter Hinsicht, von der römischen Gesellschaft anders wahrgenommen zu werden. Einerseits geriet man so nicht in den Ruch der politischen Revolte, die mit dem Judentum verbunden werden konnte, sondern man löste sich auch von der grundsätzlichen Sichtweise der Römer auf das Judentum als „superstitio„.

Die jüdische Religion wurde grundsätzlich respektiert, sie wurde aber dennoch von vielen mit diesem Begriff bezeichnet – der alles umfasst, was den Römern suspekt vorkam in den Kulten fremder Völker. Ob es sich nun um keltische Druiden handelte, die Menschenopfer vollzogen, oder Juden, denen ihre Religion in den Augen der Römer abstruse Regeln auferlegte, oder jedweder Fanatismus in religiöser Hinsicht – all dies war superstitio und wurde abgelehnt.

In der frühen Zeit, als man die Christen noch als jüdische Splittergruppe betrachtete, wurden sie von Kritikern wie Celsus, Plinius oder Tacitus unter diesem Blickwinkel betrachtet, wobei die offensichtliche Abneigung unter vielen Christen gegenüber theoretischen Erwägungen und Konzepten ihren Glauben betreffend, dies noch unterstützt haben mag – für Intellektuelle jener Zeit war ein solcher Kult, dessen Anhänger Parabeln und Wundergeschichten so hoch einschätzten, nicht wirklich ernstzunehmen.

Dies änderte sich aber relativ schnell als sich im 2. Jhd. eben auch Intellektuelle dem neuen Glauben anschlossen und in apologetischen Schriften gegen diese gängige Einschätzung des Christentums argumentierten, wie Athenagóras, Theodotus von Byzanz und andere. Diese theologische Schärfung ihres Profils, zusammen mit der oft strikten moralischen Lebensführung einzelner Christen, führte schnell dazu, dass auch Kritiker wie Galenus von dieser Einschätzung des Christentums als abergläubischer Kult abkamen und es eher im Sinne einer philosophischen Schule wahrnahmen.

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Das „Haus der Vettii“ in Pompeji. Frühchristliche Gemeinden trafen sich in Privathäusern wie solchen Atriumhäusern (Bild von Patricio Lorente / Wikipedia [CC BY-SA 2.5]

Galen betont dies sehr, wenn er darüber spricht, dass dieser neue Kult mit seinen Ideen die Anhänger in ihrer Lebensführung in dieselbe Richtung streben lässt, wie man dies von anderen philosophischen Schulen kennt, also dass Menschen enthaltsam leben, sich bei Essen und Trinken einer gewissen Mäßigung unterziehen und sich in ihrem generellen Lebenswandel nach Aspekten der Gerechtigkeit orientieren. Philosophie zu seiner Zeit war nicht eine einfache gedankliche Beschäftigung mit metaphysischen und theoretischen Themen, sondern im besten Sinne Lebensphilosophie, in der man einen Weg suchte, ein glückliches und/oder sinnvolles Leben zu führen. Im Laufe der Zeit sah man im Christentum ein den Mysterien verwandten Kult, der durch die eigenen Mythen und Geschichten eine solche philosophische Lebensführung zu vermitteln suchte.

Gelebtes Gebot als Überzeugungsfaktor

Als Ausdruck der gelebten Umsetzung eines der Gebote ihres Gottes in der Kombination mit effizienter Organisation der sozialen Unterstützung vermittelte das Christentum damit eine glaubwürdige Darstellung im Alltagsleben der in der Religion propagierten Botschaft.

Kaiser Julian, eigentlich Flavius Claudius Julianus, der zwar schon als Christ erzogen wurde, später aber eine durch seinen Lehrer angeregte Konversion zum alten Glauben erfuhr (deshalb in der christlich apologetischen Literatur auch bekannt als „Julian Apostata“ , Julian der Abtrünnige) sah dies als Hinweis auf ein in der alten Religion bestehendes Defizit und stieß deshalb Gedanken an, sich daran zu orientieren und auf der Grundlage der paganen Religion in dieser Richtung ebenfalls tätig zu werden.  Ebenso plante er eine Art paganer Reichskirche zu etablieren, um die traditionellen Kulte wieder zu stärken, also eine hierarchische Organisation nach dem Vorbild der christlichen Strukturen, in denen die Bischöfe eine entscheidende Machtfunktion ausübten und das Leben in den Gemeinden regelten.

Hierbei wird deutlich, das Julian sich ganz konkret Gedanken machte, warum das Christentum offenbar den alten Kulten Vorteile gegenüber hatte. Er reflektierte also über die Beziehung der Kulte untereinander, ihre Stärken und Schwächen aufgrund der zunehmenden Ausbreitung des neuen Kultes. Dies passt nicht zu einem Szenario, in dem dieser Kult den Menschen ständig mit Gewalt eingetrichtert worden wäre, denn dann erübrigen sich solche Überlegungen, wie Julian sie anstellte.

Ebenso als eminent wichtiger Punkt zu nennen ist, dass diese Unterstützung der Bedürftigen basierend auf der Idee der Caritas nicht auf Christen beschränkt war, sondern allen zuteil wurde, die sich darum bemühten. Dies war wiederum für die pagane Umgebung ein Zeichen dafür, dass hier keine Abgrenzung von der Gesellschaft und ihrer Probleme stattfand, keine esoterische Absonderung, die mit einem bestimmten Kult verbunden war (wie man das durchaus von anderen Mysterienkulten kannte, Mithras nur für Männer, Bona Dea nur für Frauen, Abgrenzung der Eingeweihten von den Außenstehenden etc.) und was somit die Akzeptanz vor dem Hintergrund der im Polytheismus gängigen und erwarteten Offenheit wieder erhöhte.

Auch wenn es im römischen Reich im Grunde schon weltliche Lazarette und Heilanstalten (Valetudinarium genannt) gab – im Gegensatz etwa zu den schon früher bekannten Tempeln des Asklepios, in denen auch Heilschlaf praktiziert wurde-, waren diese in vorchristlicher Zeit immer bestimmten Personenkreisen vorbehalten, wie etwa Legionären, Sklaven, Gladiatoren etc.. Sie versorgten also ein bestimmtes Klientel im Auftrag der für diese Personen Verantwortlichen (in den genannten Fällen also das Militär, der Besitzer, der Lanista).

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Katakombe der Heiligen Marcellinus und Petrus, Rom, 4. Jahrhundert (Bild gemeinfrei)

Öffentliche Krankenhäuser, die jeden versorgten, der Hilfe benötigte, wie wir dies heute kennen waren eine Einrichtung, die erst unter christlichen Vorzeichen entstanden. So errichtete Bischof Basilius in Caesarea um 370 n. Chr. den nach ihm benannten Stadtteil Basilias, in dem er Spitäler-, Waisen- und Armenhäuser, Altenheime sowie ein Aussätzigenasyl ansiedelte. In diesen wurden alle versorgt, eben auch jene, die sich die privaten Ärzte nicht leisten konnten. Er unterhielt als Stifter den großen Betrieb, in dem Ärzte und Krankenschwestern wie heute angestellt waren, durch sein Vermögen und unterstützt durch Kaiser Valentinian I. (Flavius Valentinianus).

Dieser sei kurz als prägnantes Beispiel für die Realität jener Zeit angeführt, die heute in neuheidnischen Bewertungen oft so undifferenziert dargestellt wird. Kaiser Valentinian war selber Christ, verfolgte aber eine ausgesprochen offene Religionspolitik, gewährte Religionsfreiheit für jedermann im Reich, heidnische Tempel wurden auf Staatskosten restauriert und der traditionelle Kult in Rom durch staatliche Mittel finanziert und auch alle christlichen Bekenntnisse wurden von ihm – obwohl selber katholisch – gleichberechtigt behandelt. So bestätigte er sowohl den arianischen Bischof Auxentius von Mailand, als auch dessen katholischen Nachfolger Ambrosius. Seine Frau Justina bekannte sich zum Arianismus, was die absolut tolerante Einstellung des christlichen Kaisers bis in seine Familie hinein bezeugt. Zu Beginn seiner Amtszeit erließ er konsequenterweise ein (nur noch durch Erwähnung im Codex Theodosianus bekanntes) Edikt, in dem er seiner Einstellung unmißverständlich Ausdruck verlieh:

„Die zu Beginn meiner Regierung erlassenen Gesetze bezeugen, dass jeder die Religion ausüben darf, die ihm gefällt“ (unicuique, quod animo inbibisset, colendi libera facultas tributa est) [Van Hoof, Christine: Valentinian I., In: Clauss, Manfred (Hg.), Die Römischen Kaiser – 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian, Beck, München 1997, Seite 346]

Auch der christliche Senator Pammachius gründete nach Basilius‘ Stiftung etwa um 398 n. Chr. zusammen mit Fabiola, einer römischen Witwe aus dem angesehen Geschlecht der Fabier, ein Hospital für mittellose und erkrankte Reisende an der Tibermündung.

Das Christentum war damit die einzige Religion der antiken Gesellschaft, welche die Idee einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, die etwa in der Philosophie der Stoa durchaus diskutiert wurde, auch in der Praxis umsetzte, dabei jedoch die sozialen Unterschiede in der römischen Gesellschaft nicht angriff und somit auf dieser Ebene nicht destabilisierend wirkte.

Die sehr effizienten Gemeindestrukturen, die sich in relativ kurzer Zeit herausbildeten und bereits im 2. Jhd. durch die überregionale Ordnungsgewalt der christlichen Bischöfe gekennzeichnet waren, die über von ihnen gewählte Presbyter und Diakone ihre Kontrolle ausübten, taten ein übriges, um einerseits die dynamische Verbreitung der christlichen Botschaft zu koordinieren, andererseits dem paganen Umfeld eine effiziente Geschlossenheit der neuen Kultes und seiner Anhänger zu demonstrieren.

Bekannte Bilder in neuem Gewand erleichtern den Zugang

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Der neugeborene Bacchus/Dionysos liegt in einem, als Wiege genutzten, Liknon ((grch.: λἰκνον), einer Getreide-/Kornschwinge, flankiert von einem Satyr und einer Maenade. Wegen der mythischen Bedeutung wurde diese „Wiege“ in dionysischen Kultprozessionen  als Behälter geheimer Kultgegenstände mitgetragen. Die Träger dieser Körbe hatten eine besondere Stellung im Kult inne und wurden Liknophoren (λικνοφὀρος) genannt (Bild: Britisches Museum, CC BY-NC-SA 4.0)

Hilfreich war ebenfalls, dass dieser neue Kult ganz offensichtlich auf bereits bekannte Bilder zurückgriff, die einen relativ einfachen Anschluß an pagane Vorstellungen ermöglichte, wie es weiter oben bereits mit dem Bild des geprüften und am Ende seines Lebens in den Olymp erhobenen Herkules angedeutet wurde.

So spricht etwa auch Vergil bereits 40 v. Chr. in seiner 4. Ekloge von einem Weltenheiland, der als Kind in diese Welt kommt. Es gibt Darstellungen wie „Bacchus in der Wiege„, die ebenfalls das Bild vom göttlichen Kind aufnehmen und als Topos etablieren, so dass die christlichen Bilder hier leicht anschließen und aufgenommen werden konnten.

Die Jungfrauengeburt war ein lange schon etabliertes sprachliches Bild, um eine besondere Abstammung oder eine göttliche Natur nahezulegen.

Dass besondere Menschen (Augustus, Alexander etc.) sich selbst als Sohn eines Gottes betrachteten, oder von ihren Zeitgenossen als solche gesehen wurden, war ebenso wenig ungewöhnlich, wie die Vorstellung, dass eine solche Geburt der Mutter bereits im Vorhinein angezeigt werden konnte und auf einen göttlichen Vater zurückzuführen sei. So träumt Olympias vor der Hochzeitsnacht mit ihrem Gatten davon, wie ein Blitz (Zeus) in  ihren Leib eintritt und danach gebiert sie Alexander, den Göttlichen (dem nach seinem Tode Tempel gebaut wurden); der Engel Gabriel verkündet Maria, sie wird ein Kind empfangen, der „groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden wird.“

Man muss sich also bewußt machen, dass diese Religion für die Menschen jener Zeit wesentlich weniger neu war, oder als fremd erschien, als wenn wir heute etwa einer religiösen Neugründung begegnen (man erinnere sich an die Zeit der „Jugendreligionen“ und die dadurch entstehenden gesellschaftlichen Irritationen und ausgelösten Kontroversen) und sie wurde vielmehr als eine weitere, offenbar den Mysterien nahestehende oder zuzurechnende Schule im generellen religiösen Angebot empfunden.

Dabei darf man nun aber nicht den einfachen Schluß ziehen, dass sich das Christentum nur als schlichte Umformung eines der Mysterienkulte entwickelte, oder dass unbedingt eine kausale Verbindung in der Beziehung vorlag, was Riten und Lehren betraf, es also eine bloße Kopie von etwas anderem war, denn das würde weder der historischen Situation gerecht werden, noch die Ausgangslage und darauf folgende Entwicklungsgeschichte der christlichen Religion korrekt abbilden.

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Tod und Auferstehung waren Themen, die auch in anderen Mysterienkulten, wie dem Isis- und Osiriskult oder dem Mithraskult eine zentrale Rolle spielten (Isiskult aus einem Fresko in Pompeji)

Was wohl stattfand, war eine parallele Entwicklung, bei der im Zuge der gesellschaftlich und individuell basierten religiösen Wahrnehmung und Betonung von bestimmten Fragestellungen, die in der offiziellen Religion keinen Widerhall fanden, bestimmte Kulte entstanden, die diese Fragen zu beantworten suchten. Dabei gab es natürlich Beeinflussungen durch den vorhandenen religiösen Kontext, etwa die Verwendung von typischen und bekannten Bildern und Motiven, die in der Breite dieser Kulte aufgenommen und im Sinne ihrer eigenen Gottheit und heiligen Geschichte interpretiert wurden, ebenso wie die gemeinschaftsbildende Motivation ihrer Anhänger auf Grundlage der jeweils propagierten Mythen und tradierten Riten. Besonderes Merkmal und damit das definierende Element des Christentums schlechthin war allerdings die Überzeugung der Anhänger, die Heilsgeschichte – Geburt, Tod und Auferstehung – ihres Gottes sei ein historisches Ereignis. Dies war eine Lehre, die dem neuen Kult eine ungewohnte Dynamik und Präsenz im Leben der sich um diese Wahrheit versammelnden Gemeinde verlieh.

Die Zeit vom 2. Jhd. v. Chr. bis zum 2. Jhd. n. Chr. brachte eine generelle neue Herangehensweise der Menschen mit sich, wie sie sich bestimmte essentielle und spirituelle Fragen stellten und schuf eine Stimmung, in der sich sowohl die Mysterienreligionen innerhalb der polytheistischen römisch-hellenistisch geprägten Welt, wie auch bestimmte mystische Strömungen im Judentum, aber eben auch das Christentum bildeten. So finden wir in dieser Zeit etwa eine starke Beeinflussung durch die Lehren Platons, die in der ein oder anderen Form durch die Mysterien, das hellenistische Judentum, wie auch durch das aus ihm hervorgehende Christentum rezipiert wurden.

Christentum im römisch-paganen Verständnis

Irritationen in Bezug auf das Christentum gab es anfangs, wie bereits erwähnt, eher wegen der juristischen Bewertung des Gründers, der im damaligen Verständnis als Aufrührer ein schändliches Ende gefunden hatte, aber nicht wegen der Tatsache, dass sich hier eine neue religiöse Bewegung zu etablieren suchte.

Im Römischen Reich war die Kreuzigung eine Todesstrafe für jene, die außerhalb der römischen Staatsbürgerschaft standen, die einem römischen Bürger nicht auferlegt werden durfte und die unter diesen Abscheu hervorrief:

Nomen ipsum crucis absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus. (Was Kreuz heißt, soll nicht nur vom Leib der Bürger Roms fernbleiben, sondern auch schon von ihrer Wahrnehmung, ihren Augen und Ohren) – Cicero, Pro Rabirio perduellionis reo

Ausdruck der völligen Unverständlichkeit eines ans Kreuz genagelten Gottes für das römische Umfeld ist auch eine auf 238 bis 244. n. Chr. datierte Wandritzung gefunden auf dem Palatin in Rom, die einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf und einen ihn Anbetenden zeigt, verbunden mit den  verhöhnenden Worten: „Alexamenos verehrt seinen Gott.“

spottkruzifix

Sog. „Spottkruzifix“, eine karikierende Ritzzeichnung am Palatin in Rom entdeckt und auf die Zeit 238 – 244 datiert. Interessant hierbei die verehrende Grußgeste, in der der Zeichner den verspotteten Christen Alexamenos darstellt. Dieser Handkuss war (und ist) in der römischen Religion eine  ehrerbietige Begrüßung  eines Götterbildes und belegt wie Christen sich kultischer Verhaltensweisen ihrer paganen Umwelt bedienten.

Paulus bezeugt diese verbreitete Ansicht seiner Mitmenschen, die darin einen reinen Aberglauben sahen, mit den bekannten Worten aus dem Korintherbrief:

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit.

1Kor 1,22-23

Anfangs wurde das Christentum von den Römern nur als jüdische Splittergruppe wahrgenommen und damit gleichermaßen ignoriert wie auch als religio licita geschützt (ein Begriff der offiziell erlaubte Kulte beschreibt. Es war jedoch kein fester Begriff des römischen Rechtes, sondern wurde nur von christlichen Schriftstellern ab der Wende zum 3. Jahrhundert verwendet).

Später wurde das Christentum in römischer Wahrnehmung (und zunehmend auch durch die Christen selber betont) als eigene Richtung in ihren nicht-jüdischen Aspekten auffällig und verlor damit diesen Schutz. Stattdessen geriet es unter genauere Beobachtung, wie dies auch für andere Mysterienkulte galt, deren „Geheimniskrämerei“ grundsätzlich Grund zum staatlichen Argwohn bot, etwa den Isis-Kult, den Cybele-Kult, den Bacchuskult etc.. Dennoch war jedoch ein neuer Kult eben sowenig etwas besonderes für jene Zeit wie ein neuer, vorher unbekannter Gott.

Ebenso wurde die Haltung einiger – beileibe nicht aller – Christen, die sich den kultischen Bürgerpflichten verweigerten und ihre Zugehörigkeit zum neuen Kult mit einer öffentlich demonstrierten Ausgrenzung aus den staatlichen Strukturen betonten (z.B. Verweigerung des Weihrauchopfers für den Genius des Imperators, was im römischen Verständnis kein Ausschließlichkeitsbekenntnis im religiösen Sinne, sondern eine Loyalitätsbekundung dem Staat gegenüber war) als Gefährdung des Pax deorum verstanden und kritisiert. Auch hier war es in erster Linie keine Ablehnung eines bestimmten religiösen Kultes durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern ein Bekenntnis zur staatserhaltenden Gemeinschaft der Bürger, die hier von jedem eingefordert wurde. Was jemand glaubte, war irrelevant, sowohl für den Staat als auch jeden einzelnen Bürger, rückte aber in Konsequenz irgendwann in den Fokus als möglicher Grund für zur Schau gestellte Illoyalität der Gemeinschaft gegenüber und das führte zu Spannungen.

Neben dieser relativen Ungezwungenheit, wie sich das Christentum innerhalb der römischen Gesellschaft aufgrund der Ähnlichkeit zu den Mysterienkulten verbreitete und entwickelte, darf  man nicht vergessen, dass sich eine Zuwendung zum Christentum in jener Zeit von einer heutigen Konversion von einer anderen Religion zu einer christlichen Richtung unterschied beziehungsweise unterscheiden konnte.

Denn keineswegs jeder, der den christlichen Gott verehrte, tat dies unbedingt exklusiv und noch eine lange Zeit gab es viele Menschen, die eben auch Christen waren, die den neuen Gott und seinen Kult in ihren bestehenden religiösen Rahmen einbanden und somit einer grundlegenden polytheistischen Perspektive verhaftet blieben. Wir dürfen also nicht den Fehler begehen, spätere enge Definitionen, wer als Christ zu gelten hat und dass dies einen strikten, exklusiven Monotheismus erfordert, auf diese Zeit zu projizieren.

In der frühen Zeit des Christentums, als sich mancher zwar bereits als Christ verstand und die Welt durch eine christliche Interpretation zu begreifen und zu gestalten suchte, befand man sich noch in einem theologisch-philosophischen Konsolidierungsprozess.

05_Lararium_Aurelius

Die Teilnahme am Kaiserkult war für alle Einwohner verpflichtend, weil dies der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung diente. Nur in Ausnahmefällen wurde die Befreiung von den kultischen Handlungen gewährt, z.B. für Juden (eigenes Foto)

Bis zum Konzil in Konstantinopel 381 n. Chr. , wo die vorher auf dem Konzil von Nicäa ihren Niederschlag gefundenen Argumentationen bzgl. der Trinität (eben als in nötiger Abgrenzung zu einem Tritheismus) letztlich konkretisiert und final begründet wurden, war man involviert in einen philosophischen Findungsprozess, um sowohl aus biblischen Schriften, wie auch aus hellenistisch-römischer Philosophie ein theologisches Fundament ableiten zu können, welches die Einzigartigkeit Gottes (Judentum) mit der Inhärenz des Göttlichen (Logos/Stoa/Platonismus) versöhnen konnte.

All dies geschah aber durch Personen, die sich bereits als Christen sahen und die es deswegen auch nicht weniger waren, als heutige Christen, die auf ein fixes Glaubensbekenntnis gewachsen in vielen Jahrhunderten zurückgreifen können, durch das sie sich vor allem in Abgrenzung zu etwas anderem definieren.

Parallel dazu gab es auch die Situation, dass sich viele Christen als solche verstanden, obwohl sie noch gar nicht getauft waren – wir haben hier also die typische aus den anderen Mysterienreligionen bekannte Unterteilung der dem Kult zugehörenden in einen äußeren und inneren Kreis.

06_Saturnalisches Sacellum

Nach antikem Verständnis kann ein römisch-christliches Sacellum deshalb durchaus Teil der Sacra Privata eines römischen paganen Cultors sein, ohne das dies ein Widerspruch wäre (eigenes Foto)

Und genau hier liegt der Ansatzpunkt für ein römisch-paganes Verständnis des Christentums, denn in der Zeit dieses Findungsprozesses gab es unterschiedliche Deutungsansätze für die Trinität resp. dafür, wie man sich die Göttlichkeit des Jesus von Nazareth vorzustellen habe (etwa die heute quasi vergessene Identifizierung mit dem Angelos, dem Boten Jahwes, die spätere Identifikation mit der Sophia, der (weiblichen!) Weisheit Gottes in ihrer Funktion als Mittlerin etc.). Viele davon versuchten, die pagane Philosophie als Emulgator für die biblischen Bilder zu nutzen, was deutlich macht, dass diese Christen dem alten Glauben und der paganen Philosophie noch sehr nahestanden und damit eben auch den heutigen Cultores ähnlich waren, die sich ebenfalls aus einer bestimmten Sozialisierung und historischen Entwicklung heraus religiös-kulturell neu ausrichten, wenngleich auch mit quasi umgekehrten Vorzeichen.

Letztendlich ist es denn auch diese Perspektive, um die es geht, wenn wir davon sprechen, dass der Ritus christianus nicht nur entwicklungshistorisch im sozialen Kontext des römischen Reiches entstanden ist, dabei durchaus als Mysterienreligion im Sinne der bekannten anderen Kulte dieser Art angesprochen werden kann, sondern auch heute – wie es in den ersten Jahrhunderten möglich (man ist versucht zu sagen üblich…) war – aus genuin römisch-paganem Verständnis heraus in der sacra privata eines Cultors praktiziert werden kann, wie auch als sacra publica heute von ihm respektiert werden muss. Zu beiden Punkten in den folgenden Artikeln ausführlicher.

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Artikel © D. Gratius Ludovicus, 04/2019

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2 Kommentare

  1. Sólvindur sagt:

    Wow, danke für diesen reichhaltigen, erhellenden Text! Ich hatte vor Jahren schon laut darüber nachgedacht, ob das Christentum eigentlich so etwas wie ein, zur Weltreligion gewordener, Mysterienkult ist, ohne mich seither genauer mit dem Thema (Frühchristentum) beschäftigt zu haben.

    Gefällt 1 Person

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