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Antike Stätten: Sironabad Nierstein

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Das Sironabad in Nierstein mit seinen 4 Heilquellen

Anschrift:

Sironastr. 6, 55283 Nierstein

Anfahrt:

Der Weinort Nierstein am Rhein liegt in Rheinhessen (Rheinland-Pfalz) an der B9. Das keltisch-römische Sironabad befindet sich am südöstlichen Ortsausgang (nahe der B9 Richtung Oppenheim) in einer Stichstraße hinter einem chinesischen Restaurant und kurz vor einer Eisenbahnschranke.

Parkmöglichkeiten gibt es im Umfeld des Sironabades entlang der Sironastraße, ggfs. auch auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie ein Stück den Berg hinauf.

Nierstein hat einen Bahnhof, so daß es auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist. Der Ort wird regelmäßig von Regionalzügen aus Mainz und Worms angefahren.

Das Gebäude befindet sich in einem Keller unterhalb eines unscheinbaren Hauses und ist nicht sonderlich prominent ausgeschildert. Mit der Anschrift ist es aber einfach zu finden.

Hintergrundinformationen:

Wo das heutige Nierstein liegt, befand sich zu römischer Zeit das Militärlager Buconica. Bereits zu keltischer Zeit wurden die dortigen vier Mineralquellen genutzt und man wies zahlreiche keltische und römische Siedlungsspuren im Raum in und um Nierstein nach.

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Eine Statue der Göttin Sirona schmückt das Sironabad

Römische Ansiedlungen sind vom 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. belegt. Hierbei spielt das Quellheiligtum der gallo-römischen Göttin Sirona eine besondere Rolle.

Sirona und ihr kultischer Begleiter, Apollo-Grannus, wurden an zahlreichen Orten im Raum Eifel-Hunsrück vor allem in Quellheiligtümern verehrt (siehe unseren Reisebericht „auf den Spuren von Sirona und Apollo-Grannus im Hunsrück„). So war auch das Quellheiligtum in Nierstein zu römischer Zeit lange das Ziel vieler Pilger, was Münzfunde aus der Regierungszeit des Kaisers Domitian (86 n. Chr.), Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius bis zu Postumus (256 n. Chr.) belegen.

Die Militär- und Straßenstation Buconica lag an der viel bereisten römischen Rheintalstraße zwischen Mogontiacum (heutiges Mainz, ehemalige Hauptstadt von Obergermanien) und dem Militärstandort Borbetomagus (heute Worms). Sie ist auch auf der Tabula Peutingeriana, einer im 12. Jahrhundert angefertigten Kopie einer antiken römischen Straßenkarte, als Straßenstation eingezeichnet.

In Nierstein treten vier Mineralquellen an die Oberfläche: zwei Süßwasserquellen und zwei Schwefelquellen. Wasseruntersuchungen aus dem Jahr 1991 bescheinigen den Quellen mikrobiologisch einwandfreie Trinkwasserqualität, sowie hohe Anteile an Mineralien und Gasen, vor allem Schwefel, schwefel- und salzsaures Natron, schwefeliges Stickstoffgas und Eisen. Es wurde bis in die frühe Gegenwart intensiv als Heil- und Mineralwasser im Kurbetrieb genutzt und gilt als heilsam bei Asthma, Hauterkrankungen, Brustleiden, Unterleibsbeschwerden, Hämorrhoiden, Gicht und Rheuma.

Daß diese Quellen schon zu römischer Zeit als Heilquellen genutzt wurden, ist durch Opfergaben wie Münzen und kleine gebrannte Votivfiguren belegt.

Wichtigster Nachweis für die Bedeutung dieser Quelle als Heilquelle, aber auch als Ort der Verehrung für Sirona und Apollo ist ein gut erhaltener Votivaltar mit einer Inschrift, der im Jahr 1802 bei Aufräumarbeiten der jahrhundertelang verschütteten Quelle gefunden wurde:

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Der Weihestein für Apollo und Sirona ist heute in der Wand der Quellenhalle eingelassen

Deo Apollini et Sironae, Julia Frontina
v[otum] s[olvit] l[ibenter] l[ubenter] m[eritis].

Dem Gott Apollo und Sirona erfüllt Julia Frontina ihr Gelübde freudig und nach Gebühr.

(CIL 13, 6272)

Es ist davon auszugehen, daß die Römerin Julia Frontina nach römischem Brauch  zur Erfüllung eines Gelübdes diesen Stein stiftete, nachdem sie an dieser Quelle Heilung erfahren hatte. Ähnlich wie wir dies heute noch in katholischen Kapellen und Kirchen finden, wenn dort Tafeln aufgehangen werden mit der Formulierung „Maria/Heiliger hat geholfen!“

Da der Name Julia Frontina auch auf einem Weihestein aus Ungarn bekannt ist, den dort ein Militärangehöriger namens Cajus Julius Frontinanus stiftete, ein Veteran der V. Legion, ist es durchaus denkbar, daß es sich bei der Stifterin im Militärlager Buconica um die Tochter dieses Soldaten handelte. Frontinanus stiftete seinen Stein in seinem Namen, seiner Frau Caphia Maxima, sowie seiner Tochter Julia Frontina den Heilgöttern Aesculap, Hygia (die im römischen Kontext starke Parallelen mit Sirona aufweist) und den übrigen Heilgöttern und Göttinnen des Ortes für die Wiederherstellung seiner Sehkraft. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, daß auch Julia sich entsprechend an die lokalen gallischen Heilgötter ihres Ortes wandte, Sirona und Apollo (-Grannus).

Bei den Freilegungsarbeiten im 19. Jahrhundert fand man zudem noch die römischen Quellfassungen und eine Säule.

Im Jahr 1803 wurde das Quellheiligtum vom Belgier van der Welden nach römischem Vorbild rekonstruiert. Unter Napoleon, als Rheinhessen zu Frankreich gehörte, herrschte im Bad ein reger Kurbetrieb. Es erfolgten mehrere Umbauten zu einer modernen Kur- und Badeanstalt mit Badehalle, Unterkünften und Brunnenhalle, die sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Französische Inschriftentafeln, die in die Wände eingelassen sind, zeugen noch heute von der Bedeutung des Ortes.

Ab 1910 wurde das Wasser industriell genutzt, unter anderem aufgrund seiner chemischen Eigenschaften zum Bleichen von Mais in einer Stärkefabrik der Firma Sander.

Seit 1937 steht das Bad unter Denkmalschutz und wird seitdem von der Gemeinde Nierstein betreut. Es wurde für die Öffentlichkeit restauriert und zugänglich gemacht.

Beschreibung:

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Der Eingang zum Bad ist unscheinbar

Das Sironabad in Nierstein ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen und ansonsten verschlossen. Eine Führung lohnt sich, da dort viel Hintergrundwissen vermittelt wird.

Das Bad liegt unterirdisch unter einem unscheinbaren Gebäude. Man steigt über eine lange Treppe hinab und gelangt in den großen Quellraum, der das ganze Jahr über gleichmäßig kühl ist. In der Quellhalle befinden sich zwei Wasserbecken, die jeweils von den zwei Süßwasser- bzw. zwei Schwefelwasserquellen gespeist werden.

Die Quellen sind frei zugänglich und man kann sowohl das Wasser der Süßwasser-, als auch der Schwefelquelle probieren (im Rahmen einer Führung werden für gewöhnlich zu diesem Zweck Pappbecher verteilt). Die Wasserqualität beider Quellen in beiden Becken gilt als einwandfrei und das Wasser kann vorbehaltlos getrunken werden – wenn man nicht geschmacksempfindlich ist.

Das Süßwasser schmeckt neutral nach Mineralwasser, das Schwefelwasser ist allerdings eher etwas für Hartgesottene, da das typische Schwefelaroma nach faulen Eiern intensiv ist. Wer Heilung wünscht, muß da allerdings durch 😉

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Augen zu und runter! Schwefel hilft gegen alles, das wußten schon die Römer!

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Ein skeptischer Blick – aber wer Heilung will, muß da durch!

Oberhalb der Brunnenfassungen sind in den Wänden Plaketten mit Inschriften für Napoleon sowie für wohlmeinende Stifter angebracht.

Der Weihestein für Apollo und Sirona ist in eine Wand oberhalb des Brunnenraumes eingelassen. Auch eine große Replik der Sirona-Statue aus Hochscheid befindet sich in der Halle des Quellheiligtum, was wir eine gute Idee finden, um ihr Numen in dieser offenbar doch recht wirksamen Heilquelle lebendig zu halten.

Im Hintergrund der Brunnenhalle befinden sich Wanddurchbrüche, die zu den ehemaligen Räumen des neuzeitlichen Kurbetriebs führen, so zum Beispiel zu Saunaräumen.

Öffnungszeiten, Führungen

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Die Quellen sind frei zugänglich und man kann seinen Becher nach Belieben nachfüllen…

Öffentliche Führungen finden von Mai bis Oktober jeweils am 2. Sonntag im Monat statt. An diesen Tagen ist das Bad von 11 bis 15 Uhr geöffnet und es hält sich ein Führer im Bad auf, der, je nach Besucheraufkommen, regelmäßige Führungen durchführt.

Für Gruppen sind außerhalb dieses Termins Führungen nach Absprache möglich. Hierzu wendet man sich an das Tourismus- und Kulturbüro Nierstein. Kontaktdaten für telefonische oder Email-Terminvereinbarung sind auf der offiziellen Website der Stadt Nierstein einzusehen.

Für die Führung wird ein minimaler Beitrag von einigen Euro erhoben, der aber völlig in Ordnung geht, da er der Erhaltung und Pflege des denkmalgeschützten Bades zugute kommt. Uns hat die ausführliche Führung gut gefallen, die einen weiten Bogen schlägt von der Kelten- und Römerzeit über die napoleonische Besatzung, den Kurbetrieb des 19. Jahrhunderts bis hin zur industriellen Nutzung als Bleiche und Mineralwasserproduktionsstätte.

Sonstiges

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Der Abstieg hinab in die Hallen des Quellheiligtums

Fotografieren ist erlaubt.

Der Abstieg hinab in den Keller ist nicht barrierefrei.

Weiterführende Links und Quellen:

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