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Kaiser Nero – 2000 Jahre Rufmord!?

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Der junge Kaiser Nero, Foto von Wolfgang Sauber (lizensiert unter CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)

In diesem Frühjahr werdet Ihr in unserem Blog einiges zu Kaiser Nero finden – eine der schillerndsten, berühmt-berüchtigsten Figuren der römischen Geschichte. Und möglicherweise auch eine der mißverstandensten Personen, denn durch neue quellenkritische Ansätze mehrt sich die Ansicht, daß das heutige Bild, das wir von Kaiser Nero haben, vor allem auf Verleumdung und Propaganda basiert.

Vorbereitung auf die Sonderausstellung in Trier

Neben der Tatsache, daß es einfach spannend ist, sich mit einer so kontroversen Figur der Geschichte zu befassen, über die so abenteuerliche Geschichten im Umlauf sind (unvergessen Peter Ustinov als Nero in „Quo Vadis“, wie er sang und Lyra spielte, während Rom brannte), werfen auch große Ereignisse ihre Schatten voraus: Am 14. Mai eröffnet in Trier die Sonderausstellung: „NERO – Kaiser, Künstler und Tyrann„. Ihr Anspruch ist es, den vermeintlichen Tyrannen und verschwendungssüchtigen Wahnsinnigen aufgrund aktueller Forschungserbnisse in ganz neuem Licht zu zeigen – die erste große Schau zu diesem Thema in Europa mit hochkarätigen Leihgaben.

NERO_PlakatMit Spannung sehen wir dieser Sonderausstellung entgegen, die sich (ähnlich wie 2014 die Ausstellung „Credo“ in Paderborn) über drei verschiedene Museen der Stadt und insgesamt 2000 Quadratmeter erstrecken wird:

Das Rheinische Landesmuseum Trier legt den Schwerpunkt auf Neros Leben, seinen Aufstieg, die Blütezeit seiner Herrschaft, aber auch auf seinen Abstieg und zeigt dies anhand von über 400 Exponaten aus aller Welt.

Das Museum am Dom beleuchtet den Kontext „Nero und die Christen“, wobei auch das generelle Verhältnis der Christen zum römischen Staat und zur römischen Religion untersucht wird.

Im Stadtmuseum Simeonsstift wird dem Thema „Lust und Verbrechen. Der Mythos Nero in der Kunst“ nachgegangen, der bis in die heutige Zeit ja exzessiv in den Medien zelebriert wird. Hier werden deshalb zahlreiche Kunstwerke, Gemälde, Grafiken, sowie Informationen zu  Filmen und Opern ausgestellt, die sich mit der Bildtradition und Rezeption von Nero als Inkarnation des grausamen, irren, dekadenten, prunksüchtigen und größenwahnsinnigen Tyrannen befassen.

Die Sonderausstellung geht bis zum 16. Oktober 2016 und wir freuen uns bereits darauf, sie zu besuchen, denn nie zuvor (und wahrscheinlich auch danach nie wieder) wurden so viele hochrangige Exponate rund um Kaiser Nero an einem Ort zusammengetragen und in einer differenzierten Zusammenschau präsentiert. Die Leihgaben stammen unter anderem aus den Vatikanischen Museen in Rom, dem Louvre in Paris und dem Britischen Museum in London. Kunstwerke werden unter anderem zur Verfügung gestellt von der Eremitage in St. Petersburg, der Mailänder Scala und aus Florenz.

Alles Verleumdung?

War Kaiser Nero (eigentlich: Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus) also in Wirklichkeit ein freundlicher, zurückhaltender, beliebter, erfolgreicher und gerechter Kaiser des Römischen Reichs? Die ehrlichste Antwort muß lauten: wir wissen es nicht, denn niemand von uns war während seiner 14-jährigen Regierungszeit (54 bis 68 n. Chr.) dabei und alle schriftlichen Quellen, die wir besitzen, sind mit höchster Vorsicht zu genießen, da sie ausschließlich aus ganz bestimmten, persönlichen Motiven heraus geschrieben – oder zu späterer Zeit im Mittelalter verfasst wurden, in der Nero von christlichen Autoren, vor allem aus Propagandagründen, zum personifizierten Antichristen hochstilisiert wurde, von dem in der Offenbarung des Johannes berichtet wird (inklusive mathematischer Beweise, warum die Zahl Neros die Zahl 666 des Großen Tieres ist).

So ist das heute gefestigte Nero-Bild tatsächlich vor allem ein durch das Mittelalter geprägtes Bild. Doch diese mittelalterliche Darstellung hält sich bis heute hartnäckig und wird gerne und lustvoll in den Medien und der Pop-Kultur kolportiert – denn natürlich ist sie faszinierend, verbreitet wohligen Schauer und Abscheu und ist gleichzeitig interessant und spannend. Spannender jedenfalls als „langweilige“ Kaiser, deren Namen heute nur noch Geschichtsinteressierte kennen.

Unser heutiges Nero-Bild ist vor allem durch Peter Ustinovs unvergessene Darstellung in „Quo Vadis“ geprägt:

Tatsächlich ist Nero einer der Römischen Kaiser, über den am meisten Schlechtes geschrieben wurde (neben Kaiser Caligula, dessen attestierter „Wahnsinn“ heute ebenfalls umstritten ist und dessen Leben ebenfalls differenzierter betrachtet werden muß als es gemeinhin geschieht) und man findet ihn auf jeder „Bösewicht-Skala“ in den Top Ten Listen der verderbtesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, zusammen mit Hitler, Heinrich VIII., Stalin, Mengele, Charles Manson, Iwan dem Schrecklichen, Pol Pot und wer in den diversen Internet-Hitlisten noch aufgeführt wird.

Doch was sind die wichtigsten historischen Quellen, die wir heute über Kaiser Nero haben? Bereits die mittelalterlichen Quellen greifen zurück auf die drei Hauptquellen der Antike: Sueton, Tacitus und Cassius Dio.

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Nero und seine Mutter Agrippina, Foto von Carlos Delgardo (lizensiert unter CC BY-SA 3.0 auf Wikimedia Commons)

Insbesondere Sueton (in seiner „Nero“-Biographie) und Tacitus malen das Bild des Kaisers in den düstersten und schillerndsten Farben zugleich, aber auch Cassius Dio hält sich in seiner „Römischen Geschichte“ nicht mit negativen Darstellungen zurück. Alle drei sind bekannt als „Römische Geschichtsschreiber“, warum also sollten sie sich etwas über diesen Kaiser ausdenken? Noch zudem einhellig?

Die Antwort liefert hier die moderne Quellenkritik, die antike Quellen vor dem Hintergrund ihrer Zeit und aus ihrem Kontext heraus betrachtet und analysiert.

Dies wird z.B. sehr schön demonstriert in der „alternativen“ Nero-Biographie von Massimo Fini: „Nero: Zweitausend Jahre Verleumdung„, die die gleichen Quellen wie die bisherige Geschichtsschreibung rezipiert (also vor allem Sueton und Tacitus, aber auch die christlichen Autoren wie Sulpicius Severius, Commodianus und Vitorinus), diese aber vor dem Hintergrund ihrer Zeit analysiert, in der sie geschrieben wurden. Hinzugezogen werden außerdem die Texte ergänzend archäologische Funde.

Hierbei kommt ein recht klarer Sachverhalt zu Tage: Sowohl Sueton, als auch Tacitus, hatten eine eindeutige Agenda, als sie über Nero schrieben. Und sie bedienten ein ganz bestimmtes Klientel. Oder, anders formuliert: sie schrieben politische Propaganda (wie Tacitus), schon im Alten Rom gang und gäbe und ein mächtiges Werkzeug, oder wollten ihre Leser durch reißerische Boulevardgeschichten unterhalten (wie Sueton).

Nero, der volkstümliche Reformer und Forscher

Interessanterweise galt Nero durchaus als herzlich, umgänglich, intelligent und geistreich. Außerdem war er, wie wir ebenfalls wissen, während seiner Amtszeit ein durchaus erfolgreicher und geschickter Herrscher und vor allem ein wichtiger Reformer – tatsächlich war er ein exzellenter Staatsmann und brachte dem Römischen Reich während seiner Regierungszeit eine Epoche des Friedens, der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte und des Wohlstandes, wie sie vor und nach seiner Zeit nie wieder erreicht werden sollte.

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Antikes Graffiti von Kaiser Nero, gefunden an einer Wand des Domus Tiberiana

Er hatte eine große Zuneigung für das einfache Volk, da er selbst in relativ einfachen Verhältnissen bei Musikern und Schauspielern aufgewachsen war (und damit schon eine im römischen Adel verpönte Herkunft hatte). Er liebte zeitlebens die Kunst, die Kultur, Musik, Theater, Tanz und war ein großer Förderer dieser Künste, die er mit Stipendien und Förderprogrammen unterstützte – etwas, für das man in höheren Kreisen ebenfalls keinerlei Verständnis hatte.

Auch liebte Nero die übrigen Vergnügungen des einfachen Volks, vor allem das Wagenrennen, das zu seiner Zeit in etwa eine Beliebtheit hatte wie bei uns die Fußball-Bundesliga. Die besten Wagenlenker waren hochbezahlte und verehrte Spitzensportler wie heute die Fußballer, und die vier Rennställe (das rote, weiße, blaue und grüne Team) waren mit Formel 1-Rennställen oder Bundesliga-Vereinen zu vergleichen. Nero favorisierte das grüne Team, das vor allem beim einfachen Volk beliebt war und unterstützte Wagenrennen großzügig. Ja, er fuhr sogar zuweilen selbst und veranstaltete auch regelmäßig Rennen in seiner privaten Arena.

Doch was ihn insbesondere beim Volk beliebt machte, waren die zahlreichen Reformen zugunsten der Bevölkerung (und zu Lasten des Senats und Adels), die er umsetzte. Er führte konsequent eine grundlegende Reform des Verwaltungsapparats fort, die bereits unter seinem Vorgänger Kaiser Claudius begonnen worden war. Seine Konsolidierung und Neustrukturierung des Verwaltungsapparats gilt als so essentiell, daß man heute davon ausgeht, daß ohne diese Reform der explosionsartig gewachsene römische Staat schlicht zusammengebrochen wäre.

Nero engagierte sich besonders für die Rechte der Sklaven und Freigelassenen. Er selbst umgab sich fast ausschließlich mit Freigelassenen, die seine engsten Berater, Vertrauten und Verwalter wurden – sicherlich keine unkluge Wahl, da seine herrschsüchtige und machtbesessene Mutter ihn ständig zu manipulieren versuchte, und er sich den Senat und römischen Adel dadurch zum Feind machte, dass er ihre Privilegien und vor allem ihre Gelder beschnitt.

Nero initiierte als Architekt und Städteplaner viele Bauvorhaben in Rom, um die Lebensbedingungen der überfüllten und schmutzigen Millionenstadt zu verbessern, setzte eine Feuerwehr ein, verbesserte den Brandschutz (Feuer waren in der engen Stadt, die damals überwiegend aus Holzbauten bestand, nicht zu vermeiden und brachen ständig aus) und verbesserte generell die Versorgung der Bevölkerung. Das Volk erfreute er mit Einmalzahlungen in umgerechnet 1000€ pro Person oder diversen Ernährungsprogrammen. Um Engpässen im Staatshaushalt entgegenzuwirken, half Nero ab 62 n. Chr. durch jährliche Überweisungen von 60 Millionen Sesterzen aus seinem Privatvermögen aus, die er gezielt einsetzte, um damit die soziale Situation zu verbessern. Je nach Berechnungsgrundlage also eine enorme Summe.

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Nero reformierte die Gladiatorenkämpfe (hier: die Gladiatorenschule Amor Mortis in Xanten, 2014)

Nero war entgegen dem Bild, was man von ihm heute hat, kein Freund von übertriebener Gewalt und dem nutzlosen Vergeuden von Menschenleben (weshalb er auch konsequent gegen die harte Bestrafung von Sklaven vorging) und er versuchte deswegen auch, die Gladiatorenspiele zu reformieren. So sorgte er durch neue Regeln dafür, daß der Ausgang weniger oft tödlich war und versuchte das Volk dadurch zu beschwichtigen oder zu entschädigen, daß er stattdessen exotische Tierhatzen oder phantasievolle Spektakel wie Schiffskämpfe oder technische Spielereien einbaute, die man heute als „Special Effects“ bezeichnen würde. In einer besonders legendären Aufführung öffnete sich der Boden der Arena und öffnete den Blick in einen Phantasiewald aus Blumen und duftenden Blüten, der mit exotischen Tieren bevölkert war.

Außerdem war der Kaiser ein Freund der Wissenschaften und der Forschung. Gerüchte berichteten zu seiner Zeit von wilden Gegenden mit unbekannten Tieren jenseits des Nils im tiefen Afrika, so dass Nero aufwendige Forschungsexpeditionen aussandte, um unbekannte Teile der Welt zu erforschen. Seine Forschungstrupps reisten bis in den heutigen Sudan und nach Sansibar und brachten Ebenholz oder Tiere wie Paviane und Nashörner mit. Auch Archäologie war eine Leidenschaft von Nero, so dass er Ausgrabungen an historischen Stätten wie Karthago finanzierte, um dort einen sagenhaften Schatz zu finden oder er ging kuriosen wissenschaftlichen Fragestellungen nach, wie der Frage, ob der legendäre Ausoniussee in Griechenland tatsächlich keinen Grund hatte, indem er ihn ausloten ließ.

Seine wohl wichtigste, wenn auch unbekannteste Reform, war seine Währungsreform. Er nahm eine Abwertung der Währung vor, die finanztechnisch ausgesprochen ausgeklügelt war. Zwar hatte es zuvor auch schon Abwertungen gegeben (indem man z.B. klammheimlich den Silbergehalt der Münzen reduziert hatte, allerdings ohne die Öffentlichkeit darüber zu informieren), aber Nero machte die Abwertung offiziell und sorgte dafür, daß der neue, genormte Silbergehalt der Münze gegen viele Widerstände schließlich Akzeptanz im ganzen Reich fand und dadurch zu einer Stabilisierung der Währung führte.

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Goldmünze mit Portrait des Nero, © Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer.

Die Erhöhung der Geldmenge, die daraufhin in Umlauf war, kompensierte Nero durch umfangreiche Baumaßnahmen, die wie ein Wirtschaftsmotor wirkten und vor allem für die Ziegelindustrie einen Boom auslöste. Er reduzierte drastisch die seinerzeit grassierende Arbeitslosigkeit und sorgte dafür, daß die jährliche Inflationsrate unter 2% blieb.

Getreide wurde staatlich subventioniert, so daß es, unabhängig von der Wirtschaftslage, für die einfache Bevölkerung immer erschwinglich blieb. Durch das Wirtschaftswachstum und die erhöhte Kaufkraft der Bevölkerung florierten auch andere Wirtschaftszweige und der Handel. Die Reformen zeigten ihren ganzen Erfolg erst nach dem Tod Neros, als der Aufschwung deutlich wurde. Seine Währungsreform wurde bis in die Spätantike beibehalten und bis zum Ende des west-römischen Reiches nicht mehr verändert.

Seine Reformen führten auch zu generellem Aufschwung und Wachstum in den Provinzen, so daß vor allem in Gallien und Germanien die Romanisierung stark beschleunigt wurde.

Seine in der Literatur oft erwähnte Prunk- und Verschwendungssucht ist so nicht haltbar; im Gegenteil war Nero während der ersten acht Jahre seiner Herrschaft äußerst vorsichtig in öffentlichen Ausgaben und sehr umsichtig in der Umsetzung seiner Währungsreform. Spätere große Geldausgaben für Städtebauprojekte dienten vor allem der Ankurbelung der Wirtschaft und der Bekämpfung der drohenden Wirtschaftsdepression – und das mit Erfolg!

Obwohl die gängige Meinung vorherrscht, daß Nero im Laufe seiner Herrschaftszeit immer „wahnsinniger“, grausamer und egomanischer wurde und gerade in der zweiten Hälfte seiner Herrschaftszeit jenseits der Realität stand, so gibt es interessanterweise eine Äußerung von Kaiser Trajan (Kaiser von 98 – 117 n. Chr), der das „Quinquennium Neronis“ als die „blühendste und friedlichste Zeit in der Geschichte des Reiches“ bezeichnete. Ursprünglich ging man davon aus, daß damit die ersten fünf Jahre von Neros Herrschaft gemeint waren. Mittlerweile wurde festgestellt, daß Trajan sich auf die letzten fünf Jahre der Herrschaft Neros bezog (u.a. von O. Murray, The Quinquennium Nerois and the stoics, in: Historia, 14, 1965 sowie von weiteren Autoren). Dies widerspricht bereits der gängigen Meinung, daß Nero die letzten Jahre seiner Herrschaft nur mit pompösen Ausschweifungen und in einem Zustand des weltfernen Größenwahns verbrachte.

Neros Herrschaftszeit war tatsächlich eine der friedlichsten Epochen der römischen Geschichte, weil er keine großen Kriege und Feldzüge anzettelte (wir erinnern uns, er war kein Freund von Gewalt) und es sogar schaffte, durch diplomatisches Geschick Frieden mit den römischen Erzfeinden, den Parthern, zu schließen, die ihn als guten Princeps schätzten.

Nero wählte als kaiserlichen Kult die Verehrung des Apollo, den er aufgrund seiner Neigung zum Hellenismus besonders schätzte. Dadurch verwies er nicht nur auf seine kulturelle Intention, die er unter der Schirmherrschaft des Gottes der Künste, des Friedens, der Harmonie, der Medizin und Gesundheit zu verwirklichen suchte, sondern auch auf sein Selbstverständnis, daß er nicht nur der Kaiser der römisch-italischen Welt war, sondern aller Völker die im Imperium Romanum zusammengeschlossen waren.

Nero, der Monarch und Feindbild des Senats

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Büste des jungen Kaisers

Im Gegensatz zur großen Beliebtheit im Volk war der Kaiser beim Senat und Adel alles andere als gut gelitten.

Erst einmal war er ein Emporkömmling, der aus dem plebejischen Adel stammte und über Umwege und Adoption und vor allem seine ehrgeizige Mutter, in die kaiserliche Linie gelangt war.

Seine Annäherung an das Volk und seine Volkstümlichkeit stießen beim Patriziat auf strikte Ablehnung. Wie die Meinung von politisch einflußreichen und wohlhabenden Plebejern über ihn war, wissen wir nicht, da von diesen keine schriftlichen Quellen erhalten sind.

Seine offen gezeigte Liebe zu Musik, Pantomime, Gesang und Kunst stieß im Adel auf völliges Unverständnis, denn in der römischen Gesellschaft durften solche Betätigungen von Bürgern hohen Standes allenfalls heimlich gepflegt werden, galten in der Öffentlichkeit für einen Mann hohen Standes aber als unstandesgemäß und verpönt.

Nero war also nicht nur ein Freund und Förderer des Sports und der Kultur, was man noch akzeptiert hätte, sondern trat selbst als begeisterter Musiker und Theaterdarsteller in Erscheinung (Ein Zitat von ihm besagt: „Musik, die im Verborgenen bleibt, hat keinen Wert„), was einem Skandal gleichkam – das Volk sah dies hingegen völlig anders und liebte seinen Kaiser genau dafür.

Er gründete kaiserliche Sport- und Musikschulen, die ausnahmslos jedem offenstanden – das kam nach römischem Verständnis geradezu einer Kulturrevolution gleich. Widerlegt ist, daß, wie so oft in der Literatur behauptet, gerade hochrangige Beamte gezwungen waren, Neros Darbietungen beizuwohnen und daß es strenge Strafen nach sich zog, dabei einzuschlafen. Tatsächlich waren gerade die von Nero inszenierten Aufführungen beim Volk derart beliebt, daß sogar seine erbittertsten Gegner, wie etwa Tacitus, zugeben mußten, daß Nero den „Stadtpöbel“ zu erfreuen wußte und von diesem eben wegen seiner Volkstümlichkeit geliebt wurde.

Nero weilte sehr gerne unter dem eigenen Volk und schaute diesem auch direkt aufs Maul, um zu erfahren, wie er dort gelitten war und was man über die hohen Politiker dachte. Zu diesem Zweck verkleidete er sich gerne als Sklave oder einfacher Stadtbewohner und ging alleine oder mit seinen engen Freunden, die aus den Reihen der Freigelassenen stammten, in die Stadtteile des einfachen Volks, wo er sich in Kneipen, Bordellen und verrufenen Straßenvierteln unter das Volk mischte und sogar an Kneipen- und Straßenschlägereien teilnahm. Im Gegensatz zu vielen führenden Politikern seiner Zeit war Standesdünkel diesem Kaiser also völlig fremd…

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„Nero und Seneca“ (Cordoba, Spanien). Seinem Lehrer Seneca kommt in Neros Biographie möglicherweise eine unrühmlichere und manipulativere Rolle zu als so mancher denken mag – auch er wurde von der christlichen Geschichtsschreibung vereinnahmt

Schlimmer aber als seine Herkunft und seine volkstümliche Liebe zu Kunst und Musik waren die Reformen, die den Senat seines Einflusses beraubten. Nero war ein Hellenist und strebte früh eine Monarchie nach hellenistischem Vorbild an.

Der Kaiser war sich der Tatsache bewußt, daß das Römische Reich in seiner neuen Größe, die mittlerweile ganz Europa, Britannien, den Nahen Osten und Nordafrika umfasste, nicht mehr mit dem althergebrachten System regiert werden konnte, weil es dafür einfach zu groß geworden war. Das römische Staatswesen war zu seiner Zeit immer noch so gestaltet, wie es der Herkunft als einfache Agrarnation entsprach, aber tatsächlich stand die Regierung und Verwaltung schon zur Zeit von Kaiser Claudius kurz vor dem Kollaps, so daß dieser bereits begonnen hatte, Strukturreformen einzuleiten, um diesen Problemen entgegenzutreten. Allerdings war Nero weitaus erfolgreicher als sein Vorgänger, da er seine Reformen – im Gegensatz zu Claudius – konsequent durchsetzte und Machtmißbrauch im Keim erstickte.

Daß er sich ausschließlich mit Freigelassenen umgab und diese seine engsten Vertrauten waren und alle staatlichen Schlüsselfunktionen einnahmen (die heute etwa den Positionen von Staatssekretären und Bundesministern, wie dem Finanzminister, entsprachen), war dem Senat ebenfalls ein Dorn im Auge. Selbst sein Stellvertreter war ein Freigelassener namens Helius. Diese Freigelassenen – und dessen war er sich offenbar wohl bewußt-, standen absolut loyal zu Nero, waren unbestechlich und hielten ihm bis zum Ende die Treue.

Der erste großen Bruch mit dem Senat, der ihn, als er als junger Mann den Thron bestieg, noch als Hoffnungsträger (und als weich und formbar…) ansah, kam mit Neros Plänen für eine Steuerreform im Jahr 58, an der Nero lange im Vorfeld mit seinen Wirtschaftsberatern gefeilt hatte. Er reformierte das sehr komplizierte Prinzip von Versteuerung und Zöllen auf Handelswaren und setzte eine Reform um, die in erster Linie Großgrundbesitzer traf. Das waren vor allem Senatoren und Angehörige des aufstrebenden Bürgertums und niederen Adels, wie die Ritter. Dem Senat gelang es zwar diese Reform zu verhindern, aber Nero setzte im Gegenzug andere Steuermaßnahmen durch, die zumindest Mißbrauch durch die Großgrundbesitzer und Pächter eindämmen sollten. Außerdem befreite er Handelsschiffe von der Vermögenssteuer, wodurch die Subventionierung von Getreide erst möglich wurde, die Nero besonders wichtig war, damit das Volk sich jederzeit, unabhängig von der Lage des Reiches, damit versorgen konnte.

Nero versuchte es mit weiteren Reformen in den Bereichen Sozial- und Gesundheitspolitik, die ebenfalls auf Widerstand bei der herrschenden Klasse stießen, weil es ihre Privilegien und Vermögen beschnitt.

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Nero mit Bart nach griechischer Mode. Bild von cjh1452000, lizensiert unter CC BY-SA 3.0, wikimedia commons

Seine Liebe zur hellenistischen Kultur führte dazu, daß Nero seinen Regierungsstil in Richtung der absolutistischen Monarchie nach griechischem Vorbild zu verschieben versuchte, indem er den Senat weiter in seinen Rechten beschnitt (ihm aber pro forma eine gewisse Entscheidungsfreiheit zugestand, die er ihm aber, nach einer aufgedeckten Verschwörung gegen ihn,  endgültig entzog).

Sein Ziel, einen starken Herrscher an der Spitze des Römischen Reiches zu etablieren, entsprang nicht etwa Größenwahn oder Machthunger, sondern war der Tatsache geschuldet, daß das Römische Reich so groß geworden war, daß es in seinen Augen eine starke, zentrale Führungsperson brauchte, die in der Lage war, Entscheidungen zu treffen. Bislang war das römische Reich vom Adel beherrscht gewesen, dominiert von starkem Lobbyismus und untereinander verfeindeten, intrigierenden Familien, die seit Jahrhunderten an der Macht waren und abfällig auf die niederen Stände und auf die Provinzen herabsahen.

Aus diesem Grund wollte Nero als Monarch herrschen und alleine die Gewalt über den Staat ausüben, ohne von einem Senat behindert zu werden, der nur seine eigenen Interessen verfolgte. Im Gegensatz zu Caligula wollte er jedoch in dieser Rolle nicht als „Gott“ angesehen werden (etwas, das vor allem im östlichen Teil des Reichs zum normalen Denken gehörte, im ägyptischen, östlichen und hellenistischen Raum war die Vergöttlichung des Monarchen nicht ungewöhnlich), sondern Nero untersagte sogar, daß man auf Staatskosten einen Tempel für ihn errichtete, denn er war der Ansicht, daß jemandem, wenn überhaupt, göttliche Verehrung erst nach dessen Tod zustand, nicht zu seinen Lebzeiten.

Mehrmals lehnte er Angebote göttlicher Verehrung, vor allem aus Ägypten und anderen östlichen Provinzen, rundweg ab. Er galt generell als bescheiden, was seine Ehrung als Herrscher und Kaiser anging, so schlug er auch den Titel „Vater des Vaterlandes“ aus und wies auch andere Ehrenbezeugungen ab und verhinderte, dass man ihm zu Ehren goldene Statuen aufstellte.

Viel wichtiger war ihm zeitlebens allerdings die Anerkennung als Künstler, eine Leidenschaft, die in späteren Jahren allerdings so dominant wurde, daß er darüber seine Staatsgeschäfte vernachlässigte.

Alte Quellen, neues Licht?

Es bleibt die Frage, warum Nero heute in einer fast karikaturhaft überzeichneten Weise als Monster dargestellt wird, wo er doch – allein von seinen wirtschaftspolitischen Leistungen her – einer der erfolgreichsten Regenten des Römischen Reichs war.

In seiner späteren Amtszeit häuften sich merkwürdige Vorfälle (wie die Ermordung seines Konkurrenten Britannicus oder seiner Mutter), aber auch hier gibt es mittlerweile Indizien, die darauf hinweisen, daß seine Rolle darin ganz anders war. Ob er alle Morde, die ihm angelastet sind, tatsächlich durchführte, resp. durchführen ließ, ist mittlerweile umstritten. Was die Beseitigung seiner Gegnerschaft und Todesurteile anbetrifft, war er nicht schlimmer oder besser als zahlreiche Kaiser vor und nach ihm.

Es sind diese letzten Jahre seiner Herrschaft, die von teilweisem Realitätsverlust und Vernachlässigung seiner Staatsgeschäfte zugunsten seiner künstlerischen Ambitionen geprägt waren, auf die die Wahrnehmung Neros bis heute reduziert wird, während seine lange erfolgreiche Regierungszeit quasi gar nicht wahrgenommen wird. Zu Neros späterer Regierungszeit und den vermeintlichen Skandalen und Exzessen sowie zu seiner Rolle in der Christenverfolgung werden wir an anderer Stelle in diesem Blog berichten.

All diese Themen werden heute weitaus differenzierter als früher gesehen. Auffällig ist bei der öffentlichen Wahrnehmung, daß bei Kaisern, die ein „gutes Image“ genießen, wie z.B. Konstantin der Große, der mit dem Aufstieg des Christentums in Verbindung gebracht wird, über derlei Details hinweggesehen wird, wie etwa die Tatsache, daß er seinen Sohn und seine Frau umbringen ließ.

Die Frage ist nun: wenn es doch immer die gleichen Quellen sind, auf die die Autoren seit 2000 Jahren Bezug nehmen, warum wird Nero bis heute in die Abgründe der Geschichte verbannt, obwohl er erfolgreicher war als mancher Kaiser vor oder nach ihm?

Nero war zugegebenermaßen eine schillernde und unkonventionelle Persönlichkeit, die gegen vieles verstieß, was zu seiner Zeit gesellschaftliche Norm galt, er brach sogar offen Tabus. Er hatte, neben Beziehungen zu Frauen, zum Beispiel auch eine Beziehung mit dem Freigelassenen Doryphorus, mit dem er sich laut Sueton vermählte und als passiver Part im Geschlechtsaktes fungierte, wobei er „das Schreien und Wehklagen vergewaltigter Jungfrauen nachahmte“ (in der Römischen Gesellschaft durfte ein Mann von Stand in homosexuellen Akten allenfalls den aktiven Part übernehmen; die passive Rolle blieb niederen Personen und Sklaven vorbehalten war).

Er machte Musik, er tanzte, er sang, er spielte Theater, er vermischte sich mit dem einfachen Volk und ließ sich von diesem sogar berühren – undenkbar!

Die Antwort ist: Sowohl Sueton als auch Tacitus hatten ihre persönlichen, wenn auch unterschiedlichen Gründe, schlecht über Nero zu reden.

Sueton, eigentlich Gaius Suetonius Tranquillus, gehörte dem Ritterstand an (Eques), dem aufstrebenden Adel. Außerdem war er Verwaltungsbeamter; Schreiben war für ihn eher Nebenbeschäftigung als Hauptberuf. Er verfasste mehrere Biographien über römische Kaiser, wobei er jedoch kaum eigene Quellenforschung betrieb, sondern sich vor allem auf andere zeitgenössische Werke stützte, sowie auf mündliche Erzählungen seines Vaters und Großvaters. Biographien entsprachen in der römischen Antike nicht dem, was wir heute darunter verstehen, sondern sie waren oft thematisch aufgebaut, listeten zum Beispiel detailliert die Geliebten eines Herrschers sortiert nach Herkunftsprovinzen auf, waren mit Anekdoten, Gerüchten, aber auch wunderlichen Geschichten, Visionen, Träumen oder Omen gespickt, die bei dem Leser Spannung erzeugen sollen, oder Skandalberichte, die so explizit beschrieben waren, daß sie beim Leser ein wohliges Gruseln hervorriefen.

Sueton gilt in der heutigen Quellenkritik als nicht sonderlich glaubwürdig; man wirft ihm vor, Quellen kritiklos übernommen zu haben und, um seine Biographien spektakulärer wirken zu lassen, die wildesten Anekdoten und Gerüchte aufzunehmen und zu vermischen, jegliche Neutralität vermissen zu lassen und sich oft aus den Gegnerschaften der beschriebenen Kaiser zu informieren. Auch nehmen die sexuellen Ausschweifungen des Kaisers, sowohl mit Männern, Knaben, Frauen, bis hin zu der angeblichen Vergewaltigung einer Vestalin (ein größeres Verbrechen konnte man sich kaum vorstellen), bei Sueton sehr viel Raum ein und werden fast genüßlich bis ins Detail beschrieben.  Seine Sichtweise gilt als bewußt verzerrend, so daß man ihn aus heutiger Sicht als „Boulevardreporter“ bezeichnen könnte, der sich darüber hinaus nicht einmal durch einen besonders eleganten oder eloquenten Stil auszeichnete. Sein „Nero“ ist tatsächlich reißerischer und plakativer formuliert, als die BILD-Zeitung und das Privatfernsehen es heute tun würden. Er war gänzlich unpolitisch und eine gute Story mit Unterhaltungswert war ihm wichtiger als alles andere.

Seiner reißerischen Darstellung ist in erster Linie das heute gängige Klischee von Nero als wahnsinnigem, sexbesessenem, tyrannischem und unfähigem Herrscher zu verdanken. Ein Beispiel finden wir z.B. bei Sueton in den Kapiteln 28-29, die sich über mehrere Seiten ausschweifend mit allerlei Perversionen und Details von Neros Sexleben beschäftigen: „Und endlich dachte er sich ein besonderes Spiel aus. Er schlüpfte in ein Tierfell und stürzte sich aus einem Käfig heraus auf die Schamteile von Männern und Frauen, die man an Pfählen festgebunden hatte. Wenn er genug gewütet hatte, ließ er sich von seinem Freigelassenen Doryphoros fertigmachen. Ähnlich wie er den Sporus zur Frau genommen hatte, hatte er sich diesem vermählt.(…)

Publius Cornelius Tacitus hingegen war aus einem anderen Holz geschnitzt – bei ihm hatte die Diffamierung Neros Methode und politische Beweggründe. Er war kein Boulevardjournalist, dem es nur um eine reißerische Geschichte ging, sondern er war ein bedeutender und einflußreicher römischer Historiker und Senator. Er lehnte die von Nero in die Wege geleiteten Maßnahmen ab, die seinen Stand – Senatoren und Großgrundbesitzer – in ihrem Reichtum und ihren Rechten beschränkten, und dies auch noch zugunsten des einfachen Volks und der aufstrebenden Schichten, durch die man sich bedroht sah. Tacitus war ein Anhänger der längst vergangenen Republik, der den strukturellen und kulturellen Umbau des Staates in ein Kaiserreich mit immer weitreichenderen Beschneidungen des Senats und Adels mit Argwohn betrachtete und letztlich aus Prinzip ablehnte.

Tacitus schrieb in seinen „Annalen“ ebenfalls die Biographien mehrerer Kaiser nieder, auch die Neros, wobei er hier ein düsteres und bewußt negatives Bild zeichnet und eindeutig Partei gegen ihn ergreift. Als genereller Gegner des Kaisertums ist seine Neutralität deswegen bereits fraglich.

Auch kommt seinem Lehrer und Redenschreiber Seneca, der ebenfalls von der christlichen Geschichtsschreibung des Mittelalters vereinnahmt wurde, eine manipulativere Rolle zu, als man dem geschätzten und verehrten Philosophen bislang zutraute. Dieser war durch dubiose Geldgeschäfte in kürzester Zeit zu unvorstellbarem Reichtum gelangt und trug einen steten Machtkampf gegen Neros dominante Mutter Agrippina aus. Dies geschah zum Beispiel dadurch, daß er einerseits eine tragische Trauerrede für Nero zum Tode seines Adoptivvaters Kaiser Claudius schrieb, gleichzeitig jedoch eine vulgäre Schmähschrift über Claudius verfasste („die Verkürbissung des Kaisers Claudius“), um diese als Warnung gegen Claudius‘ Nachfahren – seinen Sohn Britannicus und seine Frau Agrippina – einzusetzen. So buhlten und konkurrierten Seneca und Agrippina um den 17-jährigen Kaiser Nero, im Glauben, ihn jeweils zugunsten ihrer Sache manipulieren zu können.

Auch der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio, der, wie Tacitus, ebenfalls aus einem senatorischen Standpunkt heraus schreibt, redet in seiner „Römischen Geschichte“ schlecht über Nero. Die Bände seiner Geschichtsschreibung, die sich mit der Geschichte der Republik bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. beschäftigen, sind heute allerdings nur noch in Fragmenten erhalten, so daß wir von ihm nicht allzu viel über Nero erfahren. Erst ab Kaiser Commodus (161 n. Chr) werden seine Schriften ausführlicher. Auch bezog er sich auf ältere Quellen, so daß davon auszugehen ist, daß er die Schmähschriften über Nero von älteren Autoren übernommen hat.

Mittlerweile sind zahlreiche Widersprüche, sogar bewußte Fälschungen und Entstellungen der Realität in den Schriften aller drei Autoren identifiziert.

Insbesondere die Boulevard-Gerüchteküche, verbreitet von Sueton, und die politische Propaganda von Tacitus war es, die christliche Geschichtsschreiber im Mittelalter entweder kritiklos und sogar bewußt heranzogen, um Nero in seiner neuen Rolle als biblisch vorhergesagter Antichrist zu beschreiben. Diese Zuschreibung früher christlicher Geschichtsschreiber, die die These, Nero sei der Antichrist, mit solcher Vehemenz vertraten und mit Beweisen zu belegen versuchten, ging allerdings sogar christlichen Gelehrten wie Augustinus zu weit. Dieser hatte jedoch Mühe, diese etablierten Vorstellungen zu bekämpfen, die er als rundweg blasphemisch betrachtete. Selbst Päpste verbreiteten jedoch bis ins späte Mittelalter diese Lehre.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein hielten sich diese Geschichten um Nero, den Antichristen, Nero als Vorgänger des Antichristen oder Nero als Verwandter des Antichristen. Daneben war Nero in der christlichen Propaganda zum Prototypen des fanatischen Christenhassers geworden, da man ihn zum ersten Christenverfolger erklärt hatte und der eigenen Bewegung damit zum Märtyrerstatus verhalf. Auch hierfür zitierte man gerne Textstellen von Sueton und Tacitus.

In der heutigen Forschung beschränkt man sich jedoch nicht mehr darauf, Sueton und Tacitus zu lesen (vor allem, ohne deren Hintergrund und Motive zu betrachten). Sondern man ergänzt die verfügbaren Quellen durch archäologische Beweise wie Inschriften, Münzen, Epigraphe, archäologische Funde, erhaltene Schriftstücke auf Papyrus, die aus allen Teilen des Reiches, vor allem aus entlegenen Provinzen, erhalten geblieben sind. Auch werden heute zahlreiche antike Texte zu Rate gezogen, die sich nicht mit Nero selbst beschäftigen, aber aus seiner Regierungszeit stammen und Details über die Lebensumstände in dieser Zeit offenbaren. Vor allem diese Texte zeigen eine Zeit der Blüte und des wirtschaftlichen Wohlstandes.

Eins ist sicher: Nero war eine schillernde Persönlichkeit, der lieber Künstler sein wollte als Kaiser, seine Aufgabe als Kaiser aber dennoch sehr gut erfüllte, obwohl er sich bis zu seinem Selbstmord im Jahr 68 n. Chr. als Künstler sah. Er war ein vielseitig interessierter junger Mann, ein Visionär, Forscher, Architekt, Musiker und Wissenschaftler mit einem Hang zu technischen Spielereien, jemand mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden und einer Abscheu von Gewalt.

In Saecula Saeculorum – auf immer und ewig

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„Tod des Nero“, von Vasiliy Smirnov

Sein Machtverlust und sein Tod im Jahr 68 n. Chr. waren die Folgen einer Verschwörung gegen ihn, indem ihn der Senat – dem er zeitlebens ein Dorn im Auge war – zum hostis populi Romani, zum Feind des Volkes und damit letztlich zum Vogelfreien erklärte. Gleichzeitig verhalf man dem Statthalter von Gallia Lugdunensis, Gaius Iulius Vindex, zur Macht, der zur Schlüsselfigur im Putsch gegen Nero wurde. Vindex, der selbst kein römischer Kaiser werden wollte und sich auf die republikanische Tradition berief, zog weitere hochrangige Militärangehörige und deren Einheiten hinzu, was schließlich zu einem militärischen Aufstand führte. Dennoch schaffte man es nicht, alle Militärführer zum Putsch zu bewegen; bis zum Ende hielten mehrere Feldherren Nero die Treue und weigerten sich, sich am Aufstand zu beteiligen.

Der Senat erklärte den Feldherrn Galba zum neuen Kaiser (dieser hielt sich jedoch nur wenige Monate und seine Herrschaft führte zum Vierkaiserjahr 69 n. Chr.) und Nero wurde zur Flucht gezwungen. Als seine Verfolger sein Versteck erreichten, verübte er Selbstmord. Der Legende zufolge rief er dabei aus: „Welch ein Künstler stirbt mit mir!“

Allerdings wurde Nero nicht abgesetzt, weil er dem Wahnsinn verfallen war und er für das römische Volk untragbar geworden war, sondern es war der Senat, der ihn zum Staatsfeind erklärte, einen Militärputsch gegen ihn initiierte und ihn nach seinem Tod sogar der damnatio memoriae unterwarf – der Verfluchung und völligen Auslöschung der Erinnerung durch die Nachwelt an ihn. Inschriften mit seinem Namen, Büsten, Münzen und Statuen wurden absichtlich zerstört (eine Bestrafung, die nach ihm noch fünf weiteren Kaisern angedieh, unter anderem Commodus, Domitian und Geta, während Kaiser Claudius die Damnatio seines Neffen Caligula verhinderte, ebenso wie Antoninus Pius die Damnatio des Hadrian). Die Damnatio war zur Kaiserzeit ein probates und beliebtes Mittel, um unbeliebten Personen zu schaden und beschränkte sich nicht auf Kaiser, sondern wurde z.B. auch gegen mißliebige Senatoren angewandt. So war sie vor allem ein politisches Instrument.

Ob ein Kaiser nach seinem Tod eine Apotheose erfuhr und vergöttlicht wurde, entschied de facto der jeweilige Nachfolger. Als „divi“ vergöttlicht wurden Augustus, Claudius und alle Kaiser nach ihnen, die nicht von der Damnatio betroffen waren. Aber es war auch eine Aufhebung der Damnatio und Rehabilitation möglich, die restitutio memoriae – diese erfuhr Nero unter den Kaisern Otho und Vitellius bereits ein Jahr nach seinem Tod im Vierkaiserjahr 69.

Auch die Damnatio von Kaiser Commodus wurde aufgehoben durch Septimius Severus.

Nero war also nur zeitlich begrenzt der damnatio memoriae unterworfen. Im Volk jedoch hatte man nach seinem Tod ohnehin niemals sein Andenken verflucht, sondern er blieb auch danach beliebt und wurde verehrt, so daß sich um seinen Tod eine Art Heiligen-Legende etablierte, die vom Senat mit großer Mißbilligung gesehen wurde.

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Der vermutete Grabstein des Nero

Neben einer Prophezeiung in den Sibyllinischen Büchern war es auch diese Legende,  die christliche Autoren später zu der Geschichte umkehrten, Nero sei der Antichrist, der auf seine Rückkehr warte. Denn auch im römischen Volk weigerte man sich zu glauben, daß Nero wirklich tot sei – man glaubte, daß er eines Tages zurückkehren würde, um dem Volk Gerechtigkeit zu verschaffen. Diese Legende verbreitete sich im ganzen Reich und führte zu kuriosen Phänomenen, wie dem Auftauchen mehrerer falscher Neros. Dies begann bereits zwei Jahre nach seinem Tod, wo der erste falsche Nero auftauchte was zu einem großen Aufruhr in der Öffentlichkeit führte. Bis in das Jahr 88 tauchten vier weitere falsche Neros auf und sowohl die Legende als auch seine Beliebtheit war allen Anfeindungen und der damnatio zum Trotz nicht auszurotten. Noch unter Trajan schrieb der christliche Geschichtsschreiber Chrysostomos: „Noch heute wünschen sich viele, daß er noch lebe. Und tatsächlich glauben viele, daß es so ist“ (Orationes, I, 9, 10).

Bis in die Spätantike feierte man im Volk das Andenken an diesen Kaiser durch besondere Feierlichkeiten im Frühjahr und im Sommer, bei denen das Grab Neros mit Blumen geschmückt wurde.

Wer genauer hinter die Kulissen im Leben dieses volksnahen Kaisers blicken möchte und sich ein eigenes Bild machen möchte, dem empfehlen wir einerseits die Lektüre der Klassiker: „Nero“ von Sueton sowie die „Annalen“ von Tacitus – und im Gegenzug die erwähnte Biographie von Massimo Fini „Nero“, die wir ebenfalls, neben den Klassikern, für die Verfassung dieses Artikels verwendet haben. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere, gute wissenschaftliche Arbeiten und Biographien, die sich mit dem Leben dieses Herrschers auseinandersetzen.

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Eindrücke vom Römerfest „Brot und Spiele“ in Trier 2007

Ansonsten legen wir Euch jetzt schon die oben erwähnte Sonderausstellung vom 14. Mai bis 16. Oktober 2016 in Trier ans Herz, deren Entwicklung wir schon seit gut einem Jahr verfolgen.

Wir freuen uns auf eine differenzierte Darstellung, die sicherlich dabei helfen wird, die Vorstellung des wahnsinnigen, karikaturenhaften Lyraspielers auf dem Dach seines Palastes in eine realistische Relation zum tatsächlichen Leben und Wirken dieses Kaisers zu setzen.

Trier feiert dieses Jahr außerdem ein besonderes Jubiläum: 30 Jahre Welterbe Trier – Zentrum der Antike mit zahlreichen Sonderveranstaltungen, wie zum Beispiel einem großen Römerfest in den Kaiserthermen am Wochenende vom 23.-24. Juli 2016.

Mehr zur Ausstellung und dem Rahmenprogramm in Kürze aus unserer Rubrik Events, Veranstaltungen und Sonderausstellungen!

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Vetch sagt:

    Das ist sehr spannend, und leider leuchtet mir sofort ein, warum Nero heute als „wahnsinning“ gilt.
    Danke für den klasse Artikel!

    Gefällt mir

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