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Antike Stätten: Waldkapelle „Beatae Mariae Virginis ad Silvam“ Kaisersesch

Das römische Quellheiligtum ist heute noch ein beliebter Wallfahrtsort

Das römische Quellheiligtum ist heute noch ein beliebter Wallfahrtsort

Anschrift:

In der Langheck, 56759 Kaisersesch

Anfahrt:

Kaisersesch liegt am Rande der Osteifel, 12 Kilometer von der Mosel und der Stadt Cochem entfernt, direkt an der A48.

Die Waldkapelle befindet sich in der Nähe des Bahnhofs am Rande des Ortskerns in der Sackgasse „In der Langheck“. Parkmöglichkeit besteht direkt vor der Kapelle.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Kaisersesch gut zu erreichen, da der Bahnhof von der „Eifelquerbahn“ zwischen Andernach und Gerolstein angefahren wird. Vom Bahnhof sind es nur wenige Gehminuten bis zur Kapelle.

Die Waldkapelle ist auch eine Station auf dem „Historischen Rundwanderweg„, der unter anderem auch an keltischen Gräbern, der alten römischen Heerstraße und dem Römerturm auf der Anhöhe oberhalb der Stadt vorbeiführt. Die ganze Region ist gut zum Wandern geeignet und verfügt über mehrere historisch interessante und landschaftlich schöne Wanderrouten.

Außerdem liegt die Kapelle unmittelbar am Eifel-Camino, dem Jakobsweg durch die Eifel nach Santiago de Compostela und dient als Stempelstelle für den Pilgerpass.

Hintergrundinformationen:

Die Waldkapelle (Foto von Reinhard Hauke)

Die Waldkapelle (Foto von Reinhard Hauke)

Die Waldkapelle „Selige Jungfrau Maria am Walde“ oder „Beatae Mariae Virginis ad Silvam“ ist nur mittelbar als „römische antike Stätte“ zu werten.

Auch ist – entgegen unserer sonstigen Gewohnheit in unseren Reiseempfehlungen – einiges zur römischen Geschichte dieser Kapelle spekulativ oder nur durch Indizien zu belegen, da eine klare und eindeutige Befundlage fehlt. Dennoch haben wir uns entschieden, diese Kapelle ebenfalls in unsere Reisetipps aufzunehmen, da es gute Anhaltspunkte dafür gibt, daß der Ort in römischer Zeit eine gewisse Bedeutung hatte und sich der geneigte Cultor vielleicht auch gerne selbst ein Bild machen möchte. Historisch interessant ist der Ort allemal, so daß die Kapelle einen Abstecher wert ist, wenn man sich in der Gegend befindet und zum Beispiel den römischen Wachturm besichtigt oder der alten römischen Heerstraße zwischen Trier und dem Neuwieder Becken folgt, die an dem Standort der Kapelle vorbeiführte.

Wer sich für den römischen Hintergrund von Kaisersesch und der Umgebung interessiert, dem legen wir unseren Artikel zum Römischen Wachturm ans Herz, um unsere Leser nicht mit der Wiederholung von Informationen zu langweilen.

Die Region lag zu römischer Zeit im östlichen Gallien und war von den keltischen Treverern besiedelt.

Die kleine Waldkapelle, früher auch Wachtkapelle genannt, ist der Seligen Jungfrau Maria am Walde geweiht. Sie steht zwar, anders als der Name vermuten lassen mag, noch am Ortsrand von Kaisersesch, am Ende der Straße beginnt jedoch der Wald, in dem auch die Reste der Militärstraße noch gut erkennbar verlaufen.

Der Ursprung der Kapelle geht auf einen römischen Wachturm zurück, der an dieser Stelle die Sicherheit auf der Heerstraße überwachte und wahrscheinlich von Beneficariern (altgedienten Legionären, die Polizeiarbeit leisteten) besetzt war. Die Fundamente des Wachturms aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. wurden bei Renovierungsarbeiten der Kapelle gefunden, weshalb der römische Ursprung des Ortes archäologisch gesichert ist.

Ebenfalls bei den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1982 gefunden wurde eine Heilquelle. Die Forschung geht davon aus, daß es sich dabei um ein Quellheiligtum gehandelt haben könnte, das bereits zu römischer Zeit (und vermutlich auch schon von den einheimischen Kelten) genutzt wurde, weil die Quelle in räumlicher Beziehung zu dem Wachturm stand. Wer dort verehrt wurde und wie die Kultpraxis aussah, ist nicht bekannt, da keinerlei Weiheinschriften, Figuren, Statuen oder sonstige schriftliche oder bildliche Zeugnisse gefunden wurden.

Die Heilquelle wurde im Jahr 1982 bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt

Die Heilquelle wurde im Jahr 1982 bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt

Mehreren dörflichen Überlieferungen aus der Region zufolge, gilt diese Quelle als Heilquelle gegen Augenleiden. Dies wird noch heute in der Bevölkerung tradiert und die Quelle auch für diese Zwecke genutzt.

Die wiederentdeckte Quelle wurde im Rahmen der Restaurierung freigelegt, in eine Rohrleitungssystem gefasst und in die Kirche integriert, wo sich die Besucher das Wasser durch die Betätigung einer (elektrischen) Pumpe frisch zapfen können.

Da es bei katholischen Kirchen und Kapellen häufig der Fall ist, daß sie an Stellen errichtet wurden, an denen sich zuvor römische Tempel oder andere Stätten der Verehrung (wie Quellheiligtümer oder Schreine) befanden, ist auch für diesen Ort anzunehmen, daß die Position der ursprünglichen Kapelle, die hier bereits im Mittelalter stand, bewußt in der Nähe der im Volk verehrten Heilquelle gewählt wurde.

Die Tatsache, daß der Ort seit 2000 Jahren von Menschen mit ihren Anliegen aufgesucht wird, zeigt, daß hier ein gewisses Numen vorhanden ist und unterstreicht auch die Bedeutung von katholischen Kirchen und Kapellen für die Bewahrung und Weitertradierung alter Kultorte, oder auch deren Wiederentdeckung, die oft nur durch die darüber errichteten Kirchen (zum Beispiel im Rahmen von Renovierungsarbeiten) erfolgt, während sie in der Bevölkerung in Vergessenheit geraten waren.

Ob ein Ort noch das Numen des Göttlichen beinhaltet oder spirituell „tot“ ist, bemerkt man relativ schnell, wenn man heute einen sakralen Raum betritt – bei manchen Kirchen ist es deutlich zu spüren, wenn sie seit 2000 Jahren an einem Ort der Verehrung stehen und Menschen durch die Jahrhunderte dort religiös aktiv waren, gleichgültig, wer das Ziel ihrer Verehrung war resp. welchen Namen sie dem dort aktiven Genus loci gaben. Andere Orte (besonders bei modernen Kirchen, wie zum Beispiel das Betonmonstrum von Linz), sind spirituell leer und tot und deshalb einfach nur „Gebäude“, der Raum wird hier nur durch die bestehenden Wände definiert – nicht mehr durch eine Präsenz, die erst den Grund gab, solche behütenden Wände zu errichten…

Sowohl in der Waldkapelle in Kaisersesch als auch im nahegelegenen Kloster Maria Martental im Enderttal (wo ebenfalls ein Quellheiligtum vermutet wird und eine römische Besiedelung des Platzes anhand von archäologischen Funden, wie römischen Münzen, gesichert ist) ist das Numen noch vorhanden und wurde an beiden Orten durch Wallfahrer und Pilger durch die Jahrhunderte vor Ort gehalten (und nicht, wie an vielen anderen Orten, durch Vernachlässigung und Vergessen vertrieben).

Für mehr Informationen zum römischen Heidentum und der römisch-katholischen Kirche empfehlen wir unseren Hintergrundartikel „Römisch (oder) Katholisch? Heidnische Gdanken zum Christentum„.

Die gallo-römische Quell- und Heilgöttin Sirona, Gefährtin des Apollo-Grannus, war bei den Treverern in dieser Region sehr beliebt

Die gallo-römische Quell- und Heilgöttin Sirona, Gefährtin des Apollo-Grannus, war bei den Treverern in dieser Region sehr beliebt

Spekulativ, aber argumentativ begründbar, ist, daß es sich bei der an diesem Quellheiligtum (sowie im Quellheiligtum im Kloster Martental, heute immer noch eine bedeutende Wallfahrtsstätte für Alte und Kranke) um eine weibliche Gottheit, z.B.  eine Quell- und Heilgöttin wie die im Raum der Treverer verehrte gallo-römische Sirona gehandelt hat. Die Tatsache, daß sowohl die Waldkapelle als auch die Klosterkirche Marienkirchen sind, in denen jeweils eine besondere Inkarnation der Maria im Vordergrund steht (auch in Martental ist es die „Schmerzhafte Mutter“), die dort traditionell verehrt werden, deutet auf eine Göttin als zentrales Objekt des religiösen Kultes.

Beiden Orten gemein ist auch die Verehrung bestimmter Heiliger wie Judas Thaddäus, der vor allem in schwierigen und ausweglosen Lebenssituationen angerufen wird. Zahllose Votivtafeln in Martental für ihn, sowie für Maria, zeigen die Wirksamkeit dieses Ortes, die bis heute ungebrochen ist. Daß Heilige oft 1:1, sogar noch mitsamt ihrer Attribute (wie Isis mit dem Horuskind oder Isis auf der Mondsichel als Darstellungen der Jungfrau Maria), von römischen oder anderen einheimischen Göttern übernommen wurden, ist nicht neu, so daß auch hier davon ausgegangen werden kann, daß dieser Heilige einen römischen oder gallo-römischen Vorgängergott in diesen beiden Quellheiligtümern hatte.

An der Stelle der Kapelle stand bereits im 12. Jahrhundert eine Vorgängerkapelle, die der Legende nach von dem an Mosel und in Eifel ansässigen Hochadels- und Rittergeschlecht von der Leyen als Dank für die glückliche Heimkehr von den Kreuzzügen errichtet wurde. Dieser Legende zufolge soll die alte Kapelle 1000 Schritte von der Pfarrkirche entfernt gewesen sein, was genau der Distanz zwischen dem Haus des Pilatus in Jerusalem und dem Berg Golgatha entsprach. Auch befand sich zu dieser Zeit zwischen Pfarrkirche und Kapelle deswegen ein Kreuzweg, von dem aber nur noch eine Station an der Waldkapelle erhalten ist.

Die heutige Kapelle wurde im Jahr 1769 neu gebaut und war innerhalb kürzester Zeit ein beliebter Wallfahrtsort in der „Bittwoche“, wohin Pilger zu Ehren der Schmerzhaften Muttergottes pilgerten. Der Pilgerandrang war zwischenzeitlich so groß. daß die Franziskaner von Adenau und die Kapuziner von Cochem bei der Beichte aushelfen mußten.

Der Altar mit dem Bildnis der Schmerzreichen Mutter

Der Altar mit dem Bildnis der Schmerzreichen Mutter

Durch den Einfall der Franzosen, Österreicher und Preußen im Jahr 1794 wurde die Kapelle zerstört und mußte geschlossen werden. Im Jahr 1833 wurde sie vollständig renoviert und in eine dreiachsige Form gebracht. Im Jahr 1910 stürzte das Gewölbe ein und wurde durch das heutige Holztonnen-Gewölbe ersetzt. Einen Chorraum gibt es aus Platzgründen nicht.

Im 19. Jahrhundert war die Kirche auch ein wichtiger Wallfahrtsort für Bergleute aus der Region, die vor allem vom Schieferbergbau lebte. Sie verehrten hier die Heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute, deren Statue sich noch heute in der Kirche befindet.

Im Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1944, wurde die Kirche teilweise zerstört und erhielt nach dem Krieg neue Fenster nach den Vorschlägen des Kölner Dombaumeisters.

Im Jahr 1982 wurde die Kirche wegen Nässeschadens erneut grundlegend renoviert, wobei die Heilquelle entdeckt wurde. Da die notwendige Renovierung nicht finanziert werden konnte, wurde sie von der Freiwilligen Feuerwehr Kaisersesch in 1085 kostenlosen Arbeitsstunden durchgeführt. Noch heute wird die Kirche von der Feuerwehr betreut und gepflegt, wie auch der Blumenschmuck ehrenamtlich von zwei Kaisersescher Bürgerinnen gestellt wird.

Die Kapelle enthält wichtige Kunstschätze, wie das Altarbildnis der Schmerzhaften Muttergottes und Rokokoschnitzwerk über der Tür.

Der Altar wird flankiert von aufwendigen und schön gestalteten, klassischen Statuen der Heiligen Barbara, Elisabeth (die sich für Arme und Kranke einsetzte), des Heiligen Apollinarius (ein Zeitgenosse von Petrus, der auch in Remagen bei der Apollinariswallfahrt verehrt wird) und des Heiligen Judas Thaddäus.

Beschreibung

Das Heilwasser kann man sich frisch von der Quelle zapfen

Das Heilwasser kann man sich frisch von der Quelle zapfen

Die Waldkapelle hat zwei Reihen aus Sitzbänken und ist für eine Kapelle recht groß. Vor dem Bildnis der Schmerzhaften Mutter am Altar besteht natürlich die Möglichkeit (nach altem heidnisch-römischem Brauch) eine Opferkerze zu entzünden.

Die Heilquelle befindet sich hinter einem schmiedeeisernen, verzierten Gitter an der rechten Wand der Kirche. Hier ragt die steinerne Fassung der Quelle aus der Wand, darunter befindet sich ein Gefäß, damit das Wasser nicht überläuft. Die Quelle läuft nicht ununterbrochen, sondern wird durch das Betätigen einer Pumpe aktiviert. Hierzu drückt man auf einen Schalter, der sich neben der Quelle befindet.

Die Öffnungen im Gitter sind groß genug, um die Hand oder auch ein Gefäß wie ein Fläschchen oder Becher unter die Quelle zu halten und das Heilwasser damit aufzufangen. Da die Quelle vor allem bei Augenleiden hilft, kann man sich damit auch vor Ort direkt die Augen benetzen.

Die Kirche ist sauber und gepflegt. Wie für eine katholische Kirche üblich, ist sie tagsüber geöffnet und man kann sich darin so lange aufhalten, wie man möchte. Von Wallfahrtszeiten und Feiertagen abgesehen, ist man dort meist allein.

Ein angenehmer Ort mit einer langen, interessanten Geschichte. Das römische Quellheiligtum ist hier zumindest an einem würdevollen, immer noch sakralen Ort untergebracht und wird von engagierten Bürgern betreut, so daß die Quelle, die schon vor 2000 Jahren genutzt wurde, erhalten bleibt und weiter genutzt werden kann.

Sonstiges

Die zahllosen Votivtafeln im Kloster Martental bezeugen die Wirksamkeit des Ortes

Die zahllosen Votivtafeln im Kloster Martental bezeugen die Wirksamkeit des Ortes

Fotografieren ist natürlich uneingeschränkt möglich.

Der Besuch der Waldkapelle kann gut mit anderen Sehenswürdigkeiten rund um Kaisersesch kombiniert werden. Ideal ist natürlich das Wallfahrtskloster Maria Martental im atmosphärischen Enderttal mit seinen vielen Votivtafeln. Hier besteht auch die Möglichkeit einer kleinen, angenehmen Wanderung zu einem nahegelegenen Wasserfall.

Ebenfalls für den römischen Besucher interessant ist der rekonstruierte römische Wachturm oberhalb der Stadt, von dem aus man eine ausgezeichnete Aussicht hat. Der 7,7 km lange „Historische Rundwanderweg“, der in Kaisersesch startet, führt an diesem Turm vorbei und folgt streckenweise auch der römischen Militärstraße, die noch gut im Gelände zu erkennen ist. Außdem gibt es hier auch keltische, mittelalterliche und neuzeitliche Stationen.

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