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Götterwelt: Flora

Kaiserzeitliche Statue der Flora aus Hadrians Villa (Kapitolinisches Museum)

Kaiserzeitliche Statue der Flora aus Hadrians Villa (Kapitolinisches Museum)

Herkunft, Zuständigkeiten, Bezeichnungen:

Flora ist eine alte Vegetations- und Fruchtbarkeitsgöttin ur-römischen Ursprungs.

Im Gegensatz zu vielen anderen römischen Gottheiten, hat sie ihren Ursprung nicht in der etruskischen, griechischen oder provinzialrömischen Götterwelt (keltisch, afrikanisch, orientalisch), sondern gilt als Göttin, die bereits von den Sabinern verehrt wurde – den „Ureinwohnern“ der italischen Halbinsel vor der Gründung Roms, die lange Zeit als schärfste Konkurrenten Roms in der Region galten, bis sie im Jahr 290 v. Chr. endgültig von Rom erobert und in das Römische Reich assimiliert wurden.

Der Legende nach wurde Flora vom sabinischen König Titus Tatius (der bis zu seiner Ermordung gemeinsam mit Romulus über Rom herrschte) mit nach Rom gebracht, indem er ihr dort einen Altar errichtete. Die sybillinischen Bücher ordneten im Jahr 238 v. Chr. die Errichtung eines Tempels für sie an, gemeinsam mit der Einführung eines Festes – den Floralia. Dieser Tempel wurde auf dem Quirinal errichtet, einem der sieben Hügel Roms und das Kultgeschehen dort von einer Priesterin betreut.

Numa Pompilius, der sagenhafte zweite König Roms, setzte für sie einen eigenen Flamen ein (ein Opferpriester, der für eine bestimmte Gottheit zuständig ist) – den Flamen Floralis. Er gehörte zu den zwölf Flamines minores, den „kleineren Flamen“.

In späterer Zeit errichtete man ihr einen zweiten Tempel, dieses Mal in der Nähe des Circus Maximus, um sie als sehr volkstümliche Göttin in einem plebeiischen Umfeld in der Nähe des einfachen Volks anzusiedeln.

Flora wird auch als Flora Mater angesprochen.

Sie gehört zu den ländlichen Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten, hier vor allem – wie der Name schon andeutet – der Blumen und Pflanzen, auch Erde, Getreide und Ackerbau, aber auch als Göttin der Jugend und eine Göttin der Schwangerschaft. Ähnlich wie Bacchus ist sie auch eine Göttin der Sinnesfreuden und des Genusses und sie gilt als die Schutzgöttin der Prostituierten. Sie kann auch Pflanzenkrankheiten abhalten, insbesondere einen Pilz, der vor allem Getreide befällt.

Da es relativ viele Fruchtbarkeitsgöttinnen gibt (lokale, wie auch im ganzen römischen Reich verbreitete), steht Flora neben ihnen immer etwas im Schatten und spielt eigentlich nur Ende April bis Anfang Mai eine größere Rolle im religiösen Alltag.

Sie ist mit der Jahreszeit Frühling assoziiert (zu anderen Jahreszeiten tritt sie sozusagen wieder zurück in den Schatten).

In der Mythologie ist sie die Gemahlin des Wind-, Blumen- und Pflanzengottes Favonius, tritt aber auch als eine Gefährtin des Hercules auf. Außerdem soll sie die Göttin Juno durch eine Blume befruchtet haben, was zur Geburt des Gottes Mars führte. Ovid setzt sie in seinen „Fasti“ mit der griechischen Nymphe Chloris gleich, interessanterweise eine Gleichsetzung, die sonst in keiner antiken Quelle erwähnt wird.

Attribute und Darstellungen:

Wandgemälde der Flora aus Stabiae nahe Pompeji

Wandgemälde der Flora aus Stabiae nahe Pompeji

In der antiken Darstellung ist Flora eine junge Frau, die mit Blumen bzw. Blüten geschmückt ist. Bilder von ihr sind überliefert in Form von Statuen, Reliefs, Wandmalereien, aber auch auf römischen Münzen, auf deren Rückseite ihr Bild geprägt war.

Zu ihren Pflanzen gehören die Wicken, Bohnen und Lupinen (nach Persius).

Zu den Rosalia am 23. Mai wurde sie mit Rosen geehrt. Die Rose war in der römischen Antike eine typische Totenblume (wie bei uns heute die weiße Lilie), galt aber auch als Symbol für den Kreislauf der Natur, für das Sterben und den Neubeginn.

Feiertage:

Im römischen Kalender werden Ende April ihr zu Ehren die mehrtägigen Floralia abgehalten (28. April bis 5. Mai), die in der Antike ein sehr beliebtes Fest waren.

Die Floralia sind – wie die Göttin selbst – ebenfalls ein relativ altes Fest, das seit dem Jahr 230 v. Chr. in den Quellen belegt ist. Es wurde aber bis in die Kaiserzeit und Spätantike gefeiert.

Es war ein sehr volkstümliches Fest. Im Zentrum der Floralia standen Theateraufführungen und generell Aufführungen aller Art (vor allem Lustspiele und auch frivole Stücke, von denen uns römische Dichter einige hinterlassen haben, die heute selbst fürs Volkstheater zu derb wären. Vieles war zotig, phallus-zentriert und auch Nacktheit war darin üblich, sowie Striptease-artiges Ausziehen von Tänzerinnen, was in Rom als ziemlich gewagte und freche Show galt). Prostituierte waren ebenfalls an den Floralia beteiligt und spielten dort eine öffentliche Rolle.

Die Floralia (Piatto, 1899)

Die Floralia (Piatto, 1899)

Man dekorierte das Haus oder die Wohnung mit Blumen und veranstaltete Festmahle für Freunde und Familie. Es wurde auch gerne dem Alkohol zugesprochen, wohingegen Trunkenheit im römischen Reich ansonsten eher verpönt war (man sollte zwar viel vertragen können, aber auf keinen Fall betrunken wirken).

Währen der Floralia schmückten sich Männer mit Blumen um den Hals oder auf dem Kopf (oder beides). Frauen, die normalerweise (von Prostituierten und der arbeitenden Bevölkerung einmal abgesehen, wo Kleidung in erster Linie praktisch sein mußte) nur mit einem relativ strengen Dresscode aus dem Haus gingen, kleideten sich zu dieser Zeit bunt und auch gewagter. Die ersten fünf Tage standen ganz im Zeichen dieser Aufführungen und des Feierns und Tanzens.

Am 6. Tag ging man auch auf die Jagd (vor allem nach Hasen).

Floralia-Feier 2015 in Aquincum (Photo von Müller Zoltán)

Floralia-Feier 2015 in Aquincum (Photo von Müller Zoltán)

Während der Floralia wurden Zirkusspiele in der Arena abgehalten (die Ludi Florales), unter anderem Tierhatzen. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Tierkämpfen gegen Großwild oder Raubtiere, wurden zu Ehren Floras vor allem Wild wie Hasen, Ziegen oder Rehe gejagt und getötet (ob Ziegen oder Rehe ist nicht ganz eindeutig, da Ovid in seiner Beschreibung der Festivitäten ein Wort benutzt, das für beides stehen könnte. In der Forschung tendiert man eher zur Ziege, da Rehe nicht domestiziert werden können und auch im landwirtschaftlichen Kontext keine Rolle spielen).
Es gab auch Wettbewerbe, Wettrennen, Gladiatorenspiele und Wettkämpfe in der Arena sowie spektakuläre Veranstaltungen. Auch Tierrennen, bei denen z.B. Hasen oder Ziegen gegeneinander liefen, waren üblich. Zu den eindrucksvollsten Ereignissen zählte dabei unter anderem ein dressierter Elefant auf einem Drahtseil im Jahr 30 n. Chr., der vom römischen Geschichtsschreiber Suetonius in der Biografie des Kaisers Galba beschrieben wird.

Floralia 2015 - Ritual (Photo von Müller Zoltán)

Floralia 2015 – Ritual (Photo von Müller Zoltán)

Um 180 v. Chr. wurden die Spiele während der Floralia eingestellt, weil man sie für „superstitio“ hielt (übertriebene religiöse Ereiferung). Als daraufhin Mißernten, Hagelstürme und Dauerregen Getreide und Pflanzen zerstörten, wurden im Jahr 173 v. Chr. die Spiele wieder abgehalten und zwar seitdem konsequent jedes Jahr.

Den Abschluß des Festes bildete ein Opfer für Flora, das besonders von den Bauern auf dem Lande gebracht wurde.

Im Rahmen der Rosalia am 23. Mai wird Flora (gemeinsam mit Venus) geehrt. An diesem Tag findet ein Toten- und Blumenfest statt. Römer gedachten an diesem Tag ihrer Toten und schmückten die Gräber mit Rosen. Die Rosalia waren ebenfalls ein enorm populäres Fest; die große Nachfrage nach Rosen an diesem Tag wurde durch riesige Rosenfelder vor den Toren Roms gedeckt. Neben Festmählern, bei denen man mit Rosen dekorierte und Rosenprodukte (wie Duftöle) verwendete, gab es an diesem Tag öffentliche Theateraufführungen und Spiele.

Cn. Cornelius Lentulus, Pontifex, Sacerdos, Quaestor und tief in der Religio Romana bewanderter Cultor, vollzieht das öffentliche Opfer anläßlich der Floralia 2015 (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums, Fotograf Péter Komjáthy, http://www.aquincum.hu )

Cn. Cornelius Lentulus, Pontifex, Sacerdos, Quaestor und tief in der Religio Romana bewanderter Cultor, vollzieht das öffentliche Opfer anläßlich der Floralia 2015 (Foto mit freundlicher Genehmigung des Aquincum Museums, Fotograf Péter Komjáthy, http://www.aquincum.hu )

Sonstiges

In unseren Breiten (Östliches Gallien, Nieder- und Obergermanien) ist kein Flora-Tempel bekannt; daß sie hier offenbar keine allzu große Rolle in der Kultpraxis spielte, mag darin begründet sein, daß sie durch lokale Fruchtbarkeitsgöttinnen, aber auch einheimische gallo-römische Götter des Landbaus und der Vegetation verdrängt wurde, die hier als wichtiger erachtet wurden und eine lange Verehrung genossen.

Ab der Renaissance und der damit einhergehenden Wiederentdeckung der Antike erlebte Flora eine neue Blütezeit und gelangte in dieser Epoche zu einer größeren Beliebtheit als es in der römischen Antike je der Fall gewesen war. Aus dieser Ära stammen die bekanntesten Darstellungen von ihr, vor allem Plastiken, Gemälde, aber auch Musikstücke, ein Ballett und Gedichte. Besonders berühmt sind die Gemälde von Rembrandt und Boticelli.

Die Flora von Boticelli (Detail aus dem Gemälde

Die Flora von Boticelli (Detail aus dem Gemälde „Frühling“ von 1482)

Antike Quellen über Flora

Die Floralia und die Göttin Flora selbst werden von zahlreichen antiken Autoren beschrieben.

Die wichtigste Quelle für Flora ist hierbei:

Ovid: Fasti (eine Beschreibung diverser römischer Feiertage). In diesem Buch führt der Autor auch einen langen, fiktiven Dialog mit der Göttin Flora, in dem sie sich ihm vorstellt und ihm ihre Herkunft und Mythologie erklärt (aus diesem Werk stammt auch die Gleichsetzung mit der griechischen Nymphe Chloris, die nirgendwo sonst erwähnt wird, sowie die Geschichte zur Entstehung des Mars).

Hier finden sich auch einige Anrufungen an Flora die zu den Floralia gemacht werden, wie:

“Mater, ades, florum, ludis celebranda iocosis!”
“Mutter der Blumen, mögen wir Dich mit fröhlichen Spielen ehren!“ (Ovid, Fasti, Buch V, 183)

Auch Plinius der Ältere beschreibt in seiner „Naturgeschichte“ (naturalis historia) die Göttin Flora und ihren Ursprung (18, 103).

Über die volkstümlichen Exzesse während der Floralia echauffieren sich Autoren wie Cato der Jüngere und Ausonius. Positiv hingegen äußern sich Ovid, Varro, Plinius, Persius, Martial und Juvenal.

Aus unseren Breiten sind ansonsten wenig Weihesteine oder Inschriften bekannt, die belegen würden, daß Flora hier eine größere Rolle gespielt hat. Es gibt lediglich einen Weihestein aus Mainz (Mogontiacum, die Hauptstadt Obergermaniens), der Flora von einem Gaius Sextius für die Erfüllung eines Gelübdes gestiftet wurde.

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1 Kommentar

  1. Sólveig sagt:

    Oh den Beitrag finde ich gut. Gerade über so „kleinere“ Gottheiten wird leider selten geschrieben.

    Gefällt 1 Person

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