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Ambiorix, König der Eburonen

Das Denkmal des Ambiorix auf dem Marktplatz von Tongeren

Das Denkmal des Ambiorix auf dem Marktplatz von Tongeren

Eine unserer Reisen durch das östliche Gallien führte uns nach Tongeren, in die älteste Stadt Belgiens.

Sie entstand aus der römischen Stadt Atuatuca Tungrorum, Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Civitas Tungrorum in der Provinz Gallia Belgica (die später in die Provinz Germania inferior, Niedergermanien, eingemeindet wurde).

Neben der noch über mehrere Kilometer erhaltenen römischen Stadtmauer, gibt es in Tongeren das (sehr modern gestaltete) Gallo-Romeins Museum, das zum Europäischen Museum des Jahres 2011 gekürt wurde. Hier sind vor allem die regionalen Funde aus dem römischen Atuatuca Tungrorum ausgestellt und der Besucher erhält einen guten Eindruck von der Ausdehnung und dem Aufbau der römischen Provinzstadt.

Die dritte – wenngleich nicht wirklich „römische“ Sehenswürdigkeit, aber dennoch für den gallo-römischen Touristen Pflichtprogramm -, ist das 1866 errichtete Ambiorixstandbild auf dem Marktplatz der Stadt. Er zeigt den überlebensgroßen König des gallischen Stammes der Eburonen, der auf drei Dolmen steht.

Ambiorix gilt als ein belgischer „Nationalheld“. Der Anführer der Eburonen spielt eine wichtige Rolle in Caesars KriegsberichtDe Bello Gallico, denn er brachte den römischen Legionen auf ihrem Gallienfeldzug in den Jahren 54-53 v. Chr. eine ihrer größten Niederlagen bei. Caesar beschäftigt sich in seinem Kriegsbericht ausführlich mit diesem Herrscher, den wir deshalb vor allem aus dieser Quelle kennen.

Die Eburonen wurden von einem Doppelkönigtum regiert; diese beiden Herrscher bezeichnete Caesar mit dem lateinischen Wort „Rex“ (König):

„Catuvolcus rex dimidiae partis Eburonum“

König Catuvolcus herrscht über die eine Hälfte der Eburonen“ (De Bello Gallico 6,31,5)

Als Rache für die Niederlage, die die Eburonen den römischen Legionen beibrachten, ordnete Caesar im Jahr 51 v. Chr. einen Rachefeldzug gegen den gesamten Stamm an mit dem Ziel, ihn auszulöschen und das Stammesgebiet danach den Rom-loyalen Germanen vom Stamme der Ubier zu übergeben.

Eburonische Höhenfestung (Römervilla Ahrweiler, 2014)

Eburonische Höhenfestung (Römervilla Ahrweiler, 2014)

Auch für uns ist das Schicksal des Ambiorix und der Eburonen von besonderem Interesse, da die Region, in der wir leben – das Ahrtal – im Grenzland zwischen den Stammesgebieten der Eburonen und der ebenfalls keltischen Treverer lag. Eburonische Funde aus der Region, sowie die Rekonstruktion einer eburonischen Höhensiedlung, waren im Jahr 2012 im Rahmen der Sonderausstellung „Eburonen – unsere vergessenen Vorfahren“ in der Römervilla Ahrweiler zu sehen.

Als römische Rekonstruktionisten ist es für uns immer spannend und interessant, sich ganz grundsätzlich mit römischer Geschichte zu beschäftigen, die wir dank der vielen erhaltenen Quellen gut studieren können. Als wir in Tongeren auf Ambiorix und die Eburonen trafen, die auch unsere Region besiedelt hatten, war die Gelegenheit gekommen, wieder einmal Caesars Kriegsbericht „De Bello Gallico“ in die Hand zu nehmen und sich mit Ambiorix und dem Schicksal seines gallischen Stammes zu beschäftigen!

Da vielen Lesern der „Gallische Krieg“ des Julius Caesar in der Schule im Lateinunterricht vergällt wurde, wäre es natürlich ein schöner Nebeneffekt, wenn dieser Artikel wieder das Interesse an dem spannenden Kriegsbericht des römischen Feldherren (und natürlich an Ambiorix und den Eburonen!) weckt und man feststellt, daß Geschichte keineswegs dröge und langweilig ist – und daß „De Bello Gallico“ Ereignisse beschreibt, die sich direkt hier vor Ort, in unserer Heimat abgespielt haben 🙂

Die Eburonen

Das Stammesgebiet der Eburonen erstreckte sich über das stark bewaldete Gebiet zwischen Rhein und Maas im Bereich der Eifel und der nördlichen Ardennen. Westlich reichte es etwa bis auf die Höhe der Stadt Brüssel und an das Gebiet der westlich der Maas lebenden Aduatuker, südlich stieß es an das Stammesgebiet der in der Südeifel und im Moselraum lebenden, ebenfalls keltischen Treverer. Beiden – größeren – Stämmen waren sie zu Tributzahlungen verpflichtet.

Die Wälder und engen Schluchten der Ardennen gehören zu unseren liebsten Reisezielen

Die Wälder und engen Schluchten der Ardennen gehören zu unseren liebsten Reisezielen (hier: Blick von der Burg in Esch-sur-Sûre)

Die Eburonen waren ein relativ kleiner gallischer Stamm, der über etwa 44.000 Mitglieder, davon 8000 kampffähige Krieger, verfügte.

Caesar berichtet in „De Bello Gallico„, daß die Eburonen von einer Doppelspitze aus zwei Königen geführt wurden (Ambiorix und Catuvolcus), wie es bei keltischen Stämmen bisweilen üblich war. Um einen Krieg zu erklären, war die Zustimmung beider Könige notwendig. Ansonsten schien die Aufgabenverteilung eher geografischer Natur zu sein; nach der Verteilung der Münzfunde scheint Ambiorix‘ Herrschaftsgebiet in der Nähe von Brüssel gelegen zu haben, während Catuvolcus über die Eburonen im Eifel- und Ardennenraum herrschte. Den Machtbefugnissen der Könige nach zu urteilen, schien es sich, wie im heutigen Großbritannien, den Niederlanden oder Belgien, eher um eine Art konstitutionelle Monarchie gehandelt zu haben, denn Ambiorix selbst erklärt gegenüber Caesar bei einem Zusammentreffen:

„ut non minus haberet iuris in se multitudo, quam ipse in multitudinem.“

„denn seine Herrschaft sei von der Art, dass das Volk ebenso viele Gewalt über ihn besitze als er über das Volk“ (De Bello Gallico, 5, 27, 3)

Im Laufe des Krieges tritt dann allerdings ausschließlich noch Ambiorix in Erscheinung; von König Catuvolcus hört man nur noch einmal, im Zusammenhang mit seinem Selbstmord nach der Zerschlagung des eburonischen Aufstandes. Der alte König vergiftete sich mit dem Saft des Eibenbaums und verfluchte seinen Amtskollegen Ambiorix auf dem Sterbebett. Die Eibe gilt als der „heilige“ Baum der Eburonen und das keltische Wort für Eibe (eburo) als Namensgeber des Stammes, so daß aus dem hohen Alter von Catuvolcus in der Literatur auch geschlussfolgert wird, daß der zweite König eher sakrale Funktionen innehatte.

„Catuvolcus rex dimidiae partis Eburonum, qui una cum Ambiorige consilium inierat, aetate iam confectus, cum laborem aut belli aut fugae ferre non posset, omnibus precibus detestatus Ambiorigem, qui eius consilii auctor fuisset, taxo, cuius magna in Gallia Germaniaque copia est, se exanimavit.“

„Catuvolcus, der König einer Hälfte der Eburonen, der an der Verschwörung des Ambiorix teilnahm, aber seines hohen Alters wegen unfähig war, die Last des Krieges oder der Flucht zu ertragen, vergiftete sich unter Fluch und Verwünschung des Ambiorix als des Urhebers der ganzen Sache, mit dem Beerensaft des Eibenbaumes, der in Gallien und Germanien in großer Menge wächst.“ (De Bello Gallico, 6, 31, 5)

Kelten oder Germanen?

Zu Beginn des Gallienfeldzugs waren die Eburonen mit den Römern verbündet und es herrschte ein reger Kontakt zwischen Caesar und Ambiorix. Zwischen beiden verkehrten regelmäßig Boten und es fanden lange Gespräche und Verhandlungen statt. Unter anderem unterstützten die Eburonen Rom bei der Unterwerfung des Stammes der Belger.

Mit einem Eburonen im Gallo-Romeins Museum in Tongeren (2014)

Mit einem Eburonen im Gallo-Romeins Museum in Tongeren (2014)

Caesar bezeichnet die Eburonen als „germani“ und zählt sie zu den „germani cisrhenani„, den „Germanen links des Rheins“. In der älteren Literatur werden die Eburonen deswegen häufig ebenfalls zu den Germanen gezählt.

Unbestreitbar ist, daß die Siedlungsgebiete der Eburonen und Belgae, später der Tungri, kulturell sowohl germanisch als auch keltisch beeinflusst waren. Auch fanden in der Region sicherlich Vermischungen und kultureller Austausch zwischen Germanen und Galliern (die stammesübergreifende Bezeichnung für die in Gallien lebenden keltischen Stämme) statt, sei es durch Handel, militärische Bündnisse oder Heirat. Nicht zuletzt hatte Ambiorix gute Beziehungen zu den germanischen Stämmen jenseits des Rheins, die ihm bei der Verfolgung durch die Römer rechtsrheinisch Asyl gewährten.

Dabei muß beachtet werden, daß Caesar und andere römische Autoren (wie Tacitus) zwischen Germanen und Galliern nicht auf der Grundlage linguistischer oder kultureller Betrachtungen unterschieden, sondern sie – ganz im Gegenteil – die Zuordnung der einzelnen Stämme aus politischen Gründen vornahmen.

Als „Germanen“ bezeichnete man die in römischen Augen „weniger zivilisierten“ Stämme, die deswegen besondere militärische Aufmerksamkeit und Anstrengungen verlangten. Keltische Stämme links des Rheins wurden später zum Beispiel auch im Rahmen des Germanienfeldzugs zu Germanen erklärt, um in Rom verkünden zu können, man hätte das linksrheinische Germanien befriedet und die dort lebenden Germanen unterworfen. Das sorgte in Rom für deutlich mehr Ansehen und Respekt, als ein weiterer unterworfener keltischer, vor allem gallischer Stamm, denn die Gallier, die nach ihrer Niederlage bei Alesia besiegt und verhältnismäßig schnell romanisiert  waren und millionenfach in die Sklaverei gingen, hatten zeitweise einen so schlechten Ruf als „Schwächlinge“, daß sich selbst die eindeutig gallischen Treverer als „Germanen“ bezeichneten, um sich von ihnen abzusetzen.

Ein rekonstruiertes keltisches Wagengrab (Landesmuseum Bonn, 2014)

Ein rekonstruiertes keltisches Wagengrab (Landesmuseum Bonn, 2014)

Allerdings deuten vor allem die sprachwissenschaftlichen Indizien darauf hin, daß es sich bei den Eburonen um Gallier, d.h. Kelten gehandelt hat und daß sie eine keltische Sprache (in Form eines gallisches Dialekts) gesprochen haben:

Die Namen ihrer Könige, Ambiorix und Catuvolcus, sind eindeutig keltisch, ebenso der Stammesname, der sich vom keltischen Wort „eburo“ (Eibe) ableitet. In zahlreichen keltischen Siedlungen, zum Beispiel in Britannien, gibt es keltische Ortsnamen und Bezeichnungen, die auf das gleiche Ursprungswort hinweisen, wie der Name der Stadt Eburacum (das heutige York) oder Eburobrittium, eine keltische Stadt in Lusitanien, dem heutigen Portugal. Daß sich das Wort „eburo“ tatsächlich auf das keltische Wort für Eibe bezieht (und nicht etwa auf das germanische „ebura“ für Wildschwein) wird auch dadurch gestützt, daß Catuvolcus sich – symbolträchtig – mit dem Saft der Eibe vergiftet, dem heiligen Baum seines Volkes.

Archäologische Funde kultureller Gegenstände und Materialen deuten darauf hin, daß die Eburonen aus der La Tène-Kultur hervorgingen, die die vorrömischen Kelten in Mitteleuropa prägte.

Was für ein Mensch war König Ambiorix?

Neben Caesar, der die wichtigste Quelle für Informationen über Ambiorix war, finden wir ihn und die Eburonen auch erwähnt bei Cassius Dio (Buch 40, 5-7), Florus (Epitoma de Tito Livio bellorum omnium annorum DCC libri duo) und Livius (Ab Urbe Condita liber CVI).

Ambiorix überblickt den Grote Markt und die Kathedrale von Atuatuca Tungrorum

Ambiorix überblickt den Grote Markt und schaut auf die Kathedrale von Atuatuca Tungrorum

Caesar selbst, der mit Ambiorix lange in engem Kontakt stand, widmet dem Eburonenkönig lange Abschnitte im 5. Buch des De Bello Gallico, in dem er ihn ausführliche Reden halten läßt. Inwieweit diese Reden der Realität entsprechen oder ihm nur von Caesar in den Mund gelegt wurden, kann nicht gesagt werden, da es sich bei Caesars Kriegsbericht natürlich um ein politisch motiviertes Werk voller Propaganda und Schönungen handelt, das vor allem den Zweck erfüllt, Caesars Feldzüge in einem besonders guten Licht darzustellen. Objektive und schonungslose Berichterstattung der realen Vorkommnisse gehörte nicht zu Caesars Motivation, das Werk zu verfassen. Insofern muß man auch die Beschreibung des Ambiorix und der Eburonen als durch die „Caesar-Brille“ gefärbt betrachten. Nichtsdestotrotz sind in den Büchern natürlich historische Tatsachen, Personen und Ereignisse beschrieben.

In Caesars Berichten erscheint Ambiorix als ein intelligenter und gerissener Mann, der Vorteile zu erkennen vermag und sich diese durch kluge Verhandlungen auch sichert. Er hat keine Probleme damit, Bündnisse einzugehen, wenn diese ihm nützlich sind, selbst wenn das bedeutet, Vereinbarungen mit alten Verbündeten zu brechen – in Caesars Augen ein skrupelloser und verschlagener Anführer.

Ambiorix versteht es offenbar gut, die Schuld von sich zu weisen, wenn es um Verrat und Bündnisbruch geht und darauf zu verweisen, daß er von einigen Mitgliedern seines oder eines anderen Stammes gedrängt wurde, selbst aber natürlich niemals so dumm wäre, sich gegen das mächtige Rom zu stellen.

„Id se facile ex humilitate sua probare posse, quod non adeo sit imperitus rerum ut suis copiis populum Romanum superari posse confidat.“

„Als Beweis hiervon müsse seine geringe Macht gelten; denn er selbst sei nicht so von aller Einsicht verlassen, um sich zu trauen, mit seinen Truppen die römische Macht besiegen zu können.“ (De Bello Gallico, 5, 27, 4)

Dank Gaius Julius Caesar wissen wir viel über Ambiorix und die Eburonen

Dank Gaius Julius Caesar wissen wir viel über Ambiorix und die Eburonen

Auch bringt er Caesar gegenüber gerne seine Dankbarkeit zum Ausdruck und versucht, sich als guter Partner darzustellen, der in Roms Schuld stehe. Dies ist insbesondere der Tatsache geschuldet, daß sein Sohn und sein Neffe einst von den Aduatukern als Geiseln gehalten wurde, was Ambiorix zu hohen Tributzahlungen zwang. Caesar befreite diese Geiseln und schickte sie zu ihren Vätern zurück.

„sese pro Caesaris in se beneficiis plurimum ei confiteri debere, quod eius opera stipendio liberatus esset, quod Atuatucis finitimis suis pendere consuesset, quodque ei et filius et fratris filius a Caesare remissi essent, quos Atuatuci obsidum numero missos apud se in servitute et catenis tenuissent.“

„Er bekenne, dass er Cäsar für dessen Gewogenheit sehr viel zu danken habe. Durch seine Hilfe sei er von der Abgabe frei, die er sonst den Atuatukern, seinen Nachbarn, bezahlt hätte; Cäsar habe ihm auch Sohn und Brudersohn wieder gegeben, die bei den Atuatukern als Geiseln in Sklaverei und Fesseln lebten.“ (De Bello Gallico, 5, 27, 2)

Cassius Dio beschreibt Ambiorix als einen Vertrauen und Verbündeten der Römer, der von Caesar so viele Gefallen und Wohlwollen erhalten hat, daß man sich nicht vorstellen könne, daß er eines Tages wortbrüchig werden und den Römern in den Rücken fallen würde. Umso größer ist bei ihm die Enttäuschung und Entrüstung, als Ambiorix zur treibenden Kraft des gallischen Aufstandes wird.

Da es keine eburonischen oder gallischen Aufzeichnungen über Ambiorix gibt, kennen wir ihn nur aus der römischen Charakterisierung als verschlagenen und verräterischen „Barbarenkönig“. Was für ein Mensch er wirklich war, verliert sich im Dunkel der Geschichte, obwohl davon auszugehen ist, daß sein Verhalten in erster Linie darauf bedacht war, für sein Volk inmitten des in Gallien tobenden Krieges das Beste herauszuholen. Das Paktieren mit der Seite, mit der ein Bündnis zum jeweiligen Zeitpunkt am erfolgversprechendsten war, ist eine gängige und nachvollziehbare Praxis für einen Stammesführer oder Herrscher. Das wußten natürlich auch ausgezeichnete Strategen wie Julius Caesar, so daß die Empörung über Ambiorix‘ Verrat eher der Tatsache geschuldet war, daß man es persönlich nahm, wenn sich jemand gegen das Römische Imperium und dessen Kultur, Zivilisation und Errungenschaften stellte. Gleiches erfuhr auch Arminius in der Geschichtsschreibung, auch wenn er – nach dem Sieg in der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. – erfolgreicher gewesen war als Ambiorix, dessen Sieg nur von kurzer Dauer war.

Ambiorix galt dennoch als ein guter Stratege und Feldherr, unabhängig von der abschätzigen Meinung, die römische Geschichtsschreiber über ihn äußerten. Er lockte, wie Arminius im Teutoburger Wald, zwei römische Legionen in einen Hinterhalt und vernichtete sie fast vollständig. Diese Schlacht ging als „Probelauf für die Varusschlacht“ und ihr „historisches Vorbild“ in die Geschichte ein.

Caesar würdigt durchaus Ambiorix‘ Fähigkeiten als guter Taktiker und Feldherr, insbesondere, da dessen militärische Leistungen bei der späteren Zerschlagung von fast zwei römischen Legionen nicht von der Hand zu weisen sind. Stattdessen verlegt Caesar sich später darauf, die Schuld an der verheerenden Niederlage bei der Unfähigkeit des römischen Legaten Titurius zu suchen, der das Oberkommando über die Truppen trug. Er trägt laut Caesar die alleinige Schuld am „Unglück von Atuatuca“.

Ambiorix und der Hinterhalt bei Atuatuca

Im Jahr 54 n.Chr. kam es nach einer Dürre zu Mißernten und damit verbunden zu einer Hungersnot in weiten Teilen Galliens. Die Römer unter Caesar waren gerade von ihrem (nur mittelmäßig erfolgreichen) Britannienfeldzug zurückgekehrt. Knapp 15 Kohorten, also 1 komplette Legion und 5 weitere Kohorten (ca. 10.000 Mann), zogen sich geschwächt in ein gut befestigtes Winterlager in Gallien zurück, das mitten im Stammesgebiet der Eburonen bei Atuatuca lag.

Eburonische Trophäe: Ein abgeschlagener Römerkopf (Eburonenlager Nettersheim, 2014)

Eburonische Trophäe: Ein abgeschlagener Römerkopf (Eburonenlager Nettersheim, 2014)

Das Winterlager stand unter dem Kommando der beiden erfahrenen Legaten Quintus Titurius Sabinus und Lucius Aurunculeius Cotta, die schon bei Strafexpeditionen gegen andere gallische Stämme sowie bei Feldzügen in Britannien mitgewirkt hatten.

Da Ambiorix mit den Römern sehr vertraut war und man ihn in der Vergangenheit als guten Bündnispartner zu schätzen gelernt hatte, glaubte man nicht, daß er Rom in den Rücken fallen würde – schließlich hatte Caesar so viel für ihn getan und Ambiorix stand in seiner Schuld! Diese Tatsache nutzte Ambiorix, um Cotta und Sabinus in eine Falle zu locken. Er wandte eine List an, die Caesar in „De Bello Gallico 5“ sehr ausführlich beschreibt:

Ambiorix schickte einen Boten in das Winterlager, um die Römer zu warnen, daß sich die gallischen Stämme zusammengeschlossen hätten und eine Großoffensive planten. Gerade jetzt, wo Winter war und die Römer sich geschwächt in ihre Winterlager zurückgezogen hätten, hatten sich die Stämme entschieden, alle Winterlager gleichzeitig anzugreifen, damit keine Legion der anderen zur Hilfe eilen konnte.

„sed esse Galliae commune consilium: omnibus hibernis Caesaris oppugnandis hunc esse dictum diem, ne qua legio alteri legioni subsidio venire posset.“

„Ganz Gallien habe diesen gemeinschaftlichen Beschluss der Gegenwehr gefasst und diesen einen Tag dazu festgesetzt, alle Winterlager der Römer anzugreifen, damit keine Legion der anderen zu Hilfe kommen könne.“ (De Bello Gallico, 5, 27, 5)

Ambiorix wies darauf hin, daß er sich nicht gegen die Mehrheit der anderen gallischen Stämme hatte wehren können, damit er nicht den Verdacht errege, er wäre gegen die gallische Unabhängigkeit. Aber er betonte, daß er den Römern so viel schulde, daß er es als seine Pflicht ansah, Sabinus und Cotta vor dem bevorstehenden Angriff zu warnen. Er berief sich dabei auf seine Dankespflicht Caesar gegenüber und daß er deshalb die römischen Truppen vor dem Hinterhalt warnen müsse. Um die Situation noch bedrohlicher wirken zu lassen, berichtete Ambiorix, daß die Gallier auch germanische Stämme von jenseits des Rheins angeheuert hätten, die bereits über den Fluß gesetzt hätten und in zwei Tagen vor Ort wären.

„non facile Gallos Gallis negare potuisse, praesertim cum de recuperanda communi libertate consilium initum videretur. (7) quibus quoniam pro pietate satisfecerit, habere nunc se rationem officii pro beneficiis Caesaris; monere, orare Titurium pro hospitio, ut suae ac militum saluti consulat. (8) magnam manum Germanorum conductam Rhenum transisse; hanc adfore biduo.“

„Sie hätten es als Gallier ihren gallischen Brüdern nicht wohl abschlagen können, um so weniger, als der gefasste Entschluss der Erkämpfung allgemeiner Unabhängigkeit zu gelten schien. (7) Wie er nun auf dieser Seite der Schuldigkeit gegen das Vaterland Genüge geleistet habe, so nehme er auf der anderen auch Rücksicht auf die Dankespflicht für das Wohlwollen Cäsars und bitte den Titurius als seinen Gastfreund ernstlich, auf seine und seiner Leute Erhaltung bedacht zu sein. (8) Denn ein starkes germanisches Heer sei in Sold genommen und bereits über den Rhein gegangen: in zwei Tagen werde es erscheinen.“ (De Bello Gallico, 5, 27, 6-8)

Siedlungsgebiet der Eburonen (Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014)

Siedlungsgebiet der Eburonen (Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014)

Um sich in eine stärkere Position zu bringen und dem Angriff zu entgehen, empfahl Ambiorix den Römern, das Lager schnellstmöglich zu verlassen und sich zum etwa 50 Meilen entfernten Winterlager der Truppen von Cicero (einem Bruder von Marcus T. Cicero) zu begeben, um sich den dortigen Einheiten anzuschließen, bevor die anderen Stämme etwas davon mitbekamen. Er versprach den Römern unter Eid Schutz und freies Geleit durch das eburonische Stammesgebiet.

Welchen Vorteil Ambiorix davon hatte, gab dieser unumwunden zu, was die Finte noch glaubhafter machte: Ambiorix würde seine eigenen Leuten vom römischen Winterlager befreien, das sich mitten in ihrem Siedlungsgebiet befand, und der Notwendigkeit, es auf Druck der anderen Stämme in einer verlustreichen Offensive angreifen zu müssen. Andererseits hatte er so die Möglichkeit, Caesar gegenüber seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Also war seine Handlungsweise im beiderseitigen Interesse.

„ipsorum esse consilium, velintne prius, quam finitimi sentiant, eductos ex hibernis milites aut ad Ciceronem aut ad Labienum deducere, quorum alter milia passuum circiter quinquaginta, alter paulo amplius ab iis absit. (10) illud se polliceri et iure iurando confirmare, tutum iter per suos fines daturum. (11) quod cum faciat, et civitati sese consulere, quod hibernis levetur, et Caesari pro eius meritis gratiam referre.“

„Es komme also bloß auf ihren Entschluss an, ob sie, ehe es die Nachbarn wahrnehmen könnten, ihre Truppen aus dem Winterlager ziehen und zu Cicero (…) führen wollten, da der eine etwa 50 Meilen (…) entfernt sei. (10) Das verspreche und versichere er eidlich, dass er ihnen durch sein Gebiet sicheren Durchzug gestatten werde. (11) Dadurch sorge er nicht bloß für seine Mitbürger, die er von der Last des Winterlagers befreie, sondern zeige sich auch gegen Cäsar und dessen Verdienste dankbar.“ (De Bello Gallico, 5, 27, 8-11)

Die römischen Legaten waren bestürzt und glaubten den Worten, obwohl sie ja eigentlich „vom Feind“ kamen. Ihre Überzeugung wurde dadurch gestärkt, daß sie dem kleinen, schwachen und unbedeutenden Stamm der Eburonen nicht zutrauten, sich gegen Rom zu erheben und eine römische Legion anzugreifen. Es wurde ein Kriegsrat einberufen, in dem die römischen Kommandanten diskutierten, wie mit der Warnung umzugehen war. Dabei stellten sich, laut Caesars Bericht, bald Meinungsverschiedenheiten heraus. Mehrere Kriegstribune und Legat Cotta vertraten die Ansicht, daß man nicht vorschnell handeln und übereilt reagieren sollte, schon gar nicht ohne den Befehl Caesars. Da die Vorräte im Winterlager ausreichend waren und es zudem stark befestigt war, schlugen sie vor, sich zu verschanzen und auf den Angriff zu warten, den man sicher abwehren würde, bis von Caesar und anderen Winterlagern Verstärkung eintraf. Cotta wird von Caesar als „tugendhaft und tapfer“ beschrieben.

Ausdehnung von Atuatuca Tungrorum in römischer Zeit

Ausdehnung von Atuatuca Tungrorum in römischer Zeit

Titurius hingegen schien aufgeregt und „lärmte“, daß es zu spät sein würde, wenn die Germanen das Gebiet erst erreicht hatten und sich mit den Galliern zusammenschlossen. Caesar selbst beschreibt diesen Legaten als feige und kopflos. Titurius stellte die Lage dramatisch dar, da man kaum noch genug Zeit habe, um das andere Lager zu erreichen, außerdem vermutete er, daß Caesar längst nach Italien abgereist sei. Außerdem betonte er die Wut und Aggression der Gallier, die durch die Römer so viele Demütigungen erfahren hätten. Schließlich stellt Titurius klar, daß man nichts zu verlieren hätte, wenn man dem Rat des Ambiorix folgte: wenn kein Angriff zu erwarten war, weil Ambiorix gelogen hatte, dann würde man sicher das nächste Winterlager erreichen. Stand aber ein Bündnis Galliens mit Germaniens bevor, so würde man dem Angriff durch Schnelligkeit entkommen.

Der Streit dauerte bis in die Nacht, bis Titurius schließlich seine Meinung durchsetzen konnte, daß Ambiorix den Rat als guter und enger Freund gegeben hatte, und sich die Tribune unter Cotta seinen Argumenten und dem Druck beugten. Es wurde entschieden, mit Tagesanbruch aufzubrechen, das Winterlager zu verlassen und zum 50 Meilen entfernt gelegenen Winterlager der Truppen Ciceros zu marschieren. Der Zug, der sich dabei aus dem Winterlager in Bewegung setzte, war laut Caesar langsam und schwer beladen.

„prima luce sic ex castris proficiscuntur, ut quibus esset persuasum non ab hoste, sed ab homine amicissimo Ambiorige consilium datum, longissimo agmine maximisque impedimentis.“

„Mit Anbruch des Tages zog man ab, ganz wie in der Überzeugung, Ambiorix habe den Rat nicht als Feind, sondern als innigster Freund gegeben. Der Zug war lang und das Gepäck sehr bedeutend.“ (De Bello Gallico, 5, 31, 6)

Ambiorix hatte, als guter Stratege, einen Blick für das Gelände und Terrain. Er hatte sich für seinen Hinterhalt auf den langsamen Troß ein enges, bewaldetes Tal ausgesucht, in dem er die Römer in die Falle locken wollte. Der Schauplatz war so gewählt, daß die Römer sich nicht auf ihre Stärke – organisiertes, diszipliniertes Vorgehen in einer offenen Feldschlacht – konzentrieren konnten, sondern zum Kampf Mann gegen Mann gezwungen waren. Unübersichtliches Getümmel in einem engen Wald war etwas, das römische Legionäre als barbarische Taktik verabscheuten, weil sie unter solchen Bedingungen ihre eingespielten und gedrillten Manöver nicht durchführen konnten – Legionäre waren taktisch für den Kampf in einer Kampfeinheit ausgebildet, strategisch für offene Feldschlachten organisiert.

Keltische Höhensiedlung im Stammesgebiet der Treverer auf dem Martberg an der Mosel (2013)

Keltische Höhensiedlung im Stammesgebiet der Treverer auf dem Martberg an der Mosel (2013)

Dieser Hinterhalt ging als die „Schlacht von Atuatuca“ in die Geschichtsbücher ein. Wo genau sich der Schauplatz der Schlacht befand, ist bis heute ungeklärt. Sicher ist, daß Atuatuca nicht identisch ist mit der späteren römischen Provinzstadt Atuatuca Tungrorum. Möglich ist auch, daß Atuatuca einfach „Festung“ bedeutet und keinen spezifischen Ortsnamen bezeichnet. In der Forschung geht man davon aus, daß sich der Schauplatz im Bereich der stark hügeligen und bewaldeten Westeifel oder der Ardennen befand.

Als der Zug im engen, bewaldeten Kessel angekommen war, gab Ambiorix den Angriffsbefehl. Mit etwa 8000 Kriegern griff er die in der Falle sitzenden Römer an, die aufgrund der Schwerfälligkeit des Trosses und der Enge des Tals nicht manövrieren konnten. Cotta gab den Befehl, das Gepäck fortzuwerfen und einen Kreis zu bilden. Die Situation führte jedoch dazu, daß die römischen Soldaten demoralisiert und eingeschüchtert waren und schließlich aus Angst die Disziplin aufgaben und in alle Richtungen fortzulaufen begannen. Caesar beschreibt eindringlich den Verlauf der Schlacht und den Moralverlust der römischen Truppen.

„ut impedimenta relinquerent atque in orbem consisterent. (4) quod consilium etsi in eiusmodi casu reprehendendum non est, tamen incommode accidit. (5) nam et nostris militibus spem minuit et hostes ad pugnam alacriores effecit, quod non sine summo timore et desperatione id factum videbatur. (6) praeterea accidit – quod fieri necesse erat – ut vulgo milites ab signis discederent, quaeque quisque eorum carissima haberet, ab impedimentis petere atque arripere properaret, clamore et fletu omnia complerentur.“

„gaben sie den Befehl, das Gepäck wegzulegen und einen Kreis zu bilden. (4) Obwohl nun diese Maßregel in solcher Bedrängnis nicht zu tadeln ist, fiel sie damals doch nachteilig aus. (5) unseren Soldaten schwand die Hoffnung und die Bereitwilligkeit der Gegner zum Kampf steigerte sich (6) Überdies konnte es nicht ausbleiben, dass die Soldaten dabei ganz allgemein aus Reih und Glied traten und eilten, aus dem Gepäck das zu holen und wegzuraffen, was sie am liebsten hatten; daher überall nichts als Geschrei und Jammern.“ (De Bello Gallico, 5, 33, 3-6)

Mit einem Römer im Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014

Mit einem Römer im Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014

Besonnener und disziplinierter handelten die gallischen Truppen unter Ambiorix; als Kelten war für sie die Kriegsführung Mann gegen Mann keine ungewöhnliche Taktik, sondern gängige Vorgehensweise bei internen Kämpfen gegen andere Stämme. Caesar beschreibt, wie sie unter Ambiorix‘ Kommando an ihren Positionen blieben und geschickt auf das Verhalten der Römer reagierten. Der eburonische König wußte, daß seine Leute aufgrund ihrer schwächeren Rüstung und Bewachung den Römern im direkten Kampf materialtechnisch unterlegen waren. Deshalb paßte er sein Verhalten an das römische Verhalten an, um ihnen keinen Vorteil zu gewähren: brachen Römer aus den Reihen aus und kamen sie auf die eburonischen Positionen zu, zogen sich die Gallier an dieser Stelle zurück und beschossen die Römer aus der Ferne. Sobald sich Römer jedoch zurückzogen und an ihren Fahnen sammelten, stießen die Eburonen nach und verfolgten sie. Caesars Worte zur Beschreibung der kontrollierten eburonischen Vorgehensweise zeigen den Respekt, den er vor dem taktischen Vorgehen seines Gegenspielers hat.

„Quo praecepto ab iis diligentissime observato, cum quaepiam cohors ex orbe excesserat atque impetum fecerat, hostes velocissime refugiebant. (2) interim eam partem nudari necesse erat et ab latere aperto tela recipere. (3) rursus cum in eum locum, unde erant egressi, reverti coeperant, et ab iis, qui cesserant, et ab iis, qui proximi steterant, circumveniebantur; (4) sin autem locum tenere vellent, nec virtuti locus relinquebatur neque a tanta multitudine coniecta tela conferti vitare poterant.“

„Diesem Befehl kamen die Eburonen aufs genaueste nach und wichen mit der größten Geschwindigkeit, sooft eine Kohorte aus dem geschlossenen Kreis hervorrückte und einen Angriff machte. (2) Mittlerweile war natürlich diese Abteilung notwendig bloßgestellt und den Pfeilen der Feinde ausgesetzt; (3) wollten sie aber wieder an den früheren Platz zurückkehren, so wurden sie von den Feinden umringt, die teils gewichen waren, teils zunächst standen. (4) Wollten die Römer hingegen standhalten, so konnten sie weder ihre Tapferkeit zeigen, noch bei ihrer dichten Geschlossenenheit den Pfeilen der zahlreichen Feinde ausweichen.“ (De Bello Gallico, 5, 35, 1-4)

Die Schlacht zog sich von Sonnenaufgang bis fast zwei Uhr nachmittags hin. Mehrere hochrangige römische Offiziere waren verwundet, so wurde dem sehr angesehenen Centurio Titus Balventius die Hüfte mit einem Wurfspeer durchbohrt. Quintus Lucianus starb, als er seinem Sohn im Schlachtgetümmel zu Hilfe eilen wollte. Legat Cotta wurde, während er seinen Soldaten Mut zusprach, von einer Wurfschleuder im Gesicht verletzt.

Eburonische Keramiken (Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014)

Eburonische Keramiken (Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014)

Schließlich entschloß sich Titurius, Ambiorix durch seinen Dolmetscher Gnaeus Pompeius ein Angebot zu unterbreiten. Er ließ ihm die Bitte zukommen, ihn und seine Soldaten zu verschonen. Ambiorix erklärte daraufhin, daß er zu Verhandlungen bereit sein, wenn Titurius das wünsche. Er versprach, seine Leute anzuhalten, die römischen Soldaten zu schonen und gab sein Wort, daß Titurius nichts geschehen würde.

Titurius wandte sich daraufhin an seinen verletzten Mitkommandanten Cotta und bot ihm an, daß dieser ihn in Ambiorix‘ Lager zu Verhandlungen begleiten könne. Cotta jedoch war empört über das Ansinnen, mit dem Feind zu verhandeln und weigerte sich. Stattdessen befahl Titurius den ranghöchsten Offizieren und Tribunen, ihn in Ambiorix‘ Lager zu begleiten. Im Lager angekommen, befahlen die Eburonen ihnen, alle Waffen abzulegen. Es begannen langwierige Verhandlungen über die Bedingungen zur Beendigung des Kampfes, die Ambiorix – laut Caesar – absichtlich in die Länge zog. Gleichzeitig begann man, den Kreis um Titurius und seine Offiziere enger zu ziehen und schließlich wurden die römischen Soldaten umringt und getötet, was, nach keltischer Sitte, lautes Siegesgeschrei nach sich zog. Dieses Siegesgeschrei diente den Eburonen auf dem Schlachtfeld als Signal und sie brachen in die römischen Reihen ein, wobei der Großteil der römischen Soldaten getötet wurde.

Nur wenigen Römern gelang der Rückzug zum Winterlager, unter ihnen auch Lucius Petrosidius, der die Aquila (lat.: Adler), die wichtige Feldstandarte seiner Einheit trug und dadurch in Sicherheit bringen wollte, indem er sie über den Wall in das Lager warf. Die Verteidigung des Lagers und der Versuch des Rückzugs waren jedoch vergebens; in der Nacht erkannten die Verteidiger, daß sie keine Aussicht auf Rettung hatten und nahmen sich das Leben. Nur wenige, die der Schlacht entkommen konnten, schlugen sich in die Wälder, bis sie das nächste römische Lager erreichten und dort Legat Titus Labienus Meldung über die Vorfälle machten.

Ambiorix hat größere Pläne

In Tongeren sind mehrere Kilometer der römischen Stadtmauer erhalten

In Tongeren sind mehrere Kilometer der römischen Stadtmauer erhalten

Angestachelt durch diesen Sieg und die für die Römer katastrophale Vernichtung von anderthalb Legionen beschloß Ambiorix, die Gunst der Stunde und den geschwächten Zustand des Feindes zu nutzen, um die Stämme zu vereinen und Gallien von den Römern zu befreien. Als erstes ritt er zu den Atuatukern, denen er einst zu Tribut verpflichtet gewesen war. Es gelang ihm, sie durch seinen Bericht auf seine Seite zu ziehen. Danach überzeugte er auch die Nervier, sich der Sache anzuschließen und die Gelegenheit zur Rache für die erlittenen Demütigungen zu nutzen.

Die Nervier ihrerseits riefen weitere Stämme und Bundesgenossen zusammen, die ihnen untergeben waren, um in einer Blitzaktion gegen das Feldlager von Cicero vorzugehen, bevor man sich dort nach der Niederlage gesammelt und neu organisiert hatte. Die Idee war, das Lager heimzusuchen, bevor sich die Nachricht über den Hinterhalt und Titurius‘ Tod bis dorthin herumgesprochen hatte. Römische Soldaten, die in den Wäldern unterwegs waren, um Holz für die Verschanzung zu sammeln, wurden von gallischer Reiterei aufgespürt und getötet.

Überzeugt, durch die Blitzkriegtaktik die Römer in Ciceros Lager überrumpeln zu können, griffen die vereinten Verbände das Winterlager an. Die dort lagernde Legion jedoch war so gut verschanzt, daß sie der Belagerung über mehrere Tage hinweg standhielt. Den Römern gelang es in den Nächten, die Verschanzung, die durch die Angriffe bei Tag gelitten hatte, zu erneuern, sie wurde jedoch täglich wieder von den Belagerern eingerissen. Ein Brief mit einem Hilferuf, den Cicero an Caesar schrieb, erreichte den Feldherrn nie, weil die Boten nicht den Belagerungsring nicht durchbrechen konnten und abgefangen wurden.

Ein eburonischer Reenactor informiert über keltisches Alltagsleben (Eburonenlager Rheinbach, 2014)

Ein eburonischer Reenactor informiert über keltisches Alltagsleben (Eburonenlager Rheinbach, 2014)

Die Nervier, die traditionell ebenfalls gute Verbindungen mit den Römern hatten, versuchten sich schließlich an der gleichen Taktik, die bei Ambiorix funktioniert hatte: sie schickten Boten in das Lager mit dem Hinweis, daß sie Ciceros Legion freies Geleit garantierten, wenn dieser sich bereit erklärte, das Winterlager aufzugeben und ihr Stammesgebiet zu verlassen. Selbst das Argument war das gleiche: auf diese Weise befreite man seine eigenen Leute von der „Last“ des römischen Lagers auf heimischem Boden. Cicero jedoch war nicht so leichtgläubig wie Titurius und gab nur die lakonische Antwort, daß Römer es nicht gewohnt seien, sich von bewaffneten Feinden irgendwelche Bedingungen diktieren zu lassen.

Die Belagerung wurde daraufhin verschärft und am 7. Tag begannen die Gallier, das Lager mit glühenden Kugeln aus Ton und Brandspeeren zu beschießen und bewerfen. Da das Winterlager in gallischer Bauart aus mit Stroh gedeckten Gebäuden bestand, stand es bald in Flammen. Die Römer hielten dennoch diszipliniert stand und verließen ihre Posten auf dem Wall nicht. Auch schlugen sie immer wieder eindringende Feinde zurück.

Im Lager gab es einen Nervier namens Vertico, der auf Seiten der Römer kämpfte. Er erklärte sich bereit, eine Nachricht an Caesar zu schmuggeln und schickte seinen ebenfalls gallischen Sklaven mit einer Nachricht aus dem Lager. Der Sklave wurde, da er als Gallier keinen Verdacht erregte, anstandslos durch die Reihen gelassen und so gelangte eine Nachricht an Caesar, der sofort die umliegenden Legionen in Marsch setzte, angeführt von Quaestor Marcus Crassus. Zwar waren verschiedene Offiziere besorgt, weil es nicht der römischen Kampfweise entsprach, im Winter Krieg zu führen und das Winterlager zu verlassen, die „dreiste Offensive“ des Ambiorix forderte aber sofortiges Handeln und so machten sich schließlich mehrere Legionen und Reiterei auf den Weg in das Land der Nevier, um Cicero zu Hilfe zu kommen.

Keltische Säule aus der Region (Landesmuseum Bonn, 2014)

Keltische Säule aus der Region (Landesmuseum Bonn, 2014)

Um Cicero zu informieren, daß Hilfe auf dem Weg war, verfaßte Caesar einen Brief auf Griechisch, weil er davon ausging, daß die Belagerer ihn nicht lesen konnten, sollten sie ihn abfangen. Er bestach einen Gallier, den Brief mittels eines Speers in das belagerte Winterlager zu werfen. Durch einen Zufall blieb der Speer in einem Turm hängen und wurde erst nach drei Tagen entdeckt. Als Cicero seinen Soldaten vorlas, daß Caesar auf dem Weg war, hob das enorm die Moral – insbesondere, da aus der Ferne mittlerweile Rauchsäulen zu sehen waren, ein untrüglichen Zeichen, daß sich die römischen Legionen näherten.

Ambiorix zog die Gallier in seinem Lager zusammen, weil er seinerseits ebenfalls Verstärkung erwartete, unter anderem von den Treverern. Auch Caesar stieß nicht weiter vor, sondern versammelte seine Truppen in einem Feldlager, in der Hoffnung, Ambiorix dazu zu verleiten, ihn anzugreifen und ihn damit in einer offenen Feldschlacht bekämpfen zu können. Tatsächlich begab Ambiorix sich in eine nachteilige Position und wurde daraufhin von einem Ausfall Caesars vollkommen überrascht. Es gelang den römischen Truppen, zahlreiche Gallier zu töten und den Rest in die Flucht zu schlagen. Da das Gebiet unübersichtlich und morastig war, setzten die Römer ihnen nicht nach, sondern zogen sich stattdessen in Ciceros Feldlager zusammen, um sich mit seinen Truppen zu vereinen.

Ambiorix auf der Flucht

Als die Nachricht, daß die Belagerung zurückgeschlagen worden war und daß Caesar vor Ort sei, die Treverer erreichte, entschieden diese, sich aus dem Kampf zurückzuziehen und ihrer Wege zu gehen. Ihre Aufgabe war es laut Plan eigentlich gewesen, das Feldlager von Labienus anzugreifen. Indotiomarus, der Anführer der Treverer, schickte seine Truppen aber in der Nacht heimlich zurück in das heimatliche Gebiet.

Nach der Eroberung Galliens vermischten sich gallische und römische Religion und brachten die Sonderform des gallo-römischen Kultes hervor

Nach der Eroberung Galliens vermischten sich gallische und römische Religion und brachten die Sonderform des gallo-römischen Kultes hervor (Gallo-Romeins Museum Tongeren, 2014)

Überall in Gallien brach Unruhe aus und es folgte ein reger Austausch unter den Stämmen, wer jetzt mit wem warum im Krieg sei und ob es um Angriff oder Rückzug ging. Diesen Zustand der Verwirrung nutzte Caesar, um die Häuptlinge der wichtigsten gallischen Stämme zu sich zu rufen. Einige folgten der Aufforderung und wurden in der Folge von Caesar eingeschüchtert, der ihnen glaubhaft zu verstehen gab, er wüßte über alles Bescheid. Andere erschienen nicht und begaben sich stattdessen auf die Flucht.

Die Treverer bemühten sich, Truppen unter den rechtsrheinischen Germanen anzuheuern, indem sie ihnen berichteten, daß Caesars Heer fast geschlagen sei. Es fand sich allerdings kein germanischer Stamm, der bereit war, über den Rhein zu setzen. Daraufhin versammelte Indotiomarus die Anführer diverser gallischer Stämme, die er mit Bezahlung und Geschenken dazu brachte, sich mit ihm gegen die Römer zu verbünden, darunter auch die Eburonen. Die Armee, die er auf diese Weise gesammelt hatte, belagerte eine Weile die römischen Lager, doch der Spuk hatte schnell ein Ende, als von den Römern angeheuerte gallische Reiter eines Nachbarstammes Indotiomarus am Flußufer faßte und seinen abgetrennten Kopf in das Römerlager brachte.

Dieses Ereignis sorgte dafür, daß sich der gallische Verband auflöste. Die Eburonen ergriffen die Flucht. Noch bis zum Ende des Winters führte Caesar Feldzüge in Gallien durch, bis er das Land so weit befriedet hatte, daß nur noch die Treverer und die Eburonen offen gegen ihn opponierten. Mit Beginn des Frühlings beschloß er, sich Ambiorix zu widmen. Um Ambiorix jede Unterstützung zu nehmen, verwüstete er erst die Ländereien der Nachbarn der Eburonen und bot ihnen erst dann den Frieden an, wenn sie zusagten, weder Ambiorix noch dessen Boten bei sich aufzunehmen. Schließlich beschloß Caesar, den Rhein zu überqueren, um Ambiorix auch dort jede Unterstützung durch germanische Stämme zu versagen. Er überquerte den Rhein durch eine schnell gebaute Brücke und setzte damit ein deutliches Zeichen, das die Germanen einschüchtern sollte.

Zuletzt wandte sich Caesar gegen Ambiorix selbst. Sein Weg führte ihn und seine Truppen in das Land der Eburonen, durch die Ardennen, den größten gallischen Wald.

 „ipse, cum maturescere frumenta inciperent, ad bellum Ambiorigis profectus per Arduennam silvam, quae est totius Galliae maxima atque ab ripis Rheni finibusque Treverorum ad Nervios pertinet milibusque amplius quingentis in longitudinem patet“

„Er selbst zog, da das Getreide bereits zu reifen begann, gegen Ambiorix. Seinen Weg nahm er durch die Ardennen, den größten gallischen Wald, der sich vom Rheinufer und dem Land der Treverer bis zu den Nerviern erstreckt, in einer Länge von mehr als 500 Meilen.“ (De Bello Gallico, 6, 29, 4)

Der Angriff der Römer kam ohne Vorwarnung; Caesar ließ schnell marschieren und duldete keine Feuer im Lager, um die Ankunft der Legionäre nicht zu verraten. Die Legionen trafen auf Siedlungen, in denen sich zahlreiche Menschen, meist Zivilisten, aufhielten und die man augenblicklich überfiel. Gleichzeitig stieß die römische Kavallerie unter dem Kommando von Lucius Minucius Basilus zu dem vermuteten Aufenthaltsort des Ambiorix vor, der sich mit nur wenigen Männern in den Wäldern versteckt hielt.

Ein abgeschlagener Schädel, der an den Sattel des Pferdes gebunden wurde, war eine beliebte Trophäe der Kelten. (Eburonenausstellung Römervilla Ahrweiler, 2012)

Ein abgeschlagener Schädel, der an den Sattel des Pferdes gebunden wurde, war eine beliebte Trophäe der Kelten. (Eburonenausstellung Römervilla Ahrweiler, 2012)

Ambiorix gelang zwar die Flucht, aber er mußte alles zurücklassen – seine Ausrüstung, Waffen, Gepäck, sogar seine Wagen und Pferde. Die Tatsache, daß er überhaupt mit dem nackten Leben davonkam, verdankte er seinen loyalen Reitern, die bei ihm waren und die Römer aufhielten, so daß er sich in die Wälder schlagen konnte. Man verhalf ihm schließlich zu einem Pferd, mit dem er sich durch die undurchdringlichen Ardennen davonmachte.

In der Folgezeit schickte Ambiorix Nachrichten an seine Leute und forderte sie auf, in alle Richtungen zu fliehen und daß jeder sich selbst helfen möge. Ein Teil der Eburonen floh deswegen in die Wälder, andere an die Nordsee oder in die Sümpfe. Viele suchten Schutz bei anderen Stämmen und tauchten dort unter. Nur der zweite König, Catuvolcus, war aufgrund seines Alters nicht in der Lage oder willens, sein Land zu verlassen und vergiftete sich.

Ambiorix entkam seinen Verfolgern, die ihn mit drei Legionen bis an die Schelde verfolgten, die in die Maas mündet.

Ein Exempel wird statuiert

Caesar beschloß schließlich, an den Eburonen ein Exempel zu statuieren, um sie für den Vertrauensbruch ihres Anführers zu bestrafen. Sein Ziel war es, den Namen dieses Stammes und die Erinnerung an ihn ein für alle Mal aus der Geschichte zu tilgen.

Für die Vernichtung der Eburonen hatte er einen besonders gründlichen Plan: nicht nur sollten die römischen Legionen das Land verwüsten, Dörfer niederbrennen, Ernten und Vieh vernichten. Da er aber das schwierige Gelände, die dichten Wälder und engen Täler zu gefährlich fand, um dort seine römischen Truppen marodieren zu lassen, kam ihm eine bessere Idee. Er lud alle Nachbarn, alle gallischen Stämme und auch die Germanen ein, in das Gebiet der Eburonen zu kommen und es zu plündern und sich zu nehmen, was immer sie wollten, unter dem Schutz und dem Auge Roms. Diesem Wunsch folgten viele Stämme bereitwillig.

„dimittit ad finitimas civitates nuntios Caesar; omnes evocat spe praedae ad diripiendos Eburones, ut potius in silvis Gallorum vita quam legionarius miles periclitetur, simul ut magna multitudine circumfusa pro tali facinore stirps ac nomen civitatis tollatur. (9)  magnus undique numerus celeriter convenit.“

„Cäsar ließ also durch Botschafter und die Aussicht auf Beute alle Nachbarn der Eburonen zu deren Plünderung einladen, damit in diesen Wäldern nicht sowohl seine eigenen Leute als vielmehr ebenfalls Gallier Gefahr liefen und zugleich bei dem Einbruch einer solchen Menschenmasse das Volk der Eburonen zur Strafe seines frechen Vorgehens bis auf den letzten Mann und seinen Namen ausgerottet würde. (9)  Es kam auch wirklich überall her in Eile eine große Zahl Leute.“ (De Bello Gallico 6, 34, 8-9)

Keltisches Prunkgrab aus Waldalgesheim (Landesmuseum Bonn, 2014)

Keltisches Prunkgrab aus Waldalgesheim (Landesmuseum Bonn, 2014)

Es wird oft diskutiert, ob die Vernichtung der Eburonen tatsächlich als „ethnische Säuberung“ angesehen werden kann, oder ob Rom den Stamm nur zerschlagen und vertreiben wollte. Caesar selbst tut kund, daß es ihm nicht nur um die Vertreibung ging, sondern tatsächlich um die Auslöschung des Stammes – Männer, Frauen und Kinder -, und Verwüstung des Landes, um schließlich in den leergewordenen, zentral gelegenen Gebieten Rom-treue Vasallen anzusiedeln – die Ubier. Er sinniert ausführlich über die besten Möglichkeiten und Vorgehensweisen, um die Eburonen vollständig zu beseitigen:

„(5)  si negotium confici stirpemque hominum sceleratorum interfici vellent,“

„(5)  Wollte Cäsar der Sache schnell ein Ende machen und den ganzen Stamm dieses frevelhaften Volkes ausrotteten,“ (De Bello Gallico, 6, 34, 5)

Über mehrere Kapitel hinweg beschreibt Caesar ausführlich, wie die unterschiedlichen Stämme in das Gebiet der Eburonen einfielen und es plünderten, während die Eburonen sich verstecken, um der Vernichtung zu entgehen. Daraufhin versprach Caesar für jeden ausgelieferten Flüchtling eine Belohnung, was eine gewaltige Menschenjagd in Gang setzte. Einige Stämme, wie die am Rhein siedelnden Sugambrer, zogen fast 2000 Reiter zusammen, um flüchtige Eburonen zu jagen und sie den Römern auszuliefern, sowie deren Vieh zu erbeuten. Auch das unwegsame Gelände, die Wälder und Sümpfe, hielten sie nicht auf und sie drangen tief in das eburonische Gebiet vor.

Die Wälder und Berge der Eifel waren ein gutes Versteck für Ambiorix (Auf dem Steinerberg im Ahrtal, 2014)

Die Wälder und Berge der Eifel waren ein gutes Versteck für Ambiorix (Auf dem Steinerberg im Ahrtal, 2014)

Im Zuge des Chaos der plündernden Gallier und Germanen, sowie der ebenfalls plündernden Römer, kam es auch zu Gefechten zwischen Germanen und Römern, als die Germanen ein verlockendes römisches Feldlager entdeckten. Sie vermuteten darin Schätze und reiche Beute, so daß sie versuchten, darin einzudringen. Zwar bestand die Lagerbesatzung nur aus einem kranken Kommandanten und wenigen Soldaten ohne Kampferfahrung, aber durch ein Mißverständnis brachen die Germanen ihren Angriff ab – sie erblicken in der Ferne ein römisches Feldzeichen und vermuteten, daß die Legionen zurückgekehrt seien, mit denen sie sich natürlich nicht anlegen wollten.

Dennoch hatte dieses Scharmützel am römischen Lager für Ambiorix etwas Gutes: Eigentlich waren die Germanen über den Rhein gekommen, um ihn zu jagen. Durch die Ablenkung gelang ihm nun erneut die Flucht. Immer wieder entkam er in Schlupfwinkel in den Bergen und Wäldern, bewegte sich bei Nacht vorwärts und blieb nie lange an einem Ort. Begleitet wurde er dabei nur von einer Leibgarde aus 4 Reitern, denen er sein Leben anvertraute.

Caesar setzte zu einem letzten Stoß gegen die Eburonen an, bis schließlich alle Ortschaften und Gehöfte im Stammesgebiet niedergebrannt waren, alle Tiere getötet und alles geplündet war. Die Ernte wurde entweder durch die Stämme oder Römer verbraucht, verbrannt oder durch Platzregen unbrauchbar, der in dieser Jahreszeit einsetzte. Nun würde, so vermerkt Caesar lakonisch, jeder Eburone, der der Gefangennahme entkommen war, in seinem Versteck verhungern.

Auch archäologisch läßt sich für die Zeit um 50 v. Chr. ein Siedlungsabbruch im eburonischen Stammesgebiet nachweisen.

„Caesar rursus ad vexandos hostes profectus magno coacto equitum numero ex finitimis civitatibus in omnes partes dimittit. (2)  omnes vici atque omnia aedificia, quae quisque conspexerat, incendebantur, pecora interficiebantur, praeda ex omnibus locis agebatur; (3)  frumenta non solum a tanta hominum iumentorumque multitudine consumebantur, sed etiam anni tempore atque imbribus procubuerant, ut, si qui etiam in praesentia se occultassent, tamen his deducto exercitu rerum omnium inopia pereundum videretur.“

„43. Cäsar brach nun noch einmal auf, um den Feinden zuzusetzen, indem er aus den benachbarten Stämmen eine Menge Reiterei aufbot und nach allen Seiten hin schickte. (2)  Alle Ortschaften und Gehöfte, die man zu Gesicht bekam, wurden ein Raub der Flammen; das Vieh wurde abgeschlachtet, alles ausgeplündert. (3)  Die Frucht auf dem Feld wurde nicht nur von dieser Masse Lasttiere und Menschen aufgebraucht, sondern fiel zu dieser Jahreszeit auch dem Platzregen zum Opfer. Wer sich daher auch für den Augenblick versteckt hatte, musste nach dem Abzug des römischen Heeres dennoch aus Mangel an allem zu Grunde gehen.“ (De Bello Gallico, 6, 43, 1-3)

Die Verbliebenen, die sich der Gefangennahme bisher entzogen hatten, waren zum Teil so verzweifelt, daß sie zu den Römern gingen, um ihnen ihre Hilfe bei der Jagd nach Ambiorix zuzusagen oder seinen vermeintlichen oder tatsächlichen Aufenthaltsort zu verraten. Nur seine ständige Flucht sorgte dafür, daß man ihn dennoch nicht fasste.

Nach dem Ende der Eburonen

Caesar wandte sich schließlich weiteren aufrührerischen Stämmen, tief im Westen Galliens zu – den Avernern und anderen die sich unter Häuptling Vercingetorix sammelten.

Mit dem Sieg in der Schlacht von Alesia beendete Caesar den gallischen Krieg und Gallien wurde eine der ergiebigsten und loyalsten römischen Provinzen. Im östlichen Stammesgebiet der Eburonen ließen sich die Ubier nieder, während das nördliche Gebiet von den Tungerern übernommen wurden, die auch der Stadt Tongeren ihren Namen gaben.

Der Tempelkomplex von Atuatuca Tungrorum

Der Tempelkomplex von Atuatuca Tungrorum

Ambiorix gelang schließlich die Flucht über den Rhein, wo er Asyl bei einem befreundeten germanischen Stamm fand. Er kehrte nie wieder in seine Heimat zurück und trat auch nie wieder in Erscheinung, so daß sein Verbleib und sein weiteres Schicksal unbekannt sind.

In Gallien kam es nach dem Sieg über die Gallier und nach der Befriedung des Landes zu einer schnellen und tiefreichenden Romanisierung der Bevölkerung und der Ausbildung der typischen gallo-römischen Kultur mit ihren lokalen Mischgottheiten wie Apollo-Grannus oder Lenus-Mars, die von Römern wie Galliern gleichermaßen verehrt wurden, oder der Errichtung von Umgangstempeln aus Stein in ehemals keltischen Heiligtümern, die dem keltischen Brauch, heilige Orte zu umrunden, Rechnung trugen.

Kelten gelangten zu Wohlstand und errichteten sich weitläufige Landgüter im mediterranen Stil, Villae Rusticae. Nördlich der Alpen wurde zum ersten Mal Wein angebaut, an Mosel und Ahr, wo bis heute eine reiche Weinkultur gepflegt wird, und ein gut funktionierendes Straßennetz sowie eine zuverlässige Wasserversorgung durch die Eifelwasserleitung von Nettersheim bis nach Köln brachte Zivilisation und Fortschritt in die schnell wachsenden Städte Galliens – allen voran Augusta Treverorum, die Stadt der Treverer (das heutige Trier), das als „Roma Secunda“ schließlich zur zweitgrößten Stadt des westlichen Imperium Romanum wurde.

Auch Atuatuca Tungrorum, die Stadt im Herzen des ehemaligen Eburonenreichs, wurde unter römischer Herrschaft zu einer florierenden Großstadt mit Tempeln, Wasserversorgung, Thermen und Prachtbauten.

Wer sich für die Geschichte der Eburonen, aber auch für die weitere Entwicklung in der römischen Provinz interessiert, dem sei deswegen ein Besuch in Tongeren und im Gallo-Romeins Museum empfohlen!


Hinweis: für die Zitate in diesem Artikel verwendet wurde die (aus Altersgründen rechtefreie) Übersetzung von A. Baumstark, unter anderem zu finden auf gottwein.de.

Daneben sind zahlreiche (modernere) Übersetzungen im Buchhandel erhältlich und es erscheinen auch regelmäßig neue Übersetzungen, Analysen und Kommentare. Dabei hat man die Qual der Wahl zwischen wortgetreuen oder leicht verständlichen Übersetzungen oder modern formulierten Übersetzungen aller Art. Was einem persönlich am besten zusagt, muß man natürlich für sich selbst entscheiden.

© Q. Albia Corvina, 01/2015

Artikel © Q. Albia Corvina, 01/2015

 

 

 

 

 

 

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