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Kultpraxis: Auspizien im privaten Cultus

Dieser Artikel ist Teil III einer Serie über die Auspizien, d.h. die „Vogelschau“ oder Deutung von Zeichen als Ausdruck göttlichen Willens.

In Teil I („Die Auspizien – Deuten des Götterwillens aus Zeichen„) werden die Grundlagen und Hintergründe der Auspizien und ihre Bedeutung für den römischen Staatskult beschrieben. Teil II („Auspizien vs. Aberglaube im römischen Cultus„) beschäftigt sich mit den Unterschieden zwischen der Deutung von Zeichen als Botschaften der Götter und „abergläubischen“ Praktiken im Alten Rom, zwischen denen die Römer sehr wohl zu differenzieren vermochten.

Dieser Teil beschäftigt sich mit der praktischen Anwendung und gibt Hinweise zur Deutung der Zeichen, da diese auch für den modernen Cultor in der Religio Romana als Ausdrucksmittel der Götter eine Rolle spielen.

Es wird empfohlen, auf jeden Fall vorher Teil I zu lesen, da dort die Grundlagen erklärt werden (diese werden hier nicht mehr wiederholt).


Wer darf Auspizien durchführen?

Im Staatskult waren Auguren für die Durchführung der öffentlichen Auspizien zuständig. Das bedeutete aber nicht, daß sie ein Monopol darauf hatten; im privaten Kult konnte jeder für sich ebenfalls Auspizien durchführen. Der Augur trug nur die Verantwortung für die Auspizien in allen öffentlichen Belangen, wie politischen, zivilen und militärischen Entscheidungen. Da von seiner Interpretation abhing, ob ein Unterfangen in Angriff genommen wurde oder nicht, zum Beispiel ein Feldzug, eine Ratsversammlung, die Einberufung eines Politikers in ein Amt, hatte er hinter den Kulissen die höchste Macht im Staat – waren die Zeichen dagegen, standen alle Räder still, bis die Götter einem Ansinnen wohlgesonnen waren. Deswegen war die Berufung in das Collegium der Auguren und die damit verbundene Berechtigung, öffentliche Auspizien durchzuführen, nur wenigen, sorgfältig ausgewählten und in Staatsdingen erfahrenen Männern vorbehalten.

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Vögel spielten eine wichtige Rolle als Boten der Götter (Museum Saalburg)

Im privaten Bereich gab es jedoch keine Einschränkungen, auch, weil private Auspizien keinen Einfluß auf die Ordnung des Staates und der Gesellschaft hatten. Sie betrafen in der Regel immer nur familiäre oder sogar sehr persönliche Angelegenheiten. Jeder, ob Mann oder Frau, Freier oder Sklave, hatte das Recht, private Auspizien durchzuführen. Jeder konnte sich mit einem privaten Anliegen an jeden Gott seiner Wahl wenden und die Auspizien, die nach einer Antwort der Gottheit Ausschau hielten, waren Privatsache zwischen der Person und der Gottheit. In private religiöse Angelegenheiten mischte sich der Staat nicht ein.

Es war üblich, daß in Angelegenheiten, die die Familie betrafen, der Paterfamilias, d.h. das Familienoberhaupt, die Auspizien durchführte. In einem gemeinsamen Ritual wurde um ein gutes Gelingen einer Sache gebeten, zum Beispiel für die Hochzeit eines Kindes oder einem wichtigen Geschäft wie Haus- oder Landverkauf, oder einer anderen Angelegenheit, die die ganze Familie betraf wie der Eröffnung eines Geschäfts oder eine bevorstehende Reise. Als letzter Schritt des Rituals, das – je nach Anlaß – am heimischen Hausschrein oder einem Tempel oder Schrein durchgeführt wurde, erfolgten die Auspizien, bei denen das Oberhaupt die Götter darum bat, ein Zeichen zu schicken (natürlich idealerweise ein günstiges, das die Zustimmung der Götter signalisierte, also ein auguria impetrativa).

Daneben konnte sich jeder in einem privaten Ritual an einen Gott oder eine Göttin wenden und um Rat in einer privaten und ganz persönlichen Angelegenheit bitten. Auch hier war es üblich, im Anschluß in Auspizien um ein Zeichen zu bitten, wie die Götter zu der Angelegenheit stehen.

Unverlangte Zeichen und spontane Zeichen 

Im privaten Bereich beschränkte sich die Deutung von Zeichen nicht auf den engen Rahmen von Auspizien, die an einem festgelegten Ort zu einem festgelegten Zeitfenster nach einem festen Ritual durchgeführt wurden. Für viele war das in Alltagsangelegenheiten zeitlich und räumlich auch gar nicht praktikabel oder es wäre bei kleinen Anliegen des täglichen Bedarfs vollkommen überdimensioniert.

Römer waren, wie in Teil II dieser Reihe beschrieben, mit den grundlegenden Bedeutungen vieler Zeichen vertraut und fest davon überzeugt, daß Götter sich ihnen auch unverlangt oder spontan auf diese Weise mitteilten. Sie waren geradezu besessen von der Deutung von Zeichen, die sie in vielen Erscheinungen und Ereignissen entdeckten.

So war es durchaus möglich, auch spontan einem Zeichen zu begegnen, selbst wenn in einem Ritual oder Gebet keines angefordert worden war. Der einfache Mensch von der Straße hielt deswegen die Augen nach Zeichen offen und war bestrebt, sie in seinem Sinne zu deuten.

Auspizien für den modernen Cultor?!

Auch für den modernen Cultor gilt, daß Götter sich dem Menschen in erster Linie durch Zeichen mitteilen. Diese Form der Bekundung göttlichen Willens ist die unmittelbare Reaktion auf eine Bitte oder ein Anliegen, das man einem Gott vorträgt oder auf die Frage, ob ein Opfer angenommen wurde.

Im Rahmen des heidnisch-römischen Rekonstruktionismus gibt es keinen Grund, von diesem fundamentalen Baustein der Religio Romana abzuweichen. Deswegen gilt es auch heute, daß man als letzten Schritt eines Rituals Ausschau nach Zeichen hält oder für einen gewissen Zeitraum auf Zeichen wartet, um zu erfahren, wie die Götter zu dem Ansinnen stehen.

In den meisten Fällen genügt die Feststellung, daß kein Zeichen geschickt wird, denn kein Zeichen bedeutet, daß die Götter dem Anliegen gleichgültig gegenüberstehen, aber auch keine ablehnende Meinung haben oder dem Cultor gar von einem geplanten Unterfangen abraten. „Kein Zeichen“ ist deswegen die häufigste Antwort, mit der man sich nach einem Ritual zufriedengibt.

Da über Auspizien zahlreiche Aufzeichungen überliefert sind, unter anderem durch Cicero (der selbst Augur war) sowie durch Plautus, Varro, Plinius und Horaz, sind wir heute in der glücklichen Lage, die wichtigsten Zeichen, auf die man in der römischen Antike achtete, zu kennen.

Wann ist ein Zeichen ein Zeichen?

Auspizien waren keine exakte Wissenschaft, sondern oblagen immer auch der Interpretation durch den Auguren oder Praktizierenden.

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Cicero, selbst ein Augur, verfaßte zahlreiche Schriften über die Auspizien

Neben einigen feststehenden Grundregeln, zum Beispiel was die Himmelsrichtungen und Art der Zeichen angeht, ist es wichtig, seiner Intuition zu folgen.

Zwar steht die Bedeutung der wichtigsten Zeichen fest, die grundlegende Entscheidung, ob ein vermeintliches Zeichen überhaupt als Zeichen oder Antwort auf die Frage zu werten ist, kann nur intuitiv getroffen werden. Hierbei ist es wichtig, nicht zu rational an die Sache heranzugehen und allzu lange über das Zeichen nachzudenken. Wenn man das Gefühl hat, daß ein bestimmtes Zeichen ein Omen war, unabhängig davon, ob es im vereinbarten Zeitfenster erschien oder ob es das erwartetete Zeichen war, dann wird es ein Zeichen gewesen sein und ist als solches zu werten.

Es gilt die Grundregel, daß die Intuition feststellt, ob es sich überhaupt um ein Zeichen handelt. Die Tradition interpretiert dieses Zeichen im Anschluß anhand der bestehenden Kriterien und Gesetzmäßigkeiten. Das „ob es ein Zeichen ist“ ist dem Auguren also freigestellt, aber das „was bedeutet es“ ist durch überlieferte Regeln festgelegt und kann nicht verändert werden.

Wann und wie lange nach einem Ritual sollte nach Zeichen Ausschau gehalten werden?

Es sollte ein nur kurzer Zeitraum nach dem Ritual bestimmt werden, in dem die Zeichen als solche „gelten“.

Unmittelbar nach dem Ritual befindet man sich noch in einer geeigneten Stimmung und ist aufnahmebereiter, als wenn einen Alltag und Berufsleben wieder eingeholt haben. Auch besteht die Gefahr, wenn man den Zeitraum für die Antwort zu lange bestimmt (z.B. „bitte schick mir ein Zeichen in 24 Stunden“), daß mehrere Zeichen eintreffen, die sich zum Teil widersprechen, da natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, daß irgendeines durch Zufall eintrifft, steigt. Oder daß man ein Zeichen übersieht, da man natürlich nicht 24 Stunden lang in den Himmel starrt, sondern irgendwann auch wieder im Büro sitzt und dort einen profanen Computermonitor vor sich hat, während draußen die Vögel ihre Bahnen ziehen.

Der Vorteil, sich einen festgelegten Zeitraum zu wählen, liegt auch darin, daß es keine Unklarheit darüber gibt, wann ein Zeichen gilt. Es kann passieren, daß man zuerst ein ungünstiges Zeichen empfängt; hat man sich auf keinen Zeitraum festgelegt, gerät man in die Zwangslage, entscheiden zu müssen, ob man weiter wartet, ob irgendwann ein positives Zeichen erscheint.

Länger als eine Stunde sollte man den Zeitraum nicht wählen, insbesondere nicht als Einsteiger, wenn ohnehin noch Unsicherheit über den Empfang der Zeichen herrscht.

Hierbei sollten die Götter jedoch nicht um die Chance betrogen werden, überhaupt eine Antwort geben zu können. Legt man – aus Angst vor einem negativen Zeichen – einen unsinnig kurzen Zeitraum fest, zum Beispiel 10 Sekunden, und beendet man danach sofort die Auspizien mit der Überzeugung, daß es „kein Zeichen“ gegeben hat (und kein Zeichen ist für den Römer ein gutes Zeichen!), dann entspricht das nicht dem Sinn dieser Regeln. Die Zeit sollte schon so bemessen sein, daß es möglich ist, ein Zeichen zu empfangen.

Während der Auspizien ist absolute Stille und Schweigen zu wahren. Unabhängig vom gewählten Zeitraum gilt: sobald der Augur oder Praktizierende ein Geräusch macht, spricht oder seinen Platz verläßt, enden die Auspizien auf jeden Fall und auf der Stelle.

Deswegen lauten die wichtigsten Regeln:

  • die Auspizien sollten unmittelbar nach dem Ritual gehalten werden
  • der Zeitraum sollte so kurz bemessen sein, daß man in der Lage ist, während dieser Zeit ununterbrochen den Himmel zu beobachten
  • wenn ein Zeichen eintrifft und man das Gefühl hat, daß es eine Antwort auf die Frage oder das Opfer ist, dann ist es das auch
  • Der Zeitraum, in dem die Zeichen gelten, ist von vornherein festzulegen
  • Sobald ein Geräusch gemacht wird oder der Praktizierende aufsteht, enden die Auspizien auf der Stelle und alle danach empfangenen Zeichen sind ungültig

Wie sind die Auspizien durchzuführen?

Achtung, hier wird nicht die Durchführung offizieller Auspizien im Staatskult durch den Auguren und Magistraten beschrieben, denn das ist nicht der Anspruch dieses Artikels! Diese Rituale folgten komplexen Formen und Regeln und waren sehr aufwendig in der Durchführung, auch wenn die dabei erhaltenen Zeichen im Prinzip gleich interpretiert wurden wie im privaten Cultus. Die folgenden Hinweise dienen ausschließlich der Durchführung der privaten Zeichenschau.

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auguren beim Betrachten des Vogeltanzes (ex tripudiis)

Auspizien im engeren Sinne werden unter freiem Himmel durchgeführt, das heißt, es genügt nicht, durch ein Fenster zu schauen (außerdem will man ja auch den Ruf der Vögel hören, der durch eine Fensterscheibe nicht unbedingt durchdringt).

Zur Beobachtung des Himmels sucht man sich einen Ausschnitt, den man betrachten möchte (Templum). Diesen Ausschnitt unterteilt man im Geiste durch zwei Linien (cardo) in vier gleichgroße Quadranten. Diese Quadranten können ebenfalls noch einmal in jeweils vier Unterquadranten unterteilt werden, so daß der Himmelsausschnitt aus 16 gleich großen Teilen besteht (wie in den offiziellen Auspizien und Haruspizien des Staatskultes).

Der Ausschnitt des Himmels, den man sich erwählt, enthält alle Himmelsrichtungen und vereint diese in seinen vier Quadranten und den imaginären Linien, die die Quadranten unterteilen. Der Ausschnitt zeigt also die zu Interpretationszwecken genutzte „rechte“ und „linke“ Hälfte, als auch Westen, Norden, Süden, Osten und daraus folgend NW, NE, SW, SE als mögliche Richtungen, aus denen Zeichen empfangen werden können.

Interessant ist an dieser Stelle die Tatsache, daß in den römischen Quellen die linke Seite als Osten bezeichnet wird, während die rechte Seite als Westen gilt – also umgekehrt zu unseren heutigen Gewohnheiten (vom Geologenkompaß einmal abgesehen, auf dem Osten und Westen ebenfalls vertauscht sind). Nach Varro ruft der Auspex, der Magistrat, der die öffentlichen Auspizien leitet, folgendes aus: „Dieses zu meiner Linken sei Osten, und zu meiner Rechten sei Westen. Diese Richtung vor mir sei Süden, die hinter mir sei Norden.“ (Varro, „Über die Lateinische Sprache“, VII, 8). Die Ansicht, das rechts Westen sei und links Osten, ist bereits von den Griechen bekannt.

Deswegen wird auch in den modernen Auspizien die linke Seite dem Osten zugeordnet und die rechte Seite dem Westen, auch wenn dies nicht mit unseren vertrauten Himmelsrichtungen übereinstimmt.

Ideal ist erhöhter Grund, wie eine Anhöhe oder ein offenes Feld. Dies ist jedoch im modernen wie antiken Großstadtleben nicht praktikabel, so daß im Zweifelsfall jeder Platz für die Beobachtung von Zeichen genutzt werden kann, wie ein Innenhof, ein Platz im Ort, ein Park, im Zweifelsfall der Straßenrand. Wichtig ist, daß man einen ausreichend großen Ausschnitt des Himmels sieht, den man im Geiste unterteilen kann und daß man dort für den festgelegten Zeitraum ungestört sitzen oder stehen und den Himmel beobachten kann, ohne Anstoß zu erregen oder unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Insbesondere Raubvögel, Raben, Krähen und Eulen wurden in Rom als Zeichen gewertet

Die Auspizien werden den Göttern angekündigt (dies kann schon im zuvor durchgeführten Ritual stattfinden, wenn man es nicht in der Öffentlichkeit tun kann oder möchte), indem der Zeitraum, der für den Empfang der Zeichen gewählt wurde, mitgeteilt wird. Wenn ein bestimmtes Zeichen verlangt ist, kann dieses ebenfalls im Vorfeld spezifiziert werden.

Im öffentlichen Kult wird zu Beginn der Auspizien der Staatsgott Jupiter Optimus Maximus angerufen, der als der Gott gilt, der in allen öffentlichen Angelegenheiten die Vögel als Antwort schickt. Die überlieferte Anrufung lautet: „Jupiter Optimus Maximus, and all ihr anderen Götter und Geister, die zu erwecken angemessen ist, ich frage Euch, ob es gut und recht ist, daß (diese geplante Handlung) unternommen wird, und bitte darum, daß Ihr klare und sichere Zeichen innerhalb der Grenzen entsendet, die ich markiert habe.“

Sie ist natürlich auch dazu geeignet, im privaten Ritus durchgeführt zu werden, nur ist die Anrufung des höchsten Staatsgottes Jupiter Optimus Maximus in den meisten Fällen überdimensioniert. Denn im privaten Kultus ist nicht er der Entsender der Boten, sondern die Gottheit, an die man sich mit seinem spezifischen Anliegen gewendet hat. Deswegen kann man, wenn einem die Formel zusagt, die Anrufung abwandeln und den Namen von Jupiter Optimus Maximus durch die Gottheit zu ersetzen, an die man sich gewandt hat.

Die Frage, die durch die Auspizien beantwortet werden soll, muß klar und in einem „Ja“ oder „Nein“-Format gestellt werden. Denn Auspizien bringen ausschließlich eine zustimmende Antwort oder eine ablehnende.

Beispielsweise: „Ich überlege, ob ich meinen Job kündigen und noch einmal mit einem Studium beginnen soll. Gott oder Göttin, heißt Du dieses Vorhaben gut?“ oder, um es profaner zu formulieren: „Soll ich mir das Auto kaufen, das ich gestern gesehen habe?“. Erscheint ein zustimmendes Zeichen, dann ist es eindeutig als Antwort auf das Ansinnen zu interpretieren, genauso wie ein ablehnendes Zeichen eindeutig zu erkennen ist.

Es ist entsprechend Vorsicht geboten, wenn eine Frage in der Verneinung formuliert wird. Deswegen sind Fragen wie: „Soll ich nicht zum 60. Geburtstag meiner Tante gehen, mit der ich verfeindet bin?“ zu vermeiden, denn hierbei bringt man sich leicht selbst in Verwirrung, wenn man nicht weiß, wie eine zustimmende Antwort bzw. ein positives Zeichen nun zu werten ist – oder, um im Beispiel zu bleiben, ob man gehen soll oder nicht. Deswegen sollten die Anliegen immer klar und unverneint formuliert werden, damit keine Zweifel in der Interpretation bleiben.

Positive, das heißt zustimmende Zeichen (nuntiatio) oder „gute Omen“ gelten als Zustimmung der Götter. Ein solches Ergebnis wird als „addictivae“ oder „admissivae“ bezeichnet („günstig“ oder „erlaubt“).

Negative Zeichen (obnuntiatio) bedeuten, abhängig von der Frage, daß von den Plänen Abstand genommen werden soll, daß ein bereits begonnenes Unterfangen abgebrochen wird, oder daß die Götter ein Vorhaben nicht gut heißen. Ein solches Ergebnis wird als „adversae“ bezeichnet.

Ist das Zeichen eingetroffen, wird das Ergebnis verkündet. Wenn die Zeichen zustimmend waren, sagt man: „Aves admittunt!“ (Die Vögel erlauben es). Sind die Zeichen ablehnend, sagt man: „Alio dio!“ (An einem anderen Tag).

Ist das Ergebnis der Auspizien schlecht, können sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden, in der Hoffnung, daß das Urteil dann anders ausfällt und die Götter ihre Meinung ändern.

Grundsätzlich gilt: hat man die Götter nach ihrer Meinung gefragt und teilen sie diese durch ein Zeichen mit, hat man dieses Urteil zu akzeptieren, gleich wie es ausfällt. Die Götter zu fragen und ihre Meinung anschließend zu ignorieren, gilt als unglückbringend, da es die Götter beleidigt. Hier ist die Vertagung und Wiederholung auf einen späteren Zeitpunkt vorzuziehen, oder eine der in Teil I erwähnten überlieferten Strategien zur Vermeidung der Wahrnehmung ungünstiger Zeichen.

In der Mehrzahl der Fälle erhält man gar kein Zeichen. Das war für den Römer eine legitime und erwünschte Antwort, denn sie bedeutete, daß die Götter dem Ansinnen gleichgültig gegenüberstanden und keine besondere Meinung dazu hatten – das heißt, daß er selbst entscheiden konnte, wie er es für richtig hielt, sofern er keinen Wert darauf legte, den ausdrücklichen Segen der Götter in einem Unterfangen zu erhalten. In dem Fall mußte er die Auspizien zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen, in der Hoffnung, dann ein positives Zeichen zu erhalten.

 Welche Zeichen gibt es und wie sind sie zu deuten?

Wie bereits in der Einführung in Teil I geschrieben, gibt es verschiedene Kategorien von Zeichen. Die Details zu diesen Zeichen sind dem Einführungsartikel zu entnehmen.

Kategorie I: Ex Caelo (Wolkenformationen, Niederschlag, Blitz, Lichterscheinungen)
Kategorie II: Ex Avibus Alites (der Vogelflug)
Kategorie III: Ex Avibus Oscines (der Vogelruf)
Kategorie IV: Ex Tripudiis (vom Tanz der gefütterten Vögel)
Kategorie V: Ex Quadrupedibus (Vierfüßer)
Kategorie VI: Ex diris (sonstige Zeichen)

Priorität der Zeichen

Treten mehrere Zeichen auf und stehen diese im Widerspruch zueinander, „sticht“ das Höherwertige. Das heißt, Zeichen aus Kategorie I sind bedeutsamer als Zeichen der Kategorie III.

Treten mehrere gleichwertige Zeichen einer Kategorie in mehr als einem Quadranten auf, so gilt der Quadrant mit den meisten Zeichen (das traf der Legende nach bei Romulus und Remus zu, die Auspizien von zwei Hügeln herab abhielten, um festzustellen, wer Herrscher über Rom sein sollte. Beide wählten Geier als ihre Zeichen, aber Romulus erhielt mehr Zeichen als Remus und wurde so zum Gründer Roms).

Außerdem gilt der Seltenheitswert der Zeichen; ein Vogel, der in meiner Gegend seltener ist, ist ein stärkeres Zeichen als ein Vogel, der sowieso den ganzen Tag in meinem Hof herumfliegt.

Ein einzelner Vogel gilt mehr als ein Vogelschwarm.

Ein Vogel, der oberhalb eines oder mehrerer anderer Vögel fliegt, gilt mehr als die Vögel darunter.

Ein Vogel, der einen Kreis oder Bogen fliegt, gilt mehr als ein Vogel, der geradeaus fliegt.

Besonders gut ist ein Zeichen, das durch ein nachfolgendes zweites Zeichen bestätigt wird.

Richtung der Zeichen

Die linke Seite wird in den römischen Auspizien (im Gegensatz zu den griechischen) als gutes Omen betrachtet. Zeichen, die sich von links nach rechts bzw. von Osten nach Westen bewegen, sind deshalb positiv zu werten. Vögel, die in Südrichtung fliegen oder aus dem Süden kommen, das heißt vor einem sind, gelten generell als gutes Zeichen, genau wie Vögel, die im Osten (=Links) fliegen. Ein Vogel, der aus dem Norden, das heißt von hinten, kommt oder im Westen (=Rechts) fliegt, ist ein schlechtes Zeichen.

Ausnahmen bilden hier die Raben, die dem Westen und damit der rechten Seite zugeordnet sind. Raben stehen mit dem Elysium oder den „Inseln der Seligen“ in Verbindung, die im äußersten Westen liegen. Raben, die von der rechten Seite, d.h. aus dem Westen kommen, sind traditionell ein positives Zeichen, aber Raben, die von Ost nach West fliegen, signalisieren, daß sich der Tod jemandem nähert.

„Nein, ich glaube nicht, daß Du kleine Schleiereule Unglück bringst!“

Eulen sind generell (anders als bei den Griechen) ein schlechtes Zeichen, da sie als Totenvögel gelten. Laut Plinius‘ Naturalis Historia gelten sie als Vögel, die „die Nacht und die Wüste bewohnen, sowie unzugängliche und schreckliche Orte“. Deshalb gelten Eulen laut Plinius immer als schlechtes Omen, wenn sie innerhalb der Stadt oder bei Tag gesehen werden. Allerdings gilt der Ruf einer Eule von links als günstiges Zeichen.

Krähen, die von Osten kommen, gelten als gutes Zeichen, da sie die Vögel Apollos sind und von ihm geschickt werden – deshalb kommen sie aus der Richtung des Sonnenaufgangs.

Plinius beschreibt die Interpretation des Rufs der Raben als ein „schlechtes Zeichen“, wenn er sich jammernd anhört, als ob er gerade stranguliert wird (Naturalis Historia).

Livius beschreibt, daß ein Rabe, der geradeaus von ihm fortflog (d.h. nach Süden, in Richtung eines Generals) und dabei einen Ruf ausstieß, ein positives Zeichen war.

Es gilt als günstig, wenn der Ruf einer Krähe von links erschallt, während der Ruf eines Rabens von rechts als günstig gilt.

Die Himmelsrichtungen sind auch für Naturerscheinungen der ersten Kategorie anzuwenden. Ein Blitz oder Donner von links oder vor einem gilt als günstiges Zeichen. Blitz und Donner von rechts oder hinter einem sind Zeichen der Ablehnung. Gewitter, das außerhalb der Gewittersaison vorkommt, also zum Beispiel im Winter, gilt als besonders starkes Zeichen.

Als generelle Regel gilt, daß sich das Verhalten von Vögeln und anderen Tieren je nach Jahreszeit ändert, so daß nicht pauschal ein Zeichen immer das gleiche bedeutet. Ein guter Augur oder Praktizierender der Auspizien beobachtet die Natur und das Verhalten der Tiere durch das Jahr und macht sich Aufzeichnungen, denn ein Großteil der Deutungen erfolgt aus Erfahrungswerten. Auch Cicero empfiehlt das Anlegen eines Beobachtungstagebuchs, da das Deuten der Zeichen von der Häufigkeit ihres Auftretens in den Aufzeichnungen abhängt (Von der Wahrsagung). Auguren führten Bücher, in denen sie alle Beobachtungen notierten, insbesondere ungewöhnliche Ereignisse. Auch der Paterfamilias führte ein solches Buch als Referenz für private Auspizien.

Neben den „klassischen“ Tieren, die für Auspizien herangezogen wurden, wurde auch das Verhalten von Tieren als Zeichen gedeutet, das einer bestimmten Gottheit zugeordnet war, wenn das Ritual sich an eine spezifische Gottheit richtete. So konnte das Bellen eines Hundes als Zeichen für Kybele gedeutet werden, oder eine Taube als Zeichen der Venus.

Unter den stärksten Zeichen, den Ex Caelo-Zeichen, die als von Jupiter selbst gesandt galten, waren ungewöhnliche und seltene Zeichen wie Meteoriten, Sonnen- und Mondfinsternisse und andere astronomische Phänomene besonders bedeutsam.

Kamen Blitze aus einer ungünstigen Richtung, hatte das eine so große Wirkung, daß die Volksversammlung an diesem Tag nicht abgehalten wurde (Cicero, Von der Weissagung).

In Rom wurden nicht alle Vögel beobachtet, sondern insbesondere Adler, Geier und andere Raubvögel als Boten der Götter in Kategorie II und III. Dies ist jedoch keine Einschränkung dafür, daß nur diese Vögel gelten und andere Vögel keine Bedeutung haben, denn diese Überlieferung ist allein der Tatsache zu verdanken, daß die meisten Texte aus Rom stammten und sich auf die öffentlichen Auspizien in Rom bezogen.

Selbstverständlich wurden in anderen Regionen des Reichs, in denen es diese Vögel nicht gab, dafür andere Vögel heimisch waren, die dortigen Vögel zu Auspizien herangezogen, so daß jeder Augur und jeder Praktizierende im Endeffekt auf der Grundlage der allgemeingültigen Regeln sein eigenes System entwickelte, das an seinen Ort angepaßt war (Cicero, über seinen Freund Divitiacus).

Auspizien im weiteren Sinne

Daneben werden im privaten Cultus auch Praktiken als „Auspizien“ bezeichnet, die sich nicht mit der Himmels- oder Vogelschau befassen.

Beispiele hierfür sind zum Beispiel die Einrichtung eines neuen Hausschreins, in den man die Laren oder Götter des privaten Cultus einlädt. Hierbei wird anhand von Zeichen bestimmt, ob der Schrein auf Wohlwollen trifft und ob der Einladung gefolgt wird, das heißt, ob die Götter in den Schrein und die Statuen „einziehen“. Auch für andere Anliegen, die vor dem Hausaltar vorgetragen werden, ob gesundheitlicher, geschäftlicher oder privater Natur, kann auf diese Weise um Zustimmung gebeten werden.

Auch Antworten auf diese Anliegen erhält man durch Zeichen, die einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ entsprechen.

Diese Formen der Befragung können auch innerhalb eines Gebäudes, in unmittelbarer Nähe des Hausschreins durchgeführt werden. Als „Zeichen“ gilt hier natürlich nicht der Vogelflug, sondern es kann all das als Zeichen gewertet werden, was einem als ein solches erscheint. Das heißt, bei Auspizien im weiteren Sinne, die auf diese Weise die Zustimmung der Götter suchen, werden ausschließlich Zeichen der „Ex diris“-Kategorie interpretiert.

Das kann ein Geräusch sein, ein visueller Sinneseindruck, ein Geruch, eine Bewegung, das Flackern einer Flamme oder irgendetwas anderes, das einem auffällt und das als Antwort gewertet werden kann.

Auch hier spielt die Richtung des Zeichens eine Rolle. Kommt die Antwort von links, wird sie als „Ja“ also als Zustimmung gewertet. Kommt die Antwort von rechts, signalisiert sie eine Ablehnung des Anliegens. Ist unklar, aus welcher Richtung das Zeichen kommt, wird es nicht als gültiges Zeichen gewertet, es ist dann also keine Antwort bezüglich des vorgebrachten Anliegens.

Erhält man ein ablehnendes Zeichen, muß das Ritual wiederholt werden. Das kann sofort, am gleichen Tag oder zu einem anderen Zeitpunkt geschehen. Die mögliche Anzahl der Wiederholungen ist hierbei nicht begrenzt.

Die Wartezeit für den Erhalt eines Zeichens nach dem Ritual sollte nicht länger als 15 Minuten betragen. Erhält man innerhalb dieser Zeitspanne keine Antwort, besteht die Möglichkeit, eine Antwort zu „erzwingen“. Besitzt man einen Vogel, kann man diesem vor dem Hausschrein Futter anbieten. Frißt er das Futter mit großer Begeisterung, gilt das als Zustimmung. Verschmäht er es oder pickt er nur lustlos herum, gilt das als Ablehnung. Auch ein anderes Haustier kann für diese Variante verwendet werden, die jedoch erst nach einer angemessenen Wartezeit durchgeführt werden sollte. Besitzt man kein Haustier, kann man die Wartezeit verlängern.

Erhält man innerhalb einer Stunde gar kein Zeichen, weder ein zustimmendes, noch ein ablehnendes, bedeutet das, daß die Götter ruhig bleiben, weil sie nichts gegen das Anliegen haben. Das kann als Zustimmung durch nicht gezeigte Ablehnung gewertet werden.


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